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Eine Disco

von Elinoria
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteMystery, Horror / P12 / Gen
06.06.2020
06.06.2020
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„Eine Disco“ ist mein Beitrag zu der Wochen-Challenge von Sira-la. Den Prompt habe ich ans Ende gesetzt, sonst wird zu viel verraten. Viel Spaß!

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Es war eine dieser lauten Disco-Nächte, in denen Jack eigentlich nur alles vergessen wollte. Der Beat dröhnte dumpf und brachte die Gläser zum Klirren. Die Disco befand sich im Keller einer ehemaligen Lagerhalle. Die heruntergekommene Bar mit den Sitzhockern aus schwarzem Leder war gut gefüllt und auch der Großteil der alten Sofas aus rissigem Leder war besetzt. In der Ecke stand ein DJ auf einer kleinen Bühne, nur leicht höher als die Menge. Jack bewegte sich geschmeidig im Rhythmus der Musik, die Arme über dem Kopf erhoben. Er fühlte sich wie losgelöst von seinem Körper und hatte keinen Gedanken im Kopf. Wie durch einen Schleier sah er sich in der Disco um. Die anderen Besucher tanzten und es herrschte eine aufgekratzte Atmosphäre.

Zu Beginn des Abend hatte er zum ersten Mal etwas geraucht. Ein rothaariger Kerl hatte es ihm auf der Toilette angeboten und warum denn auch nicht? Die grünen Blätter waren mordsteuer gewesen und Jack hatte ernsthafte Probleme beim Rollen. Bei dem Gedanken daran musste er grinsen. Großzügigerweise hatte ihn der Händler unterstützt und Jack hat wenig später die dünne Zigarette geraucht. Die Wirkung war spektakulär. Er bemerkte eine Leichtigkeit in sich, die ihm erlaubte, sich völlig frei zu fühlen.  Grenzenlos entspannt ging er auf die Tanzfläche und hatte bis jetzt noch nicht aufgehört. So bemerkte er auch nicht sofort, dass sich etwas geändert hatte. Die Menge wurde lauter und viele hörten auf, zu tanzen. Jack blinzelte irritiert und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Seit ein paar Minuten war ihm leicht schwindelig und das Glücksgefühl hatte nachgelassen. Es gelang ihm ein bisschen und mit einem Stirnrunzeln stellte er fest, dass alle Farben blasser aussahen. Nicht dass in der Disco viel zu sehen wäre, dazu war es zu dunkel. Aber die leuchtendem Neon-Schriftzüge an den Wänden waren nicht mehr so hell. Verwirrt hörte er auf, zu tanzen und ging auf die alten Sofas zu. Vielleicht eine späte Wirkung der Drogen. Jack setzte sich und schloss für einen Moment die Augen.

Als er sie wieder öffnete, waren die Farben nicht zurückgekehrt. Die Schriftzüge waren noch immer blasser und beim genauen Hingucken sahen auch die bunten Kleider der tanzenden Mädchen weniger farbig aus. Er selbst trug ein weißes T-Shirt mit einer schwarzen Hose, wie die meisten der Männer. Sein Blick fiel auf ein junges Mädchen, welches gedankenverloren an der Bar saß. Sie sah hübsch aus, in ihrem weißen Kleid, war aber definitiv zu jung für eine Disco. Während Jack auf dem Sofa wartete, veränderte sich die Stimmung in der Menge. Er war nicht der einzige, der auf die Farben aufmerksam geworden war. Manche Mädchen kreischten beunruhigt zu ihren Freundinnen, dass ihre Kleider neu und so teuer gewesen waren. Die meisten Männer stellten eine coole Gelassenheit zur Schau und nahmen die schluchzenden Mädchen in den Arm. Das junge Mädchen an der Bar stand ruhig auf und begann weich zu tanzen. Wie ein Krake bewegte sie ihren Körper und er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. 10 Minuten später hatten die Besucher herausgefunden, dass sämtlich mögliche Ausgänge verschlossen waren. Jack konnte zusehen, wie die Disco und die Tanzenden nach und nach verschiedene Grautöne annahmen und sämtliche Farben verschwanden.

Nun begannen auch die ersten Männer, Panik zu zeigen. Obwohl die Musik noch laut durch den Raum klang und der DJ mit geschlossenen Augen vor sich hin wippte, tanzte keiner mehr. Das junge Mädchen saß im Schneidersitz auf dem Boden. Sie hatte die Augen geschlossen und schien zu meditieren. Für einen Augenblick stand alles still. Die verschwundenen Farben hinterließen eine schwarz-weiß-graue Mischung. Jetzt war Jack froh, schwarz-weiße Sachen angezogen zu haben. Ihm kam es so vor, als hätte die Welt selbst eine Pause gemacht. Er fühlte sich nicht überrascht oder gar erschreckt, als hätte er schon immer gewusst, dass das irgendwann passieren müsste. Die Klänge schallten immer noch durch den Raum. „Scheiße! Was ist hier los?“, hörte Jack ein Mädchen in der Nähe schreien. Es sah wütend aus und begann, sich zum DJ-Pult vorzuarbeiten. Der DJ stand wie in Schockstarre da, er hatte nun auch den Farbschwund bemerkt. Die Gedanken in Jacks Kopf wurden langsamer und langsamer. Ein Gedanke geisterte ihm im Kopf herum, von welchem Jack wusste, dass er wichtig war. Er musste sich wie durch einen Sumpf kämpfen musste, um den Gedanken zu fangen.  Es war die Musik.

Sie wurde leiser, ebenso wie die Geräusche der Menschen. Jack atmete erleichtert aus. Das wütende Mädchen bahnte sich noch immer den Weg durch die Menschen, die sitzend, stehend oder liegend die Tanzfläche belegten. Sie passierte auch das junge Mädchen und hatte endlich hatte sie das DJ-Pult erreicht. Sie krabbelte unter dem Keyboard hindurch. Immer noch zornig griff sie nach dem Mikrofon und hatte es nach einer kleinen Rangelei mit dem DJ auch unter Kontrolle. Amüsiert sah Jack, wie sich ihre Lippen bewegten und keinerlei Verstärkung durch das Mikro zu hören war. Ein kleiner Kreis von Menschen, die sich in der Nähe der Boxen befanden, drehte den Kopf um zuzuhören, aber der Rest bemerkte nichts. Ihre Schreie kamen von der Lautstärke einem Flüstern gleich und auch die Musik war nur noch leise zu hören.

Als der letzte Ton verklang, hatten alle die beängstigende Lage realisiert. Keiner schien mehr betrunken und viele blickten sich hilflos um. Das junge Mädchen war immer noch in ihren Gedanken versunken. Ihr Anblick beruhigte Jack. Wenige Besucher warfen sich in die Arme ihres Nachbars, die meisten jedoch waren mit ihrer Verzweiflung völlig alleine. Keiner schien mehr zu glauben, dass es ein Scherz war. Fasziniert beobachtet Jack die Menge, welche sich immer wilder aufführte. Keiner besaß mehr den Anstand, auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen und so stürzten die Rennenden immer wieder über Liegende, rappelten sich auf und drehten sich weiter im Kreis.

Jeder hatte einen Ausdruck intensiver Emotionen auf seinem Gesicht und auch Jack spürte in seinem tiefsten Inneren eine Verletzlichkeit, die ihm neu war. Er fühlte sich hilflos und war gewillt, sich ebenfalls auf den Boden zu werfen und seine Angst hinauszuschreien. Es waren nur noch wenige übrig, die aufrecht standen und sich umblickten. Viele Menschen guckten paralysiert durch die Gegend, unfähig, sich aus ihrer Starre zu lösen. Ein Teil der Menschen brüllte, in ihrem Schmerz vereint wie nie zuvor. Keiner der Anwesenden war mehr bei klarem Verstand und die Angst hatte von allen Besitz ergriffen. Jack lag inzwischen nahe des DJ-Pults, dessen Besitzer nicht mehr zu sehen war. Er konnte sich nicht erinnern, wie er dahingekommen war. Noch immer war kein Laut zu vernehmen und die Trostlosigkeit wurde durch die fehlenden Farben verstärkt. Mitten in der Disco lag das junges Mädchen. Sie war die Einzige, die nicht durchdrehte.

Andere Partygäste, die ab zehn nicht mehr in die Disco hineingelangten, hatten die Rettungsmannschaft alarmiert. Seit mehreren Stunden arbeitete diese bereits daran, die Türen zu öffnen. Als die Türen dann von außen aufgebrochen wurden, war es innen still. Kein menschliches Geräusch war zu hören, bis auf die Retter, die von außen hereinkamen. Krankenschwestern stürmten in den Raum, um den Besucher Wasser zu reichen und ihnen aufzuhelfen. Geschockt stellten sie fest, dass alle tot waren. Nur das Mädchen stand auf und ging durch die Tür.  

Die Feuerwehrmänner, die die Tür geöffnet hatten, und die helfenden Krankenschwestern vermochten nicht, sie aufzuhalten. Wie ein Geist schwebte sie durch die Tür und war fort. Auch Jack war tot. Es war keine Wunde erkennbar, als ob er schlafen würde. Die Obduktion stellte bei ihm und bei allen anderen einen Herzstillstand fest. Einfach so und ganz plötzlich, obwohl die Besucher zwischen achtzehn und vierunddreißig Jahre alt waren. Es schien, als hätten die Menschen bewusst und willentlich ihren Herzstillstand herbeigeführt. Keiner der Außenwelt wusste, was in der Disco passiert ist. Die Zeitungen erfanden die wildesten Theorien, was die Menschen zu ihrem Tod getrieben haben könnte. Hineingegangen waren gesunde Menschen jungen Alters, so dass es umso verwunderlicher war, dass jetzt alle tot sein sollen. Das junge Mädchen war die Einzige, die die Vergangenheit kannte.


Prompt für die Kalenderwoche 23:
Deine Hauptcharaktere befinden sich gerade auf einer bunten Karnevalsfeier / Party / Whatever, als die Welt plötzlich schwarz/weiß wird…
Und sprechen kann auch niemand mehr.
(Ich dachte hier an einen der typischen alten Stummfilme, wer also noch die Musik einbauen möchte, die alles untermalt, darf dies gerne tun. Es ist aber keine zwingende Vorgabe.)

Bei mir ist die Geschichte etwas abgerutscht ins Mystery-Genre, für mich eine neue Erfahrung. Das lese ich zwar manchmal, aber ich schreibe es eigentlich nicht. Und ich arbeite auch immer noch an meinem Schreibstil, weshalb ich mich sehr über Feedback freuen würde.
 
 
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