Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Sternenmeer

von Nessaa
Kurzbeschreibung
OneshotMystery, Familie / P12 / Gen
Cassiopeia Black Regulus Arcturus Black Sirius "Tatze" Black
06.06.2020
06.06.2020
1
5.392
12
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
 
06.06.2020 5.392
 
Der Charakter »Cassiopeia Black« wird einigen womöglich nichts sagen. Sie ist die Tante von Walburga, Regulus’ und Sirius’ Mutter. Laut Rowling hat sie drei Geschwister: Pollux (Walburgas Vater), Marius und Dorea. Falls jemand von euch neugierig ist und noch mehr über die Verwandtschaftsverhältnisse erfahren will, verlinke ich auch gerne noch den Stammbaum der Blacks. Es ist für den OS aber natürlich nicht nötig, den Stammbaum auswendig zu kennen. :D

Diese FF war ursprünglich Teil eines Schreibwettbewerbs. Wenn ihr auf den Link klickt, findet ihr viele lesenswerte Oneshots. Schaut bei Interesse doch gerne auch noch dort rein. :)


_____________________________



S T E R N E N M E E R


Im Salon riecht es nach Zimt, Parfum und dem Tod.
  »Kommt das böse Mädchen heute?«
  Cassiopeia blickt in ein durchsichtiges Augenpaar, in welchem auch Jahrzehnte später das Meer noch zu schimmern scheint.
  »Du sagtest, es würde nicht mehr kommen.«
  Ihr entweicht ein Lächeln. »Du fürchtest dich vor einem Mädchen?«
  »Nicht vor einem Mädchen.« Die kindlichen Lippen verziehen sich zu einem Schmollmund. 49 Jahre Erfahrung im Schneiden von Grimassen, und doch sieht seine Miene immer noch so aus wie damals.
  »Keine Mädchen heute«, verspricht sie ihm, während sie nach ihrem Tee greift. »Nur zwei Jungen. Sie bleiben bis morgen, weil ihre Eltern eine Einladung haben.«
  »Kann ich sie kennenlernen?«
  »Ich fürchte nicht.«
  »Warum nicht?«
  Sie hat sich die Worte schon einhundertmal in ihrem Kopf durchgespielt. »Sie sind meine Neffen.«
  »Oh.«
  Sie spürt eine tiefgreifende Kälte in sich, als er sich an sie schmiegt. »Und wenn ich ihnen mein Zimmer gebe?«
  »Willst du mich bestechen?« Vorsichtig wischt sie ihn weg.
  »Biiiitte«, sagt er in der höchsten seiner Stimmlagen, und sein blasses Gesicht leuchtet auf wie ein Stern am Nachthimmel.
  »Sie schlafen hier im Gästezimmer so wie immer. Daran gibt es nichts zu ändern«, sagt sie und nimmt drei Schlucke Tee. »Du weißt, wo du bleiben musst.«
  »Du klingst schon wieder wie Mama!« Und ehe sie die Worte wirklich treffen, ist er schon durch die geschlossene Tür verschwunden.

Es ist ein kalter, regnerischer Tag im Hause von Cassiopeia Black, und so hat auch der Herbst an allen Fenstern seine Spuren hinterlassen. Der Regen zieht lange Schlieren über die polierten Scheiben und nimmt das letzte bisschen Frost mit, welches noch glaubte, an ihnen haften bleiben zu können. Im Haus selbst ist es warm; zu warm nach Cassiopeias Geschmack, aber sie weiß, wie schnell die Kälte zurückkehrt und dass diese Wärme gebraucht wird. Der Tee steht bereit, und ihre Hauselfe Millie ist im Keller beschäftigt, während sie selbst im Salon und Empfangszimmer auf- und abwandert und sich überlegt, ob sie das Richtige tut, bis keine Zeit mehr zum Nachdenken bleibt.
  Als es an der Tür klingelt, muss sie erst einmal ihren Mantel aus Chimärafell hervorholen, um ihren Gästen Eintritt zu gewähren.
  »Ah!«, sagt sie so euphorisch, wie sie kann. »Dich hätte ich nicht erwartet.«
  Orion Black verzieht keine Miene, als er mit den zwei Jungen in Begleitung den Eingangskorridor betritt und seinen übergroßen Regenschirm zusammenfaltet. Tiefe Falten zeichnen sich auf seiner Stirn ab, und sie stellt fest, dass er viel älter aussieht, als sie ihn in Erinnerung hat.
  »Ihr seid ziemlich nass geworden«, sagt sie und nimmt den beiden Jungen ihre Schirme und Umhänge ab. »Mein Zauberstab liegt leider oben, aber Millie kann euch ein Handtuch bringen für die nassen Haare.«
  »Nicht nötig. Und wenn du dein Haus an das Flohnetzwerk angeschlossen hättest oder man direkt vor die Haustür apparieren könnte, wäre das gar nicht passiert«, sagt Orion, seine Haare mit seinem Zauberstab trocknend, und sie lacht nervös auf.
  »Du bist genauso schlecht gelaunt, wie Walburga in ihrem Brief geschrieben hat. Anstrengende Zeiten im Ministerium?«
  Orions Blick wird finster, aber er ist nicht schlagfertig genug für eine Antwort.
  »Wir haben nicht genug Schlaf gekriegt, weil das Porträt von Denebola plötzlich angefangen hat zu schreien«, sagt einer der beiden Jungen. »Mum sagt immer, dass man schlecht gelaunt ist, wenn man nicht genug schläft.«
  Cassiopeia muss schmunzeln, als sie das kecke Grinsen auf dem Gesicht des Jungen bemerkt, aber sobald sie ihn genauer anblickt, fällt ihr die erschreckende Ähnlichkeit auf, und sie macht einen Schritt nach hinten. Es ist über zwei Jahre her, seit sie ihnen begegnet ist, und sie hat vergessen. Schwarze Locken und graue Augen, und dennoch hat sie vergessen. »Und du bist?«
  »Sirius«, stellt er sich stolz vor. »Und das ist Regulus.«
  Der zweite Junge lächelt scheu.
  Orion räuspert sich. »Wenn es für dich in Ordnung ist, wird Walburga die beiden morgen Mittag wieder abholen.«
  »Oh ja, kein Problem«, versichert sie ihm. »Du willst gleich wieder gehen?«
  »Ich habe noch eine Verabredung in einer halben Stunde …«
  »Das ist genug Zeit für einen Tee, komm!« Sie macht eine einladende Handbewegung zu ihrem Salon, und er gibt sich mit müden Augen geschlagen.
  »Ich habe keine Lust auf Tee«, murmelt Sirius, als Orion ihm einen warnenden Blick zuwirft.
  »Das ist in Ordnung«, sagt sie. »Du und Regulus könnt gerne im Haus spielen.«
  Orion atmet scharf ein. »Ich denke nicht, dass …«
  »Überhaupt kein Problem. Ihr müsst mir nur versprechen, die Regenschirme in die Wanne des großen Bades zu legen und nicht in den zweiten Stock zu gehen.«
  »Was ist im zweiten Stock?«, will Sirius sofort wissen. »Bella meinte, in deinem Haus wohnt ein Geist!«
  »Sirius!« Orion sieht sie entschuldigend an.
  »Oh, es ist in Ordnung«, sagt Cassiopeia und zwinkert beiden Jungen zu. »Ich glaube, es ist am besten, wenn ihr das Haus selbst entdeckt. Aber ohne Geister.«
  Sirius beginnt zu strahlen, und bevor sein Vater ihm eine Ermahnung geben kann, packt er Regulus am Arm und die beiden verschwinden im Treppenhaus. »Tschüss, Dad! Bis morgen!«

  »Du weißt, dass das keine weise Entscheidung war«, sagt Orion, sobald er sich auf dem Drachenledersessel, den sie ihm anbietet, niederlässt. »Du hast keine Ahnung, wozu der Junge fähig ist.«
  »Oh, ich bin selbst mit Geschwistern aufgewachsen. Dieses Haus hat schon einiges überstanden.« Zwei Brüder und zwei Schwestern, um genau zu sein.
  »Glaub mir, niemand ist wie Sirius.«
  Sie muss schmunzeln. »Du klingst schon fast stolz, wenn du das sagst.«
  »Kein Grund stolz zu sein. Letzte Woche hätten er und die kleine Lestrange es beinahe geschafft, ihre Gartenhütte anzuzünden, weil wir ihnen Feuerwerk verboten hatten«, erwidert er mit finsterem Blick.
  Sie bereitet sorgfältig zwei neue Tees zu, ohne nach Millie zu rufen. »Wenn du das so schilderst, würde ich sagen, er kommt ganz nach deiner Frau.«
  »Walburga war nie so … ungezogen.«
  »Das will sie dich glauben lassen.« Sie lacht und hält einen Moment inne, während sie Zucker in beide bemalte Tassen gibt. Sie will die Worte nicht sprechen, weil sie nur die halbe Wahrheit sind, ein eigentlich viel zu enger Vergleich, aber sie kommen ihr trotzdem über die Lippen: »Du weißt, dass er wie du aussieht? Er und Regulus.«
  Orion lehnt in seinem Sessel nach hinten. »Ich wünschte, sie würden sich auch gelegentlich so verhalten.«
  »Keine Sorge«, sagt sie, »ich werde dich gerne von den Leiden deines Vaterdaseins bis morgen befreien. Bevor du noch mehr graue Haare bekommst …«
  »Wie bitte?«
  »… oder du deinen Gürtel noch lockerer schnallen musst.« Sie blickt gespielt ernst auf seine Taille.
  Sein Kopf wird einen Augenblick rot, aber plötzlich entspannen sich seine Gesichtsmuskeln, und er beginnt zu lachen. »Ich glaube eher, Sirius hat seine vorlaute Art von dir.«
  »Dann ist er ja ein Black durch und durch.« Sie zwinkert ihm zu, und er nimmt schließlich dankbar die Teetasse entgegen.
  »Du scheinst ja doch noch Humor zu haben«, sagt sie, als sie gegenüber voneinander sitzen.
  Von oben ist plötzlich ein lauter Knall zu hören, und Orion will schon hochschrecken, aber sie macht eine energische Bewegung, dass er sitzenbleiben soll.
  Er sieht etwas perplex aus, und sie beschließt, ihn auf andere Gedanken zu bringen: »Ich dachte eigentlich, ich würde Walburga heute sehen.«
  »Sie wollte auch kommen«, erklärt er. »Aber sie meinte, ich solle mehr Zeit mit den Kindern verbringen.«
  »Und das ist deine Definition davon?«, spottet sie.
  Er zieht ein düsteres Gesicht. »Wenn ihre Eltern uns nicht ausgerechnet heute eingeladen hätten …«
  »Hättest du natürlich mehr Zeit für sie gehabt und sie nicht bei ihrer entfremdeten Großtante abgeben müssen, welche die einzige ist, die Zeit hat?«
  »Nun, es ist deine eigene Schuld, dass du so viele Familienmitglieder kaum kennst.«
  »Ich weiß.« Sie trinkt den letzten Schluck Tee und stellt ihre Tasse elegant zur Seite. »Das heißt, ich kann morgen mit meiner Nichte rechnen?«
  »Ja, das ist bisher ihr Vorhaben«, sagt er, greift in seine Tasche und zieht einen zusammengefalteten Zettel hervor. »Und sie meinte noch, ich soll dir mitteilen, dass die Kinder heute Abend erst essen sollen, dann baden und dann …«
  »Sie hat dir eine Liste von Instruktionen für mich gegeben?« Cassiopeia hat noch nie so etwas Lächerliches gehört, bis sie sich an die Persönlichkeit ihrer Nichte erinnert. »Na gut, gib sie mir.«
  Er überreicht ihr den Zettel und reibt sich die Hände. »Ich glaube, es sollte …«
  »Du musst los.« Sie überfliegt Walburgas Zeilen gedankenlos und muss sich beherrschen, nicht bei jedem Wort die Augen zu verdrehen.
  »Ja. Vielen Dank für … für den Tee.«
  Sie führt ihr zur Tür, doch als er seinen Schirm aufspannt, um sich hinaus in den Sturm zu wagen, dreht er sich noch einmal um. »Die Geschichte mit dem Geist ist Unsinn, oder?«
  Sie hebt eine Augenbraue. »Denkst du wirklich, auch nur ein Geist würde es in einem Haus der Blacks aushalten?«
  Er beißt sich auf die Lippen, als wäre er sich bei der Antwort nicht sicher, aber dann nickt er langsam und verabschiedet sich von ihr.
  Cassiopeia schließt die schwere Eichentür mit einem nachdenklichen Lächeln.

________


»Ich glaube nicht, dass wir hier drin spielen sollten«, wispert Regulus, als Sirius, anstatt den Regenschirm wie vereinbart zum Trocknen in die Badewanne zu stellen, anfängt, mit diesem zu spielen, sodass sein Körper immer wieder teilweise verschwindet.
  »Wahnsinn! Der ist ja viel besser als der alte!«, sagt er und lässt den Schirm über seinem Kopf kreisen. »Siehst du mich jetzt noch, Reggie?«
  »Es ist ein Tarnschirm, damit wir auf der Straße unsichtbar sind, natürlich nicht«, will Regulus sagen, aber er zieht bloß einen Schmollmund. »Wir sollten wirklich nicht hier sein.«
  »Ach, Tante Cassiopeia hat doch gesagt, dass sie nichts dagegen hat. Und Mum ist nicht hier, um uns auszuschimpfen.«
  Regulus tritt nervös auf und ab. Natürlich hat sein Bruder recht, dass ihre Großtante Cassiopeia nicht halb so streng wirkt wie Mum, aber er ist sich sicher, dass das Spielen im Badezimmer eines Gastgebers nichts ist, was Mum gefallen würde. Um genau zu sein, ist er überzeugt, dass sie es gar nicht schätzen würde, wenn sie wüsste, dass sein Bruder und er gerade die riesige, rosarote Badewanne zum Spielobjekt ernannt haben, hat sie Sirius und ihm doch letztes Mal mit einer Woche Hausarrest gedroht, als sie das Bad im zweiten Stock geflutet haben.
  »Sirius«, fängt er von Neuem an, doch sein Bruder wirbelt nur kichernd in der Badewanne herum. »Wir müssen Tante Cassiopeia fragen, ob wir hier baden dürfen.«
  »Ich glaube nicht, dass …«
  »Vielleicht schon!« Sirius’ Augen funkeln, als er endlich innehält und den Regenschirm achtlos zurück in die Wanne wirft. »Okay, du hast recht, lass uns erst mal den Rest des Hauses erkunden!«
  Er springt von dem rosaroten Rand hinunter und hüpft aus dem Zimmer. Mit einem Seufzen zieht Regulus hinterher.
  Eigentlich ist ihm gar nicht danach zumute, das Haus noch zu erkunden. Er wäre lieber bei Dad geblieben und hätte mit ihm und Tante Cassiopeia Tee getrunken. Die Flure des Hauses ihrer Großtante wirken genauso düster und unaufgeräumt wie die zu Hause, und Regulus ist nicht wohl dabei, jede einzelne Ecke nach einer unangenehmen Überraschung zu durchsuchen. Seine Cousine Bellatrix hat so viele Gruselgeschichten erzählt, dass er gar nicht mehr weiß, welche davon wahr sein können.
  Auf einer Kommode im Flur sind mehrere Artefakte ausgestellt, darunter eine laut tickende Uhr und ein grinsender Menschenschädel, der Regulus regelrecht Angst macht. Er klammert sich an Sirius, als dieser auf die Treppe deutet. Die Treppe zum zweiten Stock.
  »Komm, wir sehen uns das mal genauer an!«
  »Aber wir sollen nicht …«
  »Bla bla bla, sei kein Baby, Reggie!« Sirius erklimmt die erste Treppenstufe, als Regulus den Mut findet, seine Hand zu umklammern.
  »Ich will nicht!«, sagt er in seiner entschlossensten Stimme, die trotzdem nur wie ein Piepsen klingt.
  Wenn Mum davon erfährt …
  Er zieht, sich nach hinten lehnend, an Sirius’ Arm.
  »Lass mich los!«
  Erst denkt Regulus, sein Bruder will ihn die Treppe hochzerren, aber dann schüttelt er die Hand plötzlich ab. Im nächsten Moment spürt Regulus, wie er mit unsanftem Aufschlag auf dem Boden landet.
  Tränen treten ihm sofort in die Augen, und Sirius’ hämisches Auflachen klingt erstickt. »Regulus!«
  Er stolpert die Stufe runter und sie halten beide inne. Von unten ist glücklicherweise kein Ton zu vernehmen, obwohl Regulus sich einbildet, Mums Geschrei dennoch in den Ohren ringen zu hören.
  »Hast du dir wehgetan?«, fragt Sirius, nun viel freundlicher und gar nicht mehr abenteuerlustig.
  Regulus schüttelt tapfer den Kopf und verdeckt sein Gesicht.
  Sirius fährt ihm einmal über den Kopf, durch sein dichtes Haar, aber dann springt er auf. »Also kommst du jetzt?«
  Dieses Mal ist er schneller und rennt die Holztreppe nach oben.
  Eigentlich will Regulus gar nicht mit, doch sein Blick trifft wieder auf den Schädel, der auf der Kommode steht, und ohne Sirius fürchtet er sich so sehr, dass er ihm lieber folgt.

  So stehen sie kurz darauf auf einer Art Dachboden vor einer verschlossenen Tür mit bunter Verzierung. Der Rahmen ist in einem hellen Blauton bemalt, wobei die Farbe an einigen Stellen schon stark abblättert.
  Sirius überlegt nicht mehr lange und stürmt den Raum.
  Als die Tür aufschwingt, glaubt Regulus, eine Art Windstoß käme ihm entgegen.
  Instinktiv schlingt er seine Robe enger um sich und folgt seinem Bruder auf den Zehenspitzen.
  Das Zimmer ist ganz und gar nicht das, was sie erwartet haben.
  Regulus hat mit einem Dachboden wie bei Tante Lucretia gerechnet: vollgestopft mit alten Vasen, Porzellantellern aus anderen Ländern und Kristallkugeln, doch das Zimmer vor ihnen wirkt verspielt und fröhlich. Fast schon wie sein eigenes.
  Mehrere farbenfrohe Bilder hängen an der Wand über dem Bett und auf der Bettwäsche sind eindeutig Kniesel zu erkennen.
  Nun doch fasziniert, blickt Regulus sich um, fährt mit seinen Händen die Wände ab, auf denen die Sonnenstrahlen, die sich im Dachfenster brechen, tanzen. Eine seltsame Atmosphäre umschlingt den ganzen Raum. Das nächste, was Regulus auffällt, ist der sonderbare Geruch. Trotz aller Freundlichkeit ist dieser geradezu abschreckend, und er erinnert ihn stark an den Geruch der Hauselfenköpfe an ihren Wänden, wenn er diesen zu nahe kommt.
  Während er sich fragt, wem das Zimmer gehört, stapft Sirius zum Holzschrank am anderen Ende und öffnet diesen ohne Umschweife. »Schau mal, Reggie!«
  Sie staunen nicht schlecht, als sie ein Fach vollbeladen mit Spielzeug finden: Plüschtiere von magischen Wesen, Kinderzauberstäbe, eine kleine Rassel, welche leuchtet, sobald man sie berührt, Bauklötze, die die Farbe verändern können …
  Regulus’ Augen beginnen zu leuchten, als Sirius sich neugierig über die einzelnen Gegenstände hermacht. »Glaubst du, die gehören jemandem?«
  »Weiß nicht«, erwidert Regulus schulterzuckend und reibt sich die Nase, um den Geruch zu vertreiben.
  »Ich dachte, Tante Cassiopeia hat keine Kinder …«
  »Vielleicht sind es ihre Sachen?« Regulus weiß nicht so recht, ob Erwachsene auch mit Spielzeug spielen. Mum hat das noch nie gemacht.

Schritte erklingen plötzlich, und Regulus springt auf.
  »Tante Cassiopeia!«, ruft er und weiß sofort, dass sie Ärger bekommen werden, als er in ihr verzogenes Gesicht sieht.
  Doch zu seinem Erstaunen blickt sie sich nur prüfend im Raum, seufzt einmal tief und deutet einem erschrockenen Sirius an, aufzustehen.
  »Ihr habt wohl doch hierher gefunden.«  
  »Woher hast du so viel Spielzeug?«, will Sirius wissen.
  »Willst du etwas davon mitnehmen?«
  »Nein … ja.« Er sieht verwirrt aus, aber greift nach den Kinderzauberstäben und den Bauklötzen und wirft Regulus ein Plüschtier zu.
  Sie folgen ihrer Tante die Treppe runter.
  »Millie wird nachher Abendessen machen«, sagt Tante Cassiopeia und verweist sie zurück in den Korridor. »Ich muss noch einen Brief an Mrs Greengrass zu Ende schreiben, aber wenn ihr wollt, können wir später eine Runde Zauberschnippschnapp spielen.«
  Zu Regulus’ Erleichterung ist Sirius von der Idee sofort begeistert, und Tante Cassiopeia verschwindet wieder, allerdings mit einem etwas gezwungeneren Lächeln als bei der Begrüßung.
  Sie landen wieder in dem Badezimmer mit der riesigen Wanne, wo Sirius seine Bauklötze auf dem ganzen Boden verteilt.
  Regulus weiß nicht so recht, ob ein Badezimmer der richtige Ort für so ein Spiel ist, aber die Wände wirken hier viel freundlicher und das Licht ist warm und grell.
  Während Sirius damit beschäftigt ist, aus den Klötzen eine Mauer zu bauen und diese dann mit einem Wedeln des Kinderzauberstabes immer wieder zum Einstürzen zu bringen, sieht Regulus sich noch einmal im Raum um.
  Neben der Badewanne steht ein riesiges Waschbecken mit einem goldverzierten Spiegel, welches ihn sofort an den Geschmack seiner Mutter erinnert.
  Regulus stellt sich auf die Zehenspitzen und betrachtet sein Spiegelbild: schwarze Haare, dunkle Augen. Er weiß, dass Dad findet, dass er Mum sehr ähnlich sieht.
  Sirius erscheint neben ihm, doch merkwürdigerweise ist sein Spiegelbild blass, eher schon durchsichtig.
  Regulus macht erstaunt einen Schritt zurück. »Du siehst ja ganz anders aus!«
  »Was meinst du?«
  Erschrocken fährt Regulus herum und sieht seinen Bruder immer noch auf dem Boden sitzen. Sofort schweift sein Blick wieder zu dem Spiegel, wo Sirius immer noch zu sehen ist.
  »Du … du …« Regulus sieht hin und her. »Da bist du! Im Spiegel!«
  Sirius wirft Regulus einen Blick zu, der andeuten soll, dass er verrückt ist, aber rappelt sich hoch. Als er jedoch ebenfalls das Abbild von sich im Spiegel erblickt, weiten sich seine Augen.
  »Warum bist du im Spiegel, Sirius?«
  Sein Bruder legt seinen Kopf schrägt und zieht einige Grimassen, doch das Bild verändert sich nicht. Er fährt über das Glas, klopft leicht dagegen und zuckt schließlich die Schultern. »Ich glaube, es ist nur ein Zauber. Das bin jedenfalls nicht ich.«
  »Warum passiert das dann bei mir nicht?« Regulus wagt einen Schritt neben ihn und sieht erneut nur den schwarzhaarigen Jungen vor sich.
  »Vielleicht funktioniert es immer nur bei einer Person.«
  »Aber du hast doch vorhin gar nicht in den Spiegel geguckt.« Regulus ist immer noch damit beschäftigt, das Bild vom zweiten Sirius aufzunehmen, als sich dieses plötzlich zu bewegen beginnt und auf sie zukommt.
  »Sirius!«, schreit er und taumelt nach hinten. »Sirius!«
  Doch sein Bruder lacht auf. »Beruhig dich, Reggie! Es ist nur ein Geist.«
  Geist?
  Und tatsächlich, aus dem Spiegel kommt eine durchsichtige Gestalt hervor, die sie beide mit zusammengekniffenen Augen ansieht und die Arme vor der Brust verschränkt. In dieser Haltung ist die Ähnlichkeit zu Sirius nicht mehr so verblüffend, und Regulus spürt, wie die Angst in seinem Bauch ein Stück schrumpft.
  »Er ist sogar ein Kind!« Sirius klingt begeistert. »Hallo, Geist! Wer bist du?«
  Regulus springt neben seinem Bruder. »Vielleicht sollten wir nicht mit ihm sprechen.«
  »Ach, was soll schon passieren?« Sirius baut sich vor der durchsichtigen Gestalt auf. »Hallo, ’tschuldige, dass wir dich nicht gesehen haben.«
  Der Geist schwebt zur rosaroten Badewanne und lehnt sich gegen den Rand. Er zittert am ganzen Leib, was Regulus komisch vorkommt. Dad hat in seinen Lektionen nie erwähnt, dass Geister zittern.
  »Versteckst du dich oft im Spiegel?«, fragt Sirius. »Wie machst du das?«
  »Vielleicht kann er nicht sprechen«, wispert Regulus, als der Geist immer noch schweigt.
  »Mhm«, macht Sirius. »Vielleicht. Aber Bella hatte recht, hier lebt wirklich ein Geist!
  »Bella?«, kommt es plötzlich leise, und die Augen des Geistes werden kugelrund.
  »Unsere Cousine«, sagt Sirius sofort. »Sie war auch schon hier zu Besuch.«
  »Ich kenne Bella«, sagt der Geist und seine Augen weiten sich noch mehr. »Und ich will sie nie wiedersehen.«
  »Keine Sorge, sie ist nicht hier.« Sirius streckt erfreut eine Hand aus. »Ich bin Sirius. Und das ist Regulus.«
  Der Geist mustert ihn verwirrt, aber hebt ebenfalls die Hand. Sie geht durch die von Sirius durch, und Regulus spürt, wie sein Herz schneller zu schlagen beginnt. Er will nicht mit einem Geist sprechen, geschweige denn einen berühren. Manchmal fragt er sich, woher Sirius den Mut nimmt.
  »Wie heißt du?«, fragt sein Bruder unverfroren weiter.
  Der Geist öffnet seinen Mund, aber dann blickt er zu Boden. »Darf ich nicht sagen.«
  »Warum nicht?«
  »Darf ich auch nicht sagen …«
  Sirius zieht die Stirn in Falten. »Mhm. Weißt du, was dein Name bedeutet? Dann kann ich ihn vielleicht erraten. Ich bin nach dem hellsten Stern benannt.«
  »Ich weiß«, sagt der Geist ohne weitere Erklärung. »Seid ihr Pollux’ Kinder?«
  »Wir?« Unsicher schaut Sirius zwischen ihnen hin und her. »Nein, Pollux ist unser Großvater. Kennst du ihn?«
  Der Geist nickt vorsichtig.
  »Woher?«
  »Darf ich nicht sagen«, wiederholt der Geist wieder. »Aber mein Name bedeutet Meer. Glaub ich jedenfalls …«
  »Mhm«, macht Sirius. »Ich kenne leider keinen Namen mit dieser Bedeutung.«
  Der Geist lächelt schwach.
  »Warum bist du hier?«, will Sirius wissen. »Und warum siehst du aus wie ich?«
  »Das sind meine Sachen.« Der Geist schwebt hinter sie und setzt sich auf den hellgefliesten Boden.
  »Die Bauklötze und die Zauberstäbe? Aber die kannst du doch gar nicht berühren.«
  Der Geist sieht sie traurig an, und Regulus versteht sofort, ohne dass weitere Worte notwendig wären.
  Sirius lässt sich neben ihm nieder, und Regulus tut es ihm nach. »Tut mir leid. Aber du brauchst wahrscheinlich auch gar keinen Zauberstab zum Zaubern, oder? Du kannst das bestimmt auch ohne.«
  »Weiß nicht«, sagt der Geist.
  »Wie, du weißt nicht? Ich dachte, alle Geister sind Zauberer.«
  Der Geist senkt den Blick und starrt auf seine durchsichtigen Stiefel. »Ich nicht.«
  »Vielleicht gibt es verschiedene Arten von Geistern«, murmelt Regulus eher gedankenverloren.
  »Oder du bist noch nicht alt genug, um zu zaubern. Wie alt bist du?«, will Sirius wissen.
  »Neunundvierzig.«
  »Neunundvierzig?«, entweicht es Regulus.
  Der Geist nickt nur und fährt mit einer Hand durch die Bauklötze.
  Sirius überlegt lange. »Also ich bin fast sieben. Und Regulus ist fünf. Dad ist schon siebenunddreißig, aber er ist viel größer als du.«
  »Ja, als Geist hört man auf zu wachsen, sobald man …« Die durchsichtige Gestalt verstummt, doch Regulus kennt die Antwort und alles in ihm zieht sich zusammen.
  »Siehst du deshalb aus wie ich?«, rät Sirius.
  »Weiß nicht«, erwidert der Geist unsicher, und Regulus glaubt auf einmal, dass es wie eine Lüge klingt.
  Sirius zieht die Stirn wieder in Falten, aber scheint keine weitere Antwort zu haben. »Willst du mit uns mitspielen?«
  Obwohl Regulus es nicht für möglich gehalten hätte, erhellt sich die Miene des Gespenstes. »Darf ich?«
  »Klar! Oder, Reggie?«
  Regulus nickt schüchtern. »Aber wir können doch gar nichts Richtiges spielen.«
  »Das stimmt«, bemerkt Sirius. »Aber wir könnten uns voneinander verstecken. Kannst du das?«
  »Natürlich kann ich mich verstecken.« Die Stimme des Geistes kling begeistert, und er wirbelt wie ein Schatten hoch in die Luft.
  »Du darfst anfangen mit dem Suchen«, schlägt Sirius vor. »Aber du darfst nicht durch Wände gehen! Das wäre ungerecht.«
  »Von mir aus«, sagt der Geist, immer noch erfreut.
  Kurz darauf presst er die Augen zusammen und beginnt zu zählen. Sirius packt Regulus am Arm und gemeinsam stürmen sie aus dem Raum – direkt in die Arme von Tante Cassiopeia.
  »Was macht ihr denn?«, lacht sie.
  »Wir haben den Geist gesehen!«, stößt Sirius hervor.
  Ihre Miene erstarrt sofort, und Regulus ist sich sicher, dass sie dieses Mal garantiert Ärger kriegen würden.
  »Wo?«
  »Im Badezimmer«, sagt er, weil er gelernt hat, dass die Wahrheit immer besser ist als eine Lüge.
  Tante Cassiopeia sieht sie beide ungläubig an, aber wagt keinen Schritt ins Badezimmer. »Kommt runter, Millie hat schon eine warme Suppe zubereitet.«

»Dann hatte Bella wirklich recht«, plappert Sirius beim Abendessen und verspritzt vor Aufregung beinahe die ganze Suppe. »Du hast einen Geist zu Hause.«
  »In der Tat«, sagt Tante Cassiopeia und reicht ihnen beiden ein Glas Wasser.
  »Warum hast du das nicht gesagt?«
  »Es ist ein Geheimnis.« Tante Cassiopeia grinst schwach, und Sirius’ Augen leuchten auf.
  »Ein richtiges Geheimnis?«, fragt Regulus, und sie nickt.
  »Wo hast du den Geist gefunden?«, will Sirius wissen. »Und warum darf er seinen Namen nicht sagen? Lebt er schon immer hier?«
  Tante Cassiopeia verzieht das Gesicht und kramt die üblich gekürzte Version aus der Kiste der Lügen und Halbwahrheiten hervor. »Er lebte früher draußen versteckt im Park, aber seit vielen Jahren wohnen wir hier zusammen. Ich habe schon als Kind heimlich auf ihn aufgepasst, und ich mache das auch heute noch. Er darf seinen Namen nicht sagen, weil es böse Menschen da draußen gibt.«
  Regulus nimmt einen kleinen Löffel seiner Suppe. »Aber ihm kann doch gar niemand wehtun, oder?«
  Tante Cassiopeia sieht plötzlich nachdenklich aus. »Manchmal können Worte mehr wehtun als Taten.«
  Regulus denkt eine Weile über die Aussage nach. Es stimmt, dass er es viel schlimmer findet, wenn Sirius ihn auslacht, als wenn er ihn wegschubst.
  »Ich will auch einen Geist zu Hause«, sagt Sirius nachdenklich. »Viel besser als das Porträt von Denebola.«
  Tante Cassiopeia lacht auf und wuschelt ihm über den Tisch durchs Haar. »Ihr habt ein gutes Herz. Ihr beide.«
  »Heißt das, wir dürfen mit ihm spielen?«
  »Nun …« Tante Cassiopeia zögert. »Da ihr nun schon von ihm wisst, spricht wohl nichts dagegen.«

Nach dem Essen überredet Tante Cassiopeia dennoch dazu, noch eine Runde Zauberschnippschnapp zu spielen. Als sie merkt, dass Regulus und Sirius langsam müde werden, schickt sie beiden ins Bad – zu Sirius’ Zufriedenheit in das mit der riesigen Badewanne.
  Regulus darf den Badeschaum aussuchen – er glitzert feuerrot, und Sirius ist von der Wahl ebenso begeistert wie er. Danach lässt Tante Cassiopeia die Tür offen, aber verschwindet, um das Gästezimmer für sie vorzubereiten.
  Es dauert nicht lange, da erscheint, wie Regulus erwartet hat, der Geist wieder vor ihnen.
  »Ich dachte, wir wollen spielen«, sagt er und klingt fast traurig.
  Sirius hebt die Hände. »Aber klar! Komm doch hierher!«
  Doch der Geist bleibt an Ort und Stelle stehen.
  »Was ist?«
  Der Geist zuckt die Schultern. »Ich … ich kann nicht. Ich habe Angst vor Wasser.«
  »Was?« Sirius sieht zu Regulus. »Wie kann man Angst vor Wasser haben?«
  »Dein Name ist Meer …«, fängt Regulus an.
  »Genau, wenn du so heißt, musst du dich doch ins Wasser trauen! Du kannst bestimmt besser schwimmen als wir beide!«
  Der Geist steht immer noch vor ihnen und blickt sie ängstlich an. »Ich bin ertrunken.«
  »Oh«, machen Regulus und Sirius gleichzeitig, und dieses Mal ist es Regulus, der zuerst die Worte findet. »Das tut mir leid.«
  Sirius nickte vorsichtig. »Wie ist das passiert?«
  »… Papa hat mich ins Meer geschubst.«
  »Papa? Dein Papa?«, fragt Regulus.
  Der Geist nickt.
  »Warum?«
  »Ich weiß nicht … er meinte, ich werde wieder auftauchen, und dann …« Er schließt die Augen, presst die Hände auf seinen Hals und seine Brust und gibt einen erstickten Laut von sich.
  Regulus zuckt zusammen, und auch Sirius weicht in der Badewanne nach hinten.
  »Wie bist du dann wieder aufgewacht?«, will Sirius wissen. »Und bist du nachher ganz allein in den Park gegangen?«
  »Ja, aber Cassie hat …«
  »Das reicht jetzt!«, erklingt Tante Cassiopeias Stimme, und sie erscheint mit hochrotem Kopf und zwei dicken Handtüchern im Türrahmen.
  Noch einmal erschrickt Regulus, aber dieses Mal ist er sich nicht sicher, dass sie Ärger bekommen werden, sondern enttäuscht, dass ihre Tante ausgerechnet jetzt aufgetaucht ist.
  »Es ist Zeit fürs Bett.« Sie sieht den Geist streng an, der daraufhin mit einem Lufthauch verschwindet.
  »Aber er wollte uns nur eine Geschichte erzählen«, protestiert Sirius, als er sich in eines der dicken Tücher einwickelt.
  »Wusstest du, dass er ertrunken ist?«, hakt Regulus nach.
  »Besser, als ich sollte.« Sie hebt Regulus aus der Badewanne und hilft ihm, mit dem Tuch seine Haare zu trocknen.
  »Warum hast du ihn dann nicht zu Ende erzählen lassen?«
  »Geistergeschichten zum Einschlafen sind nichts für kleine Jungen, Sirius.«
  »Können wir dafür morgen mit ihm spielen? Bevor Mum kommt?«
  Tante Cassiopeia seufzt und blickt zu Regulus. »Willst du das auch?«
  Regulus weiß nicht, was er will und eigentlich wird er auch selten gefragt, was er will, aber er spürt eine Aufregung in sich, wenn er an den Geist denkt. Ein Bedürfnis, mehr zu erfahren.
  Er nickt.

________


»Du brauchst dich nicht zu verstecken, ich bin nicht wütend.« Cassiopeia setzt sich auf das Kinderbett im Dachboden und streicht über die bedruckte Decke.
  »Das sagst du immer, aber eigentlich willst du sagen, dass du enttäuscht bist!«, kommt es vom Schrank.
  Sie lacht leise in sich hinein. »Ist das schlimmer?«
  »Viel schlimmer!« Er kommt zur Hälfte durch die Schublade und sieht sie mit seinen großen Augen an, als würde er noch auf etwas Bestimmtes warten.
  »Ich habe dir gesagt, dass du hierbleiben sollst.«
  »Aber die beiden waren nett. Außerdem sind sie zuerst in mein Zimmer gekommen!«
  »Stimmt.« Cassiopeia seufzt und deutet auf den Platz neben sich.
  Er zögert, aber schwebt zu ihr und lehnt an ihre Schulter, und sie denkt, bildet sich vielleicht auch nur ein, seine Haare an ihrem Oberarm zu spüren.
  »Ich wollte dich beschützen.«
  »Das musst du nicht. Sirius und Regulus sind nicht wie … sie.«
  »Die beiden gehören trotzdem zu unserer Familie.«
  Er rührt sich nicht, und sie unterdrückt das Bedürfnis, einen Arm um ihm zu schlingen. Seit sie Sirius und Regulus zu Bett gebracht hat, seit sie die Ähnlichkeit wiedergesehen hat, ist die Gewohnheit zurückgekehrt. Die Erinnerung an die allerersten Lebensabschnitte, als sie sich alle noch umarmen konnten.
  »Darf ich ihnen morgen sagen, wie ich heiße?«
  Sie hört die Verzweiflung in seiner Stimme und ist gewillt nachzugeben. »Ich überleg mir was, ja?« Sie weicht zurück und mustert ihn prüfend.
  Er wirkt verlegen. »Bringst du mich auch ins Bett?«
  »Du musst nicht schlafen«, sagt sie halb amüsiert, halb wehmütig.
  »Trotzdem …«
  Sie verdreht leicht die Augen, aber die Bitte ist zu eindringlich, um sie abzuschlagen, und ihr Herz zu weich, um nicht zur Seite zu rücken. »Leg dich hin.«
  Er schwebt waagrecht auf das Bett und die dicke Decke umschlingt seine zierliche Statur. »Cassie?«
  »Mhm?«
  »Wenn du irgendwann stirbst … darf ich dann zu ihnen ziehen?«
  Eine kalte Hand umschlingt ihr offenes Herz. »Was?«
  »Wenn du irgendwann auch tot bist. Kann ich dann zu Sirius und Regulus?«
  Sie breitet schützend einen Arm über ihm aus. »Wenn ich tot bin, dann werde ich ebenfalls zum Geist. Das verspreche ich dir.«
  »Das willst du nicht, glaub mir.« Seine Augen wirken traurig und sie wünscht sich, sie könnte die durchsichtigen Tränen, die sich darin bilden, einfach wegwischen. »Warum, denkst du, bin ich ein Geist geworden? Ich kann nicht zaubern.«
  »Ich weiß es nicht.«
  Vielleicht warst du zu jung. Vielleicht hat Papa zu früh aufgehört zu glauben, will sie sagen, doch es gelingt ihr nicht.
  »Willst du auch einen Gute-Nacht-Kuss?«, fragt sie stattdessen, weil sie sich sicher ist, dass er sie im Gästezimmer beobachtet hat.
  Als würde sie seine Gedanken lesen können, dreht er sich auf die Seite und presst die Augen zusammen. Sie nimmt einen tiefen Atemzug und küsst die Luft einen halben Meter unter ihr.
  »Gute Nacht, Cassie«, sagt er, als sie das Zimmer verlässt.
  Die Tür fällt ins Schloss, und sie stützt sich schwach dagegen.
  »Gute Nacht, Marius.«
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast