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Story of a broken Angel 1- A Light far away

von Chaohrem
GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
Angel Dust
05.06.2020
27.08.2020
4
12.116
3
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Dieses Kapitel
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21.06.2020 6.580
 
Weißt du, was man mit Fehlern machen kann? Man kann sie ganz leicht beseitigen!

Hastig schlug ich die Augen auf und schaute mich panisch um. Mein Herz raste.
lch blickte schon bald in die sanften Augen meiner kleinen Schwester. Sie saß neben mir und als sie bemerkte, dass ich wach war und ich versuchte, mich trotz meines dröhnenden Schädels aufzurichten, stieß sie ein leichtes Quietschen aus und schlang ihre Arme um mich. lch konnte hören, wie sie leicht zu schluchzen begann und sie drückte mich noch fester an sich.
"Ich dachte, ich hätte dich verloren! Was zur Hölle ist gestern passiert?

Ihre stimme erstickte fast in ihren unkontrolliert aufkommenden Schluchz- und Weinanfällen.

Ja, was war eigentlich genau passiert? Ich konnte mich selbst nur noch vereinzelt an die gestrigen Geschehnisse erinnern. Was war passiert.. Mein verfluchter Vater war wie ein wahnsinniger auf mich zugestürmt und hatte die Absicht, mich umzubringen-
ohne zu zögern hatte er die Pistole gegen mich erhoben... Und bestimmt auch abgedrückt.

Wäre Molly nicht gewesen. Sie hatte meinen Vater in letzter Sekunde aufhalten können- denke ich.. Meine Erinnerungen reichten schon gar nicht mehr bis dahin zurück- ich weiß nicht, was noch alles passiert ist, nachdem sie aufgetaucht war...
Aber ihre Anwesenheit war genau das, was ich jetzt in diesem Moment brauchte. Ich legte meinen Kopf sacht auf ihre Schulter und schloss die Augen. Molly konnte einen nur mit ihrer Anwesenheit sofort beruhigen. lch wusste nicht, was es war. Ihre Offenherzigkeit, ihr Verständnis oder einfach nur ihre generell ruhige Art... Sie hatte mir schon oft geholfen und in jeder nur erdenklichen Situation beigestanden, Sie war bisher immer für mich da- Ich verdankte ihr wirklich sehr viel.

"D-danke, Molly.. Wenn du nicht gewesen Warst..."
Auch nur die kleinste Erinnerung daran ließ meinen Körper gefrieren und unkontrolliert fing er erneut zu zittern an, ebenso wie am
Vorabend.
"Beruhige dich, Tony. Bitte, alles wird gut!"
Sie strich sanft aber meinen Kopf und umarmte mich noch einmal herzhaft.
ich wollte keine Schwache zeigen. durfte es nicht.. ich musste stark bleiben... Und doch tat es einfach nur gut in diesem einen Moment in ihren Armen zu liegen.
"lch habe mit Dad gesprochen. Er.. es tut ihm wirklich leid", flüsterte sie sachte und ich wusste ganz genau, dass es eine Lüge war. Sie wollte nur, dass ich mich dadurch ein Wenig besser fühlte. Als ob es ihm jemals leid getan hätte. Reue zeigen war etwas, was definitiv nicht zu Vaters Stärken zählte - eher im Gegenteil.
lch versuchte mir trotzdem nichts anmerken zu lassen - ihretwillen und brachte ein mein bestes Lächeln hervor.
"Danke, Molly", sagte ich nur; drückte sie ein letztes Mal beherzt an mich, ehe ich meine Augen leicht wieder öffnete. Nur, um in dieses hämische Grinsen zu blicken..

"Wie süß! Aber wenn ihr jetzt auch noch anfangt, euch abzuknutschen, krieg ich ´nen Anfall! Jetzt mal ernsthaft, Anthony! Genau das ist der Grund, Warum Dad und auch alle anderen dich so abwertend behandeln! Du bist wahrlich eine Schande!"
Lässig lehnte er am Türrahmen, die Hände verschränkt und den Kopf leicht geneigt. Seine Augen blitzten unter den Schatten seines Hutes mehr als spottend hervor.
„ Verschwinde, Arackniss! Nach dir hat gerade keiner gefragt!", kam es zischend aus Mollys Mund und sie wart ihm einen verächtlichen
Blick zu, mich noch einmal fest in den Arm nehmend. Geradezu schützend.
Nein- Er hatte ja Recht.. Ich War wirklich eine Schande.. So schwach, dass ich in den Armen meiner kleineren Schwester lag und mich
trösten ließ... Anstelle dessen, hätte ich auch einmal mehr Stärke beweisen können..
Ich stieß sie leicht von mir weg. Wie oft hatte ich schon Streit mit meinem Bruder gehabt, Wie oft wollte ich mich vor ihm nur einmal beweisen-und War meistens jedoch gescheitert. Sein Blick durchbohrte mich regelrecht. Diesmal wollte ich mir nicht die Blöße geben und ich richtete mich auf. Mein Körper schrie förmlich danach, sich sofort Wieder zu setzen, doch ich musste standhaft bleiben; die Schmerzen ausblenden.


"Haha, siehe da, klein Tony steht! Nur um gleich wieder zu fallen!"
So schnell, Wie er auf mich zustürmte, konnte ich kaum reagieren. Er packte mich am Kragen, wirbelte mich einmal herum und er
schleuderte mich auf den Flur. Seine Hand um meinen Hals gekrallt, rang er mich mit aller Kraft zu Boden. Beim Aufprall konnte ich mir ein ein lautes aufstöhnen nicht verkneifen. Sein Knie auf meinem einen Arm gedrückt, meine andere Hand mit seiner noch freien zu Boden drückend.
Eine Attacke, auf die ich momentan wirklich nicht gefasst war.
Klar, Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten waren bei Geschwistern bestimmt mehr als nur an der Tagesordnung - doch bei uns
Waren es mehr als nur einfache Rangeleien. Bei meinem Bruder zumindest... Er verspottete mich, wo er nur konnte und sein Verlangen, mich am Boden sehen zu wollen, stieg von Jahr zu Jahr stetiger.
Seitdem er regelmäßig mit meinem Vater unterwegs war, wollte er sich jeden Tag auf's neue beweisen und ich musste als der Leidtragende herhalten. Wundert mich, dass er mich noch nicht für seine Schussübungen dahingestellt hatte.
"Wie schwach du doch bist. Was willst du jetzt machen, hm? Wieder wie ein Fisch zappeln, der kurz davor ist, sein lächerliches, mehr als nur kümmerliches Leben auszuhauchen?" Er lachte laut und übte noch mehr Kraft aus. lch spannte meinen Körper an, biss mir auf die Zähne, verkniff mir jede nur erdenkliche Geste, die Schmerzen zu zeigen, die meinen ohnehin schon geschädigten Körper durchströmten, und schaute ihm in die Augen.

Er war stark - viel stärker als ich. Ich war mir seiner Stärke nur allzu bewusst - und doch wollte ich mich ihm nicht immer unterordnen müssen. Zudem er viel kleiner als ich war. Naja... Und doch war er mit seiner Stärke weit überlegen..

"Komm, Tony! Winsel noch einmal für mich! Winsel um Gnade!" Er verzog sein Gesicht zu einem Grinsen. Mit aller Kraft versuchte ich mich zu befreien, mich aus seinem Griff zu winden.
"Du bist so schwach!! Nicht einmal gegen deinen Bruder kannst du dich behaupten! Und dann Wundert es dich, wie Dad mit dir umgeht? lch finde, er war noch viel zu sachte mit dir gestern! Oder er hat mir einen Gefallen tun Wollen!"

Er verstärkte seinen Griff um meinen Hals und druckte fester zu. Hastig versuchte ich einzuatmen, doch die Luftzufuhr wurde mir
regelrecht abgeschnürt. Mein aufkommendes Husten bestätigte ihm, dass er mir wieder mal mehr als Überlegen War - und ich ihm restlos ausgeliefert.
"R-Racky.. Was so.. soll das! Lass mich.. los, verd.... "

"Nenn mich gefälligst nicht Racky, du nutzloser Abschaum!" Seine Augen funkelten erzürnt - in ihnen spiegelte sich pure Mordlust Wieder.
Er packte mein Handgelenk.
"Na? Willst du mich nicht abhalten? Hm? Du willst doch nicht, dass ich dir deinen wertlosen Arm breche? Auch, Wenn es zugegeben kein großer Verlust Wäre.."
Ich starrte ihn an, mein Körper bebte. lch durfte nicht Weinen. Nicht jetzt...

Komm schon, Anthony - zeig ihm, dass du stärker bist! Zeig ihm, dass er sich irrt! Zeig ihm, dass er keine Kontrolle mehr aber dich hat!
Ich verengte die Augen, allein schon, um den aufkommenden, brennenden Schmerz etwas mehr zu unterbinden. Die Luft wurde immer
knapper und meine Kehle brannte unaufhaltsam wie Feuer. Sein Gewicht drückte schwer auf mich.
lch drehte und wandte mich, bäumte mich leicht auf, versuchte mit aller Kraft mich zu befreien. Doch er streckte mich jedes Mal erneut.

"Das macht wirklich keinen Spaß mehr, Tons! Vater hätte dich gestern endgültig von deiner elend mickrigen Existenz befreien müssen!"
"Arackniss, verdammt! Es reicht doch wohl, dass Vater Tony gestern so zugerichtet hat! Hört doch endlich auf damit! Ihr benehmt euch
wie Kinder! Solltet ihr nicht eigentlich vernünftig sein? Vor allem du, Arackniss Als der Älteste von uns solltest du Tony beschützen und in allem bestärken und ihn nicht zu Boden ringen und ihm Schmerzen zufügen! Das weißt du!"
Ich drehte meinen Kopf in ihre Richtung. Japste verzweifelt nach Luft.
Wieder wurde alles schwarz vor meinen Augen und langsam musste ich mir wohl eingestehen, wieder in die Dunkelheit hinabzusinken.

„Du bringst ihn noch um, verdammt nochmal!" Sie zerrte an unserem Bruder, welcher nur verächtlich schnaubte, jedoch seinen Griff lockerte. lch ergriff die Chance. Mit aller Kraft trat ich aus, meine Tauben Beine konnten ihn nur minimal Schaden zufügen, doch es reichte, um mich einige Abstände von ihm zu entfernen. lch legte meine Hände um meinen pochenden Hals, sog gierig Luft in meine Lungen, der aufkommende, penetrante Husten jedoch erleichterte mir dies nicht Wirklich. Ich hatte das Gefühl, meine Kehle würde jeden Moment auseinandergerissen.
"Euch kann man wirklich nie alleine lassen! Ihr müsst nicht immer miteinander auskommen, das verlangt keiner! Aber dieses ewige
Machtspiel.. Es ist einfach nur unnötig! Ich weiß ihr beide kommt nicht gut miteinander aus, jedoch ist das keine Rechtfertigung für solche Gewalttätigen Ausführungen!

"Da muss ich ihr ausnahmsweise mal zustimmen!" Die tiefe, verruchte Stimme kam plötzlich wie aus dem Nichts und ich zuckte zusammen. Ich spürte einen eisernen Griff um meinen Arm und ich wurde wenige Sekunden später auch schon ruckartig nach oben gezogen. lch hob den Kopf und schaute in das ausdruckslose Gesicht meines Vaters. Ich schluckte schwer, versuchte instinktiv meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen und stellte mich so aufrecht ich konnte neben ihn. Alle Augen Waren auf ihn gerichtet, ebenso wie die Aufmerksamkeit jedes einzelnen von uns.
Es Wurde augenblicklich ganz still - eine trügerische Stille, die schon nach wenigen Sekunden kaum mehr auszuhalten War.
lch schielte in Richtung meines Vaters, der seinen Blick auf Arackniss manifestiert hatte.
"Was habe ich dir gesagt, Arackniss?
Mein Bruder verschränkte die Arme hinter seinem Rücken, nahm eine gerade Haltung an und räusperte sich.
"Keine Ausführung von stärkerer Gewalt innerhalb der Familie - vor allem nicht gegen die eigenen Familienmitglieder!"
lch merkte sofort, dass Arackniss mit jedem einzelnen Wort zu kämpfen hatte. Er spuckte die Worte schon fast aus.
Unser Vater nickte nur stumm.

„Und Was sollte das gerade?

"Warum nimmst du ihn denn jetzt in Schutz? Hast du gestern nicht das Gleiche getan? Mach mich nicht für etwas verantwortlich, was du vor Kurzem selbst auch verübt hast!"

"Das beantwortet nicht meine Frage! Sei froh, dass ich bei dir nicht ähnliche Maßnahmen bisher ergriffen habe. Oder sogar noch härtere Methoden angewendet! Also, noch einmal! Was sollte das?“

Arackniss warf mir einen hasserfüllten Blick zu und mein Magen verkrampfte sich. Ich verabscheute es, wenn er mich so ansah. Das hatte er von unserem Vater, doch manchmal hatte ich das Gefühl, dass es bei Arackniss noch viel durchdringender war.

"Also?!“

„lch....es gab keinen Grund, ok? Als ich ihn in Mollys Armen gesehen habe, und er wie ein kleines, verstoßenes Kind in geflennt hat kam es einfach über mich.. Es hat mich einfach übernommen..."

Geflennt? Arackniss schmückte seine Erzählungen ja mal wieder ganz schön aus. Das tat er immer, um mich noch mehr in den Schatten zu rücken. Molly und ich sahen uns an und schienen das gleiche zu denken. Doch Wir schwiegen. Es wäre das Beste in einer Situation wie dieser.

„Hast du gestern oder in kürzester Zeit etwas genommen?“

Mein Bruder schaute etwas verunsichert auf und schien seine Antwort erst einmal überdenken zu Wollen.



"Ob du was genommen hast, will ich wissen! Jetzt!"
Wir alle zuckten zusammen, als er diese Worte förmlich durch den Flur brüllte.
Arackniss schnaubte und verdrehte nur die Augen.

"Also ja?“

Er nickte nur stumm.

"Kannst du mir das auch ins Gesicht sagen? Meine Ungeduld hält sich heute nur sehr stark in Grenzen!"

Das soll doch jetzt wohl ein Witz sein, dachte sich Arackniss und verärgert, jedoch versucht beherrscht gab er zur Antwort:

"Ja, Sir ich habe gestern Abend Drogen zu mir genommen... „

"Na also, geht doch...", brummte Dad und warf Arackniss einen verächtlichen Blick zu.
"Du solltest inzwischen gut genug Wissen, Wie du und dein Körper darauf reagieren. Der Zugang zu den Drogen sei dir nicht verwehrt; aber wenn du sie schon konsumierst, dann wahre trotzdem Anstand und falle nicht wie ein wild gewordenes Tier aber andere her. Kenne deine Grenzen! Ich habe dich besseres belehrt! In aller Hinsicht! Oder war die Mühe etwa vergebens und du auch nur wie dein Bruder ein Fehlerhaftes Produkt der Schöpfung?!“

Autsch... das tat mehr als nur weh... auch Wenn es nahezu alltäglich war und ich so etwas andauernd zu hören bekam, tat es doch immer wieder weh. Mehr als das... Es zerriss mich jedes Mal aufs Neue...
Auch Arackniss schien das mehr mitzunehmen, als er wohl je zugegeben hätte.

„Molly, Arackniss – geht! Ich habe mit Tony einige Dinge zu klären. Allein!“

Molly sah mich besorgt an; von meinem Bruder jedoch bekam ich wie immer nur pure Verachtung. Er nickte nur kurz, wandte sich zum Gehen, schaute jedoch noch einmal zurück und sagte mit einem leichten Grinsen „Vielleicht zeigt Dad dir ja jetzt doch genug Gnade und erlöst dich von deinem elenden Leid!“

Er zuckte kurz etwas zusammen; offenbar hatte Dad ihm diesmal keinen Zuspruch gegeben. Ich drehte leicht meinen Kopf in seine Richtung und mir wurde schlagartig kalt und flau im Magen. Diese Emotionslosigkeit, diese eiserne Kälte, die er ausstrahlte... Als würde er mit nur einem Blick deinen Willen brechen und die Kontrolle über dich übernehmen. Die Vermittlung, sich absolut wertlos und minderwertig zu fühlen.

„Bitte entschuldige, Sir... Ich ziehe mich schon zurück. Molly?“ Er drehte sich zu ihr und sie schien kurz zu zögern. Sie wendete noch einmal den Blick zu mir und ich nickte ihr daraufhin aufmunternd zu; versuchte, ein leichtes Lächeln aufzubringen, um zu signalisieren, dass es für mich in Ordnung sei.
„Viel Glück, Tony“, formte sie mit ihren Lippen, schenkte mir ein warmes Lächeln und schloss sich dann meinem an.

Da stand ich nun.
Den Blick auf den leeren, sich schier ewig lang ziehenden Flur, gerichtet. Den kalten Atem meines Vaters sichtlich im Nacken spürend. Jedes Haar stellte sich einzeln auf und die beklemmende Stille wurde immer unerträglicher. Ich wagte es nicht, das Wort an ihn zu richten; hoffte, dass er bald die unangenehme Stille brechen würde – einfach irgendetwas tat.... egal was.

„Also, Anthony. Wir sollten uns ausgiebig unterhalten. In meinem Büro!“
Er schien diese Anweisung absichtlich hinausgezögert zu haben. In dieser Zeit wagte ich kaum zu atmen.
Ich nickte stumm und er streckte seine Hand aus – bedeutete mir, dass ich ihm folgen sollte.

Schweigend ging ich ihm nach. Das Büro. Ein Zimmer, dass ich nie wirklich richtig zu Gesicht bekommen hatte. Arackniss verbrachte dort sehr viel Zeit; meistens wegen irgendwelchen geschäftlichen Dingen.

Falls es noch nicht klar sein sollte – beide gehörten der Mafia an. Mein Dad hatte einige Reviere und sich eine hohe Position erarbeitet. Mein Bruder wurde schon mit etwa fünfzehn Jahren fest in dieses Geschehen involviert. Zu diesem Zeitpunkt besaß er selbst ein eigenes, kleines Revier – vielleicht sogar mehrere. Um genau zu sein, wusste ich es nicht. Ich verstand nicht wirklich viel von der Mafia. Im Gegensatz zu meinem Bruder wurde ich nie in Verbindung zur Mafia gebracht – mein Vater sagte nur immer wieder, dass es mich nichts anging und ich mich aus solchen Angelegenheiten herauszuhalten habe. Ab und an kam er zu mir und ich sollte „kleinere Aufträge“, wie er es nannte, für ihn erledigen. Damals wusste ich auch nicht, wie gefährlich manch eine Situation werden konnte. Ich war froh für ihn einmal nützlich sein zu können.

_
Ich war damals etwa zwei Jahre älter als Arackniss, bevor er mit der Mafia anfing, und ich zum ersten Mal in eine seine Machenschaften gezogen wurde. (Ich war zu dem Zeitpunkt etwa 17 Jahre alt)
Es war eigentlich recht simpel.
In der Nacht in einer abgelegenen Seitengasse sollte ich auf jemanden warten, welcher eine Lieferung für meinen Vater hatte.
Ich habe mich damals auch schon gefragt, warum diese Übergabe nachts und im Verborgenen stattfinden sollte. Ich war jung, naiv, unüberlegt und dachte noch nicht wirklich viel über solche Transaktionen nach- ich lebte in einer ganz anderen Welt. Doch in erster Hinsicht wollte ich einfach nur, dass mein Vater stolz auf mich sein würde und ihm beweisen, dass ich auch wie mein Bruder sein konnte – welchen er so sehr bevorzugte.

„Warte nur ab, Tons – das wird nicht so leicht, wie du es dir vielleicht noch vorstellst. Den Typen ist dein Leben sowas von egal. Machst du eine falsche Bewegung, hast du ´ne Kugel zwischen den Augen. Sprich: Das war´s mit deinem jämmerlichen Dasein!“
Lachend saß er auf der Lehne unseres verwetzten Sofas und hemmte meine Euphorie, als ich ihm von meinem ersten Auftrag erzählte und dass ich, wenn alles gut laufen würde, vielleicht auch zur ´Gang´ gehören würde... Nicht der richtige Begriff, den man in Bezug auf eine Mafia verwendete, was ich damals auch erst im Verlauf der Jahre alles lernte...
Wie gesagt, ich war naiv und... hatte wirklich keine Ahnung, wie die Dinge in Wirklichkeit abliefen. Wirklich.... absolut keine Vorstellungen. Vielleicht war das der Fehler?
Ich war euphorisiert, aufgeschlossen... und mehr als unvorsichtig.
Ich stellte mich dieser Herausforderung, wollte mich beweisen. Und so kam ich selbstverständlich zum genannten Treffpunkt zur genannten Zeit. Ich war mehr als aufgeregt. Mein ganzer Körper stand unter Spannung. Ich zuckte bei jedem noch so kleinen Geräusch zusammen, fühlte mich ständig beobachtet und teils verfolgt. Jedoch konnte ich nie jemanden in meiner Nähe ausmachen.
Ich versuchte, Ruhe zu wahren.
„Komm schon, Tony! Du kannst das! Zeig Dad, dass er sich all die Jahre in dir geirrt hat. Zeig ihm, dass du genauso wie dein Bruder...“. Ein Schatten, welcher sich urplötzlich auf mich zubewegte, ließ mich zusammenfahren und mein Herz pochte wie wild. Jeder Muskel war angespannt und meine Gedanken überschlugen sich. Ich stand inmitten der Gasse; die Hände tief in meinen Mantel vergraben. Erst jetzt kam es mir schlagartig in den Sinn: Sollte dies eine Art Hinterhalt sein, gäbe es kein Entkommen mehr. Ich war umgeben von verdreckten Steinmauern... Ich war eingesperrt. Der einzige Fluchtweg bot sich vor mir.
Dort wo nun der Fremde stand – und ich hatte keine wirklich keine Ahnung, von wo er auf einmal gekommen war. Hatte er mich schon länger beobachtet? War er alleine? Ich konnte kaum etwas erkennen. Ich fühlte mich zunehmendst unwohl und ja... Ich hatte Angst. Nicht wirklich vor diesem Typen (Fehler Nummer 1), vielmehr davor, zu versagen.

„Nimm das Paket, welches er dabei hat, gib ihm das Geld.... Nein, gib ihm erst das Geld und nimm dann das Paket... Ja, so ist es besser. Also – Geld, Paket und fertig! So schwer ist das nicht!“

So in etwa hatte man mir das ganz einfach gesagt. Es war gar nicht schwer... Es konnte nichts schief gehen.
Ich schluckte schwer, atmete einmal tief ein und versuchte ganz entspannt zu wirken.
Zum ersten Mal musterte ich meinen Gegenüber genauer.
Ein großer, breit gebauter Mann, welcher leise aus den Schatten trat. Sofern ich etwas bei der um mich herrschenden Dunkelheit erkennen konnte... Er war in lange, dunkle Kleidung gehüllt. Um seinen Mund trug er einen Schal und seine Augen blitzten nahezu bedrohlich unter den Schatten seines Hutes hervor.
Er blieb etwa 3 Meter vor mir stehen. Unter seinem linken Arm einen kleinen Pappkarton haltend.

Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte, geschweige denn in solch einem Moment angebracht gewesen wäre.
Zum Glück erhob er kurzerhand seine Stimme. Eine Stimme, welche so rau, dumpf und einfach nur angsteinflößend war. Ebenso wie sein Erscheinen vor mir.

„Du bist also Anthony?“

Ich nickte und er fixierte mich genau mit seinem Blick, als würde jede noch so kleinste Bewegung von mir eine Gefahr oder etwas dergleichen darstellen – als könnte ich ihn jeden Moment mit einer Waffe auf ihn losstürmen. Ich wünschte, ich hätte damals überhaupt eine Waffe bei mir gehabt oder etwas, mit dem ich mich in Notfällen hätte verteidigen können. Mir wurde zunehmend immer mulmiger und die Aufregung und Angst stieg ins Unermessliche.

„Ich habe heute noch andere Geschäfte zu tätigen, kleiner! Gib mir das Geld und die Sache geht auch für dich schnell von statten.!“

Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen, als ich in meine Hosentasche griff und die unzähligen, gebundenen Scheine hervor holte, welche mein Dad in eine kleine Tüte verpackt hatte.
Meine Hände zitterten stark – Ich wünschte es käme nur von der Winterkälte.

„Also? Hast du´s jetzt?“

„J – Ja! Hier! Ganze 3 Tausend Dollar“, erwiderte ich und fragte mich erneut ein vielfaches, was so wertvolles in diesem Karton enthalten war. Einen wirklich hochwertigen Eindruck wurde beim Anblick der Schachtel nicht wirklich vermittelt. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir dies nämlich nicht mitgeteilt – ich war schließlich... naja, nur ein Bote... Ein Bote, der schneller eine Antwort auf seine Fragen erhalten würde, als ihm lieb war.

Mit einer schnellen Bewegung riss der Fremde de Tüte an sich, sein Blick gefühlt noch immer genau mich fixierend. Langsam öffnete er die Tüte, zog das Geld heraus und zählte genau nach. 3 Tausend Dollar... Wirklich eine Menge an Geld. Dass mein Vater mir diese überhaupt anvertraut hatte. Vielleicht sah er ja doch etwas mehr in mir?
Insgeheim hoffte ich, dass sich mein Vater nicht verzählt hatte. Bei einer so wichtigen Angelegenheit eher unwahrscheinlich, da er auf Genauigkeit einen sehr hohen Wert legte. Aber was, wenn er mir mit Absicht weniger Geld gegeben hatte, nur um mich hier und jetzt in eine ausweglose Situation zu bringen, die mich vielleicht sogar mein Leben kosten könnte? War das vielleicht seine Absicht? Konnte ich meinem Vater so leichtfertig vertrauen, nach allem, was er mir schon angetan hatte? Er war unberechenbar... Und oft genug hatte er mir vorgehalten, er würde eine Nutzlose Kreatur wie mich mit einfachen Mitteln beseitigen können. War das sein Plan?
Mich hier und jetzt in eine Falle zu locken.
Ich beäugte meinen Gegenüber skeptisch, welcher noch immer das Geld zählte, im Mundwinkel eine Zigarre haftend. Wann hatte er diese bitte hervorgeholt? Oder hatte er sie schon eine Weile im Mund und ich hatte es nur nicht auf Anhieb bemerkt? War ich so unaufmerksam?
Er schaute mir tief in die Augen. Ich schluckte und wäre am liebsten einige Schritte zurück gegangen. Ein mulmiges Gefühl überkam mich und ich hatte mit größter Mühe,zu kämpfen, mich zu beherrschen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit nickte er nur, steckte das Geld ein und streckte mir das Paket entgegen. Ich nahm es mit leicht zitternden Händen an und der Mann drehte sich daraufhin auch schon.

„Sei bloß vorsichtig, kleiner! Vorsichtig mit der Ware; und noch vorsichtiger, in wessen Revieren du dich um diese Zeit herumtreibst! Sonst wirst du nicht viel Freude damit haben. Ich kenne deinen Vater. Er ist mein bester Handlungspartner. Dies ist kein einfaches Geschäft – du solltest mehr Stärke und Selbstbewusstsein ausstrahlen, oder du machst es hier nicht mehr lange, mein Freund!“

Damit wandte er sich ab und verschwand in der Dunkelheit.
Ich starrte ihm noch eine Zeit lang hinterher. War das eine Drohung? Oder doch nur ein ernst gemeinter Ratschlag?
Ich begutachtete das Päckchen. Das Innere war mit einer Art Tuch umhüllt und mit einigen Schnüren fest gebunden worden. Es war erstaunlich leicht – leichter, als ich es mir vorgestellt hatte.
Ich atmete noch einmal tief durch und sortierte meine Gedanken.
Auf direktem Wege nach Hause... Von hier waren es etwa 20 Minuten zu Fuß.
„Du hast, was du brauchst – Jetzt geh einfach nach Hause, man!“, ermahnte ich mich selbst und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Möglichst leise und unauffällig. Zumindest glaubte ich das... Die Worte des Fremden wie ein immer wiederkehrendes Echo in meinem Kopf dröhnend.
„Einfach geradewegs nach Hause! Dreh dich nicht um; sei einfach nur schnell....“
Im Schatten der Dunkelheit bewegte ich mich fort, wog mich allmählich immer mehr in Sicherheit (Fehler Nummer 2).
Ja, ich genoss die Stille regelrecht. Die langen, dunklen, nur leicht beleuchteten Gassen wandelten sich immer mehr zu einer beruhigenden Idylle. Ich schloss die Augen, lauschte nur noch, wie der Wind einige Blätter auf dem Boden tanzen ließ, hier und da das Zirpen einer Grille. Ansonsten war alles still. Ich nahm einen langen Atemzug. Ich genoss die Freiheit, welche ich in diesem Moment verspürte und konnte mich von allem loslösen. Endlich funktionierte alles, wie ich es wollte. Wie ich es mir nur einmal erwünscht hatte. Selten hatte ich dieses Gefühl je verspürt. Ein Gefühl, sich loslösen zu können von allen Problemen und einfach nur... frei zu sein. Frei von Pflichten, frei von Gewalt; frei und Unabhängig... einmal das Gefühl zu haben, zu Leben. Ein leichtes Lächeln legte sich über meine Lippen und ich genoss es, wie der Wind sacht mit meinen Haaren spielte.
Doch von einen Moment auf den anderen schien die Idylle auch wieder zu zerbersten. Ein lautes, klickendes Geräusch schreckte mich aus meiner kleinen, ach so heilen Welt und Ich hielt inne. Ich horchte angestrengt, doch ich konnte weder etwas auffälliges hören, noch sehen. O- oder doch? Ich drehte meinen Kopf und suchte die Gegend hinter mir vorsichtig ab- meine Finger krallten sich regelrecht in das Päckchen, welches ich fest an mich drückte. Wie zu erwarten war dort nichts....
Als ich mich jedoch wieder umdrehte, erschrak ich und konnte einen leichten Aufschrei nicht unterdrücken. Wie aus dem Nichts waren plötzlich etwa nur noch 3 Meter von mir entfernt zwei Gestalten aufgetaucht, welche sich mir in den Weg stellten.
Geschätzt zwei Jungen in etwa Arackniss´Alter, wenn nicht sogar noch etwas älter. Sie waren beide viel größer, als ich und waren in dunkle Kleidung gehüllt, welche von Nieten und verschiedenen im fahlen Licht glänzenden Metallketten geziert wurden. Sie verschränkten die Arme und starrten mich finster an.

„Irgendwie schon süß, wie er allen Ernstes wirklich geglaubt hat, in Sicherheit zu sein! Also, hör gut zu, Frischling; da du offensichtlich keine Ahnung hast, was das alles hier überhaupt abläuft, hm? Ich glaube du könntest eine kleine Lektion gut gebrauchen!“

Sie grinsten mich an und meine Unsicherheit stieg immer mehr an. Verdammt.... Alles lief doch so gut... Was wollten diese Typen von mir?

„Also, wie wär´s, wenn wir dir das alles mal etwas Schmackhafter machen?“
Der größere von beiden packte mich unsanft an der Schulter, der andere zückte einen Gegenstand.
Fuck – ein Messer?! Was hatten diese Typen genau vor? Panik stieg in mir auf.

„Zappel nicht so, oder es wird wirklich weh tun! Du bist also Anthony? Der Bruder von Arackniss?“ Sie kannten also meinen Bruder...
Als der Junge mit dem Messer ein Stück näher kam, nickte ich hastig.

„Ja, wir haben schon ein paar Dinge über dich gehört!“ Beide lachten.
„Daddy gibt seinem Söhnlein also doch eine Chance, sich beweisen zu können? Wäre doch wahrlich zu schade, wenn da irgendein dummer Zwischenfall passieren würde, oder?“
Ruckartig riss er mir das Päckchen in der Hand.
„Was verdammt noch mal soll das?“, schrie ich auf und bekam einen harten Schlag in die Seite. Ich keuchte leicht auf.
„Du stellst hier keine Fragen, kleiner! Also... Du hast keine Ahnung, was da überhaupt drinnen ist, oder?“ Hämisch grinsend hob er das Päckchen hoch.
Ich starrte ihn finster an. Doch....  Ich musste mir eingestehen, dass er Recht hatte. Ich hatte wirklich keine Ahnung. Konnte er das etwa wissen? Gehörten die beiden ebenfalls der Mafia an oder suchten sie einfach nur Streit? Kamen sie aus einem anderen Revier?
Erwartungsvoll schaute er mich an.
„Wolltest du mich nicht belehren? Dann sag es mir!“ Ich weiß nicht, was es war, warum ich das antwortete. Ich hätte einfach nur mit Nein antworten können. Doch etwas kam einfach über mich. Ich wollte nicht länger so behandelt werden wie ein kleiner, nutzloser Junge, der absolut nichts zu sagen hatte.
„Na, wann beginnt die Lektion?“ Himmel, Tony.... hör auf! Provoziere sie nicht auch noch....
Sie starrten mich an, hatten wohl nicht mit so einer Antwort gerechnet... ebenso wenig wie ich... Doch diese Chance wollte ich für mich nutzen. Diesmal nicht.... Diesmal gab ich nicht so leicht bei! Meine Miene verfinsterte sich, ich packte mit meinem Arm das Handgelenk des Jungen, welcher seine Finger noch immer in meine Schulter bohrte.
Diesmal..... Nicht!
Ich riss es herum, der Junge schrie leicht auf. Diese Bestätigung reichte mir. Ich zog ihn ein Stück näher mich heran.
„Vorher habe ich noch eine Lektion für euch!“
Mit ganzer Kraft rammte ich ihm meine Faust in den Bauch. Er krümmte sich und mein nächster Schlag ließ nicht lange auf sich warten. Ein gezielter Treffer mit meinem Knie gab ihm endgültig den Rest. Kauernd kniete er zitternd vor mir auf dem Boden.

Mein Herz raste und mein Atem war unkontrolliert schnell. Was hatte ich da gerade getan? Ich hatte ihn wirklich zu Boden gebracht? Ich wusste nicht, o ich mehr überrascht oder entsetzt sein sollte. Alles um mich herum drehte sich, meine Gedanken überschlugen sich und ich starrte auf den Jungen vor mir. Er sah wirklich sehr mitgenommen aus. Ich konnte nicht glauben, dass ich doch so eine innere Stärke besaß.... solch eine offenbare Kraft. Wo war diese all die Jahre zuvor gewesen?

„Ach du scheiße...“, hörte ich es leise hinter mir. Ich drehte leicht meinen Kopf und schaute in das entsetzte Gesicht des anderen Jungen, dessen Blick zwischen mir und seinem Begleiter hin- und herwechselte.

„Gib mir das Päckchen zurück oder dir ergeht es genauso!“ Wie in einem Rausch und von Adrenalin und Euphorie gepackt, kam es aus mir heraus.... Ich wurde zu übermütig.

„Haha, du willst es zurück? Du willst es wirklich darauf anlegen? Ist dir das so wichtig? Daddy stolz zu machen?“ Er lachte laut auf.
„Du hast keine Ahnung! Sprich nicht so über Dinge, die du nicht verstehst!“
Ich wandte mich ihm zu, mein Körper zitterte. Jedoch diesmal nicht vor Angst, sondern vor Aufregung, Anspannung.... Adrenalin. Eine Stärke, die ich bisher nie zuvor verspürt hatte.
Ich verzog mein Gesicht zu einem Grinsen und trat einen Schritt auf ihn zu.
Oh Gott, Tony.... hör auf, mach den Rückzieher! Er hat ein Messer und ist viel größer als du! Das kannst du nicht gewinnen!
„Also, will ich es darauf anlegen? Sieht wohl ganz so aus, oder?“
Unsere Blicke trafen sich, einer so stechend wie der andere. Ich schaute nicht weg. Ich würde nie wieder wegschauen!
…. Das war so falsch! Was machte ich hier überhaupt? Er könnte mich ganz leicht umbringen! Mit nur wenigen Messerstichen und es wäre vorbei....
„Na gut kleiner, aber denke nicht, dass ich Rücksicht auf dich nehmen werde! Die Mafia ist kein Ort für Leute wie dich! Du magst meinen Freund hier vielleicht überrumpelt haben, aber mehr auch nicht! Bilde dir nicht so viel ein! Du bist schwach! Du spielst ganz schön mit dem Feuer!“
„Nenn mich gefälligst nicht kleiner! Vielleicht sollte aber mal jemand dich auf diese Größe reduzieren!“
Wieso nur sagte ich sowas? Bitte... Tony, halt die Klappe! Er wird dich nicht verschonen! Er ist keiner der Typen, die Bellen, aber nicht beißen! Mach.... den … Rückzieher...!

„Ich stehe frei! Dann beweise doch mal deine wahre Größe!“

Eine unkontrollierte Euphorie kam in mir auf. Ein Feuer, das meine Entschlossenheit noch mehr anfachte. Es strömte regelrecht durch meinen gesamten Körper. Als würde sich dieser bis zum Maximum mit Energie laden. Ich ballte meine Fäuste. Ich fühlte mich stärker denn je und nein, ich machte keinen Halt mehr. Ich ging einige Schritte auf ihn zu, den Blick konzentriert auf ihn gerichtet. Er setzte sich blitzschnell in Bewegung, die Hand mit dem Messer auf mich zurasend. Ich duckte mich, rammte ihm meinen Ellbogen in die Rippen und wirbelte schnell herum. Sein Angriff war nahezu berechenbar. Mein Bruder nutzte diese Taktik zu Anfang auch immer. Das erkannte ich an dem leichten Zucken in seinem Arm, jedes Mal, wenn er kurz davor stand, seinen Angriff auszuüben. Ebenso war es auch bei diesem Typen gewesen.



Er drehte sich zu mir, Verwunderung in seinen Augen, die Hände an seine schmerzende Stelle gelegt. Kalter Hass zog sich über seine erstarrte Miene. Ich grinste ihn herausfordernd an.

„Na warte, so einfach kommst du mir nicht davon!“
Er startete einen neuen Angriff, es fiel mir zunehmend schwerer, diesen abzuwehren. Ich fixierte sein Messer. Ich musste versuchen, es ihm zu entwenden.... Fehler, dieser Gedanke gab ihm genug Zeit binnen Sekunden mit der anderen Hand zuzuschlagen. Er traf genau meine Schläfe. Ein heftiger Schmerz durchfuhr mich, kurze Zeit wurde es dunkel und meine Sicht verschwamm. Mein Kopf dröhnte und pochte, seine Schreie unverständlich in meinem Schädel hallend. Ich konnte nur das leichte aufblitzen eines Gegenstandes wahrnehmen. Das Messer...
„Dachtest du wirklich, du hättest eine Chance gegen mich? Lachhaft. Na komm, bringen wir es zu Ende.“
Zwei Hände schlangen sich von hinten um mich, quetschten regelrecht meinen Brustkorb zusammen und ich hatte das Gefühl, meine Rippen würden nach innen gedrückt. Ein fester Griff, gegen den ich so schnell nichts ausrichten konnte. Er drückte fest zu. Ich schrie auf und er rang mich kurzerhand auf meine Knie... Ich war so sehr auf den Kerl mit dem Messer vertieft, dass ich seinen Komplizen völlig vergessen hatte. Er hatte sich leise aufgerichtet und nur auf den passenden Moment gewartet..... FUCK!!!

„ Ich glaube ich muss dir mal klar machen, wie klein DU wirklich bist! Klein, schwach, unbedeutend. Du hättest in der Mafia nicht einen Tag überlebt! Überlass solche Sachen lieber deinem Bruder, der kann sich wenigstens auch richtig behaupten! Dass dein Daddy dir wirklich eine Chance gegeben hat.... jemandem wie dir.... Aber er wird ja sehen, dass seine Zweifel an dir berechtigt waren, hmm?“

Woher wussten sie so viel über die Situation zwischen mir und meinem Dad? Oder blufften sie nur? In welchem Verhältnis standen sie zu meinem Bruder?

Ich hatte alle Mühe, mein Bewusstsein nicht wieder zu verlieren. Mein Kopf dröhnte und hämmerte, die Situation um mich herum eskalierte komplett... Warum konnte nicht einmal etwas funktionieren? Zu meinen Gunsten laufen? Warum nur...

Unsacht wurde mein Kopf nach hinten gezogen. Ich stöhnte auf, wollte einfach nur noch weg von hier... Weg von allem...

„Verschwinde besser aus der Bildfläche oder das einzige, was du in der Mafia zu suchen haben wirst, ist ein Platz als derjenige, an dem ein Exempel stattfinden wird, was mit jenen passiert, die so richtig hart scheiße gebaut haben. Und glaub mir, dagegen ist das hier nichts! Du wirst du wünschen, niemals geboren worden zu sein!“
Ja- das wünschte ich mir doch so auch schon....
„Also, sollten wir uns doch noch einmal sehen, kannst du ja mitteilen, wie es mit Daddy so gelaufen ist!“
Ein heftiger Schlag auf die Nase schien mir kurzerhand gefühlt den kompletten Knock out zu verpassen... Den Gefallen tat mir jedoch keiner. Mein Körper wurde hart auf den Boden geschleudert.

„Hier, die wirst du brauchen! Eine Überdosis führt auch zum Tod!“

Er warf das Päckchen neben mich und lachend zogen die beiden sich zurück.
Alles drehte sich, ich hatte das Gefühl jeden Moment in einen niemals endenden Strudel der Finsternis gezogen zu werden...
Der Boden war hart und kalt. Eine Kälte, die sich zunehmend auf mich übertrug.
V-verdammt... Wie sollte ich Vater so unter die Augen treten?
Ich schloss die Augen, doch der Schwindel setzte immer mehr ein. Mein Körper zitterte, ein Gefühl des absoluten Versagens kam in mir auf.
Warum.... haben sie es nicht beendet? Was redeten sie von einer Überdosis?
Zitternd hob ich leicht den Kopf, versuchte das Päckchen vor mir auszumachen. Alles drehte sich und es fiel mir schwer, nicht komplett dem Gefühl nachzugeben... Dem Gefühl, einfach liegen zu bleiben... Bis … Ja, bis was? Worauf wartete ich eigentlich? Den Tod? Ich hatte schon oft darüber nachgedacht, wie es wohl wäre.... Stand schon mehr als einmal kurz davor... Doch dies war nicht das Ende... Er hätte einfach das Messer nehmen sollen und es in meine Brust rammen können... Warum hatte er es nicht einfach getan?
Es war doch jetzt sowieso alles vorbei...

Ich griff nach dem Päckchen. Es war aufgerissen und als ich es leicht zu mir zog , fielen mehrere kleine Tüten heraus. Diese schienen recht unbeschädigt. W-waren das etwa wirklich... Drogen? In meinen Augen nichts weiter, als irgendwelches Pulver, manche sahen aus wie getrocknete Pflanzen... Die wohl schon etwas mehr durchgemacht hatten... Drogen also... Ich hatte nie zuvor etwas mit Drogen zu tun gehabt. Ich wusste, dass Dad und Arackniss wohl welche besaßen – ihre Wirkung hatte ich mehr als einmal mitbekommen. Ich erinnere mich noch, als mein Bruder zum ersten Mal heimlich irgend so ein Zeug genommen hatte.
Er schrie, wandte sich, lachte und weinte... Ein Ausbruch an Emotionen, den ich mir nicht erklären konnte. Er redete wirres Zeug, war völlig abwesend. Dad war sehr erzürnt, schickte mich weg und kümmerte sich um ihn... Alles weitere konnte ich gelegentlich nur spekulieren...
Was war so besonders an diesen Drogen? Konnte man wirklich daran sterben? Hatten diese Typen die Wahrheit gesagt?
Ich starrte die verschiedenen Tütchen an, welche sich vor mir befanden. Konnte dieser Inhalt einem Wirklich den Weg ins Jenseits bereiten? Hatte ich überhaupt noch etwas zu verlieren? Meine zitternde Hand griff nach einem der Tütchen. Ich beäugte den Inhalt. Ein weißes Pulver, auch ein paar etwas größere Stückchen waren mit drin. Für mich sahen sie einfach nur wie sehr kleine, abgerissene Papierfetzen aus... Aber was wusste ich schon – ich hatte keine Ahnung von dem Zeug. Ich schüttelte den Kopf, versuchte meine Gedanken frei zu bekommen, mich zu beruhigen. Mein Körper war schwach, mein Geist mehr als gebrochen. Wie sollte ich so jemals nach Hause gehen? Ich konnte meinem Vater so doch nie wieder unter die Augen treten.... Ich hatte versagt.
Ich hatte verloren. Ich hielt die Tränen nicht länger zurück und ließ sie langsam meine Wange entlang ihren Weg bahnen. Meine Augen brannten, die Tränen vermischten sich mit dem Blut, welches aus meiner Nase und einer kleinen Platzwunde nahe meiner Schläfe lief und hinterließen ihre Spuren vor mir auf dem Boden. Ich versuchte, mich aufzurichten, stemmte mich mit den Händen ab und drückte meinen Körper nach oben, welcher gefühlt das Doppelte zu wiegen schien. Ich hievte mich mit aller verbliebenen Kraft auf, jede noch so kleinste Bewegung hätte mich am liebsten aufgeben lassen.
Wofür lohnte es sich überhaupt noch zu kämpfen?
Wenn ich nach Hause kam, würde Dad endgültig mit mir abrechnen... Es war vorbei... Ich hatte versagt. Ich hatte ihn enttäuscht.
Wie sollte ich ihm das erklären? Er hatte mir offenbar wirklich vertraut... Und dieses Vertrauen hatte ich nun vollends zerstört.
Aus so viel anfänglicher Hoffnung wurde eine bittere, eiskalte Wahrheit, welche mir erneut schmerzhaft offengelegt wurde.
Ich würde ihn niemals zufriedenstellen können. Ihn niemals Stolz machen können.... Es blieb gelegentlich nur ein Produkt meiner Fantasie und nichts weiter.
Was wäre, wenn ich die Tütchen einfach wieder aufsammle, das Päckchen neu binde und so tue, als wäre nichts passiert? Würde er es bemerkten? Konnte ich überhaupt sichergehen, dass diese Typen alles wirklich unversehrt ließen?
Nein... konnte ich nicht... Und doch sammelte ich alles schon fast mechanisch wieder auf. Ich hatte nichts mehr zu verlieren... Und irgendwann müsste ich ihm so oder so wieder unter die Augen treten... Wo sollte ich auch sonst hin? Zudem würde er mich finden... Er oder Arackniss...
Meine Hände bewegten sich nur mühsam langsam, doch wie in Trance schob ich alle kleinen Tüten mit deren so unscheinbar tödlichen Inhalt zusammen. Als ich alle Tütchen wieder mit dem Papier umwickeln wollte, legte sich unfassbar schnell etwas um mein Handgelenk. Der Druck war enorm und ich ließ die Tütchen fallen, meine Hand verkrampfte sich leicht. Mein Handgelenk fing stark an zu pulsieren und ich hatte das Gefühl, als würde mir dieses jemand jeden Augenblick brechen oder gar ausreißen wollen. Ich drehte meinen Kopf und der Schrecken durchfuhr mich, wie ein gewaltiger Blitzschlag. Ich wagte nicht zu atmen. Ein Blick, welcher sich durch mich hindurch bohrte.... und mehr als nur den einfachen Tod versprach. Ich schluckte..

„H-hey.... D-dad...“
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