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Die Möchtegern-Muggel

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
Augustus Pye OC (Own Character)
05.06.2020
05.06.2020
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Die Möchtegern-Muggel

Die Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meinem Vermögen und Urteil, mich davon fernhalten, Verordnungen zu treffen zu verderblichem Schaden und Unrecht.
Aus dem hippokratischen Eid.

- - - - - - -

Augustus Pye hatte sein Ziel beinahe erreicht. Ein kleines Haus am Ende der Straße - das mit der leuchtend grünen Fassade gänzlich aus der Reihe tanzte.
Die Besitzerin dieses Hauses war Augustus neuste Patientin, infolge seines endlich gestatteten Medizinsiche-Muggel-Methoden Projekts. Schon immer hatte er sich für die Muggelmedizin begeistert. Für ihn gab es nichts faszinierenderes, als Wunden von Hand zu schließen, oder den Geist eines Menschen durch Gespräche zu heilen.
Es hatte lange gedauert, bis das St. Mungo und das Ministerium ihm die Erlaubnis für dieses Projekt erteilt hatten. Doch da nach dem Krieg mehr als ein Zauberer auf der Geschlossenen gelandet war, verfolgt vom Wahn der Schlaflosen, waren sie schließlich gewillt den Versuch zu starten. Es gab keine magischen Heilsprüche die die Erinnerungen an all die Toten und Verletzten vernichten konnten.
Ich habe nicht die Zeit, regelmäßig nach ihr zu schauen“, hatte ihr Bruder gesagt. „Aber sie braucht jemand der mit ihr redet. Wirklich redet. Über ihre... Probleme.“
Beschwingten Schrittes überwand Augustus die letzten Meter und durchquerte den kleinen Vorgarten. Die Sonne lachte vom Himmel, fing sich in Fensterscheiben und den Ästen der Bäume am Straßenrand. Diese Muggelsiedlung schien einem Bilderbuch entsprungen.
Die Rosenstöcke im Vorgarten Miriam Wendles hingen voller Hagebutten. Und zwischen den Hagebutten hingen Schrauben und Schlüssel und andere seltsame Muggeldinge in den Zweigen. Sie klimperten leise gegeneinander, wenn der Wind sie streifte.
Miriam Wendle hatte nichts mit dem großen Zaubererkrieg zu tun gehabt. Sie kannte den Namen von Ihm-dessen-Name-nicht-genannt-werden-durfte nur aus dem Mund ihres Bruders. Ihre Probleme waren gänzlich anderer Natur.
Probleme.
Ihr Bruder hatte es als Wahnsinn bezeichnet.
Augustus bezeichnete sie als den interessantesten seiner Fälle.
Er hob die Hand und drückte den Klingelknopf. Warm schallte der Ton durch das Haus. Vergnügt pfiff Augustus ein Lied vor sich hin, während er wartete. Wie alles an Miriams Haus war auch die Haustür ihrem Schreibwahn nicht entgangen. Worte, angefangene Sätze und hier und da ein kleiner Reim.
Ein schwarzer Edding. Sie hatte ihn immer dabei.
Die Verse standen an den Wänden, auf den Treppenstufen und auf kleinen Notizzetteln die überall zu finden waren. Auf Kaffeetassen, zwischen Buchseiten, auf der Küchenzeile, ab und an auch zwischen dem Geschirr, oder am Boden eines Kochtopfs. Ihr Bruder hatte gesagt, dass in diesem Haus genug Gedichte und Geschichten schliefen, um ganze Bücher damit zu füllen.
Seit seinem letzten Besuch war die Spruchsammlung auf der Tür gewachsen. Neugierig beugte er sich vor und entzifferte ein paar Zeilen.

Der Wahnsinn sitzt in jeder Ecke,
auf dass ein falscher Blick ihn wecke;
er sitzt und lauert, grinst und weint,
bis alles unerreichbar scheint.

Augustus konnte sich nicht wirklich einen Reim daraus machen, da die düsteren Worte nicht zu ihrer latenten Fröhlichkeit passten.
Sie gehörte zu den Menschen, die unter der Dusche sangen, die ihre Häuser mit Pflanzen vollstopften – und die die Welt nicht ganz begreifen konnten.
Da war zum Beispiel dieser Regenschirm, ohne den man sie kaum zu Gesicht bekam. Sie trug ihn immer mit sich herum. Im Haus, auf der Straße, beim Frühstück, bei Sonne und Regen.
Er schirmt mich zumindest von einem Teil der Welt ab, hatte sie gesagt. Dann kann ich nicht ganz so viel sehen.
Langsam wurde Augustus unruhig. So lange hatte Miriam ihn noch nie warten lassen. Mit gerunzelter Stirn drückte er noch einmal auf die Klingel, lauschte auf Schritte oder sonst ein Geräusch.
Vielleicht können ihre Muggelmethoden ihr ja helfen. Sie denkt zu viel, sie kann es nicht kontrollieren. Ich habe manchmal das Gefühl, sie ist in ihren Gedanken gefangen. Dem einen folgen tausend weitere. Das macht es etwas kompliziert länger mit ihr zu reden.“
Natürlich hatte er zugesagt. Freudig, ja, aufgeregt sogar. Sie war die einzige Squib die er betreute.
Da sich noch immer nichts in dem Haus zu regen schien, zog er den zweiten Schlüssel aus einem Blumentopf neben den Treppen und steckte ihn ins Türschloss.
Hallo?“, rief er in den Flur. „Hallo, Miriam? Sind Sie hier? Ich bin es, Augustus!“
Er erhielt keine Antwort.
Wahrscheinlich war sie eingenickt, über einer ihrer Lektüren. Dennoch. Das ungute Gefühl in seinem Magen wuchs.
In dem Schuhregal standen neben Stiefeln und Turnschuhen auch zwei Bücher und ein kleiner Kaktus. Zu seiner Linken lagen die Küche und das Wohnzimmer. Das verblassende Aroma selbst gemahlenen Kaffees hing noch in der Luft. Er wollte gerade dort nachsehen, als ein Geräusch den Weg an sein Ohr fand. Er hielt inne und lauschte angestrengt.
Ein glucksendes Gurgeln, leise, perlend wie das Lachen eines Kindes.
Es kam aus dem oberen Stockwerk.
Miriam?“, rief er noch einmal, ohne eine Antwort zu erwarten. Er wandte sich der schmalen Treppe zu und betrat die erste Stufe.
Auch auf das lackierte Holz hatte sie geschrieben.

Ich singe ein Lied in der Dunkelheit,
atme die Nacht, immer wieder,
erzähle mir selbst von Geborgenheit -
denn welcher Bösewicht kennt Lieder?


Stufe um Stufe erklomm er, mit jedem Schritt wurde das Plätschern lauter. Auf dem Treppenabsatz angekommen, blieb er wie angewurzelt stehen.
Eine Tür zum Schlafzimmer, eine Tür zum Bad. Wasser kroch unter dem Türspalt hervor. Keine Frage, dass die Quelle des Glucksens von dort drinnen kam.
Angst haschte nach seinem Herzen und er riss die Tür auf.
Das ganze Bad stand unter Wasser.
Lustig sprudelte es aus dem Hahn in die überquellende Badewanne. Es trat über die Ränder und flutete den Boden. Ein Notizzettel schwamm an Augustus vorbei, die Worte darauf unleserlich. Von dem kleinen Stapel Bücher auf dem Boden, war nicht mehr viel übrig als ein Haufen Pampe.
Wasserdampf hatte sich im Raum gestaut, strich ihm mit schwitzigen Fingern über das Gesicht.
Über den Rand der runden Wanne hingen zwei Beine in bunt karierten Schlafanzughosen. Und mitten in der Wanne trieb der aufgespannte Schirm.
Sogar zum Baden nahm sie ihn mit.
Sie regte sich nicht. Nichts war zu hören. Nur das gierig glucksende Wasser, das sich seinen Weg an Augustus vorbei und Richtung Treppe suchte.
Erst jetzt registrierte er, dass er vor Schreck den Atem angehalten hatte. Er stürzte vor, riss den Schirm aus der Wanne und warf ihn achtlos hinter sich.
Er hatte es gewusst, doch sein Herz setzte einen Schlag aus, als er das blasse Gesicht unter der Wasseroberfläche erblickte. Ohne zu sehen, sahen die weit geöffneten Augen zu ihm auf. Blau wie der Himmel vor dem Fenster. Wie Seegras wogten die grün gefärbten Haare.
In Augustus keimte etwas auf das mehr war als Furcht. Er griff in die Wanne nach der Frau, hievte sie über den Wannenrand und legte sie auf den Boden. Ein kleines Schnippen und das Glucksen verstummte.
Sie war gerade dreiundzwanzig geworden.
Es war keine Frage, dass jede Hilfe zu spät kam. Dafür sprach nicht nur die Farbe ihrer Haut und das Wasser, das hinter ihm die Treppe hinunter kroch, sondern auch die fast geleerte Pillendose auf der Anrichte. Als er vorgestern hier gewesen war, hatte sie sie gerade angebrochen.
Die Tabletten die sie schlafen ließen, wenn die Welt in ihren Ohren schrie und all die Farben auch hinter geschlossenen Lidern schmerzten.
Vielleicht war ihr Herz stehen geblieben, bevor sie im Wasser versunken war.
Vielleicht hatte sie bemerkt wie das Wasser ihre Lungen gefüllt hatte, aber es war ihr bereits gleich gewesen.
Vielleicht hatte sie ihren Tod einfach verschlafen.
Mit zitternder Hand langte er in seine Tasche und holte den Zauberstab heraus. Er schickte die Nachricht direkt ins St. Mungo. Und, ohne weiter darüber nachzudenken, an ihren Bruder.
Dann wartete er.
Seine Gedanken waren zum Stillstand gekommen. Ertrunken in ihren toten Augen. Regungslos kniete er neben Miriam.
Der Wasserdampf wurde seines schwerfälligen Tanzes überdrüssig und ließ sich an den Wänden, der Türklinke, dem Spiegel nieder. Und auf Augustus Haut. Ein dünner Film aus Häme.
Die Sonne lachte durch das Fenster und lachte ihn aus.
Ich bade gerne, hatte sie gesagt. Unter Wasser ist es still.
Es dauerte keine fünf Minuten. Sie apparierten direkt ins Haus. Der Erste der ins Bad stürzte war ein Heiler, gefolgt von seinem Assistenten. Danach kam ein hagerer Ministeriumsbeamter mit Spitzbart und Nadelstreifenumhang.
Ihre Schritte klatschten durch die Wasserlache.
Der Assistent schob Augustus resolut zur Seite, damit er die Tasche des Heilers abstellen konnte. Dieser war bestimmt zweimal so alt wie Augustus. Und im Gegenteil zu ihm, schien er schon dutzende Miriams gesehen zu haben. Er wirkte nicht überrascht, nicht schockiert, er seufzte lediglich, als er der Frau das patschnasse Haar aus dem Gesicht strich und routiniert nach einem Puls tastete.
Der Ministeriumsbeamte schenkte Miriam nicht einmal einen zweiten Blick, wandte sich an Augustus, zückte ein kleines Notizbuch.
Wie er sie gefunden hatte?
Wie ihr vollständiger Name lautete?
Was er hier überhaupt getan hätte?
Er antwortete ihm ohne darüber nachzudenken. Sein Blick hing noch immer an Miriams aufgedunsenem Gesicht. Stumm wie ihre Notizzettel.
Der Assistent kniete sich neben den Heiler, der seinen Zauberstab zückte, Worte murmelte die Augustus nicht kannte und kleine Schlangenlinien in die Luft malte.
Über der Toten formten sich silbrige Zahlen und Ziffern, in denen der Heiler zu lesen schien wie in einer Tageszeitung.
Augustus war nie an diesem Zweig der Heilkunst interessiert gewesen. Es ging ihm nicht um die Toten. Er hatte die Lebenden beschützen wollen.
Jedenfalls hatte er das gedacht.
Mit einem Mal war er sich nicht mehr sicher, ob seine Bemühungen ihr oder seinem Projekt gegolten hatten.
Augustus war heiß. Auch in dem kurzen Hemd das er trug. Es klebte ihm am Rücken, wie der Schlafanzug auf Miriams bleicher Haut.
Der Heiler ließ sich mit seiner Prognose Zeit. Immer neue Zahlen formten sich über ihrem Körper. Wie viele Rätsel in einer Toten liegen konnten.
Vor circa einer Dreiviertelstunde verstorben“, war schließlich das Ergebnis. „Ursache: Herzversagen nach Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten. Diphenhydramin“, murmelte er mit gerunzelter Stirn. „Muggelmedizin. Garantiert gestoppte Reizweiterleitung am Herzmuskel... Da sich kein Wasser in der Lunge befindet, kann sie jedenfalls nicht ertrunken sein.“
Der Beamte notierte es sich in seinem Notizbuch.
„Es gibt keinerlei Anzeichen für einen Mord oder eine unfreiwillige Einnahme der Tabletten. Keine Druckspuren, keine Verletzungen, keine Einstiche, keine Zauber.“
Ein Nicken des Beamten.
Woher wissen Sie, dass es kein Zauber war?“, fragte Augustus.
Als würde das noch etwas ändern.
Der Heiler warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Haben Sie sich einmal mit der Natur von Zaubern auseinandergesetzt?“
Augustus verneinte.
In der Zusammenfassung“, meinte der Heiler und zog ein weißes Laken aus seiner Tasche, „sind Zauber Energieentladungen. Mit den richtigen Prognosezaubern kann man feststellen, ob die Toten mit einer solchen in Berührung kamen.“
Wie das?“
Der Heiler breitete das Leichentuch über Miriams Körper aus. „Sie sagten doch gerade, dass Sie selbst Heiler sind? Lehrt man Sie heute nicht mehr, wie das Heilen überhaupt funktionieren kann?“
Als Augustus ihm keine Antwort gab, fuhr er fort: „Verbrennungen. Winzige Verbrennungen, für das Auge meistens nicht sichtbar. Die Zauber finden sie.“
Hm“, machte Augustus, ohne zugehört zu haben.
Es ist wirklich faszinierend“, ereiferte sich der Heiler. „Man kann theoretisch an diesen Spuren die Macht des Zaubers - und damit die Macht des Zauberers selbst ablesen. Ganz gleich welcher Art der Zauber war, diese Spuren finden sich immer.“
Augustus wurde übel. Faszinierend. Das hatte er gedacht, als er Miriam das erste Mal getroffen hatte. Vor gerade einmal drei Monaten.
Ihr einziger Verwandter ist der ältere Bruder, Caspar Wendle, sagten Sie“, meinte der Beamte plötzlich, stutzte, als wäre ihm ein befremdlicher Gedanke gekommen. „Caspar Wendle ist doch Auror?“
Augustus nickte nur. Wenn er den Mund aufgemacht hätte, hätte er sich wahrscheinlich übergeben.
„Mhm“, murmelte der Mann. „Kommt nicht so oft vor, dass ein Zauberer mit solch einer Magiekontrolle eine Squib als Schwester hat.“
Die Worte drangen wie durch Watte an Augusts Ohren. Ja, eine Squib und ein Zauberer. Das war ihr liebster Gesprächspunkt gewesen.
Sie wäre viel lieber eine Muggel geworden, da es für eine Hexe offenbar nicht gereicht hatte.
Die Welt würde so viel mehr Sinn ergeben!
Unten im Flur knallte es leise.
Augustus erstarrte und mit ihm hielten auch die anderen inne. Für einen Moment war es totenstill im Badezimmer.
Sie haben den Bruder informiert?“, fragte der Beamte bestürzt.
Es brauchte keine Antwort.
Hatte Caspar die Nachricht erst jetzt bekommen? Hatte er nicht zu kommen getraut?
Schritte auf der Treppe.
Langsam, bedächtig.
Augustus Hände begannen zu flattern. Was sollte er Caspar sagen? Es war seine Aufgabe - seine Pflicht! - gewesen, auf sie aufzupassen.
Er zuckte zusammen, als Caspars Schuh auf einer nassen Stufe quietschte.
Und dann stand er im Türrahmen.
Offenbar war er direkt aus der Aurorenzentrale appariert. Er trug den typischen grauen Anzug, seine Haare waren aus dem Gesicht gebunden, der Zauberstab lag sicher in seiner Hand.
Augustus musste schlucken.
Niemand wagte sich zu rühren, nur der Heiler war bereits dabei seine Utensilien zusammenzuräumen.
Auf Caspars Gesicht zeigte sich keine Regung. Wie aus Stein gemeißelt stand er da, nur seine Augen huschten durch den Raum, schienen die Situation im Bruchteil eines Augenblicks zu erfassen. Und dann blieb sein Blick auf seiner Schwester ruhen.
Wären da nicht die Augen gewesen, diese durchdringenden blauen Augen, niemand wäre je auf die Idee gekommen, dass die beiden Geschwister waren.
Der Beamte fing sich wieder, trat mit einem Räuspern auf Caspar zu.
Mr. Wendle, nehme ich an?“
Ein knappes Nicken.
John McCloud, angenehm. Es tut mir aufrichtig leid, aber wir können Ihrer Schwester nicht mehr hel-“
Caspar drängte sich an ihm vorbei und blieb neben der Leiche Miriams stehen.
Wie ist es passiert?“, verlangte er zu wissen. Nicht einmal seiner Stimme konnte man die kleinste Regung abgewinnen.
Stumm verfolgte Augustus die Szene.
Eine Überdosis Schlaftabletten“, wiederholte der Heiler. „Sieht ganz nach Suizid aus.“
Sie gestatten?“, fragte Caspar und wies mit einer Handbewegung auf das stehende Wasser. Ohne eine Antwort abzuwarten schwang er seinen Zauberstab.
Und das Wasser verschwand, verschwand vom Boden, verschwand aus der Wanne, verschwand aus dem Leichentuch, als wäre es nichts weiter als ein Spuk gewesen.
Sie dürfen eigentlich gar nicht hier sein“, informierte McCloud ihn unruhig. „Nicht am Schauplatz...“
Caspar warf ihm einen vernichtenden Blick zu und der Beamte verstummte.
Wenn Sie schon einmal hier sind“, sagte der Heiler trocken, „können Sie die Leiche auch identifizieren. Da kommen Sie sowieso nicht drumherum.“
Caspar bückte sich und schlug das Tuch zurück, legte das Gesicht wieder frei. Der Assistent hatte ihr die Augen geschlossen.

Augustus konnte den Ausdruck auf Caspars Gesicht nicht deuten. Es war nicht der übliche Schock, eher eine tiefe Resignation.
Ja“, sagte er leise. „Das ist sie.“
Der Heiler nickte und der Beamte schrieb in sein Notizbuch.
Ich fürchte es gibt einigen Papierkram zu erledigen, Mr. Wendle“, meinte McCloud dann verlegen. „Da Sie bereits hier sind - würden Sie...?“
Geben Sie mir zehn Minuten, okay?“
Hastig nickte der Beamte. „Sicher. Wir können es auch auf...“
Zehn Minuten“, wiederholte Caspar, verstaute seinen Zauberstab in einer Tasche seines Anzugs. „In der Küche finden Sie sicherlich alles was man für einen Kaffee braucht. Ich bin sofort bei Ihnen.“
Nun... laut Vorschrift darf ich Sie eigentlich nicht alleine mit...“
Wieder dieser bohrende Blick und McCloud gab klein bei.
Sicher, zehn Minuten werden wohl nicht schaden. Es ist ja alles notiert...“ Er verließ das Bad. Der Heiler folgte ihm mit seinem Assistenten. Auch Augustus wollte gerade verschwinden, als Caspars Stimme ihn zurück hielt.
Auf ein Wort. Wenn Sie nichts dagegen haben.“
Augustus schluckte. Seine Finger krampften sich in den Saum seines Hemdes. Er hatte es extra für die Stunden bei Miriam gekauft. In dieser Muggelsiedlung hatte ein Umhang nichts verloren. „Natürlich, natürlich... kein Problem...“
Mit einem Seufzen ließ Caspar sich auf dem Rand der Badewanne nieder. Er vermied es, zu seiner Schwester zu sehen. Stattdessen fixierten seine Augen den Regenschirm, den Augustus vorhin so achtlos zur Seite geworfen hatte.
Wie gut haben Sie meine Schwester gekannt, Mr. Pye?“
Nun, ich...“ Fahrig strich er sich das Haar aus dem Gesicht. „Ich denke eigentlich ganz gut – für die kurze Zeit.“
Caspar nickte. „Es war einfach sie kennen zu lernen, nicht wahr? Sie hat ihr Herz auf der Zunge getragen, wie man so sagt.“
Augustus, der nicht verstand worauf Caspar hinaus wollte, nickte.
Ich habe immer gedacht sie gekannt zu haben. Ich habe gedacht sie wäre hier – zufrieden. Alleine, aber zufrieden.“
Irritiert runzelte Augustus die Stirn. Diese Aussage schien ihm ziemlich paradox.
Caspar schien es nicht anders zu gehen. Mit einem weiteren Seufzen senkte er den Kopf. „Warum habe ich da nie drüber nachgedacht?“
Das konnte Augustus ihm auch nicht sagen.
Stille.
Ohne sein Zutun wanderte Augustus Blick wieder zu dem Regenschirm. Der Regenschirm den sie überall hin mitgenommen hatte.
Er schirmt mich zumindest von einem Teil der Welt ab, so hatte sie gesagt.
Ich habe ihr diesen Regenschirm geschenkt“, sagte Caspar, der seinen Blick wohl bemerkt hatte. „Zu ihrem neunzehnten Geburtstag. Wussten Sie, dass sie ihm einen Namen gegeben hat?“
Stumm schüttelte Augustus den Kopf.
Sagen Sie, Mr. Pye, haben Sie es kommen sehen?“, brach es da aus Caspar heraus.
Wieder ein Kopfschütteln. „Nein. Nein, absolut nicht.“
Das ist also Versagen, dachte er.
Ich auch nicht. Und doch – sehen Sie sich um. Ich hätte es wissen müssen.“
Fragend sah Augustus zu Caspar hin. Der Raum war in hellen Farben gestrichen, auf der Fensterbank standen ein paar Topfpflanzen. Auf der Anrichte lag ein zweiter Stapel Bücher.
Caspar griff nach dem Obersten und reichte es Augustus.
Es war eine illustrierte Ausgabe von „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind.“ Quer über das Cover waren mit Edding ein paar Zeilen gekritzelt.

Schlaf mein Kindchen, schließe die Augen,
nimm deine Pillen, sie lassen dich glauben,
dass da jemand ist der für dich wacht,
für wertvolle Stunden, für eine Nacht.
Schlafe mein Kindchen, vergiss wie es ist,
bis der Morgen kommt und die Träume frisst.

Und dann sehen Sie dort“, fuhr Caspar fort und wies auf den Spiegel. Augustus wandte sich um, folgte dem ausgestreckten Finger.
Auf Augenhöhe, direkt über dem Zahnputzbecher, in dem ein paar verwelkte Blümchen standen, war in Großbuchstaben das Wort WIRKLICHKEIT geschrieben. Und durchgestrichen.
Auch wenn der Spiegel nach wie vor beschlagen war, das Wort konnte es nicht verbergen.
Ich habe Ihnen bereits gesagt, in diesem Haus liegen mehr Gedichte und Geschichten, als dass ein Buch ausreichen würde. Vielleicht hätte ich mir einmal die Zeit nehmen sollen, sie zu lesen.“
Augustus war kurz davor sich zu übergeben.
WIRKLICHKEIT
Die Worte brannten sich in seine Netzhaut. Vielleicht war es tatsächlich ein Hilferuf gewesen. Und er hatte es nicht gesehen. Dabei sprangen die Worte doch von allen Wänden.
Wie hatte er nur so anmaßend sein können. Nichts verstand er von der Muggelmedizin.
Ich glaube, ich habe sie doch gekannt. Ich war nur zur sehr mit meinem eigenen Leben beschäftigt, um es zu realisieren. Was vor allem daran lag, dass ich mir nie die Mühe gemacht habe sie zu verstehen. All ihre Schüttelreime – ich habe sie für Blödeleien gehalten.“
Es ist nicht Ihre Schuld.“ Augustus sprach automatisch. Er hatte schon genug Patienten gehabt um zu wissen, dass Schuldgefühle gefährliche Ausmaße annehmen konnten. Gierig wie ein Vampir im Blutrausch konnten sie sein.
Dass sie sich umgebracht hat? Nein, wahrscheinlich nicht. Dass es so weit kam? Doch, höchst wahrscheinlich.“
Augustus schüttelte den Kopf. „Eigentlich wäre es meine Aufgabe gewesen etwas zu -“
Sie machen doch nur Ihren Job“, unterbrach Caspar ihn mit einer wegwerfenden Geste. „Sie war nicht Ihre Schwester. Hören Sie, gehen Sie einfach. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf.“
Caspars Blick wanderte durch den Raum, über all die Worte und Buchstaben, die an den Wänden prangten, anklagen, wie ein stummes Mahnmal.
Ich verstehe es nicht“, sagte Augustus. „Ich verstehe es einfach nicht. Warum hat sie es getan?“
Caspar erhob sich wieder, mit einem Mal sah er unendlich müde aus. „Sie hat sich nie etwas so sehr gewünscht, wie eine Muggel zu sein. Keine Magie, keine Tierwesen.“ Er deutete auf das Buch das Augustus noch immer in der Hand hielt. „Wissen Sie, was sie mich bei meinem letzten Besuch gefragt hat? Sie hat mich gefragt, wo der Unterschied zwischen Magie und Wahnsinn liegt.“
Vorsichtig legte Augustus das Buch zurück auf den Stapel. Der Gedanke, dass Miriam darin gelesen hatte, haftete wie Spinnweben auf seinen Fingerkuppen.
Wie antwortet man auf so eine Frage? Für Zauberer und Hexen hat das eine nichts mit dem anderen zu tun, für Muggel ist es ein und dasselbe. Aber ein Squib wie sie? Was sollte sie glauben? Was sollte sie für Wirklichkeit halten, was für ein Hirngespinst?“
Als Augustus dieses Mal zu Caspar sah, gähnte ihm aus dessen Augen eine Leere entgegen, die er nur allzu gut von anderen Hinterbliebenen kannte.
Sie ist damit nicht zurechtgekommen, Dinge zu sehen die in den Augen all ihrer Bekannten keinerlei Existenzberechtigung haben.“
Caspar fuhr sich über das Gesicht. „Wie auch immer, ich hoffe sie hat endlich ihren Frieden gefunden. Keine Fragen mehr, keine Stimmen und was sie sonst noch um den Schlaf gebracht hat.“
Doch Augustus konnte Caspar nicht zustimmen. Er hätte es wissen müssen. Er hätte es ahnen und ihr helfen müssen. Vielleicht hatte sie es ihm sogar gesagt, auf ihre eigene verquere Weise.
Er konnte nicht zu der Leiche sehen. Schon jetzt hatte sie kaum mehr Ähnlichkeiten mit der lachenden Frau die er kennengelernt hatte.
Er hatte versprochen zu helfen, als er Heiler geworden war. Nicht, sich an unbekannten Methoden zu versuchen.
So“, meinte Caspar, atmete tief durch. „Ich fürchte meine zehn Minuten sind um.“
Er beugte sich zu seiner Schwester hinunter und zog das Tuch wieder über das eingefallene Gesicht.
Du hast keine Ahnung wie das ist, in einer Welt zu leben in der die Realität von Magie und seltsamen Kreaturen durchsetzt ist, die du weder verstehen noch ignorieren kannst“, murmelte er. „Das waren so ziemlich ihre letzten Worte an mich. Sie hatte Recht. Ich habe keine Ahnung.“
Und dann schossen ihm mit einem mal die Tränen in die Augen. Als hätte der Schmerz ihn
schließlich doch noch eingeholt. Sein Blick eilte zwischen dem Regenschirm und dem Leichnam hin und her, bis er an seinen Händen hängen blieb, die gerade noch das Leichentuch zurecht gezogen hatten. Er stürzte zum Waschbecken, drehte das Wasser an, griff nach der Seife und begann über seine Hände zu schrubben.
Das Becken füllte sich mit weißem Seifenschaum.
Caspar stützte sich auf den Beckenrand, seine Schultern begannen zu beben.
Starr vor Schreck stand Augustus daneben. Was war er für ein lausiger Heiler.
Für einen langen Moment lehnte Caspar so über dem Waschbecken. Wieder hörte man nur das Plätschern des Wassers. Ein Echo von Miriams Lachen. Wie er es tat war Augustus ein Rätsel, aber nach einer Weile straffte Caspar die Schultern, fuhr sich über die Wangen, griff nach dem Handtuch.
Als er sich wieder nach Augustus umwandte, verriet - außer den geröteten Augen - nichts den plötzlichen Ausbruch. Mit stoischer Miene lief er an seiner Schwester vorbei, wandte sich nicht mehr um. In der Tür hielt er noch einmal inne. „Leben Sie wohl, Mr. Pye.“
Kein Blick, kein Nicken, kein Händedruck.
Ich... ja, Au- auf Wiedersehen, Mr. Wendle.“
Alleine mit der Leiche hielt Augustus es nicht in einem Raum aus. Die Stille die von ihr ausging dröhnte in seinen Ohren. Tot wie ihre Augen starrten die Worte von den Wänden. Sobald Caspars Schritte in der Küche verschwunden waren, hastete er selbst die Treppe hinunter, an der Küche vorbei und aus dem Haus.
Eine Hand auf den rebellierenden Magen gepresst, schnappte er nach Luft.
Tief durchatmen, sagte er sich. Einmal, zweimal. Langsam schwand die Übelkeit.
Dafür brannten ihm die ersten Tränen in den Augen.
Medizin war mehr, als Experimente und Wissenschaft. In erster Linie war Medizin der Mensch der Hilfe brauchte. Er hatte es bisher nicht ganz verstanden.
Das Haus in seinem Rücken kroch durch seine Gedanken, ein madiger Parasit.
Dieses ganze Haus erzählte von ihr. All die Worte die sie nie über die Lippen gebracht hatte und nach denen auch niemand gefragt hatte.
Wo liegt der Unterschied zwischen Magie und Wahnsinn?
Er wünschte es gäbe eine Antwort.
Um ihn herum raschelten die Rosenstöcke in einer Sommerbrise. Voller Hagebutten und Schrauben hingen sie. Sie klimperten gegeneinander füllten die Luft mit einem Flüstern aus hellen Tönen. Die Muggel hatten ihre ganz eigene Magie.
Er starrte auf den Thymian, der neben ihm in einem Topf der Sonne trotzte.
Er hatte einen Patienten verloren.
Zum ersten Mal.
Der Schock der ihn bis dahin in den Fängen gehabt hatte, zog sich zurück und machte der hässlichen Wirklichkeit Platz.
Sie war tot.
Tatsächlich tot.
Und er trug genug Schuld daran.
Seine Hände zitterten, immer stärker. Eine erste Träne lief ihm aus dem Augenwinkel.
Er lief los. Fort von dem Haus. Das Blut rauschte ihm in den Ohren.
Er hatte seine Patientin verloren!
Immer schneller lief er, bis er beinahe rannte.
Es war ihm gleich was die vereinzelten Passanten dachten. Nur raus aus der verdammten Muggelsiedlung und in seine Wohnung.
Die Sonnenstrahlen krochen über Häuserdächer, warfen lange Schatten in die Straße. Es war spät geworden. Später als gedacht, aber nicht spät genug um die Wärme zu vertreiben. Die Wärme, die nach Verwesung und Einsamkeit roch.
Jetzt rannte er wirklich, krampfhaft darum bemüht, noch ein paar Minuten durchzuhalten.
Die Worte an den Wänden, das Wasser vor der Badewanne, der Regenschirm.
Er würde diesem Haus nicht entkommen.
Noch nie war einer seiner Patienten gestorben.
Noch nie!
Ihr totes Gesicht hatte sich wie Säure in sein Gedächtnis geätzt.
WIRKLICHKEIT.
Wo lag die Grenze zwischen Magie und Wahnsinn?
Vielleicht war die Wirklichkeit die Magie und daran zu glauben der Wahnsinn.
Er bog um die Ecke und disapparierte, bevor er endgültig die Beherrschung verlor.

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Dieser OS war mein Beitrag zu einem Laut-Wettbewerb, falls es euch interessiert, findet ihr den hier. :)
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