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Waffenbrüder Staffel 1 - 5. Auf Sturm folgt Sonnenschein

GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / MaleSlash
Aramis Athos Captain Treville D'Artagnan Porthos
05.06.2020
19.06.2020
3
11.523
8
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18 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
05.06.2020 3.785
 
05.06.2020

Hallo, meine Lieben!

Eine neue Story aus der Waffenbrüder-Reihe.

Sie hat 3 Kapitel und beleuchtet die Vorgänge in Folge 1x08 „Einer für alle“. Die Folge liegt mir sehr am Herzen, da sich für d’Artagnan darin Entscheidendes tut. Außerdem ist sie tatsächlich sehr Athos-d’Artagnan-lastig, so dass ich viele Szenen und Original-Dialoge übernehmen konnte. Aber natürlich kam auch noch vieles dazu – auch für Kenner der Serie dürfte es also nicht langweilig werden!

Neben Kaffee und Tee nach Wunsch stelle ich Euch heute mal einen Teller Pancakes mit Ahornsirup und frischen Erdbeeren hin.

Und nun viel Spannung und Vergnügen beim Lesen!

Eure Ann

Waffenbrüder

Auf Sturm folgt Sonnenschein...

begonnen 18.1.2020


- Kapitel 1: Der Sturm zieht auf -


Der Junge war soweit...

Athos saß an diesem ungewöhnlich warmen Herbsttag auf der Bank im Hof der Garnison, Jacke und Hemd bis zum Brustbein geöffnet, um sich etwas Abkühlung nach dem hitzigen Training zu gönnen und beobachtete, wie d’Artagnan Aramis über den Platz jagte. Anders konnte man es nicht bezeichnen.

Schade, dass Porthos nicht hier ist, das würde ihm gefallen! dachte er müßig, und unwillkürlich huschte ein kaum wahrnehmbares Lächeln über sein Gesicht.

Aramis war mit Abstand der beste Schütze der vier Unzertrennlichen, wie man sie seit einiger Zeit nicht zu Unrecht nannte, doch der schlechteste Degenfechter. Das bedeutete nicht, dass er kein guter Fechter war - der schlechteste von ihnen war immer noch den meisten anderen Soldaten weit überlegen - doch nachdem d’Artagnan nun schon so viele Monate mit ihnen trainiert hatte, war Aramis ihm schlichtweg unterlegen.

Porthos hatte manchmal noch eine Chance, wenn er einen seiner unkonventionellen Tricks aus den alten Tagen im Hof der Wunder anwendete, doch auch hier war der Gascogner immer seltener zu überraschen, schaute sich vielmehr einiges von Porthos ab und nutzte es dann gegen den riesigen Musketier, was diesen begeistert lachen ließ. Und selbst Athos konnte sich in der Regel keine Unachtsamkeiten mehr im Übungskampf mit dem Jungen erlauben, wollte er nicht unterlegen sein.

Ohne dass es ihm bewusst war, strahlten seine Augen voll warmen Stolzes, während er die eleganten, flinken Bewegungen des jungen Freundes beobachtete.

Ohne Zweifel - d’Artagnan war soweit.

Bei nächster Gelegenheit wollte er mit Hauptmann Tréville darüber reden, den Jungen beim König für ein Musketier-Patent vorzuschlagen.

Der geplante Wettstreit eines Rotgardisten gegen einen Musketier - basierend auf einer Wette zwischen Kardinal Richelieu und König Louis XIII., wer die bessere Garde habe - sollte d’Artagnan die Möglichkeit eröffnen, sich vor den Augen des Königs hervor zu tun. Tréville musste ihn nur als Kämpfer für die Musketiere auswählen.

Gerade klopfte Aramis dem jungen Mann in neidloser Bewunderung auf die Schulter, weil er erneut entwaffnet worden war und erklärte lachend: „Möge der Beste von uns gewinnen!“

Erstaunt sah d’Artagnan ihn an, während sie für eine kurze Verschnaufpause zur Bank zurückkehrten. Der Junge goss sich einen Becher Wasser aus dem bereitstehenden Krug ein und ließ sich damit auf den Treppenstufen hinter der Bank nieder. „Von denen, denen man die Teilnahme gestattet“, erwiderte er dann mit einer Spur gutmütiger Ironie.

„Du bist ein Musketier“, entgegnete zu d‘Artagnans Überraschung Athos in ruhigem Tonfall. „Auch wenn du dich noch nicht so nennen darfst. Dir fehlt nur die Ernennung durch den König...“

„Geh zu Tréville und frag ihn, ob er dich an den Ausscheidungskämpfen teilnehmen lässt!“, machte Aramis dem jungen Freund mit einem breiten Lächeln Mut.

Verblüfft sah d’Artagnan zwischen den beiden Freunden hin und her, und der hoffnungsvolle Funke in seinen Augen war unübersehbar.

„Da ist nur die dornige Frage der Teilnahme-Gebühren...“, erklang da Porthos‘ Stimme mit düsterem Unterton, und die anderen drehten sich zu dem Kameraden um, der gerade von einem Botengang für Tréville zurückgekehrt war.

D’Artagnan schluckte hart. Dreißig Livre musste jeder aufbringen, der an dem Ausscheidungskampf um die Ehre teilnehmen wollte, die Musketiere im Turnierkampf gegen die Rote Garde zu vertreten - eine Summe, die er noch nie in seinem jungen Leben auf einen Haufen gesehen hatte. Und gerade jetzt nahezu unerreichbar, wo er sowieso schon für zwei Monate mit seiner Miete im Rückstand war, wie ihm Monsieur Bonacieux erst am Morgen so deutlich vorgehalten hatte... Noch immer wartete d’Artagnan auf die fälligen Pachteinnahmen aus Lupiac, doch seltsamer Weise waren sie in diesem Quartal bisher nicht angekommen.

Dreißig Livre für die bloße Möglichkeit, die Musketiere im Zweikampf zu vertreten – aber andererseits war dies eine Chance, sich vor den Augen des Königs hervor zu tun, wie so schnell keine zweite folgen würde. Und gleichzeitig würde Constance stolz auf ihn sein... Ein beseeltes Lächeln zog über sein Gesicht bei dem Gedanken an sie. An ihre Küsse, ihre Leidenschaft, die sie ihm seit einigen Tagen endlich schenkte... „Ich werde das Geld schon auftreiben“, verkündete er deshalb zu allem entschlossen. „Und dann werde ich zunächst euch schlagen - und anschließend jedem Rotgardisten, den der Kardinal als Gegner auszuwählen beliebt, das Fell gerben!“

Aramis lachte lauthals über das gesunde Selbstvertrauen und den Eifer seines jungen Freundes und erwiderte dann gutmütig: „Nun - dann solltest du noch ein wenig an deiner Treffsicherheit mit der Muskete üben! Komm.…“

D’Artagnan trank den Becher aus, zwinkerte Athos unwiderstehlich zu, klopfte Porthos gutgelaunt auf die Schulter und folgte dem Freund zum Schießstand. Hier war Aramis eindeutig der Beste - und deshalb auch der beste Lehrer.

Mit einem leisen Lächeln sah Athos den beiden nach.

Alles lief hervorragend für den jungen Gascogner.

Mit ein wenig Glück konnte er schon in absehbarer Zeit ein richtiger Musketier sein - und Constance Bonacieux hatte offenbar d‘Artagnans Werben endlich nachgegeben.

Früher, in einem anderen Leben, hätte Athos vielleicht im Stillen eine gewisse Missbilligung über diese Liebschaft verspürt, weil Constance schließlich verheiratet war. Doch seit seiner Erfahrung mit seiner eigenen Gattin...

Er konnte nachvollziehen, warum die junge Frau d‘Artagnans jungenhaftem Charme erlegen war und mit dieser Liaison ihrer tristen, lieblosen Ehe mit dem Langweiler Bonacieux entkommen wollte. D’Artagnan war einfach unwiderstehlich. Nicht nur, dass er trotz seiner Jugend bereits den schlanken und doch muskulösen Körper eines Kämpfers hatte, dass seine seelenvollen tiefbraunen Augen mal voller Schalk und dann wieder voller Leidenschaft funkeln konnten - vielmehr hatte er das Herz auf dem rechten Fleck, war ein treuer, loyaler - und wie Athos hatte lernen können zutiefst vertrauenswürdiger Freund. Ein Mann, den sich jeder an seiner Seite wünschte...

Und die Freude, Constance nach all den Monaten endlich für sich erobert zu haben ließ seit einigen Tagen sein Gesicht im Glanz der ersten Liebe scheinbar ununterbrochen strahlen. Seine unverbrüchlich gute Laune steckte unwillkürlich seine gesamte Umgebung an. Selbst Athos sperrte jedes andere Gefühl weit in den hintersten Winkel seiner Seele weg. Schließlich war nichts wichtiger, als dass es dem Jungen gut ging. Dass er glücklich war.

Damit würde er zufrieden sein. Mehr noch: Er würde alles daransetzen, dass es so bliebe...

Und er wusste, dass neben Constances Zuneigung nichts wichtiger für d‘Artagnan war, als endlich ein vollwertiger Musketier zu werden.

Aus diesen Gedanken heraus hatte sich Athos gerade entschlossen, aufzustehen, um Tréville aufzusuchen, als der Hauptmann auf der Galerie über ihnen erschien und mit ungewöhnlich ernster Stimme rief: „D’Artagnan - kommt doch bitte auf ein Wort herauf zu mir!“

Neugierig sahen die Freunde den jungen Gascogner an, der jedoch ratlos die Schultern zuckte. Auch er hatte keine Ahnung, was der Hauptmann von ihm wollen könnte.

 

Die Unterredung mit Tréville dauerte nur kurz, und beinahe hätte Athos verpasst, wie d’Artagnan die Treppe herunterkam und mit großen Schritten auf das Tor der Garnison zulief. Er wollte ihm gerade zurufen, was Tréville gewollt habe, als er an der gesamten Haltung des Jüngeren erkannte, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Es dauerte nur einen winzigen Moment zu entscheiden, dem Jungen zu folgen. Er wirkte wütend und tief getroffen zugleich - kein Zustand, in dem er allein sein sollte. Hastig sprang Athos also auf und machte sich darauf gefasst, hinter ihm her durch die Gassen von Paris zu laufen, als er auch schon wieder abrupt abbremste: D’Artagnan stand im Durchgang zur Garnison, in einer ungewohnt mutlosen Geste die Hände an die kalte, modrige Wand gestützt und stieß einen kurzen, gequälten Laut aus, der Athos mitten ins Herz traf. Dann ließ er sich haltlos zu Boden sinken, den Kopf in einer verzweifelten Geste in die Hände gestützt und war blind für seine Umgebung.

Athos fühlte sich wie erstarrt: Er wollte hinüber gehen, den Jungen in den Arm nehmen und ihm versichern, dass alles gut würde, selbst wenn er nicht die geringste Ahnung hatte, was vorgefallen war.

Doch das war nicht möglich... Aus den unterschiedlichsten Gründen konnte er das nicht tun...

... oder doch? Schließlich war er d’Artagnans Freund. Und das bedeutete, er konnte den Jungen nicht einfach allein in seinem Elend sitzen lassen... Aber gerade, als er sich entschloss, aus dem Schatten zu treten und zu d’Artagnan zu gehen erhob dieser sich und schritt zielsicher nach draußen. Leise folgte Athos ihm.

Und es hätte ihn nicht wundern sollen, wohin seine Schritte d’Artagnan lenkten: Zu Constance Bonacieux...

Einmal mehr erstarrte Athos, lächelte dann ingrimmig und machte auf dem Fuß kehrt.

Was hatte er sich nur gedacht... Die junge Frau war ein wesentlich besserer Trost gegen die Sorgen, die d’Artagnan quälten. Und so würde er ihn ihrer Obhut überlassen.

 

Als er in die Garnison zurückkehrte, erwartete ihn Aramis mit sorgenvoller Miene. Athos runzelte die Stirn.

„Was ist los?“, wollte er wissen, kaum dass er nahe genug herangekommen war.

„Einen Moment noch“, bat Aramis. „Porthos ist gleich bei uns, dann muss ich es nicht zweimal erzählen.“

Athos nickte, doch ganz konnte er seine Ungeduld nicht zügeln und fragte deshalb leise: „Geht es um d’Artagnan?“ Aramis sah ihn prüfend an, nickte dann aber knapp. Schweigend warteten sie, bis Porthos aus den Stallungen zu ihnen kam, dann zogen sie sich in eine Ecke des Hofes zurück, in der sie ungestört von ungebetenen Zuhörern waren.

„Tréville hat mich zu sich gerufen und gebeten, dass wir ein Auge auf d’Artagnan haben“, erklärte Aramis schließlich leise. „Er will verhindern, dass der Junge eine Dummheit begeht.“

„Welche Dummheit?“ - „Warum das?“, fragten Porthos und Athos nahezu zeitgleich, und Aramis seufzte, bevor er bekannte: „Tréville musste ihm mitteilen, dass sein Hof in der Gascogne dem Erdboden gleich gemacht worden ist. Aber als wäre das nicht genug, hat sich herausgestellt, dass es Labarge war...“

Wie erwartet verfinsterten sich sowohl Porthos‘ als auch Athos‘ Blick.

Labarge – ein gewalttätiger, grobschlächtiger Sadist und Mörder. Aber auch ein Steuereintreiber des Kardinals, der allerdings mit seinem brutalen Vorgehen seine Befugnisse bei weitem überschritten und dann zwei Musketiere getötet hatte, weshalb die vier Unzertrennlichen ihn erst vor wenigen Tagen unter nicht unerheblichen Mühen in Haft genommen und nach Paris zurückgebracht hatten.

„Kein Wunder, dass d‘Artagnan am Boden zerstört war“, erklärte Athos zwischen zusammengepressten Zähnen.

„Nur gut, dass das Monster sicher im l‘Abbaye sitzt und auf seine Hinrichtung wartet!“, fügte Porthos grimmig hinzu.

„Er sitzt nicht mehr im l’Abbaye, sondern wurde in eine der besseren Zellen in der Bastille verlegt – auf Geheiß des Kardinals...“, erklärte Aramis düster, und sofort erwiderte Porthos scharf: „Das darf doch nicht wahr sein – er ist doch kein politischer Gefangener, sondern ein gemeiner Verbrecher! Womit zur Hölle hat er diese Vorzugsbehandlung denn verdient?“

„Es ist irrelevant, wo er inhaftiert ist - das bringt d’Artagnan seinen Hof nicht zurück“, brachte Athos das Gespräch auf das eigentliche Problem zurück.

Porthos sah die beiden anderen eindringlich an. „Der Hof war seine einzige Einnahmequelle. Er hat mit dem Geld gerechnet, um hier in Paris zu überleben, bis er sein Musketier-Patent erhält...“

Betroffen schauten sich die anderen beiden an, und Athos erklärte entschlossen: „Wir müssen dafür sorgen, dass er die Musketiere bei dem Wettkampf vertritt. Er hat das Zeug dazu - und dann kann Tréville ihn dem König vorschlagen...“

„...und der wird so glücklich sein, dass seine Musketiere die verdammte Rote Garde des Kardinals besiegt haben, dass er d’Artagnan das Patent mit Freuden gibt!“, stimmte Aramis hoffnungsvoll zu.

„Nun - das ist ein Plan!“, schloss sich Porthos den beiden Freunden erleichtert an und sah sich dann suchend um. „Wo steckt der Junge? Wir müssen trainieren!“

 

Es dauerte bis zum späten Nachmittag, bevor d’Artagnan wieder in die Garnison zurückfand. Er wirkte nach wie vor bedrückt, doch deutlich ruhiger als am Vormittag, stellte Athos für sich fest, als er ihn verstohlen musterte.

„Nun, d’Artagnan - wie sieht es aus: Sollen wir noch eine Runde trainieren?“, schlug er schließlich laut vor. D’Artagnan sah ihn einen Moment lang an, als dächte er darüber nach, ob es sich überhaupt lohne, doch dann nickte er knapp und legte seine Jacke auf der Bank ab. Während er die Handschuhe über die Finger zog, betrachtete Athos ihn noch einmal eingehend. Von dem lebhaften, fast übermütigen Burschen, der am Morgen noch Aramis über den Hof gejagt hatte war nichts übrig. Stattdessen drückte d’Artagnans ganze Gestalt einen unterschwelligen Zorn aus, der Athos ganz und gar nicht gefiel. Es war nicht schwer zu erraten, was dem Jungen durch den Kopf ging...

Kurz überlegte Athos, ob es ihm zustand, sich einzumischen, doch dann ließ seine Sorge ihn das Schweigen brechen, als er voll freundschaftlicher Ruhe bat: „Überlass die Gerechtigkeit den Gerichten. Du hast für diese Chance gekämpft. Jetzt musst du zeigen, dass du reif dafür bist.“

D’Artagnan mied seinen Blick, als er unwillig erwiderte: „Was?“

Geduldig führte Athos weiter aus: „Du hast ein natürliches Talent - aber du lässt dich zu häufig von deinen Gefühlen bestimmen...“ Himmel, wie oft schon hatte diese Tatsache ihm beinahe das Herz stocken lassen... Als d’Artagnan in Vadims Gewalt war, als er mit einem Hechtsprung von der Brücke in den reißenden Fluss gesprungen war, als...

„Können wir einfach anfangen?“, riss d’Artagnan ihn hörbar gereizt aus seinen Gedanken und zog entschlossen den Degen.

Lautlos seufzend erwiderte Athos: „Ein Beweis für meine Worte!“, und begab sich in die Ausgangsposition. Er kannte den Jungen inzwischen gut genug, um zu erkennen, dass d’Artagnan dieses Mal nicht überlegt vorgehen würde. Und tatsächlich kam der erste Angriff schnell und wild.

Athos wich zunächst zurück, parierte lediglich, und als sie sich nach dem ersten Schlagabtausch umkreisten, erklärte er wie nebenbei: „Wie ich höre, ist ein gewöhnliches Gefängnis nicht gut genug für Labarge. Er ist in der Bastille und lebt sehr komfortabel.“ Doch trotz seiner scheinbaren Gelassenheit ließ er d’Artagnan keinen Moment aus den Augen - zu Recht, denn der zweite Angriff erfolgte sofort, ungestümer noch als der erste.

Wieder parierte Athos nur, wartete geduldig auf seinen Vorteil und plauderte weiter: „Jeder Wunsch wird ihm erfüllt!“

Ihm war bewusst, dass außer Porthos, Aramis und einigen anderen Kameraden auch Tréville hinzugetreten war, um aufmerksam d’Artagnans Training zu verfolgen. Doch das schien diesem völlig egal zu sein, denn er griff ein drittes Mal an, doch so unbeherrscht, dass Athos ohne Mühe abrupt dessen Schwertarm packte, den Jungen nahe an sich heran zog und unbarmherzig raunte: „Stell dir vor - er lebt da wie ein König!“

Zu seinem Kummer, wenn auch nicht überraschend brachte das d’Artagnan nun endgültig dazu, den Kopf zu verlieren. Mit einem wilden Schrei riss er sich los und drehte sich einmal um die eigene Achse, um Athos von unten mit einem Schwertstreich zu überrumpeln. Doch dieser fing einmal mehr mit seiner Linken d’Artagnans Handgelenk ab und legte zeitgleich seine Klinge an dessen Leiste - was im ernsthaften Gefecht ein verheerender Schlag gewesen wäre. Doch noch gab d’Artagnan nicht auf, zog mit links den Parierdolch hinter seinem Rücken aus dem Gürtel, um auf Athos einzustechen, doch wieder war der erfahrene Musketier schneller, wich lediglich einen kleinen Schritt nach hinten, so dass der Dolch ins Leere stieß, d’Artagnan strauchelte - und zu Boden ging. Sofort lag Athos‘ Klinge auf seinem ungeschützten Rücken; zwar ohne ihn zu verletzen, doch seine Niederlage war damit offensichtlich.

„Jeder Soldat hat eine Achillesferse“, belehrte Athos seinen am Boden liegenden Schützling ruhig und ließ ihn schließlich los, um bei Seite zu treten, während er fortfuhr: „Kontrolliere sie, und du kontrollierst den Kampf.“

Ohne Athos oder einen der anderen Umstehenden auch nur eines Blickes zu würdigen erhob d’Artagnan sich steif, klopfte sich kurz den Staub aus den Kleidern und verließ mit großen, wütenden Schritten den Hof - jedoch nicht, ohne Tréville wütend zuzuwerfen: „Labarge sitzt also in der Bastille, ja?“ Damit verschwand er.

Athos sah ihm sinnend nach und trat zu Tréville.

„Ich habe versucht, ihn zu provozieren“, erklärte er seinem Hauptmann.

„Das ist Euch gelungen“, war dessen trockene Antwort. Dann suchte er Athos‘ Blick und bat leise: „Passt auf ihn auf!“

Athos besorgter Blick verriet, dass es dazu nicht der Aufforderung seines Hauptmannes bedurft hätte...

 

Den Rest des Tages verbrachte er damit, d’Artagnan geduldig zu folgen, ohne dass dieser ihn in seinem Zorn und Kummer bemerkte.

So wurde er Zeuge, wie der Junge in die Amtsräume des Kardinals stürmte - und nur kurz darauf zornbebend wieder herauskam. Was auch immer er vom Kardinal gewollt hatte - wahrscheinlich, dass dieser Gerechtigkeit für die Untaten seines Beamten Labarge übte - hatte offensichtlich nicht funktioniert. Anschließend lief d‘Artagnan eine Weile offenbar ziellos durch die Straßen, bis er vor der Bastille stand und das düstere Gebäude eingehend musterte. Athos spannte sich schon an, um einzugreifen - als d’Artagnan sich abrupt abwendete und zurück zu seinem Quartier bei den Bonacieux‘ lief. Dort verschwand er im Innern des Hauses.

Es war gegen neun Uhr am Abend, und Athos überlegte, ob er seine Beschattung aufgeben sollte, nun, da der Junge sicher zu Hause angekommen war. Doch ohne genau zu wissen, warum, entschied er sich dagegen und suchte sich eine etwas bequemere Stelle, von der aus er die Eingangstür gut im Blick hatte, ohne selbst gesehen zu werden.

Die Kirchturmuhr hatte schon eins geschlagen, als er aus seinem Halbdämmer hochschreckte: Eine Gestalt huschte über den freien Platz vor Bonacieux‘ Haus. Athos verfluchte sich, in seiner Aufmerksamkeit nachgelassen zu haben, wartete einen Moment und folgte dann der Gestalt - die jedoch in einer der verwinkelten Nebengassen verschwunden war.

Merde!“, fluchte Athos unterdrückt, und der Himmel schien ihm mit einem leisen Grollen zu antworten. Ein Unwetter war im Anmarsch.

Athos blickte sich noch einmal aufmerksam um, konnte aber keine Spur von seinem jungen Freund entdecken. Doch wenn er kurz nachdachte, gab es eigentlich nur ein Ziel, das d’Artagnan heute Nacht ansteuern würde. Und so lenkte er seine eigenen Schritte eilig zur Bastille...

 

Der erste Wächter lag im Vorraum, bewusstlos und seiner Überkleider beraubt. Den zweiten Rotgardisten musste Athos selbst niederschlagen, was nicht so einfach war, ohne sich sehen zu lassen und dadurch als Musketier zu erkennen zu geben. Das Einsetzen des Unwetters kam ihm zur Hilfe, der Donner übertönte seine Annäherung. Und so folgte er schließlich den Fackeln an den Wänden in die düstere Unterwelt der berüchtigten Bastille - und hörte den Kampflärm.

Labarge war niemand, der sich überrumpeln oder zu etwas zwingen ließ. Und wenn der Gigant den Jungen erst einmal in seinem gnadenlosen Griff hatte...

Athos rannte die letzten Schritte, zog seine Pistole und stürmte in die Zelle.

Und dort erwartete ihn genau das, was er befürchtet hatte: Beleuchtet von den zuckenden Blitzen vor dem Zellenfenster sah er Labarge, der d’Artagnan am Boden festgenagelt und seinen Arm so um den Hals des Jungen geschlungen hatte, dass er ihm mit einer einzigen Bewegung das Genick brechen konnte.

Wieder einer dieser Momente, die sein Herz still stehen ließen...

„Lass - ihn - los!“, befahl Athos jedes Wort betonend äußerlich voll kalter Ruhe. Einen furchtbaren Augenblick lang dachte er, der Gigant würde sein Werk trotzdem vollenden - da knurrte Labarge, stieß d’Artagnan von sich, der japsend Luft in seine Lungen sog, erhob sich und sah die beiden anderen Männer voller Wut an, während er schrie: „Raus hier!“

Eine Hand an der geschundenen Kehle rappelte d’Artagnan sich auf, schnappte sich seinen Degen, der offenbar im Laufe des Gefechts ein Stück weit von ihm entfernt zu Boden gefallen war und ging an Athos vorbei, der weiter mit der Pistole auf den Gefangenen zielte und damit dem Jungen den Rücken frei hielt.

Einen kurzen Moment war Athos versucht, abzudrücken.

Wäre er nicht rechtzeitig gekommen, hätte Labarge d’Artagnan umgebracht, und der hasserfüllte und zugleich spöttische Ausdruck in den Augen des Gefangenen bewies, dass er nichts dagegen einzuwenden hätte, es ein anderes Mal zu beenden. Letztlich beließ Athos es aber nur bei einem letzten eisigen Blick und folgte dem Freund, nicht, ohne die Zellentür sorgsam hinter sich zu schließen.

 

Draußen war das Unwetter in einen starken Regen übergegangen. Er durchnässte d’Artagnan, der sich der Rotgardisten-Verkleidung entledigt hatte und deshalb nur noch sein Hemd trug, augenblicklich bis auf die Haut. Stumm eilten sie durch die menschenleeren Straßen, bis sie ein Stück von der Bastille entfernt schwer atmend unter einem Dachvorsprung ein wenig Schutz vor dem Regen fanden.

Athos spähte um die Hausecke, doch bei diesem Wetter ließ sich niemand sehen, und so konnte er endlich seiner Wut, geboren aus der Furcht um den Jungen nachgeben. Er fixierte d’Artagnan unter triefend nassen Haarsträhnen hindurch und stieß mühsam beherrscht hervor: „Habe ich dir nicht gesagt, du sollst denken, bevor du handelst?“

„Ich konnte nicht anders“, stieß der Jüngere hervor, und die Bitterkeit, die Verzweiflung in seiner Stimme trafen Athos völlig unerwartet, als er hinzufügte: „Ich bin nicht so wie du...“

Augenblicklich verrauchte Athos‘ Wut, zurück blieb nur ein tiefes Verständnis, als er ruhiger erklärte: „Leider doch... mehr als du ahnst!“ Er ignorierte das plötzliche Erstaunen in d‘Artagnans Blick und forderte rau, aber nicht unfreundlich: „Jetzt komm.…“

Gemeinsam huschten sie um die Ecke, und bevor sie sich trennten, rief er d’Artagnan unterdrückt zu: „Ruh dich aus! Morgen wird trainiert.“

Durch den immer noch starken Regen nahm er kaum wahr, wie d’Artagnan nickte, bevor er Richtung Bonacieux‘ Haus verschwand. Er sah dem Jungen einen Moment lang nach und hoffte zugleich, dass er verstanden hatte. Dass d’Artagnan aus seinem letzten Satz das Angebot herausgehört hatte, ihm seine lebensgefährliche Dummheit nicht nachzutragen. Kurz wischte Athos sich den Regen aus dem Gesicht und machte sich schließlich auch auf den Weg nach Hause.

tbc...

 

 

Armer d’Artagnan – er durchleidet in dieser Folge tatsächlich so einiges, und da es noch 2 Kapitel gibt müsste klar sein, dass das noch nicht alles war ;-)...

Wie zuvor schon gesagt, stammen die meisten Szenen und alle Dialoge zwischen Athos und d’Artagnan in diesem Kapitel so aus der Serie. Passt wunderbar zu meiner Story :-)

Übrigens stammt auch die Tatsache, dass d’Artagnan Constance für sich gewonnen hat, aus der Folge. Hmm... aber wie geht das nur mit dem geplanten Slash zusammen? Keine Angst – ich bin kein Fan einer Menage á trois :-))

Nun wünsche ich Euch ein erholsames Wochenende und eine angenehme Woche (einige haben vielleicht am Donnerstag einen Feiertag und damit eine kurze Woche bis zum nächsten Kapitel!?).

Liebe Grüße

Ann
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