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Full Moon - Love Me If You Can

GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Aro Embry Call Isabella "Bella" Marie Swan Jacob Black OC (Own Character) Victoria
05.06.2020
25.11.2021
13
61.519
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25.11.2021 3.352
 
Mit zitternden Händen öffnete ich den stabilen Briefumschlag, den Edward mir bei meiner Ankunft überreicht hatte. Ich wusste, woher er kam oder besser gesagt, von wem er kam.
Mir sprang eine von Jamies roten, wilden locken entgegen und ich ließ sie samt Umschlag fallen, als hätte ich einen Stromschlag bekommen.
Um mich herum hörte ich Edward und Bella reden, wirr und verzweifelt. Ich stützte mich vorneüber auf dem Küchentisch ab. Das Blut in meinen Adern schien dicker und schwerer als je zuvor, als würde es mich zu Boden ziehen wollen. Meine Finger schlossen sich so stark um die Tischplatte, dass sie zu brechen drohte. Ein paar Sekunden wusste ich nicht, wo vorne und hinten war, alles, woran ich denken konnte, war Jamies Haar, welches zu meinen Füßen lag.
Wie ein Beweis, dass sie noch lebte, dass sie wohlauf war. Oder aber ein Zeichen dafür, dass jemand sie in der Gewalt hatte und bereit war, ihr schlimme Dinge anzutun. Wie sollten wir diese Botschaft deuten? Es schien mir nicht erlaubt, auch nur ein wenig zu hoffen, in der Angst, dass mir diese sofort wieder entrissen würde.
»Wann ist der gekommen?«, fragte ich mit zusammengepressten Zähnen.
Bella nahm meine Hand. In ihren Augen brannten Tränen und eine bahnte sich langsam und glänzend einen Weg hinaus. In dem einen oder anderen Moment vergaß ich durchaus, dass nicht nur ich Jamie verloren hatte, sondern auch andere.
Sie war nicht nur meine Partnerin, sie war auch Bellas Freundin. Nicht nur ich vermisste sie.
»Zwei Tage nach deinem Aufbruch«, antwortete Edward mir und legte mir eine Hand auf die Schulter. Eine seltsame und ungewohnte Geste. Es zeigte mir, dass er beinahe so etwas wie ein Freund war.
Unser Verhältnis hatte sich durchaus ein wenig gebessert, seit Bella nicht mehr mein Lebensinhalt war, dennoch konnte ich ihm noch immer nicht vergeben, dass er vorhatte, Bella in einen von ihnen zu verwandeln. Das würde immer zwischen uns stehen. Doch bis dahin konnte man uns als Freunde bezeichnen.
Stumm nickte ich, ehe ich mich bückte, um Jamies Strähne aufzuheben. Sanft umschloss ich sie mit meiner Hand. Sie kam einer echten Berührung ihres Haares so nah wie seit Tagen nicht mehr. Doch es sollte für die nächsten Wochen das letzte sein, was mir von ihr in die Nähe kommen sollte.
In diesen qualvoll langen Wochen ohne jeglichen Erfolg oder auch nur eine Spur, schien es mir, als würde ich langsam verrückt werden. Alle paar Tage drangen nacheinander vereinzelt Neugeborene, ohne einem bestimmten Auftrag, in unsere Gebiete ein. Sie erschienen einfach nur und hinderten uns daran, unser Suchgebiet zu erweitern. Es war schwer, sich auf die Suche nach Jamie zu konzentrieren und gleichzeitig das Gebiet von Blutsaugern frei zu halten.
Es war so aussichtslos, dass es weh tat.
Das einzig wahrlich gute, was mir seit langem zu Ohren gekommen war, war die Tatsache, dass ich wusste, dass Jamies Herz noch immer Schlug, dass sie nicht tot war. Mein Vater hatte mir erklärt, dass, aufgrund unserer Verbindung, der Tod des jeweils anderen großen, seelischen Schmerz beim Partner auslösen würde. Mir kam es unmöglich vor, dass es etwas noch Schlimmeres gab, als meinen jetzigen Schmerz. Doch Dad versicherte mir, dass ich es deutlich merken würde, wenn Jamie ihren letzten Atemzug tätigen würde.
Das verschaffte mir ein wenig Erleichterung, denn dies erhöhte unsere Chance, Jamie lebend zurück zu bekommen.
Ich hatte beinahe vergessen, wie es war, auf zwei Beinen zu laufen, als ich vier Wochen nach dem Brief das erste Mal seit Tagen wieder in meiner Menschengestalt umherlief. Es war ungewohnt, das Gewicht wieder neu verlagern zu müssen, die Erde unter meinen nackten Füßen zu spüren, den Regen über meine Schultern fließen zu fühlen.
Und ich musste feststellen, dass sich die Welt weiterdrehte. Ob Jamie nun verschwunden war oder nicht, die anderen mussten weiter machen. Die älteren unterstützten mich Tag und Nacht, schliefen wenig, waren für mich da. Doch selbiges konnte ich von meinen jüngeren Brüdern nicht erwarten – sie hatten noch einiges vor sich, mussten einen Abschluss absolvieren. Natürlich musste ich das eigentlich auch, doch das war das letzte, womit ich mich gerade aufhalten wollte.
Mein Interesse an Algebra oder Grammatiktests swar sehr beschränkt, meine größte Aufmerksamkeit galt Jamie.
»Hey, Jake«, begrüßte mich Bella und umarmte mich kurz. Sie lächelte und zum ersten Mal seit langen konnte auch ich mir ein Lächeln abringen. Ich musste daran denken, dass wir beinahe einmal zusammen gewesen wären. Doch wieder mal hatte das Schicksal dafür gesorgt, dass genau dies nicht passiert, um uns beide zu unserem wahren Glück zu führen.
Interessant nur, dass wir andauernd so auf die Probe gestellt wurden. Manchmal wünschte ich mir, Bella hätte Edward und mich nie kennengelernt, wünschte mir, Jamie wäre nie in diese Welt geraten. Bella wäre nicht schon des öfteren beinahe gestorben und Jamie könnte noch immer ihr langweiliges und normales High School-Leben in Fresno genießen, ohne von Vampiren entführt zu werden. Je öfter ich daran dachte, was für ein unbeschwertes und sicheres Leben Jamie ohne mich gehabt hätte, desto wütender wurde ich.
»Gibt es etwas neues?«, fragte Bella mich, als wir die Stufen zum Anwesen der Cullens hinaufgingen. Abgesehen von meinem Zuhause war dies einer der wenigen Orte, an denen ich tatsächlich ganz gerne war. Hier war es möglich, einen klaren Kopf zu bewahren und an neuen Plänen zu arbeiten. Während meine Zehen die harten Steinplatten berührten, überlegte ich, wie es wohl bei Jamie aussah. Ich war seit ihrer Entführung nicht mehr dort gewesen, niemand hatte die Blutspuren entfernt.
Als Antwort auf Bellas Frage schüttete ich nur den Kopf. Es gab absolut keine Neuigkeiten. Außer der Tatsache, dass morgen Weihnachten war. Ein Ereignis, welches man nur schwer verdrängen konnte, wenn man das Haus der Cullens betrat. Vom Eingang bis hoch in das Wohnzimmer war jeder freie Zentimeter mit Weihnachtsdekoration bestückt. Lichterketten, Kunstschnee, Lametta und sogar ein echter Weihnachtsbaum war aufgestellt.
Kopfschüttelnd lehnte ich mich gegen den Türrahmen, während Bella an mir vorbei huschte und sich auf dem Sofa niederließ. Außer uns beiden war niemand da.
»Ich weiß, aber Alice besteht darauf«, war Bellas Reaktion auf meinen skeptischen Blick auf das Weihnachtswunderland.
»Wo ist der Rest?«
»Jagen.« Bella zog die Knie an die Brust und biss sich auf die Lippe. Ich setzte mich auf die Sofalehne und verschränkte die Arme.
»Was beschäftigt dich?«, wollte ich wissen.
Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare und errötete.
»Also, es ist so, dass Edward und ich in den Sommerferien heiraten, wie du natürlich weißt. Und weil ich absolut so gar kein Interesse an Shopping habe und diese Hochzeit auch nur Alice zu Liebe so groß gestaltet wird und obwohl es noch ein halbes Jahr hin ist, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, mich regelrecht zu foltern«, erwiderte sie und erhob sich. Mit schnellen Schritten verschwand sie aus dem Raum. Verwirrt sah ich ihr hinterher. Mein Wolfsgehör erspähte einen Reißverschluss, welcher langsam geöffnet wurde, dann raschelte es eine Zeit lang einfach nur. Ich roch einen mir bekannten, neuen Geruch – gleich dem, wenn man neue Kleidung vor der Wäsche riecht.
Und dann kam sie zurück in den Raum getapst. Schüchtern lugte sie mit dem Kopf hinter dem Türrahmen hervor.
»Bereit?«, fragte sie und biss sich erneut verlegen auf die Lippe. Ich nickte nur, wusste nicht, was auf mich zukahm.
Unbeholfen präsentierte Bella mir ihr Hochzeitskleid.
Ich blinzelte ein Paar mal, unfähig etwas zu sagen.
»Könntest du bitte sagen, dass es total schön ist? Ich drehe sonst nämlich durch«, sagte Bella und ihr schoss erneut die Röte ins Gesicht.
Keine Ahnung, wie das möglich war, aber diese weißen, langen Gardinen ließen jede Frau so schön wirken wie noch nie. Und obwohl Bella ihr hautenger, spitzenbesetzter Aufzug sichtlich unangenehm war, freute ich mich, als wäre ich ihre beste Freundin.
»Das sieht … hammer aus, Bella. Wirklich, bleib locker, das ist krass«, stammelte ich vor mich hin. Und dann realiserte ich zum ersten Mal seit langem, dass ich Bella unglaublich liebte. Natürlich nicht mehr auf diese Weise, aber sie war meine beste Freundin. Die Person, mit der ich alles teilen konnte – und das schon seit Jahren.
Und sie heiratete – die Zeit schien mit jedem Tag schneller zu vergehen. Gleichzeitig schien sie in diesem Moment stehen zu bleiben und ich sog Bella in mich ein. Dachte daran, dass sie nicht mehr lange menschlich war und dass ich jeden noch so kleinen, menschlichen Moment genießen musste. Und so betrachtete ich ihre roten Wangen, die nach ihrer Verwandlung nie wieder so rosa sein würden, genoss es, dass sie atmete, horchte nach ihrem Herzschlag. Und dann, nach diesem einen, zeitlosen Moment tickte die Uhr weiter und ich wurde zurück in die Realität gezogen.
»Hey... was ist denn los?«, hörte ich Bella sagen und sie kam auf mich zu. Ihre kleine, warme Hand berührte mein Gesicht und sie wischte mir eine Träne von den Wangen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie mir entflohen war.
Ich wollte nicht, dass sie dachte, ich sei ihretwegen traurig, also lächelte ich und nahm ihre Hand.
»Alles ist perfekt. Ich war nur etwas überwältigt – in letzter Zeit hatte ich nicht viele Möglichkeiten, sentimental zu sein. Und ich bin zwar männlich und ein Wolf, aber ich heule nicht nur den Mond an«, witzelte ich und versuchte, die Situation etwas aufzulockern.
»Wir werden sie zurückbekommen«, erwiderte Bella zuversichtlich und gab mir einen Kuss auf die Wange, dann ließ sie sich auf einem Stuhl neben der Tür nieder.
»Bist du sicher, dass Alice dir nicht den Kopf abreißt, wenn du es zerknitterst?«, warf ich ein und zog die Augenbrauen hoch.
Bella verdrehte nur die Augen und erhob sich, um sich aus dem Kleid zu schälen. Ich sah ihr lächelnd hinterher, als sie den Raum verließ.
Dreißig Sekunden starrte ich auf eines der Familiengemälde, ehe ich Bella hörte, wie sie meinen Namen sagte. Sie rief weder noch flüsterte sie.
Verwirrt fogte ich ihrer Stimme. Ein beißender, süßer Geruch stieg mir in die Nase und ich bekam eine Gänsehaut. Der Geruch kam mir nicht bekannt vor, es war kein Vampir, den ich identifizieren konnte.
Bella stand am Fuße der Treppe, welche zum Eingagsflur führte, steif, noch immer in ihrem Kleid.
»Was ist?«, rief ich und nahm mehrere Stufen auf einmal, bis ich unten bei ihr angekommen war.
Dort blickte ich in zwei Paar blutroter Augen. Zwei Blutsauger blickten uns durch die gläserne Eingangstür entgegen. Es waren zwei Männer, ein paar Jahre älter als ich. Nun, zumindest waren sie das, als sie verwandelt wurden. Das war das erste Mal, dass Neugeborene so weit vorgedrungen waren.
Wie waren sie an meinen Brüdern vorbeigekommen? Und allem voran, wie waren sie an den jagenden Cullens vorbeigekommen? Wahrscheinlich waren sie zu beschäftigt damit gewesen, Lebewesen ihren Lebenssaft auszusaugen – was ich ihnen im allgemeinen nicht vorwarf, es passte mir nur gerade so äußerst schlecht in den Kram.
Mit einer schnellen Bewegung schob ich Bella hinter mich, um sie zu schützen.
Die Blutsauger nahmen sich bei der Hand und bewegten sich vorwärts. Ohne Umschwänge und als wäre es das normalste der Welt, glitten sie durch das geschlossene Glas.
Ein überraschter Ton entflog mir und ich schob Bella rückwärts ein paar Schritte zurück, für den Fall, dass ich mich verwandeln müsste. Das würde eine enge Sache werden in diesem Flur. Dann hätte das glasschonende Eindringen meiner beiden quasi toten Gegenüber ihren Zweck verloren.
»Was wollt ihr?«, zischte ich und nahm eine Angriffshaltung ein. Das Blut in meinen Adern pulsierte.
Unsere Gegner blieben stehen und ließen voneinander ab.
Der größere der beiden Lachte und sein kalkweißes Gesicht verzog sich zu einer zufriedenen Fratze.
»Wir haben eine Nachricht für euch. Für dich und deine Meute von Kötern und für dich, nettes Kleid übrigens, schöne Bella – du wirst doch sicherlich brav den Boten spielen und deine Freunde üer das unterrichten, was wir euch mitteilen.« Jedes Wort dieses aufgeblasenen Vampirbabys machte mich wütender und wütender, doch ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Wenn ich mich jetzt nicht unter Kontrolle hielt, würde ein unnötger – wenn auch befriedigender – Kampf stattfinden, mit dem ich Bella nur unnötig in Gefahr bringen würde. Mehr, als sie es jetzt schon war.
Die hochroten Augen des anderen Vampiers trafen die meinen und ein Schauer durchfuhr meinen Körper. Wie ich dieses Rot verachtete – denn es bedeutete, dass diese Neugeborenen Menschen ihr Leben aussaugten. Und wie es schien, bereitete ihnen eben dies Vergnügen.
»Spuck es schon aus«, zischte Bella hinter mir und ehe ich es mich versah, stand sie wieder vor, statt hinter mir. Wäre die Situation nicht so ernst, hätte ich gelacht. Es war so typisch für Bella, dass sie sich so furchtlos ihren Feinden gegenüber stellte.
»Pass bloß auf, sonst färbt sich der schöne weiße Stoff deines Kleides dunkelrot«, drohte der Große und legte ihr eine Hand um den Hals, ohne jedoch zuzudrücken. Mir fiel sein helles Haar auf und er erinnerte mich noch stärker an ein großes Baby.
»Lass sie los oder du und dein kleiner Freund könnte ohne Kopf zu Sabrina zurück kehren«, knurrte ich und trat einen Schritt vor, so dass ich neben Bella stand. Sie mussten von Sabrina kommen, anders konnte ich mir ihr Auftauchen nicht erklären.
»Sag ihnen einfach, worum sie uns gebeten hat. Sie will nicht, dass wir unnötigen Streit beginnen, Louis. Los, geh weg von ihr«, wies der Ruhigere von den beiden seinen Freund zurecht. Schlaues Kerlchen.
Wiederstreben lies Louis von Bella hab und ging rückwärts mit erhobenen Händen zu seinem Begleiter zurück.
»Ja, hör ' lieber auf deinen Babysitter und sag uns, was Sabrina von uns will«, sagte ich undgeduldig und nahm Bellas Hand, um sie wieder hinter mich zu bringen, doch sie blieb standhaft und seufzend ließ ich zu, dass sie an Ort und stelle blieb. Ich würde ihr entschlossenes Atmen vermissen, wenn sie zu einem dieser steinigen Biester werden würde.
Doch daran durfte ich jetzt nicht denken, mein Kopf musste klar bleiben für das, was Sabrina uns mitteilen wollte.
»Mox factum.«
Mit diesen beiden Worten verschwanden die beiden genau so schnell, wie sie gekommen waren, nur ein kleiner Windhauch und ihr unvergleichlicher Geruch verrieten, dass sie einst hier gewesen waren.
Ich reagierte eine Sekunde zu spät und als ich nach draußen trat, vermischte sich ihre Spur schon mit dem Wind.
»Mox … Factum …«, murmelte Bella und zog die Augenbrauen hoch.
»Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet, Jake≤, sagte sie verzweifelt und setzte sich auf einer der Stufen, welche zur Haustür führen.
»Carlisle schon, wir werden hier warten, bis sie zurück kommen, es wird nicht mehr lange dauern. Du solltest dir etwas anderes anziehen«, bemerkte ich und reichte ihr eine Hand.

»Die Wörter ergeben zusammen etwas wie 'Bald Geschehen'. Also 'bald' und 'das Geschehen'. Im Grunde genommen 'Bald ist es geschehen', vermute ich. Das könnte alles bedeuten, im schlimmsten Fall Jamies Tod. Ich möchte den Teufel nicht an die Wand malen, aber ich weiß nicht, wie ich aus dieser Botschaft etwas gutes fitern soll«, sagte Carlisle und verschränkte auf einmal sehr betreten die Arme vor der Brust.
Ich schluckte einmal schwer. Bald ist es vollbracht.
Aber was?
»Und was wäre der postitivste Fall von 'bald ist es vollbracht'?«, fragte ich zögerlich, wohlwissend, dass ich mir dessen eigentlich bewusst war, ich wollte es nur nicht wahr haben.
Denn in den letzten Tagen haben die Cullens zusammen das Haus von Jamie genauer unter die Lupe genommen, haben die Blutspur duchsucht und herausgefunden, dass es aus einer sehr kleinen Wunde kam, denn es waren nur vereinzelte Tropfen. Gemischt mit Vampirspeichel. Und wenn Jamies Entführer nicht gerade übermäßgen Speichelfluss hatte und gerne mit offenem Mund durch die Weltgeschichte spazierte, so mussten wir in betracht ziehen, dass Jamie gebissen wurde. Doch, anders als bei Bella, war Edward nicht zur Rettung da, um ihr jenes Gift wieder auszusaugen. Und diese Tatsache ließ mich nahezu jede Nacht kein Auge zu machen. Denn wann immer ich die Augen schloss, sah ich Jamie vor mir, wie sie mit hungrigen roten Augen einem Menschen das Blut aus dem Hals saugte. Meine Prägung ließ nicht zu, dass sie diese Vorstellung weniger liebenswert machte, doch ich hatte Angst vor der Wahrheit. Wie es wirklich sein könnte. Würde ich auch das auf dieser Distanz bemerken?
Keiner konnte mir eine Antwort geben, keiner vermochte etwas auszusprechen, was vielleicht wahr werden könnte.
»Kann Alice nicht irgendwie ihr Hokus Pokus anwenden und herausfinden, wo sie ist?«, fragte ich verzweifelt. Eigentlich war mir klar, dass das nicht möglich war – schließlich waren ihre Visionen zufällig und nicht unbedingt kontrollierbar. Ich wollte das nur nicht wahr haben, konnte es nicht akzeptieren.
Wie ein getrener Hund verließ ich zwei Stunden später das Grundstück der Cullens. Ich entschied mich, in Menschengestalt zu bleiben und den Weg zu Fuß zu gehen. Ich wollte eindfach nur für eun paar Stunden den Waldboden fühlen, wollte ein paar Stunden ganz allein mit mir selbst sein und versuchen, meinen Kopf leer zu bekommen. Erneut hatte ich das Gefühl, von innen zerfressen zu werden. An einer unserer Sprungklippen fand ich mich wieder und blieb am Abhang stehen, blickte in die Tiefe und erinnerte mich an den Moment, in dem wir Jamie hatten überreden wollen, auch mal zu springen. Wie dumm von uns, dass wir vergaßen, dass sie nur ein zerbrechlicher Mensch war.
Sie war einfach nur ein unschuldiger, zerbrechlicher, vergänglicher Mensch, der es nicht verdient hatte – was auch immer ihr gerade wiederfuhr.
Da ich allein war, ließ ich in diesem Moment meinen Tränen freien Lauf. Es hatte keinen Zweck mehr, sie zurück zu halten. Was brachte es schon, dass alles in sich hinein zu fressen, anstatt es raus zu lassen? Es machte die Situation nur schlimmer statt besser. Das half Jamie auch nicht weiter.
Ich kramte in der Tasche meiner Shorts und holte die Haarsträhne heraus, welche ich in ein Stück Stoff gewickelt hatte. Mit unglaublicher Sehnsucht betrachtete ich das leuchtende Kupfer und strich über die weiche Strähne.
Es war ein sehr windiger Tag. Eiskalt und nass strichen die letzten Wochen dahin und während ich so dar stand, rieselten dicke, weiße Schneeflocken vom Himmel. Ich bekam eine leichte Gänsehaut, doch auch diese verflog schnell wieder.
Ob Jamie gerade frohr? Schließlich wurde ihr schnell kalt.
Den aufkommenden Wind nutzte ich, um Jamies Haar von ihm verwehen zu lassen. Während die Tränen auf meiner Haut zu gefrieren schienen, beobachtete ich, wie der Wind die einzelnen Haare vom Abhang hinunter trug. Es war, als würde mir damit eine Last von der Schulter fallen. Ich musste das tun, um wieder Herr meiner selbst zu werden.
Als die Sonne anfing unter zu gehen, entschied ich, dass es Zeit war, zu gehen. Ich brauchte Schlaf und etwas zu essen. Den nächsten Tag wollte ich voll und ganz meiner Suche nach diesen Neugeborenen widmen, die uns heute einen Besuch abstatteten. Es war vielleicht kein produktives Ziel, aber es war ein Ziel.
Zuhause angekommen aß ich unseren Kühlschrank beinahe ganz leer und gönnte mir eine der vermutlich längsten Duschen meiner Lebensgeschichte.
Danach stellte ich fest, dass es halb sieben war und morgen der 24. Dezember. Ob ich Bella etwas schenken sollte zu Weihnachten? Rein Theoretisch hatte ich noch den ganzen morgigen Tag Zeit, um bis übermorgen ein passendes Geschenk zu finden, doch da ich morgen etwas anderes geplant hatte, entschied ich mich kurzerhand, einfach jetzt etwas zu besorgen. Es war eine gute Ablenkung und etwas ganz normales, menschliches. Allerdings würde ich dafür nach Forks fahren müssen, denn hier in La Push würde ich allerhöchstens ein Schmuckgeschäft finden – prinzipiell keine schlechte Anlaufstelle für Geschenke, doch Bella trug nahezu keinen Schmuck.
Vielleicht würde ich ein gutes Buch finden oder etwas, was in die Kategorie Deko fall würde. Damit würde sie wohl eher etwas anfangen können.
Gesagt, getan. Eine halbe Stunde später fand ich mich zwischen hundert anderen Menschen in einem Einkaufzentrum wieder. Anscheinend war ich nicht der einzige, der ein Last-Minute-Geschenk suchte, denn ich beobachtete viele gestresste Eltern, Männer auf der Suche nach etwas passendem und Frauen, die gehetzt versuchen, noch eben das gewünschte Spielzeug zu ergattern, bevor es ausverkauft war.
Irgendwie tat es gut, in solch eine Normalität einzutauchen.
Ich beobachtete die Menschen, die an mir vorbei gingen, stellte fest, dass ich hier aufatmen konnte und entspannte mich ein wenig, nicht vollends, aber ein wenig.
 
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