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Hassliebe mit Zucker

von Neenee-B
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
04.06.2020
22.04.2021
25
114.280
8
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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08.04.2021 4.114
 
-pov Tobi-

Ich hatte Naoi und Seno noch weiter beobachtet, doch ich kam einfach nicht drauf, was sie beschäftigen könnte. Außerdem war mir aufgefallen, dass Neil sich sehr merkwürdig verhielt. Er hatte zwar nicht aufgehört, hämische Kommentare in jedem Moment fallen zu lassen, in dem er Gelegenheit dazu bekam, doch wurde er nicht mehr handgreiflich. Man konnte es als ausweichen bezeichnen.
Wir saßen mal wieder unter unserem Baum und genossen das Spätsommerwetter, denn immerhin war dies der einzige Ort, wo wir ohne dumme Kommentare wegen unserer bloßen Existenz einfach sein konnten. Wenn ich mein Schicksal ändern könnte, würde ich es ohne Zweifel tun, aber das war leider nicht möglich. Nicht zum ersten Mal bedauerte ich unser Schicksal. Luke, der den gesamten Morgen schon seine Kopfhörer in den Ohren hatte, wirkte überaus konzentriert und sprach kein einziges Wort. Das Einzige, was ich an diesem Morgen von ihm gehört hatte, war ein schlichtes „Hallo“. Seno starrte wie üblich die Buchseiten an, doch ich wusste, dass er dieses Buch schon seit fast einer Woche „las“, was für Seno eine verdammte lange Zeit war. Naoi starrte in die Ferne und warf manchmal Kommentare ein. Eigentlich sprachen nur Miyuki und ich wirklich miteinander.
„Sag mal, Luke, was machst du da eigentlich?“, fragte ich nach ungefähr zehn weiteren Minuten, als mich meine Neugierde übermannte. Angesprochener bemerkte erst nicht, dass ich ihn meinte und als er dann endlich verstand, dass ich mit ihm geredet hatte, nahm er sich die Kopfhörer aus den Ohren, worauf ich meine Frage noch einmal wiederholte.
„Ich habe bald einen Auftritt in einem Café und muss dafür ein Lied einstudieren. Ich hab mir überlegt, ich nehme dafür eines meiner eigenen Lieder, welches An Apology heißt“, meinte er und mich beschlich das Gefühl, dass er diesen Song nicht ohne Grund ausgewählt hatte. Der Song war zu spezifisch, um ihn als „ich fand ihn toll und wollte ihn singen und Ende“ abzustempeln. Er schien meinen Blick zu bemerken und lächelte nur geheimnisvoll, aber ich bemerkte die Unsicherheit, die sich in seinen Augen widerspiegelte.
„Oh, du schreibst eigene Songs? Wie süß!“, meinte Miyuki mit leuchtenden Augen. Oh ja, ganz „süß“. Ich kannte zwar den Text des Liedes nicht wirklich, aber der Titel sagte schon alles über den Inhalt aus. Sie jedoch schien gar nicht zu bemerken, dass dieser eine tiefere Bedeutung für Luke hatte und nicht einfach nur „süß“ war.
„Ja, deshalb habe ich ihn ausgewählt. Normalerweise traue ich mich nicht, eigene Songs zu singen, aber ich denke, irgendwann sollte ich damit anfangen“, erwiderte Luke, doch sein Blick lag auf mir und er schien sich meiner Gedanken dazu sehr wohl bewusst zu sein. Alles, was ich darauf jedoch erwidern konnte, ohne dass die anderen hellhörig wurden war ein Blick. Luke wusste genau, was ich zu seiner- inexistenten- Beziehung zu Ben zu sagen hatte. „Sei vorsichtig“, bedeutete ich ihm und Luke nickte kaum merklich. Er schien sich seiner Entscheidung sicher, dem Ausgang jedoch völlig unsicher zu sein.
Naoi hatte weiterhin geschwiegen während unseres Gesprächs, doch schien er wenigstens dem Verlauf gelauscht zu haben und dachte sich nun seinen Teil. Seno starrte noch immer auf sein Buch, doch auch er sah weniger abwesend aus und sein Gesicht war endlich mal wieder neutral, obwohl die kleine Veränderung in Senos Mimik niemandem aufgefallen war.
Endlich schien ich sie von ihren Gedanken abgelenkt zu haben, was meiner Meinung nach auch lange genug gedauert hatte. Den ganzen Morgen lang hatte ich versucht, die Themen so zu lenken, dass es auch einen der Beiden interessieren konnte, doch irgendwie schien es mir nicht gelingen zu wollen. Egal, was ich angesprochen hatte- sogar Naturwissenschaften hatte Seno nicht interessiert- sie hatten sich nicht ablenken lassen. Das Thema auf einen unserer Freunde zu lenken, blieb wohl die beste Taktik.

-pov Shiro-

Ich war nervös, um es untertreiben zu wollen. Nachdem Tobi Miyuki und mich im Club unterbrochen hatte, hatte ich mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich machen konnte, um endlich mit Miyuki zusammenzukommen. Ich brauchte einen Ort, an dem wir ungestört waren und musste ihr klarmachen, was ich für sie empfand. So weit, so gut. Das musste jedoch auch möglichst romantisch sein, denn während meiner Fragereien hatte ich festgestellt, dass Miyuki Romantik sehr hochschätzte. Das spielte mir sehr gut in die Karten, denn mir ging es genauso. Nur war ich die Person, die lieber den Partner mit Romantik und Herzen überschüttete. Wir waren quasi wie füreinander geschaffen und ich verstand einfach nicht, dass Miyuki das nicht sah. Oder nicht bemerkte, wie offensichtlich ich mich an sie ranmachte. Es war so unendlich frustrierend. So, so frustrierend.
Ich hatte also gewartet, bis meine Eltern für eine längere Zeit nicht zuhause sein würden und dann morgens vor der Schule in unserem Esszimmer ein bisschen was vorbereitet. Wir würden ein wunderbar romantisches Essen haben mit den besten Kochkünsten, die ich besaß. Was nicht die allerbesten waren, aber es reichte. Durch meine Fragerei hatte ich so einiges über sie erfahren und konnte ihr auch ihr Lieblingsessen zubereiten. Omelett. Wirklich eine Qual, ich hatte absolut keine Ahnung gehabt, wie man dieses zubereitete und hatte Ewigkeiten mit dem Rezept gehadert. Das Ergebnis war zufriedenstellend. Ich hoffte, dass sie das nicht bemängeln würde.
Also stürzte ich noch vor Schulschluss aus dem Klassenraum, mit der Begründung, ich müsse mich übergeben- was auch gar nicht so fernab der Realität war- und war zuerst nach Hause, um den Backofen anzustellen und danach zu ihrer Schule gesprintet. Gut, ich gab zu, dass unsere Schuluniform nicht das allerromantischste Outfit war, aber das konnte ich nicht ändern. Wenigstens meine Haare hatte ich am Morgen mit dem Lockenwickler gestylt, was so ziemlich das Einzige war, was ich tun konnte. Als ich ihre braunen Haare erblickte, überspielte ich die Nervosität mit einem Lächeln und winkte ihr zu.
„Hallo, Miyuki!“, rief ich quer über den Schulhof und ignorierte die Leute, die mich komisch anstarrten. Oder abfällig. Die wussten ja gar nicht, was sie verpassten. So hatte ich Miyuki zumindest für mich. Sie wirkte überrascht, lächelte allerdings zurück und kam auf mich zu. Das deutete ich mal als gutes Zeichen.
„Ähm… Shiro? Hi, was machst du denn hier?“, erwiderte sie, als sie bei mir angekommen war und vor mir stehen blieb. Selbst auf diese Entfernung konnte ich ihr Parfum riechen. Ein blumiger Duft hüllte mich ein. Das Zittern meiner Hände unterband ich, indem ich mit beiden Händen ihre Hand nahm und sie anstrahlte. Überspielen, alles überspielen.
„Ich wollte mit dir ungestört reden. Kommst du mit zu mir nach Hause? Ich hab da etwas für dich“, rief ich so enthusiastisch wie möglich aus und beugte mich noch näher an sie heran, um ihre Reaktion abschätzen zu können. Sie wurde rot, soweit konnte ich es beurteilen.
„Ähm… okay?“, brachte sie schließlich gestammelt heraus und ich bemerkte, dass ihre Aufmerksamkeit nicht bei meinem Gesicht lag. Oh, das hatte ich wohl ehrlich vergessen. Der Ausschnitt der Bluse, die ich nie bis oben hin zu knöpfte schien ihren Blick wie magisch angezogen zu haben. Würde ich mir merken.
Den Weg über hielt ich ihre Hand und zog sie mit mir. Das ganze „flirte ich? Flirtet sie? Flirtet sie mit mir, weil sie mit mir befreundet sein will oder mehr“-Spiel war sowas von ermüdend. Doch das war wohl der Preis, wenn man als eine Frau auf eine andere Frau stand. Man konnte sich der Motive hinter einem Flirt nie sicher sein. Geradeheraus fragen, was Sache war, war da die effektivste Methode, aber bei Miyuki war es etwas anderes. Sie hatte mich wirklich gefangen und würde mich so schnell nicht loslassen. Vor meinem Haus blieben wir stehen. Sie war schon einige Male hier gewesen, doch dieses Mal war es etwas anderes. Die Idee kam mir spontan, als ich die Krawatte abnahm.
„Würde es dir was ausmachen, wenn ich dir kurz die Augen verbinde? Für die Überraschung“, fragte ich sie und erblickte die Unsicherheit in ihrem Blick. Sie zögerte, schien nicht recht zu wissen, was sie antworten sollte. Vielleicht war das eine schlechte Idee gewesen.
„Nein, würde es nicht“, murmelte sie jedoch zu meiner Überraschung. Als ich hinter sie trat, um die Krawatte über ihre Augen zu binden, hörte ich, wie sich ihr Atem verschnellerte. Meine Hand schob sich in ihre, während ich sie vorsichtig ins Haus lotste. Das Omelett dürfte schon so gut wie fertig sein und als ich den Kopf in die Küche streckte, zeigte der Timer tatsächlich nur noch ein paar Sekunden an. Das Timing war ja schon gruselig perfekt. Ich führte Miyuki in das Esszimmer und wies sie an, sich zu setzen, als wir an dem Stuhl angekommen waren. Schnell lief ich in die Küche, stellte den Ofen aus und holte das Omelett heraus. Es schien in Ordnung zu sein, also brachte ich es zum Tisch und zündete noch schnell Kerzen an.
„Mh, das riecht gut“, kommentierte Miyuki, die sich entspannt zu haben schien, wenn auch noch etwas unsicher wirkte. Ich trat hinter sie und entwirrte den Knoten an ihrem Hinterkopf. Als ich ihr die Sicht wieder gab, weiteten ihre Augen sich überrascht. Ja, ich hatte mich mit der Romantik selbst übertroffen. Der Tisch war mit einer weißen Tischdecke bedeckt, mitten auf ihm stand ein großer Blumenstrauß mit roten Rosen. Auf der Tischdecke hatte ich rote Blütenblätter und einige Kerzen verteilt und auf dem Boden formten die Blütenblätter ein großes Herz um den Tisch herum.
„Hast du das alles selbst gemacht?“, fragte Miyuki und ich sah, dass ihre Augen in Tränen der Rührung schwammen. Ich kniete mich neben ihren Stuhl und sah sie ernst an, während ich wieder nach ihrer Hand verlangte, die sie vorsichtig in meine legte.
„Miyuki, ich liebe dich. Ich will dich küssen, dich in meinen Armen halten und einfach nur wissen, dass du bei mir bist. Ich habe das alles hier vorbereitet, damit du merkst, dass es mir wirklich ernst ist“, gestand ich ihr, während sie mich mit großen Augen anstarrte, musterte. Dann jedoch zog sie mich hoch und legte ihre Lippen auf meine. Zuerst war ich zu überrascht, um zu reagieren, dann schwang ich ein Bein über sie und ließ mich auf ihrem Schoß nieder. Ich drückte meinen Körper gegen ihren, vergrub meine Hände in den langen, dichten Haaren und atmete ihren betörenden Duft ein. Endlich. Das war so viel besser als alles, was ich je erlebt hatte und ich hatte schon ein bisschen was erlebt.
Ihre Lippen schmeckten nach Erdbeerlipgloss und gierig knabberte ich daran, was ihr ein leichtes Keuchen entlockte. Ich hatte Monate darauf verzichtet, doch eigentlich wollte ich mit ihr essen. In diesem Moment kümmerte es mich jedoch nicht, doch als ich begann, eine Hand unter ihre Bluse wandern zu lassen, stoppte sie mich, in dem sie mit ihrer zarten Hand sanft nach meinem Handgelenk griff.
„Nicht jetzt… wir wollten doch essen“, flüsterte sie leise und ich bemerkte, dass es eine taktvolle Art war, mir zu sagen, dass sie noch nicht bereit war, diesen Schritt zu gehen. Ich schenkte ihr ein Lächeln, als ich ihr ängstliches Gesicht bemerkte und legte Lippen noch einmal kurz auf ihre, bevor ich von ihrem Schoß kletterte.
„Also gut, lass uns essen!“

-pov Ben-

Geschafft ließ ich mich auf mein Bett gefallen. Der Tag war echt anstrengend gewesen. Zusätzlich bekam ich immer weniger Schlaf, da ich die Nächte verbrachte, an Luke zu denken. Ich verstand ihn einfach nicht. Auf die Seite rollend zog ich mein Handy aus der Hosentasche. Irgendetwas schien geschehen zu sein, denn Instagram explodierte. Wahllos klickte ich auf eine der Benachrichtigungen und erblickte die Seite unserer Schule. Trotz Müdigkeit richtete ich mich auf und zog die Brauen zusammen. Was wollten die denn an einem Samstag?
„Der Streber denkt, er könnte singen, dabei ist das nur viral, weil es so schlecht ist“, lautete der Text des Posts. Darunter war ein Link, auf den ich wahllos klickte und mir stockte der Atem, als ich Luke erblickte. Ich wusste ja, dass er sang, wieso war mir nicht gleich in den Sinn gekommen, dass er es sein konnte? Zögerlich schwebte mein Finger über der Abspieltaste und letztendlich drückte ich einfach mit geschlossenen Augen drauf.
„Alone in this place, I can't feel your trace
Have I gone too far?
I feel this pain, don't feel your touch
This is all too much

And even if I close my eyes I know
That all I need is your touch, for sure

I apologize for this
I'm the one responsible
It is all my fault, this pain
Can you come back to me?
I'm missing you so much, it hurts
I'm sorry for all that I've done to you
So, will you accept this apology?
Will you be the one by my side?
Hm“
Die wohlklingenden Töne, die Lukes Mund verließen waren Himmel und Hölle zugleich. Je länger ich ihm beim Singen zuhörte, desto mehr vermisste ich ihn. Irgendetwas lag in seinem Blick. Trauer… Reue? Ich konnte es nicht zuordnen, aber er sang dieses Lied so gefühlvoll, dass mein gesamter Körper von einer Gänsehaut überzogen wurde.
„Thoughts so dark, can't feel your spark
Your light in the night
I'm sitting here under the moonlight
And all I can think of is you

And even if I missed my chance I hope
That you will be by my side, for sure

I apologize for this
I'm the one responsible
It is all my fault, this pain
Can you come back to me?
I'm missing you so much, it hurts
I'm sorry for all that I've done to you
So, will you accept this apology?
Will you be the one by my side?
Hm“
Irgendjemand schien dieses Video aufgenommen zu haben, ohne dass Luke es wusste, denn er sah nicht in die Kamera. Er schien auf einer Bühne in einem Café zu stehen, von dem, was ich erkennen konnte. „And even if I missed my chance", ich stoppte das Video und dachte nach. Seine einzige Chance verpasst zu haben? Das klang verdächtig nach unserer Situation. Doch ich sollte mir keine Hoffnungen machen, er hatte mehr als deutlich gemacht, dass er nichts mit mir zu tun haben wollte. Und doch…
„And I hope that you will give me another chance, my love
I'm sorry that I hurt you, I was wrong

I apologize for this
I'm the one responsible
It is all my fault, this pain
Can you come back to me?
I'm missing you so much, it hurts
I'm sorry for all that I've done to you
So, will you accept this apology?
Will you be the one by my side?
Hm“
Luke beendete sein Lied und wenn ich es mir nicht einbildete, glänzten seine Augen etwas. Tosender Applaus ertönte und übertönte beinahe ein leises Wort, welches Luke murmelte, bevor er von der Bühne stürzte und welches mich endgültig wachmachte.
„Sorry.“

-pov Luke-

Die Sterne am Himmel schienen mich auszulachen. Nacht für Nacht lag ich wach und sie waren meine Zeugen. Es war lächerlich, anzunehmen, dass er ein Video von mir sah, doch es war die einzige Art und Weise, auf die ich mich traute, mich zu entschuldigen. Musik war mir vertraut, Musik gab mir Sicherheit. Als ich mein Handy ansah, bemerkte ich Tobis Nachrichten.
//Mama// 22:34
Oh mein Gott, Luke!!!
Hast du das gesehen? Ein Video von dir ist viral!!!
Über 1 000 000 Klicks!!!
Du bist berühmt, Celebrity!!! :)
Ich grinste, als ich seine Nachrichten las. Allerdings sanken meine Mundwinkel schnell wieder ab. Was hieß es schon, berühmt zu sein, wenn ich mich durch die Tage quälte? Ich wollte mich mit diesem Song entschuldigen, doch die Illusion, dass es etwas nützen würde, erlaubte ich mir nicht. Ich drehte mich auf die Seite und versuchte die Augen zu schließen. In diesem Moment klopfte jemand an die Tür und ich antwortete einfach mit „herein“. Wer auch immer was von mir wollte, sollte so schnell wie möglich das, was derjenige wollte, erledigen und wieder verschwinden. Die Tür öffnete sich und schloss sich wieder. Ein paar Minuten war es still, dann…
„Luke“, seine Stimme ließ mich hochfahren und herumwirbeln. Da stand er, wahrhaftig, live und in Farbe. Farbe war in der Dunkelheit relativ. Er zögerte einen Moment, kam dann jedoch die Stufen hoch. Ich konnte ihn nur dabei beobachten und schwieg. Er ließ sich auf der Fensterbank gegenüber meines Bettes nieder und ich rutschte unsicher an das Fußende meines Bettes. Seine Mimik war in der Dunkelheit schwer zu lesen.
„Was machst du hier?“, flüsterte ich mit belegter Stimme. Sein Blick wanderte über mich und ein trauriger Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Meine Frage beantwortete er nicht, sondern schwieg einfach nur.
„Luke, vermisst du mich?“, fragte er dann schließlich geradeheraus und ich spürte das Blut in meine Wangen schießen. Der Boden schien mit einem Mal sehr viel interessanter geworden zu sein, doch Ben beugte sich vor und griff nach meinem Kinn, damit ich ihn ansah. Er hatte recht. Oh, und wie recht er hatte.
„Sorry“, wisperte ich und Ben lehnte sich daraufhin nach vorne und blickte mir in die Augen. Tief. Ich sah Menschen normalerweise nicht so intensiv in die Augen. Irgendwie war es mir unangenehm. Sein Blick war fragend, aber auch verzweifelt, bekümmert und wehmütig. Er glaubte nicht daran, dass ich es ernst meinte.
„Und du stößt mich nicht wieder von dir? Du schottest dich nicht wieder hinter Mauern ab, wenn es dir zu eng wird? Meinst du es ernst?“, fragte er und seine Fragen, jede einzelne, waren so berechtigt. Er hatte recht daran, zu zweifeln. Es war meine Schuld gewesen, dass wir durch diese Zeit gehen mussten, dass wir so verletzt waren.
„Ich meine es ernst. Es tut mir leid. Ich habe gedacht, du meinst es nicht ernst. Ich hab deine Vergangenheit nicht vergessen und konnte nicht daran glauben, dass du dich so einfach ändern könntest. Da lag ich falsch, tut mir leid“, erwiderte ich und Ben lehnte sich wieder zurück und verschränkte die Arme ineinander. Nachdenklich betrachtete er mich, bevor er wieder sprach.
„Ich habe mich nie geändert. Ich war immer so, nur habe ich eine Fassade aufrechterhalten, um anderen zu gefallen. Wenn ich ehrlich bin, hab ich schon am ersten Tag letztes Jahr ein Auge auf dich geworfen“, wandte er ein. Ach, das waren ja mal ganz andere Neuigkeiten. Das musste ich erst einmal verarbeiten. Doch eines war mir nicht ganz klar.
„Aber… warum warst du dann… so?“, versuchte ich in Worte zu fassen, was ich dachte, ohne es wie eine Beleidigung klingen zu lassen. Es war keine allzu gute Beschreibung dessen, was ich aussagen wollte, doch Ben lächelte milde, als hätte ich etwas Entscheidendes nicht begriffen.
„Ein Arschloch? Ganz einfach: Ablehnung. Meine Eltern haben mich immer abgelehnt, weshalb ich auch ein eigenes Apartment habe. Sie wollten mich loswerden. Ich wollte nicht das Gleiche in der Schule wie zuhause erleben, also habe ich mich möglichst so verhalten, wie es von mir verlangt wurde“, erklärte er und ich blinzelte. Darüber hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Aber dass er von seiner Familie derart abgelehnt wurde?
„Nur mein Bruder akzeptiert mich so, wie ich bin. Es macht ihm nichts aus, dass ich schwul bin, im Gegensatz zu meinen Eltern. Die meinen, Homosexualität sei eine Schande und gehöre verboten. Sie haben mich doch tatsächlich enterbt und dann rausgeschmissen“, er lachte leise, während mir die Kinnlade runterklappte. Wie konnten Eltern so sein?
„Sie zahlen immer noch weiter für mich, aber sobald ich arbeite, kriege ich keinen Cent mehr von ihnen“, fuhr er fort und ich starrte ihn immer mitleidiger an. Was war bei ihm zuhause denn falsch gelaufen? Nur sein Bruder kümmerte sich darum, wie es ihm ging?
„Tut mir leid“, nuschelte ich, überwältigt von so viel Ehrlichkeit und den harten Fakten, die er mir darlegte. Er jedoch lächelte nur und ich fragte mich, wie man in seiner Situation überhaupt lächeln konnte. Er stand auf und lehnte sich über mich, die Hände links und rechts von mir abstützend. Meine Hände krallten sich in die Laken unter mir und ich warf ihm einen unsicheren Blick zu.
„Das ist jetzt egal, es hilft dir nur etwas besser, zu verstehen, warum ich so geworden bin, wie ich war. Aber das will ich nicht mehr sein. Wegen dir, Luke. Du hast mich verändert“, raunte er nur knapp von meinem Ohr entfernt. Seine tiefe Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken und die feinen Härchen an meinen Armen stellten sich auf.
„Ich liebe dich“, setzte er noch hinterher und überrascht weiteten sich meine Augen. Ich hatte jedoch keine Möglichkeit, etwas darauf zu erwidern, denn er beugte sich zu mir und legte seine Lippen auf meine. Ich hatte nicht gleich ein Liebesgeständnis von ihm erwartet und ich fragte mich instinktiv, ob ich das auch von mir behaupten konnte. Klar, ich hatte Gefühle für ihn, aber konnte ich da von Liebe sprechen? Für den Moment war das jedoch vollkommen egal. Er hatte mich noch nie geküsst und so… es war so gefühlvoll.
Im nächsten Moment entwickelte sich das jedoch zu einem leidenschaftlichen Zungenkuss und er drückte mich mit dem Rücken in die Matratze. Ich vergrub meine Hände in seinen Haaren, während er über mich kletterte und seine Hände über meine Brust wandern ließ. Mir wurde heiß und kalt zugleich und mein Gehirn schaltete sich ab. Eine tiefe Zufriedenheit, wie ich sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte, ergriff von meinem Körper Besitz. Es hatte sich immer angefühlt, als würde etwas fehlen und ich hatte immer gewusst, was. Nur mein Stolz hatte mich nicht über meinen Schatten springen lassen. Doch wenn dieses Glücksgefühl, diese überwältigende Freude das Ergebnis davon war, wenn ich meinen Stolz beiseiteschob, dann tat ich es gerne. Es hatte mich einiges an Überwindung gekostet, dieses Lied zu singen. Ich hatte viel hin und her überlegt, welche Entscheidung die richtige war. Letztendlich hatte meine Sehnsucht gesiegt.
„Du hast mir immer noch nicht verraten, wie du darauf kamst, dass ich es nicht ernst meinen könnte“, murmelte Ben zwischen zwei unserer Küsse und sofort war die Spannung, die zwischen uns fast greifbar in der Luft gelegen hatte, verflogen wie ein Blatt im Südwestwind. Ich seufzte und er legte sich neben mich auf das Bett, während er seinen Kopf auf der Hand abstützte und mich unverwandt von der Seite musterte.
„Es war einfach… zu perfekt, um wahr zu sein? Zu schön, um wahr zu sein? Ich konnte nicht glauben, dass das alles keinen Haken haben sollte. Anscheinend lag ich damit gründlich falsch“, antwortete ich und er nickte nur nachdenklich. Dann lächelte er plötzlich und fuhr mit einer Hand durch meine Haare.
„Was ist?“, fragte ich, während er weiter mit meinen Haarsträhnen spielte. Das Sternenlicht erleuchtete seine Gesichtszüge und ließ in seltsam blass erscheinen. Er sah wieder einmal verboten gut aus und ich hätte nur zu gerne das weitergeführt, was wir zuvor begonnen hatten, doch die Atmosphäre dafür war eindeutig verflogen.
„Mit den weißen Haaren siehst du aus wie ein Engel. Das wollte ich dir schon am ersten Tag sagen, aber hab mich nicht getraut. Wer weiß, ob du mir eins übergebraten hättest“, meinte er und lachte leise. Auch ich musste lächeln, spürte aber, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Sein Kompliment freute mich, machte mich zugleich jedoch verlegen. Ich wusste nicht, wie ich mit sowas umgehen sollte. Klar, viele Typen hatten mir schon gesagt, wie heiß sie fanden. Aber Engel? Das war ein ganz anderes Level.
„Lass uns schlafen, das habe ich seit Monaten nicht mehr richtig“, schlug er vor ich nickte zustimmend und wir rutschten zu meinen Kopfkissen hoch, um die Decke über uns zu ziehen, nachdem Ben sich seiner Kleidung bis auf die Boxershorts entledigt hatte. Als er die Arme ausbreitete, kuschelte ich mich bereitwillig an die breite Brust, lauschte seinem ruhigen Herzschlag und hieß die Wärme, die er ausstrahlte, willkommen. Es war ein wundervolles Gefühl, in seinen Armen zu liegen und einzuschlafen. Das könnte ich jeden Tag machen. Endlich hatte der Schmerz in meiner Brust aufgehört und endlich schlief ich wieder so schnell ein wie vor dem Drama...

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Und da bin ich wieder, wie versprochen!^^
Original war geplant, dass ich "All I Need Is You" von Brandon Jenner nehme, aber die Regeln von FanFiktion.de verbieten mir, den ganzen Song mit hineinzunehmen, also habe ich einfach einen eigenen Song geschrieben!^^ Problem? Lösung!^^
Stand 08.04.21: 157 958 Wörter
Genau, so weit bin ich jetzt!^^ Inzwischen bin ich also beim dritten Teil angekommen, also kommen nkch gaaaanz viele Updates in den nächsten Wochen!^^
Vielen lieben Dank an meine beiden Reviewschreiber!^^
Und danke an 6 Empfehlungen und 15 Favos! :000

Bis Sonntag, hoffe, bei euch ist es wärmer als bei uns!^^
Keep fighting!
- Neenee
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