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Hassliebe mit Zucker

von Neenee-B
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
04.06.2020
06.05.2021
28
127.875
9
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Dieses Kapitel
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04.04.2021 4.522
 
-pov Seno-

Bis wir ins Bett gegangen waren hatten Tobi und ich auf unserem Zimmer gesessen und uns über alles Mögliche unterhalten. Es war sogar ein ganz angenehmer Abend gewesen, denn die zwei Strolche, dessen Namen mir wohl irgendwie entfallen waren, waren nicht da gewesen. Irgendetwas von wegen „Treff in was-wusste-ich-wie-sie-hießen’s Raum“. War mir auch recht egal. Sie gaben sich jedoch keine Mühe, leise zu sein und schalteten sogar das Licht ein, als sie ins Zimmer traten. Trampeltiere. Davon waren wir natürlich wieder aufgewacht und ich hätte ihnen zu gerne meine Meinung gegeigt, doch es änderte nichts. Sie würden doch nicht aufhören, was unglaublich frustrierend war. Nachdem sie also endlich leise waren, konnten wir ebenfalls wieder einschlafen, doch das hielt nicht allzu lang an, zumindest nicht für mich.
Mitten in der Nacht wachte ich wieder auf, dieses Mal allerdings nicht von irgendwelchen lauten Idioten, sondern von dem leisen Knarzen von Dielen vor unserer Tür. Ich konnte froh sein, einen derart leichten Schlaf zu haben, dass mich ein solches Knarzen in Alarmbereitschaft versetzte. In der Dunkelheit tastete ich nach meiner Brille auf dem kleinen Tischchen am Ende meines Bettes und setzte sie auf, während ich mich aufrichtete und beobachtete, wie die Klinke zu unserem Zimmer vorsichtig heruntergedrückt wurde. Ich erwartete schon, dass irgendjemand unser Zimmer betreten wollte, um irgendetwas dämliches mit uns zu machen, während wir schliefen, doch als ich Ben in dem Halbdunkel erkannte, war ich mehr als nur verwirrt. Er schien zu sehen, dass ich nicht mehr schlief und kam auf mich zu.
„Perfekt, genau mit dir wollte ich sprechen. Hast du kurz ‘ne Sekunde?“, flüsterte er leise und neugierig, aber auch irritiert folgte ich ihm nach draußen, wo ich instinktiv die Jacke, die ich mir schnell übergeworfen hatte, enger an mich zog. Er führte mich heraus bis außer Sichtweite der Hütte und ich fragte mich so langsam, ob er mich kidnappen wollte oder sonst irgendetwas und ob es nicht total dumm war, ihm mitten in der Nacht zu folgen, als er an dem See, an dem die Hütte gelegen war, stehenblieb und wir uns auf einem Baumstamm niederließen.
„Also, was wolltest du so dringend mit mir besprechen, dass es nicht bis morgen warten kann?“, fragte ich, während ich zitternd die Jacke um mich zog. Der Sommer neigte sich dem Ende zu und die Temperaturen wurden kühler, insbesondere nachts. Ich hoffte einfach, er würde es kurz machen und mich nicht allzu lange von meinem kuschelig warmen Bett fernhalten.
„Also… wie fange ich an? Naja, du wirst es bestimmt schon von Luke gehört haben…“, druckste er herum und mir fiel auf, dass es ihm sichtlich unangenehm war, was auch immer er meinte. Bei Lukes Namen horchte ich jedoch auf. Ich erinnerte mich plötzlich wieder an die Szene in der Bibliothek und wie vertraut die Beiden miteinander gewirkt hatten.
„Wovon sprichst du? Spuck’s aus, ich will hier nicht ewig frieren“, entgegnete ich nur, als er nicht weitersprach und schließlich seufzte er. Er blickte mich nicht an, während er weitersprach und ich könnte schwören, er wurde sogar leicht rot.
„Ich… habe mich in Luke verliebt… Ich liebe ihn…“, eröffnete er mir und mein Mund stand offen. Pardon? Hatte ich richtig gehört? Ben liebte Luke? Sprachen wir über den gleichen Luke? Was hatte ich bitte verpasst? All diese Fragen schwirrten in meinem Kopf umher, doch keine verließ meine Lippen. Da sprach er aber auch schon weiter.
„Wir sind sogar einmal ausgegangen, allerdings unter der Bedingung, dass wir uns danach nie wieder sehen… Währenddessen, aber auch vorher, hatte ich das Gefühl, dass es ihm gefallen hat… Warum hat er dennoch darauf bestanden, mich nie wieder zu sehen?“, fragte er und ich hörte all die angestaute Verzweiflung und Frustration, die sich in ihm befand aus dieser einen Frage heraus. Als hätte er all das ausgesprochen, was er schon lange mit sich herumtrug.
„Da fragst du definitiv den Falschen, mit MIR hat er darüber nicht gesprochen, ich wusste nicht einmal, dass da überhaupt etwas zwischen euch Beiden war“, erklärte ich, die Stirn in Falten gelegt. Nein, er hatte derartiges nie erwähnt, doch plötzlich schienen eine Menge Dinge Sinn zu ergeben, die vorher so merkwürdig erschienen.
„Was meinst du, ‚mit MIR hat er darüber nicht gesprochen‘? Hat er mit jemand anderem darüber gesprochen?“, fragte Ben weiter, während ich nachdachte. Es war sehr wahrscheinlich, dass er es ihm erzählt hatte, denn dadurch würden sich viele Dinge erklären. Zum Beispiel ihr ewiges Geflüster oder die besorgten Blicke, die er Luke zuwarf.
„Naja, in letzter Zeit haben Tobi und Luke des Öfteren leise miteinander gesprochen, damit wir es nicht hören und glaub‘ ja nicht, mir sei nicht aufgefallen, wie besorgt und mitleidig Tobi ihn ansieht. Wenn ich mich nicht täusche, muss er mit ihm darüber gesprochen haben“, äußerte ich meine Vermutung, während er nickte.
„Das scheint plausibel, sollte ich mit ihm mal sprechen? Vielleicht sagt er mir ja-“, begann er, doch ich schüttelte den Kopf und brachte ihn so zum Verstummen. Sein Blick schien fragend, ja fast enttäuscht, in dem kläglichen Licht des Mondes konnte ich es kaum deuten.
„Wenn er sogar Naoi oder mir nicht davon erzählt, wird er es erst recht nicht dir erzählen. Es ist Lukes Recht, es vor uns geheim zu halten und Tobi respektiert das. Er wird den Teufel tun und dir auch nur ein Wort sagen“, bedachte ich und er stöhnte genervt auf. Aufmunternd tätschelte ich ihm die Schulter, während er in sich zusammensank.
„Ich will doch nur wissen, warum Luke so ist, wie er ist. Manchmal verstehe ich ihn einfach nicht. Warum ist er ein derartiges Mysterium? Ich will ihn doch nur verstehen, doch egal, wie sehr ich es versuche, ich kann es einfach nicht“, beklagte er sich und ich konnte nichts weiter tun, als ihm hilflos weiter die Schulter zu tätscheln.
„Da bist du nicht allein, glaub mir. Mit der Zeit lernt man, seine Eigenarten zu akzeptieren und mit ihnen zu leben. Warum er dich aber gleich aus seinem Leben verbannt, kann ich dir nicht sagen“, murmelte ich vor mich hin, während er zu mir sah. Irgendetwas lag in seinem Blick, was zuvor noch nicht da gewesen war.
„Weißt du, du bist doch eigentlich gar nicht so übel“, stellte er mit einem schiefen Lächeln fest und ich grinste zurück. Er hatte recht. Vielleicht hatten wir einfach immer über den anderen geurteilt, ohne ihn wirklich zu kennen. Ohne hinter die Fassade der Öffentlichkeit zu sehen. Hinter der Fassade war Ben ein ganz anderer Mensch.
„Das Gleiche kann ich von dir sagen, aber ich bin dafür, dass wir jetzt wieder reingehen. Ich bin definitiv für diese Temperaturen nicht warm genug angezogen und erfriere gleich“, entgegnete ich und er lachte. Dann standen wir auf und liefen zurück zu der Hütte, uns weiterhin miteinander unterhaltend. Wir schafften es tatsächlich, unbemerkt wieder zu unseren Zimmern zu gelangen und wünschten uns gegenseitig eine gute Nacht. In meinem Bett überlegte ich, dass man in solchen Camps wohl nicht nur auf die eine Art lernen konnte…

-pov Naoi-

Wir ließen Tobi und Seno an der Bushaltestelle stehen und hasteten in unsere jeweiligen Kurse. Ich hatte in den ersten beiden Stunden Englisch, die ich eigentlich mit Tobi zusammen gehabt hätte, doch er war ja in diesem Camp, also musste ich dieses Mal ohne ihn klarkommen. Das würde wohl nicht so schwer sein, immer hin war es nur einmal. Als ich jedoch den Raum betrat, hätte ich am liebsten wieder kehrtgemacht und wäre geflohen. An einem Tisch in der hinteren Reihe saß Neil und starrte aus dem Fenster, die Aufmerksamkeit, die ihm gewidmet wurde, völlig ignorierend. Er schien mich aus dem Augenwinkel erblickt zu haben, denn er wandte den Kopf und sah mich direkt mit seinem feindseligen Blick an. Schnell sah ich woanders hin, setzte mich auf einen Stuhl und schenkte dem Blut, welches mir in die Wangen schoss, keine Beachtung. Warum war er nur wieder so? Warum konnte er nicht so bleiben, wie er die Nacht zuvor gewesen war? Wahrscheinlich konnte er sich sowieso nicht erinnern und das war auch besser so. Was würde er wohl tun, wenn er sich doch erinnern könnte? Herausfinden wollte ich es sicherlich nicht.
Die Stunden zogen sich dahin und unter den Augen unseres Lehrers war ich zumindest vor Neil geschützt, soweit man die feindselige Aura, die von ihm ausging als geschützt erachten konnte. Ich blickte währenddessen immer wieder auf die Uhr und packte meine Sachen noch vor dem Klingeln weg. Als es dann so weit war und die Schulglocken durch das Gebäude hallten, sprang ich auf und flüchtete, sobald der Lehrer uns entließ. Als ich um einige Ecken gesprintet war, befand ich, dass ich weit genug von Neil entfernt war und verlangsamte mein Tempo. Schüler hatten mir merkwürdige Blicke zugeworfen und getuschelt, doch ich war einfach nur froh, dass ich ihm entronnen war. Seine Art war einfach nur gruselig, doch wenn er betrunken war, war er beinahe ein anderer Mensch. Als ich dann jedoch in den Raum meines nächsten Kurses trat, die Tür hinter mir schloss und mich schwungvoll umdrehte, erstarrte ich.
„Was- wie- aber- das kann doch nicht…“, stammelte ich, was ich nicht mehr zurückhalten konnte, denn auf einem der Tische saß doch tatsächlich Neil, die Arme verschränkt und offensichtlich auf mich wartend. Ich trat zurück, sodass die Tür in meinem Rücken lag und starrte ihn mit riesigen Augen an. Wie um alles in der Welt konnte er schon wieder in dem gleichen Kurs sitzen wie ich? Er trat an mich heran, schlug eine Hand auf die Tür in meinem Rücken und ich zuckte zusammen, in der Erwartung, er würde mir gleich eine verpassen, doch nichts geschah. Dann realisierte ich, dass er dadurch die Tür zuhielt, sodass niemand hereinkommen konnte.
„Keine Sorge, ich habe diesen Kurs eigentlich nicht, ich habe nur einen Lehrer bestochen, damit er mir deinen Stundenplan zukommen lässt“, erklärte er mit Spott in der Stimme und ich drückte mich so fest an die Tür wie möglich, in der Hoffnung, mit dem Holz verschmelzen zu können. Leider geschah das nicht. Mist.
„Aber… was willst du denn von mir?“, murmelte ich und hoffte, dass ihn das nicht wieder angriff. Glücklicherweise schien er jedoch nicht gleich wieder handgreiflich zu werden, sondern zog nur eine Augenbraue hoch.
„Ist das nicht offensichtlich? Warum hast du mich vorhin so seltsam angesehen? Ich weiß, dass ich dich gestern in dem Club gesehen hab, aber danach setzt mein Hirn vollständig aus, also, was ist dann passiert?“, knurrte er und kam mir bedrohlich näher. Verdammt. Ich hatte gehofft, dass er sich einfach an nichts mehr erinnerte, die Erinnerung daran, dass wir uns „begegnet“ waren, eingeschlossen.
„Und?“, drängte er, als ich nicht antwortete, doch ich blickte nur zur Seite, während mir wieder Bilder von Neil, wie er mich ansah vor meinem Haus, in den Kopf schossen. Neil, wie er sich mir langsam näherte, seine Lippen auf meinen, das unbeschreibliche Gefühl, das ich… und ich spürte wie mir das Blut ins Gesicht schoss, während ich versuchte, den einschüchternden Blicken des nüchternen Neils auszuweichen. Das, was in der Nacht passiert war, sollte für immer nur in meiner Erinnerung vorhanden sein.
„N-Nichts weiter“, nuschelte ich und wusste selbst wie unglaubwürdig diese Lüge war, besonders im Zusammenhang mit dem Blut, welches immer noch in meinen Wangen pochte und sie zum Glühen brachte. Wieso musste er mich auch so anstarren? Das machte die ganze Sache nicht gerade leichter und erinnerte mich zu sehr daran wie Neil mich an sich gezogen… okay, nein, das war definitiv zu viel, stopp.
„Nichts weiter, ja? Dann erklär mir mal, warum du so rot bist“, fragte er eindeutig angriffslustig nach, während ich fieberhaft nachdachte. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, noch nie war ich von einem Gedanken so schnell zu einem anderen gesprungen, nicht einmal in der Nacht zuvor und das war eine Leistung. Ich konnte ihm einfach nicht die Wahrheit sagen, wusste der Himmel, was Neil dazu sagen würde.
„Können wir das nicht einfach ignorieren und jeder seiner Wege gehen? Bitte?“, erwiderte ich also ausweichend, doch er lachte nur trocken auf und griff nach meinem Hemd, um mich daran noch fester an die Tür zu drücken, als ich mich selbst schon, um möglichst viel Platz zwischen uns zu erzeugen.
„Ich will wissen, was ich getan hab‘, damit ich es zurücknehmen kann. Ich weiß, dass ich dich einmal vor irgendeinem merkwürdigen Typen gerettet und nach Hause begleitet hab‘ und ich nehme es zurück, klar?“, fuhr er mich an, während ich noch immer eingehend meine Schuhe betrachtete. Wieso konnte er es nicht einfach gut sein lassen? Ich würde ihm bestimmt nicht erzählen, was geschehen war, egal, was er sagte. Nichts konnte schlimmer sein als seine Reaktion auf die Wahrheit.
„Kannst du es dann nicht einfach zurücknehmen? Dafür musst du doch überhaupt nicht wissen, was geschehen ist“, flehte ich und merkte selbst, wie weinerlich meine Stimme klang. Er schien zu bemerken, dass er damit nicht weiterkam, zog mich also von der Tür weg, um diese zu öffnen, packte mein Handgelenk und schleifte mich hinter sich her an den neugierigen Schülern vorbei. Obwohl mein Handgelenk in seinem Griff schmerzte, beschwerte ich mich nicht und blieb den gesamten Weg mucksmäuschenstill. Als wir in dem Hinterhof kamen, in den er mich schon einige Male geschleppt hatte, begann ich, zu zittern. Dort angekommen ließ er mich endlich los und unauffällig rieb ich mein Handgelenk und nahm etwas Abstand zu ihm.
„Hör zu, ich will dir nicht wieder eine knallen oder so, aber du machst es mir echt schwer. Ich will einfach nur wissen, was passiert ist. Was ist daran so schwer zu verstehen?“, erklärte er, während ich meine Hände ineinander knetete, um ihn nicht ansehen zu müssen. Es war zumindest beruhigend, zu wissen, dass er mich nicht wieder verprügeln wollte, doch ich war mir ziemlich sicher, dass er mir dafür doch eine knallen würde.
„Das ist völlig unwichtig, nicht von Belangen“, versuchte ich ihn wieder, davon zu überzeugen, nicht weiter nachzufragen – ohne Erfolg. Ich konnte sehen, dass es ihm all seine Selbstbeherrschung kostete, mich nicht anzuspringen. Seine Nasenflügel bebten, als er beruhigend ein- und ausatmete. Zumindest wollte er sein Wort halten und hielt sich zurück.
„Es wird schon nicht so schlimm gewesen sein, außer, du hättest versucht, mich zu küssen oder so“, erklärte er, offensichtlich in dem Versuch, die Stimmung aufzulockern und lachte. Er hatte keine Ahnung, dass er mit diesem Satz voll ins Schwarze getroffen hatte. Zwar hatte ich nicht „versucht“, ihn zu küssen, sondern hatte ihn wirklich geküsst und das Ganze ging auch nicht von mir aus, aber das würde für ihn wohl nicht zählen. Mein Blick jedoch und die Tatsache, dass dieser miese Verräter namens Blut meine Wangen noch röter färbte, sagte wohl alles, denn plötzlich war es vorbei mit seiner Selbstbeherrschung. Er packte mich am Kragen und drückte mich heftig gegen die Wand, sodass ich mir auf die Unterlippe beißen musste, um keinen Schmerzenslaut von mir zu geben.
„Was hast du getan?“, fragte er ganz leise und bedrohlich, während er mich weiter unsanft gegen die Backsteinmauer drückte. Wieder einmal gehorchte mein Körper mir nicht mehr und zitterte heftig in seinem Griff.
„Aber das ging doch gar nicht von mir aus!“, rief ich verzweifelt aus. Es war mir so rausgerutscht, ohne, dass ich es verhindern konnte und ohne, dass ich den Effekt meiner Worte im Kopf durchspielen konnte.
„Jetzt willst du mich dafür verantwortlich machen? Bist du schwul oder so?“, schrie er mich an und hob bereits seine Hand an, um mich zu schlagen, doch als ich zusammenzuckte und versuchte, mich noch vor seinem Schlag weg zu ducken, stoppte er. Er ließ mich los und trat zurück. Ich ließ mich an der Mauer hinab rutschen, blieb mit angezogenen Knien auf dem Boden sitzen und vergrub das Gesicht in den Händen, damit er die Tränen nicht sah, die mir übers Gesicht liefen. Ich hörte, dass er wieder näherkam und spannte meinen ganzen Körper an. Für ein paar Sekunden geschah überhaupt nichts, doch dann legte er völlig unerwartet seine Hand auf meine Haare und strich beruhigend durch sie hindurch. Ich linste vorsichtig über meine Hände hinaus und blickte ihn an. Die Aggressivität war aus seinem Blick gewichen und hatte einem… ja, was eigentlich?
„So… habe ich es nicht gemeint, tut mir leid. Wein‘ nicht, ja?“, meinte er und ich hob den Kopf vollends verblüfft aus meinen Händen hervor. Seine Hand, die meine Haare streichelte, glitt zu meiner Wange und strich mir die Tränen weg. Ich schüttelte meinen Ärmel über meine Hand und wischte mir damit über das andere Auge.
„Hast du Stimmungsschwankungen oder so?“, nuschelte ich mit erstickter Stimme und seine Mundwinkel zuckten kurz nach oben, während er weiter die Tränen auf meinem Gesicht wegwischte und seine Hand dann zurückzog. Ein nachdenklicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht, als er antwortete.
„Ich schätze, ich will dich einfach nur nicht weinen sehen“, erwiderte er schlicht, während ich mir weiterhin das Gesicht mit meinem Ärmel trockenrieb. Diese Information war mir neu, seit wann wollte er mich nicht weinen sehen? Ganz komische Sitten…
„Das sah vor ein paar Monaten noch ganz anders aus“, gab ich zu bedenken und wieder begann er, über mein Haar zu streichen. Er entschuldigte sich nicht, zeigte keinerlei Reue dafür, was er getan hatte, aber er schrie mich auch nicht an. Es schien nur dieser Moment zu gelten und alles, was zuvor passiert war, war Geschichte.
„Irgendetwas hat sich wohl geändert“, antwortete er darauf nur und für ein paar Minuten schwiegen wir, während ich immer noch mit den Tränenspuren auf meinem Gesicht kämpfte und er mir immer weiter das Haar zerzauste. Irgendwann jedoch schien er einen Entschluss gefasst zu haben, denn seine Hand verharrte an meinem Hinterkopf und langsam näherte sich sein Gesicht meinem. Ich saß still da, die Augen geweitet.
„Was machst du da?“, wisperte ich, wagte es nicht, lauter zu sprechen. Er sah mir tief in die Augen, während er sich mir so weit näherte, dass ich seinen Atem auf meinen Lippen spüren konnte und ein Kribbeln in meinem Bauch wie Schmetterlinge aus dem Kokon erwachte. Er war nicht betrunken, soweit ich wusste, was also tat er da?
„Findest du es nicht unfair, dass sich nur einer von uns daran erinnern kann?“, flüsterte er zurück und dann trafen seine Lippen auf meine. Für einen Moment blieb ich stillsitzen, wusste nicht, ob es mir gestattet war, mich zu bewegen, legte dann jedoch meine Arme vorsichtig um seinen Nacken und erwiderte seinen Kuss, ganz leicht, federleicht, in einer stummen Frage nach Erlaubnis. Bestimmt bewegte Neil seine Lippen gegen meine, forderte mich nahezu dazu auf, zu erwidern, woraufhin ich dann etwas mutiger wurde. Ich zog ihn etwas energischer zu mir und er rutschte bereitwillig zu mir heran, stützte sich mit einer Hand neben mir auf, mit der anderen, glitt er hinab bis zu meiner Schulter. Es schien, als versuchte er sich an etwas festzuhalten. Wieder einmal spürte ich diese fünfhunderttausend Schmetterlinge in meinem Bauch und mein Kopf fühlte sich merkwürdig leicht an. Das war sogar noch besser, als ihn mitten in der Nacht unter Übermüdung zu küssen.
Als er sich von mir löste und ich die Augen wieder aufschlug blickte ich direkt in seine. Wir brauchten keine Worte in diesem Moment. Ich zog ihn wieder zu mir heran und irgendwie schaffte ich es, seitlich an der Wand herunterzurutschen, sodass Neil meinen Kopf auffangen musste, bevor ich ihn mir an den Steinen schlug. Und plötzlich lag ich auf dem Boden, er stützte sich über mir ab und wir… küssten uns. Vollkommen nüchtern.

-pov Luke-

Wieso quälte ich mich so sehr? Über den Sommer hinweg hatte ich geglaubt, ich könnte ihn vergessen, doch sah ich ihn nur einmal wieder, kam alles wieder hoch, was ich zu verdrängen versucht hatte. Wieso hasste ich mich so sehr? Konnte ich nicht einfach das tun, was ich wollte? Ich traute mich einfach nicht, das zu riskieren. Die Tage glitten dahin und ich wurde zunehmend nervöser. Dass Ben mit Seno und Tobi in ein Camp gefahren war, hieß zwar, dass ich ihm eine ganze Woche länger ausweichen konnte, aber das hieß auch, dass ich diese Woche wie auf glühenden Kohlen saß. Oder einer Zeitbombe, die jeden Moment hochgehen konnte. Diese eine Begegnung, ich hatte ihn nur gesehen und doch hatte dies alles nur noch schlimmer gemacht. Je näher der zweite Montag nach den Ferien rückte, desto nervöser war ich.
Als der Tag dann schließlich kam, war ich nur noch ein wandelndes Wrack. Äußerlich versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen, doch mental war ich absolut nicht darauf vorbereitet, Ben zu begegnen. Ich hatte die ganze Woche über eine Lösung des Problems nachgedacht, war aber dennoch zu keinem Ergebnis gekommen.
Als wir uns auf dem Gang begegneten, konnte ich einfach nicht widerstehen und musste ihn ansehen. Ich wollte ihn ignorieren, doch etwas in mir ließ mich nicht. Die wenigen Sekunden, die wir Augenkontakt hielten, konnte ich nahezu eine magische Verbindung spüren. Als würde ich direkt in seinen Gedanken lesen wie einem offenen Buch. „Sprich mit mir! Sieh mich an! Ignoriere mich nicht!“ schien er zu denken, außerdem lag eine endlose Traurigkeit in seinem Blick, die nach Antworten verlangte. Vielleicht war ich so langsam aber auch einfach nur übergeschnappt. Ich vermisste ihn immer mehr mit jedem Tag, der verstrich.
Ich hatte den Blickkontakt abgebrochen, sobald ich wieder zu mir gekommen war. Was auch immer Tobi in dem Moment zu mir gesagt hatte, ich hatte ihm nicht zugehört. Das hatte er allerdings selbst bemerkt und fuchtelte mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum. Wir saßen bei ihm zuhause und hatten uns eigentlich durch ein Geografie Projekt gequält, doch meine Gedanken wollten sich einfach nicht ausschalten lassen. Überhaupt war es schwer, mich auf die kleinsten Dinge zu fokussieren, ohne Ben einen weiteren Gedanken zu schenken.
„Erde an Luke, bist du noch da? Du verhältst dich merkwürdig und das schon seit Wochen. Obwohl ich den Auslöser dafür zu kennen meine, solltest du trotzdem etwas dagegen tun“, merkte er an und ich blickte schuldbewusst auf die zugegebenermaßen nicht allzu ausführlichen Notizen, die ich dem Text vor mir entnommen hatte. Tobi hatte da schon weitaus mehr zu Papier gebracht.
„Entschuldige, ich kann mich einfach nicht konzentrieren. Was hast du gesagt?“, antwortete ich, denn es hatte sowieso keinen Sinn, Tobi anzulügen. Er durchschaute es doch. Manchmal fragte ich mich, ob er ein lebendiger Lügendetektor war.
„Seno und Naoi“, war alles, was er darauf antwortete und wandte sich wieder seinen Aufgaben zu. Ratlos und völlig verdattert starrte ich ihn einfach nur an, bis er wieder aufblickte und die Augenbrauen hochzog. Was sollte das heißen? Was war mit ihnen? Gerade als ich diese Frage stellen wollte, sprach Tobi auch schon weiter.
„Findest du nicht, dass sie sich etwas seltsam verhalten? Nicht, dass du das nicht tun würdest, aber bei dir kenne ich den Grund und du verhältst dich anders seltsam“, erklärte er und ich konnte ihm nicht ganz folgen. Sie hatten sich seltsam verhalten? Das hatte ich gar nicht mitbekommen. Schuldbewusst fiel mir auf, dass ich mich viel zu sehr auf mich selbst konzentriert und mich viel zu sehr in meiner eigenen Misere gesuhlt hatte, um zu merken, dass irgendetwas mit meinen Freunden war.
„Vielleicht interpretiere ich da auch zu viel zu hinein, aber sie zucken manchmal zusammen, wenn man sie anspricht, als wären sie mit den Gedanken ganz woanders. Ich meine, das machst du auch, aber das ist nicht unbedingt das Seltsame. Seno scheint jedes Mal, wenn er seine Bücher anstarrt, gar nicht wirklich zu lesen, sondern wütend über etwas nachzudenken und Naoi… der starrt einfach nur die Umgebung an und wenn man ihn anspricht, wird er auch leicht rot. Keine Ahnung, was das bedeuten soll“, führte er weiter aus und ich staunte mal wieder über seine Beobachtungsgabe. „Was sagst du dazu?“
Mit seinem letzten Satz erinnerte er mich wieder daran, dass ich darauf auch was antworten und nicht nur nicht die Wand anstarren sollte. Für ein paar Sekunden musste ich die Informationen noch sacken lassen und überlegte, was der Grund dafür sein konnte.
„Also… vielleicht hat Seno Stress mit Liam?“, meinte ich schließlich. Es war zwar wenig einfallsreich, aber das naheliegendste. Tobi sah aber nicht überzeugt aus.
„Ja, vielleicht“, murmelte er nachdenklich und malte kleine Kreise auf seinem Notizblatt herum. „Aber glaubst du nicht auch, dass er uns das erzählt hätte?“
„Naja, Seno behält seine Probleme gerne für sich. Er denkt, er kann es auch allein schaffen und will uns nicht damit belasten. So ist er eben, das passt zu ihm“, wandte ich ein und Tobi nickte. Er schien immer noch nicht ganz überzeugt von meiner Argumentation, doch hielt er nicht mehr dagegen, weil ihm offensichtlich keine bessere Erklärung einfiel.
„Und Naoi… wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen er sei verknallt“, äußerte ich und bemerkte, wie Tobis Mundwinkel hochzuckten.      Die Annahme war zwar nicht ganz abwegig auf Grundlage seines Verhaltens, aber es gab schlicht und ergreifend niemanden, der Naois Interesse wecken könnte, ansonsten hätte er uns längst davon erzählt. So gut kannten wir ihn.
Die restliche Zeit arbeiteten wir größtenteils schweigend und verschwendeten kein Wort an dieses Thema. Ich schaffte es, mich unter dem Tobis strengem Blick immer besser, mich zu konzentrieren. Wohl einfach aufgrund des Drucks, den er mir einfach nur durch seine Aura auf mich ausübte. Wahrscheinlich war ich wirklich verrückt geworden.
Auf dem Rückweg dachte ich darüber nach, was er gesagt hatte. „Du verhältst dich merkwürdig und das schon seit Wochen. Obwohl ich den Auslöser dafür zu kennen meine, solltest du trotzdem etwas dagegen tun.“ Das waren seine Worte gewesen und er hatte recht. Ich wusste selbst, dass es mit ignorieren und verdrängen nicht getan war. Ich brachte mir nur selbst Leid und je mehr ich Ben beobachtet hatte, desto mehr war mir aufgefallen, wie erschöpft und müde er aussah. Konnte er vielleicht wirklich etwas für mich empfinden? Egal, wie es nun war; Ich musste wohl ins kalte Wasser springen.
In einigen Tagen hätte ich einen Auftritt in einem Café und dafür durfte ich mir einen Song aussuchen. Sollte ich es riskieren? Mein Verstand sagte nein, doch mein Verstand war nicht das, was mir in der Brust schmerzte. Mein Herz dagegen schrie „ja! Ja, mach es!“ und so entschied ich mich dazu, dem Folge zu leisten. Würd‘ schon schiefgehen…

*************

Also, erst einmal: Frohe Ostern!^^
Uhhhh, was ist das denn? ;)
Kann ich ein bisschen Anerkennung dafür erhalten, dass ich jeden Tag bis 1 Uhr morgens wach bin, um an diesem Buch weiterzuschreiben? Dankeschön! :D
Ich habe mich außerdem dazu entschieden, zwei Tage die Woche zu uploaden: Donnerstag und Sonntag. Das hat den einfachen Grund, dass ich einfach zu schnell schreibe!
Das Ganze hier muss man nämlich so betrachten: Es ist in 3 Teile zu teilen:
1. Osteferien - Sommerferien
2. Sommerferien - Winterferien
3. Winterferien - Abschluss
Im Moment befinden wir uns also am Anfang des zweiten Teils und ich bin bald vom Schreiben her fertig mit dem zweiten Teil und die Teile sind alle ungefähr gleich lang... also bin ich schon ziemlich viel weiter!^^'
Ich habe schließlich Ferien und dementsprechend viel Zeit, zu schreiben!^^

So, vielen Dank mal wieder fürs Lesen und einen wunderschönen Sonntag noch! Die Tage sind bei uns bewölkt und kälter, aber vielleicht ist es bei euch etwas sonniger!^^
Keep fighting!
- Neenee
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