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Hassliebe mit Zucker

von Neenee-B
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
04.06.2020
29.04.2021
27
124.180
9
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Dieses Kapitel
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04.06.2020 4.884
 
-pov Tobi-

"Hey, Tobi-lein", begrüßte mich Naoi glücklich grinsend von ihrem Platz unter dem Kirschblütenbaum, der schon seit einiger Zeit unser regulärer Treffpunkt in den Pausen war. In dieser war der Baum jedoch am schönsten. Im Frühling blühte er und tauchte meine Freunde in einen rosafarbenen Blütenregen. Mit dem Sonnenaufgang gaben sie ein Bild für die Götter ab und sie waren die Engel. Für einen Moment vergaß ich, dass wir uns in der Hölle schlechthin befanden und ich fand diesen Anblick einfach nur... schön. Wunderschön. Da wurde ich auch noch sentimental, meine Güte.
Ich beeilte mich, zu ihnen zu kommen und begrüßte sie hocherfreut. Die Osterferien waren mal wieder viel zu lang gewesen ohne sie. Und dass ich sie nicht sehen konnte lag nur daran, dass meine Eltern die super Idee hatten, in den Urlaub zu fahren. Wir waren in Spanien im Strandurlaub. Das klang ja ganz schön, aber ich hatte meinen Urlaub kaum richtig genießen können. Meine Eltern wollten sich mal richtig was gönnen und hatten ein fünf Sterne Hotel gebucht. Doch das hätten sie besser nicht getan. Denn schon einen Tag nach unserem Ankommen entdeckte ich ihn in UNSEREM Hotel. Yunen Katsumi. Oder auch der furchteinflößendste Mensch, den es auf der ganzen weiten Welt gab. Ich stand also den Urlaub durchweg unter Stress, anstatt mich zu entspannen, um mich vor Yunen zu verstecken, ohne dass es meinen Eltern auffiel. Sie wussten von der Situation in der Schule nichts. Aber ehrlich, wie viel Pech konnte man eigentlich haben? Ich musste in meinem früheren Leben ein ganz schlechter Mensch gewesen sein. Ein Serienkiller oder so.
"Wie waren eure Ferien?", fragte ich und ließ mich auf die Picknick-Decke plumpsen, die Naoi immer für uns mitbrachte, damit wir uns unsere Uniformen nicht versauten. Auch ohne dreckige Kleidung zu tragen waren wir schon das Gespött der Leute, da mussten wir es ja auch nicht gerade ausreizen.
"Langweilig", gab Naoi sofort zum besten und ließ sich auf den Rücken fallen, "ihr wart alle weg und habt mich allein gelassen."
Das klang schon fast ein wenig anklagend. Der arme Naoi war der einzige von uns, der nicht verreist war. Zumindest hatte ich das mitbekommen.
"Tu nicht so als wärst du hier das Opfer, ich konnte meine Ferien nicht genießen, weil ich ausgerechnet im gleichen Hotel wie Yunen Katsumi Urlaub machen musste", schnaubte ich. Augenblicklich bemitleidete ich mich wieder selbst. Von allen, die ich hätte erwischen können, war es Yunen! So viel Pech konnte man einfach nicht haben!
"Was?", fragte Luke, der außer einer Begrüßung noch kein Wort gesagt hatte. Alle drei starrten mich an als hätte mir soeben jemand ein Schwert durch den Rücken gerammt oder so.
"Ich glaube, er hat mich nicht bemerkt. Ich habe mich immer vor ihm versteckt, das war ganz schön anstrengend", erklärte ich, doch sie machten nicht den Anschein als ob sie das sonderlich beruhigte.
"Wie war es denn bei dir, Luke?", fragte ich ihn schnell, damit die Aufmerksamkeit nicht mehr auf mir lag. Und tatsächlich schien es zu wirken. Luke stöhnte genervt auf und lehnte sich zurück an den Stamm des Baumes.
"Erinner mich bloß nicht dran. Meine Eltern mussten auf Geschäftsreise und haben darauf bestanden, dass ich mitkomme. Du weißt ja wie sie sind. Es war stinklangweilig. Wir waren zwar in Florida, aber viel Sonne habe ich da nicht gesehen", erläuterte er und erhob zum Beweis seiner letzten Worte seinen keineswegs gebräunten Arm hoch.
"Du weißt ja, mein Vater ist CEO von HG yacht enterprises corp. und will mir einmal seine Firma erben. Ehrlich gesagt habe ich da recht wenig Lust zu, aber er hat mich quasi gezwungen, ihn zu allen Besprechungen zu begleiten. Ihn interessiert doch bloß, dass er einen Erben hat, mehr nicht", Luke sprach die letzten Worte voller Verachtung aus. Obwohl ich es nicht wollte, konnte ich nicht verhindern, dass ein ganz bestimmtes Gefühl in mir aufstieg: Mitleid. Lukes Eltern waren die typischen reichen Eltern: sie interessierten sich mehr für ihr Geld und den Erhalt ihrer Firma als für ihren Sohn. Vom Elternhaus würden Luke, Naoi und auch Seno perfekt zu den anderen Schülern passen, wobei Luke sich da noch mehr abhob. Sein Vater hatte mehr Geld als es Sand am Meer gab. Es würde mich nicht wundern, wenn der Kerl Geld scheißen würde. Aber auch Naoi und Seno waren stinkreich, zumindest von meinem Posten aus gesehen. Ich gehörte immerhin nur zur Mittelklasse und war nur auf einer solchen Elite-Schule, weil ich ein Stipendium bekommen hatte. Das war auch der Grund, warum mich außer meinen Freunden alle auf der Schule mobbten. Ich gehörte nicht zu den reichen, verwöhnten Schnöseln, die noch nie in ihrem Leben einen Besen in die Hand genommen hatten. Ich bezweifelte sogar, dass sie wussten, was das war. Außerdem war ich der Streber, der mit guten Noten auf diese Schule gekommen war. Seno bezeichneten sie auch als Streber, obwohl er in Wahrheit nicht einmal den kleinen Finger rührte. Er war ein Naturtalent mit einem IQ von 146. Er konnte nichts dafür, dass seine Noten so gut waren. Anstrengen tat er sich bestimmt nicht. Naoi war zwar nicht als Streber bekannt, seine Noten waren nur durchschnittlich, obwohl sie sich schon hoben, seitdem er uns kannte. Er war einfach nur sehr leicht zu verletzen, das musste ich leider zugeben. Er war ein leichtes Opfer und blieb damit nicht verschont. Luke hätte aus unseren Problemen herausbleiben können, wenn seine Faust nicht am ersten Schultag mit Ben Yoshimotos Gesicht kollidiert wäre, nachdem das Royal Quartet uns schikaniert hatte. Luke konnte Mobbing nicht ausspüren und das ließ er jeden spüren. Ich musste zugeben, dass ich beeindruckt gewesen war, dass ein Zwerg wie er, der ungefähr 10cm kleiner als ICH war, es wagte, sich gegen das Royal Quartet zu stellen.
"Schau mich nicht so an, Tobi, ich brauche kein Mitleid", knurrte Luke so bedrohlich, dass ich Angst vor ihm bekam. Obwohl er so viel kleiner als ich war. Ich seufzte nur.
"Entschuldigung", murmelte ich schließlich kleinlaut, wodurch Lukes Züge gleich wieder weicher wurden. Er schien zu bereuen, mich so angefahren zu haben. Luke hatte manchmal solche Ausfälle, in denen er einem tollwütigen Hund zum Verwechseln ähnlich war. Allerdings wollte ich mich weder mit Luke noch einer wütenden Katze anlegen.
"Wie waren deine Ferien, Seno?", fragte ich, um vom Thema abzulenken. Überrascht blickte er auf, blinzelte durch die Gläser seiner Brille und schien offenbar abzuwägen, was sich lohnte zu erzählen.
"Es ging, ich war mit meinen Eltern in Thailand. Wir lagen da doch tatsächlich nur am Strand und hätte ich kein Buch dabei gehabt, hätte ich mich zu Tode gelangweilt. Aber wenigstens musste ich nicht viel laufen", erzählte er schließlich. Das war typisch, Seno war stinkfaul. Er tat etwas nur, wenn er es unbedingt musste und war nahezu den ganzen Tag am Lesen. Sowie auch an diesem Tag. Obwohl ich mir sicher war, dass er zumindest mit einem Ohr unserer Unterhaltung gelauscht hatte. Das war seine Art uns seine Zuneigung zu zeigen. Wir konnten uns schon geehrt fühlen, dass er jeden Tag so einen weiten Umweg zu unserem Kirschbaum lief.
"Es ist schon zehn vor acht, wir sollten langsam unsere Bücher holen", sagte Naoi plötzlich und mit Schrecken musste ich feststellen, dass er recht hatte. Hastig kamen wir auf die Beine und Naoi packte die Decke wieder ein. Gemütlich schlendernd bewegten wir uns auf das Schulgebäude zu und versuchten so normal wie möglich auszusehen, um möglichst nicht aufzufallen. Doch Luke hatte da ganz andere Pläne.
"Wollt ihr Stress?", schnauzte er ein paar Schüler an, die wohl über uns gelästert hatten. Ich würde mein Stipendium drauf verwetten, dass sie gelästert hatten. Das war immerhin die Lieblingsbeschäftigung aller Schüler: lästern über die Außenseiter, die Freaks.
"Luke, halt die Klappe. Es bringt doch nichts", seufzte Seno genervt, der sogar beim Gehen las. Dass er nirgendwo gegen lief, war mir ein Rätsel. Luke wusste selber, dass Seno recht hatte. Der Schwarzhaarige sprach zwar nicht oft, aber wenn er etwas sagte, dann etwas sinnvolles. Wenn er dabei nicht so süß gewesen wäre, wäre er tatsächlich der Klischee Streber schlechthin. Der nie lernte. Wir erreichten das Gebäude tatsächlich ohne weitere Zwischenfälle, was mich doch sehr verwunderte. An unseren Spinden mussten wir uns schließlich verabschieden. Unglücklicherweise hatte ich den ersten Kurs Japanisch alleine, während Luke in Biologie und Seno und Naoi in Geschichte saßen. Von der Haupthalle aus führten drei Trakte: der linke zu den Naturwissenschaftsräumen, der rechte zur Cafeteria, dem Lehrerzimmer, dem Sekretariat und solchen Räumen. Der Gang in der Mitte war einmal gespalten, sodass zwei Gänge entstanden waren. Ich musste in den rechten und von dort aus ins zweite Stockwerk. Traurig verabschiedete ich mich von meinen Freunden und stieg die Stufen hoch. Die Gänge waren zu dieser Zeit menschenleer. Schon fast gruselig. Aber die meistens Schüler hingen auf dem Schulhof, in der Haupthalle oder sonst wo rum und machten sich erst mit dem Klingeln auf den Weg zu ihren Räumen. Besser für mich, so musste ich mir keine Sticheleien anhören. Alleine durch die Schule zu laufen war mir noch nie ganz koscher gewesen. Ohne meine Freunde fühlte ich mich schutzlos, vor allem ohne Luke. Er mochte zwar ein Zwerg sein, aber er war der einzige, der uns im Ernstfall lebend aus einer Situation herausbringen konnte. Das hatten wir seiner spitzen Zunge zu verdanken.
Vollkommen sicher, dass sich keine Menschenseele sich in diesem Gang befand, als ich in den zweiten Stock einbog, begann ich waghalsig leise vor mich hin zu summen. Wenn irgendjemand mitbekommen würde, dass ich in diesem Moment völlig entspannt war, würden sie schon dafür sorgen, dass ich es bald nicht mehr war. Doch meine Unbekümmertheit stellte sich als schweren Fehler heraus, als plötzlich eine Person hinter einer Säule hervor trat und ich mit voller Wucht gegen die Brust meines Gegenübers stieß. Von dem Aufprall etwas zurückgeschleudert- er hatte sich zu meinem Bedauern keinen Millimeter von der Stelle gerührt- taumelte ich. Angst überkam mich, als ich die breiten Schultern und die muskulöse Brust vor meinen Augen erkannte und ich musste gar nicht hoch in sein Gesicht sehen, um zu erkennen, WER da vor mir stand.
"Guten morgen, Tobi", sagte Yunen mit vor Sarkasmus triefender Stimme. Ich machte einen Schritt zurück. Am besten so viel Abstand wie möglich zwischen uns bringen. Ich war nicht so cool und gelassen wie Seno und auch nicht so mutig und leichtsinnig wie Luke. Ich war Tobi und damit eingeschüchtert und verängstigt.
"Na, wie war dein Urlaub in Spanien?", fragte er gehässig und nun ruckte mein Blick doch zu seinem Gesicht. Seine mitternachtsblauen Augen glitzerten heimtückisch und dämonisch. Mit großen angsterfüllten Augen starrte ich in sein perfektes Gesicht, wofür ich diesen Kerl verfluchte. Meine Stimme hatte ich noch nicht wiedergefunden und ich bezweifelte, dass ich sie in den nächsten Minuten wiederfinden würde.
"Ich muss sagen, es war echt amüsant, dir dabei zuzusehen, wie du versuchst, dich vor mir zu verstecken. Es war nur leider erfolglos", sprach er weiter, ohne mein Schweigen in irgendeiner Weise zu beachten. Er trat einen Schritt auf mich zu und ich tat automatisch einen Schritt nach hinten.
"Allerdings hast du trotzdem meinen Urlaub versaut", knurrte er nun völlig verändert. Etwas dämonisches zuckte über sein Gesicht und ich war mir sicher, den Teufel höchstpersönlich vor mir stehen zu haben. Er machte zwei große Schritte auf mich zu und packte meinen Oberarm, bevor ich wieder zurückweichen konnte. Sein Griff war wie Eisen und so versuchte ich gar nicht erst, mich zu wehren. Außerdem würde ihn das vielleicht noch wütender machen, also wagte ich es nicht einmal, an eine Flucht zu denken. Der Typ war so gruselig, bestimmt konnte der auch Gedanken lesen. Er griff in meine Haare und zog schmerzhaft an ihnen, sodass ich den Kopf in den Nacken legen musste.
"Was macht eine niedere Kakerlake wie du in einem Luxushotel, ich begreif's nicht", grollte Yunen und seine Stimme hörte sich irgendwie näher an als zuvor, was mir an sich eine Heidenangst einjagte. Plötzlich gruben sich seine Zähne in die Haut an meinem Hals und ich wollte erschrocken und schmerzerfüllt aufschreien, doch er drückte mir die Hand, die zuvor noch an meinen Haaren gezogen hatte, einfach auf den Mund.
"Antworte!", bellte Yunen plötzlich und ich zuckte heftig zusammen. Ich hatte eine solche Angst vor ihm, dass sich sogar Tränen in meinen Augen bildeten. Der Riese vor mir schleuderte mich herum, sodass ich plötzlich eine Säule in meinem Rücken spürte.
"Habe ich dir nicht gesagt, du sollst antworten?", dröhnte seine Stimme bedrohlich und ein Knie rammte sich in meine Magengrube. Ein Laut entfuhr mir, der wie eine Mischung aus Schmerzensschrei und Husten klang.
"I-Ich... m-meine Eltern haben... auf diesen Urlaub gespart", antwortete ich schließlich unter Husten und Würgen. Mittlerweile liefen Tränen ungebremst meine Wangen herab und ich konnte von Glück reden, dass wir keine Zuschauer hatten. Ich musste einen jämmerlichen Eindruck bieten.
"Du hast es gewagt, in mein Gebiet einzudringen", brummte Yunen wütend. Sein Knie vergrub sich wieder in meiner Magengrube. Dann schleuderte er mich zu Boden und trat auf mich ein. Irgendwann schien er genug zu haben, denn ich hörte wie seine Schritte sich entfernten. Allerdings hörte ich noch andere Schritte. Sehr viele Schritte. Und mein gesamter Kurs tauchte auf. Konnte die Situation noch schlimmer werden?
"Hey, seht mal, da liegt ja der Streber am Boden", hörte ich eine Stimme und ein Tritt landete in meinem Rücken. Ich hörte Handykameras klicken und rappelte mich sofort erschrocken auf.
"Hast wohl die ganzen Ferien hier geschlafen und drauf gewartet, dass die Schule wieder anfängt, was?", verhöhnte mich einer und lachte sich gemeinsam mit den gackernden Weibern über seinen eigenen Witz schrott. Ich drängelte mich durch die Menge und rannte zu den Toiletten. Meine Tränen konnte ich nicht mehr stoppen und so stürzte ich in den Raum und stützte meine Hände auf dem Waschbecken ab. Meine Augen waren rot und angeschwollen. Na super. Und zusätzlich würde ich am ersten Tag zu spät kommen, obwohl ich eigentlich pünktlich war. Ich zog mein Hemd ein Stück zur Seite, um die Stelle zu betrachten, die Yunen gebissen hatte. Die Bissspuren waren sehr deutlich zu erkennen, zurückgehalten hatte er sich jedenfalls nicht. Es war ein Wunder, dass es nicht blutete. Ich wusste ja schon immer, dass Yunen in Wahrheit ein Vampir war. War ich jetzt vergiftet? Musste ich sterben? Wenn ja, dann wollte ich ein steinernes Buch mit der Inschrift "Ich werde Rache nehmen, es gibt kein Entkommen" als Grabstein haben. Und dann als Geist Yunen so lange verfolgen, bis er sich entschuldigte. Meine Mundwinkel zuckten. Wovon träumte ich denn bitte? Yunen würde sich niemals entschuldigen, egal wie lange ich ihm hintergeistern würde. Da er ja ein Teufel war, würde er wahrscheinlich auch ewig leben. Dreck.
Ich klatschte mir das kalte Wasser aus den Hähne ins Gesicht und fühlte mich danach gleich besser. Es kaschierte meine roten Augen etwas. Schnell kramte ich in meiner Tasche und zog etwas Schminke heraus. Ja, die hatte ich immer dabei, für den Fall der Fälle, dass uns jemand ein blaues Auge schlug oder so. Allerdings versuchte ich eher meine vom Weinen geröteten Wangen zu kaschieren. Meine Augen würden sich schon noch abreagieren. Vorsichtig schlich ich wieder aus der Toilette und zu meinem Klassenzimmer. Fukushiro-Sensei würde mir den Kopf abreißen, da ich schon zehn Minuten zu spät zum Unterricht war.

-pov Naoi-

"Ich mache mir Sorgen um Tobi", murmelte Seno neben mir. Er hatte den Blick nicht von seinem Buch abgewandt, aber seine Augen bewegten sich nicht, weswegen ich darauf schloss, dass er gar nicht mehr las.
"Warum?", fragte ich ihn unbekümmert. Tobi hatte ja nichts verbrochen, warum sollte er sich also Sorgen machen?
"Tobi... hat zu viel Angst, um sich gegen unsere Mobber zu wehren", erklärte Seno, den Blick weiterhin starr auf sein Buch gerichtet. Die Sorge in seinen Augen war mehr als nur deutlich erkennbar. Seno war nie der Typ, der viele Emotionen zeigte. Normalerweise war er einfach gelangweilt von allem, außer es ging um das Wohlergehen seiner Freunde. Dann war er übervorsichtig.
"So schlimm ist es jetzt auch nicht", murmelte ich und Senos Kopf schoss zu mir herum. Es war das erste Mal, dass er den Blick von seinem Buch abgewandt hatte seitdem wir das Schulgelände betreten hatten und ich wusste nicht, ob mich das freuen oder mir Angst machen sollte. Das war Senos Art mit dem Mobbing umzugehen. Er steckte einfach seine Nase in ein Buch und ignorierte alles.
"Doch, es IST schlimm. Bei Luke mache ich mir keine Sorgen, auch wenn er ein echter Zwerg ist. Luke kann und wird sich im Notfall verteidigen und wenn einer von uns den Klauen des Royal Quartet entkommen kann, dann er. Aber Tobi... ist ein ziemlich leichtes Opfer. Er wird zu viel Angst haben, um sich zu wehren", meckerte er mich etwas zu laut an, sodass ich zusammenzuckte. Einige Schüler aus den hinteren Reihen, die schon anwesend waren, warfen uns befremdete Blicke zu. Wahrscheinlich, weil keiner Seno jemals aufgebracht erlebt hatte und ich war mir nicht sicher, ob ich das erleben wollte.
"Ja, aber Tobi wird doch nicht direkt am ersten Tag fertiggemacht, oder?", fragte ich kleinlaut und mied bewusst Senos Blick. Seine Aura war mir etwas zu gruselig, denn normalerweise war der Schwarzhaarige ruhig und analysierte gelassen die Situation.
"Es kann aber durchaus sein, dass sie nur darauf warten, dass einer von uns allein unterwegs ist", entgegnete Seno. Mal wieder waren seine Worte wohl überlegt und bewies mal wieder seine hohe Intelligenz.
"Außerdem haben wir keinen des Royal Quartets in unserem Kurs. Sehr unwahrscheinlich, dass sie alle in einem sitzen und es gibt nur vier Kurse. Das heißt, dass mindestens einer von ihnen mit einem von ihnen im gleichen Kurs ist, wenn nicht sogar zwei", erklärte der Schwarzhaaarige und in meinem Kopf begann es zu rauchen. In der Geschwindigkeit, in der Seno das heruntergerattert hatte, konnte es doch keiner vestehen. Als ich das Gesagte registrierte und verstanden hatte, weiteten sich meine Augen.
"Du meinst, die beiden müssen sich mit einem vom Royal Quartet herumschlagen?", fragte ich ängstlich und er nickte.
"Mindestens einen", ergänzte er und mit Schrecken erkannte ich die wahre Katastrophe. Meine Freunde waren ihnen hilflos ausgeliefert. Und Seno hatte das natürlich sofort erkannt.
"Aber sie werden das schon schaffen... hoffe ich", murmelte er und in dem Moment klingelte und die Schüler strömten herein und mit ihnen unser Lehrer, Norihuma-Sensei.
"So, der Unterricht beginnt."

-pov Luke-

Genervt, dass ich die ersten Stunden alleine verbringen musste, schlurfte ich durch die Gänge zu meinem Bio-Raum und rempelte dabei jemanden an. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass jemand im Gang stand. Auch egal, ich lief einfach weiter.
"Hey, pass doch auf, wo du hin läufst, Chihuahua", bellte eine Stimme, die mir schrecklich vertraut vorkam. Viel zu vertraut. Als ich mich langsam umdrehte blickte ich in vertraute, feindselige, braune Augen. Bens Augen. Der Ben, dem ich am ersten Tag ordentlich die Fresse poliert hatte.
"Wie bitte?", knurrte ich und starrte ihm provokant direkt in die Augen. Alle anderen Schüler hätten es nicht gewagt, ihm in die Augen zu sehen. Immerhin waren sie niederen Standes und mussten sich auch angemessen verhalten. Doch mir war das egal. Ehrlich gesagt hing mir diese Hierarchie zum Hals raus. Ben packte mich am Kragen meiner Schuluniform und hob mich sogar ein Stück hoch.
"Denkst du allen Ernstes, dass du eine Chance gegen mich hast?", fragte Ben provokant und hob mich noch ein Stück weiter hoch, sodass meine Füße den Boden nicht mehr erreichen konnten. Trotzdem war ich immer noch kleiner als er. Wie frustrierend. Ich trat ihm in den Bauch und so musste er mich gezwungen fallen lassen. Erst da fiel mir auf, dass Jay unbeteiligt am Rand daneben stand. Ihn interessierten die Rangeleien seiner Freunde mit uns recht wenig, es sei denn es wurde brenzlig für seine Freunde. Nur bei Seno machte er eine Ausnahme. Ich wusste nicht, was Seno ihm getan hatte, aber irgendwie hatte Jay ihn auf dem Kieker und ärgerte ihn, wann immer er die Gelegenheit dazu bekam. Gegen die Beiden zusammen hatte ich keine Chance und ich hatte auch keine große Lust, direkt am ersten Tag Nachsitzen aufgehalst zu bekommen. Aber deswegen würde ich nicht kampflos untergehen. Ich brachte etwas Abstand zwischen uns, damit er mich nicht noch einmal greifen konnte.
"Aber selbstverständlich. Wenn mein Gegner so dämlich ist wie du, kann ich doch gar nicht verlieren", erwiderte ich frech und wich seinem nächsten Angriff aus. Das war vorhersehbar bei meiner Provokation. Vielleicht sollte ich es lassen, aber es machte mir echt Spaß, ihn zu ärgern. Siegessicher lächelnd drehte ich mich um und war im Begriff, wegzugehen, als sich plötzlich ein starker Arm von hinten um meinen Hals schloss.
"Du solltest deinem Gegner niemals den Rücken zu drehen. Wiederhol das doch noch einmal", knurrte mir eine dunkle Stimme ins Ohr, von der ich tatsächlich eine Gänsehaut bekam, so bedrohlich klang sie. Doch ich hatte noch meinen Stolz.
"Wenn mein Gegner so dämlich ist wie du, kann ich gar nicht verlieren", wiederholte ich mich stur und spürte, wie sich der Druck um meinen Hals erhöhte. Doch ich würde nicht aufgeben. Blöd nur, dass ich in dieser Situation nicht gerade im Vorteil war. Eher im Gegenteil. Er hatte Recht, so ungerne wie ich es auch zugab. Ich hätte ihm nicht den Rücken zu drehen sollen.
"Lass gut sein, Ben", ertönte plötzlich die Stimme von Jay und zu meiner großen Überraschung ließ er mich tatsächlich los. Verwundert drehte ich mich um und blickte in Jays arrogantes, abweisendes Gesicht. Sein Resting-Bitch-Face war nahezu perfekt.
"Oder willst du dich auf sein Niveau begeben?", fragte Jay nun mit einem gemeinen Grinsen an mich. Das war's. Ich stürzte mich wie eine fauchende Katze auf ihn, doch er hatte meine Faust abgefangen, bevor ich richtig ausholen konnte.
"An deiner Stelle würde ich das lieber nicht tun, du Zwerg", flüsterte er, als er mich mit einem Arm näher an sich heranzog. Aber dieses Flüstern war angsteinflößender als wenn er mich angeschrien hätte. Dann stieß er mich von sich, sodass ich taumelte. Doch mein Stolz übernahm mal wieder die Oberhand und ohne dass ich wusste, was ich tat, spuckte ich vor ihnen auf den Boden und stolzierte von dannen. Hinter mir hörte ich Ben schreien:
"Komm zurück, du Wicht!"
"Komm wieder runter, der Kleine wird es schon noch bereuen, dass er sich mit uns angelegt hat", ertönte Jays Stimme darauf. Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Diese Typen meinten tatsächlich, sie wären was besseres als ich. Pah! Ich war Luke Hachigoro und SIE würden die sein, die es bereuten.
Glücklicherweise war die Tür zum Bio-Raum offen und so konnte ich einfach reinmarschieren und die Tür hinter mir etwas zu fest zuschlagen. Natürlich war ich alleine in dem Raum. Und da sich das in der nächsten Zeit nicht ändern würde, ließ ich meine Tasche auf den Tisch knallen, kramte mein Handy heraus, stöpselte die Kopfhörer ein und machte Musik an. Leise begann ich, den Text mitzusingen und fühlte mich mit der Zeit immer sicherer, sodass ich etwas lauter wurde. Singen war für mich immer etwas beruhigendes und Beruhigung brauchte ich gerade. Diese Kerle! Unvermittelt schlug die Tür auf und ich zuckte zusammen, sodass mir mein Handy herunterfiel. Es war ein Mädchen, das ganz alleine unterwegs war. Ziemlich ungewöhnlich. Ich kannte ihren Namen nicht und ihr Gesicht war mir auch vollkommen unbekannt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, sie schon einmal gesehen zu haben.
"Hi, ich bin Miyuki Shibukuro", stellte sie sich vor, doch ich starrte sie nur misstrauisch an. Was wollte sie von mir? Sollte das ein Trick sein? Wenn ja, war er nicht sehr gut.
"Luke Hachigoro", murmelte ich mit zusammengekniffenen Augen. Sie kam auf mich zu und zog den Stuhl an dem Tisch neben mir zurück. Ich beobachtete jede ihrer Bewegungen ganz genau. Nicht, dass sie auf einmal einen Schlagstock aus ihrer Tasche ziehen würde.
"Ich habe dich singen hören. Du hast eine schöne Stimme", meinte sie freundlich und setzte sich auf den Stuhl. Wieso machte sie mir ein Kompliment? Man könnte den Blagen hier auf der Schule eine Million Euro zahlen, wenn sie mir ein Kompliment machen würden und trotzdem würde es keiner tun. Nicht, dass sie das Geld nötig hatten. Die hatten definitiv mehr als genug davon.
"Was willst du von mir?", fragte ich straight-up und sie sah mich aufrichtig verwundert an. Ich hatte die Frage nicht feindselig, sondern ruhig gestellt, aber der Wortlaut war dadurch auch nicht freundlicher.
"Entschuldigung, ich bin neu hier und kenne noch keinen", erwiderte sie beleidigt und drehte sich von mir weg. Super, das hatte ich wohl vergeigt. Aber was nützte es? Spätestens nach einem Tag hätte sie mich mit dem Arsch nicht mehr angesehen.
"Wieso wechselst du mitten im Schuljahr die Schule?", fragte ich von meiner Neugier geleitet. Sie seufzte und drehte sich wieder zu mir. Ihr Ärger schien wie weggeblasen. Seltsam.
"Naja, wir sind eben umgezogen", erklärte sie, "meine Eltern wollten extra dann umziehen, wenn hier Ferien sind, damit ich vor dem, dass die Schule startet, noch ein paar Freunde finde. Tja, das hat nicht so geklappt, wie sie sich das vorgestellt haben."
"Achso, hör mal, Miyuki, du solltest besser nicht mit mir rumhängen", warnte ich sie, doch anstatt dass sie meinen Ratschlag befolgte, blieb sie sitzen und musterte mich nur verwirrt.
"Warum?", fragte sie, doch bevor ich ihr die Frage schonend beantworten konnte, öffnete sich die Tür und eine Schülergruppe kam herein. Natürlich begannen sie sogleich hämisch zu grinsen als sie mich sahen.
"Na, sie mal einer an, der Chihuahua", sagte einer von ihnen hämisch und die anderen lachten schadenfroh. Pah, den Spitznamen hatten sie von Ben geklaut, ich war doch nicht blöd.
"Ach, halt's Maul", seufzte ich. Ich war es leid mich mit so lächerlichem Abklatsch wie ihm zu befassen. Er konnte sich noch nicht einmal selbst angemessene Beleidigungen einfallen lassen, dann war er es auch nicht wert, dass ich ihm meine Wut schenkte.
"Willst du etwa Stress?", fragte ein anderer und wieder lachten sie so blöde. Die machten mich nicht sauer, die gingen mir nur auf die Nerven. Ich zog meine Tasche vom Tisch und ließ sie geräuschvoll auf den Boden fallen. Diese Kerle waren es nicht wert, dass ich ihnen auch nur eine Sekunde mehr meiner Aufmerksamkeit schenkte. Ja, in dem Punkt war ich extrem arrogant, aber wer konnte mir das verdenken?
"Und wer ist das Mädchen da? Etwa eine Freundin von dir?", höhnte ein anderer. Sie tauchten zu sechst auf und trauten sich nicht einmal, allein gegen mich anzutreten. Echt erbärmlich.
"Nein, wir sind keine Freunde und ich kenne sie auch nicht", entgegnete ich kalt. Alles, was ich tun konnte, war, Miyuki da herauszuhalten. Sie schien ganz nett zu sein und hatte ein Schulleben wie meines nicht verdient. Wenigstens das konnte ich für sie tun.
"Lasst ihn in Ruhe!", meckerte Miyuki jedoch, die ganz andere Pläne zu haben schien. Sie stand von ihrem Platz auf und stellte sich so schützend vor mich. Überrascht sah ich sie an. Sie wirkte unglaublich entschlossen und ich bezweifelte, dass irgendein Wort dieser Welt sie davon abhalten konnte, mich zu verteidigen. Probieren ging doch bekanntlich über studieren, oder nicht?
"Lass das, du schadest dir nur selbst damit. Halt dich lieber von mir fern und alles ist okay", zischte ich ihr zu, doch sie schüttelte den Kopf. Warum musste sie denn nur so stur sein? Sie könnte bessere Freunde als mich finden.
"Sie mal einer an. Schade, eigentlich bist du ja ganz süß. Wenn du dich nicht für diesen Loser da einsetzen würdest, wäre ich sogar mit dir ausgegangen", meinte der erste von ihnen mit bedauerndem Gesichtsaudruck. Miyuki schnaubte.
"Das ehrt mich aber", spuckte sie aus und ihre Stimme triefte nur so von Sarkasmus. Ich stand auf in einem letzten verzweifelten Versuch, sie aufzuhalten. Zu meiner Schande war sie größer als ich, wenn auch nur ein paar Zentimeter.
"Halt dich von mir fern!", meckerte ich sie in einem Befehlston an, doch sie dachte gar nicht daran. Ihre vor Wut glitzernden Augen waren weiterhin auf die Sechs vor uns gerichtet. Ich verstand nicht, warum sie sich so für mich einsetzte, wir kannten uns doch gar nicht.
"Nein, das werde ich nich tun! Lieber bin ich das Opfer als das Arschloch!", fauchte sie mich an, woraufhin ich doch zusammenzuckte. Ihre wilde Entschlossenheit war so gar nicht das, was ich von einem reichen Kind erwarten würde. Aber ich hatte mich auch für meine Freunde eingesetzt und das hatte mit Nachsitzen geendet. Aber das lag daran, dass ich die Beherrschung verloren hatte...
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