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Schritt für Schritt

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16
Cana Alberona Gajeel Redfox Laxus Dreyar Levy McGarden
04.06.2020
21.01.2021
34
116.215
24
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30.07.2020 3.253
 
Kapitel 9 – Eine neue Entwicklung

Cana öffnete vorsichtig die Tür zu Lexys Zimmer. Die leisen, gleichmäßigen Atemzüge ihrer Tochter verrieten ihr den seelenruhigen Schlaf, den Lexy fast immer hatte. Lautlos schloss die Kartenmagierin die Tür wieder, nachdem sie in das Zimmer getreten war. Sie wusste nicht, wie oft sie das in der Vergangenheit gemacht hatte: Sich am friedlichen Gesicht ihrer Tochter erfreuen, die nicht wusste, was mit ihr geschehen würde, wenn die Dinge ihren Lauf nehmen würden. Zumindest wusste sie es noch nicht und das sollte so lange wie möglich so bleiben.
Sie setzte sich auf den Bettrand. Das leichte Sinken der Matratze entlockte Lexy ein leises Seufzen, weshalb Cana anfing, ihr beruhigend über den Kopf zu streichen. Sofort entspannte sich ihre Tochter, um ruhig weiterzuschlafen. Doch die Kartenmagierin war weit entfernt davon, selbst entspannt zu sein: Nicht allzu lange nach seiner Rede hatte Hibiki die Wohnung verlassen, um ebenfalls schlafen zu gehen. Doch sie hatte keine Ruhe gefunden, sondern immer wieder über seine Worte nachgedacht. Sie wusste sehr gut um den Wahrheitsgehalt, der in seinen Worten lag.
Der Trimens hatte es sich zwar nie anmerken lassen, aber er kam aus einem kaputten Elternhaus. Seine Mutter war gestorben, als er kaum ein Jahr alt war und sein Vater war daraufhin spielsüchtig geworden. Das ging so lange, bis Hibiki mit sechs Jahren Bekanntschaft mit Schuldeneintreibern gemacht hatte, die seinen Vater verprügelten. So lange, bis er ihnen das Haus anbot, in dem die beiden gewohnt hatten. Es war Hibikis Glück, dass Master Bob zufällig auf ihn traf, als er ein paar Wochen später auf dem Markt beim Stehlen eines Brotes erwischt wurde. Er verließ mit dem Master von Blue Pegasus die Stadt, ohne sich noch einmal bei seinem Vater zu verabschieden, der mittlerweile vom Glücksspiel zum Alkohol gewechselt hatte.
Hibikis emotionslose Erzählung hatte sie damals mehr als nur geschockt. Sie hatte völlig fassungslos dagesessen, während der Blue Pegasus Magier ihr seine Lebensgeschichte erzählte. Das war an dem Tag gewesen, an dem sie das erste Mal wegen Überforderung mit ihrer ganzen Situation ausgerastet war. Sie hatte ihm an den Kopf geworfen, er habe über beschissene Leben nicht den Hauch einer Ahnung und solle sich deshalb nicht in das ihre einmischen. Doch ironischerweise hatten sich genau durch diesen Streit die ersten, zarten Wurzeln einer tiefen Freundschaft gebildet.
Nachdenklich betrachtete sie das Gesicht ihrer Tochter erneut. Es grenzte an ein Wunder, wie Laxus nicht bereits beim ersten Blick die Verbindung zwischen Lexy und ihm selbst erkannt hatte. Nicht nur ihre Haar- und Augenfarbe, die sie von ihm geerbt hatte. Cana selbst hatte ihrer Tochter mit Absicht einen Namen gegeben, der dem ihres biologischen Vaters ähnelte. Sie wusste bis heute noch nicht, warum, aber es hatte sich richtig angefühlt. Wenn Lexy schon ihren Vater nicht kannte, sollte sie immerhin etwas von ihm bei sich tragen, was ihr niemand wegnehmen konnte. Nicht einmal er selbst.
Langsam stand sie wieder auf und ging ebenso vorsichtig wieder zur Tür, wie sie ins Zimmer geschlichen war. In den nächsten Tagen würde sie nach Aufträgen schauen und Lexy daran gewöhnen, auch einige Tag ohne sie auskommen zu müssen. Aufgrund ihres Lebens als Magier konnte sie nicht immer für ihre Tochter da sein, wenn sie weiterhin in dieser Wohnung leben wollten. Erst dann würde sie sich selbst darauf vorbereiten, Laxus gegenüberzutreten.

+++


Levy schlug einmal mehr in dieser Nacht die Augen auf und starrte finster an die Decke. Verdammter Schlaf, der ihr schon wieder entrinnen war. Alles nur wegen ihm. Sie konnte sich nicht wirklich an den Traum erinnern, aber ihr Herz schlug immer noch angsterfüllt. Wahrscheinlich war es einmal mehr der gleiche Traum gewesen, der sie in regelmäßigen Abständen heimsuchte. Stets war sie in einem Labyrinth aus Eisen und Metall gefangen, in dem sie vollkommen die Orientierung verloren hatte. Hilflos irrte sie in eine Sackgasse nach der anderen, während aus allen Richtungen sein typisches „Gihihihi“ ertönte, das immer intensiver und dröhnender wurde, bis ihre komplette Umgebung zu vibrieren schien. Das war der Moment, in dem sie einfach zusammenbrach um sich den hämmernden Kopf zu halten. Im nächsten Augenblick schreckte sie jedes Mal aus dem Schlaf und lauschte ihrem fast schmerzhaft schnell schlagenden Herz, wie es nicht mehr zu Ruhe kommen wollte.  
„Fahr zur Hölle“, murmelte sie und legte die Hand über die Augen, um die Tränen zurückzuhalten, die einmal mehr überzulaufen drohten. Was würde sie dafür geben, um diesen einen Streit rückgängig zu machen. Damals hatte sie Sachen gesagt, die sie bis heute verfolgten. Er ebenfalls, aber sie konnte ihn mittlerweile verstehen. Sie hatte ihn grenzenlos provoziert, bis er die Fassung verloren hatte. Was sie ihm allerdings nicht verzeihen konnte, war diese Schmach einer Beziehung, die er mit dieser Ex-Gildenkameradin aus Phantom Lord führte. Schon allein ihr Name verursachte bei ihr brennende Übelkeit. Noelle. Es war schon schlimm genug, dass dieser Name zugleich elegant und weiblich klang, ganz anders als Levy. Noelle war dazu noch von einer Figur gesegnet, die sie in ihrem tiefsten Inneren begehrte: Keine voluminöse wie viele ihrer Freundinnen aus Fairy Tail, aber man sah schon von Weitem ihre zwar zarten, aber dennoch eindeutig weiblichen Rundungen. Im Gegensatz zu ihr, die auch als Junge durchgehen konnte, sobald sie ihre Haare unter einer Mütze versteckte und sich Männerkleidung anzog. Natürlich hatte Noelle auch genau die Art Haare, für die Levy einen Mord begehen würde: Gepflegte, gesund glänzende hellbraune Haare, deren Spitzen ihr bis fast zur Taille fielen und die sich nur dort etwas lockten, was sie noch hübscher machte. Nicht die kurzen, unkontrolliert gewellten Strähnen, die sich weigerten, über Levys Schultern hinauszuwachsen. Dazu die großen, verträumt aussehenden honigfarbenen Augen, die stets vergnügt zu funkeln schienen, sobald sie zu reden anfing. Der einzige Trost war ihre Größe: Sie war nicht viel größer als Levy. Aber ansonsten hatte Noelle alles, was sich die Script-Magierin nur wünschte.
Levy hasste sie. Nicht wegen ihrer Person, sondern wegen ihrer Position in seinem Leben. Unter anderen Umständen hätte sie sie liebend gerne als Freundin bezeichnet, doch das ging in diesem Leben nicht. Seufzend schlug sie die Bettdecke zurück, als ihr klar wurde, heute Nacht kein Auge mehr schließen zu können. Ein weiterer Grund, um Noelle zu hassen, denn bevor sie aufgetaucht war, hatte sie nie unter Schlaflosigkeit gelitten.
„Mach dir nichts vor“, murmelte sie zu sich selbst, während sie ihren Pyjama gegen ein einfaches, hellblaues Kleid mit dünnen Trägern tauschte. „Du bist selbst dafür verantwortlich. Hättest du –“ Ihre Stimme brach, als sie mit einem Kloß im Hals an jenen verhängnisvollen Tag zurückdachte. Damals hatte sie es ihm gestehen wollen, nachdem sie es nicht mehr ausgehalten hatte. Ständig von ihm behandelt zu werden wie ein kleines Kind, hatte ihre Gefühle immer wieder verletzt. Doch unglücklicherweise hatte er das an diesem Tag ebenso gemacht und dann war ihr der Kragen geplatzt. Bis heute hatte sie sich nicht für ihre Aussagen entschuldigt. Er ebenso wenig. Sie schaute auf die Uhr. Fünf in der Frühe. Das war spät genug für einen Spaziergang, um den Sonnenaufgang zu betrachten.

Als Levy am Park ankam, hätte sie am liebsten gleich wieder kehrtgemacht. Dort stand niemand anderes als Noelle persönlich, direkt vor dem Baum, an den sie und ihre beiden Teamkameraden vom damaligen Phantom Dragon Slayer geheftet worden waren. Leider sah Noelle sie, was einen Rückzug verhinderte. Zu ihrer Überraschung hob diese die Hand und winkte.
Erst als die Magierin nähertrat, bemerkte sie die Tränenspuren auf den Wangen des ehemaligen Phantom Lord Mitglieds. Ohne zu wollen, nahm Levys Gesicht einen überraschten und geschockten Ausdruck an.
„Ich weiß, du kannst mich noch weniger leiden als deine Gildenkameraden“, flüsterte Noelle, während Levy mit Schreck sah, wie die Tränen immer noch flossen. „Aber ich hatte gehofft, dich hier zu treffen.“
„Was?“ Damit hatte die Blauhaarige nicht gerechnet. Weder, woher Noelle wusste, wo sie sich um diese Uhrzeit aufhielt noch, anscheinend extra für sie aufgestanden zu sein.
„Machen wir uns nichts mehr vor.“ Noelle lächelte sie trotz Tränen an. „Ich weiß, wie du zu Gajeel stehst.“ Sie schluckte, dann fuhr sie leiser fort. „Ebenso, wie er zu dir steht.“
Abwehrend hob Levy die Hände. „Es ist nichts zwischen –“ Als sie Noelles Blick bemerkte, verstummte sie verlegen, während ihr spürbar die Röte in die Wangen schoss. Wieso stritt sie es immer noch ab, obwohl Noelle es wusste?
„Können … wir uns setzen?“ Auf diese Frage nickte Levy stumm und folgte Gajeels fester Freundin zu den Bänken, die um den kreisförmigen Weg um den Baum herumstanden. Unbehaglich setzte sie sich neben sie, mit ein paar Zentimetern Abstand zwischen ihnen. Sie war mit der Situation völlig überfordert.
„Ich hatte es mir immer anders vorgestellt“, fing Noelle unvermittelt an, den Blick auf ihre krampfhaft ineinander verschlungenen Hände gesenkt. „Gajeel – ich muss ihn dir nicht beschreiben, du weißt selbst, wie unglaublich er ist.“
Levy nickte nur stumm. Worauf zielte das Gespräch ab? Sie wusste es immer noch nicht, aber sie beschloss, Noelle erst einmal zuzuhören. Heute kam sie ihr nicht so lebendig und fröhlich vor wie sonst, ganz im Gegenteil. Sie sah so aus, wie sie sich die letzten Jahre stets gefühlt hatte, wenn sie sie mit Gajeel zusammen gesehen hatte. Abgekämpft und hoffnungslos.
„Früher habe ich mir nichts Schöneres vorstellen können, als mit ihm zusammen zu sein. Das tue ich immer noch. Aber wenn die Gefühle nur von einer Seite kommen, kann das lang ersehnte Paradies zur Hölle werden.“ Noelle atmete tief durch, wie um sich zu beruhigen. „Ich habe es lange geahnt, aber nie wahrhaben wollen. Gestern, nachdem wir uns erneut gestritten haben, ist es mir endgültig klargeworden. Gajeel und ich, das funktioniert einfach nicht. Es wird nie funktionieren, egal wie sehr ich es auch will. Aus einem einfachen Grund: Weil er nie aufhören wird –“ Ihre Stimme brach und sie brach in Schluchzen aus.
Levy starrte sie einen Augenblick hilflos an, während sie merkte, wie auch ihre Augen wässrig wurden. Das alles, was Noelle gerade erzählt hatte, hatte ihre Abneigung gegen sie wie von Zauberhand verschwinden lassen. Ohne nachzudenken, rutschte sie zu ihr und legte ihr tröstend den Arm um die Schultern. Sie hatte es schon immer gehasst, wenn jemand weinte und war stets eine der ersten gewesen, die die Person getröstet hatten. So wie jetzt.
Noelle lehnte ihren Kopf an Levy Schulter, während Levy ihr beruhigend über den zitternden Rücken strich. Sie hatte gedacht, sie sei die einzige Person, die in der vergangenen Zeit unter der Situation gelitten hatte. Doch sie wollte sich nicht vorstellen, wie es war, wenn man von Anfang an wusste: Der Partner, den man liebte, würde diese Gefühle nie erwidern . Einfach, weil er sein Herz einer anderen Person geschenkt hatte. In diesem Moment verstand sie, Noelle nie hassen zu können für etwas, das sie selbst verbockt hatte. Noelle war ebenso eine hilflose Figur, die ihre Gefühle nicht unterdrücken konnte, obwohl sie wusste, diese würden ihr Untergang sein.

„Noelle.“ Diese Stimme war kein mitfühlendes, weibliches Flüstern. Sie war eindeutig männlich, rau und sogar etwas schroff.
Sowohl Levy als auch die immer noch zitternde Frau in ihren Armen schraken bei diesem Wort hoch. Die Stimme kannten beide in- und auswendig. Doch während Levy sie in den letzten Jahren nur mit Abneigung und Schmerz gehört hatte, hörte Noelle auf zu zittern. Sie löste sich aus Levys Armen und blickte die Person, der die Stimme gehörte, mit ungläubigen Augen an.
Gajeel ignorierte die Skript-Magierin, doch sie hatte nichts anderes erwartet. Levy selbst schaute ihn aus verengten Augen an und spürte regelrecht, wie sich ihr Körper ohne ihr Zutun versteifte. Gefühle hin oder her, er hatte Noelle tief verletzt mit seinem Verhalten. Das würde sie ihn nicht vergessen lassen.
„Es tut mir leid.“ Die gemurmelte Entschuldigung ließ ein Leuchten in Noelles Augen erscheinen, das der aufgehenden Sonne glich. Levy hingegen fühlte sich, als ob er ihr eigenhändig mit seinem Eisenschwert durch die Brust geschnitten hätte. Mit einem tauben Gefühl schaute sie zu, wie Noelle unsicher auf Gajeel zutrat und ihn vorsichtig anlächelte. Statt einem Lächeln zog der Dragon Slayer nur eine Augenbraue hoch, was für ihn gleichbedeutend mit einem Grinsen war. Schon schlangen sich Noelles Arme um Levys – nein, er gehörte nicht ihr. Hatte noch nie. Vielleicht einmal fast, aber nun war sie meilenweit davon, ihn als ihren Dragon Slayer zu bezeichnen, auch wenn die anderen Magierinnen es in ihrer Anwesenheit noch immer taten. Bevor sie weiterhin Zeugin der Versöhnung sein musste, sprang sie ruckartig auf, murmelte einen Abschied in Richtung Noelle, die diesen nicht mitbekam und flüchtete regelrecht aus dem Park.

Erst als sie die beiden nicht mehr sehen konnte, ließ sie zu, ein weiteres Mal von den Schmerzen ergriffen zu werden, um das taube Gefühl in sich zu vertreiben. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen und ihre Sicht verschwamm. Es war einfach ungerecht.
‚Einfach ungerecht‘, wirbelte es in ihren Gedanken umher, während sie mit gesenktem Kopf blind den Gehweg entlanglief.
Im nächsten Moment saß sie mit einem schmerzenden Hinterteil auf den Boden. Schockiert blieb sie sitzen, doch als sie ihre Hände anblickte und die aufgeriebenen Handflächen sah, konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Welt war einfach ungerecht zu ihr.
„Verdammt, tut mir leid!“, hörte sie eine männliche Stimme schräg über ihr ausrufen. Sie klang ernsthaft betroffen, hatte aber auch einen panischen Unterklang. Das lag wahrscheinlich an ihren Tränen. Kein Mann konnte Tränen sehen, egal wie hart sie sich auch gaben. Bei Tränen gab jeder auf, das hatte sie in all den Jahren in Fairy Tail gelernt.
Eine Hand erschien in ihrem Blickfeld, verharrte aber zögernd. Sie hob langsam den Kopf und sah ein paar hellbraune Augen, die sie mit überraschend viel Wärme anblickten. Der junge Mann konnte nicht viel älter sein als sie, wenn sie ihn richtig einschätzte. Seine Gesichtszüge waren die eines Mannes, ohne jeglichen verbliebenen Babyspeck. Jedoch war die Haut noch frei von Falten, abgesehen von der Stirnfalte, die sein Runzeln erzeugte. Er fuhr sich mit der anderen Hand verlegen durch die wilden, orangenen Haare, die dadurch noch mehr durcheinandergebracht wurden. Sie waren etwas länger, ähnlich wie Grays, jedoch um einiges ungezähmter, was an Natsu erinnerte.
„Kannst …“ Er räusperte sich unbeholfen, was ihn ihr noch sympathischer machte. „Tut mir leid, wirklich. Ich weiß nicht, wo meine Gedanken waren …“ Mit verstummender Stimme starrte er auf ihre Handflächen. „Tut mir ehrlich leid.“
Levy lächelte ihn beruhigend an und ergriff die ihr dargebotene Hand, unabhängig von dem Stechen, als ihre Handflächen seine Hand berührten. Mit einem Ruck hatte er sie hochgezogen, wobei er das nahezu nebensächlich aussehen ließ. Ihr Blick schoss seinen muskulösen Armen, die durch das ärmellose, gewollt abgerissen aussehende Hemd nur noch mehr betont wurden. Ungewollt schluckte sie. Muskeln, vor allem an den Armen, waren ihre kleine Schwäche. Vor allem, wenn sie so betont waren wie bei diesem Mann, ohne aufgepumpt auszusehen.
„Mein Fehler“, erwiderte sie, als sie sich wieder in Erinnerung rief, dass sie ihn seit mehreren Sekunden stumm angeblickt hatte. „Ich habe nicht aufgepasst …“ Ihr Tränen waren zum Glück wieder versiegt. Sie wischte sich verlegen mit ihrer Hand über die noch nassen Wangen, um die Spuren verschwinden zu lassen.
„Du bist Levy McGarden, nicht wahr?“ Seine Frage überraschte sie nicht wenig. Mit großen Augen sah sie ihn an und nickte sprachlos. Zu ihrer Überraschung sah er nun noch verlegener aus. „Mein Glück. Natürlich renne ich gleich eine der Magierinnen von Fairy Tail um. Wann darf ich mich auf Racheaktionen deiner männlichen Kollegen einstellen?“, lachte er und sie fiel unwillkürlich mit ein.
„Gar nicht, weil wir uns selbst verteidigen“, erwiderte sie, dann blickte sie ihn prüfend an. Er kam ihr ebenfalls entfernt bekannt vor, als ob sie ihn schon einmal gesehen hätte.
Anscheinend schien er ihren Blick zu bemerken, denn er fuhr sich abermals durch das Haar und lachte verlegen. „Ich bin Jem. Jem Blackwood.“
Jetzt fiel ihr es ein. Jem Blackwood. Der Sänger und Lead-Gitarrist der einen Rockgruppe, die viele aus Fairy Tail hörten. Vor allem Gray und Gajeel waren begeistert von den Liedern.
Erst jetzt bemerkte sie, wie er ihre Hand immer noch hielt. Doch merkwürdigerweise machte es ihr nichts aus. Jem wirkte auf den ersten Eindruck von Grund auf sympathisch und vertrauenswürdig und in solchen Einschätzungen irrte sie sich nie. Daher hatte sie sich so gut mit Gajeel verstanden, als er frisch in die Gilde gekommen war. Sie hatte geahnt, dass er hinter seiner unfreundlichen Fassade sein schlechtes Gewissen der Gilde gegenüber verbarg. Immerhin hatte er ihr geschadet und sogar versucht, sie zu vernichten.
Beast Attack, nicht wahr?“
Nun zog er die Augenbrauen hoch. „Ich hätte nicht gedacht, dass du mich kennst, geschweige denn den Namen unserer Band.“
Sie lachte. „Es ist auch nicht meine Musik, aber die meiner Gildenkameraden. Also kenne ich euch auch, mehr oder weniger.“ Dann fiel ihr etwas anderes ein. „Was machst du in Magnolia? Sind die anderen auch hier?“
Er grinste. „Nein, ich bin allein. Ich mache hier Urlaub bei meiner Halbschwester, um mich von dem ganzen Stress zu erholen. Bisher hatte ich das Glück, noch nicht erkannt worden zu sein. Aber nachdem du mir von deinen Kameraden erzählt hast, wird das nur noch eine Frage der Zeit sein.“
„Halte dich einfach vom Gildengebäude fern“, meinte sie achselzuckend. „Die meisten von uns Magiern halten sich dort auf, außer sie brechen zu Aufträgen auf. Aber dann stehen sie sowieso unter Zeitdruck und haben keine Zeit, sich von Rockstars Autogramme zu holen.“
„Danke für den Tipp.“ Erst jetzt schien er zu bemerken, ihre Hand noch immer zu halten und ließ sie etwas verlegen los. „Nun, auf jeden Fall tut es mir wirklich leid, dich aus Versehen auf den Boden befördert zu haben.“ Er legte fragen den Kopf schief. „Kann ich dich als Ausgleich zum Frühstück einladen? Wenn ich mir die Uhrzeit ins Gedächtnis rufe, hast du wahrscheinlich ebenfalls noch nichts gegessen.“
Wieder vollkommen sprachlos, blickte Levy Jem an. Das gab es nicht, so etwas passierte nur in Büchern. Wann gab es in der wirklichen Welt einen Mann, der eine Frau nach einem Zusammenprallen zum Essen einlud? Mehr Klischee ging nicht, aber es machte ihr nichts aus. Ganz im Gegenteil. Dann bemerkte sie, wie er auf eine Antwort ihrerseits wartete. Sie errötete leicht, dann nickte sie. Er grinste breit, offensichtlich erleichtert, dann setzte er sich in Bewegung. Als er nach einer halben Sekunde bemerkte, wie sie noch immer an derselben Stelle stand, lachte er.
„Wenn du Frühstück willst, musst du schon mit mir mitgehen.“
„Oh!“ Sofort verfluchte sich die Magierin für ihre wenig geistreiche Bemerkung und schloss mit ein paar eiligen Schritten zu ihm auf. An Gajeel und Noelle, vor allem an die Versöhnung der beiden im Park, verschwendete sie keinen einzigen Gedanken mehr.

+++

Und ein weiteres Kapitel ohne Laxus - dafür mit dem Auftritt von dem ersten und bislang einzigen Nebenpairing, das behandelt wird. Ihr könnt euch darauf einstellen, von Levy mehr zu lesen als bisher. Ich mag dieses Pairing einfach zu sehr, um es einfach zu übergehen.
Wie findet ihr Noelle? Generell bin ich nicht der Fan, einfach eine unsympathische, gemeine Figur als Gegenpart zu erschaffen, einfach weil die wenigsten Menschen wirklich so sind. Deshalb ist Noelle trotz ihrer eigentlichen "Kontra"-Rolle zu Levy kein dummes, egoistisches Miststück, sondern eine Magierin mit Gefühlen, die man hoffentlich nachvollziehen kann.
Und ja, Noelle und Jem sind komplett meiner Fantasie entsprungen, ebenso wie die Band an sich. Jem wird auf jeden Fall noch eine tragende Rolle spielen, auch wenn sie vermutlich anders ausfallen wird, als ihr denkt. Generell spiele ich gerne mit Klischees, um sie dann doch nicht zu bestätigen. So als kleiner Tipp nebenbei.
Bis zum nächsten Mal und Entschuldigung für dieses lange Nachwort, das nächste wird hoffentlich wieder kurz.
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