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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
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26.08.2021 4.368
 
Kapitel 65 – Der letzte und der erste Schritt

„Was ist mit Lexy?“
Erst nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Cana ihre Anspannung und Panik mit ihren Tränen in Laxus‘ Hemd vergossen hatte, meldete sich Laxus zu Wort. Trotz der drängenden Fragen, die ihm wahrscheinlich auf der Zunge brannten.
Cana schluckte, dann lehnte sie sich etwas zurück und blickte in das Gesicht, das sie die letzten Wochen herbeigesehnt hatte. Sein Anblick und das Wissen um seine Anwesenheit verursachten in ihr ein unbeschreibliches Gefühl, das „Freude“ nicht ansatzweise beschreiben konnte. Einzig und allein getrübt wurde das durch die aktuellen Umstände.
„Sie bekommt die Lacrima gerade eingesetzt. Trotz einer unvollständig aufgeladenen Lacrima, doch ihre Werte haben sich seit heute Morgen verschlechtert und …“ Sie brach ab und schloss die Augen, als sie all die Gespräche wieder einholten. Als sie fortfuhr, murmelte sie nur noch leise. „Jian, Lexys Heiler, hat mir eine Frist gesetzt. Weil danach die Werte von Lexy zu schlecht gewesen wären, um die Implantation ohne weitere Risiken durchführen zu können. Jetzt wird sie zwar Schmerzen für die nächsten Wochen haben, aber sie wird überleben. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und dann war meine Frist um. Lexy musste … Wenn ich nicht zugesagt hätte, dann …“
Wortlos zog Laxus sie noch enger an sich und ein Teil ihrer Verzweiflung fiel von ihr ab, als sie seine Körperwärme spürte. Eines war sicher: Er machte ihr keine Vorwürfe. Ansonsten würde er nicht so reagieren. Und allein dieses Wissen erleichterte sie ungemein.
„Es tut mir leid“, murmelte er. „Ich hätte besser aufpassen sollen. Nein, ich hätte diesen Auftrag nicht annehmen sollen. Egal, welche Konsequenzen das für die Gilde und mich bedeutet hätte.“
„Es ging nicht anders. Wir sind Magier, das ist unser Job. Und es ging bis jetzt immer gut.“
„Bis jetzt.“ Laxus Stimme klang seltsam und Cana bemerkte zum ersten Mal, wie abgekämpft er aussah. Im nächsten Moment schwankte er und sie konnte ihn nur mit einem beherzten Griff davor bewahren, seitlich wegzukippen. Sie ächzte unter seinem Gewicht, verstärkte ihren Griff aber, um ihn nicht fallen zu lassen. Stattdessen bemühte sie sich, ihn zu einem der Stühle im Wartezimmer zu schleppen, damit er sich langsam darauf sinken lassen konnte. Zwar trug Laxus einen Teil seines Gewichts selbst – ansonsten hätte sie ihn niemals bewegen können – doch den Großteil seiner Körpermasse hatte dennoch sie bewältigen müssen. Auf dem Stuhl konnte er sich immerhin aufrecht halten, auch wenn er in sich zusammengesackt war und tief Luft holte.
Jetzt hatte Cana Zeit, ihn zu mustern. Die fahle Haut, die dunklen Ringe unter blutunterlaufenen Augen sowie die schweißbedeckte Stirn waren eindeutige Signale: Laxus litt noch immer unter den Folgen der Vergiftung.
Wortlos ließ sich Cana auf den Stuhl neben ihn sinken und griff nach seiner Hand, um ihm körperliche Nähe zu spenden. Normal hätte sie sich an ihn gelehnt, doch das wollte sie ihm während seiner aktuellen körperlichen Konstitution nicht zumuten.
„Möchtest du etwas zu trinken?“ Das fiel Cana erst ein, nachdem sie sich hingesetzt hatte.
Laxus schüttelte den Kopf, doch sie ließ sich davon nicht täuschen. Da sie die Vergiftung ebenfalls erlitten hatte, wusste sie, wie stark der Flüssigkeitshaushalt unter dieser litt. Deshalb seufzte sie nur, stand wieder auf und lief zu dem Wasserspender, der auf der anderen Seite des Wartezimmers war. Dort füllte sie zwei Becher mit ungekühltem Wasser auf, denn Kälte war für Laxus‘ Kreislauf nicht förderlich. Als sie ihm seinen vollen Becher gab, trank er diesen auf einmal aus und Cana lief noch einmal zum Wasserspender. Erst dann setzte sie sich wieder neben ihn, während sie an ihrem Becher nippte.
„Wie …?“ Laxus beendete seine Frage nicht, doch Cana verstand. Wie immer, wenn sie an die letzten Wochen dachte, umklammerte eine eiserne Faust ihre Körpermitte.
„Es gab mehrere Anfälle, dann schien sich Lexy zu erholen. Doch als ich sie letzte Woche in der Vorschule abholen wollte und mit Ophelia gesprochen habe, ist sie zusammengebrochen. Dank Ophelias Stellargeist sind wir innerhalb von Sekunden hier gewesen und seitdem ist Lexy … seitdem liegt sie im künstlichen Koma. Die Heiler hatten die Hoffnung, so ihre Frist für die Lacrima etwas hinauszögern zu können und das war erfolgreich. So halbwegs. Zumindest konnte sie sich etwas erholen, bevor heute Morgen ihre Werte wieder schlechter wurden. Mavis sei Dank ist die Lacrima heute eingetroffen, ansonsten …“ Cana brach ab und schluckte, während sie sich zur Ruhe zwang. Jetzt eine Panikattacke zu bekommen, brachte niemandem etwas, am allerwenigsten ihrer Schwangerschaft. Außerdem konnte sie nichts mehr tun außer zu warten und zu hoffen.
Laxus‘ Griff um ihre Hand wurde enger, doch es war nicht unangenehm. Eher tröstend, denn nach all den Wochen wieder zu wissen, nicht mehr allein über Lexy nachdenken zu müssen, war unglaublich erleichternd. Jetzt mussten sie nur noch warten, bis dieser eine, letzte Schritt für eine vollständige Genesung Lexys getan wurde. Und so wurden die Sekunden zu Minuten, die Minuten zu Stunden.

„Spürst du das?“, frage Laxus mit angespannter Stimme.
Cana wollte eben den Kopf schütteln, als sie es ebenfalls bemerkte. Ein Zittern, das nur von freigesetzter Magie kommen konnte und rasch intensiver wurde.
Im nächsten Moment glich die freigesetzte Magie einer Flutwelle, die sämtliche Lichtquellen zum Platzen brachte, die Heizung mit einem Zischen verstummen ließ und der Plastikhülle des Wasserspenders einen Riss einbrachte. Ein leises, regelmäßiges Tropfen verkündete das Auslaufen von Wasser aus dem Spender. Die Luft war elektrisch geladen und als sich Cana geschockt durch die Haare fuhr, zuckte sie aufgrund der vielen kleinen Stromschläge zusammen, die ihre Finger abbekamen.
„Was war das?“
„Lexy“, murmelte Laxus, der noch eine Spur blasser geworden war.
„Lexy?! Meinst du, Lexy hat …?“ Cana brach ab, weil ihr die Panik die Luft abschnürte. Diese Art von Magiefreisetzungen kannte sie nur von explosiven Attacken oder bei dem plötzlichen Tod eines Magiers. Genau wie die Seele den Körper verließ, tat das auch die Magie. Auch wenn diese Magie keine weiteren Opfer forderte, konnte man in der näheren Umgebung eindeutig erkennen, was an dieser Stelle geschehen war. Die Rinde von Bäumen bekam Risse, Blätter teilten sich in winzige Fetzen, Äste knickten ab. Oder es geschah in einem Gebäude, die Spuren konnte man im Hospital deutlich erkennen.
Nur am Rand bekam Cana mit, wie sie Laxus‘ Hand so fest umklammerte, bis ihre Fingerknöchel schmerzten. Völlig regungslos blickte sie in die Richtung der Tür, hinter der Lexy lag. Bei ihr war ein Team aus Heilern, von denen eine Person hoffentlich in den nächsten Sekunden auftauchen und eine Erklärung abgeben würde. Ansonsten konnte sie nicht mehr für ihre Beherrschung garantieren. Sie hatte sich die letzten Woche zusammengerissen und jetzt war der Punkt erreicht, an dem sie dafür keine Kraft mehr hatte.
Ein scharfer Schmerz fuhr durch ihren Unterleib und Cana zischte schmerzerfüllt. Sofort spürte sie Laxus‘ Augen auf sich, während sie sich mit verzerrter Miene an ihren Unterleib griff.
„Cana?“, fragte Laxus alarmiert.
„Das ist psychisch bedingt“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Gleichzeitig zwang sie sich, tief und langsam zu atmen, um die Schmerzen unter Kontrolle zu bekommen. Zusätzlich war es die Gelegenheit, sich selbst wieder etwas zu beruhigen. Eines hatte ihr dieser kurze Schmerz klar gemacht: Sie stand zu sehr unter Druck. Diese Art von Schmerz kannte sie dank ihrer letzten Schwangerschaft, es hing mit ihren körperlichen Veränderungen zusammen. Trotzdem musste sie sich mehr entspannen, damit es bei diesen gewöhnlichen Beschwerden blieb. Sie kannte die Geschichten über Fehlgeburten, auch wenn das durch ihre Magie nahezu unmöglich war. Doch es blieb immer ein Restrisiko übrig.
Ein dumpfes Geräusch erklang und Cana riss ihren Kopf in Richtung der Tür, die Heiler Jian aufgestoßen hatte und nun auf sie hinzugelaufen kam. Kurz stockte er, als er Laxus sah, doch dann setzte er seinen Weg zielstrebig fort. Währenddessen standen Cana und Laxus langsam auf.
„Sie sind der Vater, nehme ich an?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort. „Es gab eine Änderung. Wir haben ein paar Parameter unterschätzt, die eine erhebliche Auswirkung auf diese Operation hatten.“
Cana spürte, wie sie bleich wurde, aber sie zwang sich, die Fassung zu bewahren. „Und was sind diese Parameter?“
Zu ihrer unendlichen Erleichterung glitt ein Lächeln über Jians Gesicht. „Die Unvorhersehbarkeit von Magie in extremen Situationen. Sie werden die elektrische Schockwelle ebenfalls gespürt haben. Und wie ich sehe, hat diese ihre Spuren in diesem Raum hinterlassen. Nun, das war angesichts der Heftigkeit zu erwarten.“
Laxus räusperte sich und Jian zuckte zusammen.
„Entschuldigen Sie. Das war für mich eine unglaubliche Erfahrung.“ Er räusperte sich. „Nun, jedenfalls … Sie wissen beide über die nicht vollgeladene Lacrima Bescheid? – Nun, Alexias Magie hat sich selbst darum gekümmert. Wir sind nicht sicher, woher diese enormen Magiereserven kamen. Jedenfalls ist die Lacrima vollständig aufgeladen worden, als wir sie eingesetzt haben. Alexia benötigt jetzt nur einige Tage strengste Bettruhe, um sich von der Operation und der Magiefreisetzung zu erholen.“
Canas Knie gaben nach und sie wäre auf den Boden gesunken, wenn Laxus sie nicht aufgefangen und gestützt hätte. Offenbar hatte diese Ruhepause ihm gutgetan. Doch auch er wirkte nicht ganz gefasst, wie seine zitternden Hände verrieten.
„Können wir sie sehen?“, flüsterte Cana bittend und war erleichtert, als Jian nach kurzem Zögern nickte.
„Nicht allzu lange. Alexia wird einige Stunden schlafen, die Betäubung wirkt noch. Wir beobachten sie die gesamte Zeit über, um kein Risiko einzugehen. Aber der Großteil sollte überstanden sein. Jetzt geht es nur darum, sie für einige Tage im Bett zu behalten. Außerdem wird sie die nächsten Wochen ein Pflaster im Nacken tragen müssen, damit die Nähte problemlos verheilen können. Wir mussten eine kleine Stelle dort rasieren, aber man sieht sie kaum und die Haare werden wieder nachwachsen.“ Jian bedeutete ihnen, ihm durch die Tür zu folgen und nachdem sich Laxus ihren Arm geschnappt und bei sich eingehakt hatte, taten sie das auch.
Lexy lag in ihrem alten Zimmer, wie Cana feststellte. Nur waren weitaus weniger Geräte um sie herum und auch ihre Hautfarbe wirkte gesünder. Einzig der Verband um ihren Hals zeigte, dass Lexy nicht nur tief und fest schlief, sondern eine Operation hinter sich hatte. Doch das war weitaus weniger schlimm als Lexys Anblick in den letzten Tagen.
Langsam löste sich Cana von Laxus und lief langsam auf das Bett zu, während sie ihren Blick nicht von Lexys Gesicht nehmen konnte. Ihr Blickfeld war verschleiert und erst, als sie am Bett stand und ein dunkler Fleck auf dem weißen Bettlaken erschien, bemerkte sie ihre Tränen. Dieses Mal waren es immerhin Tränen der Erleichterung, im Gegensatz zu denen der letzten Wochen.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie griff nach dieser, um sich daran festzuhalten. Währenddessen bekam sie ihren Gefühlsausbruch wieder unter Kontrolle und sie war einmal mehr dankbar, diese letzten Stunden nicht allein durchgestanden zu haben. Laxus mochte in den Augen der meisten Leute zu spät gekommen sein, doch für sie war er genau im richtigen Moment zur Stelle gewesen. Er hatte alles daran gesetzt, wieder nach Magnolia zu kommen und dafür auch seinen Körper strapaziert. Allein das zeugte von der tiefen Liebe, die er für sie und vor allem für Lexy empfand. Und als diese magische Entladung gekommen war, war er für Cana der beruhigende Einfluss geworden, der ihre aufsteigende Panik erstickt hatte. Obwohl sein Druck und seine innere Panik mit Sicherheit nicht geringer gewesen waren.
„Sie sieht müde aus“, murmelte Laxus.
Cana nickte in dem Wissen, dass er ihre Bewegung sehen konnte. „Sie sieht deutlich besser aus als vor einigen Tagen.“
Die Hand auf ihrer Schulter verkrampfte sich für den Bruchteil einer Sekunde und sie erhöhte den Druck kurz, um Laxus zu beruhigen. Dann drehte sie sich zu ihm um und lächelte ihn an. Lexy ging es sichtlich besser. Die Operation war überstanden und sie musste nur wieder zu Kräften kommen. Das gelang am besten, wenn sie ungestört schlafen konnte.
„Wir sollten nach Hause gehen. Lexy benötigt dringend Ruhe und wir ebenfalls.“ Sie ging einen Schritt zur Seite und löste sich von Laxus, um ihm ebenfalls einen Moment mit Lexy zu gewähren. Wie von selbst glitt ihr Blick zur Uhr über der Eingangstür des Krankenzimmers, die mittlerweile den frühen Abend anzeigte. Jetzt, da all die Anspannung von ihr abgefallen war, verspürte sie allmählich Hunger. Natürlich, sie hatte den gesamten Tag lang nichts gegessen, wenn man von einem leichten Frühstück absah. Ihr ungeborenes Kind forderte seinen täglichen Anteil an Kalorien, um weiter wachsen zu können.
Jian, der am Eingang stehen geblieben war, um ihnen ein bisschen Privatsphäre zu gönnen, nickte ihr zu und dann öffnete die Tür zum Gang. Cana trat auf den Gang und atmete tief durch, um etwas mehr von der Anspannung zu verlieren, die sie in den letzten Wochen vollkommen im Griff gehabt hatte.
„Wir werden Alexia weiterhin beobachten, es sollten aber keine Überraschungen mehr auf uns warten. Die Lacrima hat sich vollkommen mit Alexias Magie synchronisiert, es hat nur aufgrund der künstlich erzeugten Magie weitaus länger gedauert als gewöhnlich. Dank Alexias spontanem Magieausbruch konnte sich die Lacrima vollständig füllen und ist gesättigt. Es besteht in Hinblick auf negative Auswirken kein Risiko. Nur die Wundheilung könnte problematisch werden, doch durch Alexias Magie ist das nahezu unmöglich.“
Cana legte unwillkürlich eine Hand auf ihre Brust, während eine Welle der Erleichterung über sie hereinbrach und ihre Knie schwach wurde. Möglichst unauffällig stützte sie sich an der Wand ab und ließ sich von der plötzlichen Müdigkeit einholen. Damit hatte sie gerechnet, denn auch in Bezug auf erholsamen Schlaf hatten die letzten Wochen ihren Tribut gefordert.
„Falls Sie noch weitere Fragen haben, können Sie mich jederzeit hier im Hospital aufsuchen. Auch nach der Entlassung von Alexia. Es ist sehr unwahrscheinlich, doch vielleicht gibt es ab und zu kleine Schwächeanfälle. Das hängt mit der Umgewöhnung des Körpers an die Lacrima zusammen und ist normalerweise unbedenklich. Falls diese jedoch häufiger auftreten, sollten Sie sich wieder melden, damit ich das regelmäßig überprüfen kann.“
„Ist notiert.“ Cana zuckte beim Klang von Laxus‘ Stimme neben ihr zusammen und riss wieder die Augen auf, die sich wie von selbst geschlossen hatte. Fragend drehte sie den Kopf in seine Richtung. Im Gegensatz zu Jian, der nach wie vor freundlich lächelte, hatte sie den angespannten Unterton in seiner Stimme sehr wohl bemerkt. Doch das war etwas, das sie nicht hier vor dem Heiler, der sie die letzten Wochen unterstützt und sich um Lexy gekümmert hatte, ansprechen würde.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Dass Jian bei dieser Verabschiedung nur Cana anblickte, wurde ihr nun auch bewusst und so erwiderte sie das Lächeln erst nach einer Sekunde Zögern.
Laxus legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie sanft, aber bestimmt von Lexys Krankenzimmer weg. Cana rief dem Heiler halblaut ein „Bis bald“ zu, während sie bereits auf den Eingang zulief. Dabei vermied sie es, Laxus einen Blick zuzuwerfen, denn dann würde sie die drängenden Fragen nicht bei sich behalten können.

Vor dem Hospital erwartete sie eine weitere Überraschung. Dort standen drei müde, aber entschlossen aussehende Raijinshuu und blickten sie auffordernd an, als sich die Tür des Hospitals hinter ihnen geschlossen hatte.
„Wie geht es Lexy?“ Evergreen begrüßte sie noch nicht einmal, doch in ihrem Tonfall lang ein gewisses Drängen, das ihre Sorge verriet.
„Gut. Sie erholt sich von der Operation. Alles ist perfekt gelaufen, sie benötigt nun nur sehr viel Schlaf, um die letzten Wochen zu verarbeiten.“ Cana klang so müde, wie sie sich fühlte, doch Laxus‘ Team hatte ebenso eine ausführliche Antwort verdient wie der Rest der Gilde. Denn diese drei würden in die Gildenhalle stürmen und die Neuigkeiten zu verkünden, das stand fest.
„Also kam Laxus rechtzeitig?“
„Nein. Aber Lexys Magie hat spontan beschlossen, die Lacrima selbst aufzufüllen. Natürlich nicht, ohne uns einen ordentlichen Schrecken einzujagen, als es einen elektrischen Schlag im gesamten Gebäude gab.“ In Laxus‘ Stimme schwang unüberhörbarer Stolz mit, als er Freeds Frage beantwortete.
Der Runenmagier legte die flache Hand auf die Brust und deutete eine Verbeugung an. „Ich möchte mich für mein Handeln entschuldigen, Laxus. Es geschah in der Überzeugung, das Beste für dich und deine Familie zu wollen, doch offenbar war es das nicht.“„Du weißt ebenso gut wie ich, dass es auch das Beste war. Ich trage dir nichts nach, Freed.“
„Nun, auf jeden Fall solltet ihr euch ein paar gemeinsame Schäferstündchen gönnen.“ Bei den Blicken, die Bixlow zugeworfen wurden, hob er abwehrend die Hände. „Schlafstunden meinetwegen! Ich meinte damit, dass ihr beide ausseht, als ob ihr jeden Moment im Stehen einnickt. Ihr habt euch eine Auszeit bis morgen verdient und wir werden dafür sorgen, dass ihr diese auch bekommt.“
Das schien das Stichwort zu sein, denn die Raijinshuu verabschiedeten sich kurz, aber herzlich und wandten sich dem Weg zur Gilde zu, während Cana und Laxus ihnen hinterher starrten. Doch schließlich setzten auch sie sich in Bewegung, denn Bixlow hatte mit dem Bedürfnis nach einer Auszeit ins Schwarze getroffen. Zumindest, was Cana anbelangte, auch wenn sie ahnte, zu Hause nicht direkt ins Bett fallen und ewig schlafen zu können.

Laxus brachte sie ohne Umschweife zu ihrer Wohnung, führte sie zum Sofa und bedeutete ihr, sich dort hinzusetzen. Erst als sie das getan hatte, verschwand er in der Küche, aus der kurz danach das vertraute Rauschen des Wasserkochers erklang.
Cana hatte mittlerweile Zeit zum Wiederholen der Flurszene von eben gehabt und war ausgesprochen misstrauisch. Sie schien im Hospital etwas Essenzielles verpasst zu haben. Deshalb wartete sie stumm auf Laxus‘ Wiederkehr.
Als Laxus eine Tasse Tee vor sie stellte, nahm sie rasch die Hand von ihrem Bauch, die sie unbewusst dorthin gelegt hatte. Eine Welle der Übelkeit durchfuhr sie, die nur teilweise etwas mit der Schwangerschaft zu tun hatte und vielmehr von ihrer Nervosität herrührte. Denn jetzt, da Lexy auf dem Weg zur Besserung war, gab es eine andere, dringende Angelegenheit, die sie mit Laxus klären musste. Beziehungsweise ihm zu offenbaren hatte.
„Kennst du Heiler Jian von irgendwoher?“ Das war zwar nicht genau die Frage, die Cana hatte stellen wollen, doch nachdem sie sie ausgesprochen hatte, war sie ihr lieber als ihre ursprünglich geplante.
„Nein. Warum?“ Laxus‘ kurz angebundene Antwort verrieten ihr sein Unbehagen und sie beschloss nachzuhaken. Hier gab es etwas, das sie nicht wissen sollte. Und deshalb wollte sie es erst recht in Erfahrung bringen.
„Dein Unterton mag ihm nicht aufgefallen sein, mir hingegen schon.“
„Dir mögen seine Blicke nicht aufgefallen sein, mir hingegen schon.“
Cana rollte mit den Augen. „Kopiere mich n… Wie bitte? Welche Blicke?“
Ein Schnauben. „Mit denen er dich angeschaut hat. Er hat Interesse an dir. Interesse, das ihm nicht zusteht.“
„Das kann nicht sein“, widersprach Cana direkt. „Er war immer professionell und sachlich.“ Zumindest in ihren Augen, aber sie war die letzten Wochen nicht wirklich aufmerksam gewesen, wenn etwas nichts mit Lexy zu tun gehabt hatte.
Anstatt einer Antwort zog Laxus sie näher an sich heran und vergrub sein Gesicht in ihren offenen Haaren. Sie hörte, wie er tief Luft holte und spürte, wie sich seine Körperhaltung eine Spur entspannte.
„Du riechst unglaublich gut“, murmelte Laxus gedämpft. „Irgendwie anders als vorher. Hast du dein Shampoo gewechselt?“
Ruckartig erstarrte Cana, als ihr ein Licht aufging. Die Schwangerschaft. Laxus mochte es nicht wissen, doch sein Unterbewusstsein und seine Instinkte hingegen schon. Deshalb die unterschwellige Ablehnung gegen Jian, den Laxus unbewusst als Konkurrenten ansah. Ob Jians angebliches Interesse stimmte oder nicht, war da egal. Eigentlich sollte sie der gestiegene Beschützerinstinkt und die damit verbundenen Aggressionen, so unauffällig sie noch sein mochten, nicht überraschen. Jeder wusste, wie besitzergreifend Drachen waren. Die Legende von Drachenschätzen und der unendlichen Gier der geflügelten Kreaturen kam nicht von ungefähr. Natürlich hatte Laxus einen Bruchteil dieser Eigenschaften erhalten, als ihm die Lacrima eingesetzt worden war.
„Cana? Ist etwas?“ Laxus löste sich von ihr und blickte sie mit leichter Sorge im Blick an.
Sie schluckte und schüttelte den Kopf, während sie blinzelte. Nicht jetzt. Sie war nicht darauf vorbereitet, wusste noch nicht einmal, was sie sagen sollte.
„Es ist etwas. Bitte sag mir nicht, dass dieser Heiler doch etwas getan hat. Sonst werde ich ihn erwürgen müssen.“ Einen Moment später blickte Laxus überrascht drein, als ob er selbst nicht glauben konnte, was er von sich gegeben hatte.
Genau das wischte jegliche Zweifel von Cana fort und sie lächelte, während ihr Tränen in die Augen schossen. Ein erneutes Kopfschütteln ihrerseits. Dann nahm sie langsam seine rechte Hand und umfasste sie mit beiden Händen.
„Es gibt … Neuigkeiten.“ Sie holte tief Luft. „Ich … du … also wir … Bei Mavis, so schwer kann das doch nicht sein!“ Der letzte Satz brach aus ihr heraus, weil ihr die entscheidenden Worte nicht über die Lippen kommen wollten. Gleichzeitig ließ sie seine Hand wieder los.
„Cana?“ Auf seinem Gesicht zeichnete sich ehrliche Verwirrung ab.
Rastlos sprang Cana auf, legte beide Hände auf ihren Bauch und blickte ihn flehend an. „Ich weiß, es war nicht jetzt geplant, sondern später und wir wollten erst einmal in Ruhe nach einer Wohnung oder einem Haus suchen und dann weiterplanen, vielleicht ein paar Jahre verstreichen lassen, weil wir beide jung sind, aber jetzt ist es passiert und ich …“ Sie japste erschrocken, als sie ohne Umschweife auf Laxus‘ Schoß gezogen wurde, der sie mit großen Augen anstarrte. Erst in ihr Gesicht, dann glitt sein Blick hinunter zu ihrer Körpermitte und sie konnte sehen, wie er anfing, ihre dürftigen Erklärungen zusammenzusetzen und zu begreifen.
„Du … Wir … Ich …“ Er brach ab und Cana erlebte einen der angespanntesten Momente in ihrem Leben. Dann entspannte sich Laxus‘ Körperhaltung. Er legte seine Arme um sie, um sie dicht an sich zu ziehen. „Danke“, murmelte er mit erstickter Stimme und Canas Tränen begannen zu fließen. Okay. Es war okay.
„Ich dachte … Du würdest …“ Sie brach ab und schluchzte kurz auf.
„Ich würde ausflippen oder nicht begeistert sein? Nein. Niemals. Nicht, wenn es unser Kind ist. Nein, unsere Kinder. Bei Mavis, du bist schwanger. Ich kann … Das ist so surreal. Heute Morgen hatte ich panische Angst, mein einziges Kind zu verlieren und jetzt eröffnest du mir, dass ich bald zwei haben werde?“ Er löste sich kurz von ihr, nur um ihr einen innigen, liebevollen Kuss zu geben, der sie atemlos zurückließ. Vor Erleichterung und vor Lust. Es war unglaublich, wie schnell Laxus ihren Körper elektrisierte.
„Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr.“ Mit diesen Worten küsste er sie erneut. Tiefer, leidenschaftlicher und Cana seufzte gedämpft. Nur um im nächsten Moment den Mund enttäuscht zu verziehen, als sich Laxus von ihr löste. „Wir sollten Dinge klären. Darfst du überhaupt …?“
Sie rollte mit den Augen, packte Laxus‘ Hemdkragen und zog ihn bestimmt zu sich. „Ja. Ich liege nicht im Sterben und solange man noch nichts sieht, musst du dich auch nicht zügeln. Wehe, du zügelst dich. Die letzten Wochen waren anstrengend und hart für mich, ich habe mir etwas Abwechslung verdient. Und eine Belohnung.“ Sie klimperte spielerisch mit den Augen und Laxus lachte kurz auf.
„Dann werden wir später wohl kalten Tee trinken müssen.“ Mit diesen Worten hob er sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer.

Der Tee schmeckte kalt ebenfalls fantastisch. Oder es lag daran, dass Cana in Laxus‘ Armen lag, während eine seiner Hände auf ihrem noch flachen Bauch ruhte und sie in ihrem Rücken seinen Herzschlag spüren konnte. In ihr hatten sich tiefe Zufriedenheit und ein wohliges Gefühl ausgebreitet, wie es nur bei vollkommener Entspannung und gutem Sex vorkam.
„Weiß noch wer Bescheid?“
„Dein Großvater hat es natürlich erraten“, antwortete Cana mit leichter Belustigung. Wahrscheinlich hatte sich Laxus das bereits gedacht, denn Makarov hatte eine Art siebten Sinn für diese Dinge. Emotionale Umstände, körperliche Veränderungen – der Master war stets eine der ersten Personen, die darüber im Bilde waren. „Und Hibiki weiß es. Er war dabei. Eigentlich wollte ich mir ein Schlafmittel besorgen, weil ich Schlafprobleme hatte. Nun, zu schwangerschaftstauglichen Tabletten habe ich Neuigkeiten bekommen, die mich wiederum um eine gute Portion Schlaf gebracht haben. Aus der Gilde weiß sonst niemand etwas. Ich war die letzten Wochen kaum dort. Zu viel Lärm und zu viele Personen. Durch die Sache mit Lexy wollte ich vor allem meine Ruhe haben.“
Laxus gab ein zustimmendes Brummen von sich. „Dann werde ich mich die nächsten Wochen nach Häusern umsehen. Denn du wirst auf keine Aufträge mehr gehen, das weißt du.“
Sie seufzte übertrieben. „Ich habe mit dieser Einstellung gerechnet und sie akzeptiert. Wenn es so läuft wie in der ersten Schwangerschaft, werde ich sowieso kaum aus der Wohnung gehen können, weil mir von etlichen Gerüchen übel wird.“
„Übelkeit durch Gerüche? Fuck, ich habe keine Ahnung von Schwangerschaften“, murmelte Laxus mit leichter Panik und Cana griff nach seiner Hand, um sie beruhigend zu drücken.
„Das hatte ich bei Lexy ebenfalls nicht. Vieles ergibt sich einfach und ich habe bereits eine Heilerin gefunden, die mich betreut. Zu Porlyusica werde ich nicht gehen, das halten meine Nerven nicht aus.“
„Darfst du zu dieser Heilerin eine Begleitung mitnehmen oder …?“ Laxus‘ Stimme wurde etwas unsicher und Cana begriff, wie ahnungslos er wirklich in Bezug auf Schwangerschaften war. Es war keine große Überraschung, denn den einzigen Nachwuchs – Asuka – hatten weder er noch sie mitbekommen, weil sie damals mit Tenroujima verschwunden waren. Ansonsten gab es niemanden, sie waren die ersten Eltern ihrer Gildengeneration.
„Natürlich darfst du das. Du kannst überall mitgehen, wohin du möchtest. Wir sind eine Familie geworden in den letzten Monaten seit meiner und Lexys Rückkehr nach Magnolia. Ich weiß, es war eine schwierige Reise mit vielen Fehltritten, Schritten nach vorne, Schritten nach hinten und nicht zu vergessen mit vielen Diskussionen. Aber wir haben wir wieder zueinandergefunden und ich kann mir nicht vorstellen, ohne dich zu leben.“ Mit diesen Worten drehte sie sich zu ihm um, legte ihre Hände um seinen Hals und küsste ihn. Nicht mit Leidenschaft, sondern mit all der Liebe, die sie für ihn empfand. Denn alles, was sie eben gesagt hatte, stimmte. Die letzten Monate hatten sie sich Schritt für Schritt wieder angenähert, bis sie auf einer Stufe gestanden hatten. Es war nicht einfach gewesen, doch sie beide hatten es geschafft und sie würde diese Zeit um nichts in der Welt eintauschen wollen. Die letzten Schritte ihres bisherigen Lebens waren getan worden. Und nun würden sie den ersten Schritt in ihre neue Zukunft gehen.

+++

Das war das Ende. Zumindest für die regulären Kapitel. Ich habe lange überlegt, ob ich das ankündige oder euch rätseln lasse, habe mich dann aber doch für die Ankündigung entschieden.
In den nächsten Tagen werde ich den Epilog hochladen, denn eine weitere Woche Wartezeit möchte ich euch nicht noch einmal zumuten. Beim Epilog wird dann auch ein richtiges Nachwort kommen.
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