Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
Alle Kapitel
220 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.07.2021 3.554
 
Kapitel 60 – Zwischenfälle

Lexy war überglücklich über Hibikis Überraschungsbesuch gewesen. Selbst Tage danach konnte sie nicht aufhören, von ihm zu erzählen. Egal, ob das jeweilige Gildenmitglied – oder in diesem Fall Ophelia – die Geschichte bereits Dutzende Male gehört hatte. Das war der einzige Lichtblick der letzten Tage gewesen. Laxus war nach wie vor nicht aufgetaucht und Heilerin Lupita hatte beim letzten Termin verkündet, dass die letzte Lacrima doch nicht perfekt gewesen war. Sie war nachts geplatzt, da sie durch die beständigen Ströme an Magie unter zu starker Spannung gestanden hatte. Das war kein häufiges Phänomen, konnte aber durchaus vorkommen. Cana wusste das aus den Erzählungen Warrens. Dieser hatte sich jahrelang mit Lacrimas beschäftigt und angefangen, selbst spezielle Typen zu entwickeln, weshalb er sich bezüglich der Probleme und Risiken auskannte.
Cana hingegen war am Ende mit ihren Nerven, auch wenn Lexy seit zwei Wochen keinen Anfall mehr gehabt hatte. Doch das war nur eine Frage der Zeit. In ihrer Verzweiflung hatte Cana versucht, mithilfe ihrer Karten Laxus‘ Aufenthaltsort herauszufinden, doch selbst das hatte nicht funktioniert. Die Karten hatten sich widersprochen, was früher nur bei Mystogan vorgekommen war. Mittlerweile gab es Gegenstände, die ein Magier bei sich tragen konnte und damit unaufspürbar für sämtliche Magieformen wurde. Da Cana in ihre Tarotkarten Magie miteinfließen ließ, um genauere Vorhersagen treffen zu können, schloss dieses Hindernis sie mit ein. Bisher hatte sie nach den Raijinshuu nicht gesucht, denn diese waren normalerweise nicht weit von Laxus entfernt und somit von dessen Unaufspürbarkeit ebenfalls miteingeschlossen. Zwar hatte sie noch die Notfallkarte, doch diese wollte sie nur im absoluten Notfall aktivieren. Momentan war es noch keiner, auch wenn sie sich nach Laxus‘ Anwesenheit sehnte. Einfach, um ihn als Stütze zu haben.

Nachdem sie Lexy in die Vorschule gebracht hatte, war sie entgegen ihren Gewohnheiten wieder zurück in ihre Wohnung gegangen. Die letzten Tage in der Gilde waren anstrengend gewesen. Nicht augrund der anderen Magier dort, sondern wegen ihren Gedanken und Erinnerungen. Die Gildenhalle war voll von ihnen und alle beinhalteten Laxus. Zwar waren die Erinnerungen in ihrer Wohnung nicht weniger, doch hier beobachtete sie niemand und achtete auf Anzeichen eines Zusammenbruchs. Was es ironischerweise ihr erleichterte, den Erinnerungen positiver gegenüberzustehen. Denn sie war entspannter, weil sie nicht gezwungen war, die Fassung zu bewahren.
Sie hatte in ihrer Wohnung angefangen, die wenigen Wäschestücke in die Waschmaschine zu packen und diese anzuwerfen. Dann hatte sie etwas geputzt, doch durch ihre momentane Auftragspause hatte sie genug Zeit und säuberte ihre Wohnung öfters als gewöhnlich. Nach einer Runde Staubsaugen und dem Aufwischen der Küche, weil Lexy heute Morgen etwas Milch verschüttet hatte, war sie bereits wieder fertig.
Also widmete sie sich einem wichtigeren Thema, den Finanzen. Genau genommen der Finanzübersicht. Laxus war bereits mehrere Wochen fort und sie wusste nicht genau, wie viel Spielraum ihr noch blieb. Zwar kamen seine Beitragszahlungen zu Lexy pünktlich und die Vorschule bezahlte er selbst, was ihre Ausgaben für sie übersichtlicher machte, doch sie überprüfte ihre Finanzen generell, um sicherzugehen. Außerdem hatte sie sich in den letzten Monaten nicht um ihre Finanzübersicht gekümmert, wie sie entgeistert feststellte. Mit anderen Worten würde zumindest für heute beschäftigt sein, denn allein das Sortieren und Zuordnen der einzelnen Rechnungen würde einiges an Zeit in Anspruch nehmen.

Tatsächlich war Cana bis zum Zeitpunkt von Lexys Schulschluss vollkommen vertieft in die Finanzen gewesen. Zu ihrer großen Erleichterung sahen diese nicht so schlimm aus, wie befürchtet. Ganz im Gegenteil: Sie waren weitaus besser, als sie vermutet hatte. Durch die letzten lukrativen Aufträge mit Laxus war ihr finanzielles Polster deutlich größer geworden. Und auch die Entlastung durch seine Übernahme von Lexys Vorschulkosten sowie der Unterhaltszuschuss hatten dazu beigetragen.
Damit hatte sie eine Sorge weniger. Zwar war die monatliche Miete für die Wohnung noch immer ihre Aufgabe, aber das war mit Abstand die größte Ausgabe. Da sie vor den gemeinsamen Aufträgen mit Laxus auch nicht untätig gewesen war, hatte sich auch ein paar zehntausend Jewel ansparen können. Es war für sie finanziell tragbar, bis zur Geburt ihres Kindes keinen Auftragen mehr nachzugehen, selbst wenn Laxus noch monatelang fortbleiben sollte. Was nicht geschehen würde, weil das wahrscheinlich zu spät für Lexy war. Diesen Gedanken verbat sie sich direkt wieder, denn das würde ein neues Ideenkarussell auslösen, das nur schlecht enden konnte. Stress war nicht gut für ihr ungeborenes Kind und deshalb sollte sie sich auch so wenig Stress wie möglich aussetzen. Das hieß, ihre Gedanken wieder unter Kontrolle zu haben und nicht in Panik auszubrechen, falls etwas mit Lexy geschehen sollte. Nur war das leichter gesagt als getan.
Cana schob resolut die verschiedenen Papierstapel übereinander, wobei sie darauf achtete, die einzelnen Stapel so beizubehalten. Da sie heute kaum weiterkommen würde, während sie gleichzeitig auf Lexy aufpasste, nahm sie den hohen Stapel und legte ihn in ein schulterhohes Regalfach ihres Bücherregals. Hier würde Lexy weder hinschauen noch hochkommen, falls sie diesen neuen Stapel doch entdecken sollte. Denn wenn Lexy eines war, dann war das neugierig sein. Eine Eigenschaft, die Cana leider noch von sich selbst kannte. Obwohl ihr damals diese Neugier den Weg zur Magie eröffnet hatte, indem sie sich intensiv mit Tarotkarten und später mit der magischen Verwendung von diesen auseinandergesetzt hatte.

Cana gelangte pünktlich zur Vorschule, wo sie von Ophelia mit einem herzlichen Lächeln begrüßt wurde. Ophelias Stellargeist passte wieder auf die Kinder auf, wie ihr die Vorschullehrerin berichtete. Nachdem sie die üblichen Begrüßungsfloskeln und den normalen, alltäglichen Gesprächsstoff abgedeckt hatten, räusperte sich Ophelia.
„Lexy ist mittlerweile sechs Jahre alt. Das heißt, sie wird im Sommer in die Schule wechseln müssen. Habt ihr euch darüber bereits Gedanken gemacht?“
„Ja, haben wir. Sie ist bereits angemeldet. Da Maly und Blue ebenfalls eingeschult werden, ist das sowieso perfekt.“
„Gut, ansonsten hätte ich auf die Anmeldung verwiesen, die vor Schulantritt ausgefüllt und von der Schule angenommen werden muss. Zwar ist das eine reine Formalität, da alle Kinder angenommen werden, doch die Schule benötigt wichtige Informationen von der Vorschule. Wie beispielsweise Lexys Krankheitsbild.“ Ophelias Tonfall wurde fragend und Cana verstand, dass das der springende Punkt war.
„Wir hoffen, bis dahin alles geklärt zu haben“, murmelte sie und fuhr sich nervös mit der Hand durch die Haare. „Doch die Heilerin und die Forscher im Magischen Institut können nach wie vor keine genaueren Angaben über die Ergebnisse geben. Dazu ist Laxus …“ Zu ihrer Überraschung merkte sie, wie ihre Stimme brach und Tränen in ihren Augen brannte.
Ophelias Augen hatten sich alarmiert geweitet und sie zögerte keine Sekunde, Cana behutsam den Arm um die Schultern zu legen und sie in ein kleines, gemütlich eingerichtetes Büro zu führen. Dort bedeutete sie Cana, auf einem der gepolsterten Besucherstühle Platz zu nehmen, während sie aus einer Kanne dampfenden Tee in eine leere Tasse goss, die sie Cana danach reichte.
„Es ist Kamillentee. Etwas Beruhigung wäre für dich nicht schlecht, denke ich. Und wenn es nur darum geht, Lexy keine zusätzlichen Sorgen zu bereiten. Denn sie ahnt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Heute hat sie Andeutungen darüber gemacht, auch wenn sie noch nicht sicher ist.“
Cana nahm einen Schluck aus der Tasse und verbrannte sich fast die Zunge dabei. Doch der Schmerz war gut, er ließ sie ihre Fassung zurückgewinnen. Sie hätte wissen müssen, wie sensibel Lexy gegenüber dem Verhalten ihrer Umgebung war. Doch sie konnte es ihr nicht sagen. Nicht jetzt, wenn Lexys Gesundheit ohnehin schon fragil war und durch negative Neuigkeiten zusätzlich beeinträchtigt werden würde.
„Es gibt also Probleme mit Laxus?“
Cana nickte. „Sein Team wurde vor einer Woche über Lexys neue Anfälle informiert, doch bis jetzt kam keine Reaktion. Und nachdem gestern eine neue Verbindung gesucht wurde, ist sie nach einigen Sekunden abgebrochen, trotz Lacrima. Irgendetwas stimmt nicht und wir wissen nicht, ob es an Laxus oder an den Umständen seines Auftrags liegt.“
„Du meinst, dass die Lacrima absichtlich manipuliert wurde, um einem Anruf zu entgehen? Warum?“ Ophelia klang ehrlich verwirrt und Cana konnte sie verstehen, auch wenn sie selbst keine richtige Antwort hatte.
„Wir vermuten Schwierigkeiten beim Auftrag. Die Störung war, damit wir nicht weitere Fragen stellen können. Entweder es stimmt etwas mit Laxus nicht, oder aber es gibt ganz andere Probleme. Doch es gibt offenbar Schwierigkeiten, denn Laxus würde Lexy niemals eine Woche auf ihn warten lassen, mit der Gefahr von neuen Anfällen. Nicht, wenn er zurückkehren kann, um sie dabei zu unterstützen.“
„Ihr vertraut euch, das ist gut. Lexy wird das ebenfalls spüren und daraus positive Gedanken für ihre Anfälle ziehen können. Wenn man über den Zusammenhalt der Eltern Bescheid weiß, kann man sich voll und ganz auf sich selbst konzentrieren.“
„Ich bin überrascht, wie positiv du von Laxus sprichst. Nach eurer Vergangenheit, eher seiner mit Lorelei.“
Ophelia seufzte. „Ich habe Laxus mit Lexy gesehen. Mittlerweile bin ich froh, dass das mit Lorelei nicht funktioniert hat und sie vorher getrennt waren. Denn das nach eurer Rückkehr wäre noch schlimmer für sie geworden. So konnte sie etwas Abstand gewinnen, bevor sie mit seiner neuen Familie konfrontiert wurde. Und Laxus hätte sich für euch entschieden, das steht außer Frage.“„Nur hätte ich gezögert“, erwiderte Cana offen. „Ich wollte anfangs nur einen Vater für Lexy, meine Wünsche war nebensächlich. Solange Laxus sich um Lexy gekümmert und ihr bei ihrer Krankheit beigestanden hätte, wäre ich zufrieden gewesen.“
„Zufrieden ist nicht gleichbedeutend mit glücklich.“
„Ich weiß.“
Ein paar Sekunden herrschte entspannte Stille. Dann ertönte ein dumpfer Schlag, als ob etwas auf den Fußboden gefallen wäre. Ophelias Gesicht verlor schlagartig jegliche Farbe. Canas Magen schlingerte, als sie eine dunkle Vorahnung beschlich. Ophelias Blick sprach Bände: Etwas war mit Lexy.

+++


Freed überblickte mit finsterem Blick den sich vor ihm erstreckenden Wald, der endlos zu sein schien.
„Wie sollen wir Laxus hier finden?“ Bixlow gesellte sich zu ihm, während Evergreen ein paar Schritte hinter ihnen ihre Tasche schulterte, die sie neu sortiert hatte.
„Ein guter Anfang wäre es, sich in Bewegung zu setzen.“ Ever war aufgrund der Anspannung, die sie alle erfasst hatte, noch spitzzüngiger als gewöhnlich.
„Wenn wir ohne Plan in diesen Wald laufen, finden wir nie wieder heraus. Und Laxus wird ebenfalls verschwunden bleiben.“
„Haben wir überhaupt eine Ahnung, warum er verschwunden ist? Ihn würde nie etwas davon abhalten, zu Cana und Lexy zu gehen. Erst recht, wenn es Lexy so schlecht geht, wie Makarov erwähnt hat. Oder war das Übertreibung?“
„Nein, Bixlow. Der Master würde niemals übertreiben, wenn es um Erkrankungen geht. Vor allem nicht bei seiner Urenkelin. Laxus weiß das, deshalb ist er direkt aufgebrochen. Was die Frage umso dringlicher macht, warum er trotz dieser Eile nicht angekommen ist. Sein letzter Kontakt mit uns war knapp vor diesem Wald.“ Freed beäugte den schmalen, steinigen Pfad, der vor ihnen in Schlangenlinien die steilen Hänge hinunterführte und am Ende vom Laubdach des Waldes verschluckt wurde.
„Meine Babies haben Schwingungen gespürt, die denen von Laxus ähneln. Dazu andere, die sie beunruhigen.“ Bixlow unterstützte ihn in seiner Ansicht.
Ever seufzte, dann richtete sie sich entschlossen aus und warf ihre Haare über ihre Schulter zurück. „Dann sollten wir keine Zeit mehr vergeuden, über den Ablauf der Dinge zu sinnieren. Lexy wird nicht von selbst wieder gesund, egal wie sehr wir uns das erhoffen.“
„Wie immer schaffst du es, die Stimmung noch etwas weiter hinunterzuziehen. Bevor wir alle in Tränen ausbrechen, sollten wir wirklich los.“ Bixlows Ton war beißend und Freed konnte es ihm nicht verübeln. Evers Aussage war zutreffend, aber unnötig. Sie wussten alle, was Laxus‘ Verschwinden für Lexys Schicksal bedeutete. Doch das auszusprechen, war noch einmal etwas anderes, als sich diesen Teil zu denken.
Freed ließ mit ein paar magischen Runen seinen Geruchs- und Gehörsinn schärfer werden, als sie am Rand des Waldes angekommen waren. Bixlow und Ever hielten sich hinter ihm und schwiegen, denn sie begaben sich nicht zum ersten Mal auf die Suche nach jemandem. Nur war die gesuchte Person normal nicht ihr Anführer, sondern das jeweilige Auftragsziel.
Die Gerüche im Wald überlappten einander und es benötigte Freeds gesamte Konzentration, um diese voneinander zu trennen und den jeweiligen Ursprung zu verfolgen. Er lief immer ein paar Schritte, dann blieb er stehen und sortierte die Eindrücke. So liefen sie die erste Zeit in den Wald hinein, bis er auf einmal einen vertrauten Geruch bemerkte und abrupt stoppte.
Bixlow und Ever, die ihn genau beobachteten, folgten seinem Beispiel.
Freed entschlüsselte die Quelle des Geruchs und deutete wortlos zwischen die Bäume. Das war der negative Teil der Suche: Sie mussten dem Geruch direkt hinterher, selbst wenn sich dieser nicht auf den Wegen befand. Doch der direkte Weg war stets der schnellste und sicherste. Auch wenn es seltsam war, denn die Gerüche blieben dort in der Luft, wo die jeweilige Person entlanggegangen war, und setzen sich teilweise in den umliegenden Gräsern und Bäumen fest. Laxus war also direkt durch den Wald gegangen – oder etwas hatte ihn durch diesen geschleppt.
Weiterhin schweigend liefen die drei Raijinshuu quer durch den Wald, während Freed immer wieder eine andere Richtung einschlug. Wobei diese Umwege nicht besonders groß und wahrscheinlich nur aufgrund von größeren Steinen, Büschen oder Dornenhecken gemacht worden waren.
Er war so vertieft in die Suche, dass er überrascht innehielt, als er hinter einer dichten Ansammlung von jungen Bäumen und dazwischen wachsenden, mannshohen Büschen hervorkam und plötzlich am Rand eines kleinen Dorfes stand. In diesem verstärkte sich Laxus‘ Geruch schlagartig .
„Darauf war ich nicht vorbereitet“, murmelte Bixlow hinter ihm und Freed nickte stumm.
Im nächsten Moment zuckte er zusammen, als er ein schweres Gewicht an seinen Händen spürte, das seine Handgelenke zusammenzuziehen schien, bis sie vor seinem Körper buchstäblich zusammengepresst waren. Ein kurzer Blick nach hinten verriet ihm, nicht die einzige Person mit dieser neuen Entwicklung zu sein.
„Wer seid ihr?“ Eine raue Stimme ertönte vor ihnen und wie aus dem Nichts erschien ein muskulöser, breitgebauter Mann mit der Körpergröße von Bixlow. Eine beeindruckende Erscheinung, insbesondere mit dem nackten Oberkörper und den schwarzen Tätowierungen auf diesem, die den Eindruck von ineinander verwobene Linien erweckten. Auch der große Speer, dessen metallisch glänzende Spitze auf Freed deutete, trug zu seinem Erscheinungsbild bei. Für einen Moment beäugte Freed die Waffe argwöhnisch, bevor er seinen Blick auf den Mann richtete.
„Wir sind auf der Suche nach unserem Anführer. Sein Geruch ist hier. Ein Blitzmagier.“
„Ihr seid sein Team?“
„Sonst hätte er unseren Anführer nicht ‚Anführer‘ genannt“, erwiderte Ever gereizt hinter ihm und Freed schloss entnervt die Augen.
„Du könntest wenigstens einmal versuchen, diplomatisch zu sein! Insbesondere, wenn wir hier zu dritt mit Magiefesseln stehen!“ Bixlow klang genervt.
Überraschenderweise zuckten die Mundwinkel des Mannes vor ihnen und er ließ den Speer etwas sinken. „Ihr seid sein Team. Er hat euch zutreffend beschrieben.“
Freed blinzelte. „Also ist er hier?“
„Ja. Er wurde von einem ausgewachsenen Ktinaqm angegriffen, ihr bezeichnet sie wohl als Drachenschlangenechse. Offenbar wurde ein Gildenmitglied von euch vor ein paar Wochen von einem Jungtier dieser Echsenart vergiftet? Dann wisst ihr ungefähr, wie seine Verletzungen aussahen. Nur waren sie weitaus schwerwiegender als die eures anderen Gildenmitglieds.“Freed durchlief es kalt, als sich alle Befürchtungen mit einem Mal bestätigten. Laxus war aufgehalten worden. Nicht etwa durch feindliche Magier oder Gilden, wie er gemutmaßt hatte, sondern durch ein wildes Tier. Eines, das es schaffte, einen mächtigen Magier für mehrere Tage lang außer Gefecht zu setzen.
„Ich bringe euch zu ihm. Wenn ihr versprecht, keine Magie einzusetzen, können auch eure Fesseln gelöst werden.“
„Bring uns einfach zu unserem Anführer“, erwiderte Ever bestimmend, aber bedeutend freundlicher als zuvor.
Der Mann nickte und im nächsten Moment waren die Fesseln verschwunden.
„Folgt mir. Er ist wieder in der Lage, Besuch zu empfangen. Aber es wird etwas dauern, bis er vollständig gesund ist. Das Gift war stark und hatte viel Zeit, sich in seinem Körper auszubreiten.“
Freed nickte, während ihn ein Gefühl von Angst ergriff. Er bezweifelte nicht, dass der Mann die Wahrheit sprach. Wahrscheinlich beschönigte er die Ereignisse etwas, um die Raijinshuu zu beruhigen. Was kein Problem war, doch es klang, als ob Laxus Zeit benötigte. Und das war das Einzige, das ihnen im Moment nicht zur Verfügung stand. Sie wussten nicht genau, wie es Lexy ging, doch da der Master Laxus zurückbeordert hatte, mussten sie vom Schlimmsten ausgehen und Laxus wusste das. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war er alles andere als ruhig und entspannt, obwohl das für seine Genesung am förderlichsten war.
Die drei Magier liefen schweigend dem Mann hinterher, der sie durch ein Wirrwarr an Hütten führte, bis er vor einer etwas Größeren anhielt.
„Das ist unsere Hütte für Gäste, die seit Laxus‘ Ankunft zu seiner vorübergehenden Bleibe erwählt wurde. Normal teilen sich mehrere Menschen diese Hütte, doch nach der Vergiftung haben wir sie anderweitig untergebracht. Wir waren anfangs unsicher, ob seine Erkrankung ansteckend ist, weshalb wir ihn isoliert haben. Nachdem er wieder ansprechbar war, konnte er uns das Tier beschreiben und wir wussten, dass es sich um eine Ktinaqm handelt. Vergiftungen von ihr kommen häufiger vor, da sie ihre Stacheln als Wurfgeschosse einsetzen kann. Das Einzige, was eine Heilung nach Verabreichung des Gegengifts benötigt, ist Zeit.“
„Vor wie vielen Tagen seid ihr auf ihn gestoßen?“ Das war eine Frage, die noch nicht beantwortet war und sie interessierte Freed brennend.
„Vor vier Tagen. Wir vermuten, dass er vorher zwischen einem und zwei Tagen bewusstlos im Wald lag. Die Echsen kommen nicht im Wald selbst, sondern südlich von diesem vor, weshalb er sich noch eine erhebliche Strecke weitergeschleppt haben muss. Das Gift der Ktinaqm verbreitet sich umso schneller, je mehr man sich bewegt. Wenn wir ihn wenige Stunden später gefunden hätte, wäre er vielleicht für Wochen nicht mehr aufgewacht. So war es nur ein weiterer Tag, den er in dieser Hütte verbracht hat.“
Allein beim Gedanken daran, was das für Lexy und Cana bedeutet hatte, wurde Freed schlecht. Deshalb war er froh, dass der Mann diesen Moment nutzte, um die hölzerne Tür zum Gästehaus zu öffnen.
Drinnen war es überraschend hell, was an den vielen Fenstern auf der einen Seite lag. Laxus lag in einem der Betten, auch wenn er sich bei ihrem Anblick aufsetzte und sie überrascht anblickte. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, er war erschreckend blass und wirkte, als ob er bei einem kräftigen Stoß umfallen würde. Das komplette Gegenteil zu seiner üblichen Wirkung.
„Was macht ihr denn hier?“
„Es freut uns auch, dich zu sehen, Laxus“, entgegnete Ever, stürmte zu seinem Bett und stemmte die geballten Fäuste in die Seiten. „Weißt du eigentlich, was du uns zugemutet hast? Ganz zu schweigen von deinem Großvater und Cana? Ist dir noch nicht einmal eingefallen, irgendjemandem Bescheid zu geben, dass du dich verspäten wirst? Der Master hat sich noch einmal gemeldet und erst da haben wir von deinem Verschwinden gewusst! Wenn du nicht von diesen Leuten hier gefunden worden wärst, dann hättest du jetzt weiß Mavis wie ausgesehen! Verdammt, wir haben uns Sorgen gemacht!“ Ever brach ab und atmete tief durch, dann gab sie ihre angriffslustige Haltung auf und griff sich an die Stirn. „Tu uns so etwas bitte nicht mehr an. Deine Verbannung war schlimm genug, wir wollen nicht noch einmal so lange von dir getrennt sein. Das nächste Mal wird einer von uns mitgehen, wenn du dich von der Gruppe absetzen musst. Keine Widerrede.“
Laxus‘ Mundwinkel zuckten bei den letzten Sätzen kurz, doch er sah erschöpft aus. „Lexy?“, fragte er mit heiserer Stimme.
„Wir wissen nichts Genaues. Der Master klang zwar drängend, aber nicht so, als ob …“ Freed brach ab, weil er nicht genau wusste, wie er es formulieren sollte.
„Als ob sie im Sterben liegt.“ Laxus vollendete den Satz mit bitterer Stimme. Dann schloss er entkräftet die Augen. „Ich kann noch nicht zurück. Falls ich Magnolia überhaupt erreichen sollte, würde ich dort mehrere Tage Erholung benötigen und das ist nicht Teil des Plans. Also werde ich mich hier erholen und hoffen müssen, dass sich die Situation nicht vollkommen verschlechtert. Wenn ich nur Bescheid wüsste. Aber diese Echse hat meine Lacrima gefressen, zusammen mit meiner Reisetasche.“
„Du kannst unsere Lacrima nutzen. Damit können wir dem Master Bescheid geben.“ Bixlows Vorschlag klang plausibel.
Laxus dachte kurz nach, dann schüttelte er langsam den Kopf. „Nein. Ich würde mich nur verrückt machen, wenn ich über Lexys aktuellen Zustand Bescheid weiß. So kann ich mir noch sagen, dass es ihr unverändert geht und die Rückholaktion von Gramps einen anderen Grund hatte. Vielleicht eine Tochter, die ihren Vater zu sehr vermisst oder eine Mutter, die …“ Er brach ab und blickte die Raijinshuu alarmiert an. „Mit Cana ist alles in Ordnung? Ich habe ein merkwürdiges Gefühl, seit ich aufgewacht bin und ich denke, es hängt mit ihr zusammen.“
„Du fragst uns ernsthaft nach Cana? Die drei Magier, die die gesamte Zeit mit dir zusammen waren, seit du dich von ihr verabschiedet hast? Wir haben den Auftrag beendet und gedacht, du wärst in Magnolia und wirfst dich nicht irgendeiner Riesenechse zum Fraß vor!“ Offenbar hatte sich Ever wieder beruhigt, denn ihr Tonfall hatte die typische Mischung zwischen Humor und beißendem Spott angenommen.
„Ich sage nicht, dass etwas nicht stimmt. Nur … irgendetwas ist anders.“ Laxus seufzte und vergrub das Gesicht in den Händen. „Trotzdem werde ich hier nur sinnlos herumsitzen und warten können, bis ich mich einigermaßen vom Gift erholt habe.“ In seinen Worten schwang so tiefe Resignation und Verzweiflung, dass die drei Raijinshuu zusammenzuckten.

+++

Hier ist (endlich) die Auflösung, warum Laxus so lange ohne ein Lebenszeichen verschwunden war. Dafür gibt es das neue Rätsel: Was ist mit Lexy passiert? Ich weiß, der Cliffhanger ist gemein, momentan geht es leider nicht anders. Als kleiner Trost: Die nächsten Kapitel hören teilweise etwas "netter" auf als dieses hier.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast