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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
37
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15.07.2021 3.569
 
Kapitel 59 - Verzweiflung und Entschlossenheit

Cana glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben. „Das kann nicht sein“, erwiderte sie tonlos. Hibiki neben ihr war zu einer Salzsäule erstarrt und sie bezweifelte, dass er sich in den nächsten Minuten davon erholen würde.
„Nun, wenn Sie sexuell aktiv sind, kann das durchaus passieren“, entgegnete der Apotheker in einem behutsamen Tonfall, doch Cana schüttelte betäubt den Kopf.
„Nein. Wir haben verhütet und …“ Sie brach ab, während ihr mehr und mehr bewusst wurde, was der Apotheker gesagt hatte. Sie legte die Hände auf ihren Bauch und wusste nicht, ob sie lachen oder lieber weinen sollte.
„Ist ihr Partner ebenfalls Magier?“ Cana blickte den Apotheker nur betäubt an, weshalb Hibiki für sie mit einem „Ja“ antwortete.
„Dann kann es durchaus geschehen, wenn Sie nicht ebenfalls verhüten. Wissen Sie, bestimmte Formen von Magie – vor allem die, die mit Elementen und anderen Naturkräften verbunden sind – können auf dem Höhepunkt der Lust Materialien minimale Schäden zufügen. Mikroskopisch kleine Risse, die man weder erkennt noch spürt, doch sie reichen für die Spermien aus. Es geschieht nicht bewusst, der Magier verliert für einen Augenblick die Kontrolle über einen winzigen Teil seiner Magie. Das hängt mit den Emotionen zusammen, die in diesen Momenten über einen hereinbrechen. Ähnlich wie bei einem Wutausbruch, bei dem vor allem stärkere Magier ihre Magie nicht mehr vollständig kontrollieren können. Nur ist das bei diesem Zeitpunkt während des Geschlechtsverkehrs weitaus weniger Magie.“
„Ich glaube das einfach nicht.“ Mehr brachte Cana nicht über die Lippen, denn ihr fiel die Erzählung von Lucy und ihrer neuen Matratze ein. Es hatte einen „Unfall“ gegeben, hatte diese erzählt und sie hatte nicht weiter nachgefragt, da sie die pyromanischen Neigungen von Natsu kannte. Doch offenbar hatte die Matratze nicht deshalb ersetzt werden müssen und jetzt machte Lucys merkwürdig stockende Geschichte auch Sinn. Denn diese war erpicht darauf, private Dinge privat zu halten, weshalb ihr diese Auskunft schwergefallen sein musste. Doch eine neue Matratze war etwas, das man nicht kaufen konnte, ohne dass andere Gildenmitglieder davon Wind bekamen. Vor allem nicht, wenn Happy darüber Bescheid wusste.
„Trotzdem gratuliere ich Ihnen beiden.“
„Das … Ich war unbeteiligt.“ Hibikis hörbar eilige Aussage brachte Cana trotz der Situation zum Schmunzeln. Der Apotheker hingegen schien verwirrt zu sein, doch er nickte nach einem langen, zweifelnden Blick auf Hibiki.
„Nun, das Schlafmittel werde ich Ihnen nicht verkaufen können. Außerdem sollten Sie darauf achten, sich keinem enormen Stress mehr auszusetzen. Der Entzündungsmarker, der auf emotionalen Stress hinweist, ist bei Ihnen außerordentlich hoch. Wenn das weiterhin anhält, könnte das Ihrem ungeborenen Kind schaden. Außerdem rate ich Ihnen, bei Ihrer zuständigen Heilerin vorbeizuschauen, um alles in Bezug auf Ihr Kind zu kontrollieren. – Zu welchem Zweck wollten Sie das Schlafmittel genau? Vielleicht findet sich eine Alternative, die Sie trotz Ihrer Schwangerschaft einnehmen können.“
„Albträume“, murmelte Cana, während sie ihre Gedanken sortierte und gegen einen drohenden Nervenzusammenbruch kämpfte. Sie sollte ihren Stress reduzieren. Allein diese Aussage verursachte noch ein Quäntchen mehr Stress. Natürlich konnte sie dem Apotheker keinen Vorwurf machen, er kannte ihre Familiengeschichte nicht.
„Albträume, die von Stress herrufen, lassen sich gegebenenfalls mit Rosenwurz behandeln und können auch von Schwangeren eingenommen werden. Ich kann Ihnen bis heute Abend für die nächsten paar Nächte ein paar Tabletten anfertigen, um die Wirkung zu testen.“
„Okay.“ Mehr brachte Cana nicht heraus, denn sie war noch immer mit ihrer neuen Situation beschäftigt. Nur am Rande bekam sie mit, wie Hibiki sanft nach ihrem Arm griff und sie vom Stuhl emporzog, um sie nach draußen zu führen. Er wechselte ein paar leise Worte mit dem Apotheker, der abschließend nickte, doch sie hörte nicht zu.
Erst draußen vor dem Laden, nachdem sie einmal tief eingeatmet hatte, hatte sie sich wieder gesammelt.
„Nun, das ist nicht gelaufen wie geplant.“
„Nicht wie geplant? Das ist überhaupt nicht so gelaufen, wie ich es wollte! Ein Schlafmittel! Ich wollte ein Schlafmittel! Und was habe ich bekommen?! Ein …“ Hibiki hielt ihr kurzerhand den Mund zu, da sie bereits einige Aufmerksamkeit der nahen Passanten auf sich gezogen hatte.
„Wenn du nicht möchtest, dass der werdende Vater als letzter von seinem Kind erfährt, reißt du dich zusammen, bis wir in deiner Wohnung angekommen sind“, murmelte ihr Hibiki ins Ohr.
Cana erstarrte, dann nickte sie. Laxus wäre alles andere als begeistert davon und genau dieser Gedanke war es auch, der sie wieder vollkommen ruhig werden ließ. Es war nicht so dramatisch wie damals mit Lexy. Laxus und sie hatten eine feste Beziehung am Laufen, wollten in naher Zukunft vielleicht zusammenziehen und hatten bereits eine Tochter. Die krank war und sowohl auf die Lacrima als auch auf ihren Vater wartete.
„Bei Mavis, was mache ich, wenn er nicht rechtzeitig hier ist? In unserer Gilde befinden sich zwei Dragon Slayer, die diese Art von Geruch sehr gut zuordnen können.“
„Du wirst jetzt mit mir in deine Wohnung gehen. Dort bekommst du einen Tee – Kaffee ist für die nächsten Monate gestrichen, das weißt du – und dann beruhigst du dich bitte.“ Hibikis Worte ließen keinerlei Widerspruch zu.

In ihrer Wohnung angekommen, ließ sich Cana auf das Sofa sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie konnte Hibiki in der Küche hören, ebenso wie das lauter werdende Rauschen des Wasserkochers. Währenddessen schoss ihr die gesamte Zeit ein einziges Wort durch den Kopf.
Schwanger. Zum zweiten Mal. Und zum zweiten Mal nicht geplant – nach Lexy wollte sie diese Situation nicht als „Unfall“ bezeichnen, da dieses Wort einen negativen Beiklang hatte. Doch im Moment spielte sie tatsächlich mit dem Gedanken, dieses Wort für sich zu nutzen. Sie benötigte keine weitere Krisensituation in ihrer momentanen Lage. Lexys magische Anfälle reichten vollkommen aus, dazu die ausbleibende Reaktion von Laxus und den Raijinshuu. Das alles war purer Stress und sie wusste, wie schädlich dieser für das frühe Stadium der Schwangerschaft sein konnte, in dem sie sich befand. Auf alle Fälle musste sie in den nächsten Tagen einen Heiler aufsuchen, das stand fest. Kurz überlegte sie, zu Porlyusica zu gehen, verwarf diesen Gedanken aber wieder. Zum einen war Porlyusica nicht spezialisiert für Schwangerschaften, zum anderen konnte Cana in dieser Situation keine mürrische Heilerin ertragen. Das war weiterer Stress, den sie problemlos vermeiden konnte.
Direkt hinter dem Magnolia Hospital befand sich eine junge Heilerin, die sich vor knapp über einem Jahr dort niedergelassen hatte. Cana wusste nur von ihr, weil sie kurz vor ihrem Umzug eine Empfehlung von Heiler Alvarez bekommen hatte, der diese Heilerin ausgebildet hatte. So war auch die Gefahr geringer, auf ein anderes Mitglied von Fairy Tail  zu treffen. Denn diese gingen ausnahmslos alle zu Porlyusica, wenn sie Verletzungen hatten oder erkrankt waren. Oder Porlyusica kam in die einzelnen Behandlungszimmer der Gilde, wie sie es bei Canas Vergiftung getan hatte.
„Wenn du weiterhin so die Stirn runzelst, wird sich diese Falte festsetzen.“ Hibikis Worte rissen Cana aus ihren Überlegungen und sie griff nach der Tasse Tee, die offenbar seit Längerem vor ihr stand und fröhlich vor sich hin dampfte.
„Danke“, murmelte sie und nahm einen Schluck. „Für den Tee. Das mit den Falten nehme ich dir übel.“
„Solange du aus deiner Schockstarre kommst, kann ich damit leben.“ Er ließ sich neben sie auf das Sofa fallen und drehte seinen Kopf zu ihr, um sie prüfend anzublicken. „Wie geht es dir?“
Cana öffnete den Mund. Dann schloss sie ihn wieder und zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Im Moment fühlt sich alles surreal an. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich fühlen soll. Mich freuen? In Panik ausbrechen? Beide Möglichkeiten sind gerade verlockend.“
„Weißt du immerhin, was du jetzt tun wirst?“
Cana breitete hilflos die Arme aus. „Genau das, was ich das letzte Mal ebenfalls getan habe: Mich damit abfinden. Was ich hingegen nicht tun werde, ist die Flucht ergreifen. Das hat Laxus nicht verdient, es würde ihn zerstören. Und Lexy muss in Magnolia bleiben, weil Lupita in der Nähe ist und das Hospital über die nötigen Räumlichkeiten für die Operation verfügt. Ganz zu schweigen davon sind sie bereits informiert und werden sich entsprechend vorbereitet haben. Wenn ich gehe, würde ich das Leben von Lexy aufs Spiel setzen, ganz egal, ob ich sie mitnehme oder zurücklasse.“
„Eigentlich habe ich nicht das gemeint. Dass du in Magnolia bleibst, war mir klar. Ein erneutes Verschwinden würde nicht nur Laxus zerstören, sondern auch dich. Außerdem ist er scheinbar in seine Vaterrolle hineingewachsen, er wird auch durch ein zweites Kind nicht überfordert werden. Hoffe ich zumindest.“
Da fiel Cana etwas Wichtiges ein. „Behalte meine Schwangerschaft bitte für dich. Dein Mitwissen war nicht geplant, aber alle anderen müssen warten. Bis Laxus wieder hier ist und die Neuigkeit erfahren hat. Das Ganze hier ist zwar ein einziges Durcheinander, doch ich werde mein Bestes geben, es zu meistern. Dazu gehört, den Vater so früh wie möglich in Kenntnis zu setzen. Ganz abgesehen davon wird er es vermutlich an meinem Geruch merken. Falls er diesen zuordnen kann“, murmelte sie mehr für sich.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich Hibiki etwas entspannte. „Offenbar hast du das besser durchdacht, als ich erwartet habe. Wenn ich auf Lexy aufpassen soll, damit du zu einer von diesen Untersuchungen geben kannst, verlängere ich meinen Aufenthalt spontan um ein paar Tage.“
Cana schüttelte entschieden den Kopf. „Das würde nur das Misstrauen der Gilde wecken. Ich werde später bei der Heilerin vorbeischauen, die mir von Heiler Alvarez empfohlen wurde. Medina heißt sie glaube ich, ihre Behandlungsräume befinden sich einen Block hinter dem Hospital. Außerdem ist sie neu hier in Magnolia.“
„Mit anderen Worten es gibt eine geringere Wahrscheinlichkeit, dort auf andere Gildenmitglieder zu treffen. Dazu liegt das Haus nahe dem Hospital, falls etwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Netter als Porlyusica wird sie allemal sein, was deinem Nervenkostüm guttun wird.“
„Das sollte mir einen gewissen Zeitaufschub geben, bis Laxus wieder hier ist. Falls er zurückkehrt, bevor ich meinen Zustand nicht mehr verbergen kann. Vor allen anderen abzüglich der Dragon Slayer, doch bei Wendy und Gajeel weiß ich um ihre Verschwiegenheit. Natsu hingegen … Ich hoffe, er wird nicht auf den Grund kommen, warum sich mein Geruch verändert.“ Da es sich hierbei um Natsu handelte, war leider alles möglich.
„Du verursachst dir nur noch mehr Stress, wenn du dir darüber Gedanken machst. Warte einfach ab und lass die Dinge auf dich zukommen. Vielleicht steht Laxus in den nächsten Tagen bereits vor der Tür. Im Übrigen solltest du dich allmählich auf den Weg zur Heilerin machen, wenn du das vor Lexys Schulschluss machen möchtest. Ich werde mich so lange selbst beschäftigen können. Magnolia hat sehr viele Cafés mit hübschen Kellnerinnen.“ Hibiki zwinkerte ihr zu und Cana musste lachen. Natürlich schaffte er es, mit nur ein paar Sätzen ihre Sorgen zu zerstreuen und gleichzeitig etwas Humor in ihr Gespräch zu bringen.

Cana saß auf dem Besucherstuhl, nachdem die Untersuchungen abgeschlossen waren. Zu ihrem Glück hatte der Apotheker ihr die Testergebnisse des Bluttests mitgegeben, somit war ihr eine zweite Blutentnahme erspart geblieben.
„Sie befinden sich in der sechsten Schwangerschaftswoche. Das heißt, es wäre ratsam, noch etwas abzuwarten, bis Sie es in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis offiziell machen.“ Die Heilerin hieß Medea, nicht Medina und stellte sich als rothaarige Frau heraus. Während sie Cana über ihr Stadium aufklärte, kritzelte sie ein paar weitere Zeilen auf ihr Klemmbrett.
Cana nickte nur. Sie machte sich darüber keinen Kopf. Die Familie ihrer Mutter hatte deutlich weniger Fehlgeburten als die durchschnittliche Frau in Fiore und durch ihre magischen Fähigkeiten besaß sie noch einen zusätzlichen Schutz. Denn ein Teil ihrer Magie würde sich um ihr ungeborenes Kind kümmern, weshalb ihr etwas weniger Magie zur Verfügung stand. Dieser beanspruchte Anteil erhöhte sich mit Fortschreiten der Schwangerschaft, weshalb sie spätestens ab dem sechsten Monat keine Aufträge mehr erledigen könnte. Wahrscheinlich würde das bei ihr noch nicht einmal zur Diskussion stehen: Sie bezweifelte, dass Laxus sie auch nur auf den einfachsten Auftrag gehen lassen würde, sobald er von seinem zukünftigen Kind erfahren würde. Wahrscheinlich musste sie ihm erst einmal einen Vortrag halten, nicht unheilbar krank zu sein und auch allein irgendwohin gehen zu können.
„Ist das Ihre erste Schwangerschaft?“
„Nein“, antwortete Cana rasch. „Ich habe eine sechsjährige Tochter.“
„Nun, dann wissen Sie hoffentlich über all die Untersuchungen Bescheid, die Sie in den nächsten Monaten vor der Geburt über sich ergehen lassen müssen?“ Medea lächelte ihr aufmunternd zu, was den Worten etwas die Schärfe nahm.
„Wenn Sie mir eine Liste geben, ja. Welche das genau waren, weiß ich nicht mehr – es waren auf jeden Fall einige.“ Die meisten davon hatte Cana in einem Status von dumpfer Ungläubigkeit verbracht, zumindest soweit sie diese Untersuchungen über sich ergehen gelassen hatte. Durch ihre überstürzte Abreise damals war sie finanziell zu knapp bei Kasse gewesen, um auf eigene Kosten einen Heiler aufzusuchen. Erst als Gildarts sie bei Blue Pegasus ausfindig gemacht und finanziell unterstützt hatte, hatte sie sich mit diesen beschäftigen können. Zu ihrer damaligen und heutigen Erleichterung hatte Lexy keine Schäden davongetragen, die zu starke magische Kraft war rein genetisch bedingt.
„Mh, Sie werden sowieso ein paar Papiere mit nach Hause bekommen, damit Sie sich diese in Ruhe durchlesen und auch dem Vater geben können. Falls …“ Medea brach ab und blickte sie verunsichert an.
Cana verstand sofort und wedelte beruhigend mit der Hand. „Er weiß noch nichts von seinem Glück. Oder der Überraschung, er ist auf … Geschäftsreise.“
„Ich vermute, er ist ebenfalls ein Magier?“ Medea hatte nach ihrem Beruf gefragt, auch um eine mögliche, vorzeitige Schwangerschaftspause anbieten zu können. Etwas, das Cana abgelehnt hatte, denn als Gildenmagierin war sie unabhängig, was Arbeitszeiten und Ähnliches anbetraf. Immerhin war der Großteil jeder Auftragsbelohnung für sie selbst. Wenn sie also aufhörte, auf Aufträge zu gehen, litt sie eher darunter als die Gilde. Ganz zu schweigen davon war Makarov der letzte Gildenmeister, der seine Magier zur Arbeit zwang. Nab war das lebende Beispiel dafür, wie selbstständig ein Magier über seine Aufträge entscheiden konnte. Cana wusste bis heute nicht, wie er sich finanzierte, doch es gab Gerüchte über einen vermögenden Familienhintergrund, weshalb er nicht auf eigens verdientes Geld angewiesen war.
„Er ist auf einem längeren Auftrag, zusammen mit seinem Team.“
„Für Ihre erste Ultraschall-Untersuchung warten wir ohnehin noch ein paar Wochen. Ich denke, in einem Monat wäre der Termin gut, dann sind wir mittig im Zeitrahmen. Normal würde ich keinen Termin in diesem Stadium der Schwangerschaft vereinbaren, doch es ist nicht Ihre Erste und Sie sind Magierin. Es sollten also keine Probleme auftreten. Falls doch, schicken Sie jemanden vorbei, der mich informiert. Sie müssen das nicht selbst tun – nach einer Fehlgeburt hat man andere Probleme als die Absage von Terminen.“
Cana legte unwillkürlich eine Hand auf ihren Bauch. Jetzt, wo sie die offizielle Bestätigung hatte und Gespräche über die weitere Vorgehensweise führte, fühlte sich die Schwangerschaft realer an. So, als ob eine unsichtbare Wand zwischen ihr und dem ungeborenen Kind verschwunden wäre. Und je länger sie darüber nachdachte, desto glücklicher war sie. Natürlich war es nicht geplant gewesen, aber Laxus hatte bereits von weiterem Nachwuchs gesprochen. Er sollte sich nach dem ersten Schock ebenso sehr darüber freuen, wie sie es allmählich tat. Auch, wenn es bei ihm etwas dauern konnte, darüber war sie sich im Klaren.

In der Gildenhalle erblickte sie Hibiki an einem der mittleren Tische in Gesellschaft von Lucy, Natsu und Gray. Als Hibiki sie erblickte, zog er die Augenbrauen empor, doch Cana winkte ab. Bevor sie mit Hibiki zu Lexys Vorschule ging, um ihre Tochter abzuholen, würde sie noch mit dem Master sprechen. Da der Tresen leer war, befand sich Makarov vermutlich in seinem Büro.
Sie lag richtig. Kaum als sie angeklopft hatte, ertönte auch schon das „Herein“ von Makarov. Er saß wie immer auf der Kante des Schreibtischs und las konzentriert einen Stapel Papiere durch. Als er einen Blick über den Papierrand geworfen hatte, legte er den Stapel kurzerhand beiseite und strahlte sie an.
„Cana! Endlich jemand, der mich von diesem Papierkram ablenkt. Wie immer nur Reparaturrechnungen von zerstörten Gebäuden, Gegenständen … Vielleicht sollte ich bei gewissen Teams eine zusätzliche Abgabe deswegen fordern“, murmelte er.
„Gibt es Antwort von den Raijinshuu?“ Normal wäre sie auf die Worte des Masters eingegangen, aber dafür blieb ihr nicht genug Zeit. Nicht, wenn sie Lexy pünktlich abholen wollte, denn ansonsten konnte sie sich einen langen Vortrag von ihrer Tochter anhören. Lexy mochte es nicht, wenn Leute unpünktlich waren, einfach weil sie sich dann Sorgen machte. Zwar hatte es etwas gedauert, bis Cana diesen Grund herausgefunden hatte, doch er war für sie verständlich. Ganz besonders, wenn man ihr und Laxus‘ Leben als Magier in Betracht zog, welches etwas riskanter war als das eines Bäckers oder Malers.
Makarovs Blick sprach Bände und noch bevor er ein Wort aussprach, wusste Cana die Antwort. Die eiserne Klammer legte sich erneut um ihr Herz, während sich in ihrem Innern Kälte ausbreitete. Kälte der Angst und der Panik.
„Freed war nur kurz zu erreichen, bevor die Verbindung wieder abgebrochen ist. Ich konnte ihm nur mitteilen, Laxus so schnell wie möglich nach Magnolia zu schicken, seine Antwort habe ich nicht mehr gehört.“
„Aber Kommunikationslacrima sind doch nur durch …“ Cana brach ab, als ihr die Erkenntnis kam.
„In ihrer Übertragung nur durch bestimmte Magieformen zu stören. Wie Bixlows Seith-Magie. Wobei ich nicht glaube, dass er das getan hat. Doch es wäre die angenehmere Lösung, denn ansonsten würde das bedeuten, dass sich ein anderer Magier in ihrer Nähe aufhält. Mit mächtiger Magie, die diese Lacrimas stören kann, und das bedeutet nichts Gutes. Allerdings bedeutete Bixlows Eingreifen auch ein unvorhergesehener Zwischenfall, den sie ohne Störungen bewältigen müssen. Das ist ebenfalls keine ermutigende Aussicht.“
„Wo sind sie überhaupt? Gibt es eine höhere Wahrscheinlichkeit, dort auf andere, mächtige Magier zu treffen?“
„Cana“, entgegnete Makarov, doch sie unterbrach ihn.
„Nein. Ich habe ein Recht darauf, es zu erfahren. Die letzten Wochen habe ich gewartet und jeden Tag gehofft, dass es Lexy besser gehen und Laxus zurückkommen würde. Während ich noch nicht einmal wusste, wo er ist! Ich hätte auch meine Karten befragen können, aber ich habe es nicht getan. Aus Respekt vor der Entscheidung, den Aufenthaltsort geheim zu halten. Doch wenn jetzt irgendetwas passiert sein sollte, müsst Ihr den Aufenthaltsort den Gildenmitgliedern verraten, die ihr als Verstärkung schickt. Und mir steht zumindest dieses Wissen zu, wenn ich nicht mit ihnen gehen kann.“
„Außerhalb von Fiore. Mehr kann ich nicht sagen, ich weiß den genauen Ort ebenfalls nicht.“
Cana blinzelte, während sie diese Information verarbeitete. Außerhalb von Fiore konnte alles sein. Sie kannte die anderen Länder zu wenig, um durch ihre Karten mehr darüber zu erfahren. Mit anderen Worten blieb ihr nichts anderes übrig, als hier zu warten und auf das Beste zu hoffen. Denn wenn auch der Master den Ort nicht wusste, konnte er auch keine Unterstützung schicken.
„Warum musste er ausgerechnet jetzt auf diesen Auftrag gehen? Laxus wollte nicht, wahrscheinlich genau aus diesen Gründen! Wieso wurde er trotzdem dazu überredet?!“ Sie konnte die Anklage in ihrer Stimme nicht verhindern und es verschaffte ihr eine gewisse Befriedigung, als der Master ihrem Blick auswich.
„Der Auftrag kam direkt vom Magischen Rat. Ich habe versucht, mit Hinweis auf Lexys Erkrankung etwas Zeit zu gewinnen, doch mehr als eine Woche wurde nicht gewährt. Wenn wir uns dieser direkten Aufforderung des Rats widersetzt hätten, hätten sie uns den Status als legale Gilde aberkennen können.“
Während der Erklärung des Masters empfand Cana den Anflug eines schlechten Gewissens ihm gegenüber, denn sie kannte die Bedeutung eines direkten Auftrags. In Blue Pegasus war während ihrer Zeit ebenfalls ein Auftrag vom Rat gekommen und zwei weiblichen Magierinnen zugeteilt worden, die das stärkste Team der Gilde waren. Es hatte Monate gedauert, bis sie von ihrem Auftrag zurückgekehrt waren. Cana hatte nie erfahren, was sie getan hatten, doch der Ausdruck in Rans Augen war grauenhaft gewesen. Selbst Helen, die vorher immer einen lockeren Spruch auf den Lippen gehabt hatte, war danach vollkommen verändert gewesen. Ernst und zynisch, kein Vergleich zur fröhlichen, humorvollen Person vor dem Auftrag.
„Es tut mir leid“, murmelte sie.
„Es ist in Ordnung. Du machst dir Sorgen um Laxus, um Lexy und um …“ Er deutete auf ihre Körpermitte und Cana vergaß für einen Moment ihre Sorgen.
„Ihr wisst davon?“
„Natürlich. Ich spüre so etwas, auch ohne die feine Nase eines Dragon Slayers. Es ist etwas in der Ausstrahlung der werdenden Mutter, das sich nach ihrer Entdeckung der Schwangerschaft verändert.“
„Er muss wieder zurückkommen. Allein schaffe ich das nicht. Nicht noch einmal. Der Stress schadet dem Baby“, flüsterte Cana mit erstickter Stimme.
Makarov legte ihr wortlos eine Hand auf die Schulter, nachdem er vom Tisch auf den Stuhl neben ihr gehüpft war.

+++


Weit entfernt von Magnolia und Fiore blickte Freed seinen Teamkameraden dankbar an. „Ich glaube, der Master hat die Störung akzeptiert.“
Bixlow schüttelte langsam den Kopf. „Er weiß genau, wie diese Lacrimas funktionieren. Er wird wissen, dass meine Magie die Ursache für die Störung sein kann. Oder er denkt, ein weiterer Magier ist hier.“
Evergreen, die etwas abseits gestanden und die Arme um ihren Oberkörper geschlungen hatte, drehte sich ruckartig zu den beiden um. „Das ist vollkommen egal! Wichtig ist, dass wir Laxus endlich aufspüren! Er hätte schon längst wieder in Magnolia sein sollen und die Spürhunde haben ihn ebenfalls verloren!“
Freed trat zu Evergreen und blickte ihr beschwörend in die Augen. „Wir sind die Raijinshuu. Wir werden Laxus finden, egal wo und bei wem er auch sein mag.“

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Das große Geheimnis um die Schwangerschaft wurde gelüftet, ebenso Laxus' ungefährer Aufenthaltsort und sein Verbleib. Oder sein Nicht-Verbleib, denn sein Team sucht seit ein paar Tagen nach ihm. Jetzt stellt sich die Frage, was im nächsten Kapitel denn noch passieren kann, nicht wahr?
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