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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
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Dieses Kapitel
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08.07.2021 3.543
 
Kapitel 58 - Überraschungsbesuch

Cana schreckte schweißgebadet aus einem weiteren Albtraum hoch. Die Hand auf ihre Brust gepresst, lauschte sie dem Hämmern ihres Herzens, bis es langsamer wurde. Dieser Traum hatte sie noch mehr aufgewühlt als die der letzten Nächte. Wobei das auch an ihrem Schlafmangel liegen konnte, denn durch die Gewissheit, wirklich jede Nacht einen Albtraum erwarten zu können, verschob sie ihren Schlaf immer weiter nach hinten. Was die Albträume nicht zurückhielt, sondern nur später auftauchen ließ. Sie würde am nächsten Tag in die Apotheke gehen und um ein Schlafmittel bitten. Zwar waren diese nicht ungefährlich, aber solange sie dieses nur die vorgeschriebene Zeitspanne einnahm, sollte es keine Probleme geben. Außerdem wäre das nicht das erste Mal, dass sie auf diese Art von Mitteln zurückgriff. Aufträge hinterließen immer ihre Spuren und manchmal war es zu viel auf einmal. So wie die Situation, in der sie sich jetzt befand.
Lexys Anfall während des Termins bei Lupita lag eine knappe Woche zurück. Entgegen ihrer anfänglichen Vermutung war der Anfall nicht so schlimm wie die Letzten gewesen und Lexy hatte sich bereits abends wieder erholt. Was für Cana eine Erleichterung gewesen war, denn Lexy hatte direkt nach dem Anfall verkündet, am nächsten Tag wieder in die Vorschule gehen zu wollen. Bei Lupita hatte Cana keine klare Antwort verlauten lassen, doch abends hatte sie ihrer Tochter die Zusage machen können, ohne Zweifel zu bekommen.
Makarov hatte noch am selben Tag die Raijinshuu über Lexys Anfall informiert und sie hatten versprochen, dies an Laxus weiterzuleiten. Der Auftrag war scheinbar kurz vor seiner Vollendung gewesen und Freed hatte sicher gewirkt, dies auch ohne ihren Anführer bewerkstelligen zu können.
Doch seitdem hatte es von Laxus kein Lebenszeichen gegeben und Makarov hatte Cana eröffnet, am heutigen Tag noch einmal die Raijinshuu zu kontaktieren. Er hatte angedeutet, bei diesem Auftrag kurzfristige Schwierigkeiten erwartet zu haben, weshalb er nicht allzu besorgt war. Oder aber er wollte Cana keine unnötigen Sorgen bereiten, was sie eher vermutete. Denn sie hatte aus den Augenwinkeln den Gesichtsausdruck gesehen, den der Master aufgesetzt hatte, nachdem sie aus seinem Zimmer gegangen war. Unruhe und Sorge waren die beiden vorherrschenden Emotionen gesehen und sie hatte auch die Verzweiflung erkennen können. Cana konnte es nachvollziehen, denn Makarov liebte Lexy ebenso sehr, wie er Laxus liebte. Hilflos dastehen zu müssen und nur zuschauen zu können, wie die Anfälle Lexy mehr und mehr schadeten, war für ihn so grausam wie für Cana und Laxus.
Cana warf einen Blick auf die Uhr und seufzte. In einer Stunde würde der Wecker klingeln und sie bezweifelte, vorher noch einmal Schlaf finden zu können. Also konnte sie genauso gut aufstehen, um die Nachwirkungen des Albtraums durch eine warme Dusche und eine warme Tasse Tee zu mindern. Zwar bevorzugte sie normalerweise Kaffee, doch nach einem aufwühlenden Ereignis war in ihren Augen Kamillentee die bessere Lösung, allein aufgrund der beruhigenden Wirkung.
Als sie mit der Dusche fertig war und das Teewasser aufgesetzt hatte, überprüfte sie kurz Lexys Zimmer. Diese schlief noch tief und fest ohne irgendwelche Anzeichen eines Anfalls, was Cana noch einmal zusätzlich beruhigte.
Mit der fertigen Tasse Tee lief sie ins Wohnzimmer, um sich dort auf das Sofa zu setzen und nachdenken zu können. Zum einen über ihre Albträume, an die sie sich nur schemenhaft erinnern konnte. Zumindest wusste sie, dass es sich immer um ein ähnliches, wiederkehrendes Szenario handelte. Sie war allein, um sie herum herrschte Dunkelheit, an mehr konnte sie sich nicht erinnern. Was hingegen sehr deutlich in ihrem Gedächtnis verankert war, war das stets vorherrschende Gefühl einer dunklen Bedrohung. Gegen die sie nichts ausrichten konnte, sodass sich Hilflosigkeit und ansteigende Panik nach einiger Zeit ebenfalls zu ihren Empfindungen dazugesellten.
Sie stützte ihren Ellenbogen auf der Rückenlehne des Sofas auf und nutzte ihre Hand als Kopfstütze. Falls Makarov morgen keine Neuigkeiten in Bezug auf Laxus hatte, konnte sie noch immer ihre Karten nutzen, um seinen Aufenthaltsort zu bestimmen. Zwar war die Vorhersage nicht besonders genau und ließ sich bestenfalls auf eine Region beschränken, doch anhand dieser Information konnte man die Dauer des Rückwegs von Laxus bestimmen. Ganz besonders, wann man mit der Ankunft von Laxus rechnen konnte, falls sich Lexys Anfälle häuften und ein Notfall eintrat. Wobei sich Lexys körperliche Erschöpfung wieder verringert hatte. Doch niemand wusste, wie lange dieser Zustand anhielt. Lupita hatte eine Nachricht geschickt, dass die Lacrima sich doch etwas verzögern würde, auch wenn die Forscher keine Angaben zur Dauer mehr machen konnten. Das war eine zusätzliche Belastung für sie, denn sie wusste im Gegensatz zu den letzten Malen keinen Zeitpunkt mehr, an dem die Lacrima spätestens fertiggestellt sein würde. Doch sie wusste, wie kurzfristig sich Forschungsfortschritte ändern konnten und auch ihr war daran gelegen, eine perfekte Lacrima für Lexy zu erhalten.
„Mama, du bist ja schon wach!“ Cana zuckte zusammen und drehte den Kopf in Richtung von Lexys Zimmer. Lexy stand dort im Türrahmen, die Arme verschränkt und mit einem Ausdruck der Empörung auf ihrem Gesicht. „Ich wollte dich wecken!“
Cana zog die Augenbraue hoch. „Manchmal bin ich doch früher wach als du. Aber“ – sie warf einen kurzen Blick auf die Uhr – „du hättest noch etwas länger schlafen können. Wir müssen erst in einer Stunde zur Vorschule.“
Lexy kam zu ihr, noch in ihrem Schlafanzug und setzte sich auf das Sofa, um sich seitlich an Cana zu kuscheln. Automatisch legte diese einen Arm um Lexys Schultern und zog sie etwas näher zu sich, sodass Lexy den Kopf gegen ihre Seite lehnen konnte.
„Ich konnte nicht mehr schlafen“, murmelte Lexy.
Sofort war Cana alarmiert. „Hast du wieder dieses Gefühl?“ Nach dem letzten Anfall, bei dem Lexy im Nachhinein gestanden hatte, das seltsame Prickeln erneut gespürt zu haben, hatten sie ihr nochmals eingeschärft, davon sofort zu berichten. Diese Vorwarnung war immens wichtig, um alles bereithalten zu können und es war noch nicht abschließend geklärt, ob eine Unterdrückung die Anfälle nicht schlimmer werden ließ.
„Nein, das ist es nicht. Ich … Wann kommt Papa wieder?“ Gegen Ende war Lexys Stimme leiser geworden.
„Ich weiß es nicht, Süße.“ Cana war froh, Lexy nichts von dem Kontakt mit den Raijinshuu erzählt zu haben. Ansonsten hätte sie sich neben ihrer eigenen Nervosität noch mit einer ängstlichen Tochter beschäftigen müssen, was die Sache nicht besser gemacht hätte.
„Er soll nie wieder auf so einen Auftrag gehen. Wenn, dann nur mit mir. Dann ist er nicht so lange weg.“
Cana verkniff sich ein Lächeln, auch wenn es Lexy von ihrer Position aus sowieso nicht sehen konnte. „Um Aufträge zu erledigen, musst du Gildenmitglied sein und dafür bist du noch zu jung.“ Sie wusste nicht genau, ab welchem Alter man mittlerweile für Gilden zugelassen war, doch es war deutlich höher als sechs Jahre. Auch sie hatte erst nach etlichen Jahren, in denen sie inoffiziell zur Gilde gehört hatte, das Zeichen von Fairy Tail erhalten. Bei ihrem Eintritt war sie zehn Jahre alt gewesen, doch einige Jahre später war eine Erhöhung des Eintrittsalters für Gildenmagier vom Magischen Rat überlegt worden. Wie diese Debatte ausgegangen war, wusste sie nicht. Doch selbst als junges Gildenmitglied gab es nur bestimmte Aufträge, für die man die Freigabe hatte. Erst ab einem Alter von dreizehn Jahren wurde man als vollwertiges Mitglied angesehen und durfte entsprechend alle Arten von Aufträgen annehmen. Doch selbst dort hatte der Master immer das letzte Wort behalten und Cana erinnerte sich an etliche Aufträge, die bei ihr oder den gleichaltrigen Gildenmitgliedern abgelehnt worden waren. Dieses Alter war auch vom Master bei den S-Klasse-Prüfungen als Mindestalter vorgeschrieben, auch wenn bisher niemand in diesem Alter die Herausforderungen gemeistert hatte. Selbst Erza war erst mit fünfzehn Jahren zur S-Klasse-Magierin ernannt worden und damit das jüngste S-Klasse-Gildenmitglied in der Geschichte von Fairy Tail.
„Aber ich bin mit dem Master verwandt!“
Schlagartig verlor Cana jegliche Erheiterung, denn diese Aussage erinnerte sie zu sehr an die jugendliche Version von Laxus, der sich mit dieser Begründung etliches herausgenommen hatte. „Das ist egal. Er ist dein Gramps, aber das hat nichts mit der Gilde zu tun. Als Gildenmeister wird er dich nicht anders behandeln als alle anderen. Auch Laxus wird von ihm so behandelt wie jedes andere Mitglied.“
Lexy schob die Unterlippe vor. „Aber ich will mit Papa auf Aufträge gehen.“
„Wenn du größer bist. Kinder in deinem Alter gehen nicht mit ihren Eltern arbeiten. Frag Maly, Blue und die anderen Kinder in der Vorschule. Niemand von ihnen wird das tun, weil ihr erst in die Schule kommen und dort ein paar Jahre wichtige Dinge lernen müsst.“
„Wann hast du mit Aufträgen angefangen?“ Immerhin schien Lexys Anliegen nicht die Verwandtschaft zu Makarov zu sein. Cana konnte sie verstehen, denn sie hatte sich als Kind nichts Sehnlicheres gewünscht, als Gildarts täglich sehen zu können. Und wenn sie mit ihm auf Aufträge gegangen wäre. Mit neun Jahren hatte sie sogar versucht, ihm zu folgen. Dabei war sie von Laxus erwischt worden, als sie sich in den Zug schleichen wollte. Die Standpauke, die sie nach ihrer Ablieferung beim Master von diesem zu hören bekommen hatte, blieb ihr bis heute im Gedächtnis.
„Mit zwölf. Vorher habe ich trainiert und dann bin ich die ersten Jahre abwechselnd mit Gray oder Levy auf Aufträge gegangen.“
„Und Papa?“
„Er war damals allein unterwegs, weil er älter und viel stärker war als wir.“ Eine nette Umschreibung für die damaligen Verhältnisse. Denn das war die Zeit gewesen, als Ivan von Makarov aus der Gilde verbannt worden war. Laxus, der seinem Vater damals noch blind gehorcht hatte, war rasend vor Wut gewesen und hatte sich schlagartig vom Rest der Gilde abgesondert. Er hatte allein trainiert, sich nach ein paar Jahren Ever, Freed und Bixlow als selbst ernannte „Leibgarde“ herausgesucht und den Rest der Gilde abfällig und hochmütig behandelt. Die folgenden Jahre hatte sich dieses Verhalten verschlimmert, bis die Situation in der Schlacht um Fairy Tail vor der Fantasia-Parade gegipfelt war.
„Papa war also schon immer stark?“
„Ja. So stark, dass er in seiner Kindheit ebenfalls Anfälle hatte, genau wie du.“ Das war etwas, das sie Lexy bisher vorenthalten hatten. Doch jetzt, wo Laxus abwesend war, sah Cana keinen Anlass mehr, diese Tatsache zu verheimlichen. Laxus war dagegen gewesen, wobei er nie einen triftigen Grund geliefert hatte. Sie vermutete jedoch den bloßen Wunsch dahinter, in den Augen seiner Tochter noch etwas länger perfekt zu wirken, von seinen Wutausbrüchen einmal abgesehen.
Cana blickte zu ihrer Tochter hinunter und sah die Frage, die in Lexys Gesicht stand. „Ja, er hat auch eine Lacrima bekommen, wenn auch eine andere als du.“ Laxus‘ Lacrima war nicht auf seinen Körper abgestimmt gewesen. Es war eine Dragon Slayer Lacrima, die ihm einfach eingesetzt worden war, ohne dass er vorher eine spezifische Magieform entwickelt hatte. Entsprechend hatte sich sein Körper auf diese Magie eingestellt – nachdem der Kampf, am Leben zu bleiben, vorüber war. Laxus hatte die Geschichte ein paar Tage vor seiner Abreise grob umrissen, als sie auf Lexys entstehende Lacrima zu sprechen gekommen waren.
„Und Papa ist stark und gesund.“ Lexys Feststellung schien für sie sehr wichtig zu sein, denn sie rückte von Cana ab und blieb einige Momente still und schweigend sitzen. Dann lächelte sie. „Ich werde auch stark und gesund werden.“ In ihrer Stimme lag die kindliche Überzeugung, die eine Sechsjährige an den Tag legte. Canas Herz wurde dennoch leicht. Sie wusste, wie wichtig die eigene Psyche bei der Bekämpfung einer Krankheit oder eines anderen Problems war. Mochten es magische Anfälle oder Suchtprobleme sein, die Psyche war ein ausschlaggebender Faktor für die Bekämpfung und Überwindung.

Cana hatte Lexy pünktlich in die Vorschule gebracht, nachdem sie gemütlich gefrühstückt hatten. Nach ihrem Gespräch war Lexy ruhiger als gewöhnlich gewesen, doch das war ihrem intensiven Nachdenken geschuldet.
Deutlich gelassener als die vergangenen Tage betrat Cana die Gildenhalle – nur um geschockt in der Türschwelle stehen zu bleiben, als sie ein paar Meter vor sich eine altbekannte Gestalt erblickte. Wie immer in einen dunklen Anzug mit hellblauem Hemd gekleidet, hatte er ein breites Grinsen ausgesetzt und breitete die Arme aus.
„Hibiki!“ Cana eilte die paar Schritte auf ihn zu und warf sich in seine Arme, was er mit einem halben Schritt nach hinten ausbalancierte. Nach einer Sekunde hob sie ihr Gesicht und blickte ihn überrascht, aber glücklich an. „Du hast gesagt, du hättest für einen Besuch zu viel zu tun!“ In ihrem Tonfall schwangen Freude, aber auch leichter Tadel mit, doch Hibiki verzog nicht einen Gesichtsmuskel.
„Das war eine kleine Lüge. Sonst wäre die Überraschung nicht gelungen. Ich hatte diesen kleinen Besuch bereits geplant, als mich dein Brief erreicht hat.“
„Du bist unmöglich.“
„Dafür liebst du mich. – Lexy ist in der Vorschule, nehme ich an? Dann hast du mir Zeit, alles zu erzählen. Immerhin habe ich monatelang nichts mehr von dir gehört.“
„Ich hatte einiges um die Ohren“, murmelte Cana mit einem Anflug von schlechtem Gewissen.
„Das scheinst du noch immer zu haben, wenn ich mir deine Augenringe so anschaue. Du siehst aus wie kurz nach Lexys Geburt.“ Hibikis Stimme war nüchtern.
„Sie ist auch der Grund für meine schlaflosen Nächte. Nun, genau genommen sind es ihre Anfälle.“ Cana spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete – wie immer, wenn sie an Lexys Zustand und die damit verbundenen Konsequenzen dachte.
Hibikis Hand legte sich auf ihre Schulter und er führte sie zu einer der Tische in der Gildenhalle. Zumindest wollte er es, doch Cana lief nach ein paar Schritten an ihm vorbei zu ihrem Stammtisch, während seine Hand von ihrer Schulter glitt. Am Tisch angekommen, ließ sie sich auf die Bank sinken, während sich Hibiki gegenüber von ihr niederließ und sie prüfend betrachtete.
„Trotzdem wirkst du glücklich. Ich nehme an, alles verläuft gut?“
„Ja.“ Cana hörte die Wärme in ihrer Stimme und Hibiki setzte ein zufriedenes Lächeln auf. „Laxus und ich … Nun, es war nicht einfach, aber wir haben uns arrangiert.“
„Arrangiert? Ihr seid so verliebt wie zwei pubertierende Jugendliche und sobald man euch zusammen sieht, kann man die rosarote Wattewolke um euch buchstäblich sehen.“ Bei Lucys Einwurf, während diese vorbeilief, vergrub Cana das Gesicht in den Händen. Genau das hatte sie Hibiki nicht erzählen wollen, denn er würde sich darüber köstlich amüsieren.
„So?“, fragte er auch schon gedehnt. „Euer Arrangement scheint sehr gut zu laufen. Auch wenn ich noch keinen Ring an deinem Finger sehe, was mich enttäuscht. Ich dachte, Dragon Slayer wären besitzergreifender.“
Bei diesen Worten nahm Cana ruckartig die Hände vom Gesicht und funkelte Hibiki an. „Ich bin keine Ware, die man als seinen Besitz kennzeichnen muss. Laxus ist ebenfalls weitaus reifer, als du denkst.“ Sie erdolchte Lucy, die an der Gildentür angelangt war und ihr breit lächelnd zuwinkte, mit ihrem Blick.
„Also habt ihr noch gar nicht darüber geredet.“
„Nein, momentan gibt es wichtigere Dinge.“
Schlagartig verdüsterte sich Hibikis Gesichtsausdruck. „Es ist schlimmer geworden, nicht wahr?“
Cana nickte stumm und sammelte sich für einen Moment. „Die Anfälle kommen häufiger und werden stärker. Trotz des Trainings, das Lexy regelmäßig absolviert, um ihre Magie besser kontrollieren und diese fast vollständig entleeren zu können. Es schlaucht sie und ihren Körper immer mehr. Von den letzten Anfällen musste sie sich mehrere Tage erholen, einfach weil eine Nacht ausreichend Schlaf nicht mehr reicht. Gleichzeitig wurden alle möglichen Behandlungsmethoden verworfen, es läuft alles auf die Lacrima hinaus. Diese steht zwar kurz vor der Fertigstellung, aber dieses Implantat birgt Risiken. Je schwächer Lexy während der Operation ist, desto höher werden diese. Jetzt ist Laxus auf einem Auftrag, der keine genaue Dauer hat und obwohl sich der Master vor einer Woche mit seinem Team in Verbindung gesetzt hat, ist bis jetzt noch keine Rückmeldung gekommen und …“
„Hol Luft.“ Hibiki unterbrach sie in ihrem Redeschwall, in den sie sich aufgrund ihrer Angst hineingesteigert hatte.
Cana fuhr sich mit beiden Hände abwesend durch die Haare. „Ich kann sie nicht verlieren“, flüsterte sie und spürte, wie ihre Augen brannten. „Nicht jetzt und nicht in ein paar Jahren. Ich würde das nicht überleben und das würde Laxus nicht überleben. Nicht mehr.“ Sie atmete tief durch. „Er will mit mir zusammenziehen.“
Hibiki klappte der Mund auf. Er blinzelte einmal, zweimal. Erst dann schien er sich wieder gefangen zu haben. „Warte. Du bist seit knapp über einem halben Jahr hier, ihr seid erst seit ein paar Monaten zusammen und er will jetzt schon mit dir zusammenziehen? Ohne Ring?“
„Wir haben eine sechsjährige Tochter zusammen und auch sonst fühlt es sich nicht nur wie ein paar Monate Beziehung an. Sie ist … anders, verstehst du?“
„Nein, eigentlich nicht. Aber erstens war ich nie in einer solchen Situation und zweitens vertraue ich deinem Gefühl. Und wenn Laxus von sich aus dieses Thema anspricht, scheint es für ihn auch ernst genug zu sein.“
Cana gähnte hinter vorgehaltener Hand. Ihr fiel ein, was sie heute noch erledigen wollte, weshalb sie aufstand. „Ich hole mir in der Apotheke etwas gegen die Albträume. Wenn du möchtest, kannst du mich begleiten.“
Hibiki nickte und stand auf. „Ich habe meinen Tagesausflug nur für dich und Lexy gemacht. Und außerdem kannst du mir auf dem Weg dorthin alle schmutzigen Details deines Liebeslebens erzählen.“ Ihrem halbherzigen Ellenbogenstoß wich er gekonnt aus.

In der Apotheke war kein anderer Kunde und auch Lorelei war nicht zu sehen. Als sie sich nach ihr erkundete, zwinkerte der ältere Mann ihr zu.
„Sie ist von einem äußerst höflichen, jungen Mann abgeholt worden letzte Woche, an ihrem letzten Arbeitstag vor ihrem Urlaub.“
Cana lachte kurz auf, denn sie konnte sich vorstellen, wer dieser Mann gewesen war und wo Lorelei ihren Urlaub verbrachte. Beziehungsweise in wessen Gesellschaft. Sie gönnte es ihr jedenfalls aus vollem Herzen. Nach diesen Neuigkeiten bestellte sie das Schlafmittel und der Apotheker nickte.
„Ich werde einige Tests durchführen müssen, um die Potenz davon auf Sie einstellen zu müssen. Wenn Sie mir bitte nach hinten folgen würden, Ihr Begleiter darf ebenfalls mitkommen. Angelica, kümmere dich so lange bitte um neue Kunden“, rief er zu einem dunkelblauen Vorhang hin, der sich öffnete und eine kleine Nische mit Tisch und unzähligen Glasbehältern in einem Regal preisgab. Die ältere Frau, die den Vorhang zur Seite geschoben hatte, nickte und bewegte sich in Richtung des Verkaufsraumes. Erst jetzt sah Cana die Steinschale, die auf dem Tisch stand, umgeben von verschiedenen, anderen Gefäßen. Das war wahrscheinlich die Fertigungsstation für die verlangten Produkte.
„Ich werde Ihnen etwas Blut abnehmen müssen. Während wir einen Allergietest durchführen, wird die Probe ausgewertet, um mögliche Krankheiten zu identifizieren.“
Cana, die dieses Prozedere kannte, nickte nur still und setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum. Ein paar Minuten später war die Blutprobe entnommen und der Apotheker gab sie in eine Maschine, die auf dem Tisch stand. Während diese anfing zu arbeiten und in regelmäßigen Abständen Geräusche von sich gab, bekam Cana verschiedene Flüssigkeiten auf ihren Unterarm verteilt. Einige rochen streng, andere eher süßlich, doch sie fühlte keinerlei Unterschied zwischen diesen.
Hibiki, der diese Untersuchungen neugierig beobachtete, hatte sich neben sie gestellt und starrte fasziniert ihren Unterarm an, als ob sich dieser jeden Moment verändern könnte.
„Du starrst vergeblich, Hibiki“, sagte Cana. „Ich bin gegen nichts allergisch, noch nie gewesen.“
„Dann hatten Sie bisher Glück, junge Frau.“ Der Apotheker betrachtete ihren Unterarm ebenfalls genau, doch mit weniger Spannung. Aus seinem Blick sprach nur Aufmerksamkeit, um bei der kleinsten Veränderung ihrer Haut reagieren zu können. „Allergien können sich immer bilden. Aber Sie haben recht, es sieht bei Ihnen gut aus. Die Bestandteile des Schlafmittels scheinen Sie alle zu vertragen.“
„Ich nehme es nicht zum ersten Mal“, gestand Cana und der Apotheker warf ihr einen prüfenden Blick zu.
„Wann war das letzte Mal?“
Cana überlegte. „Vor acht oder neun Jahren, denke ich. Vielleicht ist es auch noch länger her.“
„Das ist eine ausreichend große Zeitspanne. Ansonsten hätte ich Ihnen geraten, das Mittel etwas zu verdünnen, um dem Körper die Abhängigkeit etwas zu erschweren.“
In diesem Moment piepste die Maschine, die mit dem Bluttest beschäftigt war und einen Moment später konnte man im Nebenzimmer die typischen Geräusche eines Druckers hören.
Der Apotheker stand auf. „Entschuldigen Sie mich, ich hole eben die Ergebnisse.“
Kaum war er aus dem Raum gegangen, beugte sich Hibiki zu Cana hinunter. „Du kennst das Mittel bereits?“
„Ja. Ich hatte nach einem etwas heftigeren Auftrag Probleme, ausreichend Schlaf zu finden. Ohne von Albträumen geplagt zu werden, deshalb kenne ich das Mittel.“
„Hm.“ Hibiki richtete sich wieder auf. Cana hatte seine Erwiderung durchaus verstanden, denn auch die Trimens hatten ebenfalls diese bestimmte Art von Auftrag erledigt. Der Kampf gegen Oración Seis war zwar gut ausgegangen, doch die Bruchstücke aus Hibikis und Lucys Erzählungen hatten Cana gereicht. Insbesondere Hibiki hatte noch monatelang an den Nachwirkungen von Nirvana gelitten, die seine Persönlichkeit fast ins Gegenteilige verwandelt hätte. Mit anderen Worten: Auch Hibiki kannte die Dämonen, die sich nachts aus dem Unterbewusstsein erhoben und einen im Schlaf quälten. Sie musste nicht erwähnen, weshalb sie dieses Mal die Albträume hatte.
In diesem Moment kam der Apotheker wieder zurück, den Zettel in der Hand – und mit einer gerunzelten Stirn. Erst als er vor Cana angelangt war, hob er seinen Blick von dem Blatt Papier und schaute erst sie, dann Hibiki ernst an.
„Ich kann Ihnen das Schlafmittel leider nicht geben. Es ist nicht für Schwangere geeignet.“

+++

Ich weiß, der Cliffhanger ist nicht besonders nett. Dieses Klischee konnte ich mir nicht verkneifen, weil es eine wichtige Rolle spielen wird. Auf jeden Fall könnt ihr euch auf die Erklärung freuen, wie das passieren konnte. Denn vergessene Verhütung ist nicht daran schuld, so viel sei gesagt.
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