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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
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01.07.2021 3.748
 
Kapitel 57 – Unterstützung und Hoffnung

Orga Nanagear, Sabertooths God Slayer, verschränkte die Arme und warf Lexy einen skeptischen Blick zu, die diesen nicht weniger skeptisch erwiderte. Cana beobachtete diese Szene amüsiert, auch wenn sie leise Zweifel befielen.
„Master, ist das eine gute Idee? Ich bin nicht sicher, ob sich die beiden vertragen.“ Miras Worte bestätigten Cana ihre Zweifel, doch der Master nickte.
„Orgas Magie ist der von Laxus am ähnlichsten. Ich möchte nicht noch einen Anfall wie den vor drei Tagen erleben müssen. Cana, deine Hände haben sich noch immer nicht erholt und das weißt du. Ebenso schlecht steht es um Lexys körperliche Kräfte, auch wenn sie das zu verbergen versucht.“ Bei den Worten des Masters blickte Cana auf ihre Hände, die dank Lexys letztem Anfall nicht nur gerötet waren, sondern stellenweise eine Verbrennung davongetragen hatte. Nichts Schlimmeres als ein heftiger Sonnenbrand, doch es war eine Steigerung zu den letzten Malen gewesen.
„Ich will mit ihm nicht trainieren.“ Lexy schob ihre Unterlippe vor und verschränkte die Arme.
„Ich will sie nicht trainieren.“ Orga blickte nicht weniger grimmig drein als Lexy, nur war das aufgrund des schwarzen, breiten Stirnbandes weitaus furchteinflößender.
„Lexy, Orga ist für deine Anfälle hier. Du wirst weiterhin mit Cana oder mir trainieren.“ Makarov griff doch ein. Wahrscheinlich, um eine größere Konfrontation zu vermeiden, denn beide Blitzmagier sahen alles andere als begeistert aus. „Lexy, Orga ist wie Laxus. Er kann deine Magie einfach nehmen, ohne dabei Schmerzen zu haben.“
Cana sah, wie Lexys Blick auf ihre Hände fiel und ein schuldbewusster Ausdruck anstelle des Trotzes in ihr Gesicht trat. Dann nickte diese wortlos und starrte auf den Boden. Orga, dessen Aufmerksamkeit nun ebenfalls auf Canas Hände gerichtet war, blickte sie fragend an.
„Jemand muss Lexys freigesetzte Magie aufnehmen“, erklärte Cana. „Letztes Mal war das ich, doch meine Magie ist eine andere, deshalb hinterlässt diese Aufnahme Spuren.“ Sie hob ihre Hände.
„Ich werde bleiben, bis euer Blitz Dragon Slayer wieder hier ist.“ Orga drehte sich um und lief zu Mira, bei der er mit lauter Stimme ein Bier bestellte.
Lexy blickte Orga hinterher. Nicht allzu begeistert, aber ohne ein Wort des Widerspruchs. Dann trat sie zu Cana und lehnte ihren Kopf an ihre Mitte, denn mittlerweile reichte Lexy Cana bis knapp oberhalb des Bauchnabels.
„Es ist okay“, murmelte Cana und strich Lexy leicht über den Kopf. Selbst diese zarte Berührung löste eine kleine Schmerzwelle in den verbrannten Hautpartien aus, doch diese war erträglich.
„Ich will nicht, dass du meinetwegen Schmerzen und Verletzungen hast. Wenn Orga das nicht bekommt, dann ist das okay mit seiner Hilfe. Es tut ihm wirklich nicht weh, oder?“
„Nein, Lexy. Orgas Magie ist ähnlich wie die von dir. Nur kann er deine Magie essen, so wie Natsu die Magie von Romeo essen kann.“
„Wann kommt Papa wieder?“
Cana biss sich auf die Lippen und warf einen hilfesuchenden Blick zu Makarov, der das Gespräch mitangehört hatte. Doch dieser zuckte nur mit den Schultern. Auch drei Wochen nach der Abreise von Laxus und den Raijinshuu schien es keine Neuigkeiten bezüglich ihres Auftrags zu geben.
„Ich weiß es nicht, Süße.“
„Ich vermisse ihn.“
„Ich auch Lexy, ich auch.“

Am späten Abend, als Lexy bereits im Bett lag, saß Cana auf dem Sofa und dachte nach. Nach einiger Zeit holte sie ihr Kartendeck von der Kommode im Flur, auf der sie dieses immer zu Hause lagerte. Langsam breitete sie die Karten vor sich aus und betrachtete sie nachdenklich. Sie könnte den Aufenthaltsort von Laxus herausfinden. Wobei sie Zweifel hatte, ob das eine gute Idee war. Zum einen erfuhr sie dadurch geheime Auftragsdetails, zum anderen machte es ihre Sehnsucht nach ihm nicht besser, eher schlimmer. Denn wenn sie wusste, wo er war, wusste sie auch über die Reisedauer Bescheid, die er zurück nach Magnolia benötigte. Außerdem hatte er eine ihrer Notfallkarten dabei. Falls etwas Entscheidendes geschehen sollte, konnte sie ihn darüber informieren. Der Master hatte zusätzlich noch etwas von einer Lacrima erzählt, also würde er ihn ebenfalls erreichen können.
Das alles waren Tatsachen, die Cana ruhiger stimmen sollten. Sie taten es aber nicht, denn sie vermisste Laxus zu sehr. Vielleicht lag es daran, dass dieser Auftrag der erste wirklich Lange war. Oder es lag an Lexys letztem Anfall, der stärker gewesen war und sowohl sie als auch Lexy verängstigt hatte. Denn sie hatte Angst. Lexy hatte die zwei Tage danach in ihrem Bett verbracht, weil sie körperlich zu erschöpft war und auch Cana hatte am heutigen, dritten Tag mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Morgen würde sie das erste Mal wieder zur Vorschule gehen, doch auch dort konnten Anfälle passieren. Es hing alles davon ab, wie schnell Orga zur Stelle war und das beunruhigte Cana. Nicht, weil sie ihm nicht vertraute, aber er war nicht Laxus. Er war eine neue, noch ungewisse Variable bei Lexys Anfällen und wenn es eine Situation gab, die keine Variablen vertrug, dann war es diese.
Cana seufzte und legte einen Arm über ihre Augen. Sie sollte morgen noch einmal mit Makarov reden, um ihr Gewissen zu beruhigen. Und um Klarheit darüber zu haben, ob Orga wirklich wusste, worauf er sich eingelassen hatte. Eigentlich wusste sie gar nichts über die Hintergründe seiner Anwesenheit. Weder, wer genau ihn beauftragt hatte noch wer für seine Bezahlung aufkam. Denn Orga war einer der stärksten Magier in Sabertooth und seine Bezahlung entsprechend teuer.
Zwar hatte sie vorgehabt, weiterhin auf Aufträge zu gehen, während Lexy in der Vorschule war. Doch seit dem letzten Auftrag hatte sie zu viel Angst, um einem Auftrag nachgehen zu können. Wenn Laxus hier gewesen wäre, hätten sie sich abwechseln können für den Fall, dass etwas geschah. So hingegen war sie auf sich allein gestellt, wenn man vom Master einmal absah. Auch Gildarts war wieder unterwegs und niemand wusste, wann er wieder in Magnolia sein würde. Vermutlich noch nicht einmal er selbst. Der einzige Trost war die Notfallkarte, die er ihr abermals gegeben hatte. Dieses Mal hatte Cana sie nicht zerrissen, sondern sorgfältig ihrem Stapel beigefügt. Eben weil sie nicht mehr allein war, sondern die Verantwortung für Lexy trug.
Gedankenversunken sortierte sie ihre Karten neu – eine Angewohnheit, die sie seit ihrer Kindheit hatte, wenn sie etwas wirklich beschäftigte. Und so hielt sie wenige Sekunden später die Notfallkarten von Gildarts, Laxus und auch Hibiki in den Händen.
Hibiki. Sie durchfuhr ein Anflug schlechten Gewissens. Seitdem er abgereist war, hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Vielleicht sollte sie ihn einladen. Er hatte ein Recht darauf, von Lexys Zustand zu erfahren und sie bezweifelte, dass Laxus ein Problem damit haben würde. Zwar war er alles andere als freundlich zu Hibiki gewesen, als dieser als Gastmagier bei Fairy Tail gewesen war, doch seitdem hatte sich einiges geändert. Und auch das war etwas, das sie Hibiki erzählen wollte, immerhin war er in den letzten Jahren einer ihrer engsten Vertrauten gewesen. Lexy würde sich mit Sicherheit über seinen Besuch freuen und vielleicht würde es sie von Laxus‘ Abwesenheit etwas ablenken.
Canas Blick blieb auf Laxus‘ Notfallkarte hängen und sie seufzte. Eigentlich hoffte sie, ihn während dieses Auftrags nicht stören zu müssen. Auch wenn es bedeutete, ihn schneller wiedersehen zu können, doch der Preis dafür war in ihren Augen zu hoch. Lexys Gesundheit bedeutete ihr weitaus mehr als eine rasche Rückkehr von Laxus, das stand fest.
Immerhin stand morgen ein weiterer Termin bei Lupita und vielleicht hatte diese positive Neuigkeiten. Beim letzten Mal hatte sie bereits angedeutet, dass die Forschung an einer Lacrima für Lexy fast abgeschlossen war. Die Forscher hatten Zuversicht angedeutet, was ein baldiges Ergebnis anbelangte. Mehrere Prototypen waren bereits entstanden und weiter verbessert worden, der nächste oder übernächste Entwurf sollte der finale sein. Dies war dann die Lacrima, die man Lexy einsetzte.

Am nächsten Morgen erschien Cana früher als gedacht in der Gilde. Nachdem Lexy pünktlich schlafen gegangen war, hatte sie Cana noch vor Sonnenaufgang aufgeweckt, weil sie unbedingt in die Vorschule wollte. Bereits am vorigen Tag war Lexy nur schwer davon zu überzeugen gewesen, noch einen Tag zu Hause zu bleiben. Heute hingegen hätte sie nichts davon abhalten können, zur Vorschule zu gehen. Cana hoffte nur, dass sich das nicht ändern würde, wenn Lexy in die Schule wechseln würde. Denn das stand im Sommer an. Lexy würde immerhin nicht allein wechseln, auch Malachy und Blue waren alt genug für die Schule. Da es in Magnolia nur eine Klasse pro Jahr gab, würden alle drei zusammen in einer Klasse landen, was bei Lexy einen Sturm der Begeisterung ausgelöst hatte.
„Hat sie dich überredet, in die Vorschule zu gehen?“ Der Master lachte dabei, denn er kannte die Antwort bereits.
Cana setzte sich an den Tresen und zuckte mit den Schultern. „Sie hat sich wieder vollständig erholt. Ich hätte sie heute niemals davon abhalten können, noch nicht einmal mit Drohungen. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass ihr die Ablenkung gut tut. Sie vermisst ihren Vater unheimlich und es wird von Tag zu Tag schlimmer.“
Am Gesichtsausdruck des Masters erkannte sie, keine Information bezüglich Laxus erwarten zu können. Stattdessen räusperte er sich. „Orga wird sich immer auf dem Gildengelände aufhalten. Momentan hat er den Strand als Trainingsplatz auserkoren, der Sand nimmt seine Blitze auf und neutralisiert diese.“
„Wer hat Orga überhaupt eingeladen?“ Denn das war die Frage, die sie dem Master schon gestern hätte stellen sollen. Dort war sie allerdings zu abgelenkt gewesen.
„Wie steht es um deine Hände?“, entgegnete der Master nur.
Cana hob schweigend ihre noch leicht geröteten Hände und ballte diese mehrmals hintereinander zur Faust, um die wiedergewonnene Beweglichkeit ihrer Finger zu demonstrieren. „Sie sind wieder in Ordnung.“ Im nächsten Moment zuckte sie schmerzerfüllt zusammen, als sich die Hand des Masters unsanft um ihre Finger schloss. Einen Moment später löste er seinen Griff wieder und schüttelte den Kopf.
„Ich habe jahrelange Erfahrung mit Magiern, die ihre Verletzungen kleinreden. Deine Hände sind nicht wieder in Ordnung und werden es auch die nächsten Tage nicht sein, Cana. Ich habe Laxus versprochen, ein Auge auf dich zu haben. Deshalb bist du für die nächsten Tage weiterhin von Aufträgen ausgeschlossen.“
„Ich hatte nicht vor, Aufträge zu erledigen und Lexy allein zu lassen. Nicht, wenn Laxus ebenfalls abwesend ist.“
„Du traust Orga nicht.“ Das war eine Feststellung, keine Frage und Cana blickte dem Master offen ins Gesicht.
„Ich kenne ihn kaum. Eigentlich kenne ich ihn gar nicht, wenn man von seiner Gildenzugehörigkeit, seiner Magie und seinem schrecklichen Musikgeschmack einmal absieht.“
Die Mundwinkel von Makarov zuckten kurz bei Canas letztem Punkt, doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. „Orga ist auf Laxus‘ Wunsch hier.“
Cana klappte der Mund auf. „Wie bitte?“
„Du hast richtig gehört. Laxus war derjenige, der bei Sting um Orgas Anwesenheit in Magnolia gebeten hat. Nun, eigentlich hat er Natsu damit beauftragt – du weißt ja, dass Sting Natsu nichts abschlagen kann. Orga war damit einverstanden.“
„Aber Orgas Aufenthalt hier für unbestimmte Zeit kann nicht günstig sein. Wer kommt für seine Bezahlung auf? Falls Laxus alles zahlt, dann …“ Als der Master abwehrend die Hand hob, verstummte Cana wieder.
„Weder Laxus noch du werdet mit Orgas Bezahlung belastet werden. Du vergisst eine wichtige Sache: Wir sind nicht nur eine Gilde, wir sind eine Familie. Jeder hat einen Teil der Bezahlung beigesteuert, auch wenn der größte Teil von Gildarts und mir kommt. Cana, wir würden alles dafür tun, um Lexy die Schmerzen zu nehmen oder die Anfälle zu verhindern. Wenn wir nur einen Ersatzmagier für Laxus bezahlen können, dann tun wir das. Hauptsache, wir können irgendetwas tun, um unsere Unterstützung zu zeigen.“
Cana brannten mittlerweile Tränen in den Augen und sie nickte stumm. Eine Tasse Kaffee mit viel Milchschaum erschien in ihrem Blickfeld und halb blind schaute sie Mira an, deren Lächeln sie gerade noch so erkennen konnte.
„Trink das und entspanne etwas. Freed hat sich gestern Abend gemeldet, der Auftrag läuft besser als erwartet. Er klang zuversichtlich, was eine Rückkehr in den nächsten paar Wochen anging und ich vertraue ihm in dieser Hinsicht. Seine Schätzungen sind fast immer korrekt, das weißt du.“
„Danke.“ Mehr brachte Cana nicht hervor, weshalb sie einen Schluck des heißen Kaffee nahm und sich sofort die Zunge verbrannte. Doch das war egal, denn so konnte sie den Kloß in ihrem Hals loswerden, der sich während der Erklärung von Makarov dort festgesetzt hatte.
„Soll ich dich zum heutigen Termin mit Lupita begleiten?“, fragte Makarov, als sie die Tasse wieder abgesetzt hatte.
„Hat dich Laxus damit ebenfalls beauftragt?“ So langsam kam sie sich vor wie ein Kind, auf das aufgepasst werden musste. Auf der einen Seite war Laxus‘ offenkundige Sorge herzerwärmend, auf der anderen Seite war sie Mitte zwanzig und hatte über fünf Jahre die Verantwortung für Lexy allein getragen. Sie mochte das Gefühl nicht, bevormundet zu werden. Das war zu Beginn auch ein Streitpunkt mit Gildarts gewesen, der genau das versucht hatte.
„Nein, das ist ein Angebot von mir. Ihr haltet euch immer bedeckt, was den Ablauf dieser Sitzungen angeht.“ Die Stimme des Masters klang nüchtern und vor allem ehrlich.
Sofort erlosch Canas Widerwille. „Es sind meist nur Gespräche, wenn man von der Überprüfung von Lexys Magiekonzentration einmal absieht. Wenn du möchtest, kannst du uns begleiten. Erwarte nur nicht zu viel, es ist wie jeder andere Besuch bei einem Heiler. Auch wenn Lupita im Gegensatz zu Porlyusica keine Abneigung gegen Menschen hat, ganz im Gegenteil.“
„Das ist keine große Überraschung. Es gibt keine Person, die Menschen weniger mag. Warum sie sich ausgerechnet für ein Leben als Heilerin entschieden hat, bleibt mir ein Rätsel.“
„Sie wird ihre Gründe gehabt haben, genau das zu tun. Andere können sich nicht vorstellen, jemals Nachwuchs zu bekommen, und sind die ersten Personen, die Kinder in die Welt setzen.“ Cana lächelte leicht, denn jeder in der Gilde wusste um ihre langjährige Einstellung zu Nachwuchs. Was nicht an einer Abneigung gegen Kinder lag, im Gegenteil: Sie hatte gern mit Asuka gespielt und auch mit Romeo eine enge Bindung gehabt. Doch die Aussicht auf monatelangen Alkoholverzicht war damals undenkbar gewesen. Bis heute war sie froh, dass Lexy keine Schäden davongetragen hatte – denn bevor sie von ihrer Schwangerschaft gewusst hatte, hatte sie nicht auf Alkohol verzichtet. Genau genommen war das ihr erster Gedanke gewesen, als Lexys Problem mit ihrer Magie bekannt wurde, doch die Heiler hatten ihr damals versichert, dass diese beiden Dinge nicht zusammenhängen würden. Und mittlerweile war sie ebenfalls davon überzeugt, denn Magie war erblich bedingt. So auch die Neigung zu starker Magie, wie man gut an der Dreyar-Familie erkennen konnte.
„Laxus hat sich ebenfalls nie eine Familie vorstellen können. Und du weißt selbst, wie sehr sich das geändert hat.“
„Er ist der geborene Vater. Ich frage mich ab und zu, wie es gewesen wäre, wenn ich nicht fortgegangen wäre. Aber im Endeffekt macht es keinen Unterschied, egal wie viel Zeit ich mit Nachdenken verbringe. Also bin ich einfach glücklich, wie sich alles entwickelt hat.“ Cana nahm einen weiteren Schluck von ihrem abgekühlten Kaffee, während der Master vergnügt vor sich hin summte.

+++


„Und deshalb ist die Lacrima kurz vor ihrer Fertigstellung. Die Forscher sind der Überzeugung, die perfekte Lacrima mit dem nächsten Versuch zu erreichen. Sie rechnen mit maximal vier Wochen weiterer Zeit. Dank der Magie, die Laxus bereitgestellt hat, können sie die Kompatibilität der Lacrima mit der Magie perfekt feststellen und auch während des Aufladens noch kleine Änderungen an dem Material vornehmen.“
Makarov hörte ein ersticktes Ein- und Ausatmen neben sich und legte Cana eine Hand auf die Schulter, während er sich an Lupita wandte. „Wie genau wird die Lacrima eingesetzt?“ Denn das hatten weder Laxus noch Cana beantworten können und ihn interessierte das. Laxus‘ Lacrima war hinter sein Auge gesetzt worden, weil durch die dortige Narbe bereits eine Verletzung vorhanden war, die das Gewebe nachgiebiger gemacht hatte. Das hatte zumindest Ivan behauptet. Makarov war sich nicht sicher, ob dies der Wahrheit entsprach, aber er hielt an seinem Beschluss fest, in dieser Hinsicht seinem Sohn Glauben zu schenken.
„Die Lacrima ist so groß wie ein Fingernagel und flach, man kann sie theoretisch überall am Körper einsetzen. Mittlerweile ist bekannt, dass verschiedene Teile des Gehirns für die Magie zuständig sind, was Erschaffung und die Kontrolle über diese angeht. Deshalb ist eine Implantation am Hinterkopf oder im Nacken die normale Vorgehensweise. Das wird bei Alexia wahrscheinlich nicht der Fall sein. Die Forscher werden, wenn es so weit ist, eine Untersuchung durchführen und einen Punkt am Körper auswählen, der bezüglich der Heilung am stressfreisten für Alexias Körper ist. Denn dieser wird genug damit zu tun haben, die Lacrima-Magie mit der eigenen zu verschmelzen und die Lacrima als weiteren Magiespeicher anzusehen, der nahezu unendlich viel Energie speichern kann.“
„Wie ein Fingernagel? Mit anderen Worten, es ist ein flaches Oval, ähnlich wie die Chips, die man Haustieren einsetzt?“ Cana hatte sich während der Erklärung von Lupita merklich entspannt und beteiligte sich nun aktiv am Gespräch.
„So ähnlich, ja. Mittlerweile sind Lacrima in ihrer Form viel unterschiedlicher geworden, ebenso kann diese viel konzentrierter erschaffen werden. Deshalb kann sie trotz ihrer Größe eine fast unendliche Menge an Magie speichern, dafür ist sie ausgelegt und gezüchtet worden.“
Makarov war fasziniert. Natürlich hatte er bereits die Kommunikationslacrima gesehen, die Warren in den letzten sieben Jahren entwickelt hatte und die mittlerweile deutlich handlicher waren als die großen Kugeln von früher. Doch eine quaderförmige Lacrima, die die Größe einer Hand hatte, war etwas anderes als eine Lacrima, die so groß war wie ein Fingernagel. Ganz besonders, weil diese Magie speichern und nicht nur Stimmen über irgendwelche Frequenzen zu ihren Gegenstücken übertragen konnten.
Im nächsten Moment war draußen ein dumpfes Geräusch zu hören und bevor jemand reagieren konnte, wurde die Tür aufgerissen und Lupitas Assistentin stürmte herein.
„Alexia hat einen Anfall!“
Lupita reagierte schneller als der Rest und war bereits aus der Tür heraus, während Makarov noch den Schock verarbeitete, den diese vier Worte bei ihm ausgelöst hatte. Cana neben ihm war leichenblass geworden und starrte ins Leere.
„Cana, Lexy braucht dich.“ Seine Stimme gleichermaßen behutsam und bestimmt, doch es schien zu helfen. Denn Cana nickte langsam, dann schüttelte sie den Kopf und stürmte ebenfalls nach draußen.
Nach einer weiteren Sekunde, in der er tief durchgeatmet hatte, war Makarov auch im Vorzimmer angelangt. Dort bestätigte sich seine Befürchtung: Lexy lag einmal mehr auf dem Boden, während Lupita ihr bereits das Mittel spritzte. Die Heilerin hatte ein paar Dosen davon gelagert, für den Fall der Fälle. Und dieser Fall war hier eingetreten.
Cana hatte sich währenddessen an Lexys Kopfende niedergelassen und strich ihr die Haare aus der schweißbedeckten Stirn. Lexy hielt die Augen geschlossen und an ihrer sich schnell hebenden Brust sah Makarov, wie sehr sie dieser Anfall bereits wieder in Anspruch nahm. Er zögerte keine Sekunde länger, sondern lief zu Lexy und griff nach ihren Händen, um die er bereits wieder die ersten Blitze erkennen konnte.

Eine halbe Stunde später lag Lexy mit bleichem Gesicht auf der Untersuchungsliege in Lupitas Behandlungszimmer und schlief.
„War dieser Anfall besonders schlimm?“, fragte Lupita, das Klemmbrett bereit. Um Lexy nicht zu stören, hatten sie sich im Vorzimmer auf die Besucherstühle gesetzt, denn Lupita hatte einige Fragen.
„Nein“, antworteten Cana und Makarov wie aus einem Mund. Kurz blickten sie sich in die Augen, dann bedeutete Makarov Cana, weiterzusprechen.
„Diese Anfälle hat sie früher ohne Probleme überstanden. Nach ein paar Stunden Schlaf war sie wieder fit. Doch mittlerweile nimmt sie jeder Anfall etwas mehr mit. Das letzte Mal hat sie zwei Tage benötigt, um wieder auf die Beine zu kommen, und der letzte Anfall war erst vor drei Tagen. Was ist, wenn ihre Anfälle noch während der Erholungsphase kommen? Sie ist jetzt schon unglaublich schwach, sie wird nicht …“ Cana verstummte und vergrub das Gesicht in den Händen.
Makarov legte ihr eine Hand auf die zitternden Schultern. Sie weinte nicht, aber das war nur eine Frage der Zeit. Je nachdem wie die Antwort von Lupita ausfiel, denn diese tippte nachdenklich mit ihrem Kugelschreiber gegen ihre Wange und schien angestrengt nachzudenken.
„Man könnte ihr Magieblocker geben. Ich weiß nicht, ob diese alle Magie blocken können, aber es sollte die Anfälle wieder eindämmen.“
„Magieblocker?“ Makarov hatte diesen Begriff bereits einmal gehört, aber nicht in einem positiven Zusammenhang.
„Ursprünglich wurden die Tabletten für gefangene Magier entworfen, um diese auch in einem normalen Gefängnis unterbringen zu können. Sie blocken die Magie jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt, dann explodiert diese regelrecht. Ähnlich wie der Damm eines Stausees: Er hält das Wasser zurück, doch wenn er längere Zeit bis zum Rand gefüllt ist, wird der Damm irgendwann nachgeben und das Wasser ungehindert durchbrechen lassen. Die Magie wirkt nicht zerstörerisch, aber der Magier hat auf einmal eine unheimlich große Menge an Magie zur Verfügung, die er nach Belieben einsetzen kann. Deshalb wurden die Tabletten schnell wieder verworfen, aber für zwischenzeitliche Blockungen sind sie ausgezeichnet. Nur sollte man sie nicht länger als einen Monat am Stück nehmen.“
Makarov verstand, was das Problem war. „Die Lacrima wird nach ihrer Fertigstellung leer sein und Laxus wird sie aufladen müssen. Es werden mehr als vier Wochen vergehen, bis sie wirklich eingesetzt werden kann.“
„Wie lange wird Mr Dreyar auf seinem Auftrag sein?“ Sie hatten Lupita anfangs kurz erklärt, warum Lexys Urgroßvater dabei war anstelle ihres Vaters.
Cana nahm die Hände vom Gesicht und in ihrem Blick lag so tiefe Verzweiflung, dass Makarov kurz die Luft zum Atmen fernblieb. „Niemand weiß es. Ich habe eine Notfallkarte, falls … Aber ich kann nicht sagen, wie lange er für die Rückkehr benötigen wird. Wenn er seine Magie einsetzt, wird ihm diese für die Infusion in die Lacrima fehlen.“
Lupita nickte langsam. „Ein Magier füllt seine natürlichen Reserven normal in einer Nacht mit ausreichend Schlaf wieder aus, sofern er sich nicht völlig ausgebrannt hat. Die Magieblocker beinhalten etliche Risiken. Ich werde Ihnen eine Packung mitgeben – jeden Tag zur selben Uhrzeit eine Tablette, aber nachdem die erste Mahlzeit eingenommen wurde. Es sind dreißig Tabletten in einer Packung. Wenn Sie denken, es geht nicht anders, dann geben Sie Lexy diese Tabletten. Innerhalb dieses Monats kann sich auch ihr Körper für die Operation erholen.“
Cana nickte und folgte Lupita in das Behandlungszimmer zurück, während Makarov auf seinem Stuhl sitzen blieb. Er schloss die Augen und verschränkte die Arme, dann lehnte er den Kopf an die Wand an. Laxus war widerwillig auf diesen Auftrag gegangen, hätte ihn am liebsten abgelehnt. Doch er hatte ihm versichert, auf seine Familie aufzupassen. Und kläglich versagt, auch wenn es nicht in seiner Hand gelegen hatte. Doch Laxus musste wieder zurück. Lexy benötigte seine Anwesenheit und Cana würde in den nächsten Tagen zusammenbrechen, sollte sich noch ein Anfall ereignen. Er würde über die Kommunikationslacrima Kontakt zu den Raijinshuu aufnehmen. Diese würden Laxus Bescheid geben, damit dieser hoffentlich bald wieder in Magnolia war.
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