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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
37
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Dieses Kapitel
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17.06.2021 3.713
 
Kapitel 55 – Grippe

Cana gähnte ausgiebig, bevor sie sich in ihrem Bett aufsetzte und sich die Augen rieb. Es war eine Seltenheit, an einem Samstag ausschlafen zu können. Der Morgen war fortgeschritten, das verriet ihr das helle Licht, das durch den Spalt zwischen den Vorhängen in ihr Schlafzimmer strahlte. Im Winter wurde es spät hell, es war also weit nach Lexys normaler Aufstehzeit.
Sie warf einen Blick auf die leere Betthälfte neben ihr und unterdrückte ein Seufzen. Es war geradezu unheimlich, wie schnell sie sich daran gewöhnt hatte, mit Laxus in einem Bett zu schlafen. So sehr, dass die Nächte ohne ihn ihr Probleme beim Einschlafen bereiteten.
Nachdem sie eine Weile in die Gegend gestarrt und über ihre neuen Schlafgewohnheiten sinniert hatte, schüttelte sie den Kopf und schlug entschlossen die Bettdecke zurück. Laxus war die letzten beiden Tage nicht in der Stadt gewesen, weil er mit den Raijinshuu einen Auftrag angenommen hatte. Genau genommen hatte er ihn annehmen müssen, denn der Auftraggeber hatte explizit nach ihm und seinem Team verlangt, ohne jegliche Änderungen. Was Laxus nicht recht gewesen war, doch der Master hatte nach einer halben Stunde Diskussion inmitten der Gildenhalle ein Machtwort gesprochen, dem sich sein Enkel widerwillig gefügt hatte. Der Auftrag kam von einem der Ratsmitglieder des Magischen Rats. Von welchem, wussten nur der Master und die vier Magier, denn der Rat war äußerst argwöhnisch, was Informationen über die einzelnen Mitglieder anging. Bis heute kannte auch Cana nicht alle Ratsmitglieder, was ihr nicht unangenehm war. Je weniger Informationen über den Rat in der Öffentlichkeit bekannt waren, desto besser war das für dessen Sicherheit.
Cana hatte in dieser Zeit ein paar kleinere Aufträge erledigt, die nicht weit entfernt voneinander und in der Nähe von Magnolia gewesen waren. Alles in allem hatten ihr diese ein nettes Sümmchen Jewels eingebracht, ohne dass die Aufträge kompliziert oder schwierig gewesen waren. Auf jeden Fall war das eine nette Abwechslung zu den kräftezehrenden Aufträgen gewesen, die sie mit Laxus zusammen erledigten, hohe Belohnung hin oder her. Entspanntere Aufträge waren ihr lieber, egal um wie viel höher die Belohnung bei einem S-Klasse-Auftrag auch sein mochte. Sie war nicht der Typ dafür, sich freiwillig jedes Mal aufs Neue in Gefahr zu begeben. Auf jeden Fall nicht mehr, seit sie eine Tochter hatte und damit die Verantwortung für ein zweites Leben trug.
Cana warf sich ihren Morgenmantel über, denn heute würde sie ruhig und gemütlich in den Tag starten. Wenn sie ehrlich war, war es in den letzten beiden Tagen auch ungewohnt gewesen, allein für Lexy zuständig zu sein. Sie in die Vorschule zu bringen, dort wieder abzuholen und ein Training mit ihr abzuhalten, denn darum hatte Laxus sie gebeten. Zu ihrer Erleichterung hatte er Lexy mit einer Reihe von Übungen beauftragt, die diese widerstandslos durchgeführt hatte. Bereits nach der ersten Übung war es Stolz gewesen, der Cana erfüllt hatte. Sie hatte das erste Mal wirklich gesehen, wie gut ihre Tochter ihre Magie kontrollieren konnte. Allen Aussagen, Lexy sei für ihr Alter weit fortgeschritten, hatte sie nur zustimmen können. Was Lexy mit ihren sechs Jahren konnte, hatte sie erst Jahre später geschafft und sie wusste, dass es den meisten Gildenmitgliedern ebenso ging. Diese Erkenntnis hatte sie mit unbeschreiblichem Stolz erfüllt, denn Lexy war im Umgang mit Magie begabt. Weitaus begabter als sie es je gewesen war und vielleicht sogar begabter als Laxus oder Gildarts. Sie würde eine unglaublich mächtige Magierin werden – wenn sie ihre Anfälle überwunden hatte. Und genau das war der kleine Dämpfer in Canas Freude.
Lexys Zimmertür war noch geschlossen und Cana runzelte die Stirn, während sie leise Sorge in sich spürte. Das war nicht normal. Insbesondere, da sie hinter der Tür auch keinerlei Geräusche vernahm. Lexy schien wirklich noch zu schlafen, vollkommen untypisch für sie.
Leise öffnete Cana die Tür und trat in das Zimmer. Ihre Tochter lag tatsächlich noch im Bett, die blonden Haare unordentlich über Kissen und Decke ausgebreitet.
„Lexy?“, murmelte Cana behutsam und der Haarschopf bewegte sich leicht.
„Mama?“
Allein an der belegten Stimme erkannte Cana, warum Lexy noch im Bett lag. Sofort lief sie leise an das Bett und kniete sich neben diesem nieder.
Lexy drehte ihr Gesicht zu ihr und mit einer kurzen Überprüfung von Lexys Stirn hatte Cana Gewissheit, obwohl die glasigen Augen bereits gereicht hatten. Lexy war krank. Was nicht überraschend war, denn in der Vorschule ging gerade die Grippe herum, wie Ophelia Cana vor einigen Tagen berichtet hatte.
„Mir geht’s nicht gut“, murmelte Lexy und schloss wieder die Augen.
„Okay. Ich mache dir Tee, der wird helfen. Die Zimmertür lasse ich auf, wenn etwas sein sollte, kannst du mich einfach rufen.“ Cana wandte sich wieder zum Gehen, in Gedanken bereits bei den Teesorten, die sie vorrätig hatte.
„Mama?“ Lexys Stimme ließ sie innehalten und sich wieder zu ihr umdrehen. „Kannst du mir helfen? Ich muss auf Toilette und …“
„Du fühlst dich nicht gut, nicht wahr? Das ist kein Problem, ich helfe dir.“ Cana half Lexy, sich aufzusetzen, und bereits dort hielt diese sich den Kopf, die Augen schmerzerfüllt zusammengekniffen.

Fünf Minuten später lag Lexy wieder im Bett und Cana stand in der Küche, während der Wasserkocher lief. Zum Glück hatte Lupita beim letzten Termin erwähnt, dass sich eine Krankheit nicht negativ auf die Anfälle auswirken würde. Ganz im Gegenteil: Da sich die Magie mit in die Bekämpfung der Erkrankung einbaute, wurden Magier zum einen seltener und zum anderen weniger stark krank. Cana konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal mehr als nur Schnupfen und etwas Husten hatte.
Lexy hingegen hatte es richtig erwischt. Cana hatte sie auf dem Rückweg von der Toilette tragen müssen, weil Lexys Beine unter ihr nachgegeben hatten. Natürlich war Lexy der Überzeugung gewesen, den Weg allein zu schaffen, doch Cana kannte ihre Tochter. Also hatte sie sie ohne einen Kommentar abgefangen, bevor Lexy auf dem Boden gelandet war und hochgehoben. Dabei hatte sie festgestellt, dass Lexy seit ihrer Rückkehr nicht nur gewachsen, sondern auch schwerer geworden war. Denn Cana war bei dieser kurzen Strecke an ihre Grenzen gekommen, was ihre Armmuskulatur anbelangte. Die Zeit, in der sie Lexy locker getragen hatte, war eindeutig vorüber und sie würde das Laxus überlassen.
Der Wasserkocher teilte mit einem piependen Ton sein vollbrachtes Werk mit. Cana goss das heiße Wasser sorgfältig in die Thermoskanne, in die sie bereits ein paar getrocknete Pfefferminzblätter geworfen hatte. Sie liebte Pfefferminztee, vor allem gekühlt im Sommer und hatte ihre bei Blue Pegasus zurückgelassenen Pflanzen abgeerntet und die Blätter getrocknet. Hier in Magnolia würde sie sich wieder eine oder zwei Pfefferminzstöcke kaufen, wenn der Winter endlich vorüber war.
Während der Tee zog, lief Cana zurück in Lexys Zimmer und überprüfte das Fieberthermometer, das sie ihrer Tochter unter die Zunge gelegt hatte. Wie sie erwartet hatte, lag die Temperatur von Lexy bei über 39 Grad.
Lexy war währenddessen wieder fast eingeschlafen und blinzelte nur, als Cana die paar Haarsträhnen aus dem Gesicht streifte, die auf Lexys Stirn klebten. Immerhin schien Lexy zu schwitzen, was ein gutes Zeichen war.
„Mama, ich hab Durst“, flüsterte Lexy.
„Der Tee ist gleich fertig. Ich hole ihn gleich, versuch bis dahin, wach zu bleiben.“ Mit diesen Worten machte sich Cana wieder auf den Weg in die Küche, wo Lexys Tasse zur Hälfte mit kaltem Wasser füllte. Dann war der Tee zwar dünner, aber trinkbar für Lexy. Cana konnte frisch gebrühten Tee trinken, Lexy hingegen nicht.
Wenige Minuten später war sie mit einer vollen Teetasse und einer fast vollen Teekanne zurück in Lexys Zimmer, die tatsächlich wach geblieben war. Wortlos hielt Cana ihr die Tasse hin und Lexy ergriff sie, um vorsichtig daran zu nippen. Danach setzte sie sie an und trank sie halb leer.
„Ich lasse sie dir auf deinem Nachttisch stehen. Ich fülle sie wieder mit Tee, also pass auf, wenn du wieder Durst hast.“ Cana nahm die Tasse wieder an sich und stellte sie auf den hölzernen Tisch, um sie erneut zu füllen. Wahrscheinlich würde Lexy für geraume Zeit schlafen, also konnte der Tee abkühlen. Aber Cana ging lieber auf Nummer sicher, seit sich Lexy einmal an einem heißen Tee verbrannt hatte.
„Okay. Danke“, murmelte Lexy und schloss die Augen.
Cana beobachtete, wie sich die Atemzüge ihrer Tochter innerhalb von Sekunden vertieften und sie lief vorsichtig aus dem Zimmer, um Lexy nicht zu stören. Im Wohnzimmer angekommen, seufzte sie. Sie hatte sich einen entspannten Tag gewünscht, den sie größtenteils in ihrer Wohnung verbringen wollte. Zumindest der zweite Teil würde sich erfüllen, sie würde Lexy nicht allein lassen. Auch wenn sie nicht wusste, wie sie das mit dem Essen machen sollte, da der Kühlschrank so gut wie leer war. Doch sie setzte dabei auf Laxus‘ Besuch, den sie dann mit einer Einkaufsliste wegschicken konnte.
Wenn sie eines aus Lexys vergangenen Erkrankungen gelernt hatte, dann war das die unerreichte Zauberkraft von Hühnersuppe bei der Genesung. Sie kannte keine Person, bei der Hühnersuppe eine solche Wirkung zeigte wie bei Lexy. Nach jedem Teller konnte man eine Verbesserung ihres Zustandes erkennen und bisher hatten Lexys Erkrankungen nicht länger als eine Woche gedauert. Zugegeben war diese nach sieben Tagen nicht mehr begeistert von der Suppe gewesen, doch sie hatte sie trotzdem gegessen. Wahrscheinlich, weil sogar Lexy die Wirkung gespürt hatte, trotz ihrer Abneigung.
Ingwertee wäre eine Alternative, doch Cana fehlte der Honig für diesen. Ingwer-Honig-Tee war ein weiteres Heilmittel, das ihr damals ihre Mutter zubereitet hatte, wenn sie krank gewesen war und es hatte auch jedes Mal funktioniert. Leider mochte Lexy den Geschmack von Ingwer nicht, weshalb es immer viel Honig bedurfte, um den Tee für sie erträglich zu machen.
Mittlerweile war Cana in ihr Schlafzimmer gegangen, hatte sich einer kurzen Morgenroutine unterzogen und stand nun in gemütlicher Kleidung vor ihrem Bücherregal, während ihre Kaffeemaschine lief. Seit ihrer Rückkehr war sie nicht wirklich zum Lesen gekommen und sie hatte ein paar ungelesene Bücher im Regal stehen, für die sie heute jede Menge Zeit haben würde.

Doch bereits nach ihrem ersten Kaffee und drei Kapiteln wurde sie von der Türklingel unterbrochen. Mit einem Seufzen markierte sie sich die Seite, bevor sie zur Tür lief. Wo ihr Gildarts gegenüberstand, der sie prüfend betrachtete und dann nickte.
„Lexy?“
Cana zuckte mit den Schultern. „Die Grippe, die zurzeit in der Vorschule umgeht. Lexy hat Fieber und schläft.“
„Braucht ihr irgendetwas?“
Cana zögerte, dann nickte sie und lief in die Küche, um ihre kurze Einkaufsliste zu schreiben. Sie wusste, dass ihr Gildarts folgen würde.

+++


Gildarts saß am Tresen, den Ellenbogen auf diesem aufgestützt und nippte an seinem zweiten Krug Bier. Die Einkäufe für Cana hatte er erledigt und seiner dankbaren Tochter übergeben. Während sie die Hühnersuppe vorbereitet hatte, hatte er nach Lexy geschaut, die geschlafen hatte. Was angesichts der Temperatur nicht verwunderlich war, die er überprüfen sollte. Er hatte es bei einer kurzen Überprüfung der Stirn gelassen und Cana mitgeteilt, dass diese unverändert heiß war. Denn auch wenn er keine großen Erfahrungen mit Kinderkrankheiten hatte, Fieber konnte er erkennen.
Einmal mehr war er froh, auf sein Bauchgefühl gehört und bei Cana vorbeigeschaut zu haben. Seit seiner Begegnung mit Acnologia war er geneigt, seinem Magen uneingeschränkt Glauben zu schenken, egal, um was es sich auch handeln mochte. Seitdem er diesen damals ignoriert und erhebliche Verletzungen davongetragen hatte, wusste er um die Wichtigkeit der „inneren Stimme“, wie es der Master früher genannt hatte.
Ebenso sagte ihm sein Bauchgefühl, heute nicht zu einem Auftrag aufzubrechen, sondern das auf morgen zu verschieben. Da er nun über Lexys Grippeerkrankung Bescheid wusste und Cana die Wohnung nicht verlassen würde, konnte er sich fast denken, warum er in der Gilde bleiben sollte. Denn ein gewisser blonder Magier, der gerade mit seinem Team durch die Tür geschlendert kam, musste auf den neuesten Stand bezüglich seiner Tochter gebracht werden.
Mit undurchsichtiger Miene beobachtete Gildarts, wie Laxus seinen Blick durch die Halle schweifen ließ und dieser die Stirn runzelte, als er weder Cana noch Lexy erblicken konnte.
Ein Seufzen unterdrückend, winkte Gildarts Laxus zu sich. Er wusste selbst, zu streng zu seinem Schwiegersohn in spe zu sein, aber er konnte nicht anders. Sein Beschützerinstinkt in Bezug auf Cana war seit ihrer Beichte auf Tenroujima stark ausgeprägt und er hatte jeden männlichen Magier mit Argusaugen beobachtet, der seiner Tochter näher gekommen war. Nachdem sie von Laxus geschwängert worden war, hatte sich sein Beschützerinstinkt ins Unermessliche gesteigert. Außerdem würde kein Mann der Welt gut genug für seine Tochter sein, auch wenn er sich mit Laxus halbwegs anfreunden konnte. Wenn auch nur wegen seines Großvaters. Laxus war ihm zu sehr als Unruhestifter im Gedächtnis geblieben, was er bei Canas Rückkehr erneut gezeigt hatte. Auch wenn sich Laxus erheblich gebessert hatte und Cana und Lexy aufrichtig liebte, was ihm einen großen Pluspunkt eingebracht hatte. Das hieß aber nicht, dass Gildarts ihn nicht weiterhin beobachtete.
Laxus warf ihm zwar einen argwöhnischen Blick zu, doch nach einem kurzen Zögern setzte dieser sich in Bewegung und war wenige Sekunden später bei ihm an der Bar angelangt.
„Gildarts.“ Ein kurzes Nicken und die Begrüßung war überstanden.
Gildarts nickte nur, bevor er direkt auf das Thema zu sprechen kam. „Cana und Lexy sind nicht hier und werden heute nicht in der Gildenhalle auftauchen. Sie sind bei sich zu Hause.“
Laxus zog nur fragend eine Augenbraue hoch und Gildarts beschloss, die Sache kurz zu machen. Denn wenn er Laxus alles geschildert hatte, konnte er sich bedenkenlos zu seinem nächsten Auftrag aufbrechen. Außerdem schadete es Laxus nicht, mit seiner kranken Tochter konfrontiert zu werden. Gildarts wusste nur zu gut, wie überfordert er das erste Mal mit einer kranken Lexy gewesen war und Laxus als Vater stand diese Herausforderung noch bevor.
„Lexy hat die Grippe, wie es aussieht. Cana ist bei ihr und versorgt sie. Frische Lebensmittel habe ich heute bereits eingekauft, es sollte also …“
„Krank? Lexy ist krank?“ Laxus blickte ungläubig drein und Gildarts setzte eine überlegene Miene auf.
„Sagte ich gerade. Krank. Sie ist krank. Was bei Kindern durchaus passieren kann“, erwiderte er trocken.
Laxus nickte, während Sorge in seinem Blick erschien. „Hat das negative Auswirkungen auf ihren Zustand?“
„Cana sagt nein und ich glaube, sie ist die Expertin darin. Lupita hat anscheinend etwas in diese Richtung bei eurem letzten Besuch verlauten lassen? Auf jeden Fall ist es unbedenklich, denn Lexys Magie wird sich jetzt mit den Viren beschäftigen und wird dadurch vollkommen beansprucht. Lexy ist wie jedes normale Kind, das krank ist: schläfrig und schlapp.“
„Dann werde ich wohl zu ihnen gehen, um Cana etwas zu entlasten. Wahrscheinlich hat sie den ganzen Tag nicht einen Gedanken an sich verschwendet.“
„Sie erlebt nicht zum ersten Mal, dass Lexy krank ist. Man gewöhnt sich dran, vor allem weiß sie genau, was Lexy am besten hilft, um wieder gesund zu werden. Wenn du keine Hühnersuppe riechen kannst, solltest du die Luft anhalten, wenn du die Wohnung betrittst. Das gilt ebenfalls für Pfefferminz- oder Ingwer-Tee.“
Laxus‘ Mundwinkel zuckten kurz. „Ich werde es überleben.“

+++


Cana hörte, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde und ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie legte ihr Buch beiseite und stand auf, um Laxus entgegenzukommen. Denn es konnte niemand anderes sein als er.
Laxus hatte vermutlich ihre Schritte gehört, denn er war im Flur stehen geblieben und blickte sie fragend an.
Cana zuckte mit den Schultern, dann lief sie zu ihm und gab ihm einen ausgedehnten Kuss zur Begrüßung, der nicht nur sie leicht außer Atem zurückließ. „Lexy schläft im Moment, aber wenn sie wach wird, versuche ich, ihr die Hühnersuppe schmackhaft zu machen.“
„Es ist wirklich nur die Grippe?“
„Wieso ‚nur‘?“ Cana runzelte die Stirn. „Wenn du sie siehst, wirst du es nicht ‚nur die Grippe‘ nennen, das kann ich dir sagen. Lexy ist vollkommen erschöpft, wie bei jeder Grippeerkrankung. Leider ist sie etwas anfälliger dafür als die meisten Kinder, mindestens einmal im Jahr ist es so weit.“
„Ich habe noch kein Kind mit magischen Fähigkeiten mit Grippe gesehen. Ich dachte, vielleicht hat Gildarts …“ Laxus verstummte und massierte sich mit der rechten Hand die Nasenwurzel.
„Du dachtest, es wäre ein Anfall?“ Cana legte Laxus beruhigend eine Hand auf den Oberarm. „Keine Sorge, Lexy hat wirklich Grippe. Wie gesagt, das kommt jährlich vor, gern auch mehrmals. Beim ersten Mal war ich vollkommen überfordert, doch mittlerweile habe ich die besten Behandlungsmethoden für sie gefunden.“
„Mama?“ Lexys Stimme erklang einmal mehr, wie immer dünn und unsicher, so als ob sie jeder einzelne Buchstabe anstrengen würde.
Laxus reagierte schneller als Cana, denn er war schon auf halbem Wege zu Lexys Zimmer, bevor Cana auch nur einen Schritt getan hatte. Offenbar war er doch nicht so entspannt, auch wenn sie ihm die normale Erkrankung versichert hatte.
„Papa.“ Selbst die Freude in Lexys Tonfall war deutlich abgemildert. Als Cana Lexys Zimmer ebenfalls erreichte, sah sie Laxus neben dem Bett von Lexy knien, seine Hand auf ihren Kopf gelegt. Doch Lexys Blick sprudelte vor Glück nur so über und Cana lehnte sich an den Türrahmen, um diese Szene weiterhin zu beobachten.
„Ich bin krank. Mama sagt, ich habe Fieber und soll im Bett bleiben.“
„Du hast Fieber, das stimmt. Und du weißt, dass deine Mama recht hat. Wenn du im Bett bleibst, erholst du dich schneller.“
Lexy nickte und gähnte. „Ich bin müde“, murmelte sie und blinzelte mehrmals.
Cana beschloss, Lexy noch eine Runde schlafen zu lassen, bevor sie ihr die Suppe bringen würde. Doch Lexy machte ihr einen Strich durch die Rechnung, denn Cana sah, wie ihre Nase zuckte. Schlagartig verschwand die Müdigkeit aus Lexys Zügen und machte Begeisterung Platz. Offenbar hatte sich der Widerstand gegen Hühnersuppe wieder gelegt.
„Ich will die Suppe essen“, verkündete Lexy und rutschte etwas nach oben, bevor sie Anstalten machte, sich aufzusetzen. Auf halber Strecke hielt sie inne und verzog das Gesicht, zweifelsfrei aufgrund von hämmernden Kopfschmerzen.
Cana löste sich vom Türrahmen, doch Laxus hatte den Grund von Lexys Unwohlsein erkannt und griff wortlos zur Tasse, die nach wie vor auf Lexys Nachttisch stand. Der Tee war kalt, da Cana ihn vor ungefähr einer Stunde in die Tasse gegeben hatte, als Lexy den letzten Rest der vorherigen ausgetrunken hatte.
„Ich hole dir Suppe“, murmelte sie und verließ das Zimmer. Laxus wurde zum ersten Mal mit seiner kranken Tochter konfrontiert. Doch sein bisheriges Verhalten ließ Cana darauf schließen, dass er ein natürliches Talent für den Umgang mit erkrankten Kindern hatte. Denn sie wusste, wie unsicher sie bei Lexys erster Krankheit gewesen war. Im Gegensatz dazu strömte Laxus Ruhe und stille Gelassenheit auf, was sich unwillkürlich auf Lexy auswirkte, die sehr empfindsam auf Emotionen um sie herum reagierte.
Canas Überzeugung verstärkte sich nur, als sie mit dem Serviertablett und einer kleinen Schüssel Suppe zurückkam. Laxus hatte Lexy geholfen, sich aufzusetzen und das Kopfkissen hinter ihren Rücken drapiert, damit das hölzerne Kopfteil sich nicht unangenehm in diesen bohrte.
Als sie Lexy das Tablett auf deren Beine legte und diese anfing, die warme, nicht mehr heiße Suppe zu essen, spürte Cana einmal mehr eine tiefe Zufriedenheit in sich aufsteigen. Das hier waren die Augenblicke, die sie sich seit Lexys Geburt gewünscht hatte. Nicht unbedingt mit einer kranken Tochter, aber die Gewissheit, nicht mehr allein für sie verantwortlich zu sein und jegliche Ängste und Sorgen mit Laxus teilen zu können.
Trotz der kleinen Portion schaffte Lexy nur die Hälfte. Cana nahm das Tablett wieder an sich und brachte es wieder in die Küche, während Laxus Lexy half, sich wieder hinzulegen. Gerade als sie die Schüssel abgespült und wieder in den Schrank gestellt hatte, kam Laxus in die Küche.
„Schläft sie wieder?“, fragte sie ihn.
„So gut wie. Sie hat mir versichert, allein einschlafen zu können, damit ich dir helfen kann.“ Laxus schüttelte den Kopf, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Ich hätte nie gedacht, dass Lexy so einfach zu handhaben ist, wenn sie krank ist.“
„Ich war ebenfalls eine einfache Patientin, wenn ich wirklich krank war. Außer schlafen und ab und zu Flüssigkeit zu mir nehmen wollte ich nichts.“
Laxus schnaubte. „Ich war immer der Überzeugung, gar nicht so krank zu sein. Deshalb habe ich auf niemanden gehört, bis ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und ins Bett gebracht wurde. Selbst dann habe ich regelmäßig versucht, wieder aufzustehen, weil ich nicht krank sein wollte.“„Kam diese Haltung von dir oder von deinem Vater?“, fragte Cana behutsam und Laxus‘ Schweigen verriet ihr alles. Einmal mehr durchfuhr sie eine Welle der Fassungslosigkeit und des Ärgers gegenüber Ivan Dreyar. Einen starken, unabhängigen Sohn haben zu wollen, war eine Sache. Doch diesem bereits als Kind einzureden, dass Krankheiten Dinge waren, die starke Personen nicht befielen, war etwas völlig anderes. Um sich abzulenken, setzte sie heißes Wasser auf und legte einen Teebeutel neben die zweite Teekanne, die sie besaß. Mittlerweile war sie dazu übergegangen, für sich und Laxus direkt eine Kanne anstatt von einzelnen Tassen zu kochen.
„Wie lief der Auftrag?“
Laxus fuhr sich durch die Haare. „Einigermaßen gut. Allerdings gibt es etwas, das ich mit dir bereden muss. Es gibt einen Folgeauftrag. Diesen werde ich mit den Raijinshuu nächste Woche anfangen.“„Anfangen?“ Cana hakte nach, denn das war ein Ausdruck, den Laxus normal nicht in Bezug auf Aufträge nutzte. Und sein finsterer Gesichtsausdruck bestätigte ihr, dass dieser Auftrag nicht gewöhnlich war.
„Ja. Ich weiß nicht, wie lange wir weg sein werden. Die Details sind geheim, sonst würde ich dir den Grund nennen. Ich kann nur versprechen, so schnell wie möglich wieder in Magnolia zu sein.“
Cana zwang sich, unbeeindruckt mit den Schultern zu zucken und ein verkrampftes Lächeln aufzusetzen. „Das bringt das Leben eines Magiers mit sich. Außerdem habe ich …“
„Wie lange du allein für Lexy gesorgt hast, ist hier egal. Fakt ist, dass ich jetzt ebenfalls hier bin und wenn ich könnte, würde ich den Auftrag jemand anderem überlassen. Es geht nur nicht, so sehr ich mir das wünschen würde.“
„Es ist okay. Ich würde lügen, wenn ich meine Begeisterung darüber beteuerte, aber es wird schon funktionieren. Lexys letztes Training unter meiner Aufsicht lief ganz gut, denke ich, das wird auch während deiner Abwesenheit nicht anders sein. Notfalls frage ich den Master um Hilfe.“
Laxus trat an sie heran, schlang seine Arme um sie und legte sein Kinn auf ihrem Kopf ab. Das war seine Art, sich wortlos zu entschuldigen und ihr gleichzeitig für ihr Verständnis zu danken, das wusste sie. Deshalb erwiderte Cana die Umarmung wortlos und genoss einmal mehr die wortlose Kommunikation zwischen ihnen, die so viel mehr aussagen konnte als alle Beteuerungen dieser Welt.
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