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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
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10.06.2021 3.404
 
Kapitel 54 – Vererbter Stolz

In Canas Kopf überschlugen sich die Gedanken, während sie verzweifelt versuchte, diese zu einem vernünftigen Satz zu kombinieren.
„Wieso zusammenziehen?“, fragte sie nach ein paar Sekunden mit heiser Stimme.
Mit einem Klicken schaltete Laxus die Nachttischlampe an und setzte sich auf, um sie ernst anzublicken. „Weil man das normalerweise nach einer gewissen Zeit tut, wenn man eine ernsthafte Beziehung führt.“
„Wie genau stellst du dir das vor?“ Das sollte eine unverfängliche Frage sein, während Cana weiterhin ihre Gedanken sortieren konnte. Sie war vollkommen überfordert, denn an dieses Thema hatte sie bisher noch nicht gedacht. Genau genommen hatte sie sich verboten, daran zu denken, denn es gab Wichtigeres. Bis die Situation mit Lexy geklärt war.
„Ich habe die größere Wohnung. Es wäre die vernünftigste Lösung, wenn ihr beide zu mir ziehen würdet.“
In Cana regte sich Widerstand. Sie presste ihre Lippen zusammen und dachte angestrengt nach. Laxus‘ Wohnung war die größere, das stimmte. Aber sie verbrachten die meiste Zeit in ihrer Wohnung, auch weil hier der Großteil von Lexys Habseligkeiten war. Lexy hatte eine Handvoll Nächte bei Laxus geschlafen und Cana hatte noch nie bei ihm übernachtet. Wenn sie zu dritt den Abend verbrachten, war das bisher immer bei ihr geschehen. Laxus selbst war kaum in seiner Wohnung, eigentlich schlief er nur in dieser.
„Cana, ich werde nicht ausflippen, wenn du anderer Meinung bist. Solange du mit mir darüber sprichst. Ich sehe es in deinem Gesicht, wie sehr dein Kopf gerade arbeitet.“ Ein amüsierter Unterton lag in seiner Stimme und Cana entspannte sich wieder etwas.
„Es ist nur … Ich habe darüber nicht großartig nachgedacht.“ Nachdem dieses erste Geständnis über ihre Lippen gekommen war, sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus. „Ich meine, bis vor ein paar Wochen war ich noch etwas unsicher, was uns angeht, auch mit Lexy. Und dazu kamen die gesteigerten Anfälle, die hoffentlich stagnieren werden. Dazwischen noch meine Verletzung, unser Ausflug … Seit ich sicher bei unserer Beziehung bin, ist so viel geschehen. Da blieben keine Gedanken mehr an eine gemeinsame Wohnung, auch wenn ich mir das während meiner Zeit bei Blue Pegasus oft vorgestellt habe.“ Sie lächelte leicht, denn diese Vorstellung hatte ihr ihre Situation etwas erleichtert.
„Das war aber noch nicht alles.“
„Nein“, seufzte sie. „Deine Wohnung ist die größere, das stimmt. Aber wir sind kaum dort. Weder Lexy, weder ich noch du. Ich fühle mich in meiner Wohnung wohl und ich denke, Lexy tut das ebenfalls. Sie mit einem erneuten Umzug zu konfrontieren … Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“
Laxus seufzte, doch dann nickte er. „Ich verstehe. Es muss nicht sofort sein, behalte einfach den Gedanken im Hinterkopf. Vielleicht gewöhnst du dich mit der Zeit daran und bist zumindest etwas begeistert.“ Er schenkte ihr ein schiefes Grinsen. „Ich kenne dich. So reagierst du nur, wenn du einen Vorschlag ablehnst und nicht weißt, wie du es der anderen Person schonend beibringen sollst.“
„Weshalb du absichtlich bis jetzt gewartet hast, um mir das mitzuteilen. Wahrscheinlich wusstest du bereits bei meiner ersten Reaktion, wie ich über deinen Vorschlag denke.“
„Ab der ersten Frage.“
Cana verspürte kurz den Drang, ein Kissen nach ihm zu werfen, doch sie entschied sich für ein süßliches Lächeln. „Dir ist bewusst, dass Frauen in diesen Spielchen immer das letzte Wort haben, oder?“
Laxus zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Du kannst mir sowieso nicht widerstehen. Das habe ich während unseres Ausflugs mehrmals testen können.“
„Du bist ein arroganter Vollidiot.“
„Du liebst diesen arroganten Vollidioten. Und er dich ebenfalls. Also ist er dir auch nicht böse, wenn du dir Zeit lässt mit der Antwort. Schlaf einfach, Cana. Lexy wird morgen früh keine Rücksicht nehmen, ob jetzt schläfst oder erst in zwei Stunden.“ Laxus drehte sich zum und schaltete die Lampe wieder aus. Das Rascheln der Bettdecke verriet Cana, dass er sich wieder hinlegte, und sie tat es ihm gleich.
Doch sie starrte noch eine Ewigkeit an die Decke und dachte über das Gespräch nach, während neben ihr tiefe, gleichmäßige Atemzüge ertönten.

„Tochter, wir müssen uns unterhalten.“ Gildarts wartete Canas Erwiderung gar nicht erst ab, sondern legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie an den hintersten Tisch, an dem sie niemand stören würde.
Cana war verwirrt, ließ sich aber ohne Widerworte auf die Bank sinken. Laxus war heute früh mit den Raijinshuu auf einen Auftrag gegangen. Wegen diesem hatte sich Laxus‘ Team so merkwürdig verhalten, als die drei sie vor der Bahnhofshalle abgefangen hatten. Lexy war in der Vorschule und Cana hatte beschlossen, sich heute einen freien Tag zu genehmigen. Dank des letzten Auftrags von ihr und Laxus hatte sie eine ergiebige Summe Jewels verdient und konnte theoretisch für den Rest des Monats die Aufträge ausfallen lassen. Was sie nicht tun würde, aber der Berg Schmutzwäsche in ihrer Wohnung hatte wieder ein bedenkliches Ausmaß erreicht und deshalb wollte sie sich diesem widmen. Laxus würde Lexy nach seinem Auftrag abholen und mit ihr trainieren, also hatte sie auch den Nachmittag frei.
„Es geht um Laxus.“ Gildarts sah ungewohnt ernst aus und Cana runzelte die Stirn.
„Geht es nicht immer um Laxus?“
„Du willst nicht mit ihm zusammenziehen, nicht wahr?“
Cana zuckte ertappt zusammen, dann schenkte sie Gilarts einen misstrauischen Blick. „Woher weißt du von seinem Angebot?“
„Er war vorhin bei mir, bevor er mit den Raijinshuu in Richtung des Bahnhofs gelaufen ist. Eigentlich wollte er sich bei mir erkundigen, wie ich das damals mit Cornelia gemacht habe, aber darüber habe ich ihm keine Auskunft gegeben.“ Ein Schatten legte sich über Gildarts‘ Gesicht. Selbst nach all den Jahren fiel es ihm schwer, über seine verstorbene große Liebe zu sprechen, das wusste Cana. Er besaß seinen Ehering noch, dieser lag auf seinem Nachttisch. Damit er immer an Cornelia erinnert wurde, sobald er aufwache, hatte er einmal geäußert und schnell das Thema gewechselt.
„Wieso wollte Laxus mit dir über dich und Mama sprechen?“
Gildarts zwinkerte ihr zu. „Weil du Cornelia sehr ähnlich bist. Auch in dieser Hinsicht, wie ich seiner Schilderung des Gesprächs entnehmen konnte.“
„Und was hast du ihm erzählt?“ In Canas Magengegend machte sich ein mulmiges Gefühl breit, denn sie war sich über ihre innere Ablehnung selbst noch nicht im Klaren. Es lag nur teilweise daran, dass sie die meiste Zeit in ihrer Wohnung verbrachten, das hatte sie herausgefunden.
„Dass es mir nicht zusteht, ihm das zu erklären. Und wenn ich deinen Gesichtsausdruck betrachte, weißt du selbst nicht genau, warum du abgelehnt hast.“ Ein väterlicher Ausdruck von Stolz legte sich über Gildarts‘ Gesicht. „Es macht mich stolz, dass du mit diesem Problem zu mir kommst und das nicht allein mit dir ausmachst, so wie früher.“
„Streng genommen bist du zu mir gekommen und hast mit diesem Thema angefangen“, widersprach Cana halbherzig.
Gildarts zwinkerte ihr zu. „Das sind unbedeutende Einzelheiten. Aber du verweigerst dich dem Gespräch mit mir nicht, was ebenfalls ein Fortschritt ist. Du nimmst mein Angebot an, mit deinen Problemen jederzeit zu mir kommen zu können. Das ist es, was mich stolz macht.“
Cana senkte den Blick, während sich ihre Wangen leicht erhitzten. Über familiäre Gefühle zu sprechen, fiel ihr in Gegenwart von Gildarts noch immer nicht einfach. Zu viele Jahre hatte sie ihn aus der Ferne beobachtet. Diese kindliche Ehrfurcht vor seiner Person und seiner magischen Stärke war nach wie vor in ihr verankert, wenn auch weitaus geringer als damals. Doch ein letzter Rest war geblieben und würde nie vollständig verschwinden.
„Ich hole uns etwas zu trinken. Währenddessen kannst du darüber nachdenken, warum du Laxus‘ Angebot abgelehnt hast.“
Cana nickte und fing an zu überlegen. Leider kam sie bis zur Rückkehr von Gildarts zu keinen neuen Erkenntnissen. Als sie es ihrem Vater beichtete, grinste dieser nur breit.
„Ich habe nichts anderes erwartet. Du bist wie Cornelia, was diese Sache angeht.“
Cana umfasste ihre warme Tasse mit weißem Tee und blickte nachdenklich auf die leicht verfärbte Flüssigkeit. „Lexy kennt seine Wohnung kaum und ich ebenfalls nicht. Sie würde sich dort als Gast fühlen, während sie in meiner Wohnung zu Hause ist. Mir geht es ähnlich und auch Laxus verbringt mehr Zeit in meiner als in seiner Wohnung. Zwar ist seine größer, aber das spielt für mich keine Rolle. Ich mag meine Wohnung.“
„Du möchtest dort nicht ausziehen. Ist es nur dieser Grund? Oder gibt es noch etwas anderes? Etwas, das nichts mit Laxus zu tun hat, sondern mit deinem Empfinden?“
Cana runzelte die Stirn. Dann verstand sie, was Gildarts ihr mitteilen wollte, und sie blickte ihn verblüfft an. Offenbar kannte er sie in dieser Hinsicht besser als sie oder er hatte durch ihre Mutter Erfahrungen gesammelt.
Gildarts nickte zufrieden. „Genau das habe ich mir gedacht. Dir ist deine Unabhängigkeit sehr wichtig. Du hast keine Probleme damit, Laxus‘ für Lexys Vorschule zahlen zu lassen, weil du ihren sonstigen Unterhalt finanzierst und dir damit eine Gleichstellung verschaffst. Aber in Laxus‘ Wohnung zu ziehen und deine aufzugeben, würde dich abhängig von ihm machen. Denn er besitzt diese Wohnung und wohnt dort nicht zur Miete.“
„Hattest du die gleiche Diskussion mit …?“ Cana brach ab, als Gildarts den Kopf schüttelte.
„Nein. Wir haben zusammen in ihrer Wohnung gewohnt. Cornelia wollte nicht in mein kleines Haus ziehen, sondern in ihrer Mietwohnung bleiben. Da diese mitten in Magnolia lag, war mir diese Lösung lieber, denn der Weg zur Gilde war nicht allzu weit. Außerdem war ich selten in der Stadt, weshalb es für mich fair war, ihr ihre vertraute Umgebung zu lassen. Das war ihr ausschlaggebendes Argument, auch wenn sie auch ihren Wunsch nach Unabhängigkeit geäußert hat, falls etwas schief gehen sollte.“ Cana sah, wie mit jedem Satz der Schmerz in Gildarts‘ Augen stärker wurde. „Vielleicht wusste sie damals auch schon, wie es enden würde, denn keiner von uns beiden wollte nachgeben. Ich wollte weiterhin meine Aufträge erledigen, die mich wochen- oder monatelang von der Gilde fernhielten, sie wollte nicht ihre restliches Leben auf mich warten müssen.“
„Mama hätte es getan. Sie wollte nur nicht, dass ich unter diesen Umständen aufwachse.“ Cana gestand dies mit belegter Stimme. Den Grund für das Verschwinden ihrer Mutter hatte sie in ihrem Testament erfahren, ebenso wie die Existenz ihres leiblichen Vaters.
„Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich andere Aufträge angenommen. Niemals in meinem Leben hätte ich das Aufwachsen meiner Tochter verpasst.“ Gildarts‘ Stimme zitterte etwas.
„Du warst damals erst 27 Jahre alt. Außerdem ist es trotz der Umstände ganz gut geworden mit unserem familiären Umgang, nicht wahr?“
Gildarts‘ Nicken erleichterte Cana mehr, als sie gedacht hatte. Doch sein wehmütiges Lächeln blieb. „Vielleicht hätte ich aber das Familienleben auch in diesem Alter geliebt. Eine kleine Tochter zu haben, die mich jeden Tag anhimmelt, und vielleicht sogar weitere Kinder zu bekommen. Auch wenn wir dafür ein neues Haus hätten bauen müssen, denn eigentlich hatte ich mir immer mindestens drei Kinder gewünscht.“
Cana zog erstaunt die Augenbrauen empor, denn darüber hatte sich Gildarts noch nie geäußert. „Du wirst mehr Enkelkinder bekommen als eins“, murmelte sie etwas verlegen.
Das ließ Gildarts freudig strahlen, auch wenn sie ihm einen warnenden Blick zuwarf.
„Nicht jetzt, aber irgendwann. Laxus und ich haben darüber geredet. Wir beide fanden das Dasein als Einzelkind langweilig, nachdem wir in die Gilde gekommen waren.“
„Dann könntet ihr die Entscheidung, welche Wohnung ihr nehmt, einfach überspringen und direkt ein größeres Haus kaufen.“ Gildarts‘ Einwand war gerechtfertigt.
Cana sog ihre Unterlippe zwischen ihre Zähne und biss leicht auf diese, während sie sich dieses Szenario durch den Kopf gehen ließ. Während sich keine Begeisterung in ihr breitmachte, verspürte sie zumindest keine Ablehnung gegen diesen Vorschlag.
Nach einigen Sekunden nickte sie langsam. „Es könnte die richtige Entscheidung sein. Wenn es ein Haus in Magnolia gibt, das mir gefällt. Laxus wird es wahrscheinlich direkt kaufen wollen.“ Sie verzog kurz das Gesicht, denn ihre unterschiedlichen finanziellen Verhältnisse nagten etwas an ihr. Auch wenn es keine Rolle spielen sollte, fühlte sie sich, als ob sie Laxus‘ Wohlstand ausnutzen würde. Und selbst wenn sie ihm anbieten würde, die Kosten für das Haus zu teilen, würde er darauf bestehen, es selbst zu kaufen. Womit sie wieder beim Thema Abhängigkeit war.
„Jetzt hör auf, dir unnötige Gedanken darüber zu machen. Ich weiß, dir gefällt es nicht, dich jemandem verpflichtet zu fühlen. Aber bedenke einfach, dass du seit Lexys Geburt allein für ihren Unterhalt aufgekommen ist. Sieh ein Haus einfach als Ausgleich dafür, wenn du dich damit besser fühlst.“
„Das ist nicht so einfach, wie du es sagst“, murmelte Cana mit Protest in der Stimme, doch Gildarts winkte ab.
„Es kann einfach sein. Nur hast du das gleiche Problem wie deine Mutter und das ist der Stolz. Cornelia musste auch immer überzeugt werden, etwas anzunehmen. Sieh das ganze aus umgekehrter Perspektive: Wenn du wohlhabender wärst als Laxus, würdest du sein Angebot annehmen, für die Hälfte eines Hauses aufzukommen?“ Cana schwieg, denn sie und Gildarts kannten beide die Antwort.
Gildarts wartete einen Moment, dann nickte er bedächtig. „Genau. Du hast ihm eine Tochter geschenkt, die ein wunderbares Kind ist. Dafür hast du etliche Konsequenzen auf dich genommen, ohne dass dich jemand dazu gezwungen hätte. Das sind Dinge, die man nicht mit Geld aufwiegen kann. Und egal, wie ihr euch entscheidet: Sei ehrlich zu ihm, was deine Meinung angeht. Er war heute Morgen weniger irritiert über deine Ablehnung als über die Erkenntnis, dass du ihm nicht alles erzählt hast.“
„Danke. Manchmal fällt es mir schwer, mich selbst zu verstehen“, antwortete Cana halb im Scherz. Dann seufzte sie. „Das macht es nicht einfacher, noch einmal mit Laxus darüber zu reden. Ich weiß, dass er verletzt war, auch wenn er versucht hat, das zu verbergen.“
„Vielleicht wird es auch nicht so schlimm, wie du befürchtest. Du musst nur ehrlich zu ihm sein, egal wie schwierig das auch sein mag. Außerdem haben wir eine weitere Möglichkeit gefunden, damit ihr beiden auf neutralem Boden startet. Das beweist, dass es dir auch wichtig ist. Denn ihr beide seid euch seit Jahren darüber im Klaren, was ihr füreinander empfindet und wie ernst eure Beziehung ist, ganz unabhängig von Lexy. Deshalb wird auch niemand Andeutungen darüber machen, ob ein Zusammenziehen nicht zu früh wäre. Nur für den Fall, dass dich diese Tatsache auch beschäftigen sollte.“ Gildarts verschränkte die Arme. „Und nun möchte ich über meine Enkelin informiert werden. Ich weiß, die letzte Sitzung bei der Heilerin ist nicht allzu positiv verlaufen. Aber ich möchte von dir genau wissen, wie es um Lexys Gesundheit steht.“
Cana spürte wie jedes Mal, wenn sie an das drohende Schicksal von Lexy dachte, wie sich in ihrem Magen ein bleierner Klumpen der Angst manifestierte. Doch Gildarts hatte recht, sie musste auch diese Entwicklungen allen Familienmitgliedern mitteilen. Laxus hatte es dem Master vermutlich schon erzählt und Gildarts war ihre Aufgabe, das wusste sie. Also holte sie tief Luft, sammelte sich und fing an, von der letzten Sitzung bei Lupita zu erzählen.

Cana warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits Abend war. Seufzend stand sie von ihrem Sitzplatz auf und warf einen entschuldigenden Blick in die Runde.
„Ich muss so langsam nach Hause. Laxus sollte mit Lexy bald eintreffen.“ Die anderen, bestehend aus Juvia, Levy und Lucy, nickten und verabschiedeten sich von ihr.
Suchend ließ Cana ihren Blick durch die Gildenhalle schweifen, doch Gildarts war nirgends zu sehen. Er musste schon gegangen sein. Was nicht verwunderlich war, denn er hatte ihr nach ihrem unerfreulichen Gespräch über Lexy erzählt, am nächsten Tag vor Sonnenaufgang zu einem neuen Auftrag aufbrechen zu müssen. Cana hatte nicht genauer nachgefragt, denn es war ein S-Klasse-Auftrag und je weniger Informationen sie hatte, desto weniger Sorgen konnte sie sich machen. Denn das tat sie, egal wie oft sie sich selbst innerlich dafür auslachte. Doch S-Klasse-Aufträge waren gefährlich, teilweise nahm Gildarts sogar SS-Klasse-Aufträge an.
Laxus würde mit Lexy unzweifelhaft zur Gilde kommen. Deshalb wartete Cana ein paar Meter vom Eingang der Gildenhalle entfernt. Wenige Minuten später erkannte sie in der Ferne eine hoch gewachsene, breite Gestalt mit blonden Haaren, die nur Laxus sein konnte.
Cana lief ihm langsam entgegen und erkannte etwas später auch Lexy, die er auf den Rücken genommen hatte, wo sie offenbar schlief.
„Frag mich nicht, warum sie schläft. Ich habe das Training abgebrochen, weil sie so erschöpft war. Vermutlich hatte sie einen schlechten Tag, was ihre Magie angeht. Das ist in diesem Alter nicht ungewöhnlich, ich hatte das ebenfalls.“ Dennoch drehte Laxus leicht den Kopf, um einen prüfenden Blick auf Lexy zu werfen.
Doch diese hatte sich nicht gerührt, sondern schlief ungestört weiter und Cana legte Laxus beruhigend eine Hand auf den Unterarm.
„Vielleicht muss sie Schlaf nachholen. Ich weiß nicht, wie viel sie bei Makarov geschlafen hat, denn dort war es mit Sicherheit viel zu aufregend, um frühzeitig schlafen zu gehen.“
„Das kann natürlich sein.“ Langsam setzten sie sich wieder in Bewegung, dieses Mal die Richtung zu Canas Wohnung einschlagend.
Nach den ersten Minuten einträglichem Schweigen räusperte sich Cana. „Ich habe mit Gildarts gesprochen. Er hat von deinem Besuch erzählt.“ „Ah.“
„Ich habe dir nicht alles gesagt, auch wenn mir das selbst nicht bewusst war.“ Cana atmete tief durch und konzentrierte sich auf den unebenen, gepflasterten Boden unter ihren Füßen. „Eigentlich ist es vollkommen dämlich, aber ich kann dieses Gefühl nicht abschütteln. Deine Wohnung … Sie gehört dir. Du hast dort über ein Jahrzehnt gewohnt und dort einzuziehen, würde mir wie ein Eindringen vorkommen. Das heißt nicht, dass ich einem Zusammenziehen abgeneigt bin, im Gegenteil. Aber ich würde es gern langsam angehen lassen. Und etwas Neues suchen, in das wir gemeinsam einziehen.“ Jetzt war es heraus und sofort spürte sie, wie sich ihre innere Anspannung löste.
„Das war alles?“ Laxus klang nahezu belustigt. „Das mit meiner Wohnung hätte ich mir eigentlich denken können. Immerhin geht es mir ähnlich bei dem Gedanken, in eure Wohnung zu ziehen. Denn es ist eure Wohnung und wird es für mich immer bleiben. Eine gemeinsame Wohnung klingt sinnvoll, egal wie viel Zeit wir uns dabei lassen.“
„Das war noch nicht alles“, entgegnete Cana, doch ihr Herz war bereits bedeutend leichter. „Ich wollte dir nicht zur Last fallen, deshalb …“
„Wenn du mir jetzt sagst, die Hälfte zahlen zu wollen, kannst du das direkt wieder vergessen“, unterbrach Laxus sie. „Du weißt genau, wie egal mir Geld ist und wenn ich es für uns verwenden kann, ist es mir jeden Jewel wert.“
„Das hat mir Gildarts bereits ausgeredet, keine Sorge. Und genau das war auch der Grund, warum ich deine Wohnung abgelehnt habe. Gildarts hat mich aber auf etwas anderes aufmerksam gemacht. Beide unserer Wohnungen werden zu klein sein, wenn … wenn Lexy kein Einzelkind bleiben soll.“
Laxus blieb abrupt stehen, weshalb Cana es ihm gleichtat. Sie blickte ihn an und sah, wie er Lexy ein Stück nach oben schob, während er sie mit großen Augen anblickte.
„Warum siehst du mich mit diesem Blick an?“
Laxus blinzelte. „Weil deine Aussage überraschend kommt.“
„Wir haben mehrmals darüber geredet.“
Laxus griff bei Lexy noch einmal nach, bevor er antwortete. „Über weiteren Nachwuchs reden, ist eine Sache. Bei der Wahl eines neuen Zuhauses diesen bereits miteinzuplanen, eine andere. Es klingt viel sicherer, verstehst du? Ich meine, vor eurer Rückkehr nach Magnolia habe ich mir nie groß Gedanken um Kinder gemacht. Einfach, weil mir die Partnerin dafür gefehlt hat. Aber als ich dich mit Lexy gesehen und erkannt habe, wie glücklich sie dich macht, hat sich in mir etwas verändert. Und als ich darauf gekommen bin, dass Lexy meine Tochter ist, kam der Wunsch nach weiterem Nachwuchs. Ganz egal, wie sehr wir uns auch gestritten haben. Oder diese Gedanken trugen eine Mitschuld, denn sie machten mir Angst. Jetzt hingegen, nachdem wir eine ernsthafte Beziehung führen, ganz unabhängig von Lexy, fühlt es sich natürlich an. Und wenn wir uns nach einer großen Wohnung, vielleicht sogar einem Haus umschauen, das zu einer Familie mit mehreren Kindern passt … Dann ist das alles Realität. Und das macht mir noch nicht einmal Angst.“
Cana stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Laxus. Ohne Hintergedanken, einfach nur aus Dankbarkeit. Und seiner Reaktion zufolge, wie weich seine Lippen nach dem ersten Moment wurden und wie sanft er ihre Lippenbewegungen erwiderte, empfand er in diesem Moment die gleiche Emotion.
„Es tut mir leid, dass ich dir das nicht gleich gesagt habe.“ Cana hatte sich von ihm gelöst und blickte ihn entschuldigend an.
Laxus prustete leise. „Du bist vieles, aber nicht unkompliziert. Keine Sorge, das habe ich bereits vor Jahren erkannt und ich bin die letzte Person, die sich darüber beschweren kann. Solange du dir auf den Zahn fühlen lässt, bis du wirklich alle Gedanken offengelegt hast, kann ich mit deiner Kompliziertheit leben.“
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