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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
37
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03.06.2021 3.623
 
Kapitel 53 - Klarheit

Levy schaute zu dem verschlossenen Gesicht neben ihr empor und legte den Kopf schief. „Bist du dir sicher?“
Gajeel nickte. „Dank Juvia und deinen idiot…“ – bei ihrem warnenden Blick räusperte er sich mitten im Wort – „deinen Teamkameraden wird jeder wissen, wo du im Moment wohnst. Da ich keine Lust auf neugierige Fragen die nächsten Wochen habe, können wir uns die gleich vom Hals schaffen. Händchenhalten ist nicht meins, aber ich werde es überleben. Für die paar Sekunden von der Eingangstür zu meinem Stammtisch in der Gildenhalle zumindest.“
Levy presste die Lippen zusammen, um nicht in Gelächter auszubrechen. Jetzt, da sie und Gajeel ihren Beziehungsstand geklärt hatten, machten ihr derlei Bemerkungen nichts mehr aus. Im Gegenteil, sie fand diese sogar erheiternd. Gajeel war keine einfache Persönlichkeit, ebenso wenig war er einfühlsam oder taktvoll. Jetzt, da sie sich über ihre Position in seinem Leben im Klaren war, konnte sie auch härtere Kommentare verarbeiten. Außerdem hatten ihr die letzten Jahre schmerzhaft klargemacht, wie wichtig eine offene Kommunikation war, und sie vertraute darauf, ihre Sorgen Gajeel mitteilen zu können. Im Gegensatz zu früher würde sie Bemerkungen, die sie verletzten, nicht hinunterschlucken, sondern diese Reaktion Gajeel mitteilen.
Sie waren vor der Gildenhalle angekommen und Gajeel blieb vor den noch geschlossenen Türen stehen, während er tief durchatmete.
Levy blieb neben ihm stehen und wartete ab, bis er sich überwunden hatte und nach ihrer Hand griff. Das war ein eindeutiges Zeichen für Gajeel und würde als solches auch in der Gilde wahrgenommen werden. Mit einem Ruck drückte er die Gildentüren auf und lief in seinem gewohnten Tempo in die Gildenhalle, die Schritte in Richtung seines Tisches lenkend.
Levy spürte, wie ein paar Augenpaare über sie glitten und an ihren verschränkten Fingern hängen blieben, während ein paar Gespräche verstummten. Doch die meisten Gildenmitglieder besaßen die Geistesgegenwart, ihre Unterhaltungen nach einer Sekunde der Überraschung wieder nahtlos aufzunehmen. So kam Levy mit Gajeel ohne Hindernisse an ihrem Tisch an, an dem Gajeel Levys Hand wieder losließ und sich räusperte.
„Ich hole uns etwas zu trinken“, murmelte er und machte sich auf den Weg zum Tresen, an dem Mira bereits ein unheilvolles Lächeln aufgesetzt hatte.
Mitfühlend verzog Levy das Gesicht, denn das würde länger dauern. Mira war gnadenlos, wenn sie etwas wissen wollte. Ebenso wie–
„Levy!“ Im nächsten Moment wurde Levy von hinten umarmt und an eine ausladende Brust gedrückt, die sie sehr gut kannte. Genau das war die zweite Person, die nicht lockerließ, bis sie alle Einzelheiten erfahren hatte.
„Hallo Lucy.“ Ihre Stimme klang wenig begeistert, doch davon ließ sich ihre beste Freundin natürlich nicht stören und setzte sich auf die leere Bank gegenüber von Levy.
„Ich glaube, du musst mir etwas erzählen.“ Lucy grinste sie breit an und verschränkte die Hände, um ihr Kinn auf diese zu legen. Ihre braunen Augen sprudelten vor Vorfreude und Spannung regelrecht über und Levy fügte sich in ihr Schicksal.
Doch nicht ohne vorher einen prüfenden Blick in die Runde geworfen zu haben. Dann erst beugte sie sich zu Lucy hin, um leiser sprechen zu können.
„Das eben war Gajeels Idee“, flüsterte sie und Lucy beugte sich ebenfalls etwas weiter zu ihr. „Er will nicht ständig beobachtet werden. Deshalb diese kleine Demonstration, auch wenn wir noch längst nicht so weit sind.“
Lucy hatte den darunterliegenden Sinn ihrer Worte natürlich verstanden. „Aber das wird sich irgendwann ändern. – Ehrlich gesagt, hätte ich das nicht von Gajeel erwartet. Nicht, dass er nicht planen kann. Doch seine Abneigung, über sein Privatleben freiwillig etwas preiszugeben, schien mir immer das Wichtigste für ihn zu sein. Vielleicht ändert sich das durch dich. Spätestens, wenn es um eine Verlobung oder etwas anderes geht.“
Levy schnaubte. „Bevor wir über meine Verlobung reden, solltest du dich eher deiner widmen. Wie viele Jahre erträgst du Natsu schon? Drei?“
Lucy seufzte. „Mehr als drei Jahre. Wir haben noch nie über das Thema gesprochen. Ich bin nicht sicher, ob Natsu überhaupt über Verlobung und eine Hochzeit nachdenkt. Du weißt, er hat keine gewöhnliche Erziehung durchlaufen und ich bin nicht sicher, ob Igneel diese Themen besprochen hat. Soweit ich weiß, gibt es keine Ehen unter Drachen. Sie nehmen sich Gefährten. Für ein Jahr, ein Jahrzehnt oder länger, bis hin zum Rest ihres Lebens.“
„Dir ist bewusst, dass Gajeel ebenfalls von einem Drachen aufgezogen wurde?“
Lucy zuckte mit den Schultern. „Gajeel ist allerdings … Ich würde nicht normaler sagen, aber in dieser Hinsicht … menschlicher? Sozial kompetenter? Natsu hat seine Schwächen, was bestimmte Themen angeht, das wusste ich schon immer. Sonst hätte ich damals nicht den Großteil der Arbeit übernommen, was unsere anfängliche Beziehung anging. Zugegeben war ich mir sehr sicher, was seine Gefühle anging, sonst hätte ich das nie getan.“
„Ich verstehe, was du ausdrücken willst. Natsu ist Natsu, egal wie alt er auch ist. Gajeel hingegen ist ein Einzelgänger, das weiß ich. Doch ich kann damit ebenso gut leben wie du mit Natsu. Meistens jedenfalls“, murmelte sie, als ihr Blick auf einen starr an dem Tresen stehenden Gajeel fiel, der offenbar eine Predigt von Mira über sich ergehen lassen musste. Unwillkürlich verzog sie mitfühlend das Gesicht, denn diese Predigten kannte sie sehr gut. Sie waren alles andere als angenehm, denn auch wenn Mira als Kupplerin kläglich versagte, war sie ein Genie darin, die richtigen Worte im richtigen Moment zu finden.
„Mira grillt Gajeel regelrecht. Ich hoffe, er war sich dessen auch bewusst. Da Erza nach unserem Auftrag ohne Pause weiter gereist ist, wird Mira ihre Rolle als drohendes Familienmitglied ausfüllen.“ Wohin Erza gegangen war, wusste jeder. Ein gewisser blauhaariger Magier war stets ihr Ziel, sobald sie Magnolia allein verließ. „Doch um zurück auf das Thema zu kommen: Wie ich sehe, habt ihr euch endlich ausgesprochen und seid zu einer Übereinkunft gekommen.“
Levy konnte in Lucys Augen Restzweifel erkennen und lächelte. „Ich war diejenige, die gezögert hat. Bis ich endlich verstanden habe, wie sehr ich unter dieser ungewissen Situation leide. Weshalb ich für mich beschlossen habe, endlich unsere Beziehung zu klären. Es hat funktioniert, wie du siehst. Nur will ich das alles langsam und ungestört angehen lassen. Auch vor der Gilde. Jet und Droy wissen über meine Entscheidung Bescheid, sie werden sich nicht einmischen. Außerdem scheinen sie mit Gajeel geredet zu haben, denn sie sind relativ gut auf ihn zu sprechen. Nun, so gut, wie man auf Gajeel zu sprechen sein kann.“
„Ich werde kein Wort weitererzählen, das weißt du. Ich wollte es nur noch einmal aus deinem Mund hören, auch wenn die Szene vorhin sehr eindeutig für alle hier war. Wenn ihr euch die nächsten Tage nicht in der Gildenhalle sehen lasst, wird sich die Aufregung auch wieder legen. Vor allem, wenn ihr weiterhin normal miteinander umgeht. Du weißt ja selbst, wie langweilig der normale Umgang von Paaren ist.“
Levy grinste und neigte ihren Kopf in Richtung der Eingangstür. „Apropos Paare. Wieso kommt Cana allein in die Gildenhalle?“
Ruckartig drehte sich Lucy zur Tür um und winkte Cana zu ihrem Tisch. Diese blickte zu ihnen hinüber und kam zu ihnen an den Tisch gelaufen.
Levy beobachtete Cana aufmerksam, doch abgesehen von ihrer alleinigen Ankunft schien nichts außergewöhnlich zu sein.
„Wo hast du Laxus gelassen?“
„Euch auch einen guten Tag“, antwortete Cana mit einem Hauch Sarkasmus, während sie sich neben Lucy auf die Bank setzte. „Sein Team hat uns abgefangen und mir wenig subtil mitgeteilt, mit ihm allein sprechen zu wollen.“
Levy nickte, dann runzelte die Stirn, denn ihr war etwas anderes an Canas Verhalten aufgefallen. Bei der Erwähnung von Laxus‘ Namen hatte sie diesen verträumten Blick, den sie von Juvia kannte, wenn sie über die Nächte mit Gray sprach. Ganz zu schweigen von der Vorsicht, mit der sich Cana auf die Bank gesetzt hatte.
„Ah. Immerhin bist du während des Ausflugs auf deine Kosten gekommen, wie ich sehe?“
Cana grinste verschwörerisch. „Laxus ebenfalls. Abgesehen davon war es perfekt. Obwohl ich anfangs nervös war.“
„Kein Wunder. Wenn Lexys Zeugung das erste und einzige Mal Sex in deinem Leben gewesen ist, kann ich das voll und ganz nachvollziehen.“ Erst nachdem Lucy diese Aussage getätigt hatte, schien sie zu bemerken, was sie von sich gegeben hatte. Als Reaktion darauf lief sie scharlachrot an und hob die Hände. „Ich meine, ich … Das war …“
Cana winkte nur lachend ab. „Du hast ja recht. Und es ist nicht so, dass ich daraus ein großes Geheimnis gemacht habe. Mich würde eher interessieren, was die Raijinshuu von Laxus wollen, aber er wird es mir vermutlich sowieso erzählen.“
Levy warf einen Blick zum Tresen, an dem Gajeel noch immer von Mira belagert wurde. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Master nicht dort war, sondern wahrscheinlich in seinem Büro war. „Vielleicht hat der Master mit Laxus‘ Team in seinem Büro geredet? Ich bin erst vor Kurzem in die Gilde gekommen, Lucy sollte mehr darüber wissen.“„Der Master ist seit heute Morgen in seinem Büro. Und ich glaube, die Raijinshuu waren für eine kurze Zeit ebenfalls dort, wenn ich mich richtig erinnere. Nachdem sie von ihrem Auftrag zurückgekehrt sind.“ Lucy legte die Stirn in Falten. „Ja. Direkt nachdem sie in der Gildenhalle waren, ist Mira zu ihnen an den Tisch geeilt und hat ein paar kurze Sätze mit ihnen gewechselt. Evergreen, Bixlow und Freed sind bald darauf zum Büro des Masters gelaufen.“
„Nun, ich werde es herausfinden oder nicht“, murmelte Cana. In diesem Moment schwang die Tür der Gildenhalle auf und ein Blick auf Canas Gesicht reichte für Levy, um zu wissen, wer genau angekommen war. Doch Cana blieb sitzen, auch wenn sie ihren Arm kurz anhob.
„Du musst nicht hierbleiben“, sagte Levy amüsiert, doch Cana schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht ständig an Laxus kleben. Er sollte auch einmal Freizeit haben. Und ehrlich gesagt, gefällt mir unsere kleine Runde hier gerade sehr. Es ist ewig her, seit wir drei uns allein unterhalten haben. Ohne irgendwelche Partner oder andere männliche Personen.“
Diesen Worten konnte Levy nur zustimmen, denn Cana hatte recht. Natürlich war sie meist diejenige, die in Gesellschaft von Laxus und damit einer männlichen Person war, doch durch die Kürze ihrer Beziehung war das verständlich.
„Das heißt, du kannst Gajeel direkt wegschicken, wenn er hier ist. Denn er läuft gerade wieder auf uns zu. – Nein, nicht mehr. Er ist stehen geblieben und hat sich zu Natsu gesetzt. Oh, und er gibt ihm dein Getränk, also werden wir uns wohl selbst etwas holen müssen.“ Lucy seufzte und stand auf. „Ich werde das übernehmen. Bei mir besteht die geringste Chance, von Mira aufgehalten und minutenlang in Bezug auf meine Beziehung durchlöchert zu werden, dafür sind Natsu und ich schon zu lange zusammen.“
„Auf dass deine Worte der Wahrheit entsprechen“, entgegnete Levy mit übertrieben heroischem Tonfall, woraufhin alle drei Magierinnen in Gelächter ausbrachen.

+++


Cana streckte genüsslich ihre Arme über ihren Kopf und dehnte sich ausgiebig, während sie laut ausatmete. Nach dem stundenlangen Sitzen auf den Holzbänken der Gildenhalle protestierte ihr Rücken, das hatte sie heute einmal mehr gemerkt. Doch die tiefgründigen Gespräche mit Lucy, Levy und später auch Juvia hatten das wettgemacht.
„Mama, warum stöhnst du?“
Cana ließ ihre Arme wieder sinken und blickte auf Lexy hinab. „Ich stöhne nicht, ich atme. Mein Rücken tut weh und das Strecken war sehr angenehm, deshalb das Geräusch.“
„Das klang wie ein Stöhnen. Maly hat erzählt, seine Mama hat bei der Schwangerschaft auch oft gestöhnt.“ Natürlich war diese Logik für eine Sechsjährige unschlagbar.
„Nun gut, dann habe ich eben gestöhnt.“
„Sag ich doch!“
Cana verdrehte gedanklich ihre Augen. Manchmal waren Kinder wirklich anstrengend, vor allem in solchen Diskussionen.
Das amüsierte Hüsteln neben ihr bestätigte ihr diese Ansicht, denn Laxus schien das sehr interessant zu finden. Oder nicht. Denn sein Blick war nicht amüsiert, eher erhitzt.
Nun rollte sie doch mit den Augen, wenn auch in seine Richtung. Die Richtung, die seine Gedanken eingeschlagen hatte, war unschwer erkennbar, denn sie spürte diese Hitze auch in sich aufsteigen. Das vertraute Kribbeln im Magen war nun noch schwieriger zu verdrängen, weil sie wusste, zu welchen anderen Gefühlen sich dieses entwickeln konnte. Dabei hatte sie gedacht, es würde jetzt einfacher werden, doch offensichtlich hatte sie dort falschgelegen.
„Lexy, es gibt etwas, worüber wir reden sollten.“ Laxus‘ Tonfall war ernst und Cana sah, wie sich ihre Tochter unwillkürlich aufsetzte. Soweit das auf dem Sofa ging, aber ihre Augen waren groß geworden und blickten Laxus fragend an.
„Was? Wenn Gramps etwas über die Vorschule erzählt hat, stimmt das nicht! Es war ganz anders, aber Ophelia wollte mir nicht zuhören und hat lieber auf Melika gehört, weil sie geweint hat. Dabei hat Maly auch alles mitbekommen und Blue auch.“ Lexy hatte trotzig die Unterlippe vorgeschoben und die Arme nach ihrem kleinen Ausbruch verschränkt.
„Vorschule? Nein, darüber weiß ich nichts. Aber darüber werden wir reden müssen, wie es aussieht. Eigentlich ging es um etwas anderes.“
„Oh. Okay.“ Sofort entspannte sich Lexy, wie Cana feststellte, doch dieses Thema war nicht erledigt. Da stimmte sie mit Laxus überein. Auch wenn sie nicht wusste, worauf Laxus eigentlich hinauswollte. Deshalb begnügte sie sich damit, beide aufmerksam zu beobachten. Dabei bemerkte sie, wie unsicher, nahezu nervös, Laxus aussah und sie setzte sich etwas auf, um notfalls einzuspringen.
„Du weißt, dass deine Mutter und ich dich sehr lieben. Es immer tun werden. Deshalb darfst du das, was ich dir jetzt sage, nicht als Zeichen dafür sehen, dass wir das nicht mehr tun.“ Lexy nickte, doch ihr Blick blieb fragend. „Weißt du, wenn man größer ist, muss man bestimmte Dinge tun. Dinge, die einem nicht unbedingt gefallen, aber die als höflich angesehen werden. Dazu gehört es, anzuklopfen, bevor man eine Tür öffnet.“
Nun fiel es Cana wie Schuppen von den Augen und sie musste sehr an sich halten, weiterhin unbeeindruckt zu tun. Das war ein Thema, das sie vorher nie mit Lexy besprechen musste. Zwar hatte sie mit Laxus darüber geredet, aber bisher hatte sie nie den Mut gehabt, das gegenüber Lexy anzusprechen. Fast war sie froh, dass es Laxus tat, denn das war für Lexy vielleicht einfacher zu akzeptieren.
„Ich kann anklopfen.“ Lexy klang so selbstzufrieden wie ihr Vater manchmal und Cana unterdrückte ein Schmunzeln, während sie weiterhin stumm zuhörte.
„Zum Anklopfen gehört aber auch der Teil, in dem man wartet, bis man die Erlaubnis erhält, in den Raum zu gehen.“
„Und wenn mir niemand antwortet?“
„Dann klopfst du noch einmal und zählst langsam bis zehn. Wenn dann niemand geantwortet hat, darfst du die Tür aufmachen.“
„Warum soll ich das machen? Ich bin bisher auch immer ohne Anklopfen in einen Raum gelaufen.“
„Weil es Dinge gibt, für die du zu jung bist. Du musst auch nicht bei jeder Tür anklopfen. Eigentlich war das speziell für die Schlafzimmertür von Cana gedacht. Und für meine in meiner Wohnung.“
Lexy biss sich auf die Lippe und senkte den Blick, um mit dem Saum ihres Oberteils zu spielen.
„Lexy. Du kannst fragen, ich werde nicht sauer sein. Versprochen“, murmelte Laxus und Cana war erstaunt, wie weich seine eher raue Stimme wurde. Bisher war ihr das nie aufgefallen, aber allein der Tonfall sprach von der innigen Liebe, die Laxus für seine Tochter empfand.
„Und wenn ich Albträume habe?“, flüsterte Lexy.
Laxus fuhr ihr sanft durch die Haare. „Wenn du Angst oder Schmerzen hast oder dich nicht gut fühlst, ist Höflichkeit egal. Dann kannst du einfach so in das Zimmer kommen. Es geht nur darum, dass man das normalerweise macht. Aber wenn es dir nicht gut geht, ist das wichtiger.“
„Okay.“ Lexy sah für einen Moment glücklich aus, dann runzelte sie die Stirn. „Klopft ihr bei mir auch?“
„Wenn du das willst, ja.“
Lexy überlegte sehr lange. „Nur, wenn ich es euch sage, dass ihr anklopfen müsst. Zum Beispiel, wenn ich eine Überraschung für euch mache, dann dürft ihr die nicht sehen.“
Laxus nickte mit einem breiten Grinsen, dann griff er Lexy unter die Achseln und setzte sie sich auf seinen Schoß. „Und jetzt erzählst du uns, was heute in der Vorschule war.“
Cana zog anerkennend die Augenbrauen hoch. Denn Laxus hatte Lexy auf seinen Schoß gesetzt, um sie an einer schnellen Flucht zu hindern. Das war ihm einmal passiert, als Lexy etwas nicht hören wollte. Mitten in der Gildenhalle war ein entnervter Laxus hinter Lexy hergeeilt, die den Größenvorteil ausgenutzt und sich nach ein paar Metern unter einem der Tische verkrochen hatte. Laxus hatte unter den Tisch kriechen und seine Tochter hervorziehen müssen, sehr zur Erheiterung aller anwesenden Gildenmitglieder. Wobei diese Erheiterung nach einem zornerfüllten Blick von ihm schlagartig verpufft war, was auch mit den Blitzen zusammenhing, die um ihn herum erschienen waren.
„Nichts“, murmelte Lexy und fing an, mit den Beinen zu schaukeln. Leider hatte sie nicht bedacht, dass hinter ihren Fersen noch ein weiteres Paar Beine war und so stieß Laxus einen schmerzerfüllten Laut aus, als die Fersen von Lexy zielsicher seine Schienbeine trafen. Lexy zuckte zusammen und drehte ihren Kopf um. „Tut mir leid!“
Cana prustete leise, was ihr einen erbosten Blick von Laxus einbrachte. Diesen konterte sie einfach mit einem Kussmund, was zumindest Laxus‘ Laune anzuheben schien. Denn seine Augen verdunkelten sich etwas und sein Blick brannte regelrecht auf ihrer Haut.
„Süße, es ist besser, wenn wir es jetzt von dir erfahren. Dann sind wir morgen besser auf Ophelias Informationen vorbereitet und werden nicht überrascht.“ Cana beugte sich leicht zu Laxus und Lexy hinüber und griff nach der Hand ihrer Tochter.
„Bekomme ich keinen Ärger?“
„Das können wir nicht versprechen. Es kommt darauf an, was du getan oder nicht getan hast.“
Lexy schluckte hörbar, doch sie nickte. „Wir haben gemalt. Malika hat die grüne Kreide genommen, obwohl die auf meiner Seite lag. Deshalb habe ich ihre Gelbe genommen. Weshalb sie mir noch mehr Stifte weggenommen hat. Dann habe ich ihr gesagt, dass ich ihr Bild kaputtmache, wenn sie mir die Grün nicht gibt. Ich habe die gebraucht. Malika hat nur gelacht und die grüne Kreide kaputtgemacht. Dann habe ich eine schwarze Kreide genommen und ihr Bild schwarz übermalt. Malika wollte es wegziehen, ich habe das Bild nicht losgelassen und dann ist es zerrissen. Malika hat geweint und ist zu Ophelia gegangen und hat gemeint, ich habe ihr Bild kaputtgemacht. Aber das war nicht ohne Grund! Sie hat angefangen! Aber weil Malika geweint hat, sollte ich mich entschuldigen, habe ich aber nicht. Dann durfte ich nicht mehr malen, sondern musste zuschauen. Bis ich mich entschuldigt habe, aber ich muss mich nicht entschuldigen. Malika ist schuld.“ Lexys Blick war immer finsterer und auch bockiger geworden.
Cana atmete leise tief durch, denn diese Gemütsstimmung war kritisch bei ihrer Tochter.
„Und was hat Gramps gesagt, Lexy? Ophelia wird ihm das bestimmt erzählt haben, als er dich abgeholt hat.“
Lexy spielte noch etwas mehr mit dem Saum ihres Oberteils und Cana beschloss, ein Stück zu Laxus und Lexy zu rutschen und die Hände ihrer Tochter zu nehmen. Als wortlosen Zuspruch, denn die Leitung dieses Gesprächs würde sie Laxus überlassen. Sie hatte das Gefühl, er würde bei Lexys momentaner Stimmung eher zu ihr durchdringen als sie, einfach weil sie diesen Charakterzug von ihm kannte. Laxus verstand Lexy, weil er als Kind ebenfalls bockig gewesen war, wenn etwas nicht nach seinem Kopf lief.
„Gramps hat auch gesagt, dass ich mich entschuldigen soll. Obwohl ich ihm die ganze Geschichte erzählt habe! Melika muss sich entschuldigen, nicht ich!“
„Was hast du dann zu Gramps gesagt?“ Laxus‘ Stimme klang ruhig, fast schon behutsam. Wahrscheinlich wägte er jedes Wort ab.
„Dass er falsch liegt und … und du das auch nie machen würdest.“
Cana zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Das war also eines der Themen, über die Laxus früher am Tag mit dem Master in dessen Büro geredet hatte. Auch wenn das zweifelsohne nicht der Grund gewesen war, warum Laxus überhaupt ein Gespräch mit seinem Großvater geführt hatte.
„Lexy. Ich kann dich verstehen, warum du so reagiert hast. Das heißt nicht, dass es in Ordnung war. Manchmal sind wir wütend und tun deshalb Dinge, die nicht gut sind. Melika hätte dir den Stift nicht wegnehmen sollen. Sie hat dein Bild nicht kaputtgemacht, du aber ihres. Mit einem schwarzen Stift und vielleicht hätte man das wieder gut machen können. Aber dann ist ihr Bild zerrissen und damit wirklich kaputt gegangen. Wer hat mehr kaputtgemacht bekommen, du oder Melika?“
Lexy senkte den Kopf, aber hielt Canas Hände trotzdem noch fest.
Cana drückte Lexys Hände kurz, um ihr Mut zuzusprechen und es schien zu helfen. Auch wenn der erste Laut aus Lexys Mund ein Schluchzen war.
„Melika.“
„Genau deshalb solltest du dich entschuldigen. Weil ihr Bild kaputt ist. Obwohl es nur um eine Kreide ging, nicht um ein Bild.“ Laxus strich Lexy über die Haare und Cana sah mehr an seiner Hand als an Lexys Bewegung, dass diese nickte.
„Süße, wahrscheinlich wird sich Melika auch entschuldigen. Sie wird wirklich traurig über ihr zerstörtes Bild sein, deshalb auch die Tränen. Du weißt selbst, wie schlimm ein kaputtes Bild ist.“ Lexys Bilder waren in Blue Pegasus des Öfteren zerstört worden, aus den unterschiedlichsten Gründen. Manchmal lagen sie lose auf einem der Tische und wirbelten herunter, nur um unter einem Schuh zu landen. Teilweise hatte Lexy Saft über diese geschüttet, manchmal waren andere kleine Unfälle passiert.
„Okay“, flüsterte Lexy. „Morgen entschuldige ich mich für das kaputte Bild.“
„Mehr musst du auch nicht tun, Lexy.“

Später am Abend, als Lexy bereits schlief, lag Cana im Bett und glitt gerade in Richtung ihres wohlverdienten Schlafes, als Laxus‘ Stimme sie schlagartig wach werden ließ. Es war später geworden und so hatte er beschlossen, einmal mehr bei ihr zu übernachten. Mittlerweile schlief er regelmäßig in ihrem Bett und sie hatte das Gefühl, dass sich diese Situation in der nächsten Zeit noch steigern würde. Wahrscheinlich würde er mehr Nächte in ihrem als in seinem eigenen Bett verbringen.
„Vielleicht sollten wir die nächsten Tage über unsere Wohnsituation reden.“
Cana setzte sich überrascht auf und starrte auf die andere Betthälfte, auch wenn sie Laxus aufgrund der Dunkelheit nur anhand der Umrisse erkennen konnte. „Wieso?“
„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, zusammenzuziehen?“
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