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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
37
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06.05.2021 3.435
 
Kapitel 49 – Reinen Tisch machen

Levy atmete zur Beruhigung tief durch, dann klopfte sie an die Wohnungstür. Hoffentlich war Gajeel überhaupt noch in der Wohnung, denn sie hatte keinen Schlüssel und mit ihrer Ladung an sauberer Wäsche wollte sie nicht in der Gildenhalle auftauchen. Manche Dinge waren dann doch zu privat, um diese mit der gesamten Gilde zu teilen. Vor allem, weil sie auch Unterwäsche mitgewaschen hatte. Kommentare über ihre weiblichen Rundungen hatte sie zu Genüge bekommen, es mussten nicht auch noch Kommentare über die Wahl ihrer Unterwäsche gemacht werden. Sie mochte eher bequeme, niedlich aussehende Unterwäsche. Lucys Stil mit viel Spitze und Seide war nicht für sie bestimmt, das hatte sie bereits ausprobiert. Sie fühlte sich damit einfach unwohl, auch wenn niemand ihre Unterwäsche sehen konnte. Es passte nicht zu ihr, also hatte sie den Versuch nach nur einem Tag wieder beendet.
Die Tür ging auf und sie starrte zum zweiten Mal an diesem Tag in das überraschte Gesicht von Gajeel.
„Ich kann in einer Woche wieder nach Fairy Hills ziehen, du musst mich also nicht mehr allzu lange ertragen.“ Mit diesen Worten trat Levy in die Wohnung und lief an Gajeel vorbei, der sich wortlos seitwärts gedreht hatte, um sie durchzulassen.
„In sieben Tagen?“ Gajeels Frage ließ sie innehalten.
Sie drehte ihren Kopf zu ihm und nickte mit einem nichtssagenden Lächeln, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte.
Vielleicht würde Gajeel durch diese neue Erkenntnis etwas normaler werden. Wobei normal übertrieben war, immerhin sprach sie hier von Gajeel. Vielleicht auch nur etwas gesprächiger als direkt nach seiner Rückkehr, mehr verlangte sie nicht. Und mit weniger Stimmungsschwankungen, denn das hatte sie wirklich aus der Bahn geworfen.
In ihrem Zimmer faltete sie ihre Wäsche zusammen und legte sie mehr oder weniger sorgfältig in ihre Reisetasche, die im Moment ihren Kleiderschrank ersetzte. Für die nächsten sieben Tage würde es ausreichen, einen Großteil der gewaschenen Kleidungsstücke hatte sie bereits in Fairy Hills gelassen.
Ein Klopfen an ihrer Zimmertür ertönte, als sie ein gelbes Kleid auf den Stapel in ihrer Tasche legte.
Levy stand auf und öffnete Gajeel die Tür, denn es konnte niemand anderes vor dieser stehen. Zu ihrer Überraschung schien er unruhig zu sein, denn er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
„Ich lade dich zum Essen ein.“ Dieser Satz kam aus seinem Mund und er sah selbst überrascht aus.
Doch nicht so überrascht wie Levy, die ihn bestimmt fünf Sekunden reglos anblickte und dann die Stirn runzelte.
„Wieso?“ In ihren Augen eine berechtigte Frage, denn vorhin noch hatte Gajeel so gewirkt, sie so schnell wie möglich aus seiner Wohnung haben zu wollen.
„Weil ich, wenn du schon hier wohnst, wenigstens nicht allein essen gehen muss. Wenn man von Lily einmal absieht, doch er isst abends nicht gern auswärts.“
„Nein, ich meinte etwas anderes. Wieso willst du mit mir auf einmal essen gehen? Vorhin hast du so gewirkt, als ob ich lieber heute als morgen wieder nach Fairy Hills zurückziehen sollte.“ Denn eingebildet hatte sie sich das nicht, das stand fest. Sie neigte zwar zur Überinterpretation, doch Gajeels Verhalten war zu auffällig abweisend gewesen, um dort etwas völlig falsch auslegen zu können.
Gajeel runzelte die Stirn. „Habe ich das? Ich habe nur gefragt, wann du wieder ausziehst.“
„In einem sehr ungehaltenen Tonfall. Ganz zu schweigen von deiner Bemerkung über mein mögliches Kranksein, dann der leere Weinvorrat … Morgen werde ich die Flaschen ersetzen.“
„Oh.“ Zu Levys Verwirrung leuchtete Erkenntnis in Gajeels Gesicht auf und er grinste. „Nun, ich habe die gesamte Nacht nicht geschlafen, sondern in dem Foltergerät namens Zug gesessen. Mir war schlecht und ich war müde, da werde ich ruppig und ungehalten, wenn ich etwas nicht erwarte. Wie zum Beispiel einen vollen Kühlschrank, der ein neues Einräumsystem hat, als ich gewohnt bin. Veränderungen sind nicht so meins. Ich dachte, das hat dir Lily bereits erzählt. Oder ich irgendwann einmal. Doch ich habe dich nicht aus Höflichkeit hier wohnen lassen. Denn ich bin weder höflich noch gegen meinen Willen gastfreundlich. Es macht mir nichts aus, dir mein Gästezimmer vorübergehend zu leihen.“
„Oh.“ Levy kam sich dumm vor. Dumm und überempfindlich. Denn jetzt, da er es erwähnte, erinnerte sie sich an seine vage Aussage vor etlichen Jahren, unausgeschlafen oder übermüdet die schlimmste Gesellschaft überhaupt zu sein.
„Meine Einladung steht. Ich gehe in einer halben Stunde, du kannst es dir überlegen.“ Er nickte ihr zu und lief den Gang hinunter in Richtung des Wohnbereiches, während Levy ihm hinterher starrte.
Dann schloss sie langsam ihre Tür und lief zu ihrem Bett, auf das sie sich warf und frustriert ihr Gesicht im Kopfkissen vergrub.
Natürlich. Sie machte sich völlig verrückt wegen Gajeels abweisender Haltung nach seiner Rückkehr, obwohl sie sich zeitgleich auch zu beruhigen versuchte. Dann offenbarte er ihr, einfach übermüdet gewesen zu sein, was er ihr sogar erzählt hatte. Damals, als sie noch regelmäßig zusammen unterwegs waren, entweder für Aufträge oder freundschaftlich. Sie wusste ehrlich nicht, ob sie über sich selbst lachen oder eher frustriert sein sollte. Ihre Überinterpretation war nichts Neues und meistens hatte sie diese relativ gut unter Kontrolle. Doch gerade bei Gajeel geriet sie immer wieder in diesen Kreis aus absurden Gedankengängen, eigener Unsicherheit und daraus resultierender falscher Interpretation. Das konnte so nicht weitergehen.
Levy setzte sich entschlossen auf. Sie machte sich seit Jahren einen Kopf über jede kleine Geste von Gajeel, ob positiv oder negativ. Mittlerweile wusste sie genau, wie viel sie ihm bedeutete. Trotzdem fiel sie immer wieder in ihr altes Verhaltensmuster zurück. Auch heute wieder. Das musste endgültig ein Ende haben. Insbesondere, weil sie sich in ihrem Innern bereits entschieden hatte, nachdem ihr Jem den letzten, benötigten Denkanstoß gegeben hatte.
‚Bist du zufrieden mit dieser Situation oder willst du etwas riskieren? Auf die Gefahr hin, dass es sich wieder verschlechtert.‘
Nein, sie war nicht zufrieden. Allein durch die Unsicherheit, die sie erfasste, wenn sich Gajeel nur ein klitzekleines bisschen anders als gewöhnlich verhielt. Selbst wenn es aufgrund von Übermüdung und stundenlanger Übelkeit war wie heute. Außerdem hatte sie jahrelang gezögert, diesen einen, letzten Schritt zu gehen und war in dieser Zeitspanne alles andere als glücklich gewesen. Die Verschlechterung kannte sie bereits und hatte sie irgendwie überlebt.
Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie würde mit Gajeel essen gehen und ihm ihre endgültige Entscheidung mitteilen. Einfach, damit dieser riesige Berg an Zweifeln aus ihren Gedanken verschwand. Sie konnte es trotz allem langsam angehen lassen und ihre Beziehung vorerst außerhalb der Gilde testen, bevor sie und Gajeel es offiziell machten. Wahrscheinlich kam ihm das auch gelegen, denn sie hatte seine Reaktion bei Cana und Laxus „offizieller“ Verkündung inmitten der Gildenhalle durchaus gesehen. Zwar hatte er zufrieden genickt, doch sie hatte in seinem Gesicht auch ein gewisses Unbehagen erkennen können, als der Großteil der Gilde gejubelt hatte. Dabei war seit Canas Rückkehr klar gewesen, dass dieser Punkt in ihrer Beziehung zu Laxus kommen würde und es sich nur um eine Frage der Zeit gehandelt hatte. Das hatte allerdings nichts an den euphorischen Reaktionen geändert.
Gajeel wollte diese Dinge ausschließlich privat halten, soweit es eben ging. Noelle hatte der Gildenhalle in ihrer langjährigen Beziehung gerade einmal eine Handvoll Besuche abgestattet. Zugegeben war das auch teilweise in der unterschwelligen Abneigung der meisten Gildenmitglieder gegen sie begründet gewesen, doch auch Gajeel hatte nie darauf bestanden. Eigentlich hatte Levy ihn und Noelle nur alle paar Monate in Magnolia herumlaufen oder in ein Restaurant gehen sehen, ansonsten war er stets nur in Begleitung von Lily anzutreffen.
Kurz überlegte sie, sich für den Restaurantbesuch umzuziehen, doch verwarf diesen Gedanken in der nächsten Sekunde bereits wieder. Es war ein normales Essen und Gajeel war niemand, der sich bei einem freundschaftlichen Treffen groß für die Kleiderauswahl seines Gegenübers interessierte. Das hatte sie vor Jahren ebenfalls festgestellt. Was vollkommen in Ordnung war, denn Gajeel selbst machte sich nicht viel aus einer herausgeputzten, perfekten Erscheinung. Dafür hatte er zu widerspenstige Haare.

Ganze zwanzig Minuten später, in denen Levy grob durch ihre Haare gefahren und ihr Haarband neu gebunden hatte, lief sie mit einer kleinen, weißen Umhängetasche in das Wohnzimmer. Gajeel hatte zwar von einer Einladung gesprochen, doch ganz ohne Geld fühlte sie sich unwohl. Nicht, weil sie ihm nicht vertraute, sondern weil sie stets etwas Geld mit sich trug.
Gajeel saß auf dem Sofa und las. Das war ein Anblick, auf den Levy nicht vorbereitet war, weshalb sie überrascht stehen blieb. Das Buch in seinen Händen kannte sie sehr gut. Es war jenes, das herumgelegen hatte und offenbar gelesen worden war.
Gajeel schien zu vertieft in das Buch zu sein, um ihre Anwesenheit zu bemerken, weshalb sie sich nachdrücklich räusperte. Er zuckte zusammen und blickte sie ertappt an.
Levy hingegen ignorierte sein Verhalten und das Buch in seinen Händen, sondern lächelte ihn breit an. „Ich habe gehört, ein gemeinsames Abendessen steht an.“
Im Nu änderte sich Gajeels komplette Haltung: Er klappte das Buch zusammen und warf es achtlos auf das Sofa, was bei Levy kurz den Impuls auslöste, ihn zurechtzuweisen. Doch es war nicht ihr Buch, sondern das von Gajeel und auch wenn sie es nicht mochte, dass er so herzlos damit umging, würde sie es an diesem Abend akzeptieren. Denn heute gab es etwas Wichtigeres, als über die korrekte Behandlung von Büchern zu diskutieren.
„Ich bin soweit“, verkündete Gajeel und blickte Levy fragend an.
Levy nickte und war innerlich froh, sich gegen einen Kleidungswechsel entschieden zu haben, denn Gajeel trug ebenfalls sein alltägliches Outfit. Wenn sie sich umgezogen hätte, hätte sie sich bereits zu Beginn unwohl gefühlt, das wusste sie.
„Hast du eine Idee?“
Levy überlegte kurz, dann zuckte sie mit den Schultern. „Du bist derjenige, der gerade von einem Auftrag zurückgekehrt ist. Außerdem hast du mich eingeladen, da solltest du auch das Restaurant bestimmen.“

Keine halbe Stunde später saßen sie in Gajeels Stammrestaurant, das ein paar Häuserblöcke von der Kardia-Kathedrale entfernt in einem kleineren Haus mit großer Terrasse untergebracht war. Bisher war Levy nur im Sommer hier gewesen, wo sie sich stets auf die Terrasse gesetzt hatte. Deshalb betrachtete sie staunend die schlichte, aber elegant wirkende Einrichtung, die im krassen Gegensatz zur verspielt angelegten Terrasse mit kleinen Blumenkübeln und verzierten Tisch- und Stuhlbeinen stand.
Da nur wenige Tische belegt waren, lief Gajeel zielstrebig zu einem Tisch am Rand. Weit entfernt von der fünfköpfigen Familie, deren Kinder sich gerade um Buntstifte stritten und auch nicht in nächster Nähe zu den anderen Paaren, die sich ebenfalls im Restaurant aufhielten.
Die Kellnerin, ein Mädchen im Teenageralter, kam direkt an ihren Tisch und überreichte ihnen die Speisekarten.
Levy wusste bereits, was sie bestellen würde und Gajeel ging es ebenso, deshalb bestellten sie direkt ihr Essen zusammen mit den Getränken. Die Kellnerin nickte, nahm die Karten wieder an sich und ging zurück zur Bar.
Eine unbehagliche Stille breitete sich aus. Levy rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her und beschloss, eine lockere Unterhaltung zu beginnen. „Wie lief dein Auftrag überhaupt?“
Gajeel zuckte mit den Schultern. „Abgesehen von der An- und Rückreise ereignislos. Die schwarze Gilde war ein Witz, weshalb ich spontan den Nachtzug genommen habe. Eigentlich habe ich die meiste Zeit damit verbracht, ein paar der Magier zu beobachten. Bis sie nach zwei durchzechten und … mit netter Begleitung verbrachten Nächten endlich wieder in ihr Gildenhaus zurückgeschwankt sind.“
Levy grinste. „Ich werde nicht ohnmächtig, nur weil du ‚Prostituierte‘ sagst. Aber das klingt nach einem entspannten Auftrag.“
Gajeel brummte nur. „Wenn ich einen ruhigen Auftrag möchte, suche ich nach verschwundenen Büchern oder Familienerbstücken. Ich wollte endlich mal wieder einen richtigen Kampf erleben, denn Salamander ist zu sehr von Lucy abgelenkt, um auch nur Übungskämpfe mit mir zu bestreiten.“
„Natürlich steht Lucy bei ihm an erster Stelle, sie ist seine Freundin. Frag ihn doch lieber nach einem Trainingswochenende, das sollte ihn eher reizen als ein einziger Kampf.“
„Die Idee ist nicht schlecht. Vielleicht mache ich das irgendwann einmal.“ Gajeel nahm einen Schluck aus seinem Glas, da die Kellnerin während ihres Gesprächs die Getränke gebracht hatte. Dann blickte er sie grinsend an. „Und was hast du die letzten Tage getrieben? Neben der Vernichtung meines Weinvorrats mit Juvia zusammen?“
Levy spürte, wie sie errötete. „Nach einem grausamen Auftrag mit Jet und Droy, der einen Pool und unfreiwillige Bäder in diesem beinhaltet, bin ich lieber in Magnolia geblieben. Der Chlorgeruch hängt gefühlt noch immer an mir und ich möchte fürs Erste auf die Möglichkeit einer Wiederholung verzichten.“
Gajeel schnupperte kurz, dann rümpfte er die Nase. „Du riechst auch noch nach Chlor. Am meisten in den Haaren, aber auch deine Haut hat einen leichten Untergeruch davon.“
„Klasse. Ich glaube, ich gehe morgen früh in das Badehaus, vielleicht geht der Geruch dann weg.“
„Also warst du eigentlich nur in der Wohnung und in der Gildenhalle? Da ich keinen Stapel mit Büchern gesehen habe, hast du die Zeit nicht mit Lesen verbracht. Was hast du anstelle davon getrieben?“
Levy biss sich auf die Lippen, während sich ihr Herzschlag beschleunigte. Das war der große Moment. Sie atmete noch einmal tief durch, dann blickte sie Gajeel fest an. „Ich habe nachgedacht. Über mich und dich.“
Im Nu verschwand jegliche Erheiterung von seinem Gesicht, stattdessen wurde der Ausdruck auf diesem bitterernst. „Und zu welchem Entschluss bist du gekommen? Denn wenn du tagelang über etwas nachdenkst, hast du eine Entscheidung getroffen.“ Seine Stimme klang etwas rauer als gewöhnlich. Ein Zeichen dafür, wie sehr er die Antwort fürchtete, auch wenn er es zu verbergen versuchte.
Levy verspürte Mitleid und gleichermaßen Anerkennung, weil er seine Furcht für Außenstehende perfekt überspielte. Deshalb beschloss sie, ihre Entscheidung so knapp wie möglich zu halten. „Ja. Ich möchte es versuchen. In den letzten Tagen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich mit der aktuellen Situation zwischen uns nicht zufrieden bin. Ich will mehr. Zwar langsam, Schritt für Schritt, aber ich möchte auf eine andere Ebene als die rein freundschaftliche gelangen.“ Sie verstummte und hielt den Atem an.
Gajeel schwieg für endlose Sekunden. Levy geriet bereits in Panik, als er endlich eine Regung zeigte: Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Keines seiner typischen Grinsen, die meist eine gehörige Portion Spott beinhalteten, sondern ein leichtes Lächeln. Leicht, aber nicht weniger glücklich, eher sogar noch mehr. Denn dieses unauffällige Verziehen seiner Lippen schien seine harte Ausstrahlung weicher werden zu lassen. Etwas, das Levy noch nie bei ihm gesehen hatte. Und irgendetwas verriet ihr, diesen Anblick noch häufiger erfahren zu dürfen.
„Einverstanden“, murmelte er mit einer so sanften Stimme, wie Levy diese noch nie zuvor aus seinem Mund gehört hatte.
Anstatt einer Antwort strahlte sie ihn nur überglücklich an, bis die Kellnerin mit ihrem Essen an ihrem Tisch erschien. Der Knoten in ihrem Innern hatte sich vollständig aufgelöst. Das war der letzte Beweise, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Gajeel und sie würden es versuchen. Und sie würde alles daran setzen, dass es funktionierte.

+++


Cana strich Lexy über das Haar, als diese lang gähnte. Laxus, der gerade aus der Küche kam und zwei Tassen Tee auf den Wohnzimmertisch stellte, blickte seine Tochter zweifelnd an.
„Solltest du nicht allmählich schlafen gehen? Du gähnst schon wieder.“
Lexy biss sich auf die Lippe, dann schüttelte sie den Kopf und Cana unterdrückte ein Seufzen.
„Lexy, ich weiß genau, dass du über etwas nachdenkst. Du kannst es uns sagen. Wenn du deshalb nicht schlafen gehen möchtest, können wir darüber reden. Denn dein Vater hat recht, es ist Schlafenszeit für dich.“
„Streitet ihr euch wirklich nicht, wenn ich schlafe?“, flüsterte Lexy und Cana hielt kurz inne.
„Nein Süße.“
„Habt ihr vorhin in der Gilde wirklich nicht gestritten? Und warum hat Alzack etwas mit Erwachsenen gemeint?“
„Wir streiten nicht ständig. Deine Mutter und ich haben nur etwas Zeit für uns benötigt, um ein paar Dinge zu besprechen. Nichts Schlimmes, aber wir mussten dafür allein sein.“ Laxus‘ Erklärung war eine nette Umschreibung für Canas verzweifelten Zusammenbruch.
Lexy schien damit einigermaßen zufrieden zu sein, denn sie zog zwar die Augenbrauen zusammen, nickte dann aber doch. „Und Alzack?“
„Nun, er hat von uns das gedacht, was er und seine Frau gemacht haben. Mit anderen Worten hat er gedacht, dass Cana und ich im Büro des Masters Dinge tun, die er dort getan hat. Du musst wissen, Alzack ist etwas komisch. Manchmal tut er Dinge, die andere nicht tun würden.“
„So wie Feuer essen?“ Lexy hatte Natsu vor ein paar Tagen Feuer essen sehen und war fasziniert gewesen. Auch wenn sie selbst das niemals machen würde, wie sie direkt verkündet hatte. Zur heimlichen Erleichterung von Cana, denn das wäre nicht gut ausgegangen.
„Ja, wie Feuer essen.“
„Okay. Papa kann mich ins Bett bringen, dann hast du etwas Zeit für dich, Mama.“ Lexy gab Cana einen Kuss und umarmte sie, dann hüpfte sie vom Sofa und eilte in Richtung des Badezimmers.
„Manchmal bin ich erstaunt, mit welchen Erklärungen sie sich zufriedengibt“, murmelte Laxus.
Cana schnaubte. „Noch. Warte, bis sie älter wird und nachbohrt. Oder sich gar nichts mehr erklären lässt, weil sie ohnehin alles besser weiß.“ Cana waren ihre Teenagerjahre noch gut im Gedächtnis, sehr zu ihrem Leidwesen.
Laxus seufzte. „Ich genieße lieber diese Zeit.“ Mit diesen Worten stand er auf und lief Lexy gemächlich hinterher, denn diese konnte sich bereits selbst die Zähne putzen. Nur eine abschließende Kontrolle war noch nötig, doch Lexy war relativ gründlich. Was weniger am Putzen als am Geschmack der Zahnpasta lag, denn diesen liebte sie heiß und innig.
Cana genoss ihren Tee, während Laxus sich um Lexy kümmerte. Eine kleine Auszeit für sich tat ihr gut, das hatte Lexy richtig erkannt. Manchmal war sie nicht sicher, ob das nur der Instinkt einer Tochter oder die feinen Spürsinne durch die Magie war. Sie selbst hatte als Kind ebenfalls instinktiv gewusst, wann ihre Mutter einen guten oder einen schlechten Tag hatte. Auch wenn mit dem Voranschreiten der Krankheit die schlechten Tage immer häufiger aufgetreten waren, bis sie nicht mehr aufhörten und ihrer Mutter Stück für Stück die Kraft raubten. Cana wischte diese Gedanken beiseite. Egal wie viele Jahre auch vergingen, die Erinnerungen an diese Zeit bedrückten sie nach wie vor, auch wenn sie sich an nicht mehr alles erinnern konnte.
Der heutige Tag war für Cana alles andere als angenehm gewesen, doch sie hatte sich wieder unter Kontrolle. Genau genommen hatte ihr Laxus im Büro des Masters den Großteil ihrer Ängste genommen. Nicht alle, denn das war unmöglich, aber die meisten. Die, die in ihr das Gefühl verursacht hatten, jeden Moment zu ersticken. Weil sie sich einmal mehr gefühlt hatte, als ob sich alle Kräfte im Universum gegen sie verschworen hatten. Dann war ihr eingefallen, wie Laxus‘ Familiengeschichte aussah und er obendrein auch eine Lacrima eingesetzt bekommen hatte. An seine tonlose Erzählung, wie schmerzhaft diese Operation gewesen war, konnte sie sich noch gut erinnern. Es hatte sie mit Grauen erfüllt, wie man seinem eigenen Kind diese Schmerzen absichtlich antun konnte.
„Worüber denkst du so angestrengt nach? Deine Unterlippe kann auf jeden Fall nichts dafür.“
Cana zuckte bei Laxus‘ Stimme zusammen, dann drehte sie sich zu ihm. „Schläft Lexy schon?“
Laxus ließ sich wieder neben sie auf das Sofa fallen. „Sie hat es gerade noch geschafft, ihren Schlafanzug anzuziehen. Dann ist sie buchstäblich im Stehen eingeschlafen, ich habe sie ins Bett gelegt und zugedeckt.“
„Diese Frage muss sie wirklich beschäftigt haben.“ Im Nu drehten sich Canas Gedanken wieder um Lexy. „Ich weiß einfach nicht, wie wir ihr überzeugend beibringen können, uns nicht immer zu streiten. Außerdem gab es die letzte Zeit über weitaus weniger Diskussionen.“
Laxus legte einen Arm um ihre Taille und zog sie näher zu sich heran. „Ich habe vorhin kurz mit Gramps gesprochen. Er wird mit Lexy darüber reden, als neutrale Person. Außerdem weiß er sehr gut, dass unsere Beziehung auch durch Diskussionen lebendig bleibt, das wird er Lexy entsprechend erklären.“ Seine Stimme veränderte sich zum Schluss, wurde dunkler und etwas heiser.
Canas Inneres verknotete sich, denn diese Stimme kannte sie. Das war Laxus‘ Stimme, wann immer er nicht mehr reden, sondern seinen Mund anderweitig beschäftigen wollte. In den letzten Wochen hatte sie diese Tonlage lieben gelernt, weshalb sie ihn verheißungsvoll anlächelte.
Laxus‘ schluckte bei diesem, sie sah es an seinem Adamsapfel. Sie triumphierte für einen kurzen Moment, doch dann umfasste er ihre Wangen und näherte sich ihrem Gesicht. Im Nu waren sämtliche Gedankengänge aus ihrem Kopf verschwunden, während sie sich auf das Erwidern von Laxus‘ Küssen konzentrierte.
+++

Vermutlich habt ihr es bereits erkannt: Das Nebenpairing Levy und Gajeel kommt allmählich zu einem Ende. Ich hoffe, ihr könnt Levys Entscheidung in diesem Kapitel verstehen oder zumindest nachvollziehen. Mir hat dieses Nebenpairing unheimlich viel Spaß gemacht zu schreiben, weil sie eine andere Dynamik haben als Cana und Laxus. Aber jetzt bin ich an einem Punkt angekommen, an dem die beiden in meinen Augen wieder zueinander gefunden haben. Weshalb ich das hier auch "offiziell" gemacht habe.
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