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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
37
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29.04.2021 3.610
 
Kapitel 48 – Ein weiterer Termin bei Lupita

Cana blickte unsicher zu Laxus empor, der schweigend neben ihr lief. Seine Augen lagen auf Lexy, die ein paar Schritte vor ihnen von Pflasterstein zu Pflasterstein hüpfte. Ohne die Linien zu berühren, denn das brachte Unglück. Zumindest war das ihre Erklärung gegenüber Cana gewesen, als diese nachgefragt hatte.
Der Mut verließ Cana und sie richtete ihre Aufmerksamkeit ebenfalls auf ihre Tochter. Lexy schien es wieder blendend zu gehen. Doch jeder wusste, wie schnell sich das wieder ändern konnte. Ein weiterer Anfall und Lexy würde wieder blass und kränklich sein. Früher war sie bereits nach einem mehrstündigen Schlaf wieder einigermaßen zu Kräften gekommen. Der letzte Anfall hingegen hatte Lexy noch zwei Tage lang geschwächt, auch wenn sie das nicht zugab.
Cana hatte aber bemerkt, dass Lexy verhältnismäßig lange schlief und früh müde wurde. Am ersten Tag hatte sie das der Aufregung um ihre Vergiftung zugeschrieben, doch am zweiten Tag war ihr die niedrige Magiekonzentration bei der abendlichen Messung aufgefallen. Am Tag davor hatten sie aufgrund des Durcheinanders nicht gemessen, aber Cana vermutete eine noch geringere Konzentration. Das machte einen Magier schlapp und schläfrig. Sie selbst kannte das nach einem Auftrag, der ihr fast ihre gesamte Magie abverlangte. Zwar war die Magiekonzentration in Lexys Körper wieder auf ein normales Level angestiegen, doch für die nächsten Anfälle würde sich das Szenario wiederholen. Vielleicht sogar schlimmer werden.
Cana bemerkte erst, dass sie zu zittern angefangen hatte, als sich Laxus‘ schwerer Mantel um ihre Schultern legte und sie von der darin verbliebenen Körperwärme eingehüllt wurde.
„Egal, was es ist, zerbrich dir nicht den Kopf darüber. Ich habe meine Lektion gelernt und werde nicht noch einmal versuchen, dich und Lexy zu trennen.“ Laxus hatte sich zu ihrem Ohr hinuntergebeugt, wahrscheinlich um Lexy nicht als ungewollte Zuhörerin anzulocken.
Cana schüttelte den Kopf. „Darüber habe ich nicht nachgedacht. Es geht um Lexy. Der Termin heute …“
„Wird gut gehen. Lupita ist eine ausgezeichnete Heilerin und Lexy mag sie.“ Mit diesen Worten blieb Laxus stehen, denn sie waren mittlerweile im Bahnhof von Magnolia angekommen. Er betrachtete den vor sich stehenden Zug für einen Moment wie seinen persönlichen Erzfeind, dann straffte er sich und setzte den ersten Schritt in diesen.
„Lexy, gib Bescheid, wenn dir schlecht wird, ja?“ Cana beugte sich zu Lexy hinunter, die ihrem Vater mit großen Augen hinterherblickte. Mit Sicherheit hatte sie seine Anspannung gespürt.
„Warum soll mir schlecht werden?“, flüsterte sie zurück. „Wegen Papa?“
„Seine Magie mag den Zug nicht, ebenso wie andere Transportmittel. Weil es auch deine Magie ist, wird es bei dir auch anfangen.“ Während ihrer Erklärung schob Cana Lexy vor sich in den Zug. Laxus hatte sich bereits einen Platz am Fenster gesichert. Nachdem Lexy ihm gegenüber auf die beiden Sitze gehüpft war und sich hinlegte, blieb Cana nur der Sitz neben ihm.
„Du wirst das schon durchstehen.“ Diese spöttische Bemerkung konnte sie sich nicht verkneifen, was ihr einen finsteren Blick einbrachte.
„Das Gleiche werde ich zu dir sagen, wenn du wieder in einem völlig finsteren Raum eingeschlossen bist.“
Cana zuckte zusammen. Sie hatte ein Problem mit völliger Finsternis. Doch es war erstaunlich, dass Laxus sich daran erinnerte. Er hatte es durch einen Streich der anderen erfahren, als sie gerade einmal zehn Jahre alt gewesen war. Ebenfalls war es er gewesen, der sie aus der kleinen Besenkammer im Untergeschoss der Gilde geholt hatte.
„Immer noch?“ Nun war er derjenige mit der spöttischen Bemerkung.
Cana war froh, als sich in diesem Moment der Zug in Bewegung setzte und Laxus schlagartig bleich wurde. Er lehnte sich mit dem Kopf an die Fensterscheibe und stieß bereits das erste leidende Stöhnen aus. Ihr Blick wanderte zu Lexy, die sich in der Zwischenzeit wieder aufgesetzt hatte. Und ebenfalls etwas blass aussah.
„Mama, mir gehts nicht gut“, flüsterte sie und hielt sich den Magen.
Cana wechselte ihren Sitzplatz, bedeutete Lexy, sich erneut hinzulegen und bettete deren Kopf sanft auf ihren Schoß. Während sie mit langsamen Bewegungen anfing, über den Bauch ihrer Tochter zu streichen, summte sie eines von Lexys Schlafliedern. Lucy hatte erwähnt, dass Streicheln bei Natsu funktionierte und offenbar war er nicht der Einzige, der dafür empfänglich war. Denn Lexy schlief innerhalb der ersten Minuten ein.
Als sie Laxus‘ Blick auf sich spürte, erwiderte sie diesen und genoss still den kleinen Moment des inneren Friedens, den sie hier durchlebte.

„… und deshalb hoffen wir, irgendeine Möglichkeit zu finden, die Lexy hilft. Sie wird nach jedem Anfall schwächer.“ Cana quetschte den letzten Satz mit Mühe an dem Kloß in ihrem Hals vorbei, während die Angst ihr Herz erneut umklammerte.
Lupitas Stift glitt in Windeseile über das Papier vor ihr, während sie nickte.
Cana schlang die Arme um sich, während sie tief durchatmete, um sich zu beruhigen. Laxus war während ihres verzweifelten Vortrags aufgestanden und hatte sich dem Fenster zugewandt. Für jeden anderen wäre das ein Zeichen von Gereiztheit, doch Cana wusste es besser. Laxus ertrug es nicht, sie in diesem Zustand zu sehen, erst recht nicht, nachdem ihre letzte Auseinandersetzung erst so kurz zurücklag.
„Alexia hat mir vorhin erzählt, den letzten Anfall unterdrückt zu haben, stimmt das?“ Lupitas Stimme durchbrach das drückende Schweigen.
„Ja.“ Laxus wandte sich vom Fenster ab und lief wieder zu seinem Stuhl. Als er wieder saß, fuhr er fort. „Sie hat mir abends erzählt, morgens eine Art Kitzeln in ihrem Innern gespürt zu haben. Doch sie hat es unterdrückt, weil sie Geburtstag hatte und an diesem Tag keinen Anfall erleiden wollte. Sie konnte es kontrollieren, bis sie gestolpert ist.“
Lupita tippte sich mit dem Stift nachdenklich gegen die Wange. „Bei einem Gleichgewichtsverlust greift man unbewusst nach seiner Magie, um sich im Fall eines Sturzes abfangen und für den Fall eines Angriffs verteidigen zu können. Daher liegt es im Bereich des Möglichen, dass Alexia in diesem Moment die Kontrolle verloren hat, weil sie sich nicht auf die Unterdrückung, sondern die Freisetzung ihrer Magie konzentriert hat.“ Sie machte eine Pause, während sie eilig ein paar weitere Zeilen niederschrieb. Dann hob sie den Kopf und Cana entdeckte einen Ausdruck der Verwunderung, fast schon Faszination auf dem Gesicht der Heilerin. „Mich hingegen beeindruckt diese lange Kontrolle, die sie aufrechterhalten konnte. Alexia ist mit ihren sechs Jahren unglaublich fortgeschritten, was ihre Magiebeherrschung angeht. Was nicht zuletzt an ihrem Training liegt. Doch leider bringt uns auch die Kontrolle nichts, sofern sie diese Magie nicht freisetzen kann. Und das wird sie niemals können, denn die überschüssige Magie lässt sich nicht kontrollieren. Eben weil sie vom Körper selbst abgestoßen wird, solange seine eigenen Magievorräte voll sind.“
Cana wurde schlecht. Während sie durch Lupitas anfängliche Worte Hoffnung geschöpft hatte, war sie im zweiten Teil des Vortrags wieder zunichtegemacht worden. „Was bedeutet das für Lexy?“, fragte sie flüsternd.
Lupita fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Dass ihre Versuche, die Anfälle zu unterdrücken, diese nur verschlimmern. Ihr letzter Anfall wird das bereits gezeigt haben – sie hat doppelt so lange für die Erholung benötigt. Die Barriere, die sie aufgebaut hat, wirkt wie ein Staudamm, der unter der Last der Wellen zusammenstürzt. Durch diese kleinere Öffnung dringen die Fluten deutlich massiver in das dahinterliegende Gebiet ein, als wenn kein Staudamm existieren würde. So sieht es mit Alexias Magie aus. Sie darf diese Anfälle nicht unterdrücken. Doch das ist nicht alles, es gibt ein weiteres Problem.“
Cana glaubte, sich verhört zu haben, und schüttelte mechanisch den Kopf. Das war ein einziger Albtraum. Diese ständige Hilflosigkeit drohte sie, um den Verstand zu bringen und wenn sie diese Last über Lexys gesundheitlichen Zustand nicht mit Laxus hätte teilen können, wäre sie bereits durchgedreht.
„Sie hängt mit Alexias Magie zusammen. Dragon Slayer Magie, nicht wahr? Obwohl Laxus Dreyar kein natürlicher Dragon Slayer ist, sondern eine Lacrima in sich trägt. Da er bisher der einzige Dragon Slayer ist, über dessen Nachwuchs wir im Bilde sind, konnten wir bisher keine vergleichbaren Fälle heranziehen. Doch die Beobachtung der täglichen Messungen von Alexias Magiekonzentration hat mich eine Theorie aufstellen lassen.“ Lupita blickte Laxus an, der seinen Kopf hob. „Dragon Slayer haben die Fähigkeit, ihr Element zu absorbieren, nicht wahr?“
Laxus nickte wortlos und runzelte die Stirn.
Cana konnte es ihm nicht verübeln, denn sie irritierte der plötzliche Themenwechsel ebenfalls.
„Nun, scheinbar erfolgt diese Absorption nicht nur über die Lunge, sondern zu einem gewissen Grad auch über die Haut. Diese scheint eher unbewusst zu sein. Mit anderen Worten: Lexy absorbiert während des Trainings die Magie ihres Vaters. Leider sind uns keine Aufzeichnungen über Drachen bekannt, aber es könnte ein Schutzmechanismus von diesen sein, den auch junge Dragon Slayer durch ihre Magie entwickelt haben. Indem sie teilweise die Magie ihrer Eltern aufnehmen, zeigen sie damit die familiäre Zusammengehörigkeit. In der Tierwelt geschieht dies ebenfalls, nur nicht mit Magie, sondern mit Gerüchen. Damit schützen sie sich vor ihren Eltern, um nicht von diesen in Gefahrensituationen angegriffen zu werden.“ Lupita tippte mit ihrem Stift erneut gegen ihre Wange. „In Alexias Fall ist dieser Mechanismus, der nicht beeinflusst werden kann, fatal. Denn dadurch nimmt sie zusätzlich Magie von außen auf, obwohl ihre eigene Magie für ihren Körper bereits zu viel ist. Gleichzeitig können wir das Training nicht unterbinden, weil sie weiterhin ihre Magie freisetzen muss. Eine Alternative wäre eine permanente Trennung von Vater und Tochter, doch das ist alles andere als sinnvoll.“
Nun wurde Cana wirklich schlecht. Das war vollkommen paradox. Lexy benötigte für ihr Training die Anleitung von Laxus, damit sie diese schneller und besser kontrollieren konnte. Gleichzeitig schadete ihr das, weil sie durch das Training und seine bloße Anwesenheit noch mehr Magie in ihrem Körper ansammelte.
„Und was bedeutet das jetzt genau?“ Laxus presste die Frage regelrecht hervor.
Lupita legte ihren Stift beiseite und verschränkte ihre Finger ineinander. „Vorerst nichts. Ich stehe in Kontakt mit dem Institut für Magische Forschung. Anfangs habe ich die Möglichkeit einer Lacrima-Implantation ausgeschlossen, aber mittlerweile …“ Lupita blickte erst Cana, dann Laxus ernst an. „Die neue Lacrima, die auf die Haut aufgelegt wird, um Alexias Magie zu sammeln und in geringen Dosen nach außen abzugeben, funktioniert hier nicht. Dafür ist die Konzentration zu hoch geworden. Entweder Alexias Körper schafft es bald, sich an die Menge von Magie zu gewöhnen und diese zu akzeptieren, oder wir müssen eine Implantation doch in Betracht ziehen.“
„Das ist für Lexy lebensgefährlich“, flüsterte Cana wie in Trance, denn sie hatte dieses Gespräch schon einmal geführt. Mit einem niederschmetternden Ausgang, denn damals wurde ihr von dieser Implantation abgeraten.
Lupita nickte langsam. „Mit einer normalen Lacrima ja. Doch nicht mit einer speziell für Alexia Angefertigten. Die perfekt auf ihren Körper und ihre Magie eingestellt ist. Ich habe dem Institut meine bisherigen Aufzeichnungen zukommen lassen, die Forscher dort sind zuversichtlich, in den nächsten Monaten einen ersten Prototypen erschaffen zu können.“
„Prototyp? Und wie viele Prototypen wird es geben, bis die Lacrima als sicher eingestuft wird?“ Immerhin war Laxus‘ Stimme neutral. Cana konnte sich noch gut an seine Wut erinnern, als sie ihm und Levy während Lexys erstem Anfall alles gebeichtet hatte. Inklusive einer Lacrima-Implantation, die abgelehnt worden war. Wobei Laxus sich wahrscheinlich ebenfalls Gedanken dazu gemacht hatte. Zu erfahren, dass das angebliche Institut nur ein unbekannter Heiler gewesen war, der einfach Lacrimas eingesetzt hatte, war kein geringer Schock gewesen. Auch für sie, denn sie hatte Laxus‘ Abneigung für diesen Vorgang nach der Schilderung seiner wochenlangen Qualen verstanden.
„Das wird von der Zeit abhängen, die Alexia dem Institut gewährt. Ein Prototyp ist kein unausgereiftes Produkt, er kann genutzt werden. Außerdem hat das Institut bereits mit den Lacrimas von Sting Eucliffe und Rogue Cheney zwei Lacrimatypen, die perfekt auf ihre jeweiligen Dragon Slayer abgestimmt waren. Deshalb sehe ich weniger Probleme in der Bereitstellung einer Lacrima als in Bezug auf den Zeitpunkt, an dem diese vollendet ist. Jede noch so gut entwickelte Lacrima ist nutzlos, wenn sie zu spät erschaffen wird. Und auch eine kleine Lacrima, wie wir sie für Alexia nutzen würden, dauert allein in der Herstellung mindestens zwei Monate. Der Kristall muss zerstört, in seinem Wesen geändert und wieder zusammengesetzt werden. Dieser Prozess wird mehrmals durchlaufen, um wirklich alle Fragmente der Lacrima entsprechend modifiziert zu haben. Jeder dieser Prozesse dauert mehrere Tage, das hängt mitunter von der Größe der entsprechenden Lacrima ab. Danach muss die Lacrima von Herrn Dreyar nur mit einer gewissen Menge an Magie angereichert werden, bevor sie eingesetzt wird. Um den Prozess der Magieaufnahme von Alexias Körper in die Lacrima so sanft wie möglich zu gestalten, aber das sollte kein Problem sein.“
„Also ist eine Implantation die einzige Möglichkeit? Was, wenn Lexy zum Zeitpunkt der Lacrima-Fertigstellung nicht stark genug für eine Implantation ist?“ Cana hasste es, diese Frage zu stellen. Doch dieser Gedanke würde ihr ohnehin keine Ruhe lassen.
Lupita blickte während ihrer Antwort weder Laxus noch sie an. „Alexia hat stark genug zu sein, wenn sie überleben möchte. Es gibt zwar gewisse Hilfsmittel, um ihren Körper für kurze Zeit entsprechend zu stärken, doch diese sollten nicht allzu lange angewandt werden.“
„Hilfsmittel, die sie krank werden lassen?“ Laxus‘ Stimme klang misstrauisch und Cana warf ihm einen überraschten Blick zu. Sie wusste nicht, was Krankheiten mit Lexys Magie zu tun hatten, doch Laxus hatte in diesem Gebiet persönliche Erfahrungen gesammelt und würde wissen, von was er sprach.
„Nein. Zwar helfen Krankheiten, die Magiekonzentration dauerhaft niedrig zu halten, doch schwächen diese den Körper selbst. Wenn Alexia auf natürlichem Weg krank wird, ist es das Beste, sie das selbst auskurieren zu lassen. Ihre Magie wird dabei von ihrem Körper für die Bekämpfung der Krankheit genutzt, in diesem Zeitraum ist sie vor Anfällen sicher. Jedoch ist eine gezielte Infizierung zu riskant, insbesondere wenn man dies mehrmals unternimmt. Mit Hilfsmitteln meine ich Tränke, die ihren Körper unterstützen und kräftigen, allerdings wirkt sich das bei längerer Anwendung umso negativer auf die Grundgesundheit der Person auf. Deshalb ist diese Methode nur kurz vor der Implantation anwendbar.“

Cana riss sich zusammen, bis sie in der Gildenhalle angekommen und Lexy zu Asuka gerannt war, die gerade Hausaufgaben unter Beobachtung ihres Vaters machte.
Laxus, der ihre innere Unruhe zu spüren schien, ergriff sanft ihren Ellenbogen und führte sie zielstrebig in das Büro des Gildenmeisters, nachdem er diesem zugenickt hatte.
Dort führte er sie zum Schreibtisch, lehnte sich dagegen und zog sie in seine Arme.
„Uns wird niemand stören“, murmelte er an ihrem Ohr und Cana gab ihre innere Kontrolle auf. Zitternd drückte sie ihr Gesicht in Laxus‘ Hemd – die Jacke hatte er auf dem Weg in das Büro auf eine Kommode gelegt – und sog seinen Geruch ein, um sich zu beruhigen.
„Ich verstehe das einfach nicht“, flüsterte sie in sein Hemd hinein. Verzweifelt verharrte sie so einen Moment, dann hob sie ihren Kopf und blickte ihm direkt in die Augen. „Was habe ich getan? Falls irgendwer für das Schicksal verantwortlich ist, muss er mich mehr als nur ein wenig hassen.“ Trocken schluchzte sie auf. „Warum Lexy? Warum treffen diese Dinge immer mich?“
„Du bist nicht die einzige Person, die vom Schicksal gehasst wird.“ In Laxus‘ Tonfall schwang Bitterkeit mit. „Schau dir meinen Vater an. Ich selbst bin auch nicht der strahlende Held, wie es Natsu oder Gramps sind. Lexys Leiden könnten genauso gut wegen mir sein. Das ist sogar sehr wahrscheinlich, wenn ich mir die Magie-Monster in meiner Familie so anschaue.“
„Ich habe Gildarts, er hat ebenfalls eine enorme magische Kraft. Bei der ersten Untersuchung bezüglich seiner Kompatibilität mit Lexy waren die Heiler vollkommen geschockt bei seinem Ergebnis. Wie hoch es auch war, sie hatten diese Menge noch nie zuvor gemessen.“
„Eigentlich ist es auch völlig egal, weshalb und von wessen Seite Lexy diese Magiekonzentration geerbt hat. Es ändert nichts daran, dass sie sie besitzt.“
Cana schluckte und schmiegte sich mit ihrem gesamten Körper an Laxus. Es war ihr egal, wie schwach sie dabei wirkte, denn es entsprach der Wahrheit. Sie fühlte sich schwach und hilflos. Wie ein Kaninchen, das ohnmächtig die herannahende Flut betrachtete und weder fliehen noch etwas gegen diese unternehmen konnte. „Ich habe das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Jedes Mal, wenn ich daran denke, dass Lexy einen Anfall erleiden könnte, zieht sich alles in mir zusammen. Die letzten Jahre waren bereits schlimm genug. Doch damals waren die Anfälle nicht so intensiv und passierten in größeren Abständen. Aber jetzt scheinen sie immer häufiger aufzutreten und Lexy hat nicht genügend Kraft, um sich zwischen den einzelnen Anfällen zu erholen. Ich will nicht zusehen müssen, wie meine Tochter stirbt! Das habe ich bei meiner Mutter schon kaum verkraftet, das ertrage ich kein zweites Mal.“
Wortlos strich ihr Laxus über die Haare und den Rücken. Zwar sagte er nichts, doch allein das Wissen um seine Anwesenheit und sein stiller Trost reichten Cana für den Moment. Außerdem hatte sie ihre Gedanken aussprechen müssen, damit sie diese nicht mehr in sich herumschleppen musste. Ganz abgesehen davon war diese Stille nicht unangenehm, sondern erholsam. Sie wusste, das nicht allein durchstehen zu müssen. Neben der gesamten Gilde hatte sie Laxus an ihrer Seite, der nichts unversucht lassen würde, Lexy so viel Qualen wie möglich zu ersparen. Und wenn er das Training noch intensiver gestaltete, damit Lexy wirklich ihre gesamte Magie verbrauchte.
„Ich glaube an Lexy“, sprach Laxus schließlich langsam. „Sie ist widerstandsfähiger, als es den Anschein hat, das habe ich im Training bereits erkannt. Je aussichtsloser eine Situation ist, desto sturer klammert sie sich an jedes Fitzelchen Kraft, das sie aus sich hervorholen kann. Das wird mit den Anfällen nicht anders sein. Umso mehr, weil sie sich weiterhin schlecht fühlt, wann sie immer einen erleidet. Wir werden das durchstehen.“
Cana schloss die Augen und nickte leicht, während sie das Gefühl genoss, geliebt und unterstützt zu werden. Als alleinerziehende Mutter war sie anfangs oft an ihre Grenzen gestoßen und hatte sich in diesen Moment Unterstützung gewünscht. Genau diese Art von Unterstützung gab Laxus ihr nun, vollkommen unwissend über ihre frühere Sehnsucht danach.
„Ich liebe dich“, murmelte sie und die Hand auf ihrem Rücken hielt kurz inne.
„Ich dich ebenfalls.“ Seine Erwiderung klang warm. So warm wie die Frühlingssonne, wenn sie nachmittags aus dem Gildengebäude trat.

+++


Lexy blickte von Asukas Aufgabenblatt auf und suchte die Gildenhalle nach ihren Eltern ab.
„Lexy, wen suchst du denn?“ Asukas Mama lächelte sie freundlich an, doch Lexy runzelte die Stirn.
„Mama und Papa. Wenn sie nicht hier sind, streiten sie sich bestimmt wieder.“ Sie senkte traurig den Blick. Dabei wusste sie noch nicht einmal, über was sie jetzt wieder streiten konnten. Nach dem Besuch bei Lupita, bei dem sie wieder mit der Burg gespielt hatte, hatte Mama nichts mehr gesagt und Papa hatte seltsam geschaut, wann immer er ihre Mama angesehen hatte.
„Dann solltest du sie vielleicht suchen. Ich habe Cana und Laxus in den Gang da hinten gehen sehen.“ Asuka deutete mit ihrem Bleistift auf den Gang neben dem Tresen, den Lexy auch schon kannte. Er führte zu den Behandlungsräumen, dort wo ihre Mama vor ein paar Tagen gewesen war.
„Meinst du nicht, du störst deine Eltern?“ Asukas Papa bekam einen Blick von Asukas Mama zugeworfen und er hob die Hände. „Ich habe nichts gesagt, Bisca.“
„Warum stören? Beim Streiten kann man nicht stören.“
„Sie werden bestimmt nicht streiten, Lexy. Du kannst ruhig nach ihnen schauen.“ Bisca nickte ihr zu und Lexy sprang von ihrer Bank hinunter.
„Das mache ich. Dankeschön!“ Beim Weglaufen hörte sie noch ein „Alzack, sie werden wohl kaum in der Gildenhalle das tun“, doch es interessierte sie nicht. Wichtig war jetzt, ihre Eltern beim Streiten zu unterbrechen.
„Lexy, warte!“, rief ihr Gramps hinter ihr her, doch sie hörte nicht auf ihn und rannte in den Gang hinein. Kurz schnupperte sie, dann roch sie ihre Eltern im Raum ganz hinten.
Da sie Schritte hinter sich hörte, eilte sie weiter und riss einfach die Tür auf. Nur um stehenzubleiben und ihre Eltern anzuschauen, die vor einem großen Tisch standen und sich umarmten.
„Warum umarmt ihr euch hier?“
„Lexy, du bist noch zu jung, um das hier …“ Ihr Gramps hörte auf zu reden, als er hinter ihr stand. „Oh.“
„Wieso bin ich zu jung?“
„Lexy, was machst du hier eigentlich?“, fragte ihre Mama, löste sich von Laxus und lief auf sie zu.
Lexy zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nicht, dass ihr schon wieder streitet. Deshalb bin ich hergekommen, um euch zu unterbrechen.“ Vorsichtig schielte sie an ihrer Mama vorbei zu ihrem Papa. Doch dieser sah nur überrascht aus, bevor seine Lippen zuckten.
Lexy grinste, denn ihr Papa war nicht verärgert. Er fand das lustig, was man von ihrer Mama nicht behaupten konnte. Denn diese hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und ihre Augen versprachen einen strengen Vortrag.
Doch dann trat ihr Papa hinter ihre Mama und legte beide Arme um ihren Bauch, um ihr etwas leise zuzuflüstern. Sofort veränderte sich der Blick in den Augen ihrer Mama und sie seufzte.
„Lexy, Laxus und ich hatten ein paar Sachen zu bereden. Ganz ohne Streit, wie du siehst. Wir streiten uns nicht die ganze Zeit.“
„Nur sehr häufig, weil deine Mutter ein Dickkopf ist.“
„Und dein Vater ein noch Größerer.“
Lexy blinzelte verwirrt. „Ihr seid komisch. Aber ich glaube euch. Vielleicht habt ihr auch endlich fertig gestritten? Auf jeden Fall dürft ihr zusammen auf Aufträge gehen, ich erlaube es euch. Aber wenn ihr wieder streitet, erlaube ich es nicht mehr.“
„Danke.“ Die Stimme ihres Vaters klang komisch, doch Lexy war das egal.
Sie drehte sich zu Gramps und setzte ihr breitestes Lächeln auf. „Wenn ich bei dir übernachte, darf ich dann das Abendessen bestimmen?“
+++

Eine kleine Anmerkung am Rand: Als ich die Geschichte geplant hatte, ganz besonders die Einzelheiten zu Lexys Erkrankung, war ich nicht auf dem aktuellen Stand des Mangas. Deshalb ist die Tatsache, dass Dragon Slayer Antikörper benötigen, um sich nicht in einen Drachen zu verwandeln, hier nicht berücksichtigt. Auch der Unterschied zwischen Dragon Slayer mit einer Lacrima und denen, die ihre Magie direkt von einem Drachen gelernt haben, wurde nicht beachtet.
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