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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
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22.04.2021 3.764
 
Kapitel 47 – Gegenwart und Vergangenheit

Levy stöhnte und kniff die Augen zusammen, während sie mit den Händen ihren dröhnenden Schädel umfasste. Dann fluchte sie leise, um ihren Kopf nicht noch mehr zu quälen. Die Idee, Juvia die letzten Abende einzuladen, war keine schlechte gewesen. Wenn man von ihrer momentanen Verfassung einmal absah. Gray war mit Natsu, Lucy und Erza auf einem Auftrag und Juvia war keine Person, die mehrere Abende hintereinander ohne jegliche Gesellschaft verbringen konnte. In dieser Hinsicht war sie Levy ähnlich, denn auch sie fühlte sich dabei stets unwohl. In Fairy Hills war sie zwar allein in ihrem Zimmer, doch wusste sie um die Anwesenheit der anderen Magierinnen im Haus selbst. Das reichte ihr völlig aus, um sich nicht einsam und verlassen zu fühlen.
Gajeels Wohnung hingegen war ein anderes Thema, weil der eigentliche Bewohner abwesend war. Deshalb hatte sie Juvia ab dem ersten Abend immer zum Abendessen eingeladen, das einen gemütlichen Abend voller Gespräche und Wein eingeleitet hatte. Nur hätten sie vielleicht ihren Weinkonsum etwas reduzieren sollen, insbesondere gestern Abend. Denn innerhalb von vier Abenden hatten Juvia und sie Gajeels Weinvorrat aufgebraucht. Bevor Gajeel zurückkam, musste sie diesen wieder auffüllen, damit er nicht allzu verstimmt über ihre Selbstbedienung war. Streng genommen war Juvia schuld, denn sie hatte Levy die Weinvorräte gezeigt. Doch Levy hatte immer wieder Nachschub geholt.
Mühevoll schälte sich Levy aus ihrer Decke. Irgendwie schaffte sie es immer, sich hoffnungslos darin einzuwickeln und mehr als einmal war sie während eines hastigen Aufstehens einfach umgefallen, weil sie ihre Beine nicht rechtzeitig entwirren konnte. Als sie diese schwierige Aufgabe vollbracht hatte, ging sie zu ihrer Reisetasche, nahm das erste Outfit, das ihr in die Hände fiel und verzog sich unter die Dusche.
Das warme Wasser half etwas, doch sie würde mindestens einen Trank gegen die hämmernden Schmerzen in ihren Schläfen nehmen müssen. So trottete sie vollständig angezogen zurück in ihr Zimmer.
Nach dem ersten Abend mit Juvia hatte sie wohlweislich ein paar Tränke in der Apotheke gekauft und war jetzt mehr als froh darüber. Der einzige Nachteil war, dass man diese nicht auf nüchternem Magen nehmen konnte, und sie war nicht sicher, ob sie überhaupt irgendein Nahrungsmittel bei sich behalten würde.
Den Trank wie einen lebensrettenden Gegenstand umklammernd, lief sie in die Küche. Da sie gestern eingekauft hatte, konnte sie zumindest Haferflocken mit Milch aufkochen, denn das würde sie noch am ehesten essen können.
Levy stellte den Trank sorgfältig auf den Esstisch, während die Milch erhitzt wurde. Sie kippte noch etwas Honig in den Topf, bevor sie eine kleine Portion Haferflocken hineinschüttete. Vorsichtig roch sie am Topf und ihr Magen drehte sich nicht gleich um. Ein gutes Zeichen.
In diesem Moment hämmerte es wild an die Tür. Levy stöhnte, hielt sich den Kopf für einen Moment und lief langsam in Richtung der Eingangstür, um der Person davor leise, aber deutlich ihre Meinung zu sagen. Das hatte sie zumindest vor. Doch als sie die Tür aufriss und bereits den Mund geöffnet hatte, blickte sie in zwei rote Augen.
„Bist du krank?“ Gajeels Frage klang nicht einfühlend, eher vorwurfsvoll.
Levy verengte die Augen. „Nein“, zischte sie und verschränkte die Arme. „Wieso? Sehe ich so schlimm aus?“
Er kratzte sich am Hinterkopf. „Du bist blass, hast Ringe unter den Augen und ...“ Er verstummte und schnupperte. „Dein Essen verbrennt gerade.“
„Oh nein!“ Panisch wirbelte Levy herum, presste mit zusammengebissenen Zähnen eine Hand auf ihre Schläfe und eilte zurück in die Küche. Eilig zog sie den Topf von der Herdplatte und rührte ihren Haferflocken-Milchbrei hastig herum. Dann atmete sie erleichtert auf. Dank Gajeels Nase war nur der Teil direkt am Boden etwas braun geworden, ihr Frühstück war noch essbar.
„Du isst diesen Fraß freiwillig?“ Lautlos war Gajeel neben sie getreten und beäugte den Topf skeptisch.
„Das schmeckt nicht schlecht.“
Ihre Verteidigung entlockte Gajeel nur sein typisches Lachen, doch er erwiderte nichts. Innerlich seufzend, nahm sich Levy einen Löffel und stellte den Topf einfach auf den Esstisch. Da sie sowieso allein essen würde, konnte sie direkt aus dem Topf essen. Nebenbei war sie zu angeschlagen, um jetzt noch eine Schüssel zu nutzen und damit eine Sache mehr spülen zu müssen.
Da fiel ihr noch etwas anderes ein. „Wieso bist du so früh am Morgen hier? Ich dachte, von Gallowstown braucht man einen halben Tag, bis man wieder in Magnolia ist?“
„Hast du auf die Uhr geschaut?“
Angesichts dieser merkwürdigen Frage warf Levy einen Blick auf die Uhr. Und ließ den Löffel fallen, der mit einem schmatzenden Geräusch zurück in den Topf fiel, während sie entgeistert das Zifferblatt anstarrte. Es war halb vier. Entweder sie hatte mehrere Stunden am Stück geduscht, was angesichts ihrer nicht eingeweichten Haut unmöglich war. Oder sie hatte schlicht und ergreifend den halben Tag verschlafen.
Stöhnen vergrub sie das Gesicht in den Händen. „Bei Mavis. Das wird Juvia mir büßen. Und der Wein ebenfalls.“
„Wein?“ Nun klang Gajeel eher alarmiert und mit dem Anflug eines schlechten Gewissens senkte sie ihre Hände wieder, um ihn entschuldigend anzulächeln.
„Juvia hat mir deine Weinvorräte gezeigt und … Nun, ich ersetze dir alle Flaschen. Eigentlich wollte ich das heute erledigen, aber ich habe verschlafen.“ Leider wusste sie auch nicht mehr, wie lange sie und Juvia gestern noch im Wohnzimmer geredet hatten.
„Mit Juvia zu trinken, ist immer ein Fehler. Durch ihren Körper wird sie nicht sehr schnell betrunken, weil das Wasser den Alkohol verdünnt und einen Kater hatte sie auch noch nie. Wie viele Flaschen Wein habt ihr in den letzten Tagen vernichtet?“
Levy biss sich auf die Lippen und entschied sich, erst einen Löffel ihres Frühstückbreis zu sich zu nehmen, bevor sie antwortete. „Nun … alle.“ Sie vermied es, in Gajeels Richtung zu schauen. Daher zuckte sie zusammen, als sein schallendes Gelächter ertönte. Im Nu meldeten sich ihre Kopfschmerzen zurück und sie kniff die Augen zusammen, während ihre Hände wie von selbst in ihre Haare griffen und verzweifelt daran zogen.
„Davon wird Juvia drei Viertel getrunken haben. Du ersetzt mir nur die, die du geleert hast. Juvia kennt meine Vorgehensweise, sie wird die Flaschen wahrscheinlich schon bei sich in der Wohnung stehen haben. Immerhin erklärt das ihr rasches Verschwinden vorhin in der Gilde.“ Das kratzende Geräusch von Stuhlbeinen, die über den Holzboden rutschten, verrieten sein Aufstehen. „Ich springe unter die Dusche, damit du in Ruhe deine Pampe herunterwürgen kannst. Immerhin hast du an einen Trank gegen deinen dröhnenden Schädel gedacht.“
Levy seufzte erst, als er den Raum verlassen hatte, doch ohne Zweifel hatte er auch das gehört. Denn sein Schnauben konnte sie ebenfalls wahrnehmen. Immerhin hatte er entspannt reagiert, obwohl sie sich an seinen Vorräten vergriffen hatte. Nun, vielleicht war auch ihr Kater für ihn Bestrafung genug. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie komplett verschlafen hatte. Was ihr nie passierte, außer sie hatte sich etwas eingefangen.
Mutig griff sie erneut nach dem Löffel, um einen weiteren Bissen der „Pampe“ zu sich zu nehmen. Dabei musste sie sich konzentrieren, diese auch wirklich im Magen zu behalten und nach fünf weiteren Löffeln gab sie endgültig auf. Das musste für einen nicht nüchternen Magen ausreichen, denn einen weiteren Löffel würde sie nicht schaffen. Außerdem hatte sie gut zwei Drittel des Breis hinuntergewürgt, was mehr als erwartet war.
Die Reste beförderte sie in den Müll, denn von kaltem Haferbrei wurde ihr schlecht. Und Gajeel würde vorher verhungern, bevor er davon auch nur einen Löffel zu sich nahm. Sie spülte den Topf und als sie ihn abgetrocknet und wieder im Schrank verstaut hatte, kam Gajeel gerade wieder ins Wohnzimmer.
Wortlos deutete er auf den Tisch, auf dem noch immer der unberührte Trank stand.
Levy seufzte, dann ging sie zum Tisch, griff nach dem Trank und zog den Deckel ab. Da sie bereits Bekanntschaft mit dem bitteren Gebräu gemacht hatte, hielt sie sich mit der freien Hand die Nase zu und stürzte das Gebräu hinunter. Doch trotzdem schüttelte es sie hinterher und sie ergriff das Glas, das ihr unter die Nase gehalten wurde mit einem gemurmelten „Danke“. Der pure Orangensaft war genau das Richtige.
„Du hast eingekauft.“ Bei Gajeels Bemerkung und seinem neutralen Tonfall richtete Levy ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn.
„Dein Kühlschrank war fast vollkommen leer. Wenn ich von dem völlig verschimmelten Joghurt und dem grünen Etwas, das ich noch nicht einmal zuordnen konnte, einmal absehe. Oh, und die vier Flaschen Wasser in der Tür. Also habe ich eingekauft.“
„Wie lange bleibst du?“
Bei dem harschen Tonfall, der ihr entgegenschlug, erstarrte sie für einen kurzen Moment. Dann biss sie sich auf die Lippe und senkte den Kopf. „Ich weiß nicht“, murmelte sie. „Ich wollte heute bei Ruchio vorbeilaufen und fragen, ob er einen Termin bezüglich des Heizkessels hat. Außerdem benötige ich ein paar Bücher aus meinem Zimmer. Den Rest des Tages werde ich nicht in der Wohnung sein.“ Levy setzte sich in Bewegung, um ihre Tasche und ein paar dreckige Kleidungsstücke aus ihrem Zimmer zu holen. Wenn sie sowieso nach Fairy Hills ging, konnte sie dort auch etwas länger bleiben und sich um ihre Wäsche kümmern. Denn dort lagen auch noch ein paar Sachen herum, die dringend in die Waschmaschine gehörten.
„Gib Bescheid, wenn du mehr weißt“, rief Gajeel ihr noch hinterher.
Levy beeilte sich, aus dem Haus zu kommen. Ansonsten würde sie entweder in Tränen ausbrechen oder Gajeel eine Ansage machen. Keine der beiden Optionen würde sich positiv auf ihren wackeligen Beziehungsstand auswirken, weshalb Flucht die einzige Lösung war.
‚Tief durchatmen‘, redete sie sich selbst zu. Vielleicht war er mit dem umsortierten, vollen Kühlschrank überfordert. Gajeel war etwas eigen, wenn es um sein Essen und dessen Anordnung in den Schränken ging, das wusste sie. Oder er litt nur unter Schlafmangel, von der stundenlangen Zugfahrt einmal abgesehen. Wenn ihr mehrere Stunden am Stück kotzübel war, verhielt sie sich auch nicht freundlich gegenüber ihren Mitmenschen. Außerdem war seine Frage berechtigt, wie lange sie bei ihm wohnen würde. Bevor er ging, hatte sie ihm keine genaue Angabe geben können und seitdem war sie auch nicht in Fairy Hills gewesen.

Levy hatte Glück, denn Ruchio stand mit ein paar Handwerkern vor dem Gebäude und gestikulierte wild herum. Kurz grüßte Levy ihn und beschloss, sich erst um ihre Wäsche zu kümmern. Ruchio sah nicht gereizt aus, er schien nur tief in der Diskussion mit den Handwerkern versunken und dabei wollte sie nicht stören.
Im Haus traf sie niemanden an, was nicht verwunderlich war. Die anderen Bewohnerinnen waren ebenfalls für die Zeit des Heizkesselausfalls anderswo untergekommen. Man merkte die fehlenden Heizmöglichkeiten, denn bereits im Treppenhaus und in den Fluren war es frisch.
Levy zog ihre Jacke enger um sich, als sie ihr Zimmer betrat, das noch einmal etliche Grad kälter erschien als der davorliegende Flur. Sie konnte nur hoffen, dass keines ihrer Möbelstücke durch die längere Kälte Schaden davontrug. Rasch suchte sie die Kleidungsstücke zusammen, die in die Waschmaschine wandern würden, und ging mit diesen in den Keller, in dem sich der Waschraum befand. Aufgrund des defekten Heizkessels würde sie ihre Wäsche nur kalt waschen können, aber das sollte für das eine Mal kein Problem darstellen. Immerhin hatte sie keine völlig verdreckte Wäsche, die heißes Wasser benötigte.
Als sie die Maschine beladen hatte und sich die Wäschetrommel in Bewegung setzte, lief sie wieder nach oben und machte sich auf die Suche nach Ruchio. Sie hatte Glück. Er stand zwar nach wie vor vor dem Gebäude, doch die Handwerker waren nicht mehr zu sehen.
„Levy McGarden! Wie schön, dich wiederzusehen! Ich hoffe, du bist gut untergekommen?“ Ruchio lächelte sie wie immer freundlich an.
Levy erwiderte das Lächeln und nickte. „Ich übernachte bei einem Freund. Eigentlich habe ich die letzten Tage auf seine Wohnung aufgepasst, denn er war auf einem längeren Auftrag.“
„Das ist schön zu hören. Ich weiß nicht, ob dir die Neuigkeiten gefallen, die ich für dich habe.“
„Neuigkeiten?“ Levys Stimme glitt eine Oktave höher. „Wie lange dauert die Reparatur des Heizkessels denn?“
Ruchio kratzte sich verlegen an der Wange. „Nun, der ist bereits ersetzt worden. Das eigentliche Problem sind die Leitungen. Als Hilda das Gebäude übernommen hat, wurde es renoviert. Das war jedoch vor vierzig Jahren und die Rohre sind veraltet. Für den Moment sind sie noch in Ordnung, doch die Handwerker haben mir ein gutes Angebot für den vollständigen Austausch der Rohre gemacht.“
„Wie lange würde das dauern?“
„Nun, sie schätzen zwei Monate. Allerdings würden sie sich Zimmer für Zimmer vornehmen und ich könnte einrichten, dass das deine als Erstes gemacht wird. Dann könntest du bereits wieder eine Woche nach Renovierungsbeginn einziehen. Wenn ich zustimme, fangen sie in drei Tagen an, bis dahin haben sie die Rohre geliefert bekommen.“
Eine Woche. Eine Woche sollte akzeptabel sein, auch wenn sie Gajeel ursprünglich nur einige Tage in Aussicht gestellt hatte. Aber das Austauschen der Rohre war etwas, das sie nicht beeinflussen konnte.

+++


Im Büro des Gildenmeisters war es still, abgesehen vom Ticken der großen Standuhr. Makarov beobachtete mit verschränkten Armen von der Tischplatte aus, wie sein Enkel die Tür lautlos schloss und dann mit verschlossener Miene auf ihn zugelaufen kam. Laxus ließ sich auf einen der Stühle vor dem Tisch fallen und blickte stur auf einen Punkt hinter dem Gildenmeister.
Makarov blieb einige Minuten still. Dann seufzte er, gab seine abweisende Haltung auf und setzte sich mit überkreuzten Beinen auf den Tisch.
„Laxus.“ Sein Tonfall war nach wie vor ernst. „Du weißt, warum ich dich hergebeten habe.“
Abgesehen von einem kurzen Blick zeigte dieser keine Reaktion.
„Laxus. Du wirst mit mir reden müssen, ob du willst oder nicht. Vorher verlässt du dieses Büro nicht. Die letzten Tage hatte ich keine Zeit, um das mit dir zu besprechen. Doch heute werden wir reden.“
„Reden? Das Einzige, was ich mir anhören darf, ist eine weitere Standpauke. Davon hatte ich bereits zu genüge, danke.“ Laxus‘ Ton war bitter und Makarov verspürte Mitleid mit seinem Enkel.
Deshalb schüttelte er den Kopf. „Ich werde dir keinen Vortrag halten. Obwohl ich einen geplant hatte, nachdem mir Mira von deinem Verhalten gegenüber Cana und Lexy erzählt hat. Doch die Verletzung von Cana wird genug Lehre für dich gewesen sein. Warum sie diese davongetragen hat, wirst du wissen.“
Laxus‘ Maske zeigte Risse und Makarov wusste, dass er zu seinem Enkel durchgedrungen war. Er stieß ein erneutes Seufzen aus und hielt an sich, nicht aufzustehen und ihm tröstend eine Hand auf die Schulter zu legen. In dieser emotionalen Verfassung würde Laxus keinen Körperkontakt zulassen. Außer er kam von Cana oder Lexy. Ihm gegenüber würde Laxus auf Abstand gehen, das hatte Makarov bereits vor Jahren lernen müssen.  
„Als Ivan sechs Jahre alt war, musste ich auf einen längeren Auftrag nach Crocus reichen. Julia, deine Großmutter, wollte nicht, dass ich gehe. Wir stritten uns. Sie warf mir vor, nicht genug Zeit mit meinem Sohn zu verbringen, weil ich andauernd unterwegs war. Ich widersprach, denn jede freie Minute verbrachte ich mit den beiden. Doch weder für Julia noch für Ivan war es genug.“ Makarov legte eine Pause ein, um seine Emotionen zu ordnen. Selbst nach all den Jahren fiel es ihm noch immer schwer, darüber zu sprechen. Denn dieser scheinbar harmlose Streit war der Auslöser für viele Dinge, die danach geschahen. „Während ich in Crocus war, wurde Julia in Magnolia von einem durchgegangenen Pferd niedergetrampelt. Ivan stand direkt daneben, als es passiert. Seit diesem Unfall konnte Julia keine längeren Strecken mehr laufen: Ihr Knie war nicht mehr lange belastbar und Ivan hatte mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Er hat nie vergessen, dass Julia nur aufgrund unseres Streits zu diesem Zeitpunkt auf dieser Straße unterwegs war. Als ich davon erfuhr, brach ich meinen Auftrag ab und kehrte nach Magnolia zurück. Julia hatte mir längst unseren Streit verziehen, Ivan hingegen nicht. Selbst mit seinen sechs Jahren machte er mich verantwortlich für die Verletzung seiner Mutter und die damit verbundenen Einschränkungen.“
Laxus hatte sich mittlerweile entspannt, wenn man von einem irritierten Stirnrunzeln einmal absah. „Es ist unmöglich, bei einem Streit diese Auswirkungen vorauszusehen.“
Makarov nickte langsam. „Das ist einer der großen Unterschiede zwischen dir und Ivan. Du verlässt dich auf die Vernunft, Ivan hingegen sieht nur seinen eigenen Blickwinkel. Alle andere ist für ihn irrelevant. Für ihn bin ich schuld am Unfall, weil Julia nur wegen mir später einkaufen war. Dass er sich geweigert hat, in den Kindergarten zu gehen, und sie sich deshalb noch weiter verspätet hatten, hat er nie in Betracht gezogen. Dabei ist Julias Unfall die Schuld von niemandem. Keiner konnte das durchgehende Pferd vorausahnen.“
„Und was möchtest du mir damit eigentlich erklären?“
„Ich kenne dich. Du gibst dir mindestens zum Teil die Schuld an Canas Verletzung. Doch ein Magier trägt die alleinige Verantwortung für alles, was während eines Auftrags geschieht. Wenn man abgelenkt ist und deshalb einen Fehler macht, ist das nicht die Schuld der Person, die der Grund für die abschweifenden Gedanken ist.“
„Das ändert nichts an meinem falschen Verhalten. Ich hätte Lexy nicht mit zu mir nehmen sollen.“
„Das hättest du nicht. Aber du hast daraus gelernt. Etwas, das Ivan nie konnte, so sehr ich es auch versucht habe. Du erkennst deine Fehler und versuchst, sie kein zweites Mal zu begehen. Eine Eigenschaft, die auch ich nicht aufwies, als ich in deinem Alter war.“ Makarov schloss die Augen, als ihn die Erinnerungen einholten. Die schlimmsten, die er während seines langen Lebens immer wieder durchleben musste. „Julia war überfordert mit Ivan. Ich war fast so selten in Magnolia wie Gildarts. Weil ich mit Ivans Verhalten mir gegenüber überfordert war. Die Jahre über steigerte sich seine Abneigung gegen mich weiter, bis er sich mit zehn endgültig weigerte, am selben Tisch mit mir zu sitzen. Julia hat diese Situation innerlich zerrissen, doch ich war in meiner eigenen Ratlosigkeit gefangen. Meine Aufmerksamkeit lag nur auf Ivan und dem Bestreben, unser Verhältnis zu bessern. So sehr, dass ich Julia vernachlässigte, teilweise überhaupt nicht mehr wahrnahm.“
Laxus schwieg und Makarov konnte es ihm nicht verübeln. Das war das erste Mal, dass er seinem Enkel gegenüber seine Frau erwähnte. Und den größten Fehler, den er je gemacht hatte, weshalb er bei Laxus immer erpicht war, diesem seine Fehler aufzuzeigen.
„Überforderung mit dem Sohn und das Gefühl, vom Ehemann nicht mehr wahrgenommen zu werden. Dazu hatte Julia in Magnolia keine Freundschaften aufgebaut, ich hatte sie in Pratolina kennengelernt. Ein kleines Dorf in den Phönixbergen, das heute nicht mehr existiert. Sie war völlig allein. Julia war eine sanfte, liebevolle Frau.“ Makarovs Stimme wurde heiser, als er gegen den Kloß in seiner Kehle ankämpfte. „Irgendwann ertrug sie es nicht mehr. Sie wartete, bis Ivan auf dem Weg zur Schule war, setzte sich in einen Zug und fuhr nach Hargeon. Dort stürzte sie sich von den Klippen ins Meer. Man hat ihren Körper zwischen den Felsvorsprüngen gefunden. Ab diesem Zeitpunkt hat mich Ivan gehasst. Bis heute kann ich es ihm nicht verübeln, denn durch meine Schuld ist seine Mutter umgekommen. Wenn ich etwas mehr auf sie geachtet, sie mehr unterstützt hätte, wäre das nicht geschehen.“ Makarov räusperte sich, dann blickte er Laxus an.
Dieser starrte ihn im Gegenzug mit großen Augen an. Kein Vorwurf lag in seinen Augen, nur Schock und Unglaube.    
„Du bist nicht Ivan. Du hast keinen seiner Charakterzüge. Deshalb möchte ich mich entschuldigen. Mein Verhalten in den letzten sieben Jahren war nicht akzeptabel. Es war ebenso falsch wie mein Verhalten gegenüber Julia und Ivan. Ich hätte mich mehr bemühen müssen, dir in Bezug auf Cana zu helfen. Dir zumindest mitzuteilen, dass sie nicht für immer verschwunden ist. Doch ich war der Meinung, meine Stellung als Gildenmeister gegenüber meiner Stellung als Großvater den Vortritt lassen zu müssen. Deshalb habe ich nichts über Canas Aufenthaltsort preisgegeben und dich zum Schluss mit Drohungen davon abgehalten, zumindest offiziell weiter nach ihr zu suchen.“
Die Stille nach Makarovs Worten dauerte an. Sie war zwar weder mit Wut noch mit Vorwürfen geladen, aber das machte sie nicht weniger unangenehm. Makarov brachte es nicht über sich, in das Gesicht von Laxus zu blicken und konzentrierte sich lieber auf den Sekundenzeiger der Uhr. Er wanderte einmal um das Zifferblatt herum, dann ein zweites Mal. Bei zwei Dritteln der dritten Umdrehung verlagerte Laxus sein Gewicht und Makarovs Blick schnellte reflexartig zu ihm.
Auf Laxus‘ Lippen lag ein leichtes Lächeln.
Makarov spürte regelrecht, wie sein Herz leichter wurde.
„Ich verstehe dein Handeln, Gramps.“ Bei dem Spitznamen wurden Makarovs Augen feucht. Wenn nicht das Lächeln, die Worte oder der Tonfall überzeugend genug gewesen wären, hätte er spätestens jetzt gemerkt, dass Laxus ihm sein Verhalten nicht übel nahm. „Es war besser so. Ich weiß selbst, wie zerstörerisch mein Verhalten für Lexy gewesen wäre. Das war es auch, als ich Cana gezwungen habe, mit mir über meine Vaterschaft zu reden. Doch ich habe mich schneller beruhigt, als ich es damals getan hätte. Ich wäre mit einer Tochter überfordert gewesen und hätte das an Cana und Lexy ausgelassen. Eigentlich wollte ich Cana auch nur finden, um ihr all die Wut und den Frust durch meine verletzten Gefühle entgegenzuschleudern. Ich wollte sie so sehr verletzen, wie sie mich mit ihrem Verschwinden verletzt hatte. Teilweise habe ich das auch nach ihrer Rückkehr getan, doch im Endeffekt fühlte ich mich danach nur noch miserabler. Die vielen Diskussionen mit ihr haben das nur bestätigt. Sie fühlte sich schlecht, deshalb ging es mir ebenso und dafür habe ich sie verantwortlich gemacht. Es hat gedauert, bis ich aus diesem Kreislauf ausbrechen konnte und an Lexys Geburtstag wurde mir vor Augen geführt, wie schnell ich wieder in diesen einbrechen kann.“ Laxus stand auf und reichte Makarov die Hand, die dieser mit Tränen in den Augen ergriff. „Ich mache dir keine Vorwürfe. Über keine einzige Entscheidung, die Cana und Lexy betrifft. Abgesehen von deiner Offenheit über weiteren Nachwuchs, während Cana und ich uns noch in unsere Beziehung finden müssen.“
Makarov hielt Laxus‘ Hand eisern fest, auch wenn dieser sie wieder aus dem Händedruck lösen wollte. Denn eine wichtige Sache musste er noch loswerden. „Du bist ein großartiger Vater. Besser, als Ivan und ich es zusammen je waren. Ich bin unglaublich stolz auf dich. Dich aufwachsen zu sehen, war die größte Freude meines Lebens. Und dich mit deiner Tochter zusammen zu sehen, ist ein ebenso großes Geschenk.“
Laxus war für einen Moment wie erstarrt, dann umfasste er die andere Hand von Makarov und zog ihn kurzerhand in seine Arme. „Danke, Gramps“, murmelte er mit belegter Stimme.

+++

Durch eure Rückmeldungen ist mir bewusst geworden, wie wenig Kontakt Makarov und Laxus bisher hatten. Deshalb diese zweite Szene, in der sie endlich über alles sprechen. Makarovs Frau, ich habe sie Julia genannt, entspringt vollkommen meiner Fantasie, ebenso wie das Zerwürfnis von Makarov und Ivan.
Gajeel und Levy haben trotzdem noch ihre Schwierigkeiten. Was denkt ihr, warum reagier Gajeel so und interpretiert Levy vielleicht zu viel?
Danke für die Rückmeldungen zum letzten Kapitel!
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