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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
37
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15.04.2021 3.743
 
Kapitel 46 – Gefühlsentwicklungen und vergangene Ereignisse

Die nächsten Vormittage verbrachte Cana in ihrer Wohnung. Nachdem Lorelei sowohl mit Lexy, Laxus, Porlyusica und dem Master gesprochen und ihr für die nächsten Tage Erholung verordnet hatte, hatte sie die Gelegenheit genutzt, um etwas aufzuräumen. Was streng genommen nicht unter Erholung fiel, aber sie musste irgendetwas tun, um vor Langeweile nicht verrückt zu werden.
Laxus hatte sich bereit erklärt, Lexy die nächsten Tage von der Vorschule abzuholen und zur Gildenhalle zu bringen. Dort würden sie sich treffen, denn Cana weigerte sich, den ganzen Tag in ihrer Wohnung verbringen. So wohl sie sich hier auch fühlte, sie betrachtete die Gildenhalle ebenfalls als ihr Zuhause und wollte einen Teil des Tages dort verbringen, um ihre Freunde und Familie zu sehen.
Lexy hatte zu ihrer Erleichterung keine weiteren Anfälle erlitten, wobei das nichts zu bedeuten hatte. Doch es beruhigte sie trotzdem, denn das hieß ein paar Tage mehr Aufschub bis zum nächsten Zwischenfall. Dieser würde nämlich geschehen. Wenn Lexy bereits einen Tag nach einem anstrengenden Training einen Anfall hatte, dann würde dies häufiger geschehen. Cana betete zu allen ihr bekannten Mächten, diese Anfälle so glimpflich wie möglich ausgehen zu lassen, weil jeder Lexy mehr von ihrer Kraft raubte. Immerhin stand am nächsten Tag ein weiteres Gespräch mit Heilerin Lupita an, um über die letzten Wochen zu berichten und um die Situation genau einschätzen zu können.
Cana seufzte und unterbrach das Zusammenlegen der Wäsche, um einen Blick auf die Uhr zu werfen. Nach dieser letzten Ladung würde sie sich zur Gildenhalle aufmachen. Wahrscheinlich waren Laxus und Lexy schon dort, doch sie wollte einmal die gesamte Wäsche versorgt haben, bevor sie aus der Wohnung ging.
Nachdenklich blickte sie auf das schwarze Hemd, das nicht ihr gehörte. Es war Laxus‘ Hemd, das sie kurzerhand mitgewaschen hatte. Zwar hatte er nach der ersten Nacht nicht mehr hier übernachtet, doch er hatte sein Hemd entweder vergessen oder absichtlich zurückgelassen. Ironischerweise hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, ob Laxus erfreut über das Waschen war oder nicht. Dabei wusste sie, wie eigen er in Bezug auf seine Kleidung war. Seine Hemden und Hosen vertraute er nur einer einzigen Wäscherei in Magnolia an, da er selbst keine Lust auf Wäsche waschen hatte. Allerdings übertrug er auch keinem die Aufgabe, seine Wäsche hinzubringen oder abzuholen, sondern erledigte das immer selbst.
Schlussendlich zuckte Cana mit den Schultern und rollte das Hemd sorgfältig zusammen. Laxus konnte das Hemd notfalls noch immer zur Wäscherei bringen, falls ihre Wäschebehandlung nicht sorgfältig genug war. Außerdem würde sie heute mit ihm besprechen, wie sie die gemeinsamen Aufträge und Lexys Abholung aus der Vorschule regeln sollten. Nachdem Lexy allmählich davon überzeugt war, dass sich ihre Eltern während ihrer Abwesenheit nicht immer stritten, hatte sie am heutigen Morgen erklärt, mit gemeinsamen Aufträgen von ihnen einverstanden zu sein. Was in Cana eine Mischung aus Nervosität, Vorfreude und Hoffnung geweckt hatte.
Sie wusste nur zu gut, was auf Aufträgen alles geschehen konnte, im positiven und negativen Sinn. In der Regel erledigte Laxus Aufträge, die etwas schwieriger und gefährlicher waren als die, die sie für gewöhnlich auswählte, was ihre Nervosität erklärte. Die Vorfreude bezog sich eindeutig auf die Aussicht auf viele gemeinsame Stunden mit Laxus. Und Hoffnung auf alles andere, was ihr momentanes Leben betraf. Den einzigen kleinen Dämpfer bekam sie durch den bangen Gedanken, was geschehen würde, wenn Lexy einen Anfall bekam, während sie und Laxus nicht in der Stadt waren. Doch Makarov war immer in Magnolia, außer er musste zu irgendwelchen Treffen der Gildenmeister. Was nicht allzu oft vorkam.
Mittlerweile wusste auch Ophelia Bescheid, was Lexys gesundheitliche Verfassung anging und sie hatte versprochen, sofort die Gilde zu informieren, falls etwas während des Unterrichts geschehen sollte.
Mit einem letzten Blick vergewisserte sie sich, keine Kleidungsstücke liegengelassen zu haben, dann zog sie die Tür hinter sich zu. Das Hemd hatte sie sorgfältig in ihre Tasche gelegt, zusammen mit ihren Karten und Lexys Medikamenten. Sie hatte mehrmals überprüft, ob sie die Medikamente wirklich eingepackt hatte, und das würde sie sehr lange weiterhin so handhaben. Der Schock über die Situation an Lexys Geburtstag saß ihr nach wie vor in den Knochen. Und Laxus ebenso, auch wenn er es nicht mit Worten ausdrückte. Doch sie erkannte es an kleinen Gesten, wie er immer wieder über Lexys Haare strich, um auf eventuelle elektrische Spannung aufmerksam zu werden. Oder wie er sie generell im Blick behielt, selbst wenn sie nur auf der anderen Seite der Gildenhalle war und mit Happy, Charle oder Lily redete.

In der Gildenhalle angekommen, suchten Canas Augen wie von selbst die anwesenden Personen nach Laxus und Lexy ab. Innerhalb kürzester Zeit sah sie beide in der Nähe des Tresens. Laxus saß an einem der Tische, Lexy hatte sich einfach auf den Tisch gestellt und gestikulierte wild. Laxus beobachtete sie dabei mit einem leichten Lächeln und nickte in unregelmäßigen Abständen, oder er gab eine kurze Antwort von sich.
Als sie fast am Tisch angekommen war, hob Laxus die Hand und unterbrach Lexys Redefluss, nur um mit dem Kopf in Canas Richtung zu nicken.
Lexy wirbelte herum und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Mama! Du kommst genau richtig! Ich muss Papa noch eine Geschichte aus der Vorschule erzählen! Blues Papa ist wieder da! Er hatte einen Unfall und konnte deshalb nicht wieder nach Magnolia. Blue hat erzählt, dass ihre Mama geweint hat und jetzt wohnt ihr Papa wieder bei ihnen. Weil er sich entschuldigt hat, hat ihre Mama Blue erzählt.“
„Das ist schön, Süße“, antwortete Cana und ließ sich auf die andere Bank sinken. Sie griff in ihre Tasche und holte das zu ihrer Erleichterung nicht zerknitterte schwarze Hemd heraus, um es Laxus hinzuhalten. „Dein Hemd. Ich habe es mitgewaschen, nachdem es zwei Nächte in meinem Badezimmer lag. Ich dachte, du würdest es bevorzugen, das Hemd ohne weiblichen Parfümgeruch wiederzubekommen.“
Laxus wirkte für einen Augenblick überrumpelt, dann nahm er das Hemd mit einem Nicken an sich. „Danke. Du hättest es nicht waschen müssen. Solange es dein Parfümgeruch ist, kann ich sehr gut damit leben.“
„Mamas Parfüm riecht sehr gut. Das habe ich ihr auch schon gesagt, aber ich darf es trotzdem nicht benutzen.“ Lexys Antwort brachte Cana zum Schmunzeln.
„Parfüm darfst du benutzen, wenn du größer und älter bist, Lexy.“
„Wie alt?“
Laxus warf einen hilfesuchenden Blick zu Cana, doch sie schüttelte nur grinsend den Kopf. Laxus hatte soeben diese Regel aufgestellt, also würde er sie auch genauer eingrenzen müssen.
„So alt wie deine Mutter, als sie mit Parfüm angefangen hat.“ Den Triumph, der in den grünen Augen stand, konnte sie nicht übersehen, doch diese Antwort war durchaus gerissen. So hatte Laxus es zwar genauer eingegrenzt, letztendlich hing jedoch alles von ihrer Aussage ab.
„Mama, wann hast du Parfüm benutzt?“ Das zweite Paar grüner Augen war auf sie gerichtet, nur mit einem fragenden Ausdruck.
Cana überlegte. „Mit vierzehn Jahren. Glaube ich.“
„Was?!“
„Okay! Dann darf ich das auch, wenn ich vierzehn bin!“ Vergnügt sprang Lexy vom Tisch hinunter und rannte zu Makarov, der wie immer auf dem Tresen saß. „Gramps, weißt du was? Ich …“
Cana hörte auf, Lexys zweifellos überglücklicher Erzählung über Parfüm zuzuhören, und widmete ihre Aufmerksamkeit Laxus. Dieser sah sie entgeistert an.
„Mit vierzehn Jahren?“
Cana seufzte. „Ja. Auch wenn ich nicht weiß, warum du so schockiert bist.“
„Vierzehn ist so jung.“
„In diesem Alter war ich bereits in der Lage, Kinder zu bekommen“, sagte sie trocken und sah, wie Laxus‘ Gesicht bleich wurde.
„Jetzt sag mir bitte nicht, dass du mit …“
„Nein. Nach meinem ersten Scheitern bei den S-Klasse-Prüfungen hatte ich keine Zeit für romantische Beziehungen. Was trotzdem nicht genug war, denn bei meinem zweiten Versuch habe ich gegen dich verloren. Danach habe ich die Zeit, in der ich nicht trainiert habe oder auf Aufträgen war, mit Wein und anderen alkoholischen Getränken verbracht. Währenddessen habe ich versucht, mit den Karten herauszufinden, wann Gildarts wieder in die Gilde kommt.“
„Du hast damals gut gekämpft.“ Cana schnaubte, denn sie konnte sich leider bestens an diese Blamage erinnern. „Ich habe es kein einziges Mal geschafft, dich mit meinen Attacken zu treffen. Egal, was ich auch versucht habe, du bist allem ausgewichen oder hast mit einem Angriff der gleichen Stärke gekontert.“
„Ich habe gekontert, weil ich nicht ausweichen konnte. Du vergisst, dass ich damals achtzehn Jahre alt gewesen bin und du gerade einmal dreizehn.“
„Vierzehn. Ich bin eine Woche vor den Prüfungen vierzehn geworden.“
„Auf jeden Fall warst du noch mitten in deiner magischen Entwicklung, ganz zu schweigen von deiner fehlenden Kampferfahrung. Doch du bist damals strategisch an den Kampf herangegangen und hast nie zweimal den gleichen Angriff versucht. Diese mentale Ruhe hat mich beeindruckt, denn ich bin in diesem Alter anders an Kämpfe herangegangen.“
„So, wie du mich besiegt hast. Mit roher Kraft.“ Cana lächelte, als sie an ihren hilflosen Zorn von damals zurückdachte. Es war ein herber Schlag für sie gewesen, wie mühelos Laxus sie besiegt hatte, ohne auch nur den Hauch einer Strategie vorweisen zu können. „Das ist gewissermaßen ebenfalls eine Strategie. Immerhin muss man dafür erst die nötige magische Kraft vorweisen, das hatte ich nie und werde es auch nicht haben. – Auf jeden Fall sind wir vom Thema abgekommen. Ja, ich habe mit vierzehn Jahren angefangen, Parfüm zu benutzen.“
Laxus legte sich eine Hand über die Augen, während er seinen Ellenbogen auf der Tischplatte abstützte. „Ich fürchte, Lexy im Teenageralter wird eine Herausforderung. Bitte sag mir, dass dein Interesse an Männern erst später angefangen hat.“
„Nein. Ich glaube, mit elf Jahren hatte ich meine erste Liebe gefunden.“ Ihre Stimme war betont unschuldig.
Laxus ließ entgeistert die Hand wieder sinken. „Elf? Wen fandest du denn mit elf Jahren toll? Elf ist doch kein Alter, in dem man sich verliebt!“
Cana zuckte mit den Schultern. „Dein sechzehnjähriges Ich hat mir damals sehr gut gefallen.“ Daraufhin fiel Laxus nichts mehr ein, wie sie an seinem Gesichtsausdruck und dem leicht geöffneten Mund erkennen konnte.
„Wir sollten besprechen, wie wir unsere Aufträge und Lexy organisieren.“ Sie versuchte, das Thema zu wechseln. Es schien zu funktionieren, denn Laxus wachte aus seiner vorübergehenden Starre auf.
„Du warst mit elf Jahren in mich verliebt?“ Purer Unglaube lag in seiner Stimme und Cana rollte mit den Augen.
„Verliebt nicht. Nenne es lieber schwärmen, denn du warst damals der coole Sechzehnjährige, der lieber allein in einer Ecke saß und Musik gehört hat. So etwas hinterlässt Eindruck bei einem Kind. Nun, mit zwölf Jahren fand ich dich dann doof, falls es dich tröstet.“
„Und wann fandest du mich wieder … nicht doof?“ Sein breites Grinsen weckte in ihr kurz den Wunsch, ihm eine Lüge aufzutischen. Nur um sein Gesicht bei dieser Antwort zu sehen, doch dann entschied sie sich lieber für die Wahrheit.
„Eine Weile nach Tenroujima. Nachdem ich gesehen habe, wie sehr du dich während deiner Zeit außerhalb der Gilde verändert hast.“
„Hm.“ Laxus blickte an ihr vorbei zu Lexy, die noch immer bei Makarov war und mit ihm redete.
„Wir sollten aber wirklich über unsere Aufträge sprechen.“ Cana hasste es, ihn dazu zu drängen, doch sie war eine Planerin. Wenn sie keinen Plan für bestimmte Dinge hatte, drehte sie innerlich durch und das hier war eines der Dinge, die durchgeplant werden mussten. Zumindest im groben Rahmen, die Einzelheiten konnten auch später geklärt werden.
„Gramps hat sich mit Freuden bereit erklärt, Lexy von der Vorschule abzuholen und sie bei sich übernachten zu lassen. Er hat mein früheres Zimmer vollständig umgebaut. – Bereits nach Tenroujima? Dafür warst du in den Magischen Spielen sehr auf Abstand bedacht.“
Cana gab es auf, mit Laxus jetzt die Aufträge zu besprechen. Zugegeben hatte sie seine Aussage bezüglich Makarov bereits beruhigt. Sie vertraute ihm ebenso sehr wie Gildarts, wenn es um Lexy ging und sie wusste, er würde Lexy behandeln wie er damals Laxus behandelt hatte: wie sein eigenes Kind. Also hakte sie gedanklich zumindest den Lexy-Teil ihrer Organisation ab und befasste sich mit Laxus‘ Thema. „Natürlich hielt ich Abstand zu dir. Ich wollte nicht, dass du meine Gefühle herausfindest. Die Nächte im gemeinsamen Schlafsaal waren der pure Albtraum, weil ich immer Angst hatte, im Schlaf etwas von mir zu geben, das mich verrät.“ Natürlich hatte sie damals das Glück oder Pech gehabt, das Bett neben Laxus von diesem zugewiesen zu bekommen. Laxus war der Anführer von Fairy Tail B gewesen, weshalb er damals die Betten den einzelnen Mitgliedern zugewiesen hatte. Sie als Reservemitglied hatte ebenfalls im Raum mit den Teammitgliedern schlafen müssen.
„Es hätte mich nicht gestört.“ Jetzt klappte Cana der Mund auf.
„Bitte?“
Laxus fuhr sich durch seine Haare, was diese noch mehr zu Berge stehen ließ. „Die Raijinshuu haben mir regelmäßig berichtet, wie es dir geht. Es mag dich verwirren, aber … erinnerst du dich an deinen Kampf mit Freed kurz vor Fantasia?“
Cana nickte. Damals hatte sich Juvia geweigert, gegen sie zu kämpfen. Stattdessen hatte sie sich selbst geopfert, um Cana den Kampf gegen Freed zu ermöglichen. Cana war rasend vor Wut gewesen, auch wenn ihr das nicht geholfen hatte. Freed war um Längen stärker gewesen, war es vermutlich immer noch. Doch in diesem Moment war ihr das vollkommen egal gewesen, weil es nie um den Kampf an sich gegangen war. Sie hatte ihm einzig und allein klarmachen wollen, wie man sich gegenüber seinen Gildenkameraden zu verhalten hatte. So wie Juvia, nicht wie Freed, der diese damals nicht als Mitglied akzeptiert hatte.
„Der Ausdruck in deinen Augen. Du wusstest, Freed niemals besiegen zu können, und trotzdem hast du keine Sekunde gezögert, ihn anzugreifen. Das hat mich damals beeindruckt und irgendwie entwickelte sich diese Faszination während meiner Abwesenheit weiter. Was auch der Grund war, warum du in Crocus das Bett in der Ecke neben meinem bekommen hast. Das war purer Egoismus von mir.“
„Ich glaube das einfach nicht“, murmelte Cana und vergrub das Gesicht in den Händen, weil dieses gefühlt in Flammen stand. In ihrem Versuch, sich aus ihrer Verlegenheit zu ziehen, konzentrierte sie sich nicht mehr auf die Geräuschkulisse um sie herum. Deshalb zuckte sie zusammen, als sich unvermittelt ein Arm um ihre Schultern legte.
„Nachdem wir diese Sachen geklärt haben, sollten wir wirklich über die Aufträge sprechen. Ich kenne dich. Du drehst wahrscheinlich bereits durch, weil wir noch gar nichts geklärt haben. Du musst da strategisch an die Sache rangehen, damit deine Gedanken nicht verrückt spielen..“
„Du bist unmöglich“, murmelte Cana und nahm die Hände von ihrem Gesicht, um ihn vorwurfsvoll anzublicken.
„Nein. Nur zufrieden mit unserer Beziehung. Du hast mir trotz meines Verhaltens an Lexys Geburtstag noch eine Chance gegeben.“ Laxus drehte seinen Oberkörper leicht zu Cana, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihren Rücken an seiner Vorderseite anzulehnen.
„Wir sind keine Minderjährigen mehr, die vollständig von Hormonen und widerstreitenden Gefühlen beherrscht werden. Ich verstehe, warum du so gehandelt hast. Auch wenn es falsch war. Doch zugegeben war dies das erste Mal in deiner Rolle als Vater, dass ein Notfall eintritt. Ich habe anfangs nicht viel anders reagiert. Nur hatte ich niemanden, dem ich die Schuld geben konnte. Dein Verhalten ist nicht vergessen, aber du hast sehr schnell gemerkt, wie falsch es war. Und seitdem bist du mir gegenüber anders. Nicht unbedingt netter, aber das wäre auch etwas seltsam, weil perfekte Nettigkeit nicht deinem Charakter entspricht. Doch du bist offener. So, wie wir gerade sitzen“ – Cana gestikulierte kurz in Richtung Bank – „hättest du das vor ein paar Wochen nie zugelassen.“
„Vor ein paar Wochen ist vor unserer ersten Verabredung. Ich sitze nicht mit jedem so eng beieinander.“
„Mh.“ Es war seltsam, wie schnell die Zeit verging. Cana war sich zwar bewusst, wie kurz ihre Beziehung zu Laxus anhielt, doch gedanklich war sie bereits viel weiter. Zugegeben trug Lexy keinen kleinen Teil dazu bei und auch in ihrer Zeit bei Blue Pegasus hatte sie sich Laxus zugehörig gefühlt. Nicht nur durch Lexy, auch durch ihre eigenen Gefühle. Laxus selbst war zwar anders mit der Situation umgegangen, doch insgeheim wusste sie, dass auch er ähnlich empfunden haben musste. All die bedeutungslosen Frauen, von Lorelei einmal abgesehen, sprachen für sich. Ähnlich wie Gildarts, nachdem er von ihrer Mutter verlassen worden war und Trost gesucht, aber nie welchen gefunden hatte. Abgesehen von ihr, wie er ihr einmal in einem angetrunkenen Zustand gestanden hatte. Allein das Wissen, von Cornelia nicht nur Erinnerungen, sondern eine Tochter geschenkt bekommen zu haben, hatte für ihn alles wettgemacht.
„Wir haben für die Planung nur bis morgen Zeit, wenn wir mit den Aufträgen möglichst bald beginnen wollen. Du wirst wahrscheinlich dringender die Belohnung benötigen als ich, deshalb sollten wir uns über eine gerechte Aufteilung unterhalten.“
„Übermorgen.“ Cana schloss die Augen und lehnte sich noch etwas mehr an das warme Hemd von Laxus, während sie den Pelzkragen seiner Jacke etwas von ihrem Gesicht wegschob. So gern sie die Jacke an Laxus sah, der Kragen kitzelte unheimlich auf ihrer Haut.
„Übermorgen? – Ah. Der Termin bei Lupita.“ Durch die verdoppelten Trainingseinheiten hatte die Heilerin vorgeschlagen, die Termine nur noch alle zwei Wochen stattfinden zu lassen. Da es nur Kontrolluntersuchungen waren, war das in ihren Augen völlig ausreichend. Cana und Laxus hatten beide ohne Widerrede zugestimmt. Denn die Anreise zum Institut, auch wenn es nahe bei Magnolia lag, nahm einige Zeit in Anspruch. Zeit, die Cana aufgrund ihrer finanziellen Verhältnisse auch in Aufträge investieren sollte. Zwar zahlte Laxus Lexys Vorschulgebühren – in diesem Punkt hatte er nicht mit sich diskutieren lassen – und auch einen Teil ihres Unterhalts. Trotzdem verfügte Cana durch die letzten Jahre über keinerlei finanzielle Reserven.
„Vielleicht hat sie ja die Lösung für Lexys Magie gefunden“, murmelte Cana, doch sie hörte die Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme.
Anstatt einer Antwort legte Laxus das Kinn auf ihrem Kopf ab. Normalerweise hätte sie etwas gesagt, auch weil Laxus‘ Kopf nicht gerade leicht war. Doch sie verstand seine wortlose Antwort und blieb stumm.

+++


Freed stand an der Brüstung des ersten Stocks und blickte nachdenklich hinunter in die Halle. Ausnahmsweise nicht zu Mira, die hinter dem Tresen stand und für ihn wie immer wunderschön aussah. Aber heute widmete er seine komplette Aufmerksamkeit Laxus. Zugegeben hatte er das früher regelmäßig getan, doch seit Mira in sein Privatleben getreten war, hielten sich seine Beobachtungen von Laxus in Grenzen.
„Ich vermute, es gibt keinen Grund zur Beunruhigung, wenn du wie ein Idiot Löcher in die Luft starrst und gruselig lächelst?“ Evergreen stellte sich einfach zu ihm und ignorierte seinen gereizten Blick.
„Danke, Ever. Ich überprüfe nur, ob unser Vortrag bei Laxus gefruchtet hat oder nicht.“
„Natürlich hat er das. Immerhin habe ich ihn gehalten. Übrigens war das kein Vortrag, es war eine Standpauke. Ein Vortrag wäre nicht so eindrucksvoll gewesen.“
„Denkst du, sie kam bei Laxus auch als solche an?“ Das dritte und letzte Mitglied der Raijinshuu gesellte sich ebenfalls dazu. Bixlow, um dessen Kopf wie immer seine Puppe schwirrten. Doch heute wiederholten sie keinen seiner Sätze, als ob sie sich des Ernsts der Lage bewusst wären. Oder Bixlow hatte ihnen die Fähigkeit zu sprechen genommen, denn das konnte der Seith-Magier ebenfalls.
„Wenn ich mir das Ergebnis anschaue, schon.“ Freed nickte in Richtung von Laxus, der zusammen mit Cana auf einer der Bänke in der Gildenhalle saß, während beide Lexy beobachteten. Diese war inzwischen auf den Schoß des Masters geklettert und malte dort begeistert auf einem Block herum.
„Ich weiß nicht, ob das Evers deutliche Ansage oder Lexys anhaltender Weinkrampf gewesen ist. Zumindest ist Laxus bei Lexy überforderter gewesen, als er es je bei Evers Vorträgen war.“ Mit einer geübten Bewegung wich Bixlow Evers Faust aus.
Freed ignorierte seine beiden Teamkameraden, die einmal mehr eine Diskussion anfingen. Er hoffte nur, einen weiteren dieser Vorfälle nicht noch einmal erleben zu müssen. Als Laxus sie spätabends gerufen hatte, waren sie auf etliche Szenarien vorbereitet gewesen. Doch auf keines, in dem ein verzweifelter Laxus sie regelrecht anflehte, Lexy zu beruhigen. Wenn Freed ehrlich zu sich selbst war, wäre er dieser Bitte ohne Nachfrage gefolgt. Ever war es gewesen, die die Arme verschränkt hatte und in einem drohend ruhigen Tonfall gefragt hatte, wieso Lexy untröstlich und Cana abwesend war. Erst ihre Drohung, Laxus für die nächsten Stunden in eine Steinstatue zu verwandeln, hatte bei diesem die Zunge gelöst und er hatte ihnen alles berichtet.
Sie waren nicht nur entgeistert gewesen, sondern wütend. Selbst Freed war über alle Maßen geschockt gewesen, als Laxus seine Reaktion und sein Verhalten gegenüber Cana und Lexy erzählt und anfangs auch verteidigt hatte. Ein Todesblick von Ever und er hatte zumindest Zweiteres gelassen, doch das hatte die Sache nicht besser gemacht.
Ever hatte es sich mit Bixlow zusammen zur Aufgabe gemacht, Lexy etwas zu beruhigen, bis diese erschöpft und noch immer weinend einschlief. Dann war das gebündelte Sturmgewitter der drei Raijinshuu über Laxus hereingebrochen und er hatte sich einiges anhören müssen. Bei aller Freundschaft und langjährigen Zusammenarbeit, die die Vier miteinander verband, stieß Laxus‘ Verhalten auf vollkommene Ablehnung. Das machten sie ihm laut und deutlich klar, wobei Ever den größten Anteil daran gehabt hatte.
Schlussendlich hatte Laxus sein Fehlverhalten eingesehen und sogar auf Evers trockene Bemerkung, bei Cana zu Kreuze kriechen zu können, keinerlei Widerstand gezeigt. Seitdem tat er genau das, auch wenn es den meisten Gildenmitgliedern nicht auffiel. Doch die wichtigen Personen in Laxus‘ Leben hatten das sehr wohl bemerkt, wenn man von Lexy einmal absah.
„Laxus kann nur froh sein, dass Cana weitaus weniger nachtragend ist als er selbst.“ Evers spöttische Aussage riss Freed aus seinen Gedanken und er zuckte mit den Schultern.
„Cana weiß genau, wem sie ihr Herz geschenkt hat. Hinzu kommt Lexy, die sie mehr oder weniger zwingt, Laxus schnell zu verzeihen. Was vielleicht gut ist, denn so kann sie Lexy immer als Grund nehmen, um in ihren Augen nicht das Gesicht vor Laxus zu verlieren.“
„Cana besitzt ihren Sturkopf also immer noch?“ Bixlow lehnte sich nun ebenfalls über die Brüstung und grinste.
„Natürlich tut sie das. Wer sonst wartet sechseinhalb Jahre auf eine Person, ohne zu wissen, ob diese sie überhaupt zurücknimmt?“
Freed konnte Ever nur beipflichten.

+++

Und damit wäre ein weiterer Punkt in der Beziehung geklärt. Ich weiß nicht, wie es euch geht - aber ich fand bei jeder Geschichte immer spannend, wann sich genau die Gefühle entwickelt haben. Deshalb musste ich das hier einfach bringen.
Da sich viele von euch das Gespräch zwischen den Raijinshuu und Laxus gewünscht haben, habe ich hier die Szene aus deren Sicht eingefügt. Ich weiß, es ist nur eine grobe Nacherzählung, doch ich glaube, man kann sich den genauen Ablauf sehr gut denken.
Danke für die Rückmeldungen zum letzten Kapitel! Ganz zu schweigen vom allgemeinen Interesse an meinem Geschreibsel. Zu sehen, wie die Klickzahlen von Woche zu Woche nach all dieser Zeit immer noch ansteigen, ist einfach unglaublich.
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