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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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01.04.2021 4.299
 
Kapitel 44 – Aufträge, Erkenntnisse und Entscheidungen

Levy ließ die Tasche direkt an der Haustür fallen. Sie schüttelte ihre Schuhe von den Füßen, schmiss ihre Jacke neben sich und trottete in das Wohnzimmer, um sich bäuchlings auf ihr himmlisch aussehendes Sofa fallen zu lassen. Das streng genommen nicht das ihre, sondern Gajeels Sofa war, doch das war ihr in diesem Moment egal.
„Ich hasse Pools“, murmelte sie in die Kissen hinein und genoss die Stille in der Wohnung. Der Pool war dabei nur der glorreiche Höhepunkt eines überaus anstrengenden Auftrags gewesen. Einen Auftrag, den sie so schnell wie möglich vergessen wollte. Zusammen mit dem Verhalten ihrer beiden Teamkameraden.
Jet und Droy waren normalerweise unzertrennlich. Das galt sowohl für die Gesellschaft des jeweils anderen als auch für ihre Meinung zu allem und jedem. Jedoch war dies in regelmäßigen Abständen das komplette Gegenteil, auch wenn das nur selten auftrat. Dann waren sie aus Prinzip immer am Diskutieren, völlig egal, um was es sich auch handeln mochte. Wollte Jet in ein Nudelrestaurant, wollte Droy ein Steakhouse besuchen. Wollte Jet zu Fuß zum außerhalb liegenden Wohnsitz des Auftraggebers gehen, bestand Droy auf ein magisches Auto. Plante Jet den unsichtbaren Einbrecher durch seine Schnelligkeit fangen, hatte Droy eine Pflanzenfalle im Garten aufgebaut, ohne den Rest seines Teams einzuweihen. Auf diese Weise war Levy auch im riesigen Pool des Auftraggebers gelandet: Sie war in Droys Falle gerannt, als sie das flüchtige Auftragsziel verfolgt hatte. Das, nebenbei bemerkt, schneller als Jet gewesen war. Der einzige, wenn auch schwache Trost war die Tatsache, beim Auslösen der Falle auch den Einbrecher gefasst zu haben, weil dieser im Wasser plötzlich sichtbar wurde. Letztenendes hatte sich der „Einbrecher“ als magischer Waschbär herausgestellt.
Natürlich hatte sie auch keine Wechselkleidung mitgenommen, weshalb sie sich und ihr Kleid nur notdürftig mit einem Handtuch abgetrocknet hatte. Entsprechend negativ war ihre Stimmung gewesen und den gesamten Rückweg hatte sie mit ihren Teamkameraden keine drei Sätze gewechselt, denen das schlechte Gewissen ins Gesicht geschrieben stand.
Eine Haarsträhne fiel Levy ins Gesicht und sorgte für einen Schwall Chlorgeruch, bei dem ihr übel wurde. Eine weitere Sache, die ihre Stimmung trübte: Sie stank nach Chlor. Der Auftraggeber hatte das Wasser des Pools sehr intensiv mit dieser Chemikalie behandelt, wie Levy bereits vor ihrem unfreiwilligen Bad gerochen hatte. Entsprechend hatte sich dieser Geruch in ihren Kleidern und insbesondere in ihren Haaren festgesetzt.
Eigentlich hatte sie nicht geplant, sich in den nächsten Stunden vom Sofa wegzubewegen, aber angesichts dieses Gestanks blieb ihr wohl nichts anderes übrig.
Also setzte sie sich seufzend auf und wollte den Gang unter die Dusche antreten, als ihr Blick an einem Gegenstand auf Gajeels kleinem, mit Papier übersätem Wohnzimmertisch hängen blieb. Dort lag das Buch, das sie vor ein paar Wochen im Buchladen gekauft hatte. Erst jetzt, da Juvia dieses Buch erwähnt hatte, fiel es ihr auf. Es hatte schon bei ihrem letzten Besuch hier gelegen, wenn sie sich richtig erinnerte.
Neugierig nahm sie es und schlug es irgendwo nahe der Mitte auf. Nur, um mit ihren Augen an einem Absatz hängen zu bleiben.
„‚Als Lillian ihn fortgehen sah, erkannte sie ihren Fehler. Doch es war zu spät. Ian hatte ihr angeboten, für immer aus ihrem Leben zu verschwinden. Sie hatte aufgrund ihrer Verletztheit angenommen und er hatte wie immer sein Wort gehalten. Nun konnte sie nichts anderes tun, als diese Entscheidung den Rest ihres Lebens zu bereuen.‘“
Levy stockte und legte das Buch beiseite. Die Tränen stiegen ihr einmal mehr in die Augen, denn das war für sie die schönste und zugleich traurigste Stelle des Buches gewesen. Lillian hatte ihre Liebe zu ihrem treuen Freund erkannt, nachdem er sie verlassen hatte. Verzweifelt hatte sie sich auf die Suche nach ihm gemacht, nur um am Ende erfahren zu müssen, wie ernst er sein Angebot gemeint hatte. Ian war mit dem Schiff abgereist, er hatte das Land und den Kontinent verlassen.
Ob Ian und Lillian jemals wieder zusammenfinden würden, wusste Levy nicht. Sie hoffte nur, im nächsten Band Einzelheiten darüber zu erfahren. Gleichzeitig war ihr jedoch bewusst, wie ähnlich die Situation dieser Charaktere in Bezug auf die ihre war. Gajeel und sie waren an einem ähnlichen Punkt angelangt, auch wenn sie nicht glaubte, dass er den Kontinent verlassen und nach Alvarez gehen würde. Dafür war ihm Fairy Tail zu wichtig, auch wenn er das niemals zugeben würde.
Im nächsten Moment waren alle Ähnlichkeiten vergessen, denn Levy sah etwas anderes auf dieser Seite. Etwas, das sie rasend machte. Gajeel hatte ein Eselsohr in die obere Ecke gemacht, wahrscheinlich als Lesezeichen oder etwas Ähnliches. Es gab nichts, was Levy bei Büchern so sehr in Rage brachte wie absichtlich abgeknickte Ecken.
Sie wollte eben die Ecke wieder halbwegs geradebiegen, damit der Knick nicht direkt zu sehen war, doch dann hielt sie inne. Gajeel tat nichts grundlos, das hatte sie in ihrer Wut über die Misshandlung der Buchseite vergessen. Das bedeutete, er hatte immerhin bis zu dieser Seite gelesen oder sie für sich markiert.
Schlagartig war ihr Zorn verraucht und sie spürte, wie ihr Gesicht anfing zu glühen. Teils aus Scham angesichts ihrer unüberlegten Reaktion, teils aus Verlegenheit gegenüber Gajeels Verhalten. Sich das Buch zu kaufen, war eine Sache. Doch es zu lesen und wichtige Stellen zu markieren, eine völlig andere. Das zeugte von einer intensiven Beschäftigung mit dem Buchinhalt anstatt einem flüchtigen Durchlesen, wie es die meisten Leute taten.
Levy klappte das Buch wieder zu und drehte es seitlich. Erst jetzt bemerkte sie, dass nicht nur auf dieser einen Seite die obere Seitenecke umgeknickt worden war, sondern auch auf etlichen anderen Stellen im gesamten Buch.
Gajeel hatte das Buch komplett gelesen, obwohl es alles andere als dünn war. Levy selbst hatte nach zwei Nachmittagen mit längeren Lese-Sessions das Buch fertig gelesen, doch sie las im Vergleich zu anderen einfach viel schneller.
Mit einem Seufzen legte sie das Buch wieder beiseite und stand endgültig auf. Jetzt, wo sie einmal mehr verwirrt war, was Gajeel und sie anging, konnte sie auch gleich duschen gehen. Vielleicht beruhigte sie das warme Wasser etwas, ansonsten hatte sie noch den gesamten Abend Zeit, sich den Kopf zu zerbrechen und doch zu keiner Lösung zu kommen.

Die Dusche hatte geholfen. Levy hatte während dieser beschlossen, Gajeel bezüglich des Buchs direkt anzusprechen und auf eine aussagekräftige Antwort zu hoffen. Diesen Entschluss gefasst, stand sie vor der kleinen Küchenzeile im Wohn- und Essbereich und bereitete ihr Abendessen vor. Durch den Auftrag hatte sie mit ihrem Team nur einen kleinen Imbiss eingenommen, weshalb sie jetzt einen größeren Aufwand betrieb als normalerweise. Glücklicherweise hatte sie morgens bereits eingekauft, sodass sie alle benötigten Dinge vorrätig hatte. Während das sorgfältig geschnittene Gemüse in der Pfanne mit etwas Butter und ein paar Gewürzen briet, wärmte sie in sich in einer zweiten Pfanne einen Maisfladen auf. Diesen beträufelte sie immer wieder mit etwas Wasser, damit er wegen der Hitze nicht trocken und somit hart wurde.
Nach kurzer Zeit legte sie den Fladen auf einen Teller, bestrich ihn mit etwas Joghurt und Paprika-Chili-Soße und schob das Gemüse aus der Pfanne auf diesen. Nach einem nachlässigen Zusammenrollen, da der Fladen sowieso die Hälfte seines Inhalts verlieren würde, setzte sie sich mit diesem an den kleinen Esstisch.
Gerade als sie ihren ersten Bissen nehmen wollte, hörte sie das klickende Geräusch der Eingangstür. So, als ob diese geöffnet worden war. Irritiert runzelte sie die Stirn, denn Gajeel würde auf keinen Fall bereits an diesem Abend zurücksein. Wahrscheinlich war er erst vor ein paar Stunden in Gallowstown angekommen. Vielleicht hatte sie die Tür nicht richtig zugeschlossen. Am heutigen Tag konnte alles passieren und diese Möglichkeit war nicht allzu unwahrscheinlich.
Levy legte lautlos ihre Fladenrolle wieder auf den Teller, bevor sie aufstand und in Richtung des Flurs lief. Als sie nur noch einen Schritt davon entfernt war, trat eine Gestalt in das Zimmer und ließ sie zusammenzucken. Der kleine Trost war, dass die Gestalt sogar einen spitzen Schrei ausstieß.
Levy presste ihre Hand auf ihr hämmerndes Herz und blickte in das geschockte Gesicht von Juvia.
„Levy?! Juvia wusste nicht … Juvia ist vorbeigelaufen und hat das Licht brennen sehen. Gajeel vergisst manchmal, seine Lichter auszumachen und in den letzten Tagen war Gajeel abgelenkt.“
Levy lächelte verlegen. „Nun, Gajeel hat die Lichter nicht vergessen auszumachen.“
Juvias Augen begannen zu funkeln. „Gajeel hat dich eingeladen?! Juvia weiß von Fairy Hills, doch eigentlich hat sie gedacht, du würdest zu Jet und Droy gehen! Aber zu Gajeel zu ziehen ist viel besser! Er braucht jemanden, um auf seine Wohnung aufzupassen, weil er mehrere Tage weg ist.“
Levy räusperte sich. „Eigentlich habe ich ihn gefragt, ob ich bei ihm wohnen kann. Jet und Droy haben kein freies Zimmer und ich schlafe nicht auf diesem Folterbrett, das sie Sofa nennen. Und ich habe schon öfters in Gajeels Gästezimmer geschlafen.“
Das war die falsche Aussage, denn jetzt sah Juvia aus wie Mira, wenn sie eine ihrer Verkuppelungen plante. „Gajeel lebt also mit dir zusammen! Das ist perfekt! Ihr beide wohnt zusammen! Juvia weiß, was geschehen kann, wenn man ungeplant in einer anderen Wohnung übernachtet! Gray hat damals erkannt, wie wichtig Juvia für ihn ist!“
„Das ist nur für ein paar Tage. Sobald der Heizkessel wieder repariert ist, ziehe ich zurück nach Fairy Hills.“ Levy verkniff sich eine Bemerkung bezüglich Juvia und Gray, denn seine Version klang etwas anders. Juvia hatte sich mehr oder weniger selbst eingeladen, nachdem sie sich ausgeschlossen hatte. Er hatte ihr das Bett überlassen. Nur, um mit ihr morgens auf dem Sofa aufzuwachen. An dieser Stelle hatte Levy ihn unterbrochen, weil sie wirklich nicht mehr erfahren wollte. Die leichte Röte in Grays Gesicht hatte völlig gereicht, um ihre Fantasie verrücktspielen zu lassen.
Juvia sah leicht enttäuscht aus, doch dann schien ihr ein neuer Gedanke zu kommen. „Hat Gajeel einen neuen Schlüssel anfertigen lassen? Juvia kann ab heute beruhigt sein, weil du dich um Gajeels Wohnung kümmerst?“
„Ich glaube, es war sein eigener Schlüssel.“ Zumindest war die Eisenkette als Anhänger ein starker Hinweis darauf. „Warte. Wenn er mir seinen Schlüssel gegeben hat, wie soll er dann wieder in seine Wohnung kommen? Was, wenn ich nicht da bin? Wenn ich auf einem Auftrag bin, der länger dauert als einen Tag und in einer anderen Stadt übernachte? Bei Mavis, was hat er sich dabei nur gedacht? Ich kann doch nicht die gesamte Zeit hier in der Wohnung sitzen und warten, bis er wieder nach Magnolia kommt!“ Levy raufte sich die Haare und blickte Juvia verzweifelt an.
Diese jedoch schüttelte nur den Kopf. „Juvia macht sich keine Sorgen. Gajeel geht immer in die Gildenhalle, wenn er von einem Auftrag kommt. Um nach dir zu schauen, auch wenn Gajeel das nicht zugibt. Außerdem hat Gajeel eine feine Nase. Er weiß, ob du in Magnolia bist und wo. Er wird dich finden. Und notfalls hat Juvia ihren Schlüssel, den Gajeel dann abholt.“
„Daran habe ich ehrlich gesagt nicht gedacht“, gestand Levy mit einem schiefen Lächeln. „Aber das sollte kein Problem darstellen. Nach dem heutigen Auftrag will ich für ein paar Tage Pause, sowohl von der Arbeit als auch von meinem Team.“
„Juvia geht es auch so. Gray hat heute Morgen eine Diskussion angefangen und Juvia will etwas Abstand.“
„Du kannst gern den restlichen Abend hier verbringen. Eine weitere Portion Abendessen für dich ist schnell gemacht, das Gemüse braucht nicht lange zum Andünsten. Und dann können wir einen Film schauen und uns gegenseitig erzählen, wie schlimm die Männer in unserem Leben sind.“
Juvia nickte freudig. „Juvia weiß, wo Gajeel seinen guten Wein aufbewahrt!“
„Perfekt.“ Levy grinste voll Vorfreude. Ein oder mehrere Gläser Wein waren genau das, was diesen Abend abrunden würde. Sowohl für sie als auch für Juvia, die ihre Jacke kurzerhand über die Sofalehne warf und zielstrebig auf den Kühlschrank zulief, um das Gemüse herauszuholen.

+++


Lexy saß auf einem der Betten im Behandlungszimmer und beobachtete schweigend ihre Eltern, die wieder einmal heftig diskutierten. Doch dieses Mal herrschte eine andere Stimmung in der Luft. Deshalb war sie nicht besorgt, auch wenn sie den Sinn der Diskussion nicht verstand.
„Laxus, ich kann sehr gut allein laufen und ich werde heute Nacht auch nicht urplötzlich einen Rückfall erleiden! Lorelei hat mir das Gegengift gegeben und ich bin mir ziemlich sicher, alle Reste des Gifts wieder von mir gegeben zu haben!“
Lexy wippte mit ihren Füßen. Ihre Mama war geheilt, das konnte sie riechen. Vorhin hatte sie es nicht gemerkt, doch der Geruch ihrer Mama war anders gewesen. Irgendwie schlecht, als ob sie krank gewesen wäre. Jetzt war er wieder normal, auch wenn ihre Mama blass war und müde aussah. Doch Lorelei hatte gesagt, dass das passieren würde, und Lexy hatte gespürt, der Frau vertrauen zu können.
„Ich werde dich heute auf keinen Fall noch einmal aus den Augen lassen! Egal, wie sehr du dagegen protestierst, dieses Mal werde ich nicht nachgeben!“
„Du kannst mir jetzt nicht damit kommen, nachdem du mir gestern Abend den Umgang mit meiner Tochter verboten hast!“
Lexy runzelte die Stirn. Nachdem Jii-jii sie und ihren Papa dazu gebracht hatte, miteinander zu reden, hatte sie keine Angst mehr vor ihm. Sie hatte gespürt, dass er jedes einzelne Wort ernst meinte. Sie vertraute ihm. Vielleicht sollte sie jetzt etwas sagen, damit ihre Mama aufhörte zu diskutieren. Denn Lexy hörte, wie ihre Mama anfing, schneller zu atmen, und wieder etwas blasser wurde. Das war zu anstrengend für sie, sie musste nach Hause und sich ausruhen.
„Hört auf, euch wie Kinder aufzuführen, alle beide.“
Lexy strahlte, auch wenn sie nicht geredet hatte. Doch in der offenstehenden Tür standen Jii-jii und Gramps, die beide streng in Richtung des Betts schauten, wo Lexys Eltern waren. Der Blick der beiden war wie der ihrer Mama, wenn Lexy etwas falsch gemacht hatte.
„Cana, du bist zu schwach, um mit Lexy allein zu deiner Wohnung zu laufen, das weißt du genau. Lorelei hat nicht nur mit dir geredet. Bis morgen früh hast du nicht allein zu sein, das wird sie nicht nur mir gesagt haben.“ Die Stimme von Gramps klang streng und Lexy wusste, dass niemand etwas gegen seine Worte sagen würde. Dazu fühlte sich Gramps zu gruselig an, wobei das nicht das richtige Wort war. Es war Respekt. Alle hatten zu viel Respekt vor ihm, um etwas anderes zu sagen.
„Laxus, du wirst diese Aufgabe übernehmen. Außerdem kann es euch beiden Dickköpfen nicht schaden, die nächsten Stunden gezwungenermaßen miteinander zu verbringen. Vielleicht schafft ihr es endlich mal, etwas anderes zu tun, als zu diskutieren.“ Jii-jii zwinkerte deutlich und Lexy beobachtete fasziniert, wie das weiße Gesicht ihrer Mama rosa wurde. Ihr Papa bekam nur große Augen, aber drehte sich leicht und blickte zum Fenster, während er sich durch die Haare fuhr.
„Was macht man denn normal, wenn man zusammen allein ist und nicht streitet?“ Lexy interessierte das wirklich und es war ihr auch egal, dass sie einfach ein Gespräch unterbrach. Wenn sie dafür später von ihrer Mama zurechtgewiesen wurde, war das okay, denn sie wollte das unbedingt wissen.
Doch ihre Mama bekam nur einen Hustenanfall und ihr Papa blickte stur aus dem Fenster, während er steif wurde.
„Das wirst du wissen, wenn du größer bist.“ Jii-jii grinste breit und zwinkerte wieder, dieses Mal in ihre Richtung.
„Wie groß?“
„Niemals groß genug. Gildarts, hör auf, meiner Tochter Unsinn zu erzählen! Sie kommt noch auf falsche Gedanken!“ Ihr Papa hatte sich vom Fenster abgewandt und blickte wütend zu Jii-jii, auch wenn Lexy den Grund nicht verstand.
„Willst du ihr nicht irgendwann erzählen, wie sie entstanden ist?“
„Wieso entstanden? Papa, was bedeutet das?“
Ihr Papa stieß ein merkwürdiges Geräusch aus, dann griff er nach der Hand ihrer Mama und zog sie hoch. „Es reicht. Wir gehen jetzt. Wenn du auf dem Weg zu eurer Wohnung umkippst, Cana, hast du das dir selbst zuzuschreiben. Ich werde dafür nicht verantwortlich sein!“
Lexy sah mit großen Augen, wie das Gesicht ihrer Mama wieder etwas rosa geworden war. Aber immerhin sagte sie nichts, sondern lief ihrem Papa hinterher, der vor ihr stehen blieb und sie kurzerhand auf seinen freien Arm nahm. Denn er hielt noch immer die Hand ihrer Mama umfasst. Als sie durch die Tür gingen, nachdem Gramps und Jii-jii zurück in den Gang gelaufen waren, winkte sie den beiden vergnügt.
„Bis morgen!“

+++


„Wenn er nicht dein Vater wäre …“ Laxus presste diese Bemerkung zwischen seinen Zähnen hervor.
„Was dann? Dann würdest du gegen ihn kämpfen, weil er genau die Witze macht, die du früher ebenfalls gerissen hast? Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ihr Elfman und Ever während der Magischen Spiele aufgezogen habt,“ entgegnete Cana mit müder Stimme. Denn sie war müde, so müde wie schon lange nicht mehr. Lorelei hatte sie zwar vorgewarnt, doch nach der fünften Magenentleerung war sie mit ihren Kräften am Ende gewesen. Wäre sie nicht von Lorelei gestützt worden, wäre sie nicht aufrecht sitzengeblieben. Selbst die kleine Diskussion mit Laxus, die vom Master und von Gildarts beendet worden war, hatte sie eine Unmenge an Kraft gekostet. Kraft, von der sie nicht wusste, woher diese überhaupt gekommen war.
Auch jetzt erschien ihr jeder Schritt in Richtung ihrer Wohnung kräftezehrend. Als ob sie mit Gewichten an ihren Füßen über Treibsand lief, zumindest so fühlte sich die gepflasterte Straße unter ihr an.
„Bei Elfman und Ever war das etwas anderes. Wir wollten Ever nur dazu bringen, endlich über ihren Schatten zu springen und ihre Gefühle zuzugeben. Und auf keinen Fall hätte ich das vor einem Kind in Lexys Alter erwähnt.“ Laxus‘ Stimme klang noch immer gereizt.
„Es ist Gildarts. Erstens hat er in seinem Leben mehr ‚Beziehungen‘ geführt als sonst irgendwer, zweitens provoziert er dich gern. Erst recht, nachdem du seine Tochter geschwängert hast.“
Bei dieser Aussage verlor Laxus kurz sein Gleichgewicht, was Lexy aus ihrem Halbschlaf riss. Auch ihr war die Aufregung deutlich anzusehen, zusätzlich kämpfte sie noch mit den Nachwirkungen ihres gestrigen Anfalls.
„Sind wir schon da?“, fragte sie und rieb sich die Augen.
„Nein Schatz, es dauert noch. Schlaf ruhig weiter.“
„Okay.“ Lexy gähnte, schloss die Augen und kuschelte sich wieder an den schwarzen Mantel von Laxus.
„Das bedeutet aber noch lange nicht, dass er Anspielungen auf unser Sexleben machen kann, während unsere Tochter im Raum ist. Ich habe keine Lust, einer Sechsjährigen die Geschichte mit den Bienen und Blümchen zu erzählen.“
„Bei Mavis. Erinnere mich bloß nicht daran. Ich konnte Macao und Wakaba für zwei Wochen nicht in die Augen schauen. Andererseits war auch das Gespräch mit Porlyusica alles andere als angenehm.“
„Ihr wurdet zu Porlyusica geschickt?“
Cana schenkte Laxus einen vielsagenden Blick. „Kannst du dir einen der männlichen Magier vorstellen, wie sie jungen Mädchen gewisse weibliche Besonderheiten erklären, die mit der Pubertät kommen?“
Laxus wurde blass. „Oh.“
„Mama, was sind weibliche Besonderheiten?“ Lexy war also doch nicht wieder eingeschlafen, sondern blickte sie neugierig an.
„Das erfährst du, wenn du größer bist.“
„Genau so groß wie das mit der Entstehung?“
Laxus gab einen erstickten Laut von sich und blickte stoisch nach vorne.
„Ja“, seufzte Cana. „Ich verspreche es dir.“
„Okay, dann kann ich wieder schlafen.“
„Wir sind sowieso gleich da, nur noch zwei Häuser. Du kannst wach bleiben und …“
„Dann kann ich schon vorlaufen. Papa, lass mich runter. Bitte.“ Das letzte Wort fügte Lexy nach einer kurzen Pause und einem strengen Blick von Cana hinzu.
Laxus setzte sie ab und Lexy eilte direkt in Richtung der Wohnung, ohne sich noch einmal umzublicken.
Währenddessen nutzte Cana die kurze Pause, um wieder etwas zu Atem zu kommen. Denn mittlerweile hatte sie das Gefühl, ihre Füße gar nicht mehr vom Boden lösen zu können.
„Bist du sicher, dass du die beiden Häuser noch schaffst? Dein Gesicht ist schweißüberströmt und dein hastiger Atem verrät mir genug. Du bist völlig am Ende, Cana.“
Cana schüttelte den Kopf und machte einen Schritt. Ihre Beine gaben unter ihr nach und sie wäre gestürzt, wenn Laxus ihre Hand nicht losgelassen und stattdessen um ihre Hüfte gelegt hatte.
„Deine Sturheit ist unglaublich. Du hast die Wahl: Entweder du erlaubst mir, dir beim Laufen zu helfen oder du landest über meiner Schulter wie ein Sack Kartoffeln. Ich kann dir verraten, dass die zweite Wahl nicht besonders würdevoll ist.“
Cana nickte stumm und schlang ihrerseits einen Arm um Laxus‘ Körpermitte, während sie ihren Kopf an seiner Seite anlehnte. Erst dann setzten sie sich wieder in Bewegung.
„Es tut mir wirklich leid. Mein Verhalten gestern Abend ist unverzeihlich, das weiß ich. Ich hätte nie Lexy mit in die Sache hineinziehen sollen, das haben mir Gildarts und Lexy selbst klar gemacht. Dazu bist du auf deinem Auftrag verletzt worden. Ich … Wenn etwas Schlimmeres geschehen wäre, hätte ich …“ Laxus brach ab und Cana konnte das Knacken seines Kiefers hören, weil er diesen so fest zusammenbiss.
„Meine Verletzung hat nichts mit dir zu tun. Ich war nicht schnell genug beim Ausweichen und da die Wunder nur oberflächlich war, habe ich sie nur verbinden lassen. Erst in Magnolia habe ich gemerkt, wie stark sie eigentlich schmerzt, und das war schon fast zu spät.“ Cana wollte noch mehr sagen, doch sie kamen in diesem Moment an der Haustür zu ihrer Wohnung an.
Laxus ließ sie von seinen Armen hinuntergleiten, auch wenn er einen Arm nach wie vor um ihre Taille gelegt hatte und sie zog die Schlüssel aus ihrer Umhängetasche.
Doch Lexy, die ungeduldig vor der Tür von einem Fuß auf den anderen sprang, nahm ihr diese einfach aus der Hand. Mit einem kurzen „Du siehst krank aus und riechst auch so“ schloss sie die Haustür auf, nur um direkt danach die Treppe hinaufzueilen und die Wohnungstür ebenfalls zu öffnen.
„Ich werde eure Wohnung nicht vor morgen verlassen, damit dir das klar ist. Porlyusica und Lorelei haben mir das vorhin mehrmals eingeschärft. Und Lexy wird auch einen ruhigeren Schlaf haben, wenn sie weiß, dass noch jemand da ist, der nicht von einer giftigen Kreatur gestochen wurde und beinahe gestorben wäre.“
„Genau genommen wurde ich nicht gestochen, sondern auf mich wurden giftige Stacheln abgeschossen, von denen mich einer gestreift hat. Das Gift ist nicht tödlich, es ist ein reines Nervengift. Es soll eigentlich …“
Laxus unterbrach sie sehr wirkungsvoll, indem er sie direkt nach Schließen der Wohnungstür an diese drückte. Er küsste sie intensiv und leidenschaftlich, was sie nach der ersten Überraschung ausgiebig erwiderte. Bis ihre Beine unter ihr nachgaben, was größtenteils an ihren schwindenden Kräften lag. Doch Laxus hob sie einfach wieder auf seine Arme und lief langsam in Richtung ihres Schlafzimmers. Das sehr unaufgeräumt war, wie ihr plötzlich wieder einfiel, doch damit musste sie sich abfinden.
„Papa, bringst du Mama ins Bett? Ich kann dir auch Tee machen, wenn du willst! Ich weiß, wie das geht.“
„Lexy, du wirst auf keinen Fall den Wasserkocher anfassen.“ Trotz ihrer Erschöpfung schaffte Cana es, sich aufzurichten und Lexy warnend anzublicken. Diese nickte daraufhin kleinlaut und lief voran in Canas Schlafzimmer.
„Mama, du hast nicht aufgeräumt.“
Laxus lachte nur, während Cana ein Seufzen ausstieß. Da Lexy recht hatte, brachte eine Entgegnung sowieso nichts.
Als sie sich endlich auf ihr Bett setzen konnte, seufzte sie erleichtert. Dann bemerkte sie, wie sowohl Laxus als auch Lexy ein paar Schritte entfernt standen und sie prüfend musterten.
„Ich werde nicht umkippen. Lexy, für dich ist auch Schlafenszeit. Laxus wird dir dabei helfen.“ Und sie konnte sich fertigmachen, ohne von zwei Augenpaaren beobachtet zu werden.
Beide sahen nicht überzeugt aus. Doch sie folgten Canas Vorschlag und sie hatte Gelegenheit, zumindest alle herumliegenden Kleidungsstücke auf einen Haufen zu packen. Danach ging sie in das angrenzende Badezimmer und unterzog sich einer kurzen Wäsche. Sie war froh darüber, ihre Schlafkleidung mittlerweile im Bad aufzubewahren, um sich dort direkt umziehen zu können. Das übergroße Männershirt, das sie sich vor Wochen gekauft hatte, lag griffbereit in der Handtuchablage und nach kurzem Zögern zog sie auch die kurze Hose an, die sie immer beim Schlafen trug.
Als sie darüber nachdachte, warum sie gezögert hatte, schüttelte sich innerlich über sich selbst den Kopf. Laxus würde es nach dem heutigen Tag nicht interessieren, was sie beim Schlafen trug und was nicht. Außerdem hatten sie noch Gesprächsbedarf, zumindest aus ihrer Sicht. Lorelei hatte ihr noch ein paar Dinge erzählt, während sie sich gefühlt die Seele aus dem Leib gekotzt hatte, und das hatte ihren bisherigen Entschluss nach Laxus‘ gestrigem Verhalten geändert. Genau genommen hatte sie ihn fallen gelassen und beschlossen, Laxus dieses eine Mal zu verzeihen. Auch, weil Lexy offenbar seine Reue gespürt hatte und auch Gildarts trotz seiner Kommentare keine subtilen Signale der Ablehnung gesendet hatte. Nun musste sie das Laxus nur noch mitteilen.
Sie kam wieder aus dem Bad und erblickte Laxus, der bereits unruhig in ihrem Schlafzimmer auf und ab lief, ohne ihrem neuen Kleiderberg auch nur einen Blick zu schenken. Als er die Tür hörte, drehte er sich zu ihr um und ließ seine Augen in aller Ruhe über Canas gesamten Körper gleiten.
Cana schlang die Arme um ihren Oberkörper, als ihre Haut zu kribbeln anfing und räusperte sich unbeholfen.
Das schien Laxus aus seiner Faszination zu reißen, denn er wandte abrupt seinen Blick ab. „Ich werde auf dem Sofa schlafen. Hast du noch irgendwo eine Decke?“
Doch sie hatte im Bad einen Entschluss gefasst, auch wenn ihre Wangen bereits jetzt brannten und Laxus ihren schnellen Herzschlag hören musste. „Mein Bett ist groß genug für uns beide.“

+++

Das Zitat sowie der grobe Inhalt des Buches ist völlig frei erfunden, das entspringt allein meiner Fantasie. Insgesamt wurde das Kapitel etwas länger als geplant, ich wollte aber keine Sätze streichen, nur um unter die 4k zu kommen. Ich denke, euch macht das wenig aus, etwas mehr zum Lesen zu haben.
Der Teil aus Lexys Sicht war für mich unheimlich wichtig, um zu zeigen, wie Lexy jetzt ihrem Vater gegenübersteht. Einfach, damit diese Ungewissheit zumindest für euch Leser nicht mehr existiert. Und ich habe sogar versucht, etwas Romantik einzubauen, auch wenn diese im nächsten Kapitel einen deutlich größeren Anteil erhält. Wer fluffige Szenen mag, kann sich also auf das nächste Kapitel freuen ;)
Danke für die Rückmeldungen zum letzten Kapitel!
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