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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
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25.03.2021 3.844
 
Kapitel 43 – Ein Gegengift und Entschuldigungen

Porlyusica zog nur eine Augenbraue hoch. „Ich habe dir damals prophezeit, dass dein Verhalten schädlich sein könnte. Aber du bist genau wie dein Großvater, ihr wisst immer alles besser. – Wendy, nimm Romeo und suche Lorelei auf. Vielleicht hilft sie uns, selbst wenn der dumme Blondschopf daran beteiligt ist. Laxus, du kannst Cana Gesellschaft leisten, dann bist du wenigstens für etwas zu gebrauchen. Ich habe etwas mit deinem Großvater zu bereden.“
Mit diesen Worten rauschte Porlyusica durch die Tür, dicht gefolgt von Wendy und Romeo, die Cana noch einen amüsiert-entschuldigenden Blick zuwarfen.
„Lorelei wird dir helfen. Das weiß ich. Sie ist nicht der Typ Mensch, der…“ Laxus brach ab.
Cana stieß ein bitteres Lachen aus, das in einem schmerzerfüllten Zischen endete. „Der Typ Mensch, der seine verletzten Gefühle über das Wohlergehen von Unbeteiligten stellt? Das weiß ich. Ich habe sie bereits mehrmals getroffen, ohne über ihre Identität Bescheid zu wissen. Sie hingegen hat mich, besser gesagt Lexy, auf den ersten Blick erkannt. Sie arbeitet in einer Apotheke. Es ist ihre Aufgabe, anderen zu helfen. Wenn sie ihren Stolz über alles andere stellen würde, würde sie nicht in diesem Bereich ihren Lebensunterhalt verdienen.“ Sie musste nicht weiter ausführen, auf wen sie anspielte. Das stand klar im Raum.
„Verdammt Cana, es tut mir leid. Meine Reaktion gestern war ein Fehler, das ist mir bereits gestern Abend bewusst geworden.“
„Vor oder nach dem Besuch der Raijinshuu? Schau nicht so schockiert, du hast Bixlow hier im Krankenzimmer gesehen.“ Cana stemmte die Hände in die Matratze, um sich in eine sitzende Position zu begeben. Doch als sie das Gewicht auf ihre Arme verlagerte, schoss wieder der Schmerz so ungehemmt wie vor Porlyusicas Tränken durch ihren Oberarm und ihr Arm knickte ein. Wenn nicht Laxus sie gehalten und dann hochgezogen hätte, wäre sie unsanft auf ihrem verletzten Arm gelandet, was äußerst schmerzhaft gewesen wäre. Doch Laxus hielt sie fest, bis sie sich vollständig aufgerichtet hatte und sich an das Kopfteil des Betts anlehnen konnte.
„Ich habe überreagiert. Dafür entschuldige ich mich so oft, wie du es willst.“ Laxus‘ Stimme klang gepresst, doch Cana hatte kein Mitleid mit ihm.
„Du verstehst es nicht. Wie du mir gegenüber reagiert hast, ist verständlich. Ich habe Mist gebaut, das weiß ich. Aber du hast Lexyin unseren Disput gebracht. Du hast mir verboten, sie die Nacht bei mir verbringen zu lassen. Du hast mir den Kontakt zu meiner eigenen Tochter verweigert, weil du …“ Canas Stimme brach und sie verstummte abrupt, um sich mit einem tiefen Atemzug wieder etwas zu sammeln. „Ich habe dir nach meinem Geständnis über deine Vaterschaft gesagt, dass es mir egal ist, wie du dich mir gegenüber verhältst. Solange du Lexy aus dem Spiel lässt. Doch das hast du gestern nicht. Lexy hat geweint, weil sie in ihrer gewohnten Umgebung schlafen wollte. Selbst das hat dich nicht interessiert. Stattdessen musste sie sich gegen ihren eigentlichen Wunsch entscheiden. Nur, damit wir uns nicht mehr gegenseitig anschreien.“
„Was hätte ich denn machen sollen?! Lexy wäre beinahe gestorben und wenn ich eine andere Magie beherrschen würde, hätte ich sie vielleicht nicht rechtzeitig nach Magnolia zurückbringen können! Für mich ist das alles neu, ich hatte keine sechs Jahre Zeit, mich daran zu gewöhnen!“
„Denkst du, ich habe mich daran gewöhnt?! Man gewöhnt sich niemals daran, frag den Master! Und es geht nicht um dein Handeln in Hargeon, es geht um dein Verhalten, nachdem ich wieder zu Hause war! Du hättest problemlos bei uns übernachten – ich hätte sogar auf dem Sofa geschlafen – und so Lexy ihren Wunsch erfüllen können!“
„Das stand nicht zur Debatte!“
„Ja, weil du mir nicht zugehört hast! Du warst wie immer in deiner Wut gefangen, in der du niemand anderen mehr zu Wort kommen lässt außer dich selbst!“ Im nächsten Moment fluchte Cana unterdrückt und hielt sich die Schulter. Emotionen fachten die Schmerzen offenbar ebenfalls an.
„Sind die Schmerzen schlimmer geworden? Porlyusica sollte schon längst wieder da sein, zusammen mit Lorelei.“ Laxus‘ Tonfall war plötzlich nicht mehr wutentbrannt, sondern angespannt. Er blickte sie an und Cana erkannte in seinen Augen Sorge. Sowie Liebe und Schmerz.
„Ist das nicht vollkommen egal? Du solltest nach Lexy schauen und sie beruhigen. Sie wird völlig aufgelöst in der Gildenhalle sitzen, wie ich sie kenne.“ Cana schloss die Augen, um Laxus nicht mehr anblicken zu müssen. Wenn ihr nicht jeder Schritt Schmerzen bereitet hätte, hätte sie selbst nach ihrer Tochter gesehen. Doch Porlyusicas Worte waren klar und deutlich gewesen. Außerdem war die Heilerin äußerst furchteinflößend, wenn man ihren Anweisungen nicht Folge leistete.
„Denkst du ernsthaft, Lexy würde jetzt mit mir reden wollen? Sie hat seit gestern Abend kein Wort mehr mit mir gewechselt.“
„Vielleicht lässt dich das endlich erkennen, wie falsch dein Verhalten gestern Abend war.“
„Bei Mavis, wie oft soll ich mich noch entschuldigen?“
Cana öffnete die Augen wieder, doch sie blickte stur auf die Bettdecke, das nach wie vor ihre Beine bedeckte. „Entschuldigungen können nicht alles wieder gut machen, Laxus. Das solltest du am besten wissen.“
„Und das heißt jetzt was? Wir sind wieder an der Stelle angelangt, an der wir nach deiner Rückkehr waren?“ Laxus‘ Stimme klang hohl.
„Nein. Ich möchte unsere aktuelle Beziehung zueinander nicht durch so etwas zerstören. Dafür bist du mir zu wichtig und dafür haben wir schon zu viel gemeinsam durchgestanden.“ Cana hob den Kopf nun doch, denn die nächsten Worte waren zu wichtig, um sie halblaut gegen die Bettdecke zu murmeln. „Was Schaden genommen hat, ist mein Vertrauen zu dir. Du hast durch deine Angst um Lexy alles infrage gestellt, was ich je für Lexy und für uns drei getan habe. Neben der Tatsache, deinen Willen ohne Rücksicht auf andere Meinungen durchgesetzt zu haben. Das alles erinnert mich zu sehr an damals, als …“
Laxus stieß ein bitteres Lachen aus. „Als ich meinem Ziel, die Gilde stärker zu machen, verfallen war und vor Fantasia die ‚Schlacht von Fairy Tail‘ verkündet habe? Ohne dabei auf irgendjemanden zu hören, noch nicht einmal auf Freed? Darauf läuft es wieder hinaus? Wie jedes Mal?“
Cana biss sich auf die Lippe und nickte stumm. Das war ihr eigentliches Problem. Durch Laxus‘ gestriges Verhalten war seine hässliche Seite zum Vorschein gekommen, die damals fast die Gilde zerstört und dem Master einen Herzinfarkt beschert hatte. Sie wusste genau, zu was Laxus fähig war und das machte ihr Angst. Angst in Bezug auf sich selbst, aber vor allem Angst in Bezug auf Lexy. Sie sollte ihren Vater nicht von dieser Seite kennenlernen. Und doch hatte Lexy gestern Abend einen kleinen Einblick bekommen, der sie wahrscheinlich völlig durcheinandergebracht hatte.
Keiner von ihnen brach die unangenehme Stille, die sich erst Sekunden, dann Minuten hinzog und immer unerträglicher wurde. Stattdessen hingen beiden ihren Gedanken nach, die ohne Frage mit diesen Erlebnissen vor all den Jahren zusammenhingen.
Cana war insgeheim froh, als diesen Moment die Tür aufgerissen wurde und eine noch immer weinende Lexy hineingestürmt kam, Gildarts dicht hinter ihr.
„Mama!“ Lexy sprang kurzerhand auf das Bett und ließ sich auf Canas Beinen nieder, nur um zu zögern. Cana lächelte und breitete die Arme aus, den scharfen Schmerz in ihrem Oberarm ignorierend.
„Mama“, schluchzte Lexy und klammerte sich buchstäblich an Cana, die mit ihrem gesunden Arm anfing, ihr beruhigend über den Rücken zu streichen.
„Mir geht es gut. Einigermaßen“, fügte sie bei dem strafenden Blick von Gildarts hinzu. „Die Wunde tut nur sehr weh und ich muss auf jemanden warten, der mir einen Trank gegen die Schmerzen gibt.“
„Dir geht es wirklich gut?“ Lexy hob den Kopf und blickte forschend in Canas Augen. Nach ein paar Sekunden sah Cana, wie ein Lächeln das Gesicht ihrer Tochter erhellte. „Es geht dir gut. Ich kann das spüren.“
„Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Das wollte ich nicht.“
„Es ist okay. Wenn du versprichst, nicht mehr allein auf Aufträge zu gehen.“ Lexys gesamte Körperhaltung flehte sie geradezu an, in diese Forderung einzuwilligen.
Doch Cana zögerte. Es mochte kleinlich klingen, aber sie war es gewohnt, ihre Aufträge ohne Unterstützung zu erledigen. Nun nach all den Jahren einen zweiten Magier zu bitten, kratzte mehr als nur ein wenig an ihrem Stolz. So ungern sie das auch zugab, sogar sich selbst gegenüber.
„Cana und ich werden zusammen die nächsten Aufträge erledigen, bis sie wieder vollkommen gesund ist.“ Cana überraschte diese Aussage, doch sie wurde von Lexys Reaktion abgelenkt.
Denn bei Laxus‘ Aussage versteifte sich Lexy und drückte ihr Gesicht gegen Canas Oberkörper.
Die Nässe, die durch ihr dünnes Oberteil drang, verriet Cana, wie aufgewühlt ihre Tochter war. Normal hätte sie sie wortlos getröstet. Doch auf Lexys Tränen konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen, denn diese Reaktion hatte Cana insgeheim befürchtet. Sie musste dieser gegenwirken, sonst würde das längerfristigen Einfluss auf Lexys und Laxus‘ Beziehung haben. Trotz allem war Laxus erst vor wenigen Wochen als Vater in Lexys Leben getreten und das Vertrauen in ihn als Elternteil musste noch aufgebaut werden. Ganz zu schweigen davon, dass dieses Vertrauen durch Laxus‘ gestrigen Ausbruch erschüttert worden war.
„Lexy. Es ist okay. Du kannst ruhig sagen, was du denkst.“ Dass Lexy sich daraufhin leicht von Laxus nach dessen Aussage abwandte, sprach Bände. Für Cana und für Laxus, denn sein Gesichtsausdruck wurde schmerzerfüllt und er schloss die Augen.
„Ich … Ihr habt euch gestern angeschrien. So wie jedes Mal, wenn es um mich geht und ihr denkt, ich höre euch nicht. Ich will das nicht! Und Papa macht mir Angst, wenn er laut ist! Er hat gestern so viele Sachen gesagt, über dich und darüber, dass du mich nicht sehen sollst! Das will ich nicht, ich will bei dir sein, und bei ihm! Ich will mich nicht entscheiden müssen, ich will euch beide zusammen haben! Aber Papa hat gesagt, dass das nicht geht! Aber es hat die ganze Zeit auch funktioniert! Liegt das an meiner Krankheit? Ist es deshalb? Ich kann mehr trainieren, damit ich nicht mehr krank werde, ich verspreche es! Ich will nur nicht wieder nur eine Mama haben!“ Lexy hatte wirkliche Angst. Nur wenn sie vollkommen verängstigt war, brach sie in einen derartigen Redefluss aus. „Ihr streitet immer, wenn ich nicht dabei bin. Wenn ihr zusammen auf Aufträge geht, wird das wieder passieren. Ich will nicht, dass du wieder verletzt wirst, weil Papa zu wütend ist, um aufzupassen. Du bist jetzt auch nur verletzt worden, weil ihr euch gestritten habt. Papa ist schuld, dass du abgelenkt warst. Und er hat gestern auch nicht auf dich und mich gehört, obwohl ich bei dir bleiben wollte. Ich mag das nicht! Ich will keine Angst vor Papa haben, aber gestern hatte ich das! Und vorhin auch, weil er mit mir einfach zur Gilde geflogen ist, obwohl ich nicht mit wollte. Ich habe gedacht, dass er ganz woanders weit weg hinwill, weil er für so etwas immer seine Magie benutzt.“
Cana wusste nicht, was sie auf Lexys Vortrag entgegnen sollte. Denn es war vollkommen egal, was sie auch sagen würde: Lexy hatte Laxus gestern von seiner hässlichsten Seite kennengelernt. Das war ein Thema, das er mit seiner Tochter besprechen musste. So sehr sie das auch schmerzte – für Lexy und für Laxus – sie würde dort nichts ausrichten können.
Die Tür, die sich im nächsten Moment in einer normalen Geschwindigkeit öffnete, veränderte nichts an der gedrückten Stimmung im Raum. Deshalb war Cana froh, als sie Lorelei erblickte, die einen neutralen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte und zielstrebig zu ihr lief, ohne Laxus auch nur einen Blick zu schenken.
„Ich hätte nicht gedacht, dich so schnell wiederzusehen.“ Ihre Stimme war ebenfalls neutral, auch wenn unterschwellige Anspannung mitschwang.
Cana konnte es ihr nicht verübeln und setzte ein schiefes Lächeln auf, während sie Lexy vorsichtig, aber bestimmt von ihren Beinen und dem Bett schob. Gildarts umfasste Lexys Taille und nahm sie auf den Arm, als diese protestieren wollte. Währenddessen hatte sich Laxus nicht bewegt, sondern saß auf dem anderen Bett wie eine Statue.
„Tut mir leid für die Umstände. Ich hätte besser auf die Kreatur achten müssen. Das hätte mir eine Menge Schmerzen erspart.“
Lorelei umfasste vorsichtig Canas Oberarm und begann, die Hautpartie rund um die Wunde abzutasten.
Cana sog die Luft scharf ein. Offenbar ließen die schmerzstillenden Tränke von Porlyusica wieder nach, denn Loreleis Untersuchung war fast ebenso schmerzhaft wie die der anderen Heilerin.
„Bei Mavis, musst du ihr noch mehr Schmerzen zufügen?! Gib ihr einfach eines deiner Gegengifte!“
Cana verkniff sich ein Stöhnen, als sich Loreleis Griff um ihren Arm bei Laxus‘ anklagenden Worten verstärkte.
„Laxus, halt dich raus.“ Gildarts hatte bisher noch kein Wort gesprochen, doch er warf Laxus einen scharfen Blick zu. Die Magie, die um seinen Körper wirbelte und ein leises Surren bewirkte, tat ihr Übriges.
Laxus schnaubte, doch er verschränkte die Arme und schwieg verbissen.
„Kannst du Mama helfen?“
Loreleis Griff entspannte sich wieder und zu Canas Überraschung schenkte diese Lexy ein warmes, ehrliches Lächeln. „Natürlich. Dafür musst du mit deinem Vater aber den Raum verlassen. Deine Mutter braucht gleich etwas Ruhe.“
Kurz rührte sich niemand, dann setzte sich Gildarts in Bewegung. „Lexy, wir gehen. Laxus, wenn du nicht willst, dass ich wirklich wütend werde, folgst du uns. Du hast in den letzten 24 Stunden genug angerichtet, denkst du nicht auch?“
Laxus knurrte unterdrückt, doch er stand auf und folgte den anderen beiden wortlos aus dem Raum.
„Es tut mir leid, aber es ging nicht anders.“ Lorelei strich sich eine dunkelbraune Haarsträhne hinter die Ohren. „Ich habe die Unruhe gespürt, die dich und ihn erfüllt, sobald ihr euch gegenseitig Aufmerksamkeit schenkt. Deine Entgiftung wird gleich unangenehm genug, da solltest du dich nicht auch noch mit einem launischen Magier herumschlagen müssen.“
„Warum bist du so gelassen?“ Das war die eine Frage, die Cana beschäftigte, seitdem sie von Loreleis Existenz wusste. „Immerhin bin ich der Grund, warum Laxus damals …“ Sie verstummte, denn sie war sich unsicher, wie sie den Satz beenden sollte.
Lorelei hingegen lächelte sanft. „Du kannst ebenso wenig etwas dafür wie Laxus. Gefühle kann man nicht abschalten, auch wenn er es ernsthaft versucht hat. Es hat für eine Zeit funktioniert, doch dann wurde ihm offenbar bewusst, was er wirklich wollte. Das war nicht ich, so sehr ich es mir auch gewünscht hätte. Du warst das. Eine so tiefe Zuneigung, die es einem selbst nach sechs Jahren der Trennung verbietet, über die andere Person zu reden, ist etwas Besonderes. Insbesondere, wenn sie von beiden Seiten kommt. Dagegen hatte ich nie eine Chance. Das Einzige, was ich Laxus übel nehme, ist seine Art der Trennung. Aber daran bist du keinesfalls schuld, wenn du es so beschreiben möchtest. Und nachdem ich an diesem einen Abend erkannt habe, wie sehr er diese Entscheidung bereut, habe ich ihm ebenfalls verziehen.“
„Du kannst Menschen einfacher vergeben als ich“, murmelte Cana und verzog das Gesicht, als Lorelei erneut ihre Wunde abtastete.
„Dafür hast du keine Angst vor lauten, energischen Diskussionen mit ihm. Etwas, das ich nie geschafft habe, weil ich seine Zurückweisung zu sehr fürchtete. Sieh das als meine Schwäche an.“
„Wenn man sein Leben lang mit furchteinflößenden Magiern aufwächst und einen davon zum Vater hat, ist man etwas abgehärtet.“
„Das stimmt vermutlich. Nun aber zu dem Gegengift, das du bekommst: Das wird nicht angenehm werden. Porlyusica hat mir ihren Verdacht mitgeteilt, um welche Kreatur es sich gehandelt hat und sie hat recht. Das heißt, du wirst das hier benötigen.“ Mit diesen Worten stellte sie Cana einen Eimer auf den Schoß.
Cana blickte diesen erst verständnislos an, dann wurde sie blass. „Oh nein.“
„Das Gegengift sorgt dafür, dass das Gift in deinem Blut in deinen Magen wandert und dort konzentriert wird. Du kannst es einfach erbrechen. Eine andere Möglichkeit gibt es leider nicht. Dafür ist es bereits zu lange in deinem Körper zirkuliert.“ Mit diesen Worten gab sie Cana ein kleines Glas, das mit einer dunkelblauen, zähen Flüssigkeit gefüllt war.
Cana holte tief Luft, dann kippte sie das Glas in einem Zug hinunter. Immerhin schmeckte es hauptsächlich nach Kräutern, was halbwegs erträglich war.
„Das wird jetzt ein paar Sekunden dauern, dann wirst du die ersten Anzeichen spüren.“
Ab der Hälfte des Satzes spürte Cana, wie ihr schlagartig übel wurde. Kaum hatte Lorelei aufgehört zu reden, würgte sie zum ersten Mal, während der Klumpen in ihrem Magen immer größer zu werden schien.

+++


Gildarts blickte nachdenklich auf Lexy, die auf seinem Schoß saß. Dann schweifte sein Blick zu Laxus, der angespannt an der anderen Seite des Tisches auf einem der Stühle saß und abwesend eine Serviette zwischen seinen Fingern in kleine Fetzen riss.
Nach ein paar Minuten Stille seufzte Gildarts und zog damit die Aufmerksamkeit der beiden anderen auf sich. „Es wird nicht besser, wenn ihr nicht miteinander redet. Cana hat bereits genug durchgestanden, sie sollte nicht auch noch mit einer Vater-Tochter-Vermittlung belastet werden. Deshalb werde ich diese Aufgabe übernehmen.“
Seine Aussage wurde mit andauerndem Schweigen aufgenommen, auch wenn Laxus die Serviette nicht mehr zerriss. Was allerdings daran liegen konnte, dass sie bereits vollständig zerfetzt worden war.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, flüsterte Lexy.
Laxus zeigte zwar keine Regung, doch er musste Lexy gehört haben.
Gildarts seufzte ein weiteres Mal, nur etwas länger. „Ich will, dass ihr mir beide aufmerksam zuhört. Damals, als Cana mir gebeichtet hat, warum sie aus der Gilde ausgetreten ist, war meine Reaktion … Nennen wir es überrascht.“ Das war noch untertrieben. Er hatte seinen ersten und bislang einzigen Wutanfall in Bezug auf seine Tochter gehabt.
„Hast du sie angebrüllt?“ Immerhin lockte er seine Enkelin aus der Reserve, was wohl als kleiner Erfolg gedeutet werden konnte.
„Oh ja, das habe ich. Nicht nur kurz. Neben der Tatsache, dass sie bis dahin noch nicht einmal mir mitgeteilt hat, wo sie zu diesem Zeitpunkt wohnte. Zusätzlich hat sie mir noch meine baldige Enkelin verschwiegen.“ Er stupste Lexys Nasenspitze an, was diese zum Kichern brachte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie auch Laxus‘ Haltung etwas lockerer wurde und dieser sogar kurz lächelte, bevor sein Gesicht wieder zur üblichen Maske wurde.
„Was ich damit sagen möchte, ist einfach.“ Gildarts fuhr in seinem Vortrag fort. „Ich war nicht wütend auf sie. Ich war enttäuscht, weil Cana mir so wenig vertraut hat. Das habe ich zumindest gedacht, denn nachher hat sie mir gestanden, Angst vor meiner Reaktion gehabt zu haben. Auch ich bin nur laut geworden, weil ich die ganzen Monate Angst hatte. Weil ich nicht wusste, wo sie lebt und wie es ihr geht. Als Vater einer Tochter passiert das. Man hat Angst und deshalb wird man laut. Einfach, weil man diese Angst irgendwie loswerden muss. Da sind Worte am einfachsten, auch wenn sie meist verletzend sind.“
„Also hat Papa das nicht so gemeint? Er will mich Mama nicht wegnehmen?“
„Bei Mavis, nein!“ Laxus verstummte nach diesem ungeplanten Ausdruck und blickte Lexy vorsichtig an. Doch diese war weder zurückgewichen noch zusammengezuckt, was ein gutes Zeichen war. „Ich habe mich bei Cana entschuldigt und entschuldige mich jetzt auch bei dir. Es tut mir leid. Deine Mutter hat mir deutlich gemacht, was mein Verhalten gestern für dich bedeutet. Ich kann das nicht wieder gut machen, das weiß ich. Egal, wie sehr ich mir das wünsche. Doch ich kann versprechen, dich nie wieder von deiner Mutter zu trennen. Wir sind eine Familie und ein Team. Das habe ich gestern in meiner Angst um dich einfach vergessen. Stattdessen habe ich jemanden gesucht, dem ich die Schuld geben konnte. Obwohl ich auch teilweise schuld war.“
Lexy blieb still sitzen, doch nach einer gefühlten Ewigkeit nickte sie.
Gildarts stieß lautlos die Luft aus, die er unterbewusst angehalten hatte. Er war nicht gut im Vermitteln, weil er jahrelang ein Einsiedlerleben bei seinen Aufträgen geführt hatte. Abgesehen von den wechselnden weiblichen Bekanntschaften, mit denen er Cornelia vergessen wollte. Es hatte nie funktioniert, doch auch deshalb konnte er mit Laxus mitfühlen. Ganz egal, wie sehr ihm die Tatsache missfiel, dass sich seine Tochter ausgerechnet den kompliziertesten Magier in ganz Fairy Tail ausgesucht hatte. Doch beide waren glücklich miteinander, das hatte man seit Canas Rückkehr sehen können.
Laxus nahm seine Hand wieder von Lexys Kopf und strich sich unruhig durch die Haare, während sein Blick am Flur klebte, der zu den Behandlungszimmern führte.
Lexy wiederum stellte sich auf Gildarts Oberschenkel, wobei sie sein schmerzerfülltes Keuchen ignorierte. Dann zog sie sich auf den Tisch empor, nur um über diesen zu Laxus zu laufen und sich vor ihn hinzustellen. Kurz blickten beide einander an, dann hob Laxus Lexy vom Tisch und setzte sie auf seinen Schoß.
Lexy zögerte keine Sekunde, sondern schlang die Arme um seinen Hals und vergrub das Gesicht in seiner Halsbeuge, während Laxus langsam mit der Hand über ihren Rücken fuhr.
Gildarts grinste zufrieden. Er hatte anfangs bezweifelt, dass Laxus die Vaterrolle so einfach einnehmen konnte, doch er hatte sich gründlich geirrt. Das war eines der wenigen Male, bei denen er froh über seinen Irrtum war. Makarovs Erziehung hatte sich trotz der Widerspenstigkeit seines Enkels ab einem gewissen Alter doch durchgesetzt, wie man erkennen konnte.
Beide machten keine Anstalten, sich voneinander zu rühren und so begnügte sich Gildarts damit, das harmonische Bild zu betrachten und dabei sein Bier zu leeren.
Gerade, als er den letzten Schluck genommen hatte, ertönte eine weibliche Stimme neben ihrem Tisch.
„Cana schläft. Das Gift ist vollständig aus ihrem Körper gespült worden, doch sie ist erschöpft. Die nächsten beiden Tage sollte sie sich erholen und keine anstrengenden Tätigkeiten ausüben.“ Gildarts verkniff sich ein Lachen, als Lorelei dabei Laxus vielsagend anblickte, der ihrem Blick auswich.
Lexy hingegen drehte sich auf Laxus‘ Schoß und strahlte die Frau an. „Danke! Vielen Dank! Ich kümmere mich um meine Mama, bis es ihr wieder gut geht!“
Lorelei lachte kurz und Gildarts sah, warum Laxus damals ausgerechnet sie als Freundin ausgewählt hatte: Trotz der unterschiedlichen Augenfarbe und der kürzeren Haare versprühte sie die gleiche Aura wie Cana, wenn sie lachte.
„Wie hast du das Gift herausgezogen?“
Lorelei zögerte kurz, dann seufzte sie. „Du wolltest es wissen, Laxus. Mit einer Mischung aus zwei anderen Giften, die als Gegengift wirken. Eines säubert das Blut und spült die Schadstoffe in den Magen, das andere sorgt für plötzlich heftige Übelkeit. Was der Grund für die Erschöpfung ist. Sich eine halbe Stunde lang im Minutentakt zu übergeben, ist kräftezehrend.“
„Danke, Lorelei. Wenn es jemals etwas gibt, das ich tun kann …“
Lorelei lächelte mit einer Spur von Traurigkeit. „Ich war bei unserem letzten Aufeinandertreffen nicht ganz ehrlich zu dir. Cana ist alles wert, das wusste ich schon damals. Sie liebt dich mindestens so sehr wie du sie, deshalb habe ich eine Bitte als deine Ex-Freundin. Bitte tu ihr nicht dasselbe an wie mir, sie hat es nicht verdient.“
+++

Damit ist Loreleis Auftritt beendet. Für den Moment ist sie in Bezug auf die Story nicht mehr eingeplant, auch wenn ich mich dabei nicht vollständig festlegen wollte. Denn eigentlich hatte ich diese Story mit rund 30 Kapiteln eingeplant - ihr seht, was daraus geworden ist. Diese Geschichte ist einfach explodiert und ehrlich gesagt, tut mir das auch nicht leid.
Mit diesem Kapitel ist die 150k-Wort-Marke überschritten. Das ist für mich eine magische Grenze, von der ich nie gedacht hätte, sie zu erreichen.
Deshalb ein riesiges Dankeschön an euch. Dank euch habe ich die Geschichte viel ausführlicher werden lassen und sitze nach wie vor motiviert an jedem einzelnen Kapitel.
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