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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
37
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25.02.2021 3.854
 
Kapitel 39 – Gespräche zwischen Freunden

Levy lief langsam, aber zielstrebig von der Buchhandlung in Richtung der Kardia-Kathedrale. Sie blinzelte ungläubig, als sie die ihr bekannte Gestalt erblickte, die auf dem Platz vor der Kathedrale herumstand und wartete. Offenbar auf sie, denn bei ihrem Anblick stand Gajeel von der Steinbank auf und trat ein paar Schritte auf sie zu.
„Hallo“, sagte Levy, auch wenn sich das eher wie eine Frage anhörte.
Gajeel nickte, dann hielt er ihr eine hellblaue Kanne hin. „Karamell-Kakao. Die Kanne kannst du behalten, ich brauche sie nicht.“
Levy lächelte dankbar und nahm die Kanne an sich, öffnete den Verschluss und sog genießerisch den süßen Duft ein. Sie liebte Karamell-Kakao, auch wenn das außer ihr niemand nachvollziehen konnte. Allerdings mochte sie auch keinen Kaffee, den alle anderen Freunde zu lieben schienen, also schob sie das auf ihren andersartigen Geschmack.
Nachdem sie den ersten Schluck genommen und sich dabei den Mund verbrannt hatte, blinzelte sie, um die Tränen aus ihren Augen zu vertreiben und hustete. Gajeel kommentierte das alles nur mit einem belustigten Schnauben.
„Wieso bist du eigentlich hier? Normal bist du um diese Tageszeit in der Gilde anzutreffen.“
Gajeel kratzte sich am Hinterkopf. „Ich bin für ein paar Tage weg. Ein Auftrag in Gallowstown, das ist etwas weiter weg.“
„Am anderen Ende von Fiore, ich weiß. Allein mit dem Zug dauert es fast einen Tag, aber du wirst vermutlich zu Fuß dorthin gehen, denke ich?“
Gajeel murmelte nur eine undeutliche Erwiderung.
Levy wusste, wie peinlich ihm diese Reiseschwäche war, weshalb sie seine Verlegenheit ignorierte. Dann fiel ihr ein, was sie eben noch mit ihren beiden Teammitgliedern besprochen hatte. Deshalb fing sie an, mit dem Fuß kleine Kreise auf dem Boden zu ziehen, was natürlich nicht unbemerkt blieb.
„Spuck‘s aus, Shrimp.“
Levy biss sich auf die Lippe. „Der Heizkessel in Fairy Hills ist kaputt und wird in den nächsten Tagen nicht repariert werden. Ich … Jet und Droy haben kein freies Zimmer in ihrer Wohnung und die anderen Mädchen haben bereits Übernachtungsgelegenheiten gefunden. Nun wollte ich fragen, ob …“ Sie brach überrascht ab, als auf einmal ein Wohnungsschlüssel an einer Eisenkette vor ihren Augen baumelte. Fragend richtete sie ihren Blick auf Gajeel, der in eine andere Richtung blickte.
„Mein Gästezimmer ist frei. Du kannst es haben. Nur wirst du es erst einmal putzen müssen, ich habe den Raum seit Monaten nicht betreten.“
Levy durchfuhr pure Dankbarkeit, als sie den Schlüssel an sich nahm und sorgfältig um ihren Hals hängte. Gajeel mochte nach außen hin ungehobelt und gemein wirken, doch zu ihr war er in ihren privaten Gesprächen das genaue Gegenteil. Wie auch jetzt. Auch wenn sie mit etwas mehr Erklärungsbedarf gerechnet hatte.
Deshalb trat sie zu ihm, packte ihm am Kragen seines Hemds und zog seinen Kopf zu sich herunter, um ihm einen leichten Kuss auf die Wange zu geben. Dabei ignorierte sie ihre brennenden Wangen, sondern lächelte ihn breit an.
„Dankeschön. Für das Getränk, die Kanne und den Schlüssel. Obwohl wir erst seit ein paar Tagen wieder zivilisiert miteinander reden können. Viel Erfolg auf deinem Auftrag. Ich werde deine Wohnung in Ordnung halten.“
Gajeel verharrte in der leicht gebückten Position, als ob ihn der Schlag getroffen hätte. Hatte es vermutlich auch, wenn Levy seinen Gesichtsausdruck richtig deutete.
Levy winkte zum Abschied, bevor sie vergnügt die Straße in Richtung der Gilde hinunterhüpfte. Das war ein neuer Schritt in ihrer Beziehung zu Gajeel. Denn zum ersten Mal hatte Gajeel ihr Bescheid gegeben, mehrere Tage wegen eines Auftrags nicht in der Stadt zu sein. Und sie hatte das Gefühl, nicht zum letzten Mal dieses Gespräch geführt zu haben, wenn sie an seine kleinen, aber eindrucksvollen Verhaltensänderungen der letzten Tage dachte. Offenbar hatte Lily ein paar tiefgründige Gespräche mit dem Dragon Slayer geführt. Levy kannte Gajeel gut genug, um zu wissen, was seinem Charakter entsprach und was nicht. Dieses Abmelden trug eindeutig die Handschrift des Exceeds.
Auf halbem Weg zum Gildengebäude begegnete sie Lily. Der Exceed warf einen Blick auf das hellblaue Gefäß in ihren Händen und nickte zufrieden. Dann breitete er seine Flügel aus und flog in die Richtung, aus der sie gekommen war.

Im Gildengebäude waren ihre beiden Teamkameraden noch nicht. Allerdings kannte Levy sie gut genug, um nichts anderes erwartet zu haben. Jet und Droy hatten sich vor zwei Stunden für ihren Wocheneinkauf verabschiedet und das dauerte stets etwas länger als bei anderen Magiern.
Levy gesellte sich zu Lucy und Juvia, die an einem der Tische saßen und Kaffee tranken. Mira, die wie immer hinter der Bar war, nickte ihr zu, bevor sie beim Anblick des Behälters in Levys Händen ein verwunderter Gesichtsausdruck aufsetzte. Schnell wandte Levy den Blick ab, nur um zwei vielsagenden grinsenden Gesichtern zu begegnen. Wohlweislich hatte sie den Schlüssel unter ihrem Oberteil verborgen, sonst wäre sie dazu ebenfalls befragt worden.
„Ich nehme an, das hübsche Gefäß in deinen Händen und dein glücklicher Gesichtsausdruck hängen zusammen“, sagte Lucy in einem gedehnten Tonfall.
„Juvia hat Gajeel heute Morgen mit einer Kanne in der gleichen Farbe gesehen. Gajeel hat sie in dem kleinen Café gekauft, in dem Levy häufig ist. Die Bedienung hat ihm geholfen, die Farbe auszusuchen.“ Juvia brach ab und wischte sich mit der Hand über die Augen, in denen sich unzweifelhaft Tränen der Freude gesammelt hatten. Levy kannte ihre Freundin. Juvia war sehr nah am Wasser gebaut. Insbesondere, wenn es um die Personen ging, die für sie wie eine zweite Familie waren. Dazu gehörten sowohl Levy als auch Gajeel.
„Juvia liegt richtig. Gajeel war vorhin zu Besuch“, erklärte Levy etwas verlegen. „Also eigentlich hat er bei der Kardia-Kathedrale gewartet. Er weiß ja, dass ich auf dem Weg vom Buchladen zur Gilde immer über den Platz dort laufe.“
„Und?“ Wie aus dem Nichts erschien Mira, setzte sich an den Tisch und legte den Kopf auf ihre verschränkten Hände, um Levy neugierig anzublicken. „Was hat er dir gesagt? Du kannst mir nicht erzählen, dass er nur auf dich gewartet hat, um dir ein heißes Getränk zu geben.“
„Nein, natürlich nicht.“ Lucy zwinkerte ihr zu. „Abgesehen davon, dass Gajeel es hasst, mittags in ein volles Café zu gehen und eine Bestellung aufzugeben, ist er auch nicht der geduldige Typ, wenn es ums Warten geht.“
„Er wollte sich verabschieden.“ Drei fassungslose Gesichter blickten sie an und sie hob abwehrend die Hände. „Nicht so, wie ihr denkt! Gajeel ist nur auf einem längeren Auftrag und wollte mir das vorher mitteilen.“ Die Fassungslosigkeit wich synchronem Grinsen und Levy erkannte zu spät, zu viel gesagt zu haben.
„Gajeel hat dir Bescheid gegeben, damit du dir keine Sorgen machst?“ Juvias Augen glänzten schon wieder verräterisch. „Gajeel hat das noch nie getan. Er strengt sich bei Levy wirklich an.“
„Lily hat ihm das vermutlich aufgetragen. Immerhin war Lily derjenige, der für Gajeel einen Entschuldigungstext verfasst hatte, den dieser mir vorlesen wollte.“
„Stopp.“ Lucy hob die Hände. „Wie es scheint, hast du uns einige Dinge nicht mitgeteilt. Einen Text? Was bei Mavis ist in der letzten Woche zwischen dir und Gajeel vorgefallen?“
Levy warf einen Blick auf die Uhr, dann seufzte sie. „So Einiges. Ich fange am besten mit der Tatsache an, dass Gajeel erst vor wenigen Tagen überhaupt mit mir über Noelle gesprochen hat.“

Eine gute halbe Stunde später saß Levy vor einer amüsierten Lucy, einer verzweifelten Juvia und einer geistesabwesenden Mira. Irgendwie war es für sie ein kleiner Trost, wie unterschiedlich ihre Freundinnen auf ihre letzten Gespräche mit Gajeel reagierten. Denn das bestärkte sie darin, wie verwirrend die Situation auf für Außenstehende sein musste. Ihre Bitte an Gajeel, das Ganze sehr langsam angehen zu lassen, schien gerechtfertigt zu sein. Ihre vorübergehende Bleibe bei ihm hatte sie allerdings verschwiegen, denn das würde nur noch mehr Stoff für Diskussionen bieten.
„Mira, der Master benötigt deine Hilfe hinter der Theke.“ Das war nicht die Reaktion, die Levy erwartet hatte, doch mit einem Blick erkannte sie die Richtigkeit der Behauptung.
Mira sprang auf und eilte zurück zur Theke, doch sie würde ihre Informationen entweder von Levy oder den anderen beiden bekommen, das war jeder der vier Magierinnen klar.
„Ich bin ehrlich. Eigentlich habe ich nicht mehr gedacht, dass zwischen euch etwas Positives passieren könnte, um euch wieder an den Anfang des richtigen Pfades zu bringen.“
„Juvia muss Lucy zustimmen. Die letzten Jahre waren für Gajeel und dich nicht einfach, ganz besonders nicht in Bezug auf den anderen. Und eigentlich hast du in den letzten Wochen versucht, dich abzulenken.“
„Hör bloß auf“, antwortete Levy stöhnend. „Jede einzelne Verabredung war die pure Hölle. Männer sind unglaublich langweilig! Die Hälfte davon hat der Kellnerin auf das Dekolleté geschaut, anstatt mir zuzuhören. Und diese ewigen Erzählungen, wie toll sie sind und was sie in ihrem Leben schon alles erreicht haben! Das war die reine Zumutung. Die meiste Zeit während der einzelnen Verabredungen habe ich mir ausgemalt, wie es wohl wäre, in Fairy Hills mit einem dicken Buch in der Hand zu sitzen. Egal wie schlecht das Buch auch sein konnte, es wäre besser als diese Verabredungen gewesen. Bei Gajeel hingegen weiß ich, dass er nicht die gesamte Zeit über sich und seine Errungenschaften erzählt. Eigentlich weicht er persönlichen Fragen eher aus und möchte Genaueres über die letzten Bücher wissen, die ich gelesen habe.“
„Juvia hat Gajeel vor ein paar Tagen besucht. Auf seinem Sofa lag das Buch, auf das Levy so lange gewartet hat.“
Levys Augen wurden groß, als sie verstand. Jetzt, wo Juvia es erwähnte, erinnerte sie sich an ihre Überraschung im Buchladen, nicht das allererste Exemplar des neu erschienenen Buches gekauft zu haben. Gajeel hatte sich immer über ihre Faszination für diese Reihe lustig gemacht, die Bücher als „langweilig und vorhersehbar“ bezeichnet. Doch entweder hatten ihn ihre Erzählungen doch neugierig gemacht oder er hatte diese Kommentare nur von sich gegeben, um sie aufzuregen. Denn er hatte vor langer Zeit erwähnt, sie in einem aufgebrachten Zustand belustigend zu finden und provozierte häufiger diese Art von Dialog.
„Das klingt eher nach dem Versuch, mit dir über das neue Buch reden zu können.“ Lucy klang nachdenklich. „Und es klingt überhaupt nicht nach Gajeel, der ein Buch nur öffnet, wenn es für einen Auftrag nötig ist.“
„Er bemüht sich wirklich“, murmelte Levy und stützte den Kopf in die Hände. Sie wusste nicht mehr, was sie in Bezug auf Gajeel denken sollte. Die Situation war zu verwirrend. Neben diesen Bemühungen, die auf sie einen großen Eindruck machten, standen noch immer die vielen kleinen und größeren seelischen Verletzungen, der letzten Jahre durch sein Verhalten. Von Noelle ganz zu schweigen, die er ebenfalls nicht so behandelt hatte, wie es einer langjährigen Bekannten und festen Freundin zustand.
„Juvia ist der Meinung, dass ein paar Tage Abstand gut für dich sind. Du musst deine Gedanken sortieren. Gajeel ist zwar Juvias ältester Freund, doch Juvia weiß, wie schwierig er sein kann.“
„Ich bin Juvias Meinung. Auch wenn ich es mir für euch beide wünschen würde, musst du für dich selbst entscheiden, ob die aufrichtigen Bemühungen von Gajeel für die letzten Jahre ausreichen. Und dabei können wir dir die Entscheidung nicht abnehmen.“
Levy nickte mit zugeschnürter Kehle. Doch sie wusste, ihre Freundinnen verstanden ihre Gefühle auch ohne Worte. Vielleicht hatte es doch etwas Gutes, Gajeel für einige Tage außerhalb von Magnolia zu wissen. Dann konnte sie in Ruhe über die letzten Erkenntnisse nachdenken. Sie hatte Gajeel zwar eigentlich schon verziehen, doch das Gespräch mit Lucy, Juvia und Mira hatte wieder unschöne Erinnerungen in ihr geweckt. Sie hatte schon viel zu viel über alles nachgedacht, trotzdem hatte sie einmal mehr das Bedürfnis, sich den Rest des Tages über ihre Situation Gedanken zu machen. Zwar bezweifelte sie, dass das in seiner Wohnung leicht werden würde, aber diese zog sie ihrem Zimmer mit kaltem Wasser und ausgefallener Heizung eindeutig vor.
Verzweifelt fuhr sie sich durch die Haare und blickte mit leeren Augen auf die Tischoberfläche, was nicht unbemerkt blieb.
„Du solltest dich ablenken. Nicht mit Verabredungen, das wäre kontraproduktiv. Ich meinte damit etwas völlig anderes, das für dich normal ist. Wie ein kleiner Auftrag mit deinen beiden Teamkameraden, die gerade in diesem Moment durch die Tür kommen.“ Lucy nickte zur Tür hin und Levy spürte, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete.
„Das sollte ich. Vielen Dank.“ Mit diesen Worten sprang sie von der Bank auf, griff nach ihrer noch halb vollen Kanne und eilte ihrem Team entgegen.
Jet warf einen Blick auf ihren Kakaobehälter und zog eine Augenbraue hoch. „Er hat unseren Rat angenommen, ich glaube es nicht.“
„Euren? Ihr habt ihm geraten, mir eine neue Kanne zu kaufen?“
„Nicht direkt, wir haben es angedeutet. Gajeel würde niemals einen direkten Rat von Jet und mir befolgen, dafür sind wir für ihn eine zu starke Bedrohung. Zumindest, was seinen Platz in deinem Leben angeht.“
Levy schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich würde nie…“
„Das wissen wir. Gajeel weiß das eigentlich ebenfalls, aber tief im Innern verspürt er noch immer das Gefühl, positive Dinge wie Glück in seinem Leben nicht verdient zu haben.“
„Wir vermuten das jedoch nur. Es würde auf jeden Fall erklären, warum er nach der Trennung von Noelle so lange nichts erwähnt hat. Einfach, weil er es in seinen Augen verdient hat, verlassen zu werden und nicht direkt eine neue Beziehung anfangen zu können.“
Erst als sich Jet und Droy auf einer der Bänke niederließen, bemerkte Levy, dass die beiden sie an einen der Tische in der Gildenhalle geführt hatten. Entgegen ihren Gewohnheiten an einen am Rand, wahrscheinlich um dort ungestört reden zu können.
„Gajeel hat ebenso viel Glück verdient wie jeder andere in der Gilde.“ Levy protestierte nur halbherzig, denn sie wusste genau, auf was ihr Team mit den Aussagen über Gajeel anspielte. Jet und Droy wussten weitaus weniger als sie selbst, denn ihr hatte Gajeel in den letzten Jahren einige Vorfälle aus seiner Vergangenheit erzählt. Hauptsächlich im Zusammenhang mit Aufträgen, die er für Phantom Lord erledigen musste. Ganz zu schweigen von seiner monatelangen Spionage von Raven Tail für Makarov, was ursprünglich eine der Bedingungen für die Aufnahme in die Gilde gewesen war. Viele Erzählungen waren für Levy verstörend gewesen, obwohl sie die Vermutung hegte, dass Gajeel die wirklich schlimmen Dinge noch immer für sich behalten oder nur mit Lily geteilt hatte. Doch im Gegensatz zu ihm bestärkte sie das nur in ihrer Überzeugung, dass der Eisen Dragon Slayer nach all den Jahren auch die positiven Seiten des Lebens erfahren sollte. Freunde, die einen trotz aller Schwächen und Fehler mochten, eine Gilde, die immer hinter einem stand und einen aufbaute. Und auch eine Partnerin, die in ihm das Bedürfnis erweckte, jeden Tag bestmöglich auszuleben, um nichts bereuen zu müssen.
„Also seid ihr noch immer der Meinung, ich sollte Gajeel eine Chance geben?“ Hilfesuchend blickte sie Jet und Droy nacheinander an, die beide eine nachdenkliche Miene aufgesetzt hatten.
„Er hat dir ohne große Umschweife seine Wohnung anvertraut. Du weißt, was das für jemanden wie ihn bedeutet.“
„Jet hat recht. Gajeels Wohnung ist für ihn sehr privat. Wenn er dich unbeaufsichtigt in diese hineinlässt, ist das gleichbedeutend mit seiner intimsten Privatsphäre. Er hat sich dir vollkommen geöffnet, trotz seiner Überzeugung, dich nicht verdient zu haben.“
„Danke.“ Levy strahlte ihr Team an. „Wollt ihr morgen einen Auftrag erledigen? Heute werde ich vermutlich den restlichen Nachmittag beschäftigt sein, mein vorübergehendes Zimmer zu säubern. Gajeel hat mich bereits gewarnt, dieses länger nicht betreten zu haben. Ihr wisst, was das bei Männern heißt.“
Jet und Droy zogen beide eine Grimasse, denn Levy hatte sie häufiger über ihre Hygienevorstellungen in ihrer kleinen Wohnung belehrt. Beim männlichen Teil von Team Shadow Gear merkte man die fehlende weibliche Hand der sieben Jahre, in denen Levy mit und den anderen Teilnehmern der S-Klasse-Prüfungen verschwunden war.

+++


„Uff!“ Ein plötzliches Gewicht mitten in ihrer Magengrube ließ Cana abrupt aus dem Schlaf hochschrecken. Dieses unangenehme Gefühl, einen direkten Schlag in den Magen bekommen zu haben, weckte sie im Bruchteil einer Sekunde vollständig auf.
„Mama!“ Lexy war beim Hinaufklettern auf Canas Bett offenbar mit ihrer Hand auf deren Körpermitte gelandet. Das erklärte den etwas dumpferen Schmerz, als wenn es ein Ellenbogen oder ein anderes spitzes Körperteil gewesen wäre. „Ich habe heute Geburtstag! Warum liegst du noch im Bett?“
Cana warf einen Blick auf die Uhr und schloss die Augen. Die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen. Sie hatte gehofft, nach dem gestrigen, anstrengenden Training von Lexy, ein wenig länger schlafen zu können. Doch offensichtlich überwog Lexys Aufregung, den gesamten Tag mit ihren Eltern verbringen zu können.
„Komm her.“ Cana setzte sich auf und breitete lächelnd ihre Arme auf, in die sich Lexy direkt stürzte und die Umarmung erwiderte. „Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz.“ Direkt im Anschluss konnte sie das Gähnen nicht mehr unterdrücken und an den Vibrationen von Lexys Körper erkannte sie das Lachen ihrer Tochter.
Lexy löste sich von ihr und grinste sie an. „Wenn du müde bist, solltest du schlafen.“
Cana zog nur eine Augenbraue hoch. „Und wegen wem bin ich überhaupt wach?“
„Dann kannst du jetzt wieder schlafen. Ein bisschen. Bis Papa kommt.“
„Nein, jetzt bin ich wach. Wenn ich mich wieder hinlege, bin ich noch müder als jetzt.“
„Okay. Dann warte ich im Wohnzimmer, bis du dich endlich fertiggemacht hast! Ich möchte eine heiße Schokolade zum Frühstück!“
„Natürlich, du bist das Geburtstagskind.“ Cana blickte lächelnd Lexy hinterher, die bereits wieder durch die Tür gestürmt war. Kopfschüttelnd stand sie auf und ging ins Badezimmer. Es war unglaublich, nahezu gruselig, wie schnell Lexy groß wurde. Sie konnte sich noch genau erinnern, als sie ihre Tochter das erste Mal in ihren Armen gehalten hatte. Und jetzt war Lexy sechs Jahre alt. So alt wie Cana, als sie ihre Mutter verloren hatte und nach Magnolia aufgebrochen war, um ihren Vater zu finden. Wenn sie ehrlich zu sich war, konnte sie die Parallelen erkennen, was einen bitteren Nachgeschmack hinterließ. Wobei Lexy nicht wissentlich ihren Vater gesucht hatte, sondern mit ihrer Mutter zusammen nur zurückgekommen war.
Während sie im Bad war und sich fertigmachte, konnte sie Lexy im Wohnzimmer hören. Den Geräuschen nach lief Lexy unruhig auf und ab. Wahrscheinlich begleitet von regelmäßigen Blicken auf die Uhr, um zu sehen, wie lange Cana im Bad benötigte.
Cana ging nach ihrem kurzen Aufenthalt im Badezimmer zu ihrem Kleiderschrank. Aus diesem zog sie ein bequemes, warmes Outfit und warf es sich schnell über, bevor Lexy erneut in ihr Schlafzimmer kommen konnte, um sich über ihre Langsamkeit zu beschweren.
„Mama, warum ist Papa noch nicht da?“ Das waren Lexys erste Worte, als Cana ins Wohnzimmer traf und sie lächelte.
„Laxus wird erst etwas später hier sein. Du bist sehr früh aufgestanden, deshalb dauert es länger, bis er hier ist.“
„Kann er nicht einfach früher kommen?“ Lexy murrte und verzog das Gesicht.
„Schatz, du kannst nicht von ihm verlangen, früher hier zu sein, nur weil du früher aufgestanden bist. Wir hatten einen Zeitpunkt ausgemacht und an den wird sich Laxus halten. Ich weiß, heute ist dein Geburtstag, doch gewisse Dinge kannst du nicht bestimmen. Und außerdem wird er nicht wissen, dass du bereits wach bist.“
„Aber ich will jetzt schon los. Wo gehen wir überhaupt hin?“ Zumindest war Lexy nicht verstimmt, wie Cana mit einem Funken Zufriedenheit bemerkte.
„Wenn ich es dir sage, ist es keine Überraschung mehr. Das hast du dir doch gewünscht, nicht wahr?“
„Ich hab’s mir anders überlegt“, murmelte Lexy.
Cana lachte nur, während sie die kochende Milch umrührte, um die Kakao-Zucker-Mischung unterzurühren, die sie in weiser Voraussicht immer in größeren Mengen mischte. So musste sie das nicht jedes Mal neu mischen, wenn sie heiße Schokolade machte.
„Aber Papa kommt wirklich, oder?“ Lexys Frage kam zum Glück, nachdem Cana die Tasse auf den Esstisch vor den Stuhl ihrer Tochter gestellt hatte, denn ansonsten hätte sie die Tasse vermutlich fallen gelassen.
„Er hat es versprochen. Er wird zu dir kommen.“
„Blue hat gestern zu Maly und mir gesagt, dass ihr Vater nicht gekommen ist. Er hat versprochen, sie am Wochenende abzuholen und ist nicht da gewesen. Und jedes Mal, wenn sie ihre Mutter fragt, fängt diese an zu weinen und Blue muss zurück in ihr Zimmer.“
Cana stieß unbewusst die Luft aus, während sie überlegte, wie sie dieses Thema möglichst kindgerecht erklären konnte.
„Manchmal bleiben Eltern nicht zusammen.“ Bei dieser Erklärung runzelte Lexy verwirrt die Stirn und Cana erkannte, das genauer erläutern zu müssen. „Manchmal passiert es, dass man die andere Person nicht mehr genug mag, um mit ihr zusammenbleiben zu wollen. Oder man mag eine andere Person mehr und will mit dieser man zusammen sein. Normal bedeutet das nicht, sein Kind nicht mehr sehen zu wollen, dann läuft es wie bei uns: Man besucht sich und das Kind wird abwechselnd von der Vorschule abgeholt.“ Cana machte eine kurze Pause und als Lexy nickte, fuhr sie fort. „Aber manchmal möchte man das Kind auch nicht mehr sehen. Weil es einen an die Zeit erinnert, die man mit dem anderen Elternteil verbracht hat, und das tut zu sehr weh.“
„So, wie du immer geweint hast, wenn ich nach Papa gefragt habe?“
Cana nickte und strich Lexy abwesend über den Kopf. „So kann man das sagen.“
„Aber wir werden immer hierbleiben? Auch, wenn du und Papa euch wieder zerstreiten? Dann passiert trotzdem nicht das wie bei Blue mit ihrem Papa?“
„Nein, das verspreche ich dir. Sowohl Laxus als auch ich sind in Magnolia zu Hause und die Gilde ist unsere Familie. Keiner von uns beiden wird freiwillig hier fortgehen.“
„Okay. Ich glaube dir.“ Diese schlichte Aussage reichte für Cana, um das vertraute Gefühl der tiefen Liebe zu spüren, die sie seit ihrer Schwangerschaft für ihre Tochter empfand.
In diesem Moment klingelte es an der Tür und Lexy sprang begeistert auf.
„Das ist bestimmt Papa!“ Ohne auf Canas Reaktion zu warten, stürmte sie zur Tür und Cana lief kopfschüttelnd hinterher. Wie oft sie Lexy bereits gesagt hatte, nicht als erste zur Tür zu rennen und diese aufzumachen, wusste sie nicht mehr. Doch sie bezweifelte, in dieser Hinsicht bei Lexy etwas erreichen zu können. Eventuell konnte das Laxus, doch auch da war sie sich nicht sicher. Lexy war einfach zu neugierig und die einzige Möglichkeit wäre, die Tür zu verschließen. Was überflüssig war, da mögliche Einbrecher durch das Fenster kommen würden. Ungefähr so, wie Natsu es jahrelang bei Lucys Wohnung getan hatte, wenn er sie besuchen wollte.
So eilte sie zur Tür und konnte erkennen, wie eine strahlende Lexy in einer Umarmung mit Laxus versunken war. Dieser hielt währenddessen mit der anderen Hand noch ein Geschenk umfasst. Es war ein gelber Plüschdrache, der fast genau so groß war wie Lexy selbst.

+++

Levy und Gajeel sind sich etwas näher gekommen und zumindest Levys Team hat den beiden ihren Segen gegeben. Was nicht heißt, dass es für Levy einfacher ist, einen Entschluss zu fassen. Aber immerhin hat sie das Gefühl, Unterstützung in dieser Angelegenheit zu haben. Sowohl von ihrem Team als auch von ihren Freundinnen in der Gilde.
Levys Geburtstag wird im nächsten Kapitel ausführlich geschildert, denn das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Allerdings müsst ihr euch auf unvorhergesehene Dinge gefasst machen, aber das solltet ihr mittlerweile von mir gewohnt sein.
Vielen lieben Dank für die Rückmeldungen zum letzten Kapitel! Ganz zu schweigen von denFavo-Einträgen und den Empfehlungen, das nimmt mittlerweile für mich unheimliche Maße ein, weil ich damit einfach nicht gerechnet habe.
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