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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
37
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04.02.2021 3.717
 
Kapitel 36 – Ein Anfang und ein Ende

Levy atmete tief durch, hob eine Hand, um an der geschlossenen Wohnungstür anzuklopfen. Nur um sie ein weiteres Mal sinken zu lassen, während sie sich selbst für ihre Feigheit verfluchte.
Gajeel hatte sie gebeten, zu seiner Wohnung zu kommen. Streng genommen hatte er Pantherlily beauftragt, ihr das auszurichten. Dieser hatte das mit einem vielsagenden Grinsen getan. Zusammen mit dem Hinweis, Gajeel habe seine Klingel einmal mehr aus Versehen zerstört, weshalb sie anklopfen müsse.
Eines stand jedoch fest. Levy war bereits mehrere Minuten zu spät. Wie lange sie vor der Tür stand, konnte sie nicht sagen, aber es konnte keine kurze Zeitspanne gewesen sein. Wahrscheinlich hatte Gajeel sie bereits gerochen und wartete jetzt ungeduldig darauf, ihr Klopfen zu hören.
Sie schrak zusammen, als sie ein Klopfen hörte und starrte im nächsten Moment auf ihre Hand, die ganz ohne ihr Zutun das Klopfen für sie übernommen zu haben schien. Ihr Unterbewusstsein war manchmal eine Naturgewalt, wie sie hier einmal mehr feststellen musste.
Scheinbar schien Gajeel nicht direkt hinter der Tür gelauert zu haben. Denn diese öffnete sich erst nach ein paar Sekunden, die Levy wie eine halbe Ewigkeit vorkamen. Als sie Gajeel erblickte, konnte sie nicht anders, als loszuprusten. Er hatte die spitzenbesetzte Kochschürze umgebunden, die sie ihm vor acht Jahren zu seinem Geburtstag geschenkt hatte. Genau genommen hatte sie die Schürze als Geschenkpapier verwendet, um ihm ein paar neue CDs zu schenken. Sie hatte damals vergessen, eine Tüte oder Ähnliches zu besorgen und diese Schürze war das einzige Stück Stoff gewesen, das halbwegs als Verpackung geeignet war.
„Komm rein“, murmelte Gajeel und war im nächsten Moment verschwunden, während Levy ein köstlicher Duft in die Nase stieg. Sie blinzelte überrascht. Das konnte nicht sein. Gajeel kochte. Doch Gajeel kochte nie. Nicht, dass er es nicht konnte, doch ihm war die Zeit zu schade, die er seinen Worten nach damit „vergeudete“. Er ernährte sich von Fertigpizza und sämtlichen Mitnahme-Gerichten, die in Magnolia angeboten wurden. Sie hatte noch nicht einmal gewusst, dass er überhaupt über Kochkünste verfügte.
„Was kochst du?“, fragte sie daher, als sie die Tür nach dem Betreten der Wohnung geschlossen hatte und ihm in die Küche gefolgt war, während sie sich neugierig umsah. Gajeel hatte außerdem aufgeräumt. Die Wohnung war nicht im Mindesten mit dem Schweinestall von vor ein paar Tagen zu vergleichen, der sie damals erwartet hatte.
„Nichts Besonderes.“ Gajeels Tonfall klang abwehrend.
Doch sie ließ sich davon nicht beeindrucken und trat an den Herd, um die drei Töpfe mit Glasdeckeln neugierig zu betrachten. Ihre Augen wurden groß, als sie die knusprig gebratenen Hähnchenteile, den Reis und das Pilzgemüse sah. Ihr Lieblingsgericht, seit sie sich erinnern konnte. Gajeel hatte die Zubereitung von diesem vor enorme Herausforderungen gestellt. Allein der Geruch von frischen, ganz zu schweigen von gekochten Pilzen führte bei ihm zu Übelkeit.
Wortlos drehte sie sich zu ihm um und starrte ihn überrumpelt an. „Du kochst für mich?“
Gajeel wandte den Blick ab, löste den Knoten von seiner Schürze und warf sie achtlos auf die Arbeitsplatte neben des Herds. „Wenn du es schon erraten hast, muss ich nichts mehr verstecken.“ Er kratzte sich peinlich berührt am Hinterkopf.
Levy strahlte ihn an. Er musste nicht mehr sagen. Sie hatte verstanden, wie das Essen gemeint war. Als eine riesige Entschuldigung für das letzte Gespräch hier in der Wohnung, das so katastrophal geendet hatte.
„Soll ich den Tisch decken?“, fragte sie daher als Angebot und war erleichtert, als er nickte und sich wieder den Töpfen zuwandte.
Levy kannte sich in der Küche aus, sie war früher oft zu Besuch gewesen. Sie kannte die mehr oder weniger große Ordnung, die in Gajeels Küchenschränken herrschte.

Eine knappe halbe Stunde später saßen sie am Küchentisch. Levy dachte mit einem Gefühl des Unbehagens an den Verlauf der letzten Unterhaltung zurück, die sie hier geführt hatten.
Gajeel schien Ähnliches zu denken. Nach ein paar Minuten, in denen er in seinem Essen herumgestochert hatte, legte er mit einem Seufzen die Gabel beiseite und verschränkte die Arme vor der Brust. Levy verkniff sich einen Kommentar. Stattdessen legte sie ihre Gabel ebenfalls neben den Teller und richtete ihren Blick auf ihn.
Das war wohl das wortlose Signal für das bevorstehende Gespräch, aufgrund dessen sie überhaupt erst hier war.
„Das letzte Gespräch lief nicht so, wie ich es geplant hatte. Ich weiß, ich bin nicht gut mit Worten. Deshalb…“ Gajeel verstummte und starrte auf sein Teller.
Levy fühlte sich unfreiwillig an Lexy erinnert, doch das würde sie gegenüber Gajeel auf keinen Fall erwähnen. Die Situation war hier bereits schwierig genug, ein Vergleich des erwachsenen Magiers mit einem kleinen Mädchen würde alles andere als hilfreich sein.
„Ich weiß. Das Essen ist angesichts deiner Probleme mit Pilzgeruch Entschuldigung genug für das Gespräch.“ Levy wurde erst danach bewusst, ihm gerade das Wort mitten im Satz abgeschnitten zu haben. Sie blickte ihn entschuldigend an.
Gajeel hingegen schien es nicht zu stören, wenn sie seinen Gesichtsausdruck richtig deutete.
„Nein, das war nicht als Entschuldigung gemeint. Eher als Vorwand, um nochmals mit dir zu reden.“ Er fuhr sich durch die Haare und fluchte, als er an einem Knoten hängen blieb.
Levy presste die Lippen zusammen, um nicht breit zu grinsen. Gajeels Haare hatten die Struktur von Drahtwolle. Ihr wildes Aussehen kam nicht von ungefähr, sie waren auch mit einem Kamm kaum zu bändigen, weshalb Gajeel seine Mähne oftmals nur mit den Fingern entwirrte, so gut es ging. Dann wurde sie wieder ernst. Das hier war keine amüsante Situation, hier entschied sich gerade ihr zukünftiges Liebesleben.
„Ich habe bei unserem letzten Gespräch überreagiert“, murmelte sie und wich seinem Blick aus. „Obwohl ich darüber im Klaren war, was du mir eigentlich mitteilen wolltest. Dafür kenne ich dich mittlerweile gut genug.“
Gajeel stieß nur ein Brummen aus. „Du warst verletzt. An deiner Stelle wäre ich das auch gewesen.“
Levy zuckte mit den Schultern. „Nicht verletzter als all die Zeit, in der ich dich mit Noelle gesehen habe. Unser Streit von damals war kindisch und dumm, trotzdem hat er unsere Beziehung zueinander jahrelang zerstört. Wir konnten nicht einmal miteinander reden, ohne uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Das ist das Eigentliche, was mir zu denken gibt. Ich meine, wir haben davor so viel zusammen durchgestanden, da sollte ein kleiner Streit nicht alles zerstören.“ Innerlich sträubte sich in ihr zwar alles gegen diese Worte, doch sie waren ein großer Teil der Wahrheit. Natürlich war sie damals verletzt gewesen. Doch nicht Gajeels plötzliche Beziehung mit Noelle war der Punkt gewesen, der alles zum Überlaufen gebracht hatte. Sondern die Gewissheit, an diesem einen Tag die jahrelange Freundschaft mit zerstört zu haben.
„Mh.“
Levy wartete, doch außer dieser Erwiderung kam von Gajeel kein weiterer Laut. Langsam wurde es frustrierend und sie begann, sich abwesend eine Haarsträhne um den Finger zu wickeln.
„Ein Dialog besteht aus zwei Personen, das weißt du hoffentlich. Du hast mich hierher bestellt, also solltest du einen Teil zu diesem Gespräch beitragen. Ich bin hier, weil ich dir eine Chance gebe, das letzte Gespräch wiedergutzumachen. Aber der Rest muss von dir kommen. Das wird Lily dir mit Sicherheit auch gesagt haben.“
Zu ihrer Überraschung stand Gajeel ruckartig auf und lief aus der Küche, nur um innerhalb kürzester Zeit wiederzukommen. Mit einem Stapel Papier in der Hand, während sie regungslos auf ihrem Stuhl sitzen geblieben war, um diese Reaktion zu verarbeiten.
Gajeel setzte sich erneut hin und starrte die Blätter an, bevor er sie kurz sortierte und abermals anstarrte.
„Was ich dir eigentlich sagen will, ist folgendes: ‚Levy, meine Erklärungen letztes Mal waren falsch und missverständlich. Du bist kein Ersatz für Noelle und wirst es für mich auch nie sein.‘“ Mit jedem Wort wurde seine Stimme gepresster und Levy runzelte die Stirn, bevor sie sich vorbeugte und ihm die Blätter einfach aus der Hand riss.
Auf diesen konnte sie eine ordentliche Handschrift erkennen. Das war eindeutig nicht das Gekrakel von Gajeel, auch wenn sie die Handschrift kannte. Während sie exakt die Worte las, die ihr Gajeel eben gesagt hatte, wanderten ihre Augenbrauen immer weiter in die Höhe.
„‚Deshalb möchte ich mich entschuldigen und dich bitten, mir noch eine Chance zu geben.‘ Liest du mir gerade ernsthaft eine Entschuldigung vor, die Lily geschrieben hat?“ In ihr kämpften gerade Belustigung, Rührung und Empörung miteinander und sie war nicht sicher, für welche Emotion sie sich schlussendlich entscheiden sollte.
Gajeel kratzte sich am Hinterkopf. „Du weißt, ich bin in solchen Dingen nicht gut.“
„Natürlich weiß ich das, das war mir von Anfang an bewusst! Du hast dich als Entschuldigung von Jet und Droy verprügeln lassen, kurz nachdem du der Gilde beigetreten bist, um das erste Aufeinandertreffen wiedergutzumachen! Aber das bedeutet noch lange nicht, dass du deine Entschuldigungen einfach von jemandem schreiben lassen kannst! Nicht mit Worten umgehen zu können ist keine Ausrede, sich immer vor solchen Situationen zu drücken! Ich mochte dich aufgrund dieser Eigenschaft, weil du zu dieser Schwäche stehst! Du versuchst, diese Schwäche durch andere Dinge auszugleichen, egal wie oft das auch schiefgeht.“
„Es hat letztes Mal nicht funktioniert.“ Seine Bemerkung entlockte ihr ein entnervtes Kopfschütteln.
„Natürlich nicht. Weil du Wochen gewartet hast, nur um mir zu sagen, dass ‚Noelles Platz‘ frei ist und ich ihn einnehmen soll. Eine Freundin ist kein Haustier, das man einfach mit dem Nächsten ersetzt. Sie ist eher ein Teammitglied in deinem Privatleben, deshalb kann man sie nicht einfach durch die nächste Kandidatin ersetzen! Ohne mit dieser vorher Zeit allein verbracht zu haben!“
„Wir kennen uns schon seit Jahren. Ich behaupte, dich in dieser Zeit gut kennengelernt zu haben.“
„Du kennst die Levy vor Noelle gut. Die jetzige Levy, die wieder mit ihrem Team auf Aufträge geht und mit dem Sänger aus deiner Lieblingsband befreundet ist, kennst du nur oberflächlich, wenn überhaupt. Verstehst du, was ich sagen möchte?“
„Du bist kein Noelle-Ersatz?“ Gajeel sah ehrlich verwirrt aus, wahrscheinlich hatte sie seine sorgfältig ausgearbeitete Entschuldigungsrede völlig durcheinandergebracht. Nun konnte sich Levy ein Stöhnen nicht verkneifen. Manchmal fragte sie sich wirklich, was sie in Gajeel sah. Aber das schien normal zu sein, wie sie das aus den Schilderungen ihrer Freundinnen erfahren hatte.
„Warum suche ich mir ausgerechnet die Person aus, die ebenso begriffsstutzig ist wie Natsu?“. Sie murmelte das zu sich selbst, doch Gajeel hörte es und blitzte sie aufgebracht aus roten Augen an.
„Vergleiche mich nicht mit dieser Feuerbirne!“  
Levy rollte mit den Augen, schwieg aber beharrlich. Sie hatte Gajeel genug Möglichkeiten gegeben, sich zu erklären. Wenn er sich lieber mit dem passenden Vergleich zu Natsu beschäftigte, dann konnte er das ruhig tun. Allerdings musste er mit den daraus entstehenden Konsequenzen leben.
„Das, was ich mit der Entschuldigung gesagt habe, war nachvollziehbar.“ Gajeels erster Satz half ihr nicht weiter, weshalb sie ihm nur einen finsteren Blick schenkte.  
„Die Entschuldigung war vorgelesen und obendrein in Lilys Handschrift verfasst! Versuche gar nicht, dagegen zu protestieren, ich kann seine von deiner Handschrift sehr wohl unterscheiden.“
„Lily kennt mich am besten und er kann gut mit Worten umgehen! Er hat genau das geschrieben, was ich gedacht habe!“
Levy faltete die Hände sorgfältig vor sich, während sie sich innerlich zur Ruhe rief. Wenn sie jetzt wieder die Fassung verlor, standen sie und Gajeel einmal mehr an der Schwelle zu jahrelangen Vorwürfen.
„Wenn ich zu Lucy ginge, ihr alles erzählen würde, um dir das als Brief von ihr vorzulesen, was wäre deine Reaktion darauf?“
„Du machst so etwas nicht, weil du dich besser ausdrücken kannst als ich.“
„Gajeel! Das ist nicht hilfreich! Versuch doch wenigstens Mal, ein richtiges Gespräch mit mir zu führen! Mit Noelle scheint das auch immer funktioniert zu haben!“ Erst als der Küchenstuhl hinter ihr auf die Fliesen fiel, fiel ihr auf, während ihres kleinen Ausbruchs aufgesprungen zu sein. Sie stand mit geballten Fäusten am Küchentisch und musste an sich halten, Gajeel nicht wieder alles vorzuwerfen, was sich in den letzten Jahren in ihr angestaut hatte.
„Noelle schon wieder? Warum fängst du immer wieder mit ihr an? Ich habe bereits gesagt, dass das vorbei ist!“ Gajeel stand ebenfalls auf, nur weitaus langsamer als sie, doch er blickte sie so wutentbrannt an, wie sie sich fühlte.
„Wenn du jedes Mal so reagierst wie jetzt, ist es mit Noelle für dich offensichtlich noch nicht vorbei.“ Levy bemühte sich, ihre Stimme ruhiger zu halten als eben noch, denn Gajeel war wütend genug für sie beide. „Hör zu, ich mag Noelle! Ich habe keine Probleme, über sie zu sprechen. Irgendetwas sagt mir, wir sollten darüber reden.“
„Ich bin nicht gut in solchen Dingen! Wie oft soll ich das noch wiederholen?“
In diesem Moment fiel Levy die eine Szene im Park wieder ein, als sich Noelle bei ihr frühmorgens regelrecht für die Beziehung mit Gajeel entschuldigt hatte. Kurz danach war Gajeel aufgetaucht, um sich mit Noelle auszusprechen. In Levy stieg das bittere Gefühl der Erkenntnis auf, als ihr ein weiteres Mal ein Unterschied zwischen ihr und Noelle auffiel.
„Mit Noelle konntest du reden. Sie hat mir mehr als einmal erzählt, wie ihr euch nach einem eurer Streits versöhnt habt. Du hast es dort scheinbar geschafft, über deinen Stolz zu springen und dich zu entschuldigen.“
„Das war etwas anderes!“ Zumindest schien Gajeel nicht mehr wütend zu sein.
Doch Levy meinte, Verzweiflung in seinem Blick lesen zu können. Noch wusste sie nicht, ob das besser war.
„Wieso etwas anderes? Sie war deine Freundin, deshalb sind solche Aussprachen wichtiger als die mit normalen Freundinnen?“
„Nein, eben nicht! Wenn ich die Aussprache mit Noelle in den Sand gesetzt hätte, wäre das nicht weiter schlimm gewesen! Bei dir hingegen schon!“
Levy klappte der Mund auf, während ihr die Röte ins Gesicht schoss. Das war für Gajeels Verhältnisse eine regelrechte Liebeserklärung. Er schien das ebenfalls bemerkt zu haben, denn er räusperte sich verlegen. Dann griff er zu seinem Glas Wasser, das auf dem Küchentisch stand.
Mit einem Mal wurde ihr auch der Grund für seine wortkarge Art klar, wann immer das Gespräch auf die Gefühlsebene kam, zumindest bei ihr. Gajeel wusste um seine Schwäche, die richtigen Worte zu finden. Doch er wollte auf keinen Fall erneut die Falschen wählen, die sie beide auseinanderbrachten. Deshalb der Brief, der von Lily geschrieben wurde. Weil dieser am besten wusste, wie Gajeel dachte und was er ausdrücken wollte. Normal wäre das Gajeel egal gewesen, doch in dieser Situation hatte er wahrscheinlich befürchtet, die allerletzte Chance gewährt bekommen zu haben.
Anders ausgedrückt, war sie ihm wesentlich wichtiger, als Noelle es jemals gewesen war. Genau deshalb wollte er keine weitere Auseinandersetzung zwischen ihnen riskieren. Gajeel war auf dem besten Weg, sich sowohl mit seiner als auch Levys Vergangenheit abzufinden, als er noch bei Phantom Lord war. Gleichzeitig beschäftigte er sich intensiv mit einer möglichten Beziehung. Natürlich war dieser Gedanke schon mehrmals zwischen ihnen gestanden. Doch Gajeel hatte immer, wenn sie kurz vor diesem einen, entscheidenden Moment standen, einen Rückzieher gemacht. Damals hatte sie es nicht als Rückzieher gesehen. Doch in den letzten Wochen, seit Noelles Schilderung über die Trennung von Gajeel, hatte sie angefangen, die Sache aus einer anderen Sichtweise zu betrachten.
Levy spürte, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gericht ausbreitete. Gajeel mochte die Meinung vertreten, unfähig mit Worten zu sein. Aber heute hatte er durch seinen kleinen emotionalen Ausbruch die eine perfekte Wortwahl getroffen, die Levy jegliche Restzweifel nahm.
„Einverstanden. Kein hausgemachtes Essen, ein Restaurant reicht.“
„Was?“ Gajeel hatte sich wieder gesetzt, seine gesamte Körperhaltung drückte Überforderung aus.
„Du musst nicht mehr sagen. Ich weiß, das eben war nicht geplant. Dafür war es umso überzeugender. Ich glaube dir. Ich glaube dir, Noelle nicht durch mich ersetzen zu wollen. Eigentlich habe ich das nie geglaubt, aber deine Äußerungen waren zu verletzend. Aus diesem Grund bin ich gegangen. Nicht, weil ich kein Interesse hatte. Doch deine Worte waren abwertend. Zu abwertend, um das sang- und klanglos zu schlucken.“
„Also ist alles gut?“ In Gajeels Stimme lag purer Unglaube.
Levy schüttelte den Kopf, doch ihr Lächeln blieb. „Nein. Es ist nicht alles gut, aber es wird besser. Und wenn wir die Sache langsam angehen, könnte es perfekt werden. Für uns beide.“

+++


Cana fluchte unterdrückt, während sie eilig in ihren Mantel schlüpfte, der ihr von Laxus gereicht.
„Es ist viel zu spät geworden. Lexy wird unglaublich wütend sein, weil ich sie erst so spät abhole!“
„Wird sie nicht. Ich habe mit ihr alles beredet, sie freut sich. Übrigens solltest du deine Haare kämmen. Sie sind sehr durcheinander.“
Cana warf einen Blick in den Flurspiegel und fluchte erneut, dieses Mal etwas lauter. „Das ist deine Schuld!“ Hastig fuhr sie sich mit gespreizten Fingern durch die Haare und verzog das Gesicht, als sie nach nicht einmal der Hälfte der Haarlänge in etlichen Knoten hängen blieb.
„Komm her. Ich habe etwas Übung beim Entwirren von Haaren.“ Sie folgte seinem Angebot und stellte sich vor ihn. Als er anfing, ihre Haare mit überraschender Sorgfältigkeit zu entwirren, spürte sie, wie sich bei seinen leichten Berührungen Gänsehaut in ihrem Nacken bildete. „Ich würde sagen, dass es mir leidtut, aber das wäre gelogen.“
Cana hörte an seinem Tonfall, dass ein breites Grinsen auf seinen Zügen lag und sie seufzte. „Mir auch nicht. Aber vielleicht solltest du dich das nächste Mal in Bezug auf das Durch-die-Haare-Fahren etwas zurückhalten?“
Laxus war in der Zwischenzeit mit dem Entwirren fertig geworden, zumindest zog es nicht mehr unregelmäßig an einzelnen Strähnen. Stattdessen spürte sie, wie er mit der Hand über ihre Haare fuhr, bevor er einen Schritt zurücktrat.
„Ich fürchte, das werde ich nicht können. Deine Haare gefallen mir zu sehr.“ Es war wenig überraschend, keine Verlegenheit in seinem Tonfall zu hören.
Cana drehte sich um, wobei ihr Blick erneut auf die Uhr fiel und sie erschrak. „Wir müssen wirklich los, Laxus. Es hätte nie so spät werden sollen.“ Zugegeben, sie hatte völlig die Zeit vergessen. Nach diesem ersten, betörenden Kuss hatten sie beide nicht voneinander lassen können. Nicht, dass mehr passiert wäre. So viel Verstand oder Beherrschung hatten sie noch zusammenkratzen können. Aber Laxus hatte in dieser Hinsicht schon vor sieben Jahren ein gewisses Talent besessen, sie buchstäblich gedankenlos werden zu lassen. Und durch seine Beziehungen in den letzten Jahren hegte sie den starken Verdacht, dass er einiges an Übung dazugewonnen hatte. Merkwürdigerweise fühlte sie keine Eifersucht für seine vergangenen Beziehungen. Genau genommen war sie verantwortlich für diese, denn wenn sie geblieben wäre, wäre ihre Beziehung anders verlaufen. So hatte er nur versucht, mit ihrem Weggang zurechtzukommen und im Gegensatz zu ihr hatte er keine Tochter gehabt, die ihn tagtäglich an sie erinnert hatte. Cana war keine Heuchlerin. Wären ihre Rollen aus irgendwelchen Gründen vertauscht gewesen und sie wäre ohne ein Andenken zurückgeblieben, hätte sie ebenfalls zu dieser Methode gegriffen.
„Wir sind so oder so zu spät.“ Mit diesen Worten packte Laxus sie einfach an der Taille, zog sie zu sich und küsste sie einmal mehr mit einer prickelnden Leidenschaft, die sich mit jedem einzelnen Mal zu erhöhen schien. Ihr kam es noch nicht einmal in den Sinn, sich dagegen zu wehren. Genau davon hatte sie die letzten Jahre geträumt, wann immer ihr die Situation als alleinerziehende Mutter über den Kopf zu wachsen drohte. Dieser Gedanke und die Hoffnung, in naher Zukunft mit Laxus hoffentlich dort neu anzusetzen, wo sie aufgehört hatten.
„Wir müssen aber wirklich zum Master“, sagte sie keuchend, als sie sich wieder von ihm lösen konnte. Laxus war seit ihrem ersten Kuss heute Abend ungewohnt gut gelaunt und sie meinte, das Glück regelrecht spüren zu können, das er aus jeder Zelle ausstrahlte.
„Ich habe sieben Jahre nachzuholen. Das wird sich nicht so schnell legen.“ Doch er löste sich von ihr, um zur Tür zu gehen und sie ihr einladend aufzuhalten. „Aber du hast recht, es ist schon spät. Gramps hat zwar ein komplett eingerichtetes Zimmer für Lexy, aber ich bezweifle, dass ihr eine spontane Übernachtung so gut gefällt. Wenn ich an mich in ihrem Alter zurückdenke, hätte das bei mir einen mittelgroßen Wutanfall ausgelöst.“
Cana nickte stumm und eilte dann durch die Tür. Laxus schloss zu ihr auf, als sie aus dem Haus auf die dunkle Straße trat. Die Straßenlaterne, die als nächstes an ihrem Haus stand, war vor einigen Tagen von einem der magischen Fahrzeuge gerammt worden und funktionierte nicht mehr. Insgeheim war sie froh, dass Laxus bei ihr war und sie nicht so spät am Abend quer durch Magnolia zum Haus des Masters laufen musste. Natürlich war sie eine Magierin und verstand es, sich zur Wehr zu setzen. Doch das bedeutete nicht, sich in der Dunkelheit wohlzufühlen. Sie war eher der Sonnentyp und konnte stundenlang einfach nur draußen herumlaufen, um die Strahlen auf ihrer Haut zu spüren. Dunkelheit hingegen war eine ihrer innersten Ängste und sie fühlte sich immer unwohl, sobald sie ihre Umgebung nicht mehr detailliert sehen konnte.
„Wie sollen wir ab morgen der Gilde gegenübertreten? Du weißt, es gibt etliche Klatschmäuler dort, männliche wie weibliche.“ Laxus hatte beiläufig einen Arm um ihre Schultern gelegt, was ihr etwas zusätzliche Wärme spendete.
„Du hast Lexy als Tochter, der du notgedrungen von unserer Verabredung erzählt hast. Wenn es die Gilde jetzt noch nicht weiß, werden sie es morgen früh erfahren. Lexy braucht nur wenige Stunden, um für sie wichtige Dinge den entsprechenden Personen weiterzuerzählen, das weißt du.“
„Diese Eigenschaft hat sie nicht von mir.“
Cana lachte kurz und nutzte die Gelegenheit, um sich etwas enger an Laxus zu drücken. „Ich weiß, ich war als Kind mindestens genauso schlimm. Nur hatte ich keine Eltern, denen ich alles erzählen konnte, weshalb die Gilde als Ersatz herhalten musste.“
Laxus vibrierender Brustkorb verriet seine Erheiterung, doch er erwiderte nichts weiter. Sie legten den Rest des Weges in angenehmem Schweigen zurück. Zu ihrer geheimen Erleichterung trafen sie auch keine Mitglieder der Gilde, die die ersten Gerüchte über sie weitertragen konnten.

+++

Danke für eure lieben Rückmeldungen zum letzten Mal! Ich hatte eine riesige Blockade, weil ich nicht wusste, wie ich die Geschichte weiterführen sollte - ihr habt den größten Anteil daran, dass ich jetzt für mein aktuelles Kapitel (40) endlich weiß, wie ich das auflöse.
Zu diesem Kapitel: Ihr habt doch nicht gedacht, dass zwischen Levy und Gajeel alles super wäre, oder? Einige haben es bereits angedeutet, dass es für sie zu "einfach" war und das stimmt. Weshalb es nicht wirklich eine Vergeben-und-Vergessen-Szene gibt, wie man hier sehr gut erkennen konnte.
Dafür gibt es ein wenig romantische Stimmung am Ende, als Ausgleich für das Drama.
Ich bin gespannt, wie ihr dieses Kapitel einschätzt und was in euren Augen als Nächstes geschehen könnte!
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