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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
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28.01.2021 3.495
 
Kapitel 35 – Lorelei

„Lorelei?“ Laxus‘ zweite Antwort war eigentlich eine Frage, denn Lorelei hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Stattdessen war ihr Blick zu Cana gewandert, die in ein dunkles Augenpaar starrte, dessen Farbe sie im Licht der Laterne nicht erkennen konnte.
„Lorelei, was machst du hier?“ Laxus war zur Seite getreten und stand nun halb vor Cana, die Hand leicht zur Seite ausgestreckt. Eine abwehrende Haltung, so als ob er sie vor Lorelei verstecken oder beschützen wollte. Vielleicht auch beides gleichzeitig. Doch Lorelei kannte sie bereits, auch wenn Laxus darüber noch nicht im Bilde war.
„Ich tue ihr nichts, falls du das denkst. Sie kann nichts dafür, das weiß ich.“ Loreleis Stimme klang traurig und Cana legte Laxus vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Er zuckte trotzdem zusammen. Eine weitere Reaktion, die sie mehr als alles andere verwunderte, dann Laxus war nicht der Typ, der so leicht aus der Fassung zu bringen war. Sie hatte die dumpfe Vorahnung, nicht die gesamte Geschichte zu kennen.
„Ich glaube, du hast nicht alles erwähnt, was Lorelei angeht. Was genau ist nach eurer Trennung vorgefallen?“, murmelte sie leise.
Laxus zuckte einmal kurz mit den Schultern und gab ansonsten keine Antwort, weil er zu sehr auf Lorelei fixiert war. Cana konnte das nicht ganz nachvollziehen. Aber sie spürte, wie angespannte Laxus war und beschloss, das lieber später anzusprechen. Vorerst wollte sie diese Unterhaltung hier schweigend verfolgen in der Hoffnung, etwas mehr Klarheit zu bekommen.
„Ich möchte nur mit dir reden. Nach all den Monaten fühle ich mich endlich in der Lage dazu.“ Loreleis Stimme klang trotz ihrer geringen Lautstärke überzeugt, auch wenn Cana von ihrer Position aus ihre zitternden Hände sehen konnte.
„Ich habe dir bereits alles gesagt, was es zu sagen gibt.“
„Abgesehen von der Wahrheit. Du hast mir nur die Geschichte vorgespielt, die in deinen Augen für mich am besten ist.“
Cana trat langsam hinter Laxus vor, denn Lorelei erweckte wirklich nicht den Eindruck, ihr irgendwie gefährlich werden zu können. Laxus warf ihr einen scharfen Blick zu, doch sie schüttelte warnend den Kopf. Sie hatte kein Recht, sich in dieses Gespräch einzumischen. Doch sie würde Laxus stumm Unterstützung anbieten, falls er welche benötigen sollte.
„Lia hat dir alles erzählt, wie es scheint. Was möchtest du dann noch von mir hören? Beteuerungen, wie sehr ich dich geliebt habe?“
Lorelei zuckte zusammen, als ob er sie geschlagen hätte. Cana rammte Laxus stellvertretend für Lorelei den Ellenbogen in die Seite. Sein schmerzerfülltes Keuchen rief ein leichtes Gefühl der Befriedigung in ihr hervor. Natürlich war ihr bewusst, warum Laxus dieses kalte, gefühllose Verhalten an den Tag legte. Er wollte Lorelei vor noch mehr Schmerzen schützen, doch das war hier unangebracht. Lorelei war bereits genug verletzt worden, sie verdiente nicht noch mehr abfällige Bemerkungen.
„Also stimmt es. Du hast das alles aufgezogen, um mir einen ‚schmerzlosen‘ Abschied zu bereiten, der mich in dieses tiefe Loch gezogen hat. Weißt du eigentlich, warum Lia noch immer eine gehörige Portion Wut auf dich verspürt, obwohl sie deine Beweggründe sehr gut kennt und dazu noch deine Tochter betreut?“ Das Zittern von Loreleis Händen war mittlerweile auf ihren ganzen Körper übergegangen, das konnte Cana trotz der dicken Jacke von dieser erkennen. Dieses Zittern hatte außerdem keinen temperaturbezogenen Ursprung, es war eine körperliche Reaktion auf unterdrückte Emotionen.
Laxus spürte wohl ebenfalls, wie schwierig diese Situation gerade war, weshalb er nur den Kopf als Antwort schüttelte.
„An diesem Tag wurde mir gekündigt und mein Vermieter hat mich vor die Tür gesetzt, weil er die Wohnung einem Magier vermieten wollte. Deshalb habe ich damals kurzfristig um das Treffen gebeten, das du gleich als angebliches Reinplatzen in deine Affäre genutzt hast.“ Lorelei lächelte dünn. „An die nächsten Stunden danach kann ich mich nicht erinnern, doch tags darauf bin ich im Krankenhaus aufgewacht. Mir ist direkt ein Therapeut zugeteilt worden, damit ich mit meinen ‚emotionalen Traumata‘ besser umgehen konnte. Ich habe nicht genau verstanden, welche Schlüsse er aus meinem zusammenhanglosen Gerede in er ersten Sitzung gezogen hat. Doch es hat für zwei Monate dauerhaften Aufenthalt im Institut für Geistige Gesundheit gereichet.“
Cana riss die Augen auf. Das Institut befand sich in den Bergen nahe Eichenstadt, auch wenn niemandem der genaue Ort bekannt war. Brain, der ehemalige Anführer von Oración Seis, war einer der prominentesten Patienten und es gab mehr als nur ein paar Personen, die für die von ihm verübten Verbrechen persönlich Rache nehmen wollten. Deshalb hatte man das Institut an einen Ort verfrachtet, an dem der Zugang erheblich erschwert war und obendrein nur dem dortigen Personal die genaue Lage mitgeteilt.
„Das hat Lia nicht erwähnt.“ Laxus‘ Stimme klang neutral, doch Cana konnte die darunterliegende Überraschung erkennen.
„Natürlich hat sie das nicht, sie ist meine beste Freundin. Und du bist der Mistkerl, der mir den letzten Stoß für meinen mentalen Zusammenbruch gegeben hat.“
Das Schlimmste für Cana war der fehlende Vorwurf in Loreleis Worten. In Laxus‘ Innerem musste es ähnlich aussehen, wahrscheinlich sogar bedeutend schlimmer. Seine Anspannung vergrößerte sich noch mehr, er zitterte mittlerweile regelrecht.
„Fuck. Das wollte ich nicht.“ Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, was Canas Vermutung bestätigte und sie blickte betreten auf den Boden. Bei diesem Gespräch hatte sie nichts verloren und sie wünschte sich an einen anderen Ort. Auch wenn das letztendlich Loreleis Entscheidung gewesen war, sie miteinzubeziehen. „Hör zu, damals habe ich keine andere Lösung gesehen. Das war falsch von mir, das wusste ich bereits eine Woche später. Und wenn ich ehrlich bin, konnte ich dir nicht mehr gegenübertreten, ohne mich komplett zu blamieren.“
„Natürlich. In den Monaten, in denen ich fort war, hast du dich nicht im Geringsten verändert.“ Loreleis Lächeln verrutschte keinen Millimeter, auch wenn es nicht ihre tieftraurigen Augen erreichte. „Ich hoffe nur, sie ist es wert.“
„Ist sie“, presste Laxus als Antwort hervor, während er seinen Arm um Canas Schultern schlang und sie an sich zog. „Hätten wir jetzt alles geklärt? Ich würde gern meine Verabredung fortsetzen.“
Lorelei nickte, dann drehte sie sich um und war mit ein paar Schritten hinter der nächsten Häuserecke verschwunden. Laxus blickte ihr kurz nach, dann stieß er hörbar die Luft aus und setzte sich in Bewegung, während Cana notgedrungen mitlief. Dabei schwieg sie, denn sie konnte regelrecht hören, wie es in Laxus‘ Kopf arbeitete.

Wenig später stand Cana in Laxus‘ Wohnzimmer und blickte sich um. Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, als sie das geöffnete Fotoalbum von Lexy auf dem Sofa liegen sah. Laxus hatte ihr nie Fragen gestellt, doch scheinbar schaute er es sich regelmäßig an.
Abgesehen von dem Fotoalbum standen ein paar Bücher in einem Bücherregal, doch der Großteil der Regalfächer wurde von unzähligen CDs eingenommen. Cana trat neugierig näher, auch wenn sie innerlich den Kopf schüttelte. Dem Anteil der CDs nach zu schließen, die in den letzten sieben Jahren dazugekommen waren, hatte sich seine Leidenschaft für Musik nicht im Mindesten verändert. Sie griff nach ein paar CD-Hüllen und studierte die Cover, zusammen mit den Bandnamen, von denen ihr die meisten nichts sagten. Aber sie wettete insgeheim, nur noch mehr Rock-’n’-Roll-Alben in den Händen zu halten.
Sie legte die CDs an die gleiche Stelle zurück ins Regal - sie wusste, Laxus ordnete seine Alben penibel nach dem Alphabet - , als Laxus wieder ins Wohnzimmer trat. Als sie die dampfenden Tassen in seinen Händen sah, lächelte sie.
Laxus warf ihr einen kurzen Blick zu und nickte Richtung Sofa. „Da die Unterhaltung doch etwas länger gedauert hab, habe ich anstatt Tee heiße Schokolade zum Aufwärmen gemacht. Lexy meint, meine wäre fast genauso gut wie deine.“
„Das ist das größte Kompliment, das sie dir aussprechen kann. Auch wenn du eigentlich nicht über Lexy reden wolltest, wenn ich daran erinnern darf.“ Cana lächelte vielsagend.
„Das mit der heißen Schokolade musste ich loswerden. Immerhin ist das die Dritte, die ich überhaupt mache. In Fällen wie diesen ist Prahlen ein regelrechter Zwang bei mir.“
„Typisch“, entgegnete Cana, doch es lag keine Schärfe in ihrer Stimme. Eher Erheiterung, denn sie wusste direkt, was er damit eigentlich ausdrücken wollte. Er gab sich alle Mühe, seine Vaterrolle so perfekt wie es ging auszufüllen. Deshalb ein Kompliment von seiner Tochter zu bekommen, war für ihn wahrscheinlich das größte Lob überhaupt.
„Wenn ich nicht so wäre, hättest du keine Gefühle für mich entwickelt. Das waren damals deine Worte.“
Cana blinzelte überfordert, dann nahm sie einen Schluck aus ihrer Tasse und verbrannte sich prompt den Mund. Fluchend setzte sie die Tasse wieder ab. Doch immerhin hatte sie jetzt gerade ein anderes Problem als eine Erwiderung zu ihren Worten von Monaten zuvor zu finden, die Laxus perfekt wiedergegeben hatte. Das konnte sie mit Sicherheit sagen, denn sie schwirrten ihr nach wie vor immer mal wieder durch den Kopf.
„Du musst dich nicht absichtlich verbrennen, um einer Antwort auszuweichen.“
„Das war nicht mit Absicht, ob du es glaubst oder nicht.“ Ihre Erwiderung klang eher nach einem Keuchen, denn ihr Mund brannte tatsächlich noch schmerzhaft.
„Wenn ich dich so ansehe, glaube ich das sogar. Nun, streng genommen war ich auch noch nicht fertig. Was ich eigentlich sagen wollte: Für dich mag es damals das Falsche gewesen sein. Doch für mich waren diese Worte die richtigen. Zum perfekten Zeitpunkt. Auch wenn ich damals nicht reagiert habe, sondern gegangen bin. Dafür sollte ich mich entschuldigen, das war alles andere als nett dir gegenüber. Wahrscheinlich hast du die gesamte Nacht wach gelegen, um dich für deine Äußerung zu verfluchen, wie ich dich kenne.“
Cana verzog nur das Gesicht, weil er natürlich recht hatte. Sie konnte sich leider noch zu gut an diese Nacht erinnern, in der sie wach gelegen war und sich unzählige Male verflucht hatte. Ganz zu schweigen von den nächsten Tagen, in denen sie einfach nicht gewusst hatte, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Denn damals war sie mit der gesamten Situation vollkommen überfordert gewesen. Wenn Lexy nicht gewesen wäre, hätte sie sich die nächsten Wochen in der Gilde rar gemacht, bis sie Laxus wieder ohne wirkliches Herzrasen ins Gesicht blicken konnte.
„Falls es dich tröstet, jene Nacht war ebenfalls nicht wirklich erholsam für mich, aus dem gleichen Grund.“ Laxus stieß die Luft aus – eine Angewohnheit, wenn er nicht genau wusste, wie er seine nächsten Sätze formulieren sollte. „Im Endeffekt habe ich nichts gemacht, was vermutlich nicht die beste Lösung war. Aber eine, mit der ich am ehesten leben konnte, während ich dein Auftauchen, zusammen mit Lexy, wirklich verarbeitet habe. Auch wenn du es vielleicht nicht glauben kannst.“
Er blickte sie auffordernd an und sie nickte langsam. Sie hatte gemerkt, wie viel lockerer er mittlerweile in ihrer und in Lexys Gegenwart war. Vor allem in ihrer, denn bei Lexy war er noch immer regelmäßig überfordert, was aber völlig normal war.
„Was ich eigentlich sagen will: Gewissermaßen hat mir dieser eine Satz die Augen geöffnet. Warum du dich so bemüht hast, obwohl ich dich behandelt habe wie ein … nun ja, wie ein Arschloch. Zwar eins mit verletztem Stolz, aber dennoch eins. Das hing nicht allein mit Lexy zusammen, das wurde mir während dieser schlaflosen Nacht klar. Kurz gesagt, sind deine Worte der Grund, warum ich dieser Verabredung zugestimmt habe.“
„Dann sollte ich froh darüber sein?“ Cana lachte kurz auf. „Wenn du wüsstest, was mir damals durch den Kopf gegangen ist.“
„Glaub mir, ich kann mir das ausmalen, so gut wie ich dich kenne.“ Laxus wurde abrupt wieder ernst und seufzte. „Das mit Lorelei vorhin tut mir leid. Ich habe nicht mit ihr gerechnet, ganz besonders nicht während unserer Verabredung.“
Cana schüttelte den Kopf. „Es ist okay. Lorelei hat uns beide überrascht. Und wenn ich ehrlich bin, war diese Aussprache für euch beide notwendig. Obwohl ich nicht sicher bin, ob das wirklich die Letzte war, aber das geht mich nichts an. Diese Dinge habt ihr zwischen euch zu klären, da werde ich mich nicht einmischen. Aber da wir bei Lorelei sind: Du wolltest am Anfang nicht, dass sie mich richtig sieht. Warum?“
Laxus verzog kurz das Gesicht. „Lorelei ist eine ausgebildete Trankmischerin. Sie weiß genau, welche Zutaten welche Wirkung haben und ihr Fachgebiet sind Gifte. Ophelia hat angedeutet, wie schlecht es ihr ging – sogar einen mentalen Zusammenbruch hat sie erwähnt – und ich wusste nicht, inwiefern sie auf dich reagieren würde. Insbesondere, wenn sie uns beide zusammen sieht.“
„Ich bin auf sie bereits ein paar Mal getroffen. Das erste Mal, als wir Lexy zum ersten Mal gemeinsam von der Vorschule abgeholt haben. Und die darauffolgenden Wochen in Läden, aber sie ist mir immer ausgewichen. Weshalb ich überhaupt auf sie aufmerksam geworden bin, auch wenn ich sie nicht kannte.“
„Du hast sie mehrmals getroffen und mir nichts davon erzählt?!“ Cana wurde mit einem Blick traktiert, der mehr als nur ein wenig entgeistert war, doch sie hob nur hilflos die Hände.
„Ich kannte sie nicht. Außerdem laufen in unserer Gilde schon genug merkwürdige Gestalten herum, da bin ich etwas abgehärtet. Im Endeffekt ist nichts passiert.“
„Aber es hätte etwas passieren können. Du kannst nicht nur an dich selbst denken, du hast eine Tochter. Wenn dir jemand merkwürdig vorkommt, solltest du vorsichtiger sein!“
„Ich bin nicht vollkommen hilflos, falls dir das entgangen ist. Und deine Sorge um mich ist nett, aber vollkommen unangebracht. Ganz besonders, wenn ich an die Erlebnisse zurückdenke, die wir zusammen mit der Gilde erlebt haben. Dort war ich mehr als einmal in Lebensgefahr.“ Die Szenen von Tenroujima, als sie völlig hilflos Bluenote gegenübergestanden und von diesem fast getötet worden war, bereiteten ihr selbst nach all den Jahren noch immer regelmäßig Albträume.
„Bei Mavis, ich verstehe schon. Du bist eine erwachsene Frau, die sich natürlich auch selbst verteidigen kann. Das ändert nichts daran, dass ich mir Sorgen mache, wenn du mir erzählst, schon mehrmals auf Lorelei getroffen zu sein, ohne jegliche Vorwarnung. Lorelei ist psychisch etwas labil, das hat mir Lia erzählt und du wirst es vorhin ebenfalls mitbekommen haben.“
Cana spürte, wie es in ihrer Magengegend flatterte und sie lächelte Laxus an. „Danke.“ Er blinzelte nur verwirrt, deshalb führte sie ihren Gedanken etwas weiter aus. „Danke, dass du dir Sorgen um mich machst. Auch wenn diese völlig unbegründet sind, weil ich mich sehr wohl gegen eine nicht-magiefähige Person durchsetzen kann. Wie du weißt.“
Laxus‘ Augenfarbe wurde ein wenig dunkler und er nickte langsam. „Ich kann nicht anders. Nicht, wenn es um dich oder Lexy geht.“
Das Flattern in ihrem Magen wurde zu einem ausgewachsenen Schwirren, das ihren kompletten Körper erfüllte und in ihr eine vertraute Hitze auslöste. Eine Hitze, die sie seit Jahren nicht mehr verspürt und die auch nur Laxus jemals in ihr hervorgerufen hatte.
Nervös nahm sie ihre Tasse, um einen Schluck zu trinken und gleichzeitig Laxus‘ Blick auszuweichen. Das hier war gefährlich, das spürte sie. Genau in dieser Situation hatte sie sich vor etwa sieben Jahren befunden und das hatte letztendlich zu Lexy geführt. Streng genommen hatte sie nichts dagegen, sich erneut langsam auf eine solche Situation zuzubewegen. Mit Betonung auf langsam, denn das hier geschah ihr einmal mehr zu rasant. Am gestrigen Morgen hatte sie noch keinen blassen Schimmer gehabt, wie sie aus der Freundschaftsphase der letzten Monate hinauskommen sollte. Jetzt saß sie hier, mitten in einer Verabredung und einem dumpfen Gefühl der Vorahnung für den restlichen Verlauf.
„Normalerweise ist es kein gutes Anzeichen, wenn die Frau während der ersten Verabredung in Gedanken versunken ist. Aber da wir alles andere als normal sind, sehe ich das etwas entspannter als gewöhnlich. Wenn es mit Lorelei zusammenhängt … Ich beantworte alle Fragen, die du dazu hast. Den Großteil weißt du ohnehin schon.“
Cana seufzte, dann setzte sie die Tasse ab. „Das ist es nicht. Ich weiß selbst, dass unsere Beziehung alles andere als normal ist. Als Mitglied der chaotischsten Gilde überhaupt sollte ich das gewohnt sein, nicht wahr? Doch für mich ist es offenbar doch etwas anderes, wenn diese Ungeordnetheit mein Privatleben durcheinanderbringt.“
„Mit Ungeordnetheit meinst du mich. Genauer genommen die Veränderung, die durch mich in deinem Leben entstanden ist, seit du gestern völlig unvorbereitet um eine Verabredung gebeten hast. Wenn ich daran denke, wie viele Jahre du gewartet hast, bis du Gildarts eure Verwandtschaft erzählt hast, verstehe ich es sogar ein wenig.“ Cana errötete, als Laxus unerwartet nach ihren Händen griff und sie mit den seinen umschloss. Er schenkte ihr einen weiteren, intensiven Blick, der bis in ihr Innerstes drang und sie wohlig erschaudern ließ. „Du möchtest Ordnung in deinem Leben, die durch jede Veränderung erschüttert wird. Was dir Angst macht, deshalb bist du unsicher und unkonzentriert, weil du fieberhaft überlegst, wie du das wieder in geregelte Bahnen lenken kannst. Ich bin kein selbstloser Heiliger, das weißt du. Dennoch weiß ich, wie manipulativ Evergreen sein kann, wenn sie von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt ist. Wie es weitergeht, ist deine Entscheidung. Du hast einen Schritt auf mich zugemacht, ich habe dies erwidert. Jetzt ist es an dir, den nächsten Schritt zu bestimmen. Du hast mir Lexy gegeben, mehr kann ich nicht von dir verlangen. Dank dir habe ich eine wunderbare Tochter, die mich für immer mit dir verbinden wird.“ Mit diesen Worten löste er seine Hände von ihren und wollte aufstehen, doch sie griff rasch nach seinem Handgelenk. Laxus hielt kurz inne, dann ließ er sich zurück auf das Sofa sinken und betrachtete ihr Gesicht mit einem fragenden, aber nicht minder intensiven Blick.
„Du hast recht“, murmelte Cana und ließ sein Handgelenk los, um ihre Finger mit seinen zu verschränken. „Ich habe Angst vor Veränderungen, selbst wenn sie positiv sind. Das Ganze hier ist eine positive Veränderung. Ich möchte sie, auch wenn ich Angst davor habe – macht das überhaupt Sinn? Übrigens, Ever trägt keine Schuld daran. Sie hat mir eher geholfen, endlich über diese Angst hinwegzusehen. Aber was ich eigentlich sagen will: Ich möchte das hier. Nicht Lexys wegen, sondern wegen mir und meiner Wünsche, die nichts mit ihr zu tun haben. Auch wenn das gerade nicht so aussieht und ich mir selbst im Weg stehe.“
„Du bist so ziemlich die komplizierteste Person, die mir je begegnet ist.“
„Zugegeben bist du auch nicht die einfachste Persönlichkeit. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet, auch wenn ich sie gar nicht direkt gestellt habe.“
„Ich sitze trotz unserer Probleme in der Vergangenheit mit dir hier auf dem Sofa, nachdem wir ein entspanntes Abendessen erfolgreich hinter uns gebracht haben. Ist das nicht Antwort genug?“ Laxus verlagerte sein Gewicht, woraufhin Cana ungewollt leicht gegen ihn stieß.
„Tut mir – “ Ihre Stimme erstarb, als Laxus sie ruckartig an den Schultern packte und sie zu sich umdrehte. In seinen Augen konnte sie ein Feuer erkennen, das innerhalb von Augenblicken zu einem regelrechten Inferno wurde. Cana war bewusst, was der nächste Schritt sein würde, doch sie war bereit dafür. Eigentlich seit ihrer Rückkehr, auch wenn ihr ihre Angst immer wieder das mögliche Scheitern gezeigt hatte. Doch jetzt, in genau diesem Moment, hatte Laxus die Angst zum Verstummen gebracht.
Laxus neigte seinen Kopf leicht zur Seite. Canas Augenlider flatterten, bevor sie sich langsam von selbst schlossen.
Als sein Mund auf ihren traf, war es eher ein sanftes Streifen, so wie der Flügel eines Schmetterlings. Doch diese leichte Berührung reichte aus, um in ihr das Bedürfnis nach mehr zu erwecken.
Im nächsten Moment erfüllte er ihr diesen Wunsch, als er seine Lippen erneut auf ihre legte, doch dieses Mal intensiver. Sie konnte das Prickeln, das von seinen Lippen aus ging, in ihrem gesamten Körper fühlen. Sie ließ unwillkürlich einen Seufzer ertönen, während sich ihre Arme wie von selbst um seinen Hals schlangen und sie sich mit ihrem gesamten Oberkörper an ihn presste, um den Kuss zu vertiefen.
Es zeigte Wirkung, denn Laxus ließ ein unterdrücktes Grollen hören, bevor er mit seiner Zungenspitze spielerisch ihre Unterlippe entlangfuhr. Cana verstand instinktiv. Kaum hatte sie ihre Lippen etwas geöffnet, spürte sie seine Hände, wie sie zärtlich ihr Gesicht umfassten, während der Kuss schlagartig leidenschaftlicher wurde.
Doch nach ein paar Sekunden, Minuten, oder einer Ewigkeit – sie hatte sich vollkommen in diesem Sturm von Emotionen verloren, der gerade mit der Gewalt eines Blitzgewitters über ihr hereingebrochen war – löste sie sich von ihm, um nach Luft zu schnappen.
Ein Blick auf seine vor Leidenschaft nahezu schwarzen Augen verrieten ihr alles, was sie wissen musste.
„Wow“, murmelte sie atemlos und Laxus nickte langsam. Nur, um sich abermals zu ihr zu beugen. Sie hatte absolut nichts dagegen, seinen Kuss mit der gleichen Intensität wie gerade eben zu erwidern.

+++

Damit wäre die Verabredung an sich beendet. Sie ist doppelt so lang geworden wie eigentlich geplant, aber ich fand die Dialoge einfach zu wichtig, um sie entsprechend zu kürzen.
Und das war glaube ich die ausführlichste Kuss-Szene, die ich je geschrieben habe - aber nach über 100k Worten fand ich das eine gelungene Entschädigung für all die Geduld, die ihr bis hierhin aubringen musstet.
Wie sehr seid ihr von Lorelei überrascht? Ich habe ja schon öfters erwähnt, keine Anti-Protagonisten zu mögen, weshalb ich auch bei ihr versucht habe, ihren Charakter etwas tiefgründiger als "miese, fiese Ex" zu gestalten.
Danke für die Rückmeldungen, die Favoriteneinträge und die Empfehlungen! Ich bin jedes Mal total gerührt, wenn ich das Interesse sehe, mit dem meine Geschichte hier verfolgt wird.
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