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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
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21.01.2021 3.744
 
Kapitel 34 – Die erste Verabredung

Cana warf zum wiederholten Male einen Blick auf die Uhr und raufte sich verzweifelt die Haare, ehe sie sich erneut ihrem geöffneten Kleiderschrank zuwandte. In Momenten wie diesen war ihr bewusst, wie sehr sie Lexys Bedürfnisse über ihre eigenen gestellt hatte. Sie hatte schlicht und ergreifend nichts, das auch nur ansatzweise als Kleidung für eine Verabredung in Frage kam. Zumindest nichts, mit dem sie sich wohlfühlen würde. Sie hatte ihre alten, knappen Party-Kleider von damals bei Gildarts gelassen, aber diese würde sie in diesem Leben nicht wieder anziehen.
Frustriert ließ sie sich rücklings auf ihr Bett fallen und starrte die Decke an. Insgeheim verfluchte sie Ever, denn durch deren gezielte Provokationen hatte sie Laxus gefragt, ohne weiter über die Sache nachzudenken. Das beinhaltete neben der Verabredung selbst sowohl ihre fehlende Garderobe als auch die Konsequenzen, die eine misslungene Verabredung mit sich bringen würde.
Cana stieß ein verzweifeltes Seufzen aus und legte sich ihren rechten Arm über die Augen. Vielleicht würde das eine zündende Idee bewirken, mit der sich all ihre Kleidungsprobleme in Luft auflösten.
Wobei Laxus sich nie dafür interessiert hatte, wie sie angezogen war. Wahrscheinlich machte sie sich einfach zu viele Gedanken über banale Dinge, während das eigentliche Problem ein völlig anderes war. Immerhin hatten Laxus damals auch ihre Flirtversuche kalt gelassen, als ihr Interesse ihm gegenüber gestiegen war. Zugegeben hatte sie auch keine große Erfahrung gehabt, mit jemandem zu flirten, an dem sie ein ernsthaftes Interesse hatte und nicht nur ihr Selbstwertgefühl aufpolieren wollte. Was sie regelmäßig gemacht hatte, selbst wenn es ihr im Nachhinein für eine zu kurze Zeit besser gegangen war. Nicht, dass sie diese geringen positiven Auswirkungen überrascht hatten. Der wahre Grund für dieses Suchen nach Anerkennung war damals der Ersatz für ihr Schweigen über Gildarts Vaterschaft gewesen. Diese Leere, die das Schweigen bewirkt hatte, hatte sich nicht durch ein paar harmlose Tändeleien mit zufällig ausgewählten Kandidaten vertreiben lassen.
Doch dieses Sinnieren über ihr vergangenes Verhalten brachte sie hier nicht weiter. Cana nahm den Arm wieder von ihrem Gesicht und setzte sich entschlossen auf. Wenn sie bereits jetzt so nervös war, würde sie am besten Kleidung auswählen, in der sie sich wohlfühlte. Wahrscheinlich würden einfach der lange Rock und die ärmellose Bluse vom letzten Jahresfest bei Blue Pegasus ausreichen.
Zumindest konnte sie sich vollständig auf sich konzentrieren, da Laxus heute Lexy aus der Vorschule abholte. Er würde nach dem Training mit ihr zum Master gehen, denn sie wollte nicht, dass ihre Tochter sie so angespannt erlebte. Wie sie Lexy kannte, wäre sie durch ihre Nervosität ebenfalls verunsichert und dann war ein Abend bei Makarov undenkbar.
Cana warf abermals einen Blick auf die Uhr und unterdrückte ein Stöhnen. Sie hatte noch drei Stunden Zeit, sich alle möglichen Ausgänge für die Verabredung mit Laxus zu überlegen und sich nebenbei darüber verrückt zu machen.

Doch irgendwann waren auch diese drei Stunden um und Cana warf einen letzten Blick in ihre leere Wohnung, bevor sie tief Luft holte und die Tür zuzog. Wenn sie pünktlich zum Park kommen wollte, musste sie bereits jetzt etwas zügiger laufen als normal.
Zu ihrer Erleichterung begegnete sie keinem anderen Gildenmitglied, bis sie am Park ankam. Zwar war sie ein wenig außer Atem, doch das würde sich schnell legen. Dachte sie, denn als sie um die letzte Kurve vor ihrem Treffpunkt bog, sah sie Laxus, der ebenfalls in Richtung des Baumes lief, nur links von ihr. Sie blieb abrupt stehen und blickte ihn überfordert an.
Laxus stoppte ebenfalls, als er sie sah. Und aus irgendwelchen Gründen, die Cana nicht genau erklären konnte, fiel die gesamte Nervosität und Anspannung von ihr ab. Sie lachte kurz, ohne darüber nachzudenken, und schüttelte damit die letzten Reste an Zweifeln ab. Zu ihrer Erleichterung zuckte auch um Laxus‘ Mundwinkel ein Lächeln, als er sich wieder in Bewegung setzte und zu ihr lief.
„Du warst nervös.“
Cana blickte ihn ertappt an. „Woran hast du das erkannt?“
Er zog nur eine Augenbraue hoch. „Deine Haare. Sie werden lockiger, wenn du nervös wirst. Das liegt nur teilweise an deiner Angewohnheit, dir bei Unsicherheit oder Nervosität ständig durch die Haare zu fahren. Wahrscheinlich wirkt sich deine innere Unruhe auch auf deine Haarstruktur aus, die ebenfalls unruhiger wird.“
„Wie bitte?“ Cana wusste nicht, ob sie erneut lachen oder peinlich berührt sein sollte. Laxus schenkte ihr weitaus mehr Aufmerksamkeit, als sie gedacht hatte.
„Ist dir das noch nicht aufgefallen? Deine Haare spielen verrückt, wenn dich etwas wirklich beschäftigt. Ich bin nicht selbst darauf gekommen, falls du das denkst. Ever hat mir das vor etlichen Jahren erzählt, damals warst du fünfzehn oder sechzehn.“
„Also hat mich Ever beobachtet? Ich bin nicht sicher, ob ich das jetzt als Kompliment oder als Anlass zur Sorge einordnen sollte.“
„Da es sich um Ever handelt, kannst du von beidem gleichzeitig ausgehen.“ Laxus zuckte mit den Schultern, dann warf er ihr einen auffordernden Blick zu. „Können wir dann los? Die unbehaglichen ersten Minuten haben wir bereits hinter uns gebracht.“
Cana atmete tief durch, dann nickte sie. „Ich bin so etwas nur nicht gewohnt. Also dieses Verabredungsding. Erwarte nichts Großartiges von mir.“
„Es ist eine Verabredung, keine Prüfung. Es gibt keine Erwartungen.“ Laxus hatte sich in Bewegung gesetzt und sie war ihm wie von selbst gefolgt, während er redete. „Wenn ich so darüber nachdenke, haben wir uns damals auch nicht wirklich verabredet, oder?“
„Haben wir überhaupt etwas anderes gemacht als uns heimlich Blicke zugeworfen, bis es in dieser einen Nacht dank zu viel Alkohol völlig ausgeartet ist?“ Im nächsten Moment schlug sie sich erschrocken die Hand vor den Mund, doch Laxus schnaubte nur.
„Da hast du nicht ganz unrecht. Doch ich vermute, du hast durch Hibikis Eroberungen mehr als genug Erfahrung als Außenstehende gesammelt.“
Nein, weil sie immer abgeblockt hatte, sobald er mit diesem Thema angefangen hatte. Doch das wollte sie Laxus nicht direkt beichten, weil es gewissermaßen peinlich für sie war. Immerhin hatte sie eine Tochter, da sollte zumindest eine ernsthafte Verabredung geschehen sein. Allerdings war die gesamte Situation von Beginn an alles andere als normal gewesen. Die fehlende Erfahrung in Verabredungen spielte eine eher untergeordnete Rolle. Wahrscheinlich versuchte Laxus nur, sie etwas zu beruhigen, damit sie sich entspannen und den Abend genießen konnte. Das würde sie auch ab jetzt tun.

Es stellte sich als ein einfaches, aber liebevoll eingerichtetes Restaurant heraus, das südländische Spezialitäten anbot. Cana hatte noch nie davon gehört. Wie jedes von Laxus‘ bevorzugten Restaurants lag dieses etwas abgelegen, wahrscheinlich wussten nur Eingeweihte von diesem kleinen Lokal.
Außer ihrem Tisch war nur ein weiterer belegt, an dem ein junges Paar saß, Händchen hielt und sich verliebt in die Augen blickte. Unbehaglich wandte Cana den Blick von ihnen ab.
„Noch immer nervös?“ Laxus saß ihr gegenüber, die aufgeklappte Speisekarte vor sich.
Cana überlegte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. „Es ist nur etwas ungewohnt.“ Rasch überflog sie die kleine Auswahl an Speisen, die dafür aber grundverschieden waren. Keine davon kannte sie, abgesehen von Fisch- oder Fleischgerichten.
„Falls du Lachs noch immer gern isst, solltest du das erste Essen wählen.“ Bei diesen Worten verzog Laxus leicht das Gesicht, was sie zum Schmunzeln brachte. Scheinbar hasste er Lachs nach wie vor. Außerdem war er nicht die einzige Person ihrer Familie, die diesem Fisch nichts abgewinnen konnte. Lexy hatte beim ersten Mal, als sie Lachs gekauft hatte, nur bei dem Geruch angefangen zu würgen. Damit hatte sich das Thema Lachs erledigt, zumindest wenn Lexy bei ihr war.
„Lexy hasst Lachs auch. Deshalb muss ich darauf verzichten, wenn sie nicht würgend am Esstisch setzen soll.“
Laxus schüttelte den Kopf. „Irgendwie scheinst du immer auf Lexy zurückzukommen, ist dir das schon einmal aufgefallen? Wie wäre es, wenn wir uns heute mal nicht über sie unterhalten? Eine Verabredung ist dafür da, um über die andere Person zu reden. Versteh mich nicht falsch, ich liebe Lexy. Doch heute Abend sollten nur du und ich wichtig sein.“
Cana biss sich auf die Lippe, denn im ersten Moment war sie verletzt. Doch sie erkannte den Sinn in seinen Worten und nickte. Wenn sie ehrlich war, hatte er recht. Seit ihrer Rückkehr hatte sich für sie alles um Lexy gedreht. Sie liebte ihre Tochter, das stand außer Frage. Doch nachdem sich die wichtigsten Dinge geklärt hatte, konnte sie ihre Aufmerksamkeit auch teilweise wieder auf sich selbst fokussieren. Für einen Abend konnte sie ihre Tochter, die bei ihrem Urgroßvater bestens aufgehoben war, glücklich versorgt wissen.
„Ich deute dein Schweigen einfach als Zustimmung.“
In diesem Moment kam die Kellnerin und Cana, die natürlich keinen Gedanken mehr an die anderen Speisen verschwendet hatte, deutete einfach wahllos auf eine davon in der Speisekarte. Die Kellnerin nickte, notierte sich das auf ihrem Block und nahm dann Laxus‘ Essen auf, der sie vielsagend anschaute.
Cana räusperte sich, kaum als die Kellnerin wieder zurück zur Theke gegangen war, und nahm einen Schluck aus dem vollen Wasserglas. Die Unbehaglichkeit im Moment wurde ihr einmal mehr zu viel und sie stellte ruckartig das Glas ab.
„Das hier alles ist einfach merkwürdig. Wir kennen uns schon so lange, waren gemeinsam auf Aufträgen und jetzt können wir noch nicht einmal ein normales, ungezwungenes Gespräch führen?“ Frustriert stieß sie die Luft aus.
„Es ist ungewohnt für dich, das ist das Problem.“ Immerhin schien Laxus ihre Frustration amüsant zu finden, denn er hatte ein schiefes Lächeln ausgesetzt. „Für eine Person, die mich nach einer Verabredung gefragt hat, bist du äußerst unsicher.“
„Ich weiß“, seufzte sie und fuhr sich durch die Haare, was Laxus noch mehr zum Schmunzeln brachte. „Für mich ist das einfach zu ungewohnt.“
„Liegt das an der Verabredung an sich oder an mir?“ Im Nu war Laxus ernst geworden.
„An der Situation. Irgendwie ist das alles so surreal. Ich ... ich habe Angst, etwas zu zerstören.“ Wenigstens konnte sie ehrlich zu ihm sein. Laxus würde sie verstehen, davon war sie überzeugt.
„Du musst einfach lernen, die Dinge nicht perfekt in Angriff nehmen zu können. Denn das würde bedeuten, du wärst perfekt und sind wir ehrlich: Niemand ist das, selbst ich nicht. Auch wenn das Einige nicht glauben können.“ Da war es wieder, der altbekannte Egoismus, der sie entweder zur Weißglut getrieben oder ihr schwache Knie bereitet hatte. Je älter sie wurde, desto häufiger trat die zweite Möglichkeit auf. Inzwischen hatte sie erkannt, damals eine Schwäche für seine Arroganz zu haben, die teilweise auf solidem Selbstvertrauen basierte. Etwas, worum sie ihn immer wieder beneidet hatte und etwas, das sie ihm niemals sagen würde. Seine Reaktion darauf konnte sie sich aufgrund jahrelanger Erfahrung vorstellen.
Im nächsten Moment fiel ihr das perfekte Gesprächsthema ein, denn diese eine Sache interessierte sie aus persönlichen Gründen sehr. Deshalb setzte sie sich aufrecht hin und holte tief Luft, um sich auf die wirklich unangenehme Frage vorbereiten zu können, die sie gleich äußern würde.
„Du weißt sehr viel über mein Leben in den letzten Jahren. Ich hingegen nicht besonders viel über dich, ganz besonders nicht über deine vergangenen Beziehungen, wenn man von Lorelei einmal absieht.“
Cana sah, wie sich Laxus ruckartig versteifte und die Fäuste ballte, doch sie blieb ruhig.
Genau diesen Moment wählte die Kellnerin, um mit ihren bestellten Gerichten zu kommen. Sie stellte sie vor ihnen ab, bevor sie sich mit einem freundlichen „Lassen Sie es sich schmecken“ erneut in Richtung der Theke verabschiedete.
Cana ließ ihren Blick über ihren Teller schweifen und war positiv überrascht. Auf diesem befanden sich schiffsförmige Teigtaschen, die mit einer Paste gefüllt waren. Dazu ein Tomatensalat und kleine Röllchen aus Hackfleisch, neben denen ein weißer Joghurt mit Gurkenstücken in einer kleinen Extraschale auf den Teller gestellt worden war. Sie hob anerkennend die Augenbrauen, denn das hier sah wirklich äußerst köstlich aus.
Auf Laxus‘ Teller sah sie Fladenrollen, die entfernt an die dicken Zigarren erinnerten, die Wakaba ständig rauchte. Dazu gab es ebenfalls den weißen Joghurt und Reis sowie gelb-grün-rot gesprenkeltes Gemüse, das ihr bekannt vorkam. Hibiki hatte sich das immer in seinem Lieblingsimbiss bestellt und es schmeckte ausgezeichnet.
„Eigentlich bist du die Person, die am ehesten ein Recht darauf hat, von meinen ‚Bettgeschichten‘ zu erfahren, wie du es damals so schön formuliert hast.“ Anhand des Tonfalls erkannte Cana, dass sich Laxus wieder beruhigt hatte. Auch wenn sie wegen des einen Wortes zusammenzuckte, denn sie hatte es damals gegenüber Laxus recht deutlich gemacht, wie sich diese Beziehungen durch sein neues Vater-Dasein entwickeln würden.
„Nun, die Geschichte mit Lorelei kennst du ja bereits.“ Laxus schnitt während seiner Worte sorgfältig die erste der vier Rollen in kleinere Stücke und Cana erkannte eine orangefarbene Füllung.
„Du hast noch ein paar Beziehungen vorher gehabt, das hast du erwähnt.“ Sie nahm einen ersten Bissen von ihrem Essen und stieß ein genüssliches Stöhnen aus, als die verschiedenen Gewürze auf ihrer Zunge regelrecht explodierten.
Laxus sah sie für einen Moment merkwürdig an, dann schüttelte er den Kopf und senkte seinen Blick wieder auf den Teller. „Ich würde es nicht Beziehungen nennen, aber gut. Natürlich bin ich darüber im Klaren, wie viel dir die anderen Magierinnen von Fairy Tail über meine nächtlichen Eskapaden erzählt haben.“
Cana nickte langsam. „Ein paar Dinge.“ Das war noch harmlos ausgedrückt, da Lucy und Mira bei Miras Geburtstagsfeier im Gegensatz zu ihr zu viele Cocktails getrunken hatten. Beide waren äußerst redselig, wenn sie einen gewissen Alkoholgehalt im Blut hatten. Entsprechend hatten sie nicht mit Details gespart, was Laxus‘ Liebesleben anging. Erst recht, weil Mira durch Freed die beste Quelle hatte und das auch nur, weil sich der Anführer der Raijinshuu in dieser Zeit sehr viele Sorgen um Laxus gemacht hatte.
„Es bringt sowieso nichts, etwas zu beschönigen. Da du mit Mira befreundet bist, wirst du den Großteil ohnehin bereits wissen. Immerhin kann ich sagen, die Dinge stets klar und deutlich formuliert zu haben, wenn ich eine neue Begleitung gefunden habe. Auch wenn mich das noch mehr zu einem Arschloch mutieren lässt.“
„Du vergisst, ich kenne dich seit über zehn Jahren. Bisher gab es etliche Male, in denen ich dich als absolutes Arschloch erleben durfte, wie du selbst sehr gut weißt. Ich bezweifle, noch durch etwas geschockt werden zu können.“
Zumindest hatte sie es geschafft, auf Laxus‘ Gesicht ein selbstironisches Lächeln erscheinen zu lassen. „Nun, mit Sicherheit wurde dir erzählt, ich hätte mich ausgiebig amüsiert. Das ist eine Tatsache, auch wenn ich nicht stolz darauf bin. Doch das war damals der Grund, warum das eingetreten ist, nämlich mein verletzter Stolz. Also habe ich mir regelmäßig weibliche Gesellschaft gesucht. Für eine Nacht, für mehrere, manchmal sogar für mehrere Wochen. Bis ich immer zu dem Punkt kam, an dem ich mich nach etwas anderem sehnte und sie vor die Tür setzte. Die meisten hatten sich nicht mehr erhofft und wir gingen im Guten auseinander, bei ein paar lief es nicht so glatt.“ Er verzog mitfühlend das Gesicht, was Cana etwas erleichtert bemerkte. Natürlich hatte ihr Mira versichert, Laxus würde sich für sein Verhalten schämen. Doch es war etwas anderes, das von ihm eher unterbewusst signalisiert zu bekommen, auch wenn sie nichts anderes von ihm erwartet hatte. Zwar versteckte er es die meiste Zeit sehr gut, doch im Innern hatte er ein ebenso großes Herz wie sein Großvater.
„Nach ein paar Jahren wollte ich nicht mehr. Genau zu diesem Zeitpunkt traf ich Lorelei. Sie war gutmütig, doch sie hatte kein Problem, ihre Meinung auch deutlich kundzutun. Kurzum, sie erinnerte mich sehr an dich, sowohl vom Aussehen als auch von ihrem Charakter. Eins führte zum anderen und ich war in einer festen Beziehung, in der ich anfangs auch sehr glücklich war. Bis ich nach knapp einem halben Jahr erneut feststellte, in Lorelei nicht das zu finden, was ich gesucht hatte. Ich beschloss, mich so schmerzlos von ihr zu trennen, wie es nur ging, bat eine meiner Bekanntschaften um Hilfe und den Rest kennst du.“ Er blickte sie abwartend an, während er blind nach einem weiteren Röllchen stocherte und dieses nach zwei Fehlversuchen auf mit der Gabel traf.
Cana stieß die Luft aus und zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich bin ehrlich: Ich bin nicht sicher, was genau ich darauf erwidern soll. Natürlich kenne ich die Geschichte. Deiner Reaktion nach zu urteilen, hast du noch immer ein schlechtes Gewissen. Wäre die Situation eine andere und das hier wäre wirklich unser erstes Treffen zu zweit, hätte ich dir spätestens jetzt meinen Rotwein ins Gesicht gekippt. Dann wäre ich aufgesprungen und gleichermaßen wutschnaubend wie verletzt verschwunden. Doch ich kenne dich für eine solche Reaktion zu gut. Du reagierst immer auf diese Weise, wenn deine Gefühle verletzt worden sind. Schon bei Blue Pegasus war mir bewusst, was du tagtäglich neben den Aufträgen tun würdest, um den Vorfall zwischen uns zu vergessen. Ich kann dir deshalb nicht böse sein, falls du das meinst. Was würdest du denn tun, wenn unsere Rollen vertauscht wären? Wenn ich diejenige mit den unzähligen Bettgeschichten gewesen wäre?“
Nun zuckten Laxus‘ Mundwinkel wirklich. „Mir jede Einzelne vorgeknöpft und dazu gebracht, sich dir nie wieder auf mehr als hundert Schritte zu nähern, wenn sie keinen grausamen Tod sterben wollten.“
„Männer.“ Cana rollte mit den Augen, um ihre Verlegenheit angesichts dieser ernst gemeinten Aussage zu verbergen, doch Laxus schüttelte den Kopf.
„Nein. Dragon Slayer. Wenn ich eines gelernt habe, dann das. Die besitzergreifende Natur eines Drachen schlägt sich auch in seiner Magie nieder und damit in dem, der diese beherrscht. Ich kann nichts dafür, das liegt in meiner Natur. Und in Lexys, weshalb ich nach wie vor überrascht bin, wie bereitwillig sie heute Abend auf dich verzichtet hat. Denn die Eifersucht, die das mit sich bringt, hat sie bereits in Ansätzen gezeigt und ich bin nicht sicher, ob das allein auf ihr Alter zurückzuführen ist. Obwohl ich mich an ein ähnliches Verhalten von dir erinnern kann, ganz ohne Dragon Slayer Magie.“
„Ich war ein Einzelkind und hatte meine Mutter für mich allein, weil sie nach Gildarts keinen Mann mehr wollte. Natürlich war ich besitzergreifend bei jedem neuen Freund, den ich gewonnen hatte. Ich hatte Angst, sie wieder zu verlieren wie meine Mutter. Darüber hatte ich genug Gespräche mit Makarov. Oder Kämpfe mit Mira, die mir diese Eigenschaft gern ‚ausgetrieben‘ hat, wie sie es damals formulierte.“
„Mit dem Dämon war nicht zu spaßen, das wusste jeder. Bis auf dich, weil dein Dickkopf nur dem von Natsu nachstand.“
„Ich habe es überlebt.“ Zwar hatte sie etliche blaue Flecken davongetragen und es danach nie wieder gewagt, etwas gegen Mira zu sagen, aber das war ihr wohlgehütetes Geheimnis. Außerdem hatte Mira genug mit Erza zu tun, die sich inbrünstig gehasst hatten.

Der Rest des Essens fand in angenehmem Schweigen, abgesehen von ein paar lobenden Bemerkungen über die Gerichte, statt. Doch nach dem Essen kam einmal mehr eine merkwürdige Stimmung auf, in der keiner von beiden wirklich wusste, was genau er von sich geben sollte.
Laxus war derjenige, der die nervöse Stille am Tisch unterbrach. „Normalerweise würde ich vorschlagen, zu mir zu gehen. Ohne Hintergedanken.“
Cana lächelte, dann warf sie einen Blick auf die Uhr und zögerte.
„Lexy wird bei Gramps gut aufgehoben sein. Er hat einen Tag, nachdem er ihr offiziell als Urgroßvater vorgestellt wurde, mein altes Kinderzimmer entsprechend verändert und jede Menge Sachen für sie gekauft. Für eine spontane Übernachtung ist er bestens vorbereitet.“
Cana gab sich einen Ruck und nickte. Sie war bisher nur in Laxus‘ Wohnung gewesen, um Lexy abzuholen, und hatte dabei auch nur das Wohnzimmer gesehen. Währenddessen hatte Laxus bei ihr teilweise schon den halben Tag mit Lexy verbracht, wenn ihr Auftrag etwas länger ging als geplant. Er hatte sogar einen Zweitschlüssel zu ihrer Wohnung, bei dem Lexy natürlich ebenfalls einen Schlüsselanhänger aussuchen musste. Sie wusste nicht, ob Laxus mit dem orangefarbenen Drachen glücklich war, aber er hatte sich dem Wunsch seiner Tochter gefügt.

Auf dem Rückweg zu Laxus‘ Wohnung zog Cana ihre Jacke etwas enger um sich. Zwar lag Magnolia im südlichen Teil von Fiore und es war fast das gesamte Jahr über warm, doch die nächsten beiden Monate, die vor ihnen lagen, waren die kältesten. Teilweise konnte sogar Schnee fallen, auch wenn dieser nicht mehr als ein paar Tage liegen blieb.
„Denkst du, es wird in den nächsten Tagen schneien?“ Cana hatte gar nicht nachgedacht, bevor sie diese Frage gestellt hatte.
„Vermutlich“, antwortete Laxus nach einem Moment, in dem er wahrscheinlich von ihrer zusammenhanglosen Frage überrumpelt war. „Zwar kann ich nicht hellsehen, aber meine Nase sagt mir, in den nächsten Tagen einen richtigen Kälteeinbruch erwarten zu können. Da ist Schnee bekanntlich nicht weit entfernt, wie mir die letzten Jahre gezeigt haben.“
Cana gab einen Laut der Zustimmung von sich, denn an den Schnee nach dem jährlichen ersten Frost konnte sie sich nur zu gut erinnern.
Sie schwieg und auch Laxus schien nicht das Bedürfnis nach belanglosem Gerede zu haben, deshalb liefen sie in einem gemütlichen Tempo die gepflasterte Straße entlang in Richtung von Laxus‘ Wohnung. Eigentlich war das bisher gar kein schlechter Abend gewesen, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Trotz der ungewohnten Atmosphäre und der daraus resultierenden Unsicherheit hatte Laxus es geschafft, sie aus der Reserve zu locken und ein normales Gespräch mit ihr zu führen. Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Gesichtszüge. Das war für sie eindeutig ein Zeichen: Laxus kannte sie nach wie vor in- und auswendig. Und vielleicht waren Evers Provokationen gar nicht so verkehrt gewesen, wenn sie sich das bisherige Ergebnis so anschaute.
Dann ging alles sehr schnell: Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Laxus schlagartig erstarrte und im nächsten Augenblick stand eine brünette Frau vor ihnen, die Laxus mit einem fast manischen Gesichtsausdruck anstarrte. Doch in ihren Augen lag eine unendlich tiefe Traurigkeit, die in Cana direkt ein schlechtes Gewissen auslöste. Sie hatte diese Frau in Magnolia in den letzten Monaten mehrmals gesehen und die Frau sie ebenfalls. Denn sobald sie sie erblickt hatte, war sie zusammengezuckt und hatte schnell das Weite gesucht. Deshalb hatte Cana eine Ahnung, – nein, eher einen Verdacht – wer genau diese Frau eigentlich war.
„Laxus.“ Die Stimme der Frau zitterte, doch trotzdem erahnte Cana eine Mischung aus Emotionen. Spätestens jetzt war ihr klar, wer das sein konnte. Nein, musste.
„Lorelei.“
+++

Die Verabredung war ursprünglich nicht so ausführlich geplant. Doch mir sind mehrer Themen aufgefallen, die in meinen Augen und auch euren Rückmeldungen nach noch etwas unklar gewesen sind, ganz besonders Laxus' vergangene Beziehungen. Deshalb wurden sie hier miteingebaut. Und die Frage nach der brünetten Frau, die ich in den letzten Kapiteln halbwegs unauffällig eingebaut hatte, hat sich nun ebenfalls geklärt.
Ich bin ehrlich: Das ist mein erstes "Date-Kapitel", ich habe so etwas noch nie geschrieben. Deshalb hinterlasst mir gern Verbesserungsvorschläge dafür da, ich bin über jeden Ratschlag dankbar. Und vielen Dank für die Rückmeldungen zum letzten Kapitel!
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