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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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07.01.2021 3.811
 
Kapitel 32 – Wichtige Fragen und entscheidende Antworten

Nach ein paar Sekunden hielt Cana die peinliche Stille nicht mehr aus. Sie stand auf und räusperte sich unbeholfen, während sie nach ihrem Glas griff, um es zu Mira zu bringen.
„Oder wir vergessen einfach, was ich eben von mir gegeben habe.“
Erst als sie zwei Schritte vom Tisch entfernt, ließ Laxus‘ tiefe Stimme sie innehalten. „Oder du ziehst die andere Möglichkeit in Betracht: Du gibst mir die Gelegenheit, auf deine Frage zu antworten, anstatt einmal mehr zu flüchten.“ Laxus redete zwar nicht laut, doch sie glaubte, eine gewisse Schärfe in ihrer Stimme zu hören. Der Grund dafür war ihr bewusst: Er hatte es bereits erwähnt, sie war einmal mehr dabei, vor Laxus zu „Flüchten“, wie er es ausgedrückt hatte.
Cana biss sich auf die Lippe, doch drehte sich trotzdem erneut um und lief zum Tisch zurück, jedoch ohne sich erneut hinzusetzen.
„Was ist mit Lexy?“ Laxus‘ Frage war nicht die, die sie erwartet hatte. „Sie kann nicht allein bleiben.“
„Lexy hat zwei Großväter, die bestimmt einen Abend auf sie aufpassen würden. Ansonsten gibt es neben den Raijinshuu“ – bei Laxus‘ entgeistertem Gesichtsausdruck korrigierte sie sich schnell – „nicht die Raijinshuu, sondern Juvia. Sie und Lexy scheinen sich wirklich gut zu verstehen.“
„Einverstanden.“
Dieses Mal benötigte Cana zwei Sekunden, um den Sinn hinter den Worten zu verstehen. Als er ihr bewusst wurde, blinzelte sie. „Einverstanden?“
„Morgen Abend, um sechs. Lexys Training wird morgen etwas länger gehen, ich muss ihre höhere Magie irgendwie freisetzen, ohne sie körperlich völlig auszulaugen. Das wird wahrscheinlich einige Zeit dauern. Danach kann ich sie direkt zu Jii-jii bringen. Wenn er weiß, dass er den Abend auf Lexy aufpassen soll, wird er am Nachmittag aus der Gilde verschwinden, damit er genug Zeit hat, alles für einen unvergesslichen Abend vorzubereiten.“ Ein leichtes Lächeln zuckte um Laxus‘ Mundwinkel, während seine Augen kurzzeitig ihren Fokus verloren und er sich an etwas erinnerte. „Jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam, hat er sich so verhalten und irgendetwas sagt mir, in dieser Hinsicht keine Veränderung erwarten zu können.“
„Morgen?“ Mehr brachte Cana in ihrer überforderten Verfassung nicht hinaus. Irgendwie war sie nicht davon ausgegangen, direkt am nächsten Tag eine Verabredung zu haben. Eigentlich hatte sie mit etwas mehr Zeit gerechnet, sich auch mental darauf vorzubereiten. Ever hatte sie mit ihrem Drängen überrumpelt und bewusst provoziert, bis sie all ihre Vorbehalte über Bord geworfen und Laxus die immens entscheidende Frage gestellt hatte.
„Du hast immer noch die eine Nacht, um aus Magnolia zu verschwinden.“
Cana riss den Kopf hoch und blickte Laxus geschockt an.
Laxus begegnete ihr mit einem ernsten Gesichtsausdruck, bevor er auf einmal ein schiefes Lächeln aufsetzte. „Das war ein Scherz. Einer, der offenbar nicht gut ankam. Nun ja, normal freut sich eine Frau, wenn ihre Frage nach einer Verabredung bejaht wird. Also nimm es mir nicht übel, wenn ich diese merkwürdige Situation auflockern möchte.“
„Und dann fällt dir nichts anderes ein, als mir einmal mehr unterschwellig meine damalige Entscheidung vorzuwerfen?“
„Nein, eigentlich nicht wirklich, auch wenn ich vielleicht zu einem Teil darauf angespielt habe. Abgesehen davon ist Flüchten die einfachste Lösung, wenn es darum geht, unangenehmen Dingen auszuweichen. Das habe ich schließlich oft genug selbst gemacht.“
„Vielleicht sollten wir das morgen einfach direkt wieder abblasen“, murmelte Cana, während sie die Arme schützend vor der Brust verschränkte.
„Vielleicht sollten wir das, wenn du von Anfang an uncharakteristisch nervös und ungläubig bist, was ich mit meiner Äußerung bestätigt habe.“ Laxus stieß ein Seufzen aus und massierte sich für einen Moment die Nasenwurzel.
„Oh nein, ihr werdet schön auf eure Verabredung gehen.“ Evers Stimme erklang hinter Laxus. Sie schob sich auch direkt an diesem vorbei, um zwischen ihm und Cana stehen zu bleiben und beide abwechselnd mit einem warnenden Blick zu traktieren.
„Ich habe mir vorhin nicht meine gute Tat für dieses Jahr vollbracht, nur damit ihr beiden Sturköpfe beim ersten Anzeichen von einer Meinungsverschiedenheit wieder einen Rückzieher macht!“
„Ever“, knurrte Laxus warnend. „Ich habe es dir schon damals gesagt, dass du dich gefälligst aus meinen Angelegenheiten herauszuhalten hast!“
„Hör schon auf“, entgegnete diese nur unbeeindruckt. „Du hast damals Elfman auch gedroht, sollte er mich nicht so behandeln, wie es mir zusteht. Obwohl er schon immer mehr Angst vor mir als vor dir hatte. Also habe ich allein aus Prinzip mindestens ebenso ein gutes Recht, mich bei dir einzumischen! Erst recht, wenn ihr es beide schafft, euch als zwei erwachsene Menschen und Eltern aufzuführen wie zwei Kindergartenkinder!“
Daraufhin wussten weder Cana noch Laxus etwas zu erwidern, während zumindest Cana beharrlich ihren Blick auf den Boden gerichtet hatte.
„Laxus, deine Bemerkung war unangebracht. Ebenso wie Canas Reaktion. Nach den vergangenen Monaten solltet ihr eigentlich darüber hinweg sein. Laxus, du hast selbst zugegeben, wie richtig die Entscheidung von Cana gewesen ist und du weißt nur zu gut, dass sie allein wegen Lexy nicht wieder spurlos verschwinden kann. Und Lexy wird sie auf keinen Fall zurücklassen. Cana, du weißt, wie Laxus zu seiner Familie steht. Neben Fairy Tail und seinem Großvater gehören nun Lexy und dadurch du dazu. Entsprechend musst du seine Angst – sieh mich nicht so an, Laxus, ich spreche hier nur die Wahrheit aus – verstehen, euch wieder zu verlieren.“
„Und was möchtest du uns in deiner endlosen Weisheit damit mitteilen?“, entgegnete Laxus mit gepresster Stimme. Als Cana ihren Blick vom Boden wieder hob, konnte sie die pulsierende Halsschlagader bei ihm erkennen. Ein Warnzeichen für jeden, der den Zorn des Magiers auf sich gezogen hatte. Doch Ever war das vollkommen egal, darauf verwettete Cana die Hälfte ihrer nächsten Auftragsbezahlung.
„Ganz einfach: Ihr müsst endlich einmal über eure Ängste hinwegsehen und ein Risiko eingehen. Natürlich ist eine Verabredung etwas Neues, was eure Beziehung zueinander verändern wird. Doch allein durch Lexys Existenz werdet ihr beide alles versuchen, um diese Veränderung möglich zu machen. Und denkt daran, ihr beide habt es vor sieben Jahren ebenfalls auf die Reihe bekommen.“ Ever holte tief Luft, dann nickte sie zufrieden, was wohl das Ende ihrer Predigt signalisierte. Da es Ever war, verabschiedete sie sich mit nicht mehr als einem hochmütigen Blick und einer huschenden Handbewegung in Richtung von Cana und Laxus. Dann drehte sie sich auf dem Absatz herum und stolzierte davon.
Cana atmete tief durch, dann straffte sie sich und blickte Laxus entschlossen an. „Ever hat recht, so ungern ich es auch zugebe. Ich hätte nicht so empfindlich reagieren sollen. Es ist nur ungewohnt“, sagte sie etwas leiser und nahezu widerwillig.
„Mh.“ Mehr ließ Laxus nicht verlauten, doch nach einer kurzen Pause nickte er langsam. „Es ist ungewohnt und irgendwie auch wieder nicht. Ich komme mir nur so vor, als ob wir diese Situation vor knapp sieben Jahren schon einmal erlebt hätten. Da ich weiß, wie diese beginnende Beziehung geendet hat, bin ich etwas vorsichtig. Als ich damals mit dir nach meinem längeren Auftrag reden wollte, hatte ich mich während des gesamten Auftrags damit befasst, wie ich dich am besten nach einer Verabredung frage. Wie das geendet hat, führe ich jetzt nicht aus.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe es akzeptiert. Allerdings schien das meinem Gehirn eben nichts zu bedeuten, als ausgerechnet du mich gefragt hast. Obwohl es mir hätte klar sein müssen, nach Lexy und deinen Erwähnungen über die männerfreie Zeit. Ganz abgesehen von den sehr interessanten Dingen, die Lexy mir über dich erzählt hat, wann immer mein Name fällt.“ Laxus wagte es sogar, Cana zuzuzwinkern, während ihr die Röte regelrecht ins Gesicht schoss.
„Lexy“, murmelte sie in einem Tonfall, der eine gehörige Standpauke für ihre Tochter versprach. Scheinbar hatte Lexy etliches weitererzählt, was sie nicht hätte weitererzählen sollen. Wobei sie sich das hätte denken können, denn Lexy hatte nur helfen wollen. Cana war darüber sehr wohl im Bilde, wie sehr sich Lexy nicht nur zwei Elternteile, sondern ein Elternpaar wünschte und half entsprechend nach.
„Nimm es ihr nicht übel. Sie hat im selben Satz erwähnt, dass du es ihr verboten hattest, darüber mit mir zu reden.“
„Dieses Kind bringt mich noch um den Verstand“, murmelte Cana und blickte lieber zu ihrer Tochter hinunter in die Gildenhalle als zu Laxus.
„Wundert dich das? Du warst als Kind mindestens genauso anstrengend, das kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Zusätzlich war ich als Kind angeblich auch viel zu neugierig und habe mich in Dinge eingemischt, die mich nichts angehen.“ Der leicht bittere Tonfall verriet Cana, dass es sich dabei nicht nur um gute Dinge gehandelt hatte.
„Natürlich. Ein Kind möchte alles wissen, egal ob es verboten ist oder nicht.“ Cana seufzte. „Das macht die Sache nicht angenehmer.“
„Solange du morgen im Park auftauchst, soll es mir recht sein.“
„Ich werde da sein. Versprochen.“
„Das hast du das letzte Mal ebenfalls gesagt. Aber da du dieses Mal nicht von mir schwanger sein kannst, bin ich geneigt, dir zu glauben.“
Auf diesen Satz fiel ihr keine Erwiderung ein und so nickte Laxus ihr nach ein paar Sekunden zu, dann lief er in Richtung Treppe. Sie blickte ihm stumm, wenn auch mit brennenden Wangen hinterher, während in ihr Verwirrung und Entrüstung kämpften, weil Laxus diese delikate Sache einfach nebenbei erwähnt hatte.
Letztendlich entschied sie sich für ein lautes, von Herzen kommendes Seufzen. Wenn das Laxus‘ Art war, die Sache zu verarbeiten und wirklich darüber hinwegzukommen, dann würde sie sich an diese Art von Bemerkungen gewöhnen müssen. Egal, wie schwer es ihr auch fallen mochte. Andererseits hatte sie sich vor sechs Jahren innerhalb eines Tages von einem unbeschwerten, feucht-fröhlichen Lebensstil auf den Gedanken an ihre baldige Mutterschaft und die damit verbundene Verantwortung umstellen müssen. Laxus‘ Bemerkungen waren eindeutig einfacher zu akzeptieren, das war ihr bewusst.

+++


Levy schüttelte lachend den Kopf, als sie Jet und Droy einmal mehr in ihren ewigen Diskussionen beobachtete. Die vergangenen Monate hatten ihr und ihrem Team gutgetan. Mittlerweile war es wie früher, sie konnten sich mühelos ohne Worte verständigen und ihre Aufträge liefen mehr als nur zufriedenstellend.
Wie von selbst glitt ihr Blick durch die Gildenhalle, wo sie die verschiedenen Paare nebeneinandersitzen oder miteinander diskutieren sah, wenn man Natsu und Lucy sowie Cana und Laxus betrachtete. Doch diese beiden hatten sich in den vergangenen Monaten gefangen und waren so eng befreundet wie damals, kurz bevor Cana gegangen war. Zumindest die meiste Zeit, wenn sie sich nicht gerade wegen Lexy in den Haaren lagen, was mindestens einmal pro Woche vorkam. Doch Bisca hatte ihr augenzwinkernd versichert, dass diese Sache völlig normal war, wenn man wie in Laxus‘ Fall frischgebackener Vater war. Ganz zu schweigen von Canas neuer Situation, sich die Verantwortung für ihre Tochter teilen zu müssen. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Cana und Laxus erneut fanden.
Levy stieß ein Seufzen aus. Für Cana sah die Zukunft um einiges rosiger in Bezug auf eine funktionierende, stabile Beziehung aus als für sie. Gajeel hatte sich seit Wochen zurückgezogen, ab der Szene mit Jem in Housenka. Und so ungern sie es auch zugab: Sie vermisste seine Gesellschaft, selbst wenn seine Bemerkungen in letzter Zeit eher verletzender Natur gewesen waren. Doch trotz allem hing sie noch immer an diesem ungehobelten Brocken von einem Magier, der seine Momente der Einfühlsamkeit und Zärtlichkeit hatte. Selbst wenn er diese beiden Charakterzüge die meiste Zeit perfekt verbergen konnte.
„Levy, fühlst du dich nicht gut?“ Die besorgten Gesichter ihrer beiden Teamkameraden schoben sich in ihr Blickfeld und sie spürte, wie ihre Mundwinkel kurz belustigt zuckten. Abwehrend wedelte sie mit den Händen.
„Nein, alles in Ordnung. Ich habe nur kurz nachgedacht. Ich muss noch einkaufen, bevor ich wieder die Hälfte der Liste vergesse.“ Das war noch nicht einmal gelogen, nur hatte sie nicht darüber nachgedacht. Allerdings neigte sie tatsächlich dazu, mindestens eine Sache zu vergessen, was Jet und Droy sehr gut wussten.
Deshalb zeigte sich bei beiden ein wissendes Grinsen und sie verabschiedeten sie in ihrer typischen, überschwänglichen Art, die auch jetzt einmal mehr ihre Wirkung bei Levy zeigte. So lief sie in einem federnden Gang aus der Gildenhalle hinaus in Richtung des Gemüseladens.
Die Gestalt, die sich im Schatten der Eingangstür an den ersten Tisch in der Halle gesetzt hatte und ihr einen langen, nachdenklichen Blick zuwarf, bemerkte sie nicht.
„Jetzt lauf ihr schon hinterher, dein Grübeln in den letzten Wochen ist nicht auszuhalten.“
„Halt die Klappe, Lily.“
Trotzdem stand die Gestalt auf und machte sich mit langsamen, gemächlichen Schritten ebenfalls auf den Weg zum Gemüseladen. Wo Levy hinwollte, wusste die Person genau, denn sie hatte sie oft beim Einkaufen begleitet. Früher, bevor alles sich alles so extrem verändert hatte.

Levy blickte kritisch auf die Auswahl an roten Äpfeln, die in drei verschiedenen Kisten fein säuberlich gestapelt waren. Sie liebte Äpfel, doch um diese Jahreszeit gab es etliche Exemplare, die anstatt dem von ihr bevorzugten knackigen Fruchtfleisch eine mehlige Konsistenz aufwiesen. Grübelnd blickte sie auf die grünen Äpfel, die in einem Korb daneben lagen. Kurzerhand entschloss sie sich, lieber auf Nummer sicherzugehen. Sie nahm sich vier Stück von diesen und packte sie vorsichtig in ihre geflochtene Einkaufstasche, denn diese war zugegeben schon etliche Jahre alt und franste allmählich aus. Wahrscheinlich würde sie sich bald eine Neue kaufen müssen, wenn sie sich den brüchigen Henkel so ansah.
„Eine ausgezeichnete Wahl, junge Dame, die hier wurden erst gestern auf der großen Apfelfarm direkt vor Magnolia geerntet.“ Der alte Mann, der den Laden betrieb, war hinter ihr aufgetaucht und schenkte ihr ein Lächeln, das sie unwillkürlich erwiderte.
Anfangs hatte sie sich ein wenig vor ihm gefürchtet, weil er immer ein Gespräch angefangen hatte. Doch mit der Zeit war ihr aufgefallen, dass er einfach gerne mit seinen Kunden redete, weshalb sie entsprechend locker geworden war.
„Das klingt gut. Haben Sie noch Tomaten?“ Denn diese hatte sie bisher nicht erblicken können. Normalerweise sprangen Tomaten allein aufgrund ihrer knallroten Farbe direkt ins Auge, doch heute nicht.
Leider schüttelte der Verkäufer nur den Kopf. „Tut mir leid. Eine Kundin hat die Letzten vor einer Viertelstunde gekauft. Allerdings gibt es noch zwei Mangos, die heute verkauft werden sollten, falls Sie stattdessen diese nehmen möchten?“
Levy überlegte kurz. Zwar hatte sie geplant, die Tomaten in ihrem Abendessen zu verarbeiten, doch sie konnte stattdessen einfach etwas Mango als Nachtisch essen, das passte ebenfalls. Also nickte sie und der Verkäufer eilte in Richtung der Früchte, um mit den zwei versprochenen Mangos zurückzukommen.
Levy streckte ihre Hände aus, um die Mangos an sich zu nehmen, als mehrere Dinge gleichzeitig passierten: Der altersschwache Henkel ihrer Tasche riss und diese fiel mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden. Während alle vier Äpfel aus der Tasche rollten, versuchte sie diese mit einer Hand aufzuhalten, indem sie die beiden Mangos in die andere packte. Natürlich funktionierte das nicht, da sie schlicht und ergreifend zu kleine Hände hatte. So sah sie mit panisch aufgerissenen Augen zu, wie die Mangos in Zeitlupe ihrem Griff entglitten und kurz davor waren, sich zu den herumkullernden Äpfeln auf dem Boden zu gesellen. Im nächsten Augenblick schob sich eine gebräunte Hand in ihr Blickfeld und fing die beiden Früchte mühelos auf.
Levy richtete sich auf, strich sich ihre lockigen Strähnen aus dem Gesicht und setzte zu einem Danke an. Doch das blieb in ihrem Hals stecken, als sie ausgerechnet Gajeels Gesicht vor sich sah. Gegen ihre brennenden Wangen konnte sie nichts machen und so senkte sie ihren Kopf schnell wieder, um sich um die Äpfel zu kümmern. Doch drei davon hatte der Verkäufer bereits aufgehoben und der Letzte lag direkt vor ihren Füßen, weshalb sie sich schneller wieder aufrichten musste, als ihr lieb war.
Wortlos hielt ihr Gajeel die Mangos hin und sie nahm sie mit einem undeutlichen Dank an sich. Dann balancierte sie diese und den Apfel auf ihren Händen, während sie dem Verkäufer zur Kasse folgte. Dort legte sie ihren Einkauf erst einmal ab und versuchte, ihren Henkel behelfsmäßig zu reparieren. Doch die gefärbten Stofffasern ließen sich nicht erneut zu einem Knoten verbinden, ohne dass der Henkel völlig verschwand. Also seufzte sie laut, gab auf und packte ihren Einkauf in die Tasche. Dann würde sie ihn halt auf den Armen tragen müssen.
„Ah, werter Herr, sind Sie endlich wieder als Unterstützung dabei? Sie können die Tasche Ihrer Freundin nehmen, nicht wahr? Dann muss sie sich nicht so abkämpfen auf dem Weg in ihre Wohnung.“
„Nein, das ist nicht nötig“, antwortete Levy rasch, doch die Tasche war schon von der Theke genommen worden. Sie presste die Lippen zusammen und wartete lieber, bis ihr der Verkäufer ihr Wechselgeld beisammen und ihr übergeben hatte, bevor sie mit einer hastigen Verabschiedung aus dem Laden eilte.
Erst ein paar Meter entfernt drehte sie sich um und stemmte die Hände in die Hüften, um Gajeel entrüstet anzufunkeln. Dieser begegnete ihrem Blick nur unbeeindruckt, während er ihre kaputte Tasche an seinen Oberkörper gelehnt hatte und diese mit nur einer Hand stützte. Einmal mehr verfluchte Levy ihre zierliche Gestalt.  
„Ich kann meine Einkäufe allein nach Hause tragen.“ Levy streckte ihre Hand nach ihrer Tasche aus, doch Gajeel wich einfach seitlich aus und sie griff ins Leere. „Gajeel, ich meine das ernst! Danke für deine Hilfe eben, aber das hier schaffe ich auch allein!“
„Wir müssen reden.“ Levy stockte. Das war nicht die Antwort, die sie erwartet, geschweige denn mit der sie gerechnet hatte. Eigentlich hatte sie damals nach Housenka versucht, das Kapitel Gajeel abzuschließen und hinter sich zu lassen, mit eher geringerem Erfolg. Aber so langsam wurde es besser, sie schlief mittlerweile fast jede Nacht durch und frei von Träumen, in denen ein gewisser Eisen Dragon Slayer vorkam.
„Wieso?“ Ihre Antwort war schärfer, als sie gewollt hatte, doch Gajeel zeigte keine Regung. Stattdessen blickte er kurz um sich, dann zuckte er mit den Schultern.
„Nicht hier. Ich möchte keine zufälligen Zuhörer haben.“
Levy war klar, wen genau er damit meinte: Jedes Mitglied von Fairy Tail, ganz besonders Jet und Droy. Und zusätzlich hatte Gajeel in dem einen Tonfall gesprochen, der seinem jeweiligen Gegenüber signalisierte, dass sich der Dragon Slayer nicht von seinem Vorhaben abbringen ließ. Streng genommen hatte er auch ein Recht darauf, von ihr ein klärendes Gespräch zu verlangen. Damals, als sie ihm ihre Entschuldigung und Entscheidung regelrecht an den Kopf geworfen hatte, war sie zu sehr mit Lexys Anfall beschäftigt gewesen, um seine Antwort abzuwarten. Und er war ihr auch nicht hinterhergelaufen, das war noch schmerzhaft deutlich in ihrer Erinnerung verankert.
„Du kannst nicht nach Fairy Hills, Ruchio lässt keine männlichen Personen mehr auf die Zimmer.“
„Dann komm mit zu mir.“
Levy zögerte. Zwar hatte Noelle ihr vor drei Monaten einen kurzen Besuch abgestattet, sich für alles entschuldigt und ihr gleichzeitig eröffnet, sich von Gajeel getrennt zu haben. Doch das war etwas, das dieser wahrscheinlich nicht wusste.
„Noelle ist nicht da.“
„Oh.“ Mehr brachte Levy nicht über ihre Lippen, denn mehr fiel ihr schlicht und ergreifend nicht ein. Doch sie nickte und folgte Gajeel, der sich nach ihrem Nicken umgedreht hatte und nun in die Richtung seiner Wohnung lief.

Dort angekommen, blieb Levy angesichts des Chaos erst einmal in der Eingangstür stehen. Scheinbar hatte Gajeel früher immer aufgeräumt, wenn er sie erwartet hatte, denn das hier war definitiv fern von der Ordnung, die sie immer mit seiner Wohnung in Verbindung gebracht hatte.
„Ich hatte die letzten Wochen keine Zeit, mich um irgendetwas zu kümmern.“ Der leicht patzige Tonfall verriet Levy, wie unangenehm Gajeel das Thema war, deshalb ließ sie diese Erklärung einfach unkommentiert. Stattdessen bahnte sie sich langsam einen Weg durch das benutzte Geschirr, die dreckige Wäsche und alles andere, was auf dem Boden lag. Dabei starrte sie das alles so wenig wie möglich an, denn die gesamte Situation war schon jetzt unangenehm genug. Dann noch Dinge zu sehen, die sich nicht sehen wollte, hätte ihre mühsam aufgebaute Beherrschung ins Wanken gebracht.
Zu ihrer Erleichterung war die Küche etwas weniger chaotisch und beide Stühle, die dort an einem kleinen Tisch standen und nicht zueinanderpassten, waren frei. Sie setzte sich auf den Linken von beiden und wartete nervös, bis Gajeel ihre Einkaufstasche zwischen sie beide auf den Tisch gestellt hatte und sich dann ihr gegenübersetzte.
„Noelle und ich haben uns getrennt.“ Das waren die Worte, die er als Erstes von sich gab.
„Ich weiß“, erwiderte sie neutral und wurde mit einem überraschten Blick belohnt.
„Du weißt es bereits?“
„Noelle war vor etlichen Wochen bei mir und hat mir alles erzählt.“
„Sie hat was?!“ Gajeels letztes Wort war eher ein Ausruf als eine Frage, doch sie kannte ihn gut genug, um sich davon nicht verunsichern zu lassen.
Stattdessen nickte sie bekräftigend. „Ja. Noelle war wahrscheinlich direkt danach bei mir, um mir alles zu erklären. Sie war der Meinung, mir zumindest das schulden zu müssen.“ Die versteckte Spitze in Richtung Gajeel blieb natürlich nicht unbemerkt und sie sah mit einem Funken Genugtuung, wie sich seine Augen leicht verengten.
„Wieso?“
„Gajeel. Ich denke, das weißt du ebenso gut wie ich. Damals, als ich mich entschuldigt habe, habe ich alles andere ernst gemeint. Ich möchte damit endlich abschließen können.“
„Aber Noelle ist jetzt nicht mehr da.“
Levy klappte der Mund auf. Das war so ziemlich das Gefühlloseste, was Gajeel jemals in ihren Augen von sich gegeben hatte. Sofort war jeglicher Gedanke an Selbstbeherrschung vergessen und sie bekam nur am Rande mit, wie sie von ihrem Stuhl aufsprang und die Fäuste ballte.
„Ja? Ich weiß, dass sie sich von dir getrennt hat! Und warum weiß ich das? Genau, weil Noelle vor Wochen, direkt nach eurer Trennung, zur mir kam und mir alles erzählt hat! Sie, nicht du! Obwohl sie die Person war, die mir das eigentlich als letzte erzählen sollte, weil ich offenbar der Grund bin, warum eure Beziehung in die Brüche gegangen ist! Aber nein, du wartest einfach die ganze Zeit, bevor du mich überhaupt ansprichst! Und wie? Mit einem lapidaren ‚Noelle ist nicht mehr da‘, also habe ich jetzt freie Bahn bei dir?! Das heißt, du möchtest mich einfach an ihre Stelle setzen, uns gewissermaßen einfach austauschen? Wie eine kaputt gegangene Einkaufstasche? Du bist ein Arschloch, Gajeel Redfox. Du hast mich nicht verdient, du hattest Noelle nie verdient! Genau genommen hast du keine einzige Frau in ganz Fiore verdient!“
Rasend vor Wut schnappte sich Levy ihre Einkaufstasche und stürmte aus der Wohnung. Sie achtete noch nicht einmal mehr darauf, auf was sie da genau trat, doch es knirschte zwei-, dreimal zufriedenstellend unter ihren Schuhen. Hoffentlich war das, was sie zertreten hatte, unheimlich wichtig für ihn gewesen.
+++

Zuallererst ein frohes neues Jahr! Es ist zwar schon eine Woche her, aber für das erste Kapitel 2021 ist diese Begrüßung eindeutig in Ordnung für mich.
Ich habe es bis jetzt nicht so wirklich registriert, aber die Anzahl der Reviews ist mittlerweile dreistellig. Ich kann es nicht oft genug sagen, wie überwältigt ich von der Resonanz von euch bin. Deshalb hoffe ich umso mehr, dass euch dieses Kapitel ebenso gut gefallen hat wie die letzten. Ich konnte Evergreen nicht aus dem Spiel lassen, sie musste einfach noch einmal auftauchen und dieses mal das Paar gemeinsam zurechtzustutzen. Ebenso wie die versuchte Aussprache von Gajeel und Levy schief gehen musste - aber ich denke, das überrascht jetzt niemanden mehr wirklich.
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