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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
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31.12.2020 3.369
 
Kapitel 31 – Evergreen

„Das ist nicht das, was ich gehofft hatte. Aber zugegeben nichts, mit dem ich nicht gerechnet habe.“ Heilerin Lupita schürzte die Lippen, während sie in Lexys Akte blätterte.
Cana und Laxus saßen beide im Behandlungszimmer, während sich Lexy zusammen mit Lupitas Assistentin im Vorraum aufhielt, wo sie ein weiteres Mal mit der großen Spielburg beschäftigt war.
„Und das heißt jetzt?“ Cana löste ihre Hände, die sie so fest ineinander verschränkt hatte, bis die Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie unterdrückte ein schmerzhaftes Keuchen, als sich ihre verkrampften Muskeln lösten und schmerzhafte Stiche bis in ihre Ellenbogen schickten.
„Vorerst nichts.“ Lupita seufzte, dann stützte sie ihre Arme auf der Schreibtischfläche auf und blickte abwechselnd zwischen Cana und Laxus hin und her. „Ich vermute, der sprunghafte Anstieg ihrer magischen Kraft hängt mit einem bevorstehenden Wachstumsschub zusammen. Lexy wird sechs Jahre alt, das ist ein mögliches Alter dafür. Außerdem entwickeln die meisten magisch begabten Menschen mit sechs die ersten sichtbaren Anzeichen für Magie, bei Lexy ist das nur früher aufgetreten.“
„Das heißt, wir sitzen einfach jeden Tag ab und warten, dass Lexy einen ihrer Anfälle bekommt? Ihr Körper leidet bereits jetzt wieder unter dem Gestrigen, wie soll das nach ein paar weiteren Anfällen aussehen? Die freigesetzte Magie von gestern übersteigt bei Weitem die des letzten Anfalls, den ich vor Monaten mitbekommen habe.“
Lupita setzte sich aufrecht hin und warf Laxus einen interessierten Blick zu. „Können Sie ungefähr bestimmen, wie groß die Freisetzung war?“
Laxus zuckte mit den Schultern. „Nicht genau. Nur, dass es gut zehn Prozent mehr Magie waren als vor ein paar Monaten.“
„Zehn Prozent mehr innerhalb dieser kurzen Zeit?“ Cana sah mit Erschrecken, wie das Gesicht von Lupita eine Spur blasser wurde. Wenn eine ausgebildete Fachkraft wie Lexys persönliche Heilerin so auf Laxus‘ Aussage reagierte, dann war die Sache ernst. Mehr als nur ein bisschen ernst.
Cana vergrub das Gesicht in den Händen und bekam nur am Rand mit, wie sich das Gewicht einer vertrauten Hand auf ihr Knie legte. Laxus‘ Versuch, ihr wortlos Trost zu spenden, rührte sie, obwohl es in ihm vermutlich ähnlich aufgewühlt aussah wie in ihr.
„Lexys Magie hat sich schneller entwickelt, als ich angenommen hatte. Natürlich gibt es eine gewisse Spannbreite, doch sie hat meine Kalkulation komplett über den Haufen geworfen. Entweder es war ein einmaliger Vorfall oder es wird erneut vorkommen, das kann ich leider nicht sagen.“
Cana nahm die Hände vom Gesicht. „Also können Sie rein gar nichts sagen? Mit anderen Worten, wir können wirklich nur hoffen, dass Lexy keine Wachstumsschübe mehr hat?“ Nur am Rand bemerkte sie, unterbewusst nach Laxus‘ Hand gegriffen und diese regelrecht umklammert zu haben.
„Wir können dem entgegenwirken. Die Trainingseinheiten sollten zweimal pro Woche stattfinden, damit erhöhen wir ihren Magieverbrauch um das Doppelte. Das sollte uns genug Zeit geben, ihre genaue Entwicklung zu beobachten. Selbst wenn sie in den nächsten Monaten noch mehr Wachstumsschübe durchmachen sollte, müsste das Training weitere Anfälle erst einmal verhindern.“ Lupita klang nachdenklich, doch eine gewisse Überzeugung in ihrem Tonfall gab Cana wieder Hoffnung und sie setzte sich aufrecht hin.
„Das heißt, solange Lexy zweimal pro Woche ihre Trainingseinheiten absolviert, sollte alles in Ordnung sein?“
Lupita nickte, doch dann runzelte sie die Stirn und ihr Blick fiel auf Laxus. „Sobald Lexy eine grundlegende Kontrolle über ihre Fähigkeiten erlernt hat, kann das Training auch von anderen Magiern abgehalten werden. Ich kenne mich zwar nicht so gut mit den genauen Abläufen aus, aber generell schadet es nie, verschiedene Kampfstile kennenzulernen. Je jünger man dabei ist, desto besser prägen sie sich ein.“
„Das Training fortan zweimal pro Woche abzuhalten, ist kein Problem für mich. Ich muss nur ein paar Dinge mit Lexy und Cana klären.“ Laxus warf Cana einen eindringlichen Blick zu und diese nickte. Das bedeutete ein weiteres, wichtiges Gespräch, wenn sie wieder in Magnolia angekommen waren.
„Nun, ich habe Ihnen beiden alles erzählt, was Lexys Zustand und die möglichen Entwicklungen betrifft. Ein weiterer Anfall sollte selbst im schlimmsten Fall erst in ein paar Monaten eintreffen, bis dahin hat Lexy genug Zeit, sich von dem gestrigen Anfall zu erholen. Falls sich etwas ändern sollte, setzen Sie sich mit mir in Verbindung. Ich werde die üblichen Untersuchungen mit Lexy durchführen, um meine Vermutung bestätigt zu haben. Wenn Sie möchten, können Sie im Wartezimmer warten, solange es für Lexy in Ordnung ist.“

Als sie nach ein paar Stunden zurück in die Gildenhalle kamen, überließ Cana kurzerhand Gildarts die Aufsicht über Lexy, da er wieder für ein paar Tage in Magnolia war. Aufgrund von Gildarts‘ ausschweifenden Auftragstouren war er die letzten Wochen nicht in der Gilde gewesen und Lexy hatte sich begeistert auf ihren Großvater gestürzt.
Laxus war wortlos in den ersten Stock zu seinem Stammtisch gelaufen und nachdem sie sich bei Mira ein Getränk geholt hatte, folgte sie ihm. Von dort oben hatten sie einerseits eine gewisse Ungestörtheit, gleichzeitig konnten sie die gesamte Halle und damit auch Lexy im Auge behalten. Das lag nicht an Gildarts‘ Fähigkeiten als Aufpasser, sondern einzig und allein an Lexys Anfall, der sich bei Cana regelrecht hinter die Augenlider gebrannt hatte.
Erst nach ein paar Minuten bemerkte sie, wie sie von Laxus beobachtet wurde. Sie warf ihm einen fragenden Blick zu, den er mit einem amüsierten Zucken der Mundwinkel erwiderte.
„Du hast schon immer diesen einen Gesichtsausdruck gehabt, wenn du intensiv über etwas nachdenkst.“
„Denkst du, diese Situation ist amüsant?“ Erst als die Frage zwischen ihnen stand, wurde ihr bewusst, wie gereizt diese geklungen hatte. Sie schloss die Augen. „Entschuldige, das war nicht so gemeint. Ich bin nur nicht so auf der Höhe.“
„Lexys Zustand beschäftigt nicht nur dich, Cana.“ Sein Gesichtsausdruck war ernst, aber nicht vorwurfsvoll. „Aber sich darüber jede Sekunde Gedanken zu machen, bringt uns nicht weiter. Lexy wird verunsichert werden, wenn wir unser Verhalten aufgrund von der Wahrscheinlichkeit ändern, dass Lexy einen weiteren Anfall erleiden könnte. Der noch nicht einmal sicher ist. Was Lexy braucht, sind zwei Elternteile, die sie weiterhin unterstützen und bestärken.“
Wider Erwarten war Cana beeindruckt. Laxus war nicht die Art von Person, die diese Art von Gesprächen oft und vor allem unaufgefordert führte, umso dankbarer war sie für seinen kleinen Vortrag.
Sie atmete einmal tief durch und nickte. „Du hast recht. Auch wenn das einfacher zu sagen ist.“
„Was ich aber eigentlich mit dir bereden wollte, ist eine vollkommen andere Sache. Jii-jii hat mich mit einer Sache beauftragt, die ein paar Tage dauern wird.“
„Oh-oh.“ Cana fiel nichts Besseres ein und an dem kurzen Grinsen, das Laxus zeigte, wusste er diese Reaktion korrekt zu deuten.
„Ja, das werde ich am besten noch heute Lexy irgendwie beibringen. Eigentlich hätte ich heute Morgen schon aufbrechen müssen, doch durch Lexys Termin habe ich das nach hinten verschoben. Falls wider Erwarten doch etwas sein sollte, kannst du mich jederzeit erreichen. Immerhin hast du mir eine deiner nützlichen Karten gegeben.“
„Lexy hat sie dir gegeben“, antwortete Cana protestierend. Auch wenn Laxus‘ Aussage streng genommen richtig war, denn sie hatte Lexy beauftragt, Laxus die Karte zu geben.
„Natürlich. Und Lexy hat daran gedacht, nicht du. Trotzdem danke dafür, du kannst es Lexy ausrichten. Denn nach meinem Gespräch mit ihr wird sie wahrscheinlich sauer auf mich sein, weil ich sie in ihren Augen versetze. Genau so, wie ich früher sauer gewesen bin, wenn Jii-jii für ein paar Tage verreisen musste.“
„Dann werde ich euch beide am besten nicht in eurem Vater-Tochter-Gespräch stören.“ Selbst nach den paar Monaten klang das in Canas Ohren noch immer ungewohnt, auch wenn es allmählich besser wurde. Ebenso verhielt es sich mit der Kommunikation zwischen Laxus und ihr. Mittlerweile fingen sie nicht mehr an, wegen jeder Kleinigkeit zu diskutieren.
„Wirklich? Du lässt mich Lexy alleine erklären, warum sie mich die nächsten Tage nicht sehen wird?“ Laxus entgeisterte Frage entlockte Cana nur ein kurzes Augenrollen.
„Lexy ist noch keine sechs Jahre alt, du wirst damit zurechtkommen. Außerdem ist Gildarts bei ihr, sie kennt das auch von ihm. Und er wird dich eventuell unterstützen, wenn Lexy einen Aufstand macht. Falls sich Lexy durch gar nichts beruhigen lässt, bin ich noch immer hier oben. Aber du solltest auch ohne meine stille Unterstützung mit deiner Tochter derartige Themen besprechen können.“ Sie sah Verständnis in Laxus‘ Augen aufblitzen.
„Dann bringe ich es besser hinter mich. Immerhin sollte ich noch heute aufbrechen.“ Mit diesen Worten stand Laxus auf und lief langsam, aber zielstrebig die Treppe hinunter und auf die Bar zu, auf der Lexy saß und Gildarts wild gestikulierend etwas erzählte. Cana beobachtete, wie er zunächst kurz mit Gildarts sprach, der daraufhin grinste und Laxus auf den Rücken schlug. Zu Canas versteckter Zufriedenheit zuckte Laxus noch nicht einmal, was bei Gildarts ein noch breiteres Grinsen auslöste.
„Wenn du Laxus noch eine Spur intensiver ansiehst, geht er in Flammen auf.“ Die sachliche Stimme ließ Canas Kopf herumschnellen.
„Wie kommst du hierher?“, fragte sie ihre neue Tischnachbarin verblüfft.
Evergreen setzte nur diesen einen Gesichtsausdruck auf, bei dem Cana ihr regelmäßig einen Eimer Eiswasser überschütten könnte. Ever hasste die Kälte ebenso sehr, wie Cana diesen Gesichtsausdruck, weshalb das die angemessenste Reaktion aus Canas Sicht war. Das wusste das weibliche Mitglied der Raijinshuu nur zu gut.
„Ever, lass das. Du weißt genau, wie sehr ich dieses Verhalten hasse. Wenn du mir etwas mitteilen möchtest, kannst du dir das Theater sparen.“ Unwillkürlich glitt ihr Blick erneut hinunter zur Bar, an der Laxus gerade eine sichtbar aufgebrachte Lexy zu beruhigen versuchte.
„Nun gut. Dann rede ich Klartext, wobei dir das nicht besser gefallen wird.“ Ever hielt inne und nahm einen Schluck aus ihrem Holzkrug, der Cana erst jetzt auffiel. „Da beide meiner männlichen Mitglieder sowohl Angst vor dir als auch Laxus haben, haben sie natürlich mich vorgeschickt. Wir müssen reden.“
Cana beschlich ein ungutes Gefühl. Ever war nicht bekannt dafür, zimperlich mit ihren Gesprächspartnern umzugehen. Was der Hauptgrund war, warum Elfman sich überhaupt für sie interessiert hatte. Er war ziemlich die einzige Person, die mit Evers Geradlinigkeit, teilweise auch verletzender Direktheit, zurechtkam. Jetzt schien Ever dringend mit ihr über ein ernstes Thema reden zu wollen und das würde unangenehm werden.
„Was möchtest du mir mitteilen?“ Cana stellte diese Frage so ruhig wie möglich, während sie sich innerlich auf einen gezielten Stich mitten in ihre Gefühle einstellte.
„Wie lange möchtest du Laxus noch hinhalten? Er lässt es sich zwar nicht anmerken, aber eure aktuelle Situation treibt ihn in den Wahnsinn.“ Evers Stimme schnitt wie eine Peitsche durch die kurze Stille, die sich nach Canas Frage ausgebreitet hatte.
„W-was?“
Ever setzte ihre Brille ab und verengte die Augen. Cana unterdrückte den Drang, die ihren zu schließen, obwohl Ever sie mit einem einzigen Blick in eine Steinstatue verwandeln könnte. „Jetzt tu nicht so unschuldig. Lexy dort unten ist der beste Beweis, wie wenig unschuldig du bist. Damals einfach abzuhauen, ist eine Sache und Laxus scheint sich damit arrangiert zu haben. Auch wenn ich bis heute nicht genau weiß, wie du ihn dazu gebracht hast. Ich an seiner Stelle wäre noch Monate so sauer gewesen, um dich beim ersten Anblick in eine Statue zu verwandeln.“ Sie schnaubte gereizt. „Aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, ihn weiterhin so hinzuhalten! Alle anderen Gildenmitglieder lassen euch beide machen, weil sie zu höflich sind, sich einzumischen. Tut mir leid, ich halte nicht viel von unnützer Höflichkeit. Deshalb sage ich dir: Hör auf, um Laxus herumzutänzeln, wie eine rollige Katze und sage ihm klar und deutlich, was du von ihm willst. Er ist bei allen guten Eigenschaften trotzdem noch ein männlicher Fairy Tail Magier, damit ebenso blind wie Natsu und all die anderen, wenn es um die Frau ihrer Träume geht. Eigentlich habe ich gedacht, du wärst etwas energischer in dieser Hinsicht, aber selbst ich kann mich in Menschen täuschen.“
Cana wusste noch nicht einmal mehr, was sie zu ihrer Verteidigung sagen sollte. Denn, so unangenehm es ihr auch war, Ever hatte nicht ganz unrecht. Was ihren kleinen Vortrag nicht angenehmer machte.
„Also entweder ist er dir nicht so wichtig, wie du immer betonst, sobald er nicht da ist. Oder du hast schlicht und ergreifend panische Angst, etwas an eurer halbwegs gefestigten Beziehung zu ändern und damit die Situation wie nach deiner spontanen Rückkehr erneut erleben zu müssen.“ Evers analysierender Blick durchdrang regelrecht Canas innerste Gedanken, doch für diesen Röntgenblick war Ever in der Gilde bekannt. Ein Gutes hatte dieses Gespräch: Ever dachte nicht im Traum daran, ihre Worte in Watte zu verpacken und deswegen wusste Cana sofort, woran sie bei Ever war. Anders ausgedrückt, wenn Cana mit Ever über Laxus sprach, erwartete sie eine ungeschönte Aussicht auf mögliche Reaktionen.
„Und was soll ich deiner Meinung nach tun?“ Einen gewissen bissigen Unterton konnte sich Cana nicht verkneifen, doch Ever lächelte nur triumphierend.
„Trotz deiner jahrelangen Pause solltest du nicht alle Grundlagen des Flirtens verlernt haben. Außerdem hattest du schon immer ein ausgesprochenes Talent dafür, wobei deine knappen Oberteile ihren Teil dazu beigetragen haben.“
„Na danke“, antwortete Cana sarkastisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wusste selbst, wie fragwürdig ihre Oberteile vor ihrer Schwangerschaft gewesen waren. Doch damals hatte sie Aufmerksamkeit gesucht, auch wenn ihr das erst nach Lexys Geburt bewusst geworden war. Zugegeben konnte sie es nicht mehr über sich bringen, ihre Bikinioberteile als Alltagskleidung anzuziehen. Neben der unangenehmen Tatsache, nach der Geburt etliche Kilos zugenommen zu haben - egal wie schnell der Großteil davon wieder verschwunden war - und sich die Schwangerschaftsstreifen nie vollständig zurückbilden würden, war sie Mutter einer Tochter geworden. Sie hatte die Verantwortung für deren Leben übernommen. Dort passten weder Bikinioberteile noch das ungezügelte Flirtverhalten dazu, das sie in Fairy Tail an den Tag gelegt hatte. Deshalb stieß sie ein Seufzen aus.
„Ich weiß sehr gut, wie ich früher war. Und ich wäre dir sehr dankbar, das nicht gegenüber von Lexy zu erwähnen. Nicht die nächsten zehn Jahre.“
Ever hob beschwichtigend die Hand. „Ich finde dein Verhalten zwar nicht in Ordnung, aber ich werde das nicht nutzen, um Lexy und dich gegeneinander auszuspielen. Dazu ist mir Laxus und mein eigenes Leben zu wichtig. Wenn es um dich und um Lexy geht, kennt er keinen Spaß. Deshalb ist es mir und den beiden männlichen Feiglingen in meinem Team so wichtig, dir das ein für alle Mal klarzumachen.“
Cana biss sich auf die Lippen. Eigentlich konnte es nicht schaden, mit Ever darüber zu reden. Allein aufgrund ihrer Schonungslosigkeit, ihr auch die unangenehmsten Dinge direkt ins Gesicht zu sagen. „Und wie stelle ich das deiner Meinung nach am besten an?“ Sie flüsterte die Worte eher, als dass sie sie murmelte, um auf keinen Fall jemand anderen ihre Frage hören zu lassen.
Ever schien für einen Augenblick überrumpelt zu sein, doch dann verschränkte sie zufrieden lächelnd die Arme und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Du benötigst also meine Hilfe.“ Sie zog die Worte fast schon genüsslich in die Länge und Cana unterdrückte nur mit Mühe den Impuls, die Augen zu verdrehen. Wenn Ever in diese Diva-Phasen geriet, war sie noch schwieriger als ohnehin schon.
„Ever. Es geht hier nicht um mich oder dich, sondern um Laxus.“ Das war zwar keine unauffällige Beeinflussung, doch darum ging es nicht. Es ging einzig und allein darum, Ever so schnell wie möglich zu überzeugen, ihr ein paar Ratschläge zu geben.
„Nicht gerade subtil, aber überzeugend.“ Ever seufzte und mit einem Mal fiel ihre gesamte provokante Pose in sich zusammen. „Sei einfach du selbst. Im Prinzip weiß Laxus nur, wie er mit dir als Lexys Mutter umgehen soll. Du hast seit deiner Rückkehr keine Anstalten gemacht, deine Position in seinem Leben zu verändern. Für Laxus bist du im Moment nur Lexys Mutter und eine gute Freundin. Aber romantisch gesehen ist deine Stellung in seinem Leben ein großes Fragezeichen. Natürlich war da mal etwas – das hat ein Blinder gesehen und Lexy ist der beste Beweis dafür – aber das war vor sechs Jahren. Ihr beide wart an einem anderen Lebenspunkt und das hat sich in euren Charakteren und eurem Verhalten widergespiegelt. Jetzt musst du ihm klarmachen, dass du nach all den Jahren noch immer an ihm interessiert bist.“
„Ich habe ihm erzählt, seit ihm … Nun ja, seitdem nur für Lexy gelebt zu haben.“
„Bei Mavis, hörst du dir eigentlich zu? Du hast alles für Lexy aufgegeben. Für Lexy. Auch Laxus selbst. Und damit auch alle möglichen männlichen Bekanntschaften. Nicht wegen Laxus, sondern wegen Lexy.“ Ever schnaubte. „War das klar genug für dich?“
Cana nickte betäubt. Nach Evers Worten machte das alles Sinn. Wenn sie ehrlich war, hatte sie noch immer ein schlechtes Gewissen und deshalb Laxus Freiraum gelassen. Offenbar hatte ihr augenscheinliches Desinteresse bei ihm den Eindruck erweckt, Lexy noch immer als Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens zu sehen. Was nicht falsch war, nur hatte sie seit ihrer Rückkehr mehr als einen gefunden. Neben Lexy gehörte die Gilde an sich, aber hauptsächlich Laxus dazu. Wenn er ihre Entscheidung so missinterpretierte, dann war es ihre Aufgabe, das klarzustellen. Sowohl für ihn als auch für sie, denn im Endeffekt wollten sie das Gleiche, davon ging sie aufgrund von Lexys Erzählungen in den letzten Monaten aus.
„Dann kannst du ihn direkt fragen, denn er hat eurer Tochter erfolgreich beigebracht, dass sie sowohl heute als auch die nächsten Abende auf ihn verzichten muss. Auch wenn ihn das wahrscheinlich alles gekostet hat, wenn ich Lexy richtig einschätze. Lexys Charakter als Kombination zwischen dir und Laxus ist wirklich gruselig, auf positive Weise.“ Mit diesen Worten stand Ever auf und lief mit schwungvollen Schritten an Laxus vorbei die Treppe herunter, der auf dem obersten Ansatz angekommen war und ihr verwundert hinterher starrte. Erst, als sie sich zu Elfman in die Mitte der Halle gesetzt hatte, drehte er sich wieder zu Cana um und zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Hat Ever dir gerade Gesellschaft geleistet?“ Sein Tonfall war so ungläubig, sodass Cana sich ein kurzes Auflachen nicht verkneifen konnte.
„Ja. Ist das so überraschend?“
„Nun“, begann Laxus vorsichtig, „seit deiner Rückkehr hat sie nicht viel über dich gesprochen.“ Er schien noch etwas sagen zu wollen, doch schwieg stattdessen und setzte sich wieder an seinen Platz, der zwischenzeitlich von Ever belegt worden war.
Cana zuckte nur mit den Schultern. „Nach unserem kleinen Gespräch vermute ich, dass die wenigen Male, in denen meinen Name gefallen ist, ihre Reaktion nicht gerade positiv aufgefallen ist.“
Laxus‘ Schweigen war Antwort genug, doch sie lächelte leicht.
„Ever ist nicht die umgänglichste Persönlichkeit, das stimmt. Doch genau das hilft manchmal. So wie eben gerade in unserem Gespräch.“ Je länger sie sprach, desto trockener wurde ihr Mund und sie nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Glas, das damit leer wurde.
Sofort wurde Laxus‘ Gesichtsausdruck misstrauisch. „Was genau hat Ever dir erzählt? Sie mischt sich gern in Dinge ein, die sie nichts angehen, weil sie ihrer Ansicht nach die einzige Person mit der richtigen Meinung ist.“
„In diesem Fall hatte sie recht.“ Cana hatte das Bedürfnis, die andere Magierin zu verteidigen, denn eigentlich war Laxus nicht so kritisch, was sein eigenes Team anging. „Sie hat mir einige Dinge klar gemacht, die aus ihrer Sicht falsch laufen und im Nachhinein muss ich ihr beipflichten.“
„Dinge?“ Laxus‘ Augen wurden groß und sie meinte zu sehen, wie sein Gesicht etwas an Farbe verlor. Doch sie war zu beschäftigt mit sich selbst und der Überwindung, die sie ihre nächste Frage kostete.
„Dinge. Dinge, die dich und mich betreffen.“ Cana holte tief Luft. „Es mag nach all den Monaten etwas unerwartet sein, aber … Könntest du dir vorstellen, mit mir Essen zu gehen, ohne Lexy?“
Nach drei Sekunden unangenehmer Stille wagte sie es, den Kopf zu heben. Laxus empfing sie mit einem Gesichtsausdruck, der nicht überraschter sein könnte. Ob diese Überraschung positiv oder negativ war, konnte sie nicht deuten und ihr Magen begann, unangenehm zu schlingern.

+++

Das letzte Kapitel für dieses Jahr. Ich hoffe, das Gespräch mit Evergreen macht in euren Augen Sinn. Eigentlich war es weitaus kürzer geplant, aber irgendwie ist es förmlich in seiner Länge explodiert, deshalb auch der Kapitelname.
Mit diesem Kapitel ist das hier meine kapiteltechnisch gesehen längste Geschichte und wenn das so weitergeht, wird das auch worttechnisch die längste. Deshalb noch einmal ein Dankeschön. Ohne euch wäre diese Geschichte weitaus kürzer geworden, denn durch eure regelmäßigen Rückmeldungen sind mir immer mehr Dinge eingefallen, die ich noch erwähnen muss, um die Geschichte runder zu machen.
Damit wünsche ich euch einen guten Rutsch und viel Erfolg und Glück für das neue Jahr!
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