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Schritt für Schritt

GeschichteRomance, Familie / P16 / Het
04.06.2020
29.08.2021
66
232.093
38
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Dieses Kapitel
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29.10.2020 3.324
 
Kapitel 22 – Ein ereignisreicher Morgen

Als der Wecker klingelte, öffnete Cana die Augen und starrte kurz an die Decke, bevor sie mit dem ausgestreckten Arm den Alarm abschaltete. Sie hatte keine einzige Sekunde geschlafen und wenn sie nur halb so schlimm aussah, wie sie sich fühlte, machte sie einer Leiche Konkurrenz. Aber wen wunderte es. Lexy hatte gestern Abend nicht mehr mit ihr gesprochen und Cana hatte das respektiert. Immerhin war Lexy nur tief in ihre Gedanken versunken gewesen und hatte keinen ihrer Trotzanfälle gehabt, bei denen sie ihre Mutter mit eisernem Schweigen strafte.  
Seufzend stand sie auf und machte sich auf den Weg unter die Dusche. Vielleicht wurde sie dadurch etwas wacher, auch wenn sie keine große Hoffnungen hegte. Denn das einzige, was ihr normalerweise half, war ein dreifacher Espresso und ein kurzes Schläfchen, damit sie die nächsten Stunden überstehen konnte.
Natürlich half die Dusche nicht und so stand sie eine Viertelstunde später gähnend im Zimmer ihrer Tochter. Kurz huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, als sie die schlafende Lexy erblickte, die wie immer innig mit ihrer Donnerkatze kuschelte. Sie hatte bis heute keine Ahnung, wo Gildarts dieses Kuscheltier gefunden hatte. Aber sie war dankbar dafür, denn seit dem Geschenk von Gildarts hatte Lexy keine Angst mehr vor Gewittern und Stürmen.
Doch nun musste sie den Schlaf ihrer Tochter leider beenden, wenn sie Lexy pünktlich in die Vorschule bringen wollte. Immerhin hatte sie gestern aufgrund des Termins bereits einen Tag verpasst, auch wenn das durch eine kurze Absprache kein Problem mit Lia dargestellt hatte.

Eine dreiviertel Stunde, etlichen Malen Augenreiben und ausgedehntem Gähnen sowie einem Müsli später, über dem Lexy zweimal eingenickt war, waren sie endlich auf dem Weg in Richtung der Vorschule. Lexy war mittlerweile komplett wach und hüpfte vergnügt neben Cana her, die angesichts der offenkundigen Freude ihrer Tochter lächeln musste. Bisca hatte Recht gehabt, allein die Aussicht, Zeit mit gleichaltrigen Kindern verbringen zu können, hatte Lexy vor Begeisterung fast übersprudeln lassen.
Vor der Tür zur Vorschule winkte Lexy noch einmal zum Abschied, doch dann runzelte sie kurz die Stirn.
„Was machst du jetzt, wenn ich nicht da bin?“
Cana biss sich kurz auf die Lippen, dann seufzte sie.
„Ich werde schauen, ob es einen Auftrag gibt. Immerhin muss ich Geld verdienen, damit wir weiterhin in unserer Wohnung bleiben können.“
„Wieso fragst du La- Papa nicht einfach um Geld?“
Ruckartig schüttelte Cana den Kopf.
„Ich werde Laxus nicht um vieles bitten. Nur darum, dich zu trainieren und den Kontakt zu dir nicht abzubrechen, damit ihr euch wirklich kennenlernen könnt. Wenn ... Wenn du möchtest, kannst du auch bei ihm wohnen. Das müsste ich nur vorher mit ihm abklären und –“ Als sie zwei Arme spürte, die sich um ihre Oberschenkel schlangen, brach sie ihren nervösen Redefluss ab. Die grünen Augen ihrer Tochter blickten sie neutral, aber immerhin nicht vorwurfsvoll an.
„Du magst Papa. Wir werden eine Familie sein, die immer füreinander da ist, wenn ihr euch gegenseitig entschuldigt habt.“
Cana blickte schnell in eine andere Richtung, bevor die Tränen in ihren Augen für ihre Tochter zu erkennen waren. An der Tür stand bereits Lia, die sie fragend musterte, doch Cana schüttelte nur leicht den Kopf.
„Lia wartet schon, Lexy“, murmelte sie und Lexy löste sich von ihr, um sich freudestrahlend zu der Lehrerein umzudrehen. Sofort eilte Lexy auf diese zu und strahlte sie an.
„Ich habe meinen Vater kennengelernt!“
„Lexy!“
Lia blickte überrascht von Lexys strahlendem Gesicht zu Cana, die mitten in ihrer verzweifelten Bewegung zu Lexy, um sie an noch mehr Aussagen zu hindern, innegehalten hatte.
„Er wird mich doch abholen. Dann muss Lia auch wissen, wer mein Papa ist.“
Angesichts von Lexys überzeugender Argumentation blieb Cana nur der Mund offenstehen. Lia sah aus, als ob sie sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen konnte.
„Dann sag es ihr. Aber du wirst es ihm auch erzählen, damit er über deine Erzählungen Bescheid weiß.“
„Natürlich!“ Mit diesen Worten lief sie an Lia vorbei durch die Tür und für kurze Zeit entstand eine unbehagliche Stille.
„Nun, wie Lexy eben bereits voller Stolz verkündet hat, wird sie an manchen Tagen weder von mir noch von ihrem Großvater abgeholt, sondern von ihrem Vater.“ Cana rechnete es Lia hoch an, trotz der offenkundigen Verwirrung keine Nachfragen zu stellen, sondern nur nach einem Augenblick zu nicken.
„Und der Name? Damit ich ihn in Lexys Akte vermerken kann.“
„Laxus Dreyar.“
Schon nach der Nennung des Vornamens sah Cana, wie Lia alles aus dem Gesicht fiel und sie so weiß wie die Wand hinter ihr wurde.
„Laxus?“, flüsterte die Lehrerin und presste eine Hand auf ihre Brust, wie um durch diese Berührung ihren Herzschlag kontrollieren zu wollen.
„Ich wusste nicht …“ Lia verstummte und biss sich auf die Unterlippe, während in Canas Herzgegend einmal mehr der vertraute, pochende Schmerz auftrat, wann immer es um Laxus ging.
„Seit Lexys Zeugung gab es keine Verbindung mehr“, fügte sie trotz ihres Widerwillens hinzu, auch um Lias offensichtliche Bestürzung zu mildern. Sie wollte die genaue Beziehung zwischen Lia und Laxus auch nicht wissen, denn es ging sie nichts an. Erst recht nicht seit dem letzten ausgeartetem Gespräch über Laxus‘ unwissentliche Vaterschaft. So lange sich Laxus um Lexys Wohlergehen sorgte – und das tat er, so gut konnte sie seine Reaktionen deuten – waren ihre Wünsche zweitrangig, egal wie sehr es sie persönlich traf. Damals hatte sie sich geschworen, ihr Leben ihrem ungeborenen Baby zu widmen und diesen Schwur würde sie auch jetzt nicht brechen, ganz egal, wie schwer es ihr auch fallen mochte.
„Nein, das ist es nicht“, wiegelte Lia mit einem missglückten Lächeln ab. „Es geht um meine beste Freundin. Das Ganze ist auch schon sechs Monate her, auch wenn sie es noch immer nicht überwunden hat. Nun ja, die Person, die man für seinen Freund gehalten haben, bei einem Überraschungsbesuch mit einer anderen zu erwischen, hinterlässt Spuren. Vor allem, wenn man darauf hingewiesen wird, eben nicht die Freundin, sondern nur eine weitere Bettgefährtin gewesen zu sein. Ebenso wie die andere, denn die Position ‚Freundin‘ sei in seinem Leben gestrichen worden.“
Cana blieb stumm, denn sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Natürlich hatten ihr die anderen von Laxus‘ Verhalten erzählt. Doch es möglichst behutsam von ihren Gildenfreundinnen erzählt oder es von einer fast völlig Fremden schonungslos geschildert zu bekommen, waren zwei völlig verschiedene Dinge.
„Ich muss los, wenn ich Lexy rechtzeitig wieder abholen möchte“, murmelte sie nach einer Weile als Antwort.
Lia schien inzwischen ebenfalls zu bereuen, diese kleine Anekdote geschildert zu haben und verabschiedete sich hastig von ihr.

In der Gildenhalle war nur Mira, die wie jeden Morgen hinter der Bar aufräumte und die letzten Gläser von der vergangenen Nacht putzte.
„Guten- Wie siehst du denn aus?“ Miras freundliches Lächeln verwandelte sich in ein besorgtes Stirnrunzeln und Cana zuckte mit den Schultern.
„Ich konnte nicht schlafen.“
Die Gildentür wurde aufgerissen und ein bestens gelaunter Natsu stolzierte regelrecht über die Schwelle, während er ein lautes, fröhliches „Guten Morgen“ in die Halle brüllte. Nur er schaffte es, selbst eine Begrüßung in einer derartigen Lautstärke von sich zu geben, ohne dabei aggressiv zu wirken.
Anstatt einer Antwort zuckte ein Blitz aus dem ersten Stock und hätte Natsu direkt getroffen, wenn dieser nicht reflexartig den Mund geöffnet und den vollständigen Blitz kurzerhand verschlungen hätte. Normal hätte Cana einen Kommentar abgelassen, doch dazu war sie zu geschockt. Es gab nur einen Magier in Fairy Tail, der über Blitzmagie verfügte, die so schnell und lautlos gewirkt werden konnte.
Laxus war im ersten Stock. Sofort kroch die Übelkeit in ihr hoch, die sie seit der gestrigen Auseinandersetzung auf dem alten Fairy Tail Gebäude immer wieder eingeholt hatte.
„Cana?“ Sie drehte sich zu Mira um, die sie nun wirklich besorgt anblickte und sogar aufgehört hatte, die letzten Bierkrüge zu putzen.
Cana öffnete den Mund, doch dann hörte sie schwere Schritte, die die Treppe hinunterliefen. Sie erstarrte.
„Laxus, du warst ebenfalls hier? Ich habe dich gar nicht bemerkt“, begrüßte Mira den Magier erfreut. Währenddessen hörte Cana, wie die Schritte immer näher kamen, bis sie schließlich schräg hinter ihr verstummten. Sie schloss die Augen, um sich besser auf das Schlimmste vorbereiten zu können, das jetzt ohne jeden Zweifel folgen würde.
„Gib mir das Stärkste, was du hast. Vielleicht beruhigt mich das etwas.“
Eine kurze Stille folgte, dann hörte Cana, wie Mira ein nervöses Lachen ausstieß.
„Wieso denn?“
„Weil ich gleich ein sehr unerfreuliches Gespräch führen werde.“
Cana ergab sich in ihr Schicksal und schlug die Augen auf, um Laxus einen vorsichtigen Seitenblick zuzuwerfen. Immerhin war die elektrische Spannung um seinen Körper herum normal, denn ihre Nackenhaare stellten sich nicht auf.
„Ehm …“ Mira blickte unschlüssig drein, aber griff zu mehreren Flaschen unterhalb der Theke, wo sie den Hochprozentigen lagerte. Es herrschte ein unbehagliches Schweigen, während sie die verschiedenen Flüssigkeiten in einem mittleren Glas mischte, bis ein Getränk entstand, das von der Farbe her entfernt an Zitroneneistee erinnerte. Sie stellte es auf die Theke, wo es Laxus weiterhin schweigend ergriff und einen großen Schluck daraus nahm.
„Das schmeckt widerlich“, verkündete er, stellte das Glas ab und schnitt eine Grimasse. Trotzdem legte er ein paar Jewel auf die Theke. „Den Rest kannst du wegschütten.“
„Falls du mit dem Master reden möchtest, er ist noch nicht in der Gilde.“ Mira blickte Laxus während ihrer Frage prüfend an.
„Nein. Ich werde ein Gespräch mit der Mutter meines Kindes führen.“
Klirr. Mit einem lauten Krachen war das halbvolle Glas aus Miras Händen gerutscht und direkt hinter der Theke auf dem Boden aufgekommen. Dort zersplitterte es, zumindest dem Geräusch nach, und verteilte wahrscheinlich die gesamte Flüssigkeit überall auf dem Boden. Doch Mira interessierte das nicht, denn ihr Kopf ruckte rasend schnell zwischen Laxus und Cana hin und her.
Cana versuchte gar nicht erst, eine fröhliche Grimasse zu ziehen. Das würde ihr Mira garantiert nicht für eine Sekunde abnehmen.
„Wow! Cana, hast du es jetzt Laxus endlich erzählt? Wird Lexy jetzt umbenannt?“ Natsu tauchte wie aus dem Nichts auf und schlang seinen Arm um Canas Schultern, um sie begeistert anzugrinsen. „Ich finde es wahnsinnig toll, wie ihr euch so gut um Lexy kümmert! Dann waren Hibikis Pläne für Laxus‘ und Lexys Treffen perfekt! Ich habe ihn echt unterschätzt!“
Im nächsten Moment verschwand Natsus Arm um Canas Schultern und der Magier landete mit einem Krachen an der gegenüberliegenden Gildenwand, wo er zu lachen anfing.
„Diese Reaktion habe ich schon seit Jahren nicht mehr bekommen! Vielleicht wirst du endlich wieder so locker wie früher, nicht so verbissen wie die letzten Jahre!“
Cana vergrub verzweifelt das Gesicht in den Händen, denn jetzt waren all ihre Hoffnungen auf einen halbwegs gefassten Laxus zunichte gemacht worden. Die Luft neben ihr lud sich so schnell elektrisch auf, wie sie es sonst nur für die Vorbereitung von einer gewaltigen Blitzentladung im Zuge von Laxus‘ Angriffen kannte. Doch zum Glück war dieses Mal Natsu das Ziel und Laxus schritt entschlossen auf diesen zu, während sich die ersten Blitze um seinen Körper bildeten.
„Super! Ich wollte heute sowieso trainieren!“ Freudig löste sich Natsu von der Wand, um vor Laxus durch die Hintertür zum Strand zu eilen. Laxus folgte ihm, ohne sich noch einmal umzudrehen.
„Das ist wahrscheinlich auch eine bessere Methode, um die Emotionen aus sich herauszulassen als Alkohol.“ Mira blickte noch kurz auf die wieder geschlossene Hintertür, bevor sie sich erneut Cana zuwandte. „Seit wann weiß Laxus es?“
Cana seufzte. „Gestern. Er war bei Heilerin Lupita dabei und hat dort scheinbar die letzten Puzzleteilchen zusammengefügt. Zu meiner Erleichterung hat er gewartet, bis Lexy von Gildarts abgeholt worden war, bevor es zu der riesigen Eskalation kam.“„Also das war der Ursprung des Alarms, den Freeds Runen am alten Fairy Tail Gebäude an ihn geleitet haben.“
Die Runen hatte sie völlig vergessen. Das Gelände wurde von ihnen zwar nur als Trainingsgelände genutzt, aber der Master wollte die alte Mühle trotzdem nicht verkaufen. Er hatte damals gemeint, die Leistungen der zurückgebliebenen Mitglieder während der sieben Jahre nach dem Auftauchen von Acnologia auf Tenroujima nur mit dem Erhalt des Grundstücks würdigen zu können.
„Allerdings war der eine Blitzeinschlag bis zum Gildengebäude zu sehen, deshalb wurde kein Magier geschickt, um nach den Rechten zu schauen.“ Mira zögerte kurz, bis sie sich scheinbar ein Herz fasste. „Wie lief es denn? Der Master wird nachfragen, denn er ist ebenfalls bereits hier und hat mit Sicherheit von Laxus‘ Gefühlslage Wind bekommen.“
Cana überlegte, während sie abwesend mit den Fingerspitzen auf der Theke trommelte, bis ihr Mira einen bedeutungsvollen Blick zuwarf.
„Erzähl ihm einfach von dem klärenden Gespräch gestern. Oh, und Lexy wird ihn beim nächsten Treffen ausquetschen, wie sie ihn nennen soll. Ich bezweifle zwar, dass es Makarov stört, aber sicher ist sicher.“
Mira lachte nur, doch Cana hatte dieser kurze Dialog geholfen, um ihre Fassung wiederzufinden. Und vielleicht wäre Laxus, wenn sie ebenfalls am Strand angekommen war, nicht mehr allzu geladen und Natsu hoffentlich noch am Leben.

+++


Levy gähnte, als sie an der Theke des kleinen Cafés wartete, bis ihr schwarzer Morgentrunk endlich fertig war.
„Lange Nacht?“ Der junge Kellner grinste verschmitzt, als er ihr den Kaffee hinstellte und ihr zuzwinkerte.
„Ja, zu viele Gedanken“, murmelte sie abwesend und nahm den ersten, heiß ersehnten Schluck von ihrer persönlichen Rettung.
„Männerprobleme lassen sich schnell mit einem neuen Mann klären, glaub mir.“ Der Kellner lachte nur angesichts ihrer fassungslosen Miene, dann hob er kurz seine Hand, wo ein Ring am Ringfinger glänzte. „In meinem Fall war es zwar eine Frau. Aber ich habe die beste Entscheidung meines Lebens getroffen, als ich mich endlich von der Person lossagen konnte, die mir mein damaliges Leben zur Hölle gemacht hat. Ohne es überhaupt zu wissen, wohlgemerkt. Es hat einfach nie so richtig gefunkt und ich habe mir das jahrelang selbst zum Vorwurf gemacht. Mittlerweile ist auch sie verheiratet. Wenn ich richtig weiß, erwartet sie Nachwuchs.“
„Hm“, antwortete Levy gedankenverloren und blickte sinnierend in ihren Kaffee. Mittlerweile wusste sie nicht mehr, was sie tun sollte. Je nachdem wen sie fragte, riet die Person ihr zu einer komplett anderen Entscheidung. Die Barkeeperin war der Meinung, Gajeel durch Nicht-Beachten wieder zu sich zu holen, der Kellner hier sprach ebenfalls aus Erfahrung und riet ihr zum Gegenteil: Sich mental davon zu verabschieden.  
„Lass mich raten, dir hat jemand anderes zur anderen Möglichkeit geraten? Das Problem an der Sache ist: Es gibt keine perfekte Lösung. Es hängt immer zu viel von verschiedenen Faktoren ab. Wie tickt er, was ist mit dir, wie standet ihr in der Vergangenheit zueinander. Eigentlich musst du selbst entscheiden, was du jetzt tust. Wahrscheinlich haben dir alle möglichen Leute ihre Meinung erzählt und du bist inzwischen völlig planlos?“
Levy konnte nicht anders, sie musste lachen.
„Korrekt. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber scheinbar kann mich jede Person in meiner Umgebung lesen wie in einem offenen Buch.“
„Wenn man mit jemandem gut befreundet ist oder ständig andere Leute kennenlernt wie ich, lernt man Menschen sehr gut einzuschätzen.“ Auf einmal richtete sich der Kellner etwas auf und zog eine Augenbraue hoch, während er hinter ihr jemanden oder etwas fixierte.
Levy drehte sich mit dem Kaffee noch in der Hand verwundert um. Dann blinzelte sie. Einmal. Zweimal. Denn hinter ihr stand Jem, wie üblich mit seiner Sonnenbrille auf der Nase, die Hände in die Hosentaschen vergraben und einem breiten Grinsen auf den Lippen.
„Was machst du denn hier?“
Jem zuckte lässig mit den Schultern.
„Wir haben das Haus gegenüber angemietet, um etwas kreative Arbeit verrichten zu können. Und da es gestern etwas länger ging, benötige ich jetzt dringend einen Kaffee. Schwarz. Ohne Zucker, sonst bekomme ich Kopfschmerzen.“
„Kommt sofort“, antwortete der Kellner und zwinkerte Levy zu.
Diese schloss kurz die Augen, aber setzte zu keinerlei Widerworten an. Vielleicht war das auch ganz gut so, denn sie hatte keine Lust, dem völlig Fremden hinter der Bar die eigentliche Geschichte mit Jem, Gajeel und ihr zu erklären.
„Ich finde es wirklich erstaunlich, wie wir schon zum zweiten Mal einfach aufeinandertreffen“, meinte Jem, als er mit Levy zusammen die Kaffeebar verließ, einen breit grinsenden Kellner zurücklassend. „Vor allem scheint jeder im Glauben zu sein, du und ich würden miteinander ausgehen. Was nicht von der Hand zu weisen wäre, wenn …“ Jem brach ab und kratzte sich mit der freien Hand peinlich berührt den Hinterkopf.
Levy lächelte ihn beruhigend an. „Wenn du nicht bereits glücklich verheiratet wärst?“
Das schien ihn völlig aus der Fassung zu werfen, denn er blieb ruckartig stehen und blickte sie regelrecht entsetzt an. Levy brach nur in wildes Gelächter aus.
„Wie hast du das erfahren?“
Sie zuckte überlegen mit den Schultern. „Deine Schwester Irene kam vor ein paar Tagen in die Gildenhalle, um sich bei mir zu bedanken, weil ich dich beschäftigt habe und sie sich in Ruhe um ihren Mann kümmern konnte – deinen Bandkollegen. Scheinbar bist du ein richtiger Sklaventreiber und gönnst ihr nicht das Mindestmaß an Zweisamkeit, die ihr und ihrem Mann zustehen würde. In diesem Zusammenhang fiel auch ein sehr aufschlussreicher Name. Lorelei. In diesem Moment war mir auch klar, warum es keine Artikel zu dir und Frauen gibt, weil du jede einzelne freundlich, aber entschieden abweist. Nach dem Auftritt deiner Schwester wurde für mich zumindest auch das hartnäckige Gerücht für falsch befunden, laut dem du dich eher zu deinem eigenen Geschlecht hingezogen fühlst.“
Jem blickte sich kurz um, dann senkte er seine Stimme und trat einen Schritt näher zu ihr, um sich zu ihr herunterzubeugen.
„Wow. Meine eigene Schwester hat dir das große Geheimnis erzählt, das Lorelei betrifft?“
„Ich war offenbar vertrauenswürdig genug, um die Wahrheit verdient zu haben“, murmelte Levy selbstgefällig zurück. Dann schlug sie einen nüchternen Tonfall an. „Nein, eigentlich wollte sie mir nur unauffällig mitteilen, mir keine Hoffnungen bei dir zu machen. Sie hatte scheinbar Angst davor, ich hätte mich unglücklich in dich verliebt. Irene hat mir sogar ihr Mitgefühl ausgesprochen, weil ich wirklich eine nette Person zu sein schiene.“
„Oh. Es mag zwar unglaubwürdig klingen, aber das tut mir wirklich leid. Ich bin nun einmal ihr kleiner Bruder und in solchen Situationen kommt ihr Beschützerinstinkt hoch. Vor allem, weil es ganz am Anfang von Beast Attack einen weiblichen Fan gab, die sich ein paar Szenarien in den Kopf gesetzt hat, was sie und mich anging. Erst, nachdem mein Manager mit ihr gesprochen hat, hat sie verstanden, wie sie meine Hilfe zu deuten hat. Sie hat sich in unserem Gebäude verlaufen – sie war vierzehn, wohlgemerkt – und ich habe sie zu ihrem Vorstellungsgespräch gebracht und ihr für eine knappe halbe Stunde lang gut zugeredet, weil sie so aufgeregt war.“
Aus einem Reflex schlug Levy Jem leicht gegen den Oberarm, was er mit einem amüsierten Laut quittierte.
„Wenn du mir ernsthaft wehtun willst, musst du schon andere Kaliber auffahren, Kleines.“
Levy lachte abermals, doch dann stellte sich ihnen eine Gestalt in den Weg. Schlagartig verstummte sie. Denn vor ihr stand die zweitletzte Person, die sie hier erwartet hätte. Es waren nicht ihre beiden Teamkameraden, auch wenn es eine Person aus der Gilde war.
Vor ihr stand Gajeel. Gajeel samt seiner wilden, schwarzen Mähne und den vielen silbernen Piercings im Gesicht. Ein Eisen Dragon Slayer, der seinen Blick wild zwischen ihr und Jem hin und her huschen ließ, bis er sich auf sie fixierte und sie unter einem roten Röntgenblick zusammenzuckte.
„Was macht ihr beide hier?“ Die dunkle, leicht heisere Stimme von Gajeel glich einem herannahenden Donnergrollen, das einen ersten Ausblick auf ein heftiges Gewitter gab.
Levy richtete sich unbewusst auf und schluckte trocken. Das würde ungemütlich werden, auch wenn sie nicht wusste, weshalb Gajeel so sauer war.
+++

Nun, es gibt noch jede Menge aufgestauter Gefühle. Das nächste Gespräch zwischen Cana und Laxus findet erst im nächsten Kapitel statt, doch ich denke, dass ein kleiner Trainingskampf vorher eine bessere Ausgangsposition schafft. Bezüglich Jem wollte ich klar verdeutlichen, was es mit ihm und Levy auf sich hat bzw. warum er überhaupt keine Gefahr für Gajeel darstellt - auch wenn der das ganz offensichtlich anders sieht.
Danke für euer Interesse an der Story! Ich bin jedes Mal von Neuem platt, wenn ich die Review-Anzahl, die Zugriffe und die Favoriten-Einträge sehe, ganz zu schweigen von den Empfehlungen.
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