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Schritt für Schritt

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16
Cana Alberona Gajeel Redfox Laxus Dreyar Levy McGarden
04.06.2020
03.12.2020
27
90.096
22
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15.10.2020 3.610
 
Kapitel 20 – Donnerwetter

Panik. Nervosität. Erleichterung. Akzeptanz. Und wieder Panik. Innerhalb kürzester Zeit rasten all diese Emotionen durch Cana, wechselten sich ab, vermischten sich miteinander, trennten sich erneut und ordneten sich in einer anderen Reihenfolge an. Währenddessen starrte sie Laxus an wie ihr persönliches Tor zur Hölle.
„Ich habe also Recht. Lexy ist meine Tochter.“ Laxus‘ Tonfall war flach und neutral, das machte Cana am meisten Angst. Es kam ihr vor wie die Ruhe vor einem alles zerstörenden Gewitter und sie war eindeutig das Ziel der Emotionen, die sich in ihrem Gegenüber aufbauten. Sie konnte es an den grünen Augen erkennen, die allmählich heller wurden – Laxus würde gleich die Beherrschung verlieren. Inmitten vom abendlichen Magnolia.
Ohne Vorwarnung wurde sie von ihm an beiden Oberarmen gepackt und im nächsten Moment an seine Brust gepresst. Kurz war sie überrumpelt angesichts dieser unvorhergesehenen Reaktion, doch dann hörte sie das elektrische Knistern von Laxus‘ Magie. Die Blitze wurden immer häufiger und begannen, ihn und sie in ein so helles Leuchten einzuhüllen, bis sie die Augen zusammenkneifen musste, um nicht zu erblinden. Erst jetzt verstand sie: Laxus würde seine Magie einsetzen, um sie beide an einen anderen Ort zu bringen. Mit Sicherheit an einen, an dem sie ungestört waren und vor allem Laxus keine Gefahr lief, Unbeteiligte mit seiner Magie aus Versehen zu verletzen. Dann verlor sie den Boden unter den Füßen und konzentrierte sich darauf, ihre Übelkeit angesichts der rasanten Geschwindigkeit zumindest einigermaßen unter Kontrolle zu behalten.
Eine gefühlte Ewigkeit später, bei der es sich nicht mehr als ein paar Sekunden gehandelt haben konnte, spürte sie einen weichen Untergrund. Gleichzeitig wurde sie losgelassen, woraufhin ihre Knie unter ihr nachgaben und sie wenig elegant auf dem Boden zusammensackte. Nach zweimal tief Luftholen stand sie auf und klopfte sich die losen Grashalme von ihrer Hose, bevor sie sich umschaute.
Natürlich. Das zwischenzeitliche Gildengelände von Fairy Tail. Die heruntergekommene Mühle sah noch genauso aus wie vor sieben Jahren. Auch wenn bei den angenagelten Buchstaben der Gilde sowohl das „y“ in „Fairy“ als auch das „i“ in „Tail“ fehlten. Obwohl dieses Gebäude für sie nur wenige Monate die Gilde repräsentiert hatte, waren diese wenigen Monate doch unglaublich schön gewesen. Auch, weil Laxus und sie sich hier allmählich näher gekommen waren. Trotz der wachsamen Augen von Gildarts, der sie am liebsten an sich festgebunden hätte, um wirklich jede einzelne Sekunde mit seiner neugefundenen Tochter verbringen zu können.
Wäre der Anlass ein anderer, hätte sie länger in Erinnerungen geschweift. Doch das Knistern, nur einen Meter entfernt von ihr, bedeutete nichts Gutes. Der Klumpen in ihrem Magen, der sich während des Aufenthalts in Clover stetig vergrößert hatte, glich nun eher einem Felsbrocken, dessen Gewicht sie zurück auf den Boden zu ziehen drohte.
Cana blickte ängstlich in Laxus‘ Augen und sah – Nichts. Er hatte seine Emotionen für den Augenblick komplett abgeschottet, nur seine wild gewordene Magie verriet seinen inneren Aufruhr.
„Bevor ich wirklich loslege, liebste Cana, beantworte mir nur eine Frage.“ Seine Stimme klang fast süßlich, sofern das überhaupt zu Laxus‘ tiefem Bass passen konnte. Doch der Tonfall machte Cana nicht nur Angst, ihr wurde regelrecht schlecht davon. Denn das, was jetzt folgen würde, konnte nur ein Desaster werden und sie musste das irgendwie verhindern. Deshalb wartete sie gar nicht ab.
„Hör zu, ich weiß, es war alles andere als angebracht, aber bitte, es geht hier um Lexy und ich flehe dich an, ihr zuliebe alles dafür zu tun, um sie – “
„IHR ZULIEBE?! SO WIE SIE SEIT JAHREN LEIDEN MUSSTE, WEIL DU ES NICHT AUF DIE REIHE GEBRACHT HAST, MIR ALLES ZU BEICHTEN, DAMIT ICH MEINER EIGENEN TOCHTER HELFEN KANN?!“ Die Lautstärke war ohrenbetäubend. Aus den kleineren Bäumen rund um das ehemalige Gildengebäude stoben die Vögel in die Luft und suchten das Weite.
Schon jetzt liefen Cana Tränen über die Wangen. Das Schlimmste an der ganzen Sache war: Seine Wut und Enttäuschung waren vollkommen berechtigt.
„Ich – Es tut mir leid“, flüsterte sie erstickt, doch Laxus warf ihr nur einen unglaublich wütenden und gleichzeitig verletzten Blick zu, der in ihrer Seele schmerzte wie nichts zuvor.
„Die Entschuldigung hast du nicht gegenüber mir zu äußern! Du hast deine Tochter, dein eigen Fleisch und Blut, das du angeblich liebst wie nichts anderes, jahrelang leiden lassen! Nenne mir einen einzigen Grund, warum du Lexy das alles angetan hast! Einem Kind, einem kleinen Mädchen, das nichts in dieser Hinsicht verdient hat! Ein Kind, dem du eigentlich nur zum Vorwurf machen kannst, mich als Erzeuger zu haben!!!“ Zwar brüllte er nicht mehr in unglaublicher Lautstärke, von leise war es aber dennoch meilenweit entfernt.
„Was?! Nein! Nein!!! Nie könnte ich – Du – Ich habe damals Mist gebaut und –“
„Trotzdem hast du für dich entschieden! Wie es mir damals ging, war dir völlig egal! Von Lexy ganz zu schweigen! Hast du auch nur für eine Ahnung, wie schwer es für ein Kind ist, nur einen Elternteil zu haben?!“
„Natürlich weiß ich das! Falls es dir entfallen ist, ich hatte mit sechs Jahren eigentlich keinen Elternteil mehr und – “
„– Und das war ganz und allein dein eigenes Verschulden! Du wusstest, wer dein Vater ist und warst nur zu feige, es ihm zu beichten! Ebenso, wie du immer noch zu feige bist, deiner Tochter von ihrem Vater zu erzählen!!!“
Cana wischte sich die ständig nachlaufenden Tränen zum wiederholten Mal ab, bevor sie erneut das Wort an Laxus richtete.
„Ich wollte, aber es gab nie den passenden Augenblick! Ständig kam irgendetwas dazwischen!“
Laxus lachte nur freudlos.
„Der passende Augenblick wäre vor sechs Jahren gewesen, als du von deiner Schwangerschaft erfahren hast.“ Mit einem Mal schien sämtliche Energie aus ihm gesogen worden zu sein. Er wandte sich von Cana ab und lief schleppend zu den Holzbänken, die noch von der Gilde stammten. Während er sich auf einer davon niederließ und das Gesicht in den Händen vergrub, kramte Cana in ihrer Tasche nach einem Taschentuch und wischte sich notdürftig das Gesicht ab. Es brachte zwar nicht viel, da sie noch immer Tränen vergoss, doch sie benötigte diese wenigen Sekunden, um sich einigermaßen sammeln zu können.
Erst als Laxus keine Anstalten machte, sich noch zu rühren, trat sie vorsichtig näher und blieb erst stehen, als sein Kopf ruckartig in die Höhe schoss und ihr einen eisigen Blick schenkte.
„Komm keinen Schritt näher. Du … Ich kann noch nicht einmal deinen Anblick ertragen. Du hast mich sechs Jahre lang mit Abwesenheit gestraft, um dich um unsere Tochter zu kümmern. Du hast mich um die ersten fünf Jahre meines Vater-Daseins gebracht. Fünf Jahre! Ich habe eine fünfjährige Tochter, ohne sie als Baby gesehen, ihr erstes Wort gehört, ihre ersten Schritte miterlebt zu haben! Neben unzähligen anderen Dingen! Ich weiß noch nicht einmal, was ihre Lieblingsfarbe oder ihre meist gehasste Mahlzeit ist! Sag mir nur eins: Wie schaffst du es, dich jeden Tag im Spiegel anzusehen?!“ Sein Tonfall war regelrecht mörderisch und Cana spürte, wie ihre Nackenhaare angesichts der sich aufbauenden Spannung aufstellten. Doch sie würde nicht zurückweichen. Nicht jetzt, wenn es um so viel ging.
„Ich – Nein. Es geht nicht um mich. Lexy ist das einzige, was im Moment zählt. Bitte, ich flehe dich an – von mir aus verschwinde ich wieder, wenn das alles vorbei ist – trainiere m … deine Tochter. Sie hat das alles nicht verdient und wenn ich könnte, würde ich einfach alles rückgängig machen, einfach damit sie diese Schmerzen niemals erleiden muss und –“
„Stopp. Du hast kein Recht, mir vorschreiben zu wollen, was ich zu tun habe! Dieses Recht hast du vor sechs Jahren verwirkt, als du dich einfach aus dem Staub gemacht hast! Außerdem, wie kannst du mir nur unterstellen, mich nicht um meine Tochter kümmern zu wollen?! Hast du vergessen, wer von uns beiden eigentlich verschwunden ist und wissentlich jahrelange Schmerzen der eigenen Tochter in Kauf genommen hat? Abgesehen davon: Glaubst du etwa, ich bin derselbe Bastard wie mein Erzeuger? Bist du deshalb verschwunden?! Aus Angst, ich würde mich zu einem zweiten Ivan entwickeln?! Besessen von der magischen Kraft seines Kindes und noch mehr besessen davon, diese um jeden Preis erhöhen zu wollen?! Vielleicht hätte ich ihr auch eine Lacrima eingesetzt von irgendeinem hergelaufenen Möchtegern-Heiler? Verdammt, schau mich an, wenn ich mit dir rede!“
Während seiner Rede war er von der Bank aufgestanden. Im nächsten Moment wurde Canas Gesicht grob umfasst und nach oben gezerrt, bis sie Laxus in das zornumwölkte Gesicht blicken musste. Zumindest soweit sie sehen konnte, denn die Tränen in ihren Augen ließen sie beinahe blind werden. Nur schemenhaft sah sie seine andere Hand, die er erhoben hatte und Schock fuhr durch ihren Körper. Er würde doch nicht –? Unwillkürlich kniff sie ihre Augen zusammen und erwartete den brennenden Schmerz, den seine Hand auf ihrer Wange hinterlassen würde.
Doch anstelle von diesem spürte sie auf einmal überhaupt keine Berührung mehr. Sie öffnete die Augen und sah Laxus in einem Meter Entfernung stehen: Immer noch bebend vor durcheinanderwirbelnden Emotionen, aber auch mit Schock in seinen Zügen.
„Cana … Ich –“ Er brach ab und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Verdammt“, fluchte er und streckte einen Arm aus. Ein lautes Donnern ertönte. Cana kniff geblendet die Augen zusammen, als sich eine geballte Ladung Magie in einen riesigen, bis zum Himmel reichenden Blitz entlud und in etlichen Metern Entfernung in den Boden einschlug. Als sich der Staub wieder verzogen hatte, wurde ihr Mund angesichts des Kraters von mehreren Metern Durchmesser trocken.
„Bitte“, flüsterte Cana. „Bitte unterrichte Lexy. Ich werde ihr deine Rolle erklären oder nicht, das ist deine Entscheidung. Nur …“ Sie schluckte und senkte den Kopf, weil sie den Vorwurf in seinen Augen nicht mehr ertragen konnte.
„Das ist nicht nötig.“ Laxus‘ Stimme hatte einen sachlichen, neutralen Tonfall angenommen und sie riss den Kopf hoch. Doch er nickte nur mit dem Kopf in Richtung einer Stelle schräg hinter Cana und sie wirbelte herum.
Dort stand Gildarts, mit Lexy auf dem Arm. In den Augen ihres Vaters konnte sie tiefe Traurigkeit, aber auch Erleichterung sehen. Doch die grünen Augen ihrer Tochter schauten sie mit Verwirrung, sogar mit steigender Wut an und das ließ Cana schlucken. Auch diese Reaktion ihrer Tochter hatte sie verdient. Vor allem, da Lexy ihrem Vater sehr ähnlich war, was emotionale Reaktionen anging.
„Wie lange steht ihr schon da?“ Laxus‘ Frage riss sie aus ihrer Starre und sie blickte Gildarts hoffnungsvoll an. Vielleicht war es auch nur halb so schlimm, wie sie befürchtete. Doch als ihr Vater den Kopf schüttelte, fiel ihre Hoffnung sofort erneut in sich zusammen.
„Lange genug, damit Lexy Bescheid weiß. Über alles.“ Er ließ Lexy herunter und Cana beobachtete, wie ihre Tochter in ihre Richtung lief. Nur, um ihr einen kurzen Blick zuzuwerfen, den sie noch nicht einmal deuten konnte. Doch er schmerzte. Vor allem, weil Lexy direkt im Anschluss langsam in Laxus‘ Richtung lief, der sie mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck beobachtete. Erst, als seine Tochter direkt vor ihm stand und ihren Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht blicken zu können, ließ er sich langsam auf die Knie sinken.
Cana beobachtete regungslos, wie Laxus den Mund öffnete, doch es kam kein Laut von ihm. Stattdessen sah sie, wie er seine Tochter anschaute, den Blick über sie gleiten ließ, als würde er sie zum allerersten Mal sehen. Richtig sehen, nicht nur kurz den Blick über sie huschen lassen wie über eine Person, die sich zufällig in der Nähe befand. Ihr kam es vor, als ob er ihren Anblick erst jetzt richtig in sich aufnehmen würde. Die blonden Haare und die grünen Augen, die sie ebenfalls von ihm geerbt hatte und nun von ihm als die seinen erkannt wurden.  
Lexys Reaktion hingegen konnte sie erahnen. Das lag nicht nur an den zitternden Schultern, die ihr den Tränenausbruch ihrer Tochter verrieten. Lexy fühlte sich wahrscheinlich genauso, wie sie selbst sich damals auf Tenroujima gefühlt hatte. Einfach überwältigt von der Erkenntnis, ihrem Vater endlich ins Gesicht blicken und ihn auch als solchen  zu können. Wobei es bei Lexy allein durch das Alter noch eine Spur intensiver war, ganz zu schweigen von ihrer bisherigen Unwissenheit. Trotz der sorgenvollen Gedanken, die ihren Kopf beschlagnahmten, fühlte sie auch ein unglaubliches Glücksgefühl in sich aufsteigen. Vor allem, wenn sie an die positiven Äußerungen von Lexy gegenüber ihres Vaters dachte, ohne überhaupt von seiner Bedeutung in ihrem Leben zu müssen.
Eine schwere Hand, die sich auf ihre Schulter legte, gab ihr den nötigen Halt, um zumindest ihr Gewicht ein wenig zu verlagern.
„Es ist gut so“, murmelte Gildarts. „Auch wenn es nicht so gelaufen ist, wie du und ich es uns vorgestellt haben.“
„Nichts ist gut“, flüsterte Cana mit belegter Stimme, während sie ihre Augen nicht von dem Vater-Tochter-Paar nahm. „Ich weiß nach wie vor nicht, ob Laxus bereit ist, Lexy den Umgang mit ihrer Magie beizubringen.“
„Darüber machst du dir Gedanken? Hast du den Ausdruck in Laxus‘ Augen überhaupt gesehen, als er Lexy gesehen hat?“ Gildarts schnaubte amüsiert. „Er wird sie trainieren, darauf verwette ich eine Wagenladung Bier. Laxus mochte Lexy, bevor er von seiner Vaterrolle wusste und jetzt hindert ihn nichts und niemand mehr daran, sie zu lieben.“
„Glaubst du das wirklich?“ Ein kleiner Funke an Hoffnung glomm in Cana auf und entfaltete sich zu einem regelrechten Feuer, als Gildarts nachdrücklich nickte.
„Ich glaube es nicht, ich weiß es. Laxus ist ein Mensch, dem Familie unheimlich wichtig ist. Was nachvollziehbar ist, wenn man sich seine eigene, verkorkste Familie so anschaut.“
„Er weigert sich, seinen eigenen Großvater bei Namen zu nennen“, gab Cana zu bedenken, doch Gildarts winkte nur ab.
„Das hängt mit dir zusammen. Als Makarov die Suche nach dir abgeblasen und weitere Aktionen regelrecht verboten hat, ist bei Laxus eine Sicherung durchgebrannt. Er konnte dem Master dieses schnelle Aufgeben nicht verzeihen. Jetzt, wo er weiß, warum der Master so gehandelt hat, sollte sich das wieder ändern, sobald Laxus seine verletzten Gefühle überwunden hat.“
„Die verletzten Gefühle, weil ich ihm seine Vaterschaft verschwiegen habe? Oder Makarov? Oder der komplette Rest der Gilde? Nein, eigentlich jeder um ihn herum? Ja, ich sehe schon, er wird das relativ bald überwunden haben.“ Selbst in Canas Ohren klang ihr Tonfall schon ätzend-sarkastisch.
„Er wird alle anderen verstehen, die dir diese Aufgabe überlassen wollten. Immerhin bist du diejenige, die damals verschwunden ist. Mit seiner Tochter zusammen, von der er nichts wusste. Du wirst diejenige sein, die für die letzten Jahre gerade stehen zu hat, nicht die anderen. So hart das auch klingen mag, es ist die Wahrheit.“
Darauf wusste Cana nichts mehr zu sagen. Stattdessen beobachtete sie, wie Laxus zögernd eine Hand auf Lexys Kopf legte. Lexy zitterte mittlerweile am kompletten Körper durch ihr hemmungsloses Weinen, obwohl sie ihre Gesicht in Laxus‘ Hemd vergraben hatte. Der Ausdruck auf seinem Gesicht, mit dem er seine neu-entdeckte Tochter anblickte, verriet ihr immerhin die Unbegründetheit ihrer Sorgen. Gildarts hatte recht. Lexy lag Laxus bereits jetzt am Herzen und das würde sich in Windeseile verstärken.
Doch Cana wurde mulmig zumute, als Laxus seine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Sein Gesicht wurde zu einer Maske, nur das bedrohliche Glitzern in seinen Augen verriet seine Gedanken bezüglich ihr. Sie ahnte, noch lange nicht alles ausgestanden zu haben. Vor allem, als Lexy nach seiner Hand griff, bevor sie sich zu Cana umdrehte. Lexys Augen spiegelten dieselben Emotionen wider wie Laxus‘ und Cana zwang sich regelrecht, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen, als die beiden auf sie zugelaufen kamen.
„Wenn die Mutter meiner Tochter es gestattet, verbringe ich den restlichen Tag mit dieser. Um zumindest etwas von den letzten fünf Jahren aufholen zu können.“ Sein Tonfall hätte einen kompletten Gletscher mit seiner Schärfe entzwei schneiden können. Cana verschränkte ihre Arme vor der Brust, um sich halbwegs gegen den ebenso scharfen Schmerz in ihrem Herzen behaupten zu können.
„Natürlich“, flüsterte sie und schaute ihre Tochter ängstlich an. Doch auch Lexy blitzte sie aufgebracht und enttäuscht an, was ihr das Herz brach. Sie hatte jede einzelne Emotion der beiden verdient, das wusste sie. Mit einem heftigen Blinzeln blickte sie bittend ihren Vater an. „Kannst du bei den beiden bleiben? Nur, falls Fragen auftauchen sollten, die Lexy nicht beantworten kann. Ich würde nur stören und ablenken“, fügte sie bei den verschiedenen Reaktionen rasch hinzu: Gildarts war zunächst verwirrt, doch nickte dann, während Laxus vor allem wütend dreinblickte.
„Ich bringe Lexy später zu dir“, murmelte Gildarts und schob Cana sanft, aber bestimmt hinter sich. Wahrscheinlich, um sie von dem doppelt-wütenden Blick aus zwei identischen Augenpaaren zu erlösen. „Geh am besten an einen ruhigen Ort und verarbeite alles. Um den Rest kümmere ich mich.“
Canas Kehle wurde eng, als sie die Liebe in seinen Worten heraushörte. Sie legte kurz einen Arm für eine halbe Umarmung um seine Mitte, bevor sie sich umdrehte und den zweitschwersten Weg ihres bisherigen Lebens zurücklegte. Und beide Wege brachten sie von dem blonden Magier fort, den sie nach allen den Jahren noch immer liebte.

+++


Gildarts verschränkte die Arme und betrachtete prüfend beide Gestalten, die ihm gegenüber an einem der kleinen, runden Tische in seinem Lieblings-Café saßen. In dieses hatte er Laxus und seine Enkeltochter gebracht, um ihnen die Gelegenheit zu geben, das alles zu verdauen und um sich erstmals als Vater und Tochter zu unterhalten. Aber da hatte er die Rechnung nicht mit beiden gemacht, die mit einem identischen Gesichtsausdruck auf die Tischplatte blickten, der vor Unsicherheit und Unbehagen nur so strahlte.
Nach einigen Minuten, in denen jeder an seinem Getränk nippte und ansonsten keinerlei Anstalten machte, auch nur ein Wort von sich zu geben, seufzte er. Er gab seine abweisende Haltung auf und stützte die Ellenbogen auf dem Tisch auf. Dann verschränkte er seine Finger ineinander und legte sein Kinn auf, bevor er den Kopf leicht anhob.
„Es macht die Situation nicht besser, wenn ihr euch einfach nur anschweigt.“ Seine Bemerkung sollte die Stimmung etwas auflockern, doch Laxus blickte ihn nur wütend an. Wenn Gildarts nicht wüsste, wie wichtig dieser blonde Magier für seine Tochter und sein Enkelkind war, hätte er ihn ausgelacht und einen Witz gerissen. So aber musste er alles dafür tun, um seine Familie glücklich zu machen. Auch wenn er nicht allzu begeistert von der Wahl seiner Tochter war, wobei sie es schlimmer hätte treffen können. Immerhin schien Laxus Cana aufrichtig zu lieben, wenn Gildarts sich dessen Verhalten die letzten sechs Jahre anschaute.
„Wie lange?“
Gildarts zog nur eine Augenbraue hoch. „Wie bitte?“
„Wie lange wusstest du, dass ich … dass Lexy meine Tochter ist?“
Aus den Augenwinkeln sah Gildarts, wie sich Lexys Augen weiteten und wie sie ihm einen bitter enttäuschten Blick schenkte. Er konnte es ihr nicht verübeln: Zu erkennen, die einzige Person gewesen zu sein, die nicht über ihren Vater Bescheid wusste, würde das Vertrauen jedes Kindes erschüttern. Ganz egal, wie alt das besagte Kind zu diesem Zeitpunkt auch sein mochte.
„Zeitgleich mit ihrer Beichte, in wenigen Monaten ein Kind zu bekommen.“ Gildarts stieß ein Seufzen aus. „Damals habe ich ihr versucht zu erklären, warum ihr Schweigen dir gegenüber nicht okay ist. Immerhin habe ich damit selbst Erfahrungen gesammelt. Aber sie ließ sich nicht beirren und ich habe es akzeptiert, zumindest bis Lexys magische Energie zu viel für ihren Körper wurde. Ab diesem Zeitpunkt habe ich sie versucht zu überzeugen – wie du sehen kannst, mit geringem Erfolg.“
„Warum macht Mama so etwas?“, flüsterte Lexy und bei ihrem verletzten Tonfall brach Gildarts das Herz.
„Weil sie dich über alles liebt und Angst hatte. Angst, dein Vater würde dich nicht so lieben, wie du es verdient hast. Angst vor den Folgen, die sie zu tragen hätte, wenn sie dir alles erzählt.“ Gildarts legte eine seiner Hände auf die von Lexy, die seine Enkeltochter verkrampft ineinander verknotet hatte. „Sie wollte damit niemanden verletzen. Nur wusste sie nicht, wie sie die Situation auflösen konnte, ohne genau das zu tun. Letztendlich ist es so eingetroffen, wie sie es befürchtet hat: Laxus, du hast es nicht von ihr erfahren und Lexy, du hast es nur zufällig mitbekommen.“
„Also ist Mama auch traurig? Wieso hast du sie dann weggeschickt?“ Gildarts blinzelte und blickte das Mädchen gerührt an. Cana hatte Recht: Lexy verzieh Menschen unglaublich schnell, wie er einmal mehr miterleben durfte.
„Weil sie Zeit allein benötigt, egal wie traurig sie ist. Du kannst ihr später alle Fragen stellen, die du hast. Sie wird dir jede einzelne liebend gern beantworten. Solange du nur mit ihr sprichst und ihr nicht mehr böse bist. Außerdem wird sie sich oft bei dir entschuldigen, das kann ich dir verraten.“
Lexy nickte stumm, doch sie löste ihre Finger voneinander und nahm einen Schluck von ihrem heißen Kakao, der mittlerweile wahrscheinlich lauwarm war.
„Und was soll ich tun?“ Laxus‘ Frage war so leise geäußert worden, sodass Gildarts einen Moment benötigte, um diese überhaupt bewusst wahrzunehmen.
„Mit ihr reden. Versuchen, die negativen Gefühle hinter die positiven zu schieben. So, wie ich es damals gemacht habe, als sie mir meine Vaterschaft gestanden hat. Natürlich hätte ich ihr das lange Schweigen zum Vorwurf machen können. Aber ich wurde in diesem Moment mit einer neunzehnjährigen Tochter beschenkt, die ich von einem kleinen, unsicheren Mädchen zu einer unglaublichen Frau heranwachsen gesehen habe. Dasselbe trifft auf dich zu. Auch wenn du weitaus mehr Zeit hast, Lexys Entwicklung bewusst mitzugestalten. Denn das möchte Cana: Einen Vater für Lexy, der nicht nur die Bezeichnung trägt, sondern diese auch verdient hat. Also stelle dich darauf ein, in sämtliche wichtige Entscheidungen miteinbezogen zu werden, ob du willst oder nicht.“
+++

Ohne großes Nachwort, das innig erwartete Kapitel.
Zur Überschrift: Ich habe lange nach einer passenden Überschrift gesucht. Donnerwetter ist sowohl ein veralteter Begriff für Gewitter und zeitgleich die Beschreibung einer lautstarken Auseinandersetzung, deshalb passt diese Zweideutigkeit hier perfekt.
Vielen Dank für die Reviews zum letzten Kapitel! Vor allem, dass das Ende nicht für allzu grausam für euch beschrieben wurde. Schreibt ruhig eure Meinungen zu diesem Kapitel, ich bin gespannt auf eure Reaktionen!
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