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Schritt für Schritt

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16
Cana Alberona Gajeel Redfox Laxus Dreyar Levy McGarden
04.06.2020
03.12.2020
27
90.096
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08.10.2020 3.297
 
Kapitel 19 – Ruhe vor dem Sturm

Lupita Esqueda entpuppte sich als energiegeladene, quirlige Frau, die nach sage und schreibe drei Sekunden von ihrem Stuhl aufsprang und mit sichtbarem Enthusiasmus Lexys Unterlagen überflog. Dabei lief sie im Raum auf und ab. Das wurde nur von kleinen Pausen des Stillstehens unterbrochen, wenn sie konzentriert auf eine Stelle in den Papieren blickte und nachdachte.  
Lexy war noch unter Aufsicht der Assistentin im Vorzimmer, in dem sie beschäftigt wurde. Laxus jedoch hatte es sich nicht nehmen lassen, mit in das Zimmer zu kommen. Bei Canas zögerlichem Protest hatte er nur vielsagend eine Augenbraue hochgezogen. Entsprechend schnell hatte sie es aufgegeben und seine Anwesenheit akzeptiert, wobei ihr das weitaus mehr Kopfzerbrechen bereitete als die von jemand anderem. Zu ihrer Erleichterung hatte Heilerin Lupita noch nichts in Hinblick auf Laxus gesagt, auch wenn ihr Blick kurz zwischen Lexy und Laxus bei der Begrüßung hin und her gehuscht war. Cana machte sich keine Illusionen, ob die Heilerin die Verwandtschaft bemerkt hatte, denn das war offensichtlich. Ansonsten hätte sie wahrscheinlich gegen sein Beisein in der Beratungssitzung protestiert.
Als sich Heilerin Lupita räusperte, zuckte Cana zusammen. Laxus‘ Blick, der ziellos im Zimmer umhergeschweift war, fokussierte sich auf die Heilerin.
„Nun, die ganzen Untersuchungen geben viel Aufschluss über die Probleme. Heiler Alvarez hat die richtigen Schlüsse gezogen, eine Lacrima-Transplantation in Alexias Körper kommt bei ihrer physischen Konstitution nicht in Frage.“
„Lacrima-Transplantation? Ihr führt diese absurden Eingriffe am Körper noch immer durch?“ Laxus‘ Stimme klang gepresst und Cana erkannte, wie sehr er um seine Beherrschung kämpfte.
Heilerin Lupita runzelte die Stirn. „Noch immer? Wir haben damit erst vor rund dreizehn Jahren angefangen. Die bis dato durchgeführten Transplantationen wurden von Möchtegern-Heilern vollzogen, mit entsprechenden Folgen für die Patienten. Soweit mir bekannt ist, gab es eine Überlebensrate von gerade einmal zwanzig Prozent, weil die Körper auf die Prozedur nur ungenügend und meist gar nicht vorbereitet wurden. Die beiden Dragon Slayer von Sabertooth sind die ersten Patienten des Instituts gewesen.“ Cana klappte der Mund auf.
„Was?“, kam es nur flüsternd über die Lippen ihres Begleiters, der schlagartig an Farbe verloren hatte.
„Ja. Nach umfassenden Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten kam man zu der Erkenntnis, nicht einfach eine leere Lacrima in den Körper einsetzen zu können. Sie muss vorher mit genügend Magie des zukünftigen Besitzers aufgeladen werden, um keine Schmerzen zu verursachen und eventuell sogar neben der Magiereserven noch die Lebenskraft aus dem Körper zu ziehen. Das war das Problem der illegal durchgeführten Operationen. Die meisten Personen hatten eine leere Lacrima, die ihnen eingesetzt wurde. Sobald zu viel Lebensenergie auf einmal entzogen wird, bleibt es nicht nur bei den enormen Schmerzen. Es kommt zu körperlichen Folgeschäden, an denen die meisten Personen kurz- oder langfristig sterben.“ Dann blickte sie Laxus an und sog scharf die Luft ein. „Ihr habt eine solche Operation durchstehen müssen, nicht wahr? Ich konnte eine seltsame Mischung an Magie spüren, die sich nur so erklären lässt. Meine magischen Fähigkeiten sind für die meisten magischen Tätigkeiten nutzlos, doch in meinem Beruf das absolute Gegenteil. Ich kann magische Quellen aufspüren, egal ob menschliche oder künstliche. Deshalb sehe ich bei Ihnen zwei verschiedene Quellen, die sich vollständig ineinander vermischt haben.“
„Man hat immer behauptet, die Operation wäre von einem Heiler des Instituts für Magische Forschung durchgeführt worden“, murmelte Laxus tonlos, als ob er das eben Gehörte kaum begreifen konnte. Cana durchzuckte aufrichtiges Mitgefühl und nachdem sie einen Moment mit sich gekämpft hatte, nahm sie all ihren Mut zusammen und legte ihre Hand auf seinen Unterarm. Unter ihren Fingern spürte sie ein Zusammenzucken, doch dann entspannte sich sein Körper wieder.
„Die Magische Forschung hat sich noch nie mit diesen Aspekten beschäftigt. Sie sind allein für die Entwicklung und Verbesserung der Lacrima zuständig. Entweder jemand hat sich als Mitglied der Forschung ausgegeben oder …“ Nun schien Heilerin Lupita zum ersten Mal verunsichert zu sein, doch Laxus stieß nur ein bitteres Lachen aus.
„Nein. Wahrscheinlich hat Ivan seine ganze Familie belogen, um einen noch stärkeren Magier als Sohn zu bekommen. Mit Sicherheit ist er zu dem kostengünstigsten Heiler gegangen, der diese Operationen angeboten hat.“ Kurz hielt er inne und runzelte die Stirn. „Ich kann mich auch an nichts mehr erinnern, nachdem ich in den Zug mit ihm eingestiegen bin. Erst wieder, als ich in meinem Bett zuhause lag und vor Schmerzen noch nicht einmal mehr wimmern konnte. Zwei Wochen lang.“
Cana schluckte und bemerkte, wie Heilerin Lupita den Blick abwandte, bevor sie sich räusperte und mit neuem Elan auf die Blätter vor sich blickte.
„Nun. Wie gesagt, Alexia ist für einen solchen Eingriff schlicht und ergreifend zu jung. Normalerweise spielt man ab dem zehnten Lebensjahr mit diesem Gedanken, doch offensichtlich liegt das viel zu weit in der Zukunft. Es gibt allerdings eine Alternative, die weitaus einfacher und kostengünstiger ist.“ Cana richtete sich hoffnungsvoll auf. „Training. Es ist ungewöhnlich früh, doch Alexia wird anfangen müssen, ihre Magie zu trainieren und vor allem die Kontrolle über diese zu erlangen. Wenn sie regelmäßig ihre Magiereserven fast vollständig aufbraucht, wird sie hoffentlich keine Probleme mehr mit den magischen Anfällen haben.“
„Training?“ Canas Sicht begann, zu verschwimmen. Wenn Lexy trainieren sollte, dann musste sie über die Natur ihrer Magie Bescheid wissen. Mit anderen Worten, sie würde ihre Magie entweder selbst erforschen müssen, was angesichts ihres Alters nahezu unmöglich war. Oder sie musste das tun, wovor sich Cana insgeheim fürchtete.
„Sie wird mit dem Elternteil trainieren müssen, dessen Magie sie geerbt hat. Um ihre Magie selbstständig erforschen zu können, ist sie zu jung und könnte sich ernsthafte Schäden zufügen. Wenn das nicht die Magie der Mutter ist, wie hier vermerkt wurde, wird sie mit ihrem Vater trainieren müssen und das so schnell wie möglich. Ich kann nicht versprechen, damit eine dauerhafte Lösung zu garantieren, dennoch sollte sich die Verschlechterung von Alexias Zustand enorm verlangsamen oder sogar vollständig zum Erliegen kommen. Wobei es in seltenen Fällen auch ein Generationensprung vorkommt und die Magie von Großeltern übertragen wird, sollten diese ebenfalls Magier gewesen sein.“
„Und wenn das nicht der Fall ist?“ Laxus hatte sich scheinbar wieder gefangen, denn sein Tonfall war wieder wie gewohnt. Nun zögerte Heilerin Lupita und biss sich kurz auf die Unterlippe, bevor sie tief Luft holte.
„Es gibt eine neue Behandlungsmethode in Form eines Lacrima, das direkt auf der Haut aufliegt und so als eine Art Katalysator für das kontrollierte Freisetzen von Magie fungiert. Allerdings muss auch hier die Person über eine gewisse Grundkontrolle ihrer magischen Fähigkeiten verfügen. Wir nutzen diese Trainingsmöglichkeit momentan hauptsächlich für den Versuch, dadurch die magischen Reserven einer Person zu vergrößern. Natürlich würden wir für Alexia eine andere Lacrima züchten, die nur bei Erreichen einer bestimmten Magiemenge im Körper automatisch aktiv wird und die überschüssige Magie in sich speichert. Nach und nach würde sie diese dann in geringen Dosierungen an die Außenwelt abgeben, sodass die Umgebung dies nicht mitbekommt. Nur wenige Tierarten wie Volcans könnten diese Dosis erkennen, aber nicht der menschliche Körper. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das bei Dragon Slayern nicht ebenfalls der Fall sein könnte, da ihre Sinne weitaus sensibler sind als die eines normalen Magiers.“
Cana hörte nur noch mit halbem Ohr zu, da sie ganz andere Sorgen hatte. Jeder, wirklich jeder hatte ihr es prophezeit, doch sie hatte es einfach nicht über sich gebracht. Jetzt hatte sie sich eine Sackgasse geschaffen, aus der sie nicht ohne Konflikte und verletzte Gefühle herauskommen würde. Sie schloss entkräftet die Augen. Es half alles nichts. Sie würde mit Laxus noch heute ein klärendes Gespräch führen müssen. Sie hoffte nur, er würde trotz seines berechtigten Zorns nicht Lexy anstelle von ihr leiden lassen, sondern das Training mit seiner Tochter aufnehmen.
„Miss Alberona?“ Die fragende Stimme der Heilerin riss sie aus ihren Gedanken und sie schüttelte den Kopf, um aus dieser verhängnisvollen Spirale an Gedanken zu entkommen.
„Entschuldigung. Das ist nur alles etwas viel im Moment“, brachte sie mühsam über die Lippen. SIe fühlte sich nur noch elender, als sie mit einem mitfühlenden Blick vonseiten der Heilerin und einem prüfenden vonseiten Laxus bedacht wurde.
„Das verstehe ich. Ich würde noch gern ein paar Tests mit Alexia hinsichtlich ihrer magischen Stärke und der überschäumenden Magie in ihrem Körper durchführen. So können wir das Elixier für die Spritzen gegebenenfalls etwas anpassen und feiner dosieren. Ihr Partner hat mir bereits die Symptome geschildert, die sie bei jeder einzelnen Prozedur davontragen. Ich denke, wir können vor allem die Verbrennungen erheblich reduzieren, vielleicht sogar vollständig verschwinden lassen.“
Cana flüsterte ein lautloses „Danke“ in Laxus‘ Richtung, welches mit einem Schulterzucken abgetan wurde. Doch er hatte einen eigenartigen Ausdruck in den Augen, der ihr Magenschmerzen bereitete. Von daher war sie froh, als Heilerin Lupita zur Tür ging und ihre Assistentin darum bat, Lexy ins Zimmer zu holen. Danach trat die Heilerin an einen der Wandschränke aus hellem Holz und holte ein paar Geräte heraus: Eine Art Blutdruckmessgerät, eine Lacrima, die die Form eines Thermometers hatte und ein Armband, dessen einzelne Kettenglieder aus verschiedenfarbigen Steinchen bestanden.
„Mama, hier gibt es eine wirklich tolle Burg zum Spielen!“ Begeistert stürmte Lexy in den Raum und lief zu Cana, um energisch an ihrem Oberteil zu zupfen. Cana löste vorsichtig die Hand von Lexy aus ihrem langen Top und umfasste auch die andere Hand ihrer Tochter, um sie ernst anzublicken.
„Wir sind leider nicht zum Spielen hier. Kannst du dich bitte auf die Liege dort drüben setzen?“ Lexy bekam große Augen und einen ängstlichen Gesichtsausdruck, was Heilerin Lupita zu bemerken schien, denn sie beugte sich zu Lexy hinunter.
„Es tut nicht weh. Eigentlich lege ich dir nur dieses Armband an und dann messen wir kurz mit diesem Messgerät hier etwas an deinem Oberarm.“ Lexy biss sich auf die Lippen, aber nachdem Cana ihr beruhigend zugenickt hatte, schluckte sie hörbar und lief vorsichtig auf das Bett zu. Erst dann wurde Cana bewusst, wie hoch die Liege für Lexy war und wollte aufstehen, um ihr zu helfen. Doch bevor sie sich auch nur eine Handbreit von ihrem Stuhl erhoben hatte, stand Laxus schon an Ort und Stelle. Er half Lexy, sich auf die Unterlage aus Papier zu setzen, die über dem hellgrünen Kunstleder lag. Für einen winzigen Augenblick spürte Cana eine elektrische Spannung im Raum, die jedoch schnell wieder verschwand und sie wusste nicht, ob sie sich diese vielleicht nur eingebildet hatte.
„Mama?“ Lexys zögerliche Stimme lenkte sie von ihren Gedanken ab. Cana stand auf und ging hinüber, wo sie zwei ängstliche grüne Augen flehend anblickte. Sie verstand sofort, worum es ging und nahm Lexys Hand in die ihre, bevor sie Heilerin Lupita anblickte.
„Welchen Arm benötigen Sie?“ Lupita zuckte mit den Schultern.
„Das ist egal, ich nehme einfach den freien hier.“ Mit diesen Worten trat sie zu Lexy und zeigte ihr das Armband, dessen bunte Perlen Cana erst jetzt als winzige Lacrimas identifizieren konnte. „Wir können sowohl das Armband als auch die Messung am gleichen Arm durchführen, streng genommen ist das sogar von Vorteil. – So, kleine Lady, einmal bitte die Finger eng zusammenpressen und den Daumen so beugen, damit er das Innere deiner Hand berührt. Warte, ich zeige es dir kurz.“ Mit diesen Worten machte sie Lexy vor, wie sie ihre Hand zu halten hatte. Nachdem das Mädchen dies getan hatte, streifte sie ihr das Armband über die Hand, wo es kurz aufglühte und seine Größe veränderte, bis es eng an Lexys Handgelenk anlag. Doch da Lexy keinerlei Unbehagen zeigte, konnte es nicht allzu fest zusammengezogen sein und Lexy betrachtete das Armband sogar interessiert.
„Es ist hübsch“, stellte sie zufrieden fest und hielt den Arm zu Laxus, der einen Schritt zurückgetreten war und schräg hinter der Heilerin stand. „Schau mal!“
Laxus nickte und ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Es ist wirklich schön.“
„Nun gut. Das Armband misst bereits die Magiekonzentration, es benötigt allerdings ein paar Minuten.“ Lupita hob die Thermometer-Lacrima hoch, deren unteres Ende zu glühen begann. Nach einigen Augenblicken stieg das Glühen wie das Quecksilber in einem Thermometer langsam nach oben. Sie nickte zufrieden. „Perfekt. Wenn das gesamte Innere gleichmäßig leuchtet, ist die Konzentration im gesamten Körper überprüft worden und die Lacrima berechnet den Durchschnitt von dieser.“ Dann legte sie die Lacrima neben Lexy, die das Leuchten neugierig beobachtete und nahm das zweite Messgerät in die Hand, bei dem sie die beiden Klettverschlüsse voneinander löste. „Das hier lege ich um deinen Oberarm. Es wird sich mit Luft füllen, wenn ich diesen Knopf hier drücke.“ Sie zeigte auf den einzigen Knopf des Geräts. „Deshalb wird es enger werden, aber es drückt nur leicht und geht auch direkt wieder weg.“ Sie legte das Band um Lexys Oberarm und zog es fest, dann wandte sie sich Cana zu.
„Hiermit messen wir, wie schnell die Magie in Lexys Körper ansteigt, damit wir die besten Intervalle für das Training bestimmen können. Trotz der überschüssigen Magie müssen wir immer noch darauf achten, nicht zu viel magische Anstrengung zu verursachen, weil das ebenso fatal sein könnte. Bevor ich es vergesse: Wir werden wöchentliche Überprüfungen vereinbaren müssen, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Vor allem bei einer heranwachsenden Magierin wie Alexia kann sich die Entwicklung wöchentlich ändern. Frühestens ab dem zehnten Lebensjahr stabilisiert sich das halbwegs und verändert sich eher monatlich.“ Auf Canas Nicken drückte sie behutsam den Knopf.
Cana spürte, wie Lexy ihre Hand auf einmal stärker umklammerte, wahrscheinlich erschreckt durch das leise Summen, das die Luftzufuhr in das Messband begleitete.
Doch Lexy entspannte sich einen Augenblick später und blickte erneut fasziniert auf das Band, das sich allmählich aufblies. Noch nicht einmal, als das Summen verstummte und eng um ihren Arm gepresst war, zeigte sie ein Anzeichen an Unbehagen. Nach ein paar Sekunden löste sich das Band wieder und Lupita begann, dieses von Lexys Arm zu lösen.
Cana ertappte sich dabei, wie sie auf die Anzeige des Geräts schielte, doch leider spiegelte das Licht im Raum zu sehr. Nervös biss sie auf ihrer Unterlippe herum, während sie wartete, bis Lupita erneut das Wort ergriff. Die innere Ungeduld, die sie ergriffen hatte, machte sich in einem unruhigen Flattern in ihrer Magengegend bemerkbar. Zu ihrem Glück hielt sich Lupita auch nicht lange mit Aufräumen auf, sondern packte alle Geräte einfach auf den Beratungstisch, an dem sie vorhin noch gesessen hatten.
„Lexy, du kannst wieder zu Anna gehen. Wir müssen hier nur noch eine kurze Zeit reden, dann kommen deine Mutter und ihr Partner ebenfalls zu dir.“
Cana warf einen vorsichtigen Blick zu Laxus, doch er starrte Lexy gedankenversunken an und schien die Äußerung von Lupita gar nicht erst gehört zu haben. Allerdings bemerkte sie erneut einen Ausdruck auf seinem Gesicht, der in ihre eine dunkle Vorahnung auslöste. Sie konnte diese zwar nicht begründen. Doch es reichte, um ihren Mund trocken und ihre Hände nass vor Nervosität machen zu lassen.
Einige Zeit herrschte angespannte Stille, die nur durch das Kratzen von Lupitas Bleistift auf Papier unterbrochen wurde. Schließlich legte Lupita den Stift zur Seite, überflog noch einmal ihre Notizen und verschränkte ihre Hände ineinander.
„Wenn ich mir die alten Unterlagen von Heiler Alvarez anschaue, ist Alexias magische Entwicklung verknüpft mit ihrem körperlichen Wachstum. Jedoch steigt sie nicht gleichmäßig an. So rasant, wie sich ihre magische Stärke entwickelt hat, muss es nicht immer sein. Deshalb werden die aktuell wöchentlich notwendigen Sitzungen irgendwann zu monatlichen werden, wie ich bereits vermutet habe.“ Sie blickte abermals auf ihre Notizen und runzelte die Stirn. „Was mir allerdings Sorge bereitet, ist sowohl die Magiekonzentration im Körper als auch der Anstieg. Beide Dinge übersteigen alle, die ich bisher gesehen habe. Eine solche Situation wie Alexias kommt normalerweise nicht allzu oft vor. Ich vermute, es liegt an ihrer Abstammung – Gildarts Clives hier wird als Großvater angegeben? Als wir ihn untersucht haben, um bezüglich Alexias magischer Entwicklung mögliche Anhaltspunkte zu bekommen, ist uns die hohe Konzentration aufgefallen. Deshalb der anfängliche Verdacht, sie hätte die Magie von ihm geerbt. Doch das war nicht der Fall und weitere Verwandte sind nicht bekannt.“
Cana bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Laxus seine Sitzposition veränderte und an die Stuhllehne fasste, die aus einem hellbraunen Kunststoff bestand. Sie öffnete den Mund, doch Lupita fuhr fort.
„Die Trainingseinheiten können länger und in kürzeren Abständen durchgeführt werden, als ich zunächst angenommen hatte. Einmal pro Woche ist zwar völlig ausreichend, jedoch werde ich Alexia das Armband mitgeben. Sie sollte direkt nach dem Training überprüft werden, jedes einzelne Mal. Das Ergebnis muss notiert werden, damit wir bei jedem wöchentlichen Termin überprüfen können, ob wir etwas an den Plänen für die Verlangsamung ihrer Anfälle ändern müssen.“ Sie seufzte und holte ein neues Blatt Papier aus dem Schreibtischcontainer. Auf das kritzelte sie wie wild Zahlen und Worte, die man vielleicht sogar entziffern konnte, wenn man sie nicht auf dem Kopf lesen musste wie Cana. So wartete sie einmal mehr ungeduldig, aber trotzdem schweigend, bis Lupita ihre neuen Notizen beendet hatte.
Schließlich nickte die Heilerin und überflog das nun vollständig beschriebene Papier kritisch, bevor sie es zu Cana auf die andere Seite des Tisches schob.
„Das hier ist die neue Rezeptur für das Elixier. Geben Sie einfach diesen Zettel in der Apotheke ab, dort wird man es direkt zusammenmixen können. Ich habe die Konzentration etwas verdünnt, so sollten die Verbrennungen erheblich abgeschwächt sein. Allerdings bedeutet das eine längere Zeitspanne, bis Alexia die Magie vollständig an ihre unmittelbare Umgebung abgegeben hat. Keine Sorge, es ist nicht unangenehm für Ihre Tochter, zumindest nicht unangenehmer als jetzt.“

+++


Die gesamte Rückfahrt im Zug über hüllte sich Laxus in Schweigen und zeigte noch nicht einmal Anzeichen von seiner Übelkeit, die ihn noch auf der Hinfahrt geplant hatte. Zusammen mit der Erinnerung an sein seltsames Benehmen im Institut für Magische Forschung löste das in Cana erneut eine Welle der inneren Unruhe aus. Doch sie versuchte sich abzulenken, indem sie Lexy die gesamte Fahrt über die Burg ausfragte. Natürlich war ihre Tochter hellauf begeistert, in voller Länge über alle Einzelheiten des Bauwerks an sich und der Figuren zu sprechen.
Erst als sie Lexy wie versprochen bei Gildarts abgegeben hatte, der mit seiner Enkeltochter zu zweit den Abend verbringen wollte, wagte es Cana, Laxus länger als eine Sekunde anzublicken. Er war ebenfalls schweigsam mit zu Gildarts gelaufen und hatte dessen Begrüßung nur halbherzig erwidert, da er immer noch in Gedanken versunken zu sein schien. Gildarts hatte es wahrscheinlich noch nicht einmal bemerkt oder es einfach ignoriert. Aber Cana kannte Laxus. Er hatte sich in dieser Hinsicht noch nicht geändert: Wenn ihn etwas wirklich beschäftigte, machte er das wortlos mit sich selbst aus, bevor er zu einem endgültigen Entschluss kam. Ihn während dieser Phase zu einer Aussage zu nötigen, glich einem unmöglichen Vorhaben und doch hatte sie es schon mehr als einmal geschafft, zu ihm durchzudringen.
Langsam lief Cana mit Laxus zurück zum Gildengebäude. Doch auf einer der vielen Brücken in Magnolia fasste sie sich ein Herz, atmete ein letztes Mal tief durch und drehte sich zu Laxus um, der augenblicklich stehenblieb. Sein undeutbarer Blick ließ sie kurz innehalten, doch dann rückte sie endlich mit der Frage hinaus, die sie seit der Ankunft bei Heilerin Lupita beschäftigte.
„Was geht dir seit Stunden durch den Kopf?“
Laxus öffnete mehrmals den Mund, nur um ihn nach einem Kopfschütteln erneut zu schließen. Schließlich schloss er die Augen, massierte sich wie zur Beruhigung kurz die Nasenwurzel und blickte sie intensiv an.
„Wann wolltest du mir beichten, dass Lexy meine Tochter ist?“

+++

So, ich gehe mich dann vorsichtshalber begraben bis nächste Woche. Ihr glaubt mir zwar nicht, aber dieser Cliffhanger tut mir echt leid. Nur wäre das Kapitel einfach zu lang geworden. Dafür dürft ihr euch nächste Woche auf das Gespräch freuen, auf das ihr seit Beginn schon wartet.
Übrigens: Vielen, lieben Dank für die Reviews zum letzten Kapitel. Ich saß seit zwei Monaten an einer anderen, späteren Stelle in der Geschichte und eure Rückmeldungen haben mir wirklich geholfen, diese Blockade zu durchbrechen. Dieser Cliffhanger ist zwar kein nettes Dankeschön, aber ich hoffe, ihr freut euch trotzdem über die neuen Entwicklungen.
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