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Schritt für Schritt

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16
Cana Alberona Gajeel Redfox Laxus Dreyar Levy McGarden
04.06.2020
03.12.2020
27
90.096
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17.09.2020 3.168
 
Kapitel 16 – Eine neue Perspektive

Levy summte vergnügt, während sie im Buchladen nach der Neu-Erscheinung ihrer Lieblingsautorin suchte. Der Buchhändler, der sie mehrmals pro Woche zu Gesicht bekam, schüttelte lächelnd den Kopf.
„Verehrtes Fräulein, dort hinten werden sie Cassandras neuestes Werk nicht finden. Durch den Erfolg des letzten Bandes wurde eine Promotionsaktion von meiner Tochter geplant. Das Buch finden Sie ausnahmsweise auf dem Ausstellungspodium vor den Bestsellern.“
Levys Augen wurden groß und sie befolgte die Anweisung des älteren Mannes, der nur den Kopf schüttelte. Sie errötete leicht, denn jetzt fielen ihr ebenfalls die großen Banner auf, die in verschiedenen Farben leuchteten und in bunter Schrift Cassandras Buch ankündeten.
„Manchmal übersieht man aus reiner Gewohnheit wichtige Veränderungen, nicht wahr?“, bemerkte der Buchhändler etwas kryptisch und Levy blinzelte verwirrt, bevor sie nickte. Zwar hatte sie nicht den blassesten Schimmer, auf was der Mann eigentlich anspielte, aber sie verstand seine Aussage. Immerhin hatte sie eben wirklich nicht auf den Ausstellungstisch geschaut, sondern war wie gewohnt in die Ecke gelaufen, in der bisher alle anderen Neuerscheinungen von Cassandra ausgelegt worden waren.
Zu ihrer großen Überraschung war scheinbar bereits ein Buch gekauft worden und das, obwohl sie innerhalb der ersten Stunde seit Beginn der Öffnungszeiten in den Laden gekommen war. Scheinbar gab es noch einen weiteren, noch leidenschaftlicheren Fan als sie, stellte sie mit einem amüsierten Grinsen fest. Andererseits öffnete der Buchladen auch erst um elf, was relativ spät im Vergleich zu den anderen, kleinen Geschäften in der Fußgängerzone war.
Insgeheim musste sie sich eingestehen, ihre Laune nicht wenig der längst überfälligen Entschuldigung gegenüber Gajeel verdanken zu haben. Die Last, die von ihren Schultern gefallen war, hatte sie die letzten Jahre mehr als gedacht beschäftigt. Nun, da sie endlich mit dem Thema für sich abgeschlossen hatte oder zumindest auf einem guten Weg dahin war, fühlte sie sich umso befreiter. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen dachte sie an ihre beiden Teamkollegen. Seit dem „Gildenhallen-Vorfall“, wie sie ihre lautstarke Auseinandersetzung mit Gajeel vor mehreren Jahren betitelt hatte, hatte sie auch ihre beiden einstigen besten Freunde vernachlässigt. Vielleicht war es jetzt an der Zeit, endlich einmal wieder das Team Shadow Gear zu aktivieren.
Grübelnd bezahlte Levy für das Buch und war zu sehr in ihre Gedanken versunken, um das geheimnisvolle Lächeln des Buchhändlers nicht zu bemerken.
Sie lief in die Gildenhalle zurück, das Buch sicher mit beiden Händen umfasst und gegen ihren Oberkörper gepresst. Dabei überlegte sie fieberhaft, wie sie ihre beiden besten Freunde am schnellsten um Verzeihung und im gleichen Zug um einen gemeinsamen Auftrag bitten konnte. Die beiden würden sofort zusagen, das war ihr bewusst, doch das tat nichts für ihre schlechtes Gewissen. Jed und Droy hatten sieben Jahre auf sie gewartet. Nur um sie nach ein paar Jahren erneut für längere Zeit zu verlieren, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, um ihren Freunden Aufmerksamkeit schenken zu können.
Ebenso hatte sie ihre weiblichen Freundinnen ebenfalls sträflichst vernachlässigt, auch wenn diese es aufgrund ihrer aufblühenden Beziehungen wahrscheinlich nicht so sehr bemerkt hatten. Doch allein mit Lucy hatte sie in den letzten Monaten kaum mehr als ein Dutzend Gespräche geführt, die alle in ihrer gedanklichen Abwesenheit geendet hatten. Jedes Mal waren ihre Gedanken einmal mehr zu einem gewissen Eisen Dragon Slayer abgeschweift.
Kurz bevor sie das Gildengebäude in Sicht kommen sah, erblickte sie Laxus, der mit verbissenem Gesichtsausdruck auf einer der steinernen Brücken stand und auf das unter ihm fließende Wasser blickte. Sie runzelte die Stirn, denn allein an seiner angespannten Haltung konnte sie erkennen, wie sehr der Dragon Slayer buchstäblich unter Strom stand. Normal wäre sie einfach weitergelaufen, doch irgendetwas in seinem Gesicht verriet ihr: Es ging hier um etwas mehr als eine kleine Verstimmtheit und so trat sie vorsichtig näher. Sie wusste, er konnte ihre Schritte hören. Trotzdem zeigte er keinerlei Anzeichen, sie zu begrüßen.
Schweigend stellte sie sich neben ihn. Sie warf ebenfalls einen Blick auf das Wasser, das ein leises, vergnügtes Plätschern mit jeder Welle von sich gab, die gegen die steinernen Brückenpfeiler schwappte.
Urplötzlich schoss ihr der Satz des Buchhändlers durch den Kopf.
„‚Manchmal übersieht man aus reiner Gewohnheit wichtige Veränderungen‘“, zitierte sie die Worte des Mannes und Laxus erkannte ihre Anwesenheit an, indem er ihr einen kurzen Blick zuwarf..
„Aus welchem Buch stammt denn dieser weise Satz?“, fragte er leicht spöttisch, was aber nicht den verzweifelten Unterton in seiner Stimme überdeckte.
Levy zuckte mit den Schultern. „Aus gar keinem, glaube ich. Doch dieser Satz wurde mir gegenüber vor ein paar Minuten geäußert. Je länger ich über ihn nachdenke, desto tiefsinniger finde ich ihn.“
Ein paar Augenblicke herrschte ein entspanntes Schweigen zwischen ihnen. Levy sinnierte, wann sie sich mit Laxus eigentlich das letzte Mal unter vier Augen unterhalten hatte. Es lag wirklich lange zurück, sie konnte sich noch nicht einmal mehr daran erinnern.
„Ich bin einfach komplett durcheinander.“ Laxus‘ müde Stimme durchbrach die Stille und Levy schwieg weiterhin. Sie merkte, der Magier war noch nicht fertig. „Seit sie wieder da ist, bekomme ich nachts kaum ein Auge zu, weil mir so viel durch den Kopf geht. Doch jedes Mal, wenn ich sie sehe, mischt sich in diese Freude auch Wut und je länger ich mit ihr rede, desto stärker wird diese. So stark, bis ich mit voller Absicht anfange, sie mit Worten zu verletzen. Einfach nur, um ihr heimzuzahlen, was sie uns allen vor sechs Jahren mit ihrem Verschwinden eigentlich angetan hat. Wie kann sie es wagen, hier einfach wieder aufzutauchen und so zu tun, als ob die letzten sechs Jahre nie passiert wären? Während sie gleichzeitig ein Balg mit irgendeinem dahergelaufenen Bastard hat, dessen Namen sie noch nicht einmal verraten will!“ Alarmiert bemerkte Levy, wie sich die Luft um sie angesichts Laxus‘ stärker werdenden Wut statisch auflud und sich ihre Nackenhaare aufstellten.
„Hast du noch nicht versucht, mit ihr darüber zu reden?“ Sie bemühte sich, ihre Stimme fest klingen zu lassen, um ihre aufsteigende Nervosität zu verbergen. Zwar konnte Laxus diese Art von Emotionen nicht einfach riechen, doch sie wollte zumindest den Anschein wahren. Ein tiefes Seufzen erklang neben ihr und sie bemerkte erleichtert, wie die Spannung in der Luft geringer wurde.
„Tut mir leid. Es ist nur … Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich mache. Offensichtlich hat sie ihr Leben perfekt weitergeführt, während ich eine Illusion hinterhergetrauert habe. Wie hältst du das denn aus? Ich meine, Gajeel hat noch kein Balg mit dieser Nora, aber das ist doch auch nur eine Frage der Zeit.“
Levy unterdrückte mit Mühe ein Zusammenzucken.
„Sie heißt Noelle“, merkte sie abwesend an und ignorierte sein Schnauben, während sie überlegte. „Ich weiß es nicht“, gestand sie ihm schließlich ehrlich. „Aber ich habe vor ein paar Tagen Noelle im Park getroffen. Gajeel ist ihr wichtig und sie ihm offenbar ebenfalls, auch wenn beide mehr streiten als alles andere. Wahrscheinlich fällt es mir deshalb etwas leichter, sie zu akzeptieren. Abgesehen davon bin ich selbst schuld an der Situation. Wenn ich damals nicht so ausgeflippt wäre, hätte es sich wahrscheinlich vollkommen anders ergeben.“
„Du bist zu gutmütig“, meinte Laxus nur. „Allein der Gedanke daran, Cana hätte jemandem geheiratet … Nein. Ich bin einfach zu egoistisch dafür. Oder zu besitzergreifend.“
„Warum akzeptierst du Lexy dann, wenn sie offensichtlich ein Bastardbalg ist?“ Laxus fuhr gereizt zu ihr herum und sie zuckte angesichts des hasserfüllten Blicks in seinen Augen zusammen.
„Nenn. Lexy. Nicht. So.“ Einen Augenblick später lehnte er sich erschöpft gegen das Brückengeländer und vergrub erschöpft den Kopf in den Händen. „Entschuldigung. Ich weiß noch nicht einmal, was über mich gekommen ist. Eigentlich sollte sie mir egal sein. Ist sie aber nicht.“
Levy wusste es durchaus. Sie hasste es, ihm nicht die Wahrheit erzählen zu können, wenn es ihn offensichtlich an den Rand des Wahnsinns trieb. Doch egal wie sehr es sie schmerzte, Laxus in dieser Verfassung zu sehen, sie würde sich nicht einmischen. Das einzige, was sie tun konnte, war ihn in die richtige Richtung zu lenken.
„Dass Cana ein perfektes Leben geführt hat, bezweifle ich.“ Sie wählte ihre Worte vorsichtig, denn sie spürte anhand der Spannung in der Luft, wie Laxus‘ Gereiztheit noch immer unter der scheinbar ruhigen Oberfläche schwelte. Ein falscher Satz und sie würde erneut ausbrechen.
„Und wenn schon, es ist das Leben, das sie sich selbst ausgesucht hat. Ohne es vorher mit irgendjemandem zu beratschlagen außer ihr selbst.“ Wenn Levy nicht so viele Bücher über psychologische Verhaltensanalyse gelesen hatte – meist auch, um aus Gajeels Verhalten schlau zu werden – hätte sie die tiefe Verletztheit unter der brodelnden Wut in Laxus nicht gehört. Doch deshalb schüttelte sie den Kopf und seufzte.
„Falls du es noch nicht bemerkt hast: In Canas Leben dreht sich alles um Lexy. Für sie selbst ist da kein Platz. Das ist normal bei alleinerziehenden Müttern. Vor allem bei solchen, die wie Cana einen gewissen Ballast aus ihrer eigenen Kindheit tragen und alles dafür tun wollen, ihren Kindern derlei Erfahrungen zu ersparen. Cana selbst hat sich nie wertvoll genug gefühlt, um Gildarts seine Vaterschaft zu beichten. Sie möchte nicht, dass es Lexy ebenso geht. Ob das völlige Verschweigen über den biologischen Vater besser ist, wage ich zu bezweifeln, doch Cana hat sich damals dafür entschieden. Unterbewusst hat ihre eigene Überforderung mit der Situation einen erheblichen Beitrag geleistet, doch ich verstehe das. Wenn Cana zusätzlich zur ungeplanten Schwangerschaft, denn Lexy war eine solche, noch Schwierigkeiten mit dem Erzeuger hätte, wäre jemand in dieser Dreier-Konstellation auf der Strecke geblieben. Ich wette, das wäre Lexy gewesen.“
Laxus blieb für so lange Zeit stumm, dass sich Levy zu fragen begann, ob er ihrem ausschweifenden Monolog überhaupt zugehört hatte. Doch dann erklang ein ersticktes Geräusch von ihm, das sich als unterdrücktes Lachen herausstellte.
„Du kannst ganz schön gruselig sein, wenn du deine Bücherwurm-Kenntnisse über menschliches Handeln auspackst, Kleine.“ Abwesend wuschelte er ihr durch die ohnehin zerzausten Haare, doch Levy grinste nur erleichtert. Scheinbar waren ihre Worte genau die richtigen gewesen, denn die elektrische Spannung in der Luft war vollständig verflogen.

+++


„Wir sollten Jii-jii davon erzählen.“ Angesichts des bockigen Gesichts ihrer Tochter unterdrückte Cana ein Seufzen. Sie wusste genau, wie die Situation enden würde, ganz egal was sie ihrer Tochter als Antwort gab.
„Nein. Ich bin alt genug, um mich um meine eigenen Probleme zu kümmern. Gildarts‘ Eingreifen würde das nicht besser machen, eher noch schlimmer.“ Doch Lexy schob nur trotzig ihre Unterlippe hervor.
„Er hat dich zum Weinen gebracht!“
„Wer?“ Ruckartig drehte sich Cana um, als eine männliche Stimme hinter ihr ertönte. Sie sah Gajeel, der gemütlich hinter ihnen schlenderte und nun zu ihnen aufschloss.
„Der blonde Magier“, murmelte Lexy leicht eingeschüchtert, nachdem sie einen kurzen Blick auf Gajeels wilde schwarze Mähne, seine roten Augen und die vielen Piercings in seinem Gesicht geworfen hatte.
„Laxus?“ Gajeel schnaubte. „In welcher Woche bringt er denn niemanden zum Weinen? Wenn ich nur an die ganzen Frauen denke, die er direkt vor dem Gildenhaus abgefertigt hat nach einer gemeinsamen Nacht. Sorry“, fügte er im Nachhinein an, doch der kurze, scharfe Stich war bereits durch Canas Herz gefahren.
Sie räusperte sich und fuhr sich durch die Haare. „Laxus kann selbstständig entscheiden, wie er seine Freizeit verbringt.“ Selbst in ihren Ohren klang der Satz unnatürlich steif und gezwungen, doch Gajeel quittierte das nur mit einem vielsagenden Blick.
„Das ist nicht der Weg zum Gildenhaus“, merkte er ein paar Blöcke später an und Cana nickte.
„Ist es nicht. Lexy und ich haben einen Termin in der Vorschule und danach bei der Heilerin in Clover.“
„Dann viel Spaß. Mach dir keinen allzu großen Kopf über Laxus, er kühlt ebenso schnell wieder ab wie er aufbraust.“ Mit diesen Worten wandte sich der Eisen Dragon Slayer zum Gehen, während Cana ihm erstaunt hinterher starrte. Gajeel mochte zwar ungehobelt wirken, doch in den letzten Jahren war er gereift. Sie hatte in seiner Stimme definitiv die Zuversicht gehört, die er ihr vermitteln wollte.
„Wieso verteidigen ihn alle?“ Lexy zupfte an Canas knielangem, hellblauen Kleid und Cana blickte in die fragenden Augen ihrer Tochter. Mühsam rang sie sich ein Lächeln ab, das selbst ein fünfjähriges Mädchen nicht überzeugen konnte, denn Lexy blickte noch eine Spur verwirrter drein.
„Weil ich ihm sehr weh getan habe“, versuchte sie sich an einer Erklärung und nahm gedankenverloren die Hand ihrer Tochter in die ihre.
„Dann kannst du dich doch einfach entschuldigen“, murmelte Lexy. „Ich mag ihn wirklich. Wenn er gemein zu dir ist, fühle ich mich schlecht, weil ich ihn dann nicht mögen sollte, es aber trotzdem tue. Und ich weiß nicht, warum.“
Cana biss sich auf die Lippen, denn sie wusste den Grund nur zu gut. Zumindest ahnte sie es: Lexys Nase erkannte den Geruch ihres biologischen Vaters. Damit wurde ihrem Unterbewusstsein vermittelt, Laxus sei nicht bedrohlich, sondern eine vertrauenswürdige Person. Das wiederrum zeigte sich in Lexys Sympathie ihm gegenüber.
„Eine einzige Entschuldigung ist leider nicht genug, Lexy. Aber wir sind da.“ Fast erleichtert betrachtete Cana das mittelgroße, dreistöckige Haus mit einer hellgelben Hauswand, die zusammen mit den weiß bemalten Fensterrahmen einen freundlichen, offenen Eindruck vermittelte. Der schmale, aber gut gepflegte Vorgarten tat sein Übriges. Sie hatte bereits jetzt das Gefühl, Lexy hier guten Gewissens abzugeben.
Ein Seitenblick auf ihre Tochter verriet ihr Lexys Neugier, denn diese schaute sich mit glänzenden Augen um, während sie gemeinsam zur Eingangstür liefen.
Nach einem kurzen Klopfen wurde die Tür aufgerissen und eine etwas atemlose, blonde Frau mit kurzen Ringellocken blickte sie überrascht an. Dann glitt ein Leuchten über ihr Gesicht.
„Cana, richtig? Tut mir leid, ich hatte das völlig vergessen – heute ist Lena, die andere Lehrerin ausgefallen und ich bin allein für alle acht Kinder zuständig. Aber kommt rein, wir können das Gespräch auch im Klassenzimmer abhalten. Die Kinder können so lange Übungsaufgaben machen.“ Dann fiel ihr Blick auf Lexy, die sie vorsichtig anblickte und sie strahlte regelrecht.
„Du musst Lexy sein, oder?“ Sie ging in die Hocke, um auf einer Augenhöhe mit dem Mädchen zu sein und musterte sie. Cana merkte, wie Lexys Hand ihre eine Spur stärker umklammerte.
„Ich bin Ophelia, du kannst einfach Lia zu mir sagen. Das tun hier alle. Im Moment sind alle im großen Raum und beschäftigen sich mit verschiedenen Aufgaben, mein Stellargeist passt auf sie auf.“
Lexys Augen wurden groß und sie ließ Canas Hand los, wie die Kartenmagierin belustigt feststellte. Scheinbar war die Faszination, eine Magierin als Lehrerin zu haben, größer als die Schüchternheit vor einer neuen Umgebung.
„Du bist auch eine Magierin?“
Lia lachte kurz. „Ja, wenn auch keine starke. Meine Magie reicht gerade einmal für die schwächeren Silberschlüssel. Aber Cartus passt gern auf die Kinder auf, wenn ich anderweitig zu tun habe. Es gibt nur einen Schlüssel für ihn und ihm ist im Stellaruniversum immer sehr langweilig, deshalb kann ich ihn jederzeit unbegrenzt rufen.“
Cana runzelte die Stirn. „Unbegrenzt?“
Lia zog überrascht eine Augenbraue hoch. „Sie haben Erfahrung mit Magie?“
„Mama ist auch Magierin, sie hat Karten!“, warf Lexy ein und lugte im nächsten Moment hinter Lia, da sich eine Tür hinten im Gang öffnete.
„Lia, es gibt ein Problem mit den Aufgaben“, ertönte eine männliche Stimme. Eine Gestalt, die aussah wie eine zusammengerollte Schriftrolle mit Gesicht, Armen und Beinen erschien und Lia sprang auf.
„Natürlich. Ich bin gleich bei euch, Cartus. – Lexy, du kannst gern schon einmal in das Zimmer vorgehen. Die anderen Kinder sind schon neugierig, weil ich normalerweise nie das Klassenzimmer verlasse.“
Cana nickte ihrer Tochter beruhigend zu, denn diese hatte trotz der erkennbaren Neugier noch einmal fragen zu ihr geblickt. Das schien Lexy etwas zu beruhigen und sie folgte dem Stellargeist in das Klassenzimmer, während Cana mit Lia auf dem Flur zurückblieb.

+++


„- Und dann haben wir alle zusammen die Bilder von allen angeschaut!“ Lexys Wangen glühten regelrecht, als sie mit weit ausgebreiteten Armen vor ihrem Großvater stand, der einen Stapel Blätter in der Hand hielt, von denen jedes ein anderes Motiv zeigte.
„Und Lia hat gemeint, dass meine Bilder sehr schön sind!“ Mit diesen Worten schloss Lexy ihren Vortrag ab und blickte sichtlich stolz zu Gildarts hinauf, der stirnrunzelnd die Bilder betrachtete.
„Ist das ein … Hund?“
Entrüstet stemmt Lexy die Hände in die Seiten. „Das ist ein Pferd, das sieht man doch!“
Gildarts warf einen hilfesuchenden Blick zu Cana, doch die grinste nur und schüttelte den Kopf. Aus dieser Situation würde sich ihr Vater selbst retten müssen. Immerhin hatte er sich immer beschwert, die Kindheit seiner eigenen Tochter verpasst zu haben. Jetzt hatte er Gelegenheit, das bei seiner Enkelin nachzuholen. Außerdem hatte sie gerade ein ganz anderes, großes Problem.
Stirnrunzelnd blickte sie einmal mehr auf die sechsstellige Zahl, die im ersten Satz des Vertrags stand und seufzte. Lexy war begeistert gewesen, auch wenn sie mit den anderen Kindern nicht wirklich geredet hatte. Aber sie mochte Lia und allein das war Cana jeden einzelnen Jewel wert, auch wenn es sie vor ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten stellte.
Zusammen mit der Miete sowie Essen und andere Kleinigkeiten hatte sie einen großen Haufen an Jewel für jeden Monat als Ausgaben. Das mit Aufträgen in der Umgebung einzubringen, die obendrein nur einen halben Tag dauern durften, war nahezu unmöglich. Dazu kamen die Kosten für Lexys gesundheitlichen Zustand. Zwar verlangte das Magische Institut keine Gebühren dank der großzügigen Zahlungen, die sie vom Magischen Rat bekamen. Obendrein konnten sie durch die magiebegabten Kinder, die zu schwach für ihre Magie waren, neue Forschungs-Hypothesen anhand der Untersuchungsergebnisse aufstellen und damit das allgemeine Verständnis über Magie erweitern.
Sie stützte den Kopf in ihre Hände und schloss müde die Augen. Eigentlich hatte sie gehofft, mit der Rückkehr nach Magnolia etwas mehr Entspannung zu haben und sich voll und ganz auf Lexys Behandlung konzentrieren zu können. Doch dann kam die Erkenntnis, dass Lexy alt genug für die Vorschule war und sie sie ohnehin nicht ständig anderen Gildenmitgliedern aufs Auge drücken konnte. Sie erinnerte sich, als Macao stolz von Romeo erzählt. Erst nach einiger Zeit hatte er gestanden, ihn aufgrund der Aufträge nur kurz abends oder auch tagelang gar nicht sehen zu können. Doch im Gegensatz zu ihr hatte Macao Romeos Mutter, auch wenn die Ehe nach kaum drei Jahren in die Brüche ging. Natürlich wusste sie, mit einer einfachen Beichte Laxus gegenüber alle Probleme aus der Welt räumen zu können. Seine Reaktion konnte sie sich perfekt vorstellen: Nach ein paar Minuten fassungslosem Schweigen würde er explodieren, ihr alle möglichen Dinge an den Kopf werden, die sie auch verdient hatte, und dann würde er verschwinden. Auf unbestimmte Zeit, um einen „klaren Kopf“ zu bekommen, wie er es immer so schön formuliert hatte. Für sie hätte sich nichts geändert außer die Gewissheit, von ihm wirklich verachtet zu werden, weil sie nur wegen dem finanziellen Unterhalt für Lexy zurückgekommen sei.
Cana öffnete noch nicht einmal die Augen, als ein Schatten über sie fiel.
Erst als eine männliche Stimme fragte: „Können wir hinter der Gilde reden, allein?“, öffnete sie ruckartig die Augen und blickte in das Gesicht von ebenjener Person, über die sie sich gerade den Kopf zerbrochen hatte.

+++

Zum ersten Mal ein ausführlicher Einblick in Laxus' Gefühlleben, weil es wirklich Zeit wurde. Lasst mir gern eure Eindrücke da! Ihr merkt vielleicht, es läuft so langsam, aber sicher in Richtung der "großen Offenbarung".
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