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Schritt für Schritt

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16
Cana Alberona Gajeel Redfox Laxus Dreyar Levy McGarden
04.06.2020
03.12.2020
27
90.096
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10.09.2020 3.141
 
Kapitel 15 - Altlasten

Cana konnte noch immer nicht den Blick von seinen Augen abwenden, ganz im Gegenteil. Doch je länger sie in ihnen versank, desto ruhiger wurde sie und konnte seine Frage ohne Panik in Ruhe verarbeiten.
„Furchteinflößend“, bekannte sie sich nach ein paar Sekunden Schweigen, während ihr Blick auf das dunkelrote Fotoalbum fiel, das seinen Ehrenplatz im Wohnzimmerschrank bereits eingenommen hatte. Doch sie lächelte bei dieser Aussage. Diese Monate voll Ahnungslosigkeit, dicht gefolgt von anhaltender Panik erinnerte, die bis zu ihrem Aufeinandertreffen mit den Trimens ihre vorherrschenden Emotionen gewesen waren. Bis heute sah sie es als kleines Wunder an, angesichts dieser Empfindungen damals keine Fehlgeburt erlitten zu haben, denn das kam laut ihrer späteren Ärztin durchaus häufiger vor.
Erst, als Laxus einen Schluck von seiner Tasse nahm, bemerkte sie ihr langes Schweigen.
„Oh, Entschuldigung.“ Sie seufzte. „Ich bin in Gedanken bei dem Termin, der heute ansteht.“
Laxus nickte bedächtig. „Lexy soll also in die Vorschule.“
Cana seufzte. „Sie hätte schon vor zwei Jahren in den Kindergarten gehen sollen, doch damals hat sie ein riesiges Drama veranstaltet, bis ich es aufgegeben habe. Im Nachhinein war das die schlechteste Entscheidung, die ich für sie jemals getroffen habe. Sie ist es nicht gewohnt, mit gleichaltrigen Kindern zu spielen. Jedes Mal, wenn sie andere Kinder getroffen hat, ist es nach wenigen Minuten in einen handfesten Streit ausgeartet.“
Ein leises Glucksen zu ihrer Seite ließ sie in ihrer kleinen Tirade innehalten und einen Blick auf ihren Gesprächspartner werfen. Laxus hatte die Ellenbogen auf seine Knie gestützt und sich leicht nach vorne gelehnt, während er offensichtlich einen Lachanfall versuchte zu unterdrücken.
Misstrauisch legte sie den Kopf schief und runzelte die Stirn. „Was ist deiner Meinung so witzig daran?“
Laxus lachte daraufhin nur noch mehr und Cana entschied sich, still ihren Kaffee zu trinken, bis sich der Dragon Slayer wieder etwas beruhigt hatte.
„Erinnerst du dich wirklich nicht an deine ersten Monate in Fairy Tail?“ Zwar lachte er nicht mehr, doch allein durch seine Körpersprache konnte Cana immer noch die scheinbar grenzenlose Erheiterung sehen, die Laxus zu empfinden schien.
„Nein. Genau genommen war das erste Jahr hier sehr verschwommen, weil ich mit dem Tod meiner Mutter und der ständigen Abwesenheit meines Vaters fertigwerden musste. Für den ich in meinen Augen nicht würdig als Tochter war.“ Ihre Antwort fiel beißender aus als gewollt und sie sah schuldbewusst, wie sich Laxus‘ Gesicht verschloss.
„Tut mir leid“, fügte sie daher rasch an und strich sich ihre vorderen Strähnen aus dem Gesicht nach hinten.
Laxus holte einmal tief Luft, dann entspannte er sich etwas und brummte zustimmend. „Lassen wir beide unsere Eltern einfach aus dem Spiel“, murmelte er und Cana erinnerte sich an seine Aussage am Strand. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich habe dir als Kind sehr oft von meiner Mutter erzählt. Falls du jemals –“ Sie brach ab und biss sich auf die Lippe. Eigentlich hatte sie als allerletzte Person einen Anspruch darauf, in Laxus‘ Sorgen eingeweiht zu werden, wenn man von dessen Vater einmal absah. Nicht, nachdem sie sein Vertrauen in sie damals bis in die Grundfesten zerstört haben musste, weil sie einfach sang- und klanglos verschwunden war. Obwohl sie genau gewusst hatte, wie schwer er Vertrauen zu Personen aufbaute. Was ebenfalls Ivan Dreyar zu verdanken war.
Bevor sie sich einmal mehr in ihre Selbstzweifel und -vorwürfe stürzen konnte, beschloss sie kurzerhand, einfach das Thema zu etwas Unverfänglicherem zu wechseln.
„Was meintest du mit dem Hinweis auf mein erstes Jahr?“
„Du hast eben bei deiner Tochter eine perfekte Kopie von dir selbst geschildert, falls dir das nicht aufgefallen ist.“
Empört öffnete Cana den Mund. Dann erinnerte sie sich an ihre ständigen Auseinandersetzungen mit Gray, weil er immer anderer Meinung war. Oder an Elfman, der ebenfalls nicht auf ihre Worte, sondern auf die von seiner älteren Schwester gehört hatte. Ganz zu schweigen von Erza, der sie generell aus dem Weg gegangen war, weil sie bei ihrem ersten Streit ohne großes Zögern Bekanntschaft mit dem Fußboden der Gilde gemacht hatte. Nur, weil Erza nicht anerkennen wollte, dass sie aufgrund ihrer längeren Gildenzugehörigkeit das Sagen hatte. Mit Lisanna hatte sie sich anfangs am besten verstanden, weil sie ihr nie widersprochen hatte. Zumindest nicht, wenn sie beide allein unterwegs waren.
„Exakt.“ Laxus warf ihr einen zufriedenen Blick zu. „Du warst mindestens ebenso schlimm wie sie, denn dir hat damals niemand Einhalt geboten.“
Sie schnaubte nur. „Ich kann mich noch gut an dein genervtes Gesicht erinnern, als du mich und Gray ein weiteres Mal voneinander trennen musstest, bevor wir uns blutige Nasen holten.“
„Natürlich war ich genervt. Makarov hatte mich als Babysitter für euch Gören abgestellt, wo ich doch eigentlich lieber trainieren wollte. Oder etwas anderes. Alles war besser, als auf den wilden Haufen verrückter Kinder aufpassen zu müssen.“
Cana seufzte. „Dank Lexy weiß ich, wie anstrengend es sein muss, einen ganzen Haufen von magiebegabten Kindern zu beaufsichtigen. Ich kann es dir nicht verübeln, damals immer gereizt gewesen zu sein.“
Laxus zuckte mit den Schultern. „Immerhin konnte ich euch mit einem einzigen Angriff ausknocken, falls es mir doch zu viel wurde. Oder wenn Natsu einmal mehr meine Kopfhörer zerstört hat.“
Cana verkniff sich gerade noch so ein lautes Auflachen, denn das war in der Tat regelmäßig vorgekommen. Zwar hatte der Master Laxus‘ Kopfhörer immer ohne große Umschweife ersetzt. Aber allein die Tatsache, wie Natsu es öfters geschafft hatte, mit seinen Attacken Laxus‘ Eigentum zu beschädigen, war jedes Mal mit unschönen Folgen für den kleineren Magier verbunden gewesen.
Unvermittelt stand Laxus auf und lief in Richtung des Wandschranks, in dem Cana ihre wenigen Bücher aufbewahrte. Genau genommen befand sich in der unteren Hälfte des Schranks, der im Gegensatz zur oberen Hälfte nicht mit Glastüren, sondern mit Holztüren verschlossen war, ein großer Teil von Lexys Spielzeug. Ihre Tochter war nicht gern allein in ihrem Zimmer, sondern bevorzugte das Wohnzimmer zum Spielen. Der Dragon Slayer begutachtete ihre Bücher, dann drehte er sich mit einem Stirnrunzeln zu ihr um.
„Was mir die gesamte Zeit auffällt: Du hast, seitdem du wieder hier bist, keinen Tropfen Alkohol getrunken.“
Beschämt blickte Cana auf ihre Beine, um einem direkten Blickkontakt zu entgehen. Das war ein Thema, das sie noch immer nicht wirklich verarbeitet hatte und sich regelmäßig Vorwürfe machte.
„Ich bin trocken. Seit fast fünf Jahren.“
„Trocken? Das heißt, du –“
Sie konnte ein bitteres Auflachen nicht unterdrücken. „Ja, genau das heißt es. All deine düsteren Prophezeiungen und die der anderen haben sich bewahrheitet. Natürlich habe ich es nie gesehen, mir mussten erst die Augen geöffnet werden.“ In ihr kroch wie immer der schier unbezwingbare Drang hoch, einmal erneut Wein oder Bier ihre Kehle herabrinnen zu fühlen und den Geschmack auf der Zunge zu testen. Unruhig stand sie ebenfalls auf und fing an, im Wohnzimmer auf- und abzulaufen, um so wenigstens etwas körperliche Ablenkung zu haben.
Doch nach zwei Schritten wurde sie am Oberarm festgehalten und blickte mechanisch zu Laxus auf. Er hatte zu ihrer Erleichterung einen vorsichtigen, fast schon besorgten Blick aufgesetzt und sie konnte die unausgesprochene Frage in seinen Augen lesen. Ein Seufzen entwich ihr.
„Nachdem ich von Lexy erfahren hatte, rührte ich bis zu ihrer Geburt keinen Tropfen mehr an. Es war erstaunlich einfach – wahrscheinlich, weil ich insgeheim das Ultimatum ihrer Geburt und damit eine begrenzte Zeitspanne hatte.“ Sie schluckte kurz und wappnete sich für das schlechte Gewissen, das sie bei den nächsten Sätzen unweigerlich bekommen würde. „Doch dafür war mein Rückfall nach ihrer Geburt umso härter. Lexy – ich musste sie per Flasche ernähren, weil der Alkoholgehalt in meinem Blut konstant auf einem hohen Level war. Teilweise kam ich kaum aus meinem Bett, um das immer leere und volle Flaschen standen. Ich erinnere mich an den einen Tag, an dem sie in ihrem Babybett schrie, ich aber nicht aufstehen konnte.“ Cana brach ab und schloss die Augen, als die Erinnerungen sie abermals einholten.

+++


Lexy. Das war Lexys Brüllen. Mühselig öffnete Cana ihre Augenlider und stöhnte, als sie die Kopfschmerzen mit voller Wucht einholten. Es waren doch einige Flaschen zu viel gewesen. Dabei hatte sie es bei den normalen acht Bier vorm Schlafengehen belassen wollen. Doch nach dem Zehnten hatte sie aufgehört zu zählen. Obwohl sie alles versucht hatte, waren ihre Gedanken stets zu ihrer Gilde zurückgekehrt. Nie hätte sie gedacht, Fairy Tail so sehr vermissen zu können, um buchstäblich keine Luft zu bekommen und das Gefühl zu haben, langsam zu ersticken.
Das Brüllen steigerte sich noch einmal um eine weitere Nuance. Lexy. Ihre Tochter benötigte sie. Ächzend setzte sie sich auf und versuchte, die Beine vom Bett zu schwingen. Leider verlor sie dabei das Gleichgewicht und landete mit ihrem Hintern neben dem Bett, wo sie aufgrund des plötzlichen Schwindels fluchend ihre Handballen auf ihre Augenlider presste. Gegen diese Übelkeit war die von der Schwangerschaft harmlos gewesen. Vor allem war ihr vor Lexys Schwangerschaft nie schlecht geworden, egal wie viel Alkohol sie getrunken hatte.
Nach ein paar Minuten, in denen Lexy unvermindert weiterbrüllte und sich selbst in ihrem betäubten Verstand allmählich Panik breitmachte, stützte sie vorsichtig ihre Hände gegen den Bettrahmen. Dann versuchte sie, auf die Beine zu kommen, doch ohne Erfolg.
Sie biss sich auf die Unterlippe und winkelte beide Beine an, um sich mit etwas Schwung nach vorne zu ziehen. Das klappte gut, jedoch schien ihr Gleichgewichtssinn abhandengekommen zu sein. Sie fiel vornüber, wo sie sich gerade noch rechtzeitig mit ihren Händen abstützen konnte. In diesem Moment wurde ihr eines klar: Ihre Tochter brauchte sie. Lexy hatte niemand anderen, auf den sie sich verlassen konnte. Und sie war schlicht und ergreifend das Letzte. Zu betrunken, um ihrer unschuldigen Tochter, die für all das nichts konnte, die Sicherheit zu geben, die sie verdiente.
Ein trockenes Schluchzen ertönte und einen Augenblick später brachen all ihre Dämme. Sie ließ sich wieder auf ihren Hintern zurückfallen und vergrub das Gesicht in ihren Händen, während ihr Weinen sogar das Brüllen ihrer Tochter übertönte.
„Cana.“ Ruckartig riss sie den Kopf hoch und erkannte durch den Tränenschleier eine hochgewachsene, breitschultrige Gestalt mit einem Reiseumhang.
„Laxus?“, flüsterte sie mit brüchiger, aber hoffnungsvoller Stimme und wollte aufstehen. Nur um einmal mehr das Gleichgewicht zu verlieren und wieder am Boden in einer bedauerlichen Haltung zu enden.
„Oh, Cana“, murmelte die Gestalt und trat näher. Was sie im ersten Moment für Laxus gehalten hatte, entpuppte sich als Gildarts.
„Lexy“, schluchzte sie, denn mehr als dieses Wort wollte ihre schwere, betäubte Zunge nicht von sich geben. Zu ihrer Erleichterung schien ihr Vater zu verstehen. Denn er wandte seine Aufmerksamkeit seiner mittlerweile ohrenbetäubend schreienden Enkeltochter zu, die er ohne Umschweife auf den Arm nahm und das Zimmer verließ.

Als er wieder in das Zimmer trat, mit einer frisch gewickelten Lexy, hatte es Cana geschafft, sich auf das Bett zu setzen. Sie starrte mit leerem Blick die Bierflaschen an, während Gildarts eine friedlich schlummernde Lexy in ihr Bett legte und sich dann wortlos neben Cana setzte.
„Ich vermisse alle so sehr“, flüsterte Cana und lehnte sich an Gildarts‘ Schulter, der sie in den Arm nahm. „Jede Nacht träume ich von ihnen. Nie hätte ich gedacht, es könnte so schwer sein. Nach all den Jahren komplett allein zu sein, ist grausam.“
„Bier und Wein können nur bedingt helfen.“ Gildarts klang ungewohnt ernst. Er drehte ihren Kopf und blickte ihr in die Augen. „Du musst aufhören. Dieses Zeug bringt dich um. Es ist egoistisch von dir. Deine Tochter hat niemanden außer dir und sie muss sich auf dich verlassen können. So, wie du dich auf Cornelia verlassen konntest, egal wie schlecht ihre Tagesform aufgrund ihrer Krankheit auch gewesen sein mochte.“[
Cana schloss die Augen, dann nickte sie langsam. „Ich weiß.“ Einen Moment kämpfte sie mit ihrem letzten bisschen Stolz, dann ließ sie auch diesen fallen. „Könntest du morgen mit mir zur Beratung gehen? Ich – ich weiß nicht, ob ich das allein packe.“
Gildarts drückte sie fest.
„Natürlich. Ich habe dir versprochen, dir immer zur Seite zu stehen.“
Das ließ sie abermals in Tränen ausbrechen. Doch dieses Mal hatte sie alle Zeit der Welt, um wieder die Kontrolle über ihre Gefühle zu bekommen. Ihre Tochter war versorgt.


+++


„Aber du hast das unter Kontrolle gebracht.“ Laxus‘ überraschend warme Stimme riss sie aus ihren Gedanken und der miteingehenden Scham. Sie schaffte es, sich von dem schwarzen Fussel auf dem hellgrauen Teppich zu lösen, den sie seit Beginn ihrer kleinen Erzählung wie besessen fokussiert hatte.
Cana nickte langsam. „Ja, wenn auch nur wegen Lexy. Sie war auf mich angewiesen und niemals wollte ich dieses Gefühl noch einmal haben. Zu wissen, wie dich jemand braucht und du die einzige Person bist, die als Hilfe überhaupt erst infrage kommt, während du aus Selbstverschulden absoluten Mist gebaut hast.  Gildarts ist zufällig vorbeigekommen, weil er sich Sorgen gemacht hat, das war mein größtes Glück.“ Allein bei dem Gedanken daran, was alles hätte passieren können, stieg erneut Übelkeit in ihr hoch. Was gut war, denn genau an diese Szene erinnerte sie sich jedes einzelne Mal, wenn sie den fast unbezwingbaren Drang nach einem kleinen Schluck Alkohol hatte.
„Es fühlt sich mindestens genauso mies an, aus der Gilde geworfen zu werden, weil man mehr als nur Mist gebaut hat. Um ein paar Monate später dieses dumpfe Gefühl zu haben, von seinen Freunden gebraucht zu werden. Ohne zu wissen, wo sie eigentlich sind. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie ich Tenroujima gefunden habe, auch wenn es im letzten Augenblick gewesen ist.“
Als sie sah, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten, bis seine Knöchel weiß hervortraten, legte sie beide Hände auf die seinen. Als Reaktion umfasste Laxus ihre Hände blitzartig und hielt sie fest. Cana war nicht im Mindesten darauf vorbereitet und so starrte sie ihn wie ein verschrecktes Kaninchen an.
Laxus hingegen blickte starr auf ihre immer noch roten Hände, die bei dem Kontakt ein leichtes Brennen in ihren gereizten Nervenbahnen auslösten und sie kurz die Zähne zusammenbeißen ließen.
„Wie lange dauern die Nachwirkungen?“
„Unterschiedlich“, antwortete Cana ehrlich. „Heute war kein großer Ausbruch, also sollten sich meine Hände bis heute Abend beruhigt haben.“
Wortlos stand Laxus auf, ohne ihre Hände loszulassen, und zwang sie so ebenfalls auf die Beine. Unter ihren leisen, aber entschiedenen Protesten, die er allesamt gekonnt ignorierte, zog er sie zielstrebig in Richtung Badezimmer. Kurz wunderte sie sich, dann fiel ihr sein ausgezeichneter Geruchssinn wieder ein. Heute Morgen hatte sie geduscht, wahrscheinlich roch er noch immer das Shampoo in der Wohnung.
Als er ihre Hände losließ, um den Badezimmerschrank zu öffnen, wurde ihr das allerdings zu viel und sie schob ihn von diesem Weg. Besser gesagt, sie stemmte ihre Schulter gegen seinen Arm und versuchte ihn ohne Erfolg, von ihrem Schrank wegzuschieben. Nach zwei Sekunden blickte er auf sie hinab und zog nur spöttisch eine Augenbraue hoch.
„Wenn du mir sagst, was du normalerweise auf deine Hände nach einer solchen Aktion streichst, kann ich mir die Suche sparen.“
Cana seufzte. „Der weiße Tiegel im oberen Schrankfach. Das ist eine Creme, die gegen leichte Verbrennungen und Rötungen hilft, zum Beispiel bei Sonnenbrand.“
Laxus reichte ihr den Tiegel und sie rieb sich kurzerhand die Hände mit der kühlenden, feuchtigkeitsspendenden Creme ein. Ein erleichtertes Seufzen entwich ihr. Obwohl sie sich mittlerweile an den dumpfen Schmerz in ihren gewöhnt hatte, den sie nach jeder einzelnen Attacke von Lexy für Stunden verspürte, tat die Creme jedes einzelne Mal unfassbar gut.
„Du würdest für Lexy alles tun.“ Laxus‘ betont neutrale, unbekümmerten Tonfall, als sie gemeinsam zurück zum Sofa liefen und sich darauf niederließen, hätte vielleicht eine Person getäuscht, die den Dragon Slayer weniger gut kannten. Doch Cana kaufte ihm diesen Tonfall nicht für eine Sekunde ab.
„Außer ein weiteres Mal Magnolia zu verlassen, so ziemlich alles ohne jegliches Zögern.“
„Was ist, wenn du mit jemandem ausgehst und Lexy diese Person nicht leiden kann?“
Ruckartig riss Cana ihren Kopf hoch und starrte Laxus schockiert an. „Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht“, gestand sie ihm und sich selbst ein, nur um direkt im Anschluss zu überlegen.
Nach einigen Sekunden angespannten Schweigens zuckte sie hilflos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Es kommt auf die Person an und warum Lexy sieh nicht mag. Anfangs mochte sie weder Ren noch Eve, weil sie ihr in ihren Augen ‚ihren‘ Biki weggenommen haben. Dass die Trimens nun einmal aus drei Leuten bestanden, hat sie nicht im Mindesten interessiert.“
Laxus seufzte. „Die Faszination von weiblichen Geschöpfen mit diesen Trimens-Blendern werde ich nie verstehen.“
Cana lachte. „Das ist alles nur Show für die Öffentlichkeit. Sie nennen es ‚Fan-Service‘ und es scheint zu funktionieren. Privat sind die Trimens völlig normale Magier. Ähnlich wie das coole, lässige Auftreten einiger unserer Gildenmitglieder, die eigentlich völlig anders sind.“ Dabei blickte sie ihn vielsagend an und er schien zu verstehen, denn sein Mundwinkel zuckte kurz.
„Hat Lexy nie verlangt, die Identität ihres Vaters zu wissen?“
Und mit einem Schlag war die Lockerheit verschwunden und Cana spürte, wie sich jeder einzelne Muskel ihres Körpers verkrampfte.
„Hat sie“, brachte sie nach ein paar Sekunden über die Lippen, auch wenn ihre Worte nicht mehr waren als ein leiser, spröder Hauch.
„Was war deine Antwort?“ In Laxus‘ Stimme lag ein Drängen, das Cana nicht nachvollziehen konnte und sie schüttelte nur stumm mit geschlossenen Augen den Kopf.
„Wieso fragt dich niemand aus der Gilde danach? Warum reagierst du so?“ Laxus zog scharf die Luft ein. „Bitte sag mir nicht, du bist nicht sicher, wer der Vater ist.“
Im Nu war die Anspannung verschwunden und Cana richtete sich verletzt auf. „Wieso hat jeder den Eindruck von ständig wechselnden Bettpartnern von mir?! Vielleicht möchte ich die Identität nicht preisgeben, um meine Tochter vor derselben Enttäuschung zu bewahren, die ich durch ihren Vater erlitten habe!“
„Weil niemand verstehen kann, warum du ein so großes Geheimnis daraus machst, verdammt?! Wenn du es weißt, warum sagst du es ihm nicht einfach? Er hat ein Recht darauf, zumindest eine Möglichkeit zu haben, am Leben seiner Tochter teilzuhaben!“
„Hier geht es nicht um mich, sondern um Lexy!“
„Dann solltest du noch viel mehr darauf beharren, dem Samenspender von seiner Vaterschaft zu berichten, wenn es nicht um deine irrationalen Ängste geht!“
„Und wenn er seine Sachen packt und spurlos verschwindet?!“
„So, wie du es jedes Mal machst, wenn du emotional minimalst überfordert bist?! Immerhin kannst du deine Gefühle nicht mehr mit Alkohol betäuben wie früher!“
Cana zuckte zusammen und sah im selben Moment, wie über Laxus‘ Gesicht Reue huschte. Er öffnete im Mund, doch seine und ihre Aufmerksamkeit wurden auf die kleine Gestalt gerichtet, die auf einmal vor ihnen stand und zu Canas Überraschung Laxus wütend anblickte.
„Wenn du meine Mama weiterhin traurig machst, sage ich Jii-jii Bescheid und er sorgt dafür, dass du dich von uns fernhältst.“

+++

Ein etwas ernsteres Kapitel. Für mich ist die Thematik Alkohol keine einfache, deshalb hoffe ich, die Probleme hier halbwegs realistisch rübergebracht zu haben. Und gleichzeitig erklärt das, warum Cana in der bisherigen Geschichte trotz ihres eigentlichen Charakters keinen Tropfen zu sich genommen hat. Falls das jemanden insgeheim gewundert hat.
Lasst mir gern Rückmeldungen da!
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