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Schritt für Schritt

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16
Cana Alberona Gajeel Redfox Laxus Dreyar Levy McGarden
04.06.2020
21.01.2021
34
116.215
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27.08.2020 3.642
 
Kapitel 13 – Lexy

Levy schlug die Augen auf und blickte an die Zimmerdecke, die sich in dem Dämmerlicht dunkel über ihrem Bett abzeichnete. Die Sterne, die sie damals mit zwölf an die Decke geklebt hatte, hatten ihre Leuchtkraft verloren und verrieten ihr, dass einige Stunden vergangen sein mussten, seit sie schlafen gegangen war. Immerhin hatte sie etwas Schlaf bekommen, auch wenn es weitaus nicht genug gewesen war. Zumindest fühlten sich ihre Augen an, als ob sie sich eine Ladung Sand zwischen die Lider gekippt hätte.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihr auch den Grund: Sie hatte fünf Stunden geschlafen. Jetzt, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, würde sie auch nicht mehr einschlafen können. Seufzend schwang sie die Beine über die Bettkante und setzte sich auf. Im Bett liegen bleiben konnte sie ebenfalls nicht. Dann machte sie sich zu viel Gedanken über Gajeel, Noelle und die letzte Begegnung mit den beiden.
Sie würde nach einer kurzen Dusche einfach in die Gildenhalle gehen, sich dort einen Kaffee holen und dann hinter dem Gildengebäude den Sonnenaufgang betrachten. Vom Gildenstrand aus hatte man einen wundervollen Blick auf die Berge im Osten.

So stand sie eine halbe Stunde später, eine große Tasse Kaffee mit etwas Milch in der Hand, barfuß im Sand und blickte nachdenklich in Richtung der Berge. Hinter diesen kündigte gerade das rötliches Glühen die aufgehende Sonne an.
Ein Seufzen entwich ihr. Es ließ sich nicht besser ausdrücken: Ihre momentane Situation war einfach mehr als nur grottig. Sie musste anfangen, sich Gajeel aus dem Kopf zu schlagen, das war ihr bewusst. Doch etwas zu wissen und etwas konsequent umsetzen zu können waren zwei verschiedene Dinge, die nichts miteinander zu tun hatten. Das hatte sie in den letzten drei Jahren mehr als einmal feststellen können. Aber langsam hatte sie das Gefühl, alle Hoffnungen auf Gajeel zu begraben zu müssen. Denn sie merkte selbst, wie die Situation immer mehr an ihrer Substanz nagte. Sogar ihr Leben als Magier litt mittlerweile darunter.
Deshalb würde sie, sich von ihrer Träumerei über den Eisen Dragon Slayer trennen müssen, um sich wieder voll und ganz auf ihren Lebensunterhalt konzentrieren zu können.
„Ich hätte nicht gedacht, jemanden so früher vorzufinden.“
Die bekannte Stimme riss sie aus ihren Überlegungen und sie drehte sich zu der Sprecherin um.
Cana hatte ebenfalls eine Tasse Kaffee in der Hand, während Lexy neben ihr lief und konzentriert auf die Tasse in ihren Händen blickte. In der befand sich dem Geruch nach, der zu ihr hinüberwehte, die berühmte heiße Schokolade der Gilde. Unwillkürlich huschte ein Lächeln über Levys Gesicht, als sie das blonde Mädchen anschaute. Diese Situation erinnerte sie an sich selbst, wie sie damals auch jeden Morgen ihr damaliges Lieblingsgetränk fast panisch bewacht hatte, damit ja kein anderer auch nur einen Tropfen davonstehlen konnte. Heiße Schokolade war immer umkämpft, weil nur wenige Magier das Originalrezept von Mavis kannten. Cana hatte sich es damals von Mira zeigen lassen, daran konnte sich Levy noch erinnern.
„Du warst früher nie ein Frühaufsteher“, gab Levy zurück und Cana lachte.
„Wenn du selbst Nachwuchs hast, wirst du merken, wie viel du an deinem Lebensstil ändern musst, den Tagesablauf inbegriffen. Lexy schläft wahnsinnig früh ein, ebenso früh wird sie wieder wach. – Nimm bitte kurz meine Tasse, ich muss Lexy noch versorgen.“
Erst als Levy die Tasse genommen hatte, bemerkte sie die Decke, die sich Cana unter den Arm geklemmt hatte und jetzt auf dem Sand ausbreitete.
„Lexy, du kannst dich hierhin setzen, dann solltest du nicht sandig werden. Levy, du bist natürlich ebenfalls dazu eingeladen.“
Mit einem gemurmelten Danke setzte sich Levy neben Cana, während Lexy weiter vorne auf der Decke saß und fasziniert zu den Bergen starrte. Dort war mittlerweile das rote Glühen zu einem Strahlen geworden, während sich langsam der obere Teil der Sonnenkugel über die Bergkuppe schob.
„Ich habe dich die letzten Tage nicht oft in der Gilde gesehen“, murmelte Cana leise zu Levy.
Die Skriptmagierin nahm einen weiteren Schluck aus ihrer Tasse und summte zustimmend.
„Mir war nicht nach Gildengesellschaft“, meinte sie ausweichend. Doch bei dem scharfen Blick, den ihre Gesprächspartnerin ihr zuwarf, erkannte sie, Cana nichts vormachen zu können.
„Ich weiß zwar nicht, was eigentlich zwischen dir und Gajeel vorgefallen ist. Aber denkst du nicht, es wäre langsam an der Zeit, sich zumindest zu entschuldigen? Glaub mir, egal wie er auch reagieren mag, du wirst dich dabei besser fühlen.“
„Hast du es ihm also gesagt?“ Levy sah, wie Cana sich abrupt versteifte und ihr Gesicht jegliche Farbe verlor, als ihr Gesicht zu ihrer Tochter schoss, die nichts von alledem mitbekommen zu haben schien.
„Nein“, murmelte sie. „Nicht direkt. Allerdings mehr, als ich gedacht hätte. Jetzt habe ich Angst, dass er es von anderen hört.“
Jetzt erst bemerkte Levy die roten Ränder rund um Canas Augen, die nicht unbedingt vom Schlafmangel kommen mussten. Da sie die Auseinandersetzung zwischen Laxus und Hibiki mitbekommen hatte, konnte sie sich an zwei Fingern abzählen, worin der Grund für Canas Tränen lag.
„Im Gegensatz zu mir weißt du aber, dass Laxus kein Interesse an anderen Frauen hat. Zumindest kein ernsthaftes.“
Cana zog nur die Augenbrauen hoch. „Und du kannst mir nicht erzählen, Gajeel habe sich innerhalb der Jahre so stark verändert, um kein Interesse mehr an dir zu haben. Er war schon damals, direkt nach seinem Eintritt regelrecht besessen von dir. Selbst wenn er sich damit begnügt hat, dich zu reizen, warst du trotzdem die Person, zu der er sich als erstes gesetzt hat.“
Levy senkte den Blick auf ihre mittlerweile leere Kaffeetasse, während sie die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht spürte.
„Ich werde mich bei ihm entschuldigen, einfach nur um das alles hinter mir zu lassen. Noelle liebt ihn aufrichtig und ich kann mich nicht zwischen sie stellen. Einfach, weil ich genau weiß, wie sich Noelle in diesem ganzen Desaster fühlt.“
„Du bist weitaus gutherziger als ich. Wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre, hätte ich schon längst einen Schlussstrich gezogen.“
„Was sollte ich denn tun? Die Gilde verlassen?“
Als Cana neben ihr leicht zusammenzuckte, durchfuhr Levy ein Strahl von schlechtem Gewissen und sie seufzte.
„Das war unangebracht, Entschuldigung. Du hattest ganz andere Probleme als ein Herz, das nicht auf deinen Kopf hören will.“
Cana zeigte ein schmerzerfülltes Lächeln. „Selbst jetzt frage ich mich, ob es damals die richtige Entscheidung gewesen ist. Wenn ich bedenke, wie viele Menschen unter ihr zu leiden hatten, ohne etwas dafür zu können. Vielleicht hätte ich damals anders entscheiden sollen und hätte jetzt zwei große Probleme weniger.“
„Oder ihr wärt alle beide überfordert gewesen und Lexy wäre dabei auf der Strecke geblieben. Nein, ich denke, du hast damals richtig entschieden, sofern es überhaupt eine richtige Entscheidung gegeben hat.“
Levy bemerkte den liebevollen Blick, den Cana ihrer Tochter zuwarf, die vergnügt an ihrer Tasse nippte. Dabei wandte sie die Augen dabei nicht eine Sekunde vom Sonnenaufgang ab, der nun beinahe vollendet war.
„Zumindest weiß ich nicht, wer von uns beiden gerade die schwierigere Situation hat, wenn es um das Thema männliche Magier geht“, versuchte sich Levy an einem kleinen Scherz. Sie bemerkte zufrieden, wie Canas Mundwinkel leicht zuckten.
„Leider bedeutet Magie nicht automatisch bessere Chancen in zwischenmenschlichen Beziehungen“, merkte die Kartenmagierin an und Levy nickte.
Ein dumpfer Aufprall zog die Aufmerksamkeit der beiden zu Canas Tochter. Lexy hatte die Tasse auf die Decke fallen lassen, wo sich ein hässlicher, brauner Schokoladenfleck auszubreiten begann. Wie in Zeitlupe kippte das blondhaarige Mädchen zur Seite. Zeitgleich bemerkte Levy, wie Canas Gesicht jegliche Farbe verloren hatte, sie ihre Kaffeetasse einfach fallen ließ und zu Lexy stürzte.
„LEXY!!!“
Levy erstarrte. Das war keine normale Panik einer Mutter. Das hier war Panik, die in Situationen angebracht war, deren Ausgang ungewiss war. Sie wusste, Cana neigte nicht zu Übertreibungen. Das hier war ernst. Bitterer Ernst.
So stürzte sie ebenfalls zu dem leblosen Körper und sah mit Bestürzung, wie Lexys Haut kreidebleich war und sich Schweißtropfen auf ihrer Stirn bildeten. Die Atmung war flach und viel zu schnell, um gesund zu sein. Levy spürte Panik in sich aufsteigen.
„Cana, was ist los?!“ Ihre Stimme klang schrill und als sie eine Hand auf Canas Schulter legte, bemerkte sie das Zittern, das scheinbar ihren ganzen Körper befallen hatte.
„Lexy“, begann Cana mit erstickter Stimme, dann verstummte sie, hob Lexys leicht empor und legte den Kopf ihrer Tochter auf ihren Schoß.
„Hol kaltes Wasser und einen Lappen. Schnell!“ Die Dringlichkeit in Canas Stimme trug ihr Übriges dazu bei, die scheinbare Bedrohlichkeit der Situation deutlich zu machen, obwohl Levy noch immer keine Ahnung hatte, was genau eigentlich passierte. Doch sie sprang auf und raste in die Gildenhalle, um Cana beide Dinge zu besorgen, so schnell sie konnte.

Kaum hatte sie die Hintertür aufgerissen, begrüßte sie der Anblick von Gajeel, der sich suchend umblickte und erstarrte, als er sie bemerkte. Dann trat er einen unsicheren Schritt auf sie zu, doch jetzt hatte sie absolut keine Zeit für irgendwelche klärenden Gespräche, so dringen sie auch sein mochten. Stattdessen sprintete sie zur Bar, um von dort einen der Putzeimer mit Wasser zu füllen und eines der Handtücher zu schnappen. Dann war sie schon erneut auf dem direkten Weg zur Hintertür.
Zumindest hatte sie das geplant, jedoch prallte sie gegen eine muskulöse Brust, kaum als sie sich umgedreht hatte. Mit einem lauten Scheppern fiel der Eimer zu Boden und verteilte seinen Inhalt über ihre Füße, die Hosen ihres Gegenübers, ganz zu schweigen vom Holzboden der Gildenhalle.
„Scheiße“, fluchte Levy. Sie bückte sich, um den Eimer aufzuheben und erneut zu füllen. Beinahe panisch schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, wie viel Zeit wohl bereits vergangen sein musste. Hoffentlich nicht zu viel, wenn sie Canas Panik bedachte.
Doch ihr Gegenüber war schneller. Noch ehe sie den Eimer auch nur berührt hatte, war er bereits wieder aus ihrem Blickfeld verschwunden. Sie richtete sich irritiert wieder auf, um ihren Gegenüber das erste Mal wirklich anzublicken.
Ihr Mund wurde trocken, als er sich als niemand geringeres als Laxus entpuppte. Er warf einen Blick auf den Eimer, seine nassen Hosenbeine und letztendlich auf sie. In seinen Augen konnte sie sowohl Verwirrung als auch leichte Unruhe entdecken, die sie stutzig machte. Vor allem, weil Laxus kein Frühaufsteher war, sondern einer derjenigen, die man so gut wie nie vor Mittag in der Gilde sah.
„Wieso der Eimer?“ Auch sein Tonfall sprach von einer Dringlichkeit, wie sie bei ihm nie vermutet hatte. Vielleicht weil sie geflucht hatte, obwohl sie das nur in extremen Situationen tat?
„Wasser – Cana – Lexy – Strand“, brachte sie hervor, denn der Zusammenprall und Laxus‘ unerwartetes Auftreten hatten sie aus dem Konzept gebracht.
Seine Augen weiteten sich minimal, dann spürte Levy, wie ihr das Handtuch aus der Hand gerissen wurde. Wie aus der Ferne hörte sie fließendes Wasser, das nach ein paar Augenblicken wieder abgedreht wurde. Noch ehe sie sich von ihrer Überraschung gelöst hatte, schlugen beide Türflügel der Hintertür hinter dem Blonden zu. Zurück blieb nur das leise Knistern von Laxus‘ Blitzen, die er bei seinen Hochgeschwindigkeits-Bewegungen zurückließ.
Lexy. Wortlos drehte sie sich um und sprintete erneut zur Tür, um ihrer Freundin erneut beizustehen, auch wenn sie nicht wusste, worum es eigentlich ging.

+++


Cana unterdrückte abermals ein Schluchzen.  Stattdessen begnügte sie sich damit, durch die Haare ihrer Tochter zu fahren, die bewusstlos in ihrem Schoß lag und immer wieder ein leises Stöhnen ausstieß.
Ausgerechnet heute musste wieder einer der Anfälle geschehen, wenn sie am wenigsten auf diesen vorbereitet war. Sie biss sich verzweifelt auf die Lippen und blinzelte energisch die Tränen weg, die in ihren Augen aufzusteigen drohten. Damals hatte sie sich geschworen, vor ihrer Tochter niemals zu weinen, damit Lexy das Ausmaß ihrer Situation nicht bewusstwurde. Sie würde einen Teufel tun, diesen Schwur heute zu brechen.
Sie blickte erst auf, als ein Schatten über sie fiel und wenn Lexy nicht auf ihrem Schoß gelegen hätte, wäre sie angesichts der großen, breiten Gestalt von Laxus zurückgezuckt.
Während noch ein Rest von Elektrizität um ihn herumschwirrte, streckte er ihr wortlos einen feuchten Lappen entgegen. Mit einem gemurmelten „Danke“ nahm sie diesen, um ihn auf Lexys Stirn zu legen.
„Cana, was ist mit Lexy?“, erklang es aus ein paar Metern Entfernung atemlos und sie sah Levy, die keuchend auf sie beide zurannte.
Die Kartenmagierin versuchte sich an einem Lächeln.
„Nichts Ernstes“, beschwichtigte sie ihre Freundin, doch im Gegensatz zu Levys erleichterter Miene verriet ein leises Knistern neben ihr, wie wenig Laxus davon überzeugt war.
„Du sitzt hier, bist leichenblass, verlierst gleich die Fassung, während deine Tochter ebenso blass und obendrein bewusstlos ist? Deine Märchen kannst du jemandem anderen erklären“, knurrte er neben ihr und Cana zuckte nun doch zusammen. „Es ist mir völlig egal, ob du die letzten fünf Jahre alle aus deinem Leben gestrichen hast. Aber jetzt bist du wieder hier und hast deinen Teil zum Gildenleben beizutragen, selbst wenn dir das nicht in den Kram passt!“
Cana presste ihre Lippen zusammen, weil erneut ein Schluchzen drohte, wenn auch aus einem vollkommen anderen Grund.
„Cana, er hat Recht“, murmelte Levy mit leiser Stimme. Als Cana einen Blick in die braunen, besorgten Augen ihrer Freundin wagte, schmolz ihr Widerstand.
„Lexys Magie ist zu stark.“
Laxus zuckte zurück, als ob er sich verbrannt hätte, doch Cana beachtete ihn nicht. Stattdessen fokussierte sie den Blick auf das Gesicht ihrer Tochter, das etwas Farbe zurückgewonnen hatte – ein gutes Zeichen. In wenigen Moment würde sie hoffentlich das Bewusstsein wiedererlangen und dann kam die eigentliche Aufgabe, die sie angesichts der Krankheit ihrer Tochter zu bewältigen hatte.
„Fiores Magisches Institut liegt in Clover, mit dem Zug sind ist das nur eine Stunde. Lexy hat in ein paar Tagen einen Termin dort, es wird über die weitergehende Behandlung beratschlagt. Denn trotz aller Versuche, die Magieentwicklung einzudämmen, sind die vererbten Anlagen einfach zu dominant, um dagegen mit Medikamenten wirken zu können.“ Aus Canas Stimme klang neben der Verzweiflung auch ein kleines bisschen Erleichterung. Denn Lexy zeigte alle Anzeichen, einmal eine mächtigere Magierin zu werden als sie. Vielleicht würde sie sogar irgendwann in Gildarts‘ Fußstapfen treten oder in die ihres biologischen Vaters, der ja ebenfalls aus einer Reihe von außerordentlichen Magiern stammte. Die Dreyar-Familie hatte es immerhin bis zu den zehn Heiligen Magiern geschafft. Vorausgesetzt, die Magie zerstörte Lexys Körper nicht bereits vorher, bevor sie dieser gewachsen war.
„Du willst sie die Qualen erleiden lassen und eine Lacrima einsetzen?“ Laxus‘ Stimme war schneidend und Cana blickte ihn schockiert an.
„Qualen?“
Der Blitz Dragon Slayer knurrte und warf ihr einen wütenden Blick zu. „Glaubst du, man setzt eine Lacrima einfach so in einen Körper ein, ohne irgendwelche Auswirkungen? Es gibt einen Grund, warum bisher nur wenigen das ‚Glück‘ vergönnt war, in den Genuss dieser Behandlung zu kommen.“ Sein Tonfall war mittlerweile beißend. „Denn die ersten Wochen nach dem Einsetzen wünscht man sich, lieber zu sterben. Das ist besser, als weiterhin diesen Schmerzen ausgesetzt zu sein, wenn die Lacrima die körpereigene Magie mit aller Gewalt in sich zieht und sie dort speichert. Zumindest so lange, bis sie von ihrem neuen Besitzer abgerufen werden kann. Es fühlt sich an, als ob man von innen heraus verbrennen würde. Meine Mutter hat es in den Wahnsinn getrieben, mir wochenlang bei meinen Schmerzen tatenlos zusehen zu müssen, während mein Vater es als eine Art Probe für meine Widerstandsfähigkeit gesehen hat. Seitdem hat sie die Einrichtung für psychische Erkrankungen in Crocus nie wieder verlassen. Sie erkennt noch nicht einmal ihre eigene Familie. Damals hat sie sich zu tief in die Vergessenheit geflüchtet, um nicht mehr die Erinnerungen ertragen zu müssen, wie ihr Ehemann ihrem einzigen Kind wissentlich derartige Schmerzen zugefügt hatte.“
Cana blickte ihn entsetzt an. Das war das erste Mal, dass Laxus seine Mutter überhaupt erwähnt hatte. Selbst der Master hatte seine Schwiegertochter nie im Rahmen der Gilde benannt, sodass Laxus‘ Mutter immer ein Mysterium für ganz Fairy Tail gewesen war. Einige hatten sich an alten Aufzeichnungen versucht. Doch aus unerklärlichen Gründen waren alle über Ivan Dreyar und seine Frau verschwunden, im Nachhinein wahrscheinlich auf Wirken von Makarov.
„Lexy bekommt keine Lacrima eingesetzt“, flüsterte Cana mit Tränen in den Augen. „Ihr Körper ist dafür zu schwach. Sie würde den Prozess nicht überleben, haben die Ärzte gesagt. Doch die aktuelle Behandlungsmethode stößt an die angekündigten Grenzen. Deshalb wurde Lexy an das Magische Institut verwiesen, weil sie in der Hinsicht viel mehr Möglichkeiten und Wissen besitzen.“
Sie konnte an Laxus‘ Körpersprache erkennen, dass seine Wut bereits wieder abgeklungen war. Anstatt einer Antwort legte er ihr wortlos eine Hand auf die Schulter und sie fühlte regelrecht, wie er ihr wortlos Trost spendete.
Cana öffnete gerade den Mund, um sich zu bedanken, da ertönte ein schwaches Stöhnen. Blitzartig war ihre volle Aufmerksamkeit erneut auf ihre Tochter gerichtet, die ihre Augen unter heftigem Blinzeln öffnete.
„Mama?“, flüsterte sie mit schwacher Stimme und Cana nahm den Lappen von ihrer Stirn weg, um stattdessen ihre Hand daraufzulegen.
„Ich bin hier“, murmelte sie sanft und Lexy schloss erneut die Augen.
„Tut mir leid, dass es schon wieder passiert ist“, entgegnete Lexy mit zitternder Stimme und Cana schluckte trocken.
„Du kannst am wenigsten von allen dafür“, beruhigte sie ihre Tochter und seufzte.
„Aber du weißt, was wir jetzt tun müssen.“
Anstatt einer Antwort nickte Lexy nur, dann schlug sie die Augen auf. Ihr Blick wanderte von Cana zu Laxus, dem sie ein angestrengtes Lächeln schenkte, während Canas Herz bei dieser Szene regelrecht in Stücke gerissen wurde. Der Blonde saß regungslos neben ihr und Lexy, doch das Lächeln erwiderte er, auch wenn Cana die Erzwungenheit in diesem sehen konnte. Doch sie bezweifelte, dass ihre Reaktion eine andere gewesen wäre, hätte Lexy ihr das Lächeln geschenkt.
Langsam griff sie in ihre Umhängetasche, um eine Flasche Desinfektionsspray und eine kleine Plastiktüte herauszuholen. In dieser befanden sich eine verpackte Spritze mit hellgrünem Inhalt und ein Tupfer aus Watte, um die Stelle vorher zu reinigen.
„Ich … gehe mal wieder rein“, hörte sie Levy fast panisch sagen und noch ehe sie sich versah, war die Blauhaarige im Gildengebäude verschwunden.
‚Levys Phobie vor Spritzen hat sich offensichtlich nicht im Mindesten gebessert‘, schoss es ihr durch den Kopf, als sie das Oberteil von Lexy hochzog. Dann drehte sie sich zu Laxus um.
„Kannst du Lexy kurz übernehmen?“, frage sie. Der Dragon Slayer nickte kurz, dann umfasste er Lexys Körper behutsam, um sie zu sich zu ziehen, bis sie ihren Kopf auf seine Oberschenkel legen konnte.
„Was spritzt du ihr?“
Cana schob sich abwesend eine Haarsträhne hinter die Ohren, dann sprühte sie großzügig das Desinfektionsspray auf eine größere Fläche auf Lexys unterem Bauch. Als nächstes riss sie die Plastikpackung auf und holte den Wattebausch hervor, mit dem sie die ausgesuchte Stelle sorgfältig abtupfte.
„Ein Mittel, das ihre Magie freisetzt. Allerdings ohne Kontrolle von Lexys Seite aus, so reduziert sich die Menge an magischer Kraft in ihrem Körper. Das müssen wir alle paar Wochen tun, am Anfang waren es immer mindestens fünf Monate. Aber Lexys Kräfte steigen sehr schnell. Weitaus schneller, als ihr Körper mitwachsen kann. Selbst, wenn sie lernt ihre Magie zu benutzen, wird es noch bis zu ihrer Pubertät dauern, ehe sich das Verhältnis zwischen Magie und körperlicher Widerstandskraft ausgeglichen hat.“
Lexy zuckte noch nicht einmal, als sie ihr die Spritze gab und das Mittel injizierte. Stattdessen entspannte sie sich noch etwas mehr und schloss erneut die Augen.
„Du solltest jetzt etwas Abstand nehmen“, murmelte Cana und versuchte, Lexy wieder zu sich zu ziehen. Doch eine einzige Bewegung von Laxus, der sich leicht wegdrehte, ließ sie innehalten.
„Warum? Damit ich den Rest nicht mitbekomme, der gleich von sich geht? Ich dachte, ich hätte mich gestern Abend klar ausgedrückt. Wenn du wirklich vorhast, hier zu bleiben, werden früher oder später alle Gildenmitglieder Zeuge von Lexys Anfällen. Mich inbegriffen.“
Cana presste die Lippen zusammen, doch sie erkannte den Wahrheitsgehalt in Laxus‘ Aussage und gab sich geschlagen.
„Lexy, gib mir wie immer deine Hände“, murmelte sie, doch Lexy schüttelte den Kopf.
„Ich will dir nicht wieder wehtun“, wimmerte sie regelrecht, doch anhand der plötzlich geladenen Luft wusste Cana, wie wenig Zeit blieb.
„Du tust mir niemals weh“, antwortete sie beruhigend und ergriff bestimmt die Hände ihrer Tochter.
Im nächsten Moment konnte sie bereits spüren, wie die fremde Magie von den Händen ihrer Tochter in ihren Körper floss.
Schmerzerfüllt kniff sie die Augen zusammen. Doch sie erlaubte sich keinen Laut, der es ihrer Tochter noch schwieriger gemacht hätte, die nun freigesetzte magische Energie durch ihre Hände aus ihrem Körper zu lenken. Es fühlte sich an, als ob man sich langsam einer Stromleitung näherte und diese mit beiden Händen umfasste. Kleine, elektronische Schockwellen liefen durch ihren Körper. Trotz ihrer Bemühungen liefen nach wenigen Sekunden Tränen über ihre Wangen, die sie ignorierte. Ebenso wie das schockierte Luftholen von Laxus neben ihr, das vermutlich ihrer stummen Reaktion geschuldet war.
Wie immer war diese Tortur nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wahrheit keine ganze Minute gedauert hatte, vorbei und sie traute sich, tiefer Luft zu holen. Mit zitternden Händen wischte sie sich die Tränen von den Wangen, während sich Lexy langsam aufsetzte und sie schluchzend umarmte. Ein Schwall an gestammelten Entschuldigungen kam über die Lippen ihrer Tochter, doch sie versuchte sie gar nicht zu unterbinden. Lexy litt mindestens ebenso sehr wie sie selbst. Die Entschuldigungen ihrer Tochter trugen einen Teil dazu bei, um die Situation für sie erträglicher zu machen.
Dann begegnete sie Laxus‘ Blick, der sie mit einem aufgewühlten Blick betrachtete. Genauer genommen ihre Hände, die wie jedes Mal in ein aggressives Rot eingefärbt waren, wie man es durch elektrische Verbrennungen bekam.

+++

Und hier ist der Grund, wieso Cana ausgerechnet jetzt zurückgekehrt ist. Die ganze Geschichte, wie ich sie hier geschildert habe, habe ich entfernt an Ultear angelehnt, die ja vom gleichen Problem befallen war. Allerdings sind die Behandlungsmethoden hier komplett aus meiner Fantasie entnommen worden, ebenso wie das Schicksal von Laxus' Mutter und die generelle Art, wie eine Lacrima in einen Körper eingesetzt wird. Dazu wird später noch mehr kommen, wenn das Magische Institut ins Spiel kommt.
Ich hoffe, es war einigermaßen logisch und verständlich aufgebaut, lasst mir gern eure Meinungen dazu da!
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