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Schritt für Schritt

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16
Cana Alberona Gajeel Redfox Laxus Dreyar Levy McGarden
04.06.2020
21.01.2021
34
116.215
24
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20.08.2020 3.397
 
Kapitel 12 – Ein überraschender Austausch

Cana blickte zum wiederholten Male auf ihre Armbanduhr. Dann seufzte sie, stützte erneut ihr Kinn auf ihre Handfläche und blickte aus dem Fenster, hinter dem die grüne Landschaft an ihr vorbeizog. Trotz der Tatsache, dass ihr Auftrag sie nur in den Nachbarort führen sollte, dauerte die Reise zurück länger als erwartet. Was an dem unglücklichen Zufall lag, den Zug mit der überraschenden Notbremsung mitten auf der Strecke zu erwischen. Ein junger Mann hatte die Notbremse panisch betätigt, da bei seiner Partnerin die Wehen angefangen hatte. So also hatten sie einen halbstündigen Stopp einlegen müssen, um auf das Auto der Zuggesellschaft zu warten, welches die werdenden Eltern direkt nach Magnolia ins Krankenhaus gebracht hatte.
Nun war es anstatt dem geplanten Nachmittag der frühe Abend geworden, was ihre Rückkehr betraf. Cana war mehr als nur ein bisschen unruhig, weil der Auftrag viel länger gedauert hatte als ursprünglich geplant. Sie würde sich irgendwie anders arrangieren müssen, wenn sie weiterhin auf Aufträge gehen wollte. Ein leises Seufzen entwich ihr. Hoffentlich war Lexy so vertieft in ihre Beschäftigungen, um die verspätete Stunde nicht zu bemerken.
„Es wird besser werden. Jedes Mal, wenn Sie beruflich Ihre Familie für eine Zeit zurücklassen müssen“, ertönte eine männliche Stimme vom Sitz gegenüber und sie blickte ihren unverhofften Gesprächspartner überrascht an. Ein breitschultriger Mann im mittleren Alter, gekleidet in einen dunkelblauen Anzug samt hellgrauer Krawatte und weißem Hemd, der einen schwarzen Aktenkoffer auf seinem Schoß hatte.
„Jeder bekommt diesen ganz bestimmten Blick, wenn er an die Menschen denkt, die ihm am meisten am Herzen liegen“, führte ihr Gegenüber weiter auf.
Cana verstand nun auch, was er damit ausdrücken wollte. Sie rang sich ein halbherziges Lächeln ab, doch der Mann schüttelte nur verständnisvoll den Kopf.
„Man gewöhnt sich nur allmählich daran. Irgendwann entscheidet man sich, für eine Zeit die Reisen aufs Minimum zu beschränken, damit man mehr von seinem Partner und seinem Nachwuchs hat“, führte er aus.
„Wenn es nur so einfach wäre“, entwich es Cana. Im nächsten Moment hätte sie sich dafür schlagen können. Sie vermied Smalltalk mit anderen Reisenden so gut es ging. Doch irgendwie hatte es dieser Mann geschafft, sie aus ihrer Reserve zu locken, um sie zu einer Reaktion zu bewegen.
Er nickte nachdenklich, dann fiel sein Blick auf ihre kleine Tasche, in die definitiv nicht mehr passte als ein paar Utensilien, um den Tag problemlos zu überstehen. Ein kurzes Stirnrunzeln, dann erhellte sich sein Gesicht urplötzlich.
„Magier, nicht wahr? Ansonsten wäre Ihr Gepäck weitaus umfangreicher als diese kleine Tasche.“
Langsam nickte Cana, sich innerlich an einen weit entfernten Ort wünschend, an dem sie nicht mit unaufhörlichen Fragen gelöchert wurde.
„Nun, dann ist das natürlich ein anderes Thema. Sie durchqueren notgedrungen ja das gesamte Königreich, um Ihre Aufträge erledigen zu können. Sagen Sie, haben Sie und Ihr Partner schon eine Möglichkeit gefunden, ihren Nachwuchs tagsüber in Ihrer Abwesenheit versorgt zu bekommen?“
„Es gibt keinen Partner“, entgegnete Cana ausdruckslos, doch das schien ihren ungewollten Gesprächspartner nicht im Mindesten zu verunsichern. Ein kleines Schulterzucken war seine einzige Reaktion darauf, während er im nächsten Moment in seiner Tasche kramte. Aus dieser holte einen kleinen Block sowie einen Stift.
„Da Fairy Tail die einzige nennenswerte Magiergilde ist, die in dieser Richtung des Zuges liegt, gehe ich stark davon aus, Sie sind ein Teil davon?“ In Windeseile hatte er ein paar Dinge auf das oberste Blatt des Blocks gekritzelt, riss ihn ab und hielt ihn ihr einladend hin.
„Meine älteste Tochter ist in der Vorschule in Magnolia angestellt, sie bieten mittlerweile auch eine Betreuung nach dem morgendlichen Unterricht an. Hier ist die Adresse der Vorschule. Sie hat letzte Woche beim Familientreffen erwähnt, zwei Familien hätten ihre Anmeldung kurzfristig zurückgezogen, deshalb seien unverhofft drei Plätze frei. Falls Ihr Nachwuchs zwischen fünf und sieben Jahren alt ist, sollte es kein Problem sein, ihn in einer der beiden unvollständigen Gruppen unterzukommen.“
Cana blickte den Mann mit großen Augen an, bevor sie den Zettel an sich nahm. Ein kurzer Blick darauf bestätigte die Aussage ihres Gesprächspartners. Sie überkam ein schlechtes Gewissen wegen ihrer anfänglichen Gereiztheit ihm gegenüber. Das Lächeln, das sie ihm jetzt schenkte, war ein ehrliches.
„Vielen Dank. Meine Tochter soll tatsächlich in den nächsten Wochen in die Vorschule gehen, damit ich nicht ständig andere Gildenmitglieder von ihren Aufträgen abhalte, um sie als Babysitter abzustellen.“
Der Mann lachte herzlich und wedelte abwehrend mit den Händen in der Luft. „Sie würden sich wundern, wenn Sie wüssten, wie viele Leute gerne auf Ihre Tochter aufpassen, von denen Sie es nie gedacht hätten. Glauben Sie mir, bei drei Kindern weiß ich, wovon ich rede.“

+++


Cana trat mit neuem Elan durch die wie immer offenstehenden Türen des Gildengebäudes, in dem der übliche Trubel herrschte. Mit einem breiten Grinsen beobachtete sie das Treiben. So schön es in Blue Pegasus auch gewesen war, Fairy Tail war und würde für immer ihr einziges Zuhause bleiben. Suchend glitt ihr Blick über die Menge, doch sie konnte weder Lexy noch Hibiki erspähen. Innerlich zuckte sie mit den Schultern. Sie wusste, es war für ihre Tochter nahezu unmöglich, den ganzen Tag an einem Ort zu bleiben, der dazu noch in einem geschlossenen Raum war. Bis heute hatte sie nicht herausgefunden, woher dieser unbezähmbare Zwang kam, immer in Bewegung zu sein. Doch wenn sie sich Gildarts‘ Angewohnheiten über die letzten Jahre hin anschaute, hatte sie eine dumpfe Vorahnung: Offensichtlich waren nicht alle Charaktereigenschaften ihrer Tochter auf deren Eltern zurückzuführen.
So ging sie in aller Ruhe in Richtung des Tresens, wo Mira wie immer neues Bier ausschenkte und der Master sich mit der obligatorischen Briefkorrespondenz eines Gildenmeisters beschäftigte. Seinem neutralen Gesichtsausdruck nach waren es dieses Mal immerhin keine Beschwerden oder Ähnliches.
„Falls du Hibiki suchst, er ist in der Stadt unterwegs, um das ‚Angebot‘ zu betrachten, wie er es so blumig formuliert hat“, begrüßte sie Mira mit einem Augenzwinkern.
Cana versteifte sich. Sie wusste nur zu gut, was das ‚Angebot‘ bei Hibiki war: Junge, hübsche und bevorzugt leicht zu beeindruckende Frauen. Mit diesen befasste sich der Trimens nie länger als ein paar Tage, ehe er sie am Boden zerstört zurückließ und sich seiner nächsten Eroberung zuwandte. Das war ein Charakterzug, mit dem sie niemals zurechtkommen würde. Andererseits hatte dieser es ihr auch einfach gemacht, seine anfänglichen Avancen klar und deutlich abzuschmettern. Zwar waren diese niemals wirklich ernst gemeint, trotzdem war es um einiges einfacher gewesen, diese ebenso humorvoll abzulehnen.
„Sag mir nicht, er hat es gewagt, Lexy als Gesprächseinstieg mitzunehmen“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Der Master brummte nur neben ihr, dann warf er ihr einen berechnenden Blick zu. „Jemand hat sich dazu berufen gefühlt, Hibiki die Aufsicht über deine Tochter zu entziehen. Er hat sie allein in den Stadtpark gehen lassen, ohne jedwede Begleitung vonseiten der Gilde. Überwach hat er sie obendrein nur mit seiner Archive-Magie.“
Cana blinzelte. Das klang alles überhaupt nicht nach dem überbesorgten Aufpasser, der sie bei Blue Pegasus regelmäßig zu einem halben Nervenzusammenbruch getrieben hatte. Hibiki hatte selbst die normalen Schaukeln für Kinder für zu gefährlich befunden. Lexy war vier gewesen und hatte einen Aufstand angestellt, bis er endlich nachgegeben hatte.  
„Doch Lexy war sowieso viel zu begeistert von ihrem zweimaligen Retter, der sie nach dem Beinahe-Unfall auch im Park vor drohender Langeweile gerettet hat. Außerdem hat er sich obendrein bereit erklärt, ihr alle Fragen rund um eure neue und alte Heimatstadt zu beantworten. Mit einer Geduld, die ich bei ihm nie erwartet hätte. Es scheint, als ob sich die beiden wirklich blendend verstehen, ohne Ahnung  über ihre wahre Verbundenheit zu haben.“
Das ungute Gefühl, das sich vorhin bemerkbar gemacht hatte, verstärkte sich bei jedem Satz von Mira nur noch weiter. Trotz der kryptischen Beschreibungen der Take-Over-Magierin wusste Cana seit dem ersten Satz von Mira, wer genau gemeint war. Hilfesuchend klammerte sie sich am Tresen fest, um panisch zwischen Makarov und ihrer Freundin hin und her zu blicken.
„Lexys Aufpasser ist Laxus?“, flüsterte sie, bevor sie sich kraftlos auf den nächsten Barhocker sinken ließ. Das war nicht gut. Nicht nur hatte Lexy bereits beim ersten Treffen gemerkt, mit Laxus speziell verbunden zu sein, was sich von dem Band zwischen ihr und Hibiki unterschied. Nein, jedem Außenstehenden musste die große Ähnlichkeit zwischen Tochter und Vater auffallen, wenn man sie zusammen in Magnolia umherstreifen sah. Nur eine unbedachte Äußerung eines Passanten reichte, um Laxus eins und eins zusammenzuzählen zu lassen. Schon allein die Berechnung von ihrer Siegesfeier von vor fünf Jahren, verbunden mit einer Frage an Lexy über ihren Geburtstag, würden die Hypothese zweifelsfrei bestätigen.
Nachdem sie den ersten Schock verkraftet hatte, stürzte sie das Glas Wasser in einem Zug hinunter, das ihr Mira in weiser Voraussicht vor die Nase gestellt hatte. Dann stand sie wieder auf, eine entschlossene Miene auf ihrem Gesicht.
„Wo sind die beiden? Lexy sollte heute relativ früh ins Bett gehen, wir haben morgen einen Termin bei der Vorschule.“ Denn kaum als sie aus dem Zug ausgestiegen war, hatte sie bei der Telefonnummer angerufen, die ihr der Mann aus dem Zug gegeben hatte. Tatsächlich hatte sich eine junge Frau gemeldet, die sich nach der anfänglichen Verwirrung als Erzieherin in der Vorschule direkt gegenüber der Kathedrale entpuppt hatte. Als sie den Grund für Canas Anruf erfahren hatte, war sie über alle Maßen begeistert gewesen. Sie hatten direkt einen Besichtigungstermin für den nächsten Morgen vereinbart, damit Lexy so schnell wie möglich in der Vorschule angemeldet werden konnte. Wie sie die Kosten stemmen sollte, die immerhin ein Drittel ihrer Wohnungsmiete ausmachten, hatte Cana noch nicht überlegt. Doch sie würde das auf die Reihe bekommen.
„Laxus wollte mir ihr in den Park gehen, dieses Mal unter seiner Aufsicht, um den Raijinshuu beim Training etwas zuzusehen. Er meinte, sie müsse sich ja ohnehin für eine Art von Magie entscheiden, da wäre es am besten, so viele unterschiedliche Arten wie möglich zu sehen.“
Nun wuchs in Cana regelrecht Panik heran.
„Ich muss sofort los“, stieß sie noch hervor und verschwand aus der Gildenhalle, während der Master Mira einen langen, nachdenklichen Blick zuwarf.
„Deine Fähigkeit, deinen Gildenmitgliedern ins Gesicht zu lügen, war mir noch nicht bewusst.“
Miras freundlicher Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen und wurde von Reue ersetzt. „Ich mache das auch nicht gerne, aber es ist zum Besten von allen Beteiligten. Auch wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, Canas Gutgläubigkeit so auszunutzen.“
„Auch wenn wir Cana und Laxus nur in die richtige Richtung stoßen können. Ich hoffe einfach, alles wird sich im Guten auflösen und ich kann Lexy endlich wie einen Teil meiner Familie behandeln. Ihr zeigen, wie großartig ihr Urgroßvater ist ...“ Makarov verstummte, während sein Gesichtsausdruck träumerisch wurde.  

+++


Eine halbe Stunde später stand Cana vor dem Haus, das sie seit über sechs Jahren nicht mehr betreten hatte. Im zweitem Stockwerk befand sich die Wohnung, in der damals alles angefangen hatte. Ihr schoss das Blut ins Gesicht, als sie an diese eine Nacht dachte, die ihr Leben von Grund auf verändert hatte. Sie war wirklich bemerkenswert gewesen. Nicht nur, weil Lexy das Ergebnis davon war. Nein, im Voraus hatte es tiefgründige Gespräche gegeben, sie hatte endlich das Gefühl gehabt, den Menschen hinter der Laxus-Fassade richtig zu kennen. Wahrscheinlich war das auch der Augenblick gewesen, in dem für sie alle anderen Männer gestorben waren. Laxus war rein physisch eine unglaubliche Erscheinung, doch als so tiefsinnig hatte sie ihn in ihrem Leben nicht eingeschätzt. Ebenso wenig, wie oft sie in Dingen, die nichts mit Magie und Gilden zu tun hatten, einer Meinung waren. Diese Erkenntnisse hatten ihre zugegeben oberflächliche Verliebtheit in eine tiefe, bedeutsame Liebe umgewandelt, die sie wahrscheinlich bis an ihr Lebensende in sich tragen würde. Vor allem, da sie durch Lexy immer an diesen für sie unglaublichen Menschen erinnert wurde.
Das Summen des Türschlosses ließ sie zusammenzucken. Dann lachte sie leise über sich selbst und trat in das Haus, in dem sich Laxus‘ Wohnung befand.
Er erwartete sie bereits vor seiner Wohnungstür, die angelehnt war. Allein sein Gesichtsausdruck ließ ihre Begrüßung bereits im Hals verstummen. Sofort kamen in ihr alle Befürchtungen hoch, die sie auf ihrem Weg hierhin durchgegangen war und die sie wieder zum Umdrehen bewegt hätten. Wenn sie nicht ihre Tochter hier hätte abholen müssen.
„Lexy schläft“, murmelte Laxus und zog die Tür wieder auf. Cana fiel ein Stein vom Herzen und sie nickte. Wenn sie Glück hatte, war das der Grund für seinen seltsamen Blick gewesen.
Er führte sie ins Wohnzimmer. Sie verkniff sich ein Lächeln, als sie feststellte, wie wenig sich ihr Einrichtungsgeschmack voneinander unterschied.
Laxus bedeutete ihr, es sich in der Wohnzimmerecke gemütlich zu machen.  Er selbst verschwand hinter einer der drei Türen, um nach ein paar Augenblicken mit zwei Gläsern und einem Krug mit Wasser zu erscheinen. Diese wenigen Sekunden hatte sie genutzt, um sich umzuschauen. Doch sie konnte keinerlei Veränderungen zu ihrem letzten Besuch feststellen.  
Leicht verwundert blickte Cana auf die Gläser, dann schwenkte ihr Blick zu Laxus. Dieser zuckte mit den Schultern.
„Wenn Lexy sowieso schläft, können wir das Gespräch, um das du mich gebeten hast, hier führen. Nachdem ich dir eine Frage gestellt habe, die du beantworten wirst.“ Der letzte Satz klang beinahe drohend und sofort wurde Cana erneut schlecht.
„Wieso muss mir Hibiki anstelle von dir erklären, nicht der Vater von Lexy zu sein?“
Cana blickte ihn nur stumm und verzweifelt an, was seine harte Miene etwas weicher machte. Mit einer Spur von Traurigkeit und der gleichen Verzweiflung, die Cana bei sich selbst fühlte.
„Was ist mit mir? Wieso kannst du keine meiner Fragen beantworten, sondern mich nur mit diesem waid wunden Blick anschauen, als ob ich ein unvorstellbares Verbrechen begangen hätte? Falls es immer noch an Fantasia und –“
„Nein“, fiel ihm Cana ins Wort, während eine eiserne Klammer ihr Herz einzuschnüren schien. „Ich bin der letzte Mensch, der dir das zum Vorwurf machen kann, nachdem ich meine Kameraden bei den S-Klasse-Prüfungen geopfert habe, um zu meinem Ziel zu gelangen. Sich selbst gegenüber seinen Vätern oder Großvätern beweisen zu müssen, hat mir ebenso wenig genützt wie dir.“ Wie immer, wenn sie an ihre Entscheidung dachte, eine bewusstlose Lucy mitten im Wald einfach zurückzulassen, überkam sie das schlechte Gewissen. Selbst nach all den Jahren war es noch immer so präsent wie direkt nach ihrem Verrat, wie sie ihn für sich selbst bezeichnete.
„Was ist es dann? Weil ich damals direkt nach ... direkt am Morgen auf eine längere Mission verschwunden bin? Glaub mir, ich wollte sie ablehnen, aber der Master hat bereits unsere Unterstützung zugesichert. Erza und Mira waren beide mit anderen Aufträgen eingespannt und Gildarts – ihm wollte ich nicht gegenübertreten, nachdem ich seine Tochter ...“ Laxus brach ab, sichtlich unbehaglich mit der Richtung, die seine kleine Rede genommen hatte.
Cana spürte, wie ihr zum wiederholten Male seit ihrer Rückkehr die Tränen in die Augen stiegen. Doch sie hatte nach dem heutigen Tag keine Kraft mehr, sie ein weiteres Mal zu unterdrücken. Stattdessen kämpfte sie gegen den Kloß in ihrem Hals, um zumindest noch halbwegs vernünftig sprechen zu können.
„Nein.“ Ihre Stimme klang erstickt und Laxus‘ Blick veränderte sich zu alarmiert, weil er mit Sicherheit auch ihre wässrigen Augen zur Kenntnis genommen hatte.
„Das hatte rein gar nichts damit zu tun – Ich wusste nur nicht ... Ich konnte einfach nicht ... Lexy ...“ Ihre Stimme brach letztendlich und sie fuhr sich verzweifelt mit den Händen über die Wangen, um den Tränenfluss wenigstens ein bisschen unter Kontrolle zu bringen. Doch es brachte rein gar nichts. Sie wusste einfach nicht, wie sie es Laxus am schonendsten beibringen konnte und gleichzeitig war ihr bewusst, es besser heute als morgen zu tun. Hibikis Worte klangen wie eine Warnung in ihrem Kopf. Doch sie konnte Laxus nicht einfach so vor seine fünfjährige Vaterschaft stellen, ohne überhaupt ein klärendes Gespräch über sie beide zu führen. Was sie hier auch versuchen würde, wenn die Tränen aufhörten. Doch ihre Gedanken, ihren Druck aufgrund von Lexys Situation und Laxus‘ bloße Anwesenheit in den vier Wänden, in denen alles angefangen hatte, war einfach zu viel für sie.
Nur am Rand bekam sie mit, wie sich die Sitzfläche des Sofas neben ihr senkte. Erst als ein Arm um ihre Schultern geschlungen und ihr Gesicht überraschend sanft gegen eine beruhigend warme, muskulöse Brust gedrückt wurde, wurde ihr klar, dass Laxus seinen Platz gewechselt hatte.
„Sssch“, stieß er aus und fuhr ihr mit der Hand in langsamen, regelmäßigen Bewegungen über den Rücken, was ihren Tränenstrom alles andere als versiegen ließ.
Doch nach einer Weile gewann das beruhigende, vertraute Schlagen seines Herzens und der Geruch, den sie schon immer mit ihm verbunden hatte. Dieser hatte ihr schon früher ein Gefühl von Sicherheit gegeben, einfach wegen Laxus‘ purer, magischer Stärke, von dem sie wollte sich jetzt auch nicht trennen.
Trotzdem löste sie nach einer Zeit langsam den Kopf von seiner Brust. Sie biss sich auf die Lippen, als sie den nassen Bereich sah, der den dunkelblauen, dünnen Pullover an dieser Stelle nahezu schwarz aussehen ließ.
„Dein Oberteil wirst du wohl in die Wäsche geben müssen“, murmelte sie und blickte leicht verlegen hoch in Laxus‘ Gesicht. Seine Augen, die sie in den letzten Tagen abwechselnd kalt und wutentbrannt in Erinnerung hatte, strahlten nun eine Wärme aus, die ihr Herz leichter werden ließ.
„Das ist okay“, murmelte er, ohne die Hand von ihrem Rücken zu nehmen oder ein Stück von ihr abzurücken. Insgeheim war sie froh, dass er dazu keinerlei Anstalten machte.
„Offensichtlich waren die letzten sechs Jahre für dich nicht leicht.“
Seine Aussage ließ sie kurz versteifen, doch dann fing sie sich wieder. Scheinbar war noch nichts von Lexys Vater an seine Ohren gedrungen, denn ansonsten würde er nicht so gelassen reagieren.
Langsam schüttelte sie den Kopf, den Blick nicht von seinem Gesicht abwendend.
„Nein, waren sie nicht. Ohne Blue Pegasus hätte ich das erste Jahr nicht überstanden, zumindest nicht mit Lexy.“ Sie holte tief Luft, um sich zu sammeln. „Hibiki ist nicht Lexys Vater und –“
„Hibiki und ich hatten ein kleines, aber aufklärendes Gespräch. Nachdem ich ihm für seine Überwachungskünste am liebsten direkt zu einem freundschaftlichen Trainingskampf aufgefordert hätte“, unterbrach Laxus sie.
Cana verzog ihre Lippen zu einem amüsierten Grinsen, als sie sein nicht vorhandenes schlechtes Gewissen bemerkte.
„Das werde ich mit Hibiki noch klären müssen, normal ist er das Gegenteil. Früher durfte Lexy nicht aus seinem Blickfeld gehen. Er wurde regelrecht panisch. Dabei war in Blue Pegasus weitaus weniger los als hier in Fairy Tail, von dem verschlafenen kleinen Heimatort ganz zu schweigen.“
„Wenn ich ehrlich bin, möchte ich keine Redezeit an diesen Schönling verschwenden.“
Das saß. Cana blinzelte, dann nickte sie langsam. Sie öffnete den Mund und schloss ihn nach zwei Sekunden erneut, weil ihr kein vernünftiger Anfang einfallen wollte. Sie stieß ein verzweifeltes Lachen aus.
„Ich habe sechs Jahre lang überlegt, wie ich mich bei dir entschuldigen sollte – denn das war zeitgleich mit meinem Entschluss klar, Fairy Tail für eine unbestimmte Zeit zu verlassen. Es gibt – ich kann ... Bei Mavis, was ich eigentlich sagen will: Eine Entschuldigung macht nichts wieder gut, was ich vor sechs Jahren angerichtet habe.“ Sie holte tief Luft und schloss die Augen, um Laxus nicht ansehen zu müssen, während sie ihm hier ihre Seele offenbarte.
„Damals, vor alldem ... Das mit uns ... Ich war überglücklich. Wirklich.“ Doch sie konnte ihm nicht die ganze Wahrheit erzählen. Cana wusste selbst, es lieber früher als später tun zu müssen, doch sie konnte es nicht. Zu viel war in den letzten Tagen geschehen, einer weiteren Auseinandersetzung war sie einfach nicht gewachsen.
„Dann bekam ich Panik und – Wie hast du es so schön formuliert? Ich bin geflüchtet, weil ich darin jahrelange Übung habe.“ Ein bitterer Unterton hatte sich in ihre Stimme eingeschlichen. Es war noch nicht einmal gelogen, sie hatte nichts als Panik verspürt. Panik, weil sie mit gerade einmal zwanzig Jahren auf einmal die Verantwortung für ein zweites Leben aufgebürdet bekommen hatte, während sie ihr eigenes kaum auf die Reihe brachte. Panik, weil sie auch keinen Partner hatte, auf dessen Verlässlichkeit sie bauen konnte, weil Laxus damals ebenso stark mit seinem Leben kämpfte wie sie. Eigentlich war die mögliche Beziehung zwischen ihnen die einzige Stütze, die sie abgesehen von ihrer Gildenzugehörigkeit hatte. Selbst die familiäre Beziehung zwischen ihr und Gildarts war erst nach ihrem Weggang aus Fairy Tail wirklich erblüht.
„Die wichtige Frage ist: Flüchtest du auch jetzt noch?“ Cana riss die Augen auf und ihr Kopf fuhr hoch, wo sie einem konstanten, fragenden Blick aus grünen Augen begegnete.

+++

Ohne große Nachworte, das neue Kapitel. Vielen Dank für die Rückmeldungen zum letzten Kapitel! Ich hoffe, euch gefällt dieses ebenso sehr!
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