Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Schritt für Schritt

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16
Cana Alberona Gajeel Redfox Laxus Dreyar Levy McGarden
04.06.2020
21.01.2021
34
116.215
24
Alle Kapitel
124 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
13.08.2020 3.603
 
Kapitel 11 – Blue Pegasus

Lexy vergaß kurz den Sturz, um sich aufzusetzen, damit sie ihrem Gegenüber etwas besser in das Gesicht schauen sollte. Doch im nächsten Moment überwogen wieder der Schmerz und die Tränen, die sie versuchte hatte zurückzuhalten und sprudelten mit aller Gewalt über. Sie begann, hilflos zu schluchzen. Zwar war das nicht ihr erstes Mal in Bezug auf Schrammen an Händen und Knien, aber das hieß nicht, die Schmerzen von Mal zu Mal erträglicher zu finden.
„Lexy, das … wird schon wieder?“ Ihr Gegenüber kratzte sich unbeholfen am Hinterkopf, während sie seinen hilflosen Blick auf sich spürte.
Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und versuchte, die Tränen zum Versiegen zu bringen, bevor sie langsam aufstand. Dabei spürte sie, wie der sorgenvolle Blick nicht eine Sekunde von ihr wich, was sie merkwürdigerweise beruhigte. Nebenbei half es, die Tränen wieder unter Kontrolle zu bringen.
Kaum als sie stand, blickte sie wieder in das bekannte Gesicht des Magiers und nickte.
Der Blick von ihm fiel nun auf ihre Hände. Sie konnte hörte, wie sein Atem stockte. „Deine Hände. Wir sollten sie … säubern und behandeln?“ Das klang nicht viel sicherer als seine erste Frage, weshalb sie ihn fragend anschaute.
„Weißt du nicht, wie man das macht? Mama hält meine Hände dann immer unter Wasser, was fürchterlich brennt und dann kriege ich Creme, die helfen soll. Auf meine Knie kommen bunte Pflaster, die ich mir selbst aussuchen darf. Bei den Händen will ich keine, die stören mich nur.“
„Nun, dann sollten wir zur Gilde gehen, Mira müsste dort ein paar der Sachen haben. – Wo ist eigentlich C – deine Mutter?“
Lexy schob die Unterlippe vor und blickte auf den Boden. „Sie ist auf einem Auftrag. Ich durfte nicht mit. Jemand anderen wollte sie auch nicht mitnehmen, obwohl ich bei Biki schon oft gesehen habe, dass er dabei verletzt wurde. Ich wollte, dass Mama auch jemanden mitnimmt, aber sie wollte nicht!“ Schon stiegen ihr wieder Tränen in die Augen, doch im nächsten Moment vergaß sie sie, als sie hochgehoben wurde und dem Mann direkt in die Augen blicken konnte.
Er lächelte sie leicht an, während sie gebannt in seine grünen Augen blickte, die warm funkelten.
„Deine Mutter ist stark. Stärker als dieser – als Hibiki. Aber wer soll auf dich aufpassen, während Cana fort ist? Wo ist dein Aufpasser?“
Lexy strahlte ihn stolz an.
„Biki war in der Gilde beschäftigt, alle anderen auch. Also bin ich zum Park gelaufen, weil mir langweilig war, ohne dass es irgendjemand von ihnen bemerkt hat.“
Sofort war die Wärme in seinen Augen verschwunden, stattdessen trat ein gefährliches Funkeln in seine Augen.
„Wir gehen zur Gilde. Ich habe mit diesem Möchtegernmagier noch ein Wort zu reden.“
Schon setzte er sich in Bewegung, während sie immer noch auf seinem Arm saß und ihn still betrachtete. So sah ihre Mutter auch aus, wenn sie wütend war und das war kein schönes Erlebnis, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Zum Glück wusste sie dieses Mal, dass die Wut des Mannes nicht wegen ihr war, sondern wegen Biki. Außerdem fühlte sie sich bei ihm fast ebenso wohl wie bei ihrer Mutter, daher war sie nicht allzu besorgt über seinen wütenden Gesichtsausdruck.

+++


Kaum wurde die Gildentür mit enormer Wucht aufgestoßen, drehte sich Hibiki ergeben in Richtung der Person, die sich ihm sichtbar wütend näherte. Er warf einen letzten Blick zu Lucy, die angesichts des Blitz Dragon Slayers schluckte.
„Nimm am besten Lexy in den ersten Stock oder die Bibliothek, sobald Laxus sie abgesetzt hat“, raunte er ihr zu.
Die Stellarmagierin nickte mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. Einen Moment später stand sie schräg vor ihm und blickte Laxus auffordernd an.
„Ich nehme Lexy mit“, meinte sie ruhig. Ohne ein einziges Wort wurde ihr Canas Tochter übergeben, die die sich anbahnende Szene etwas angespannt beobachtete. Lucy lächelte sie beruhigend an.
„Wir beide gehen woanders hin, denn ich denke, du willst dir das gleich nicht anhören.“
Das blonde Mädchen nickte eilig, nachdem sie einen letzten Blick auf die wie unter Strom stehende Gestalt geworfen hatte, die dem Trimens gegenüberstand, um diesen mit einem Todesblick zu fixieren.
Lucy beeilte sich, schnell zu verschwinden und Hibiki verschränke betont lässig die Arme vor der Brust, während er sich an die Theke hinter sich leicht anlehnte.
„Wieso ist Lexy mitten im Park? Allein? Ohne einen einzigen Magier weit und breit?“, fing der Dragon Slayer mit einem gefährlichen Zischen an.
Hibiki bemühte sich, weiterhin unbeeindruckt auszusehen.
„Ich weiß immer, wo sie ist. Meine Magie verrät es mir.“
„Und wenn sich ihr irgendjemand Fremdes nähert?“ Nun war die Stimme von Laxus etwas lauter als vorher.
In der Gilde verstummten allmählich die Gespräche. Selbst Natsu und Gray unterbrachen eine ihrer alltäglichen hitzigen Diskussionen, um langsam die Blicke zur Theke zu wenden, an der sich eine größere Auseinandersetzung andeutete.
„Das sehe ich ebenfalls. Ich kann mit ihr per Telepathie in Kontakt treten und sie warnen, falls etwas sein sollte.“
Im nächsten Moment wurde der Trimens am Kragen seines hellblauen Hemdes gepackt und nach vorne gezogen. Dort erwartete ihn in weniger als drei Zentimeter Entfernung das Gesicht eines vor Wut  funkensprühenden Dragon Slayer.
„Du verlässt dich auf deine Magie, um deine eigene Tochter im Auge zu behalten?!“
Jetzt herrschte eine Totenstille in der Halle, sodass man das elektrische Knistern hören konnte, das von Makarovs Enkel ausging.
Hibiki wurde bleich. Das war ein Thema, das er nicht so schnell anschneiden wollte, doch im Moment blieb ihm nichts anderes übrig.
„Laxus!“, hörte er Mira hinter sich ausrufen und spürte eine nicht minder bedrohliche Aura, die sich hinter ihm aufbaute. „Egal, wie sehr du dich aufregst: Das ist ein Gastmagier, den du da gerade am liebsten umbringen würdest. Also reiß dich zusammen und lass deine Wut später an einem deiner Trainingspartner aus, die sich besser zur Wehr setzen zu können.“
Schon wurde er unsanft losgelassen und taumelte leicht, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte.
Der Blitz Dragon Slayer hatte sich schon halb von ihm abgewandt, immer noch einen mörderischen Ausdruck auf dem Gesicht. Doch Hibiki würde dieses Thema mit ihm besprechen, ob er wollte oder nicht. Er packte ihn daher am Unterarm, um ihm am Gehen zu hindern.
Sein Gegenüber fuhr sofort wieder wutentbrannt zu ihm herum, den Mund für die nächste Tirade geöffnet, doch er schüttelte einfach gelassen den Kopf.
„Ich glaube, wir müssen reden. Allein. Ohne uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.“
Zu seiner Überraschung zögerte der Dragon Slayer keine Sekunde, sondern nickte schweigend und bedeutete ihm, in den zweiten Stock hinaufzugehen.
„Auf der linken Seite sind ein paar Besprechungsräume, die so gut wie immer leer sind.“ Auch die Stimme klang überraschend gefasst.

Die Besprechungsräume waren zwar schlicht, aber einladend und freundlich gestaltet. Die Wände waren in einem hellen Creme-Ton gehalten und ihre Kahlheit wurde durch ein paar einfache Bleistiftzeichnungen, die höchstwahrscheinlich Freed angefertigt hatte, aufgelockert. In der einen Ecke saß eine Palme auf einem kleinen, weißen Holzhocker und bekam die Sonnenstrahlen ab, die durch das geschlossene, große Fenster in das Zimmer fielen.
Hibiki überließ Laxus die Auswahl der Stühle. Der Dragon Slayer ging zielstrebig auf einen Stuhl gegenüber der Eingangstür zu. Erst als sich beide auf einen der Stühle gesetzt hatten, die rund um einen ovalen Holztisch standen, räusperte sich der Trimens.
„Das, was ich dir jetzt erzähle, wird diesen Raum nicht verlassen.“ Ein langsames, widerstrebendes Nicken von Laxus reichte ihm, deshalb fuhr er mit ebenso ruhiger Stimme fort. „Es ist eine etwas längere Geschichte und Cana wird mich umbringen, sobald sie mein Ausplaudern erfährt. Bevor ich aber anfange, möchte ich etwas klarstellen: Ich bin wahrscheinlich die Person, mit der Cana in den letzten sechs Jahren am meisten geredet hat. Über alles Mögliche, auch über die Vergangenheit, ihre persönlichen Probleme mit ihrem Vater, über Probleme innerhalb der Gilde – auch über dich.“
Mit leichter Zufriedenheit sah er, dass sich sein Gegenüber unwillkürlich versteifte. Perfekt, genau das verriet ihm eines: Laxus rechnete mit dem Schlimmsten. Nun, er hatte so gut wie alles über den Blitz Dragon Slayer von der Kartenmagierin erfahren. Es waren einige Dinge dabei gewesen, die ihm überhaupt nicht gefallen hatten. Aber das war anscheinend Vergangenheit und er war reifer geworden. Laxus‘ früheres Selbst hätte ihn spätestens jetzt mit einem gut gezielten Schlag bewusstlos werden lassen, das wusste er.
„Ich traf Cana vor fast sechs Jahren in einer heruntergekommenen, trübseligen Bar.“

+++

Irritiert hielt Hibiki unauffällig die Luft an, als ihm sein Auftraggeber seinen stinkenden Atem direkt ins Gesicht pustete. Ren und Eve waren zu ihrem Glück nicht in die Spelunke gekommen, weil sie ihnen zu gut für einen Hinterhalt geeignet war. Stattdessen passten die beiden draußen, etwas abseits vom Eingang auf, dass die Sache nicht aus dem Ruder lief.
Der Grund? Ihr Auftraggeber war nun einmal ein etwas zwielichtiger Geselle, aber es gab gut Geld für das Beschaffen von ein paar Informationen. Master Bob hatte ihnen den Auftrag gegeben mit dem Hinweis, der Auftraggeber hätte sich in der Vergangenheit unheimlich für Blue Pegasus eingesetzt hatte. Damals, als es ihnen nach Karens Tod finanziell wirklich miserabel ging. Er hatte im Stadtrat alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit die Gilde für ihre Schulden bei der Stadt einen längeren Zeitraum als bisher angesetzt zugesprochen bekommen hatte. Zusätzlich zu einem günstigen Zinssatz für die Kredite, die abbezahlt werden mussten. Denn Karens Kampf mit Angel von Oracion Seis hatte die Hälfte der Felder und die wichtigste Brücke in Schutt und Asche gelegt.
„– und daher müsst ihr die Informationen bis nächste Woche beisammen haben, sonst stehe ich dumm da vor den Anderen.“
Er hatte ihn schon wieder ausgeblendet, zum dritten Mal innerhalb von fünfzehn Minuten. Aber der Typ hatte sowieso nur das gesagt, was ohnehin bereits im Auftrag gestanden hatte, also keine große Überraschung.
Hibiki nickte und stand auf, froh, diesem penetranten Mundgeruch endlich entkommen zu können. Davor hatte Master Bob sie natürlich nicht gewarnt, dabei war das eine der wichtigsten Sachen überhaupt. Es gab nichts Schlimmeres als unangenehme Gerüche bei anderen Menschen, zumindest nicht für ihn.
In Gedanken versunken achtete er nicht darauf, wohin er lief – er knallte mitten im Gehen gegen einen eindeutig weiblichen Körper. Reflexartig hielt er sich an diesem fest, um nicht den Halt zu verlieren. Im nächsten Moment passierten zwei Dinge: Er bekam eine Nase wohlriechenden Orangenduft ab, den er unwillkürlich tief einsog und eine empörte Stimme meinte „Pass doch auf!“.
Die Stimme kam ihm vage bekannt vor, womit er nicht gerechnet hatte. Er schob die Frau vor sich etwas von sich weg, um sie besser betrachten zu können. Als er einen kurzen Blick in ihr erschöpftes, bleiches Gesicht warf, schnappte er entgeistert nach Luft.
Die Frau blickte ihm ebenfalls ins Gesicht und wurde noch weißer als ohnehin schon.
„Verdammt“, murmelte sie und machte Anstalten, sich an ihm vorbeizudrängen.
Doch der Trimens verstärkte blitzartig seinen Griff, um sie im Anschluss mit sich langsam, aber sicher auf den Ausgang zuzuziehen.
„So schnell werde ich dich nicht gehen lassen, nachdem deine Gilde die letzten Monate auf der Suche nach dir in ganz Fiore herumgelaufen ist. Sie haben jeden Stein umgedreht“, meinte er mit überraschend kalter Stimme zu ihr.
Sofort zuckte sie zusammen und ließ sich ohne Widerstand nach draußen schieben, während sie ihren Mantel enger um sich zog. Der hatte ebenfalls schon bessere Tage gesehen, so abgetragen wie er selbst im dämmrigen Licht der Bar erschien.
Ren und Eve rissen ebenfalls perplex die Münder auf, als sie ihn mit seiner mehr oder weniger freiwilligen Begleiterin sahen.
„Cana Alberona?!“
Sofort zuckte die Magierin erneut zusammen und blickte ängstlich um sich, die Hände schützend um ihre Mitte geschlungen. Eine Mitte, die definitiv nicht so schlank war wie damals auf den magischen Spielen. Wortlos fixierte Hibiki seinen Blick auf den Mantel, der um den Bauch herum nur noch knapp zu passen schien. Cana fiel dieser Blick auf und sie senkte den Kopf.
„Los, lauft los, sagt es Master Bob, damit er es Makarov, besser noch Erza oder Mira weitergeben kann!“ Ihr beißender Tonfall wurde erheblich durch das Zittern in ihrer Stimme beeinträchtigt.
Die drei Trimens wechselten einen kurzen Blick. Sie kannten sich schon so lange, um mit solch kurzen Austauschen die nächste Vorgehensweise festzulegen. Eines hatten sie innerhalb dieser wenigen Augenblicken beschlossen: Sie würden die Gründe, warum die Kartenmagierin ihre über alles geliebte Gilde verlassen hatte respektieren. Gleichzeitig stand jedoch fest, alles daran zu setzen, um Canas Situation zu einer besseren als der aktuellen zu ändern.
„Nein.“ Hibikis Antwort war entschlossen genug, um einen fassungslosen und auch leicht hoffnungsvollen Blick aus zwei blaue Augen zu erhalten. „Aber wir werden dich hier definitiv nicht zurücklassen. Du wirst auf unseren Auftrag mitkommen, danach gehen wir gemeinsam zu Blue Pegasus. Niemand wird etwas sagen, wenn du es nicht willst. Doch Master Bob wird sich liebend gerne um ein verirrtes Vögelchen kümmern, das jahrelang bei einer befreundeten Gilde gelebt hat.“
In Canas Augen blitzte unendliche Dankbarkeit auf und er sah, wie sie trocken schluckte, um das Schluchzen zurückzuhalten. Er wusste nicht, was genau passiert war, aber der Ex-Fairy-Tail-Magierin schien es wirklich dreckig zu gehen. Doch er hatte jedes einzelne Wort ernst gemeint. Blue Pegasus würde sich um sie kümmern, bis es ihr besser gehen würde, nachdem sie vor ihrer alten Gilde regelrecht geflohen war.
„Wo ist der Vater?“
Am liebsten hätte er Eve für diese Frage umgebracht. Denn einen Augenblick später stand eine haltlos schluchzende, hilflose Frau vor den Dreien, die das Gesicht in den Händen vergraben hatte, sodass man ihren Zustand besser sehen konnte.
Mindestens im fünften Monat, wenn er richtig schätzte. Er verbiss sich ein Fluchen. Also war das vermutlich der Grund für ihr Verschwinden gewesen. In ihm stieg Mitgefühl für die Kartenmagierin auf. Was auch immer geschehen war, sie war nicht freiwillig aus Fairy Tail ausgetreten.
Wortlos nahm er sie in die Arme und legte eine Hand beruhigend auf ihren Hinterkopf, während sie sein Hemd innerhalb von Sekunden durchnässte. Es schien, als müssten sie ihre Strategie doch stärker ändern.
„Eve, Ren – schafft ihr den Auftrag auch ohne mich?“
Ein einhelliges Nicken der Beiden bestätigte ihre einstimmige Meinung über die Situation.

+++


„Was für ein süßes Ding hast du denn da mitgebracht?“, flötete Master Bob, kaum als Hibiki die Gildenhalle betreten hatte. Doch dessen Gesichtsausdruck sprach eine völlig andere Sprache und auf diesen konnte man sich eher verlassen auf das oftmals aufgesetzte Getue des Masters. Es dauerte eine Zeit, bis man sich an diese Eigenarten gewöhnte, doch dann kam man mit dem Master bestens aus. Er selbst hatte bereits mit sieben Jahren gemerkt, dass Bob doch gar nicht so gruselig war, wie er immer tat.
„Ich bringe sie …“ Etwas überfordert verstummte er und blickte den älteren, geschminkten Mann hilfesuchend an.
Der verstand sofort.
„Bring sie erst einmal in mein Büro. Dort können wir es uns gemütlich machen und etwas Tee zusammen trinken“, trillerte der Gildenmeister und schwebte regelrecht in Richtung Theke, um den Tee zu holen.
Hibiki umfasste die Schultern seiner Begleiterin. Cana hatte sich seit dem Eintritt in die Gildenhalle die Kapuze ihres Mantels so tief in das Gesicht gezogen, um nur die untere Gesichtshälfte zu offenbaren.  Der Trimens zog sie behutsam in Richtung der Treppen, die hinter dem Türrahmen neben der Theke anfingen.
„Bob wird nichts weitererzählen, vertrau mir“, murmelte er leise in ihr Ohr, während er sich prüfend in der Halle umblickte. Es hatte so gut wie niemand etwas mitbekommen – er vermutete einen Illusionszauber von Master Bob dahinter, denn in diesen war er in der Gilde unangefochten der Beste.
„Vertrauen? Dir? Dem größten Womanizer in ganz Fiore?“
„Autsch.“ Hibiki warf der Kapuze schräg unter seinem Gesicht einen verletzten Blick zu. „Ich mag zwar ein Womanizer sein, aber das hat mit meiner Verlässlichkeit nichts zu tun. Außerdem ist das Letzte, was mir bei deinem Zustand in den Sinn kommt, eine Bettgeschichte.“
„Autsch“, ertönte es nun von ihr, allerdings hörte er das Lächeln in ihren Worten. „Das habe ich verdient.“

+++

Hibiki betrat die Gildenhalle von Blue Pegasus. Wie in den letzten Monaten glitt sein Blick als erstes zur Bar, wo er wie immer die angeblich verschwundene Fairy-Tail-Magierin erwartete. Doch heute stand Liza allein hinter der Bar und trocknete in aller Seelenruhe Weingläser, die aufgereiht vor ihr standen und um die Wette zu funkeln schienen.
„Wo ist Cana?“ Ohne ein einziges Wort der Begrüßung war er durch die Halle geeilt und blickte die Schwarzhaarige mit bittendem Blick an.
„Vor fünf Tagen haben die Wehen eingesetzt“, erwiderte Liza leichthin.
Hibiki fühlte sich, als ob ihm gerade der Boden unter den Füßen weggezogen worden wäre.
„Was?“, flüsterte er und umklammerte mit einer Hand den Tresen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Denn auf seinen Körper verließ er sich in diesem Moment lieber nicht, wenn dieser nur halb so verrückt spielen sollte wie die Gedanken in seinem Kopf. Er hatte sich geschworen, der Kartenmagierin beizustehen, wenn es soweit war, als eine Art Partnerersatz. Doch momentan fühlte er sich eher wie der werdende Vater und das war ein emotionaler Zustand, den er für die nächsten Jahre definitiv nicht noch einmal erleben wollte.
„Sie sollte in diesem Augenblick entlassen werden“, flötete Master Bob hinter ihm.
So schnell war der Trimens noch nie aus der Gildenhalle verschwunden, geschweige denn von dem Gildengebäude zum Krankenhaus gesprintet.
Hier kam er genau zum richtigen Moment an: Cana verließ eben das Gebäude durch die breite Glastür. Direkt neben ihr war Gildarts in seinem Reiseoutfit samt Seesack. Der frischgebackene Großvater starrte verzückt auf ein kleines, weißes Bündel in seinen Armen. Selbst Canas energetischer Redefluss wurde nur mit einem abwesenden Nicken beantwortet.
„Cana!“, keuchte Hibiki viel leiser als geplant. Doch die Kartenmagierin hatte ihn gehört, denn ihr Blick hob sich von Gildarts‘ Armen in seine Richtung. Im ersten Moment erschrak er, als er das blasse, abgezehrte Gesicht und die Schatten um ihre Augen sah. Aber dann sah er in ihre Augen und entdeckte dort ein Funkeln, wie er es in den letzten Monaten nie bei ihr gesehen hatte.
„Hibiki, schau sie dir an“, flüsterte Cana mit belegter Stimme, als er zu dem Paar getreten war.
Gildarts hatte ihm nur ein kurzes Nicken geschenkt und dann seine Aufmerksamkeit erneut seinem neuesten Familienmitglied geschenkt.
Hibiki warf einen Blick auf das weiße Bündel und sah ein rotes, verquollenes Gesicht, das selbst im Schlaf ein Stirnrunzeln zierte. Ein heller Flaum bedeckte den Kopf und er ahnte bereits, von welchem Elternteil das Kind die Haarfarbe erben würde. Alles in allem war das Kind ziemlich hässlich, wenn er ehrlich war. Deshalb brummte er nur eine undeutliche Antwort.
Im nächsten Moment rümpfte das Mädchen die Nase und öffnete die Augen, die ihn mit einem verschwommenen, grünen Blick zu fixieren schienen. Er wusste dank Canas intensiver Recherche in den letzten Monaten, dass ihre Tochter ihn unmöglich erkennen konnte. Trotzdem faszinierte ihn das Grün, das ebenfalls definitiv nicht von mütterlicher Seite stammen konnte. Gedanklich nahm er seinen ersten Eindruck zurück, denn dieser Blick machte alles wieder wett.
„Sie ist außergewöhnlich“, murmelte er und Gildarts stieß ein zustimmendes Murmeln aus.
„Alexia. Alexia Cornelia heißt sie“, lächelte Cana ihn an und Hibiki nickte zustimmend. Dann stockte er, als ihm der erste Name bewusst wurde.
„Bist du dir dabei wirklich sicher?“, fragte er behutsam, doch in ihrem Blick konnte er keinerlei Unsicherheit erkennen. Stattdessen nickte sie entschlossen.
Hibiki wurde in diesem Moment eines bewusst: Cana würde sich allmählich mit ihrer neuen, ungewohnten Situation arrangieren. Dafür sprach die Liebe und das übersprudelnde Glück in ihren Augen, wann immer sie ihre Tochter anblickte.


+++


Auch nach etlichen Minuten hatte sich keiner der beiden Magier bewegt,  geschweige denn einen Laut von sich gegeben. Beide hingen ihren Gedanken nach. Hibiki erinnerte sich mit einem wehmütigen Lächeln daran, Lexys Aufwachsen nun nicht mehr hautnah miterleben zu können. Woran Laxus dachte, wusste nur dieser selbst. Doch es schien etwas Angenehmes zu sein, denn seine Gesichtszüge waren etwas weicher geworden, während Hibiki sein Zusammentreffen mit Cana von vor sechs Jahren geschildert hatte.
Irgendwann beschloss Hibiki, das Schweigen zu brechen, so behaglich es für den Moment auch sein mochte.
„Was ich damit eigentlich sagen wollte: Auch wenn es mich mit unendlichem Stolz erfüllen würde, ist Lexy nicht meine Tochter. Cana und ich hatten in all den sechs Jahren nie etwas, was über eine tiefe Freundschaft hinausgeht.“
Der Blitz Dragon Slayer nickte langsam. „Du scheinst ihr eine wirkliche Stütze gewesen zu sein. In einer Zeit, in der alle anderen es nicht sein konnten.“ Seine Stimme klang rau vor versteckten Emotionen.
Unwillkürlich verspürte er eine gewaltige Portion Mitleid mit dem Magier neben ihm, der nur einen Bruchteil der Geschichte kannte. Vor allem würde Laxus den wichtigen Teil von Canas Entscheidung erst noch erfahren. Darum beneidete er ihn kein bisschen, denn dieser Schock würde selbst den abgebrühtesten Mann bis in die Grundfesten seiner Persönlichkeit erschüttern. Wie sich das auf Laxus auswirken würde, der in den letzten Jahren ohnehin schon mehr als genug durchgemacht hatte, wollte er sich gar nicht erst ausmalen. Hauptsächlich um Canas und Lexys, aber auch um Laxus‘ Willen selbst. Deshalb gab er ihm noch einen weiteren, wichtigen Teil mit.
„In den vergangenen sechs Jahren hat Cana nur für Lexy gelebt. Es gab nie eine andere Person in ihrem Leben, die auch nur eine Zeit lang eine Vaterfigur für Lexy darstellte. Auch bei mir wurde Lexy von Anfang an klar gemacht, nichts anderes zu sein als ein guter Freund ihrer Mutter.“

+++

Das Kapitel, das ihr sehnsüchtig erwartet habt. Nun ja, zum großen Showdown ist es ja nicht gekommen, aber dafür gab es viel Hintergrundinformationen, wie es Cana denn so ging und wie genau sie auf Hibiki getroffen ist. Und immerhin weiß Laxus jetzt, wer nicht der Vater ist.
Lasst mir gern eure Eindrücke und Überlegungen da! Ich bin immer wieder überwältigt, wie viele Rückmeldungen diese Story bekommt, vor allem wenn man sich das etwas unüblichere Pairing anschaut.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast