Der König der Verlorenen

GeschichteFantasy, Freundschaft / P16
Chris "The Lord" Harms Class Grenayde Gared Dirge Niklas 'Nik' Kahl Pi Stoffers
04.06.2020
30.08.2020
9
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23.08.2020 3.152
 
Kapitel 7
Der Gaukler aus Jerive



„Ach, ist es nicht ein herrlicher Tag der Airella?“ flötete Gared eines Morgens. Ein paar Tage lang folgten sie bereits dem Fluss und hatten letzte Nacht das erste Mal richtig Rast gemacht. Auch Chris hatte für ein paar Stunden erholsamen Schlaf gefunden, was seinem Körper wahrlich gutgetan hatte. Gared stellte für ihn sogar in regelmäßigen Abständen die Heilpaste her, welche er zwar nur widerwillig zu sich nahm, aber so seinen zahlreichen Verletzungen langsam Linderung verschaffen konnte.
„Tag der was?“ fragte Chris und blickte dabei verwirrt über Gareds Schulter.
„Tag der Airella. Sagt bloß, Ihr kennt keine Wochentage?“
„Das ist Wissen der Gebildeten, ich verbrachte fast mein ganzes Leben in der Gosse, dort zählt wahrlich anderes Wissen.“ entgegnete Chris bissig.
„Auch der gemeine Pöbel kennt die Wochentage. Soll ich sie Euch beibringen?“ flötete Gared gut gelaunt weiter, während er das Einhorn vorantrieb, „Es gibt ganz vier Stück an der Zahl.“
„Wenn du nicht endlich mit diesem vornehmen Geschwätz aufhörst, dann…“
„Dann was?“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen sprang Chris von dem Einhorn ab und landete geschickt im seichten Wasser. Wenigstens das gelang ihm wieder, ohne dabei gleich große Schmerzen zu verspüren. Gared brachte das Einhorn zum Halten, als Chris schon entschlossen an ihm vorbeistapfte.
„Also… hört zu…“ begann Gared wieder, „Heute ist der erste Wochentag, der Tag der Airella, besser bekannt als Göttin der Luft.“
„Ich glaube an keine Götter!“ rief Chris genervt über seine Schulter.
„Der zweite Tag ist der Tag des Aguarilos, dem Gott des Wassers, danach folgt der Tag der Tierraglas, der Göttin der Erde und…“
„Für mich gleicht ein Tag dem anderen!“
„Und als letztes kommt der Tag des Fuegoson, dem Gott des Feuers. Kennt Ihr überhaupt die zehn Monate?“
Chris stöhnte genervt und verdrehte seine Augen, als er plötzlich, ganz weit in der Ferne eine Brücke erspähte. Schnell breitete er seinen Arm aus und fasste mit der Hand die Zügel des Einhorns.
„Was ist los?“ fragte Gared alarmiert.
„Wenn du dich nicht so sehr um meine Bildung scheren würdest, dann hättest du die Brücke dort vorne auch gesehen.“

Chris schwang sich wieder auf das Einhorn und nahm selbst die Zügel in die Hand. Sanft trieb er das Tier aus dem Flusstal den Wald hinauf.
„Warum bleiben wir nicht im Tal?“
„Das ist die Grenze. Dort geht es vom Königreich Hijelarik nach Cogah. Ich weiß nicht, ob die Wachen dort uns so freundlich gesonnen sind.“ erklärte Chris mit Bedacht.
„Ihr wart doch so begeistert von dem Vorhaben nach Cogah zu reisen.“
„Ich bin aber auch nicht erpicht darauf irgendwelche Straßenkämpfe zu führen.“
Gared seufzte leise und sagte nichts mehr. Chris war das nur recht. Auf irgendwelche Lehrstunden hatte er sowieso keine Lust, obwohl ihn das Wissen des Jünglings durchaus erstaunte. Dennoch war es in diesem Fall nichts Unübliches. Gared war ein Prinz, ein Adliger und hatte deshalb in seiner Kindheit durchaus Unterricht bei den Gebildeten an dessen Hofe bekommen. Er hingegen wusste eben, wie man sich als Sklave eines Königs in der Kampfarena zu verteidigen hatte. Er kannte die Schwachstellen vieler Bestien und Monstern, von denen Gared sicherlich niemals etwas gehört hatte.
„Den wievielten Sommer lebt Ihr eigentlich?“
„Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.“ brummte Chris entnervt.
„Wie?“ entwich es Gared, ehe er sich überrascht über seine Schulter neigte, „Ihr wisst Euer eigenes Alter nicht mehr?“
Chris sog scharf die Luft ein. Auch eine Sache, die er langsam wieder viel besser konnte als noch vor wenigen Tagen. Gared konnte zwar nicht gut kämpfen, aber nervte dafür hervorragend. Trotzdem verlor sich Chris in seinen Gedanken. Wie alt war er gleich noch einmal? In die Arena kam er, als er seinen vierzehnten Sommer erlebt hatte. Mit der Vollendung seines zweiundzwanzigsten hatte er aufgehört zu zählen. Seither waren etliche weitere Sommer vergangen. Viele. Zu viele.
„Hmm…“ entwich es ihm nachdenklich, „Es müsste mein… vierunddreißigster Sommer sein, wenn ich mich nicht recht irre…“
„Dann seid Ihr sieben Sommer älter als ich.“ antwortete Gared, „Wie lange…“
„Tu mir einen Gefallen, ja?“ unterbrach Chris den Jüngling, „Halt einfach deinen Mund, ja?“

Enttäuscht über die barschen Worte verstummte Gared. Stattdessen ließ er seinen Blick durch die Gegend schweifen. Chris trieb das Einhorn bewusst mitten durch den Wald, fernab aller Straßen und Pfade. Einige Stunde vergingen, bis sie am Horizont die hohen Türme des Schlosses der Stadt Jerive erspähen konnten.
„Jerive ist eine sehr schöne Stadt. Meine Schwester und ich besuchten dort regelmäßig den Markt.“ erzählte Gared und geriet ins Stocken, „Die Erinnerungen daran schmerzen mich sehr…“
„Wir gehen nicht in die Stadt.“ meinte Chris nur, „Das wäre nicht klug.“
„Was wisst Ihr schon über Klugheit. Ihr kennt ja noch nicht einmal die Wochentage.“ erwiderte Gared leicht genervt, „Wie gesagt, die Stadt ist wunderschön. Wenn Ihr nicht hingeht, dann… dann seid Ihr wahrscheinlich erfreut zu erfahren, dass sich unsere Wege hier von nun an trennen. Und nun steigt ab von meinem Einhorn.“
Vollkommen baff über diese klare Ansage schüttelte Chris seinen Kopf.
„Habt Ihr mich nicht verstanden?“
„Doch, klar und deutlich sogar.“ antwortete Chris ungläubig, „Ich werde solange dieses Einhorn führen, bis wir an den Mauern der Stadt angekommen sind und ich dich umgestimmt habe.“
„Ich habe meine Entscheidung getroffen.“ erwiderte Gared stolz.
„Du entscheidest dich für dein Verderben.“

Den gesamten Weg hin zur Stadt versuchte Chris den Jüngling noch irgendwie umzustimmen, ohne Erfolg. Gared blieb dabei, er würde nach Jerive gehen und sich dort irgendwie durchschlagen, immerhin war es eine wunderschöne Stadt.
Vor den Toren der Stadt angekommen stiegen die beiden von dem Einhorn ab, welches sofort zurück in die Tiefen des Waldes galoppierte. Gared ging erhobenen Hauptes voran, während Chris ihm mit Unbehagen im Bauch folgte. Der Jüngling scherte sich nicht um die Stadtwachen, die vor dem Tor Wache hielten. Chris hingegen musterte die beiden Ritter unbemerkt von Kopf bis Fuß. Sie schienen nicht Notiz von ihnen zu nehmen, was Chris erst einmal erleichtert aufatmen ließ.
Auf dem Marktplatz der Stadt angekommen wandte sich Gared keck an Chris.
„Ich dachte, Ihr wolltet die Stadt nicht betreten.“
„Habe es mir anders überlegt…“ knurrte Chris und seufzte leise, als er dem Jüngling in das rege Treiben des Marktes folgte. Achtsam ließ er seinen Blick durch die Menge schweifen. Gared hingegen erfreute sich an den bunten Buden und Ständen und bewunderte die vielfältigen Angebote.
Während Gared gezielt an einen Stand mit Kleidung und Stoffen hinlief, bemerkte Chris, dass einige der Marktbesucher die Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln begannen. Eigentlich wäre nichts Schlimmes daran, wenn die Menschen ihn dabei nicht so anstarren würden. Wieder ließ Chris seinen Blick durch die Gegend schweifen. Ganz in ihrer Nähe befand sich eine klapprige Holzbühne, auf welcher ein Gaukler seine Kunststücke vollführte. Scharf sog er die Luft ein und versuchte sich zu beruhigen. Vielleicht unterhielt sich der gemeine Pöbel ja auch über den lausigen Spielmann.

Chris wollte sich gerade wieder Gared zudrehen, als er sich alarmiert umsah. Der Jüngling war nirgends zu sehen.
„Mist…“ fluchte Chris leise und lief die nahegelegenen Buden ab. Wieder bemerkte er, wie die Leute um ihn herum ihre Köpfe zusammensteckten und hinter vorgehaltener Hand tuschelten. Und dieses Mal war er sich ganz sicher, die Menschen sprachen über ihn.
Erleichtert atmete Chris einen Moment später auf, als er Gared an einem Ausschank nahe der Bühne des Gauklers entdeckte. Mit schnellen Schritten lief er auf ihn zu, legte seine Hand auf seine Schulter und sprach: „Wo zum Henker treibst du dich herum?! Ich habe dich gesucht!“
„Erst wollt Ihr, dass sich unsere Wege trennen und dann könnt Ihr eine Trennung nicht verkraften… Ihr seid sehr selt…“
„Wir müssen sofort gehen. Die Leute…“
„Der gemeine Pöbel erfreut sich über die Künste des Gauklers.“ winkte Gared lässig ab, „Seht doch, wie gut er die Orangen jonglieren kann! Das finde ich sehr lustig!“
Chris verdrehte genervt seine Augen und neigte sich dicht an das Ohr des Jünglings: „Die Leute sprechen über…“
„Das ist er! Das ist er!“ schrie plötzlich eine schrille Frauenstimme über den Platz, „Das ist der Lord von Hijelu!“
Sofort waren alle Blicke auf Chris und Gared gerichtet.
„Ja und er hat den Jüngling dabei, welchem er zur Flucht aus der Arena verholfen hat!“
Alarmiert drehten sich Chris und Gared um, während erstauntes Geschwätz auf dem Marktplatz aufkam.
„Folge mir…“ knurrte Chris leise und machte einige Schritte, als sich ihm eine propere Dame adligen Standes in den Weg stellte. Ungefragt, grob und schneller als Chris überhaupt reagieren konnte, griff sie an den Kragen seiner schäbigen Tunika und riss diese so herunter, dass die großen Lettern auf seiner Brust für alle zum Vorschein kamen.
„Da! Seht es selbst!“ rief sie mit fester Stimme, „Er ist es! Er trägt die vier Lettern auf seiner Brust! Er ist der Lord, der in Hijelu so für Unruhe gesorgt hat!“
Chris wich erschrocken einige Schritte zurück, während der Pöbel Gared und ihn einkreiste.

„Aber meine Lieben!“ rief plötzlich der Gaukler mit beschwichtigender Stimme, als er in die Menge gesprungen kam, „Das ist doch nicht der Lord! Seht her!“
Mit einem Satz landete der Spielmann direkt vor Chris. Ebenfalls ungefragt wischte er mit seiner flachen Hand über dessen Brust und wandte sich dann lachend an den Pöbel: „Die Lettern sind allein mein Werk! Es ist nichts als Farbe, wie die, die ich mir hin und wieder ins Gesicht schmiere!“
Erstaunt blickte Chris an sich herab. Tatsächlich, die Lettern auf seiner Brust waren zum Teil verschwunden.
„Das hier ist mein neuer Knappe, der eines Tages in meine Fußstapfen treten möchte.“ der Gaukler packte ihn am Handgelenk und zog ihn mit sich auf die klapprige Holzbühne, „Zeigt dem Volk, was Ihr bereits könnt!“
Damit warf ihm der Gaukler die nacheinander die Orangen zu. Geschickt fing Chris diese auf und begann grinsend zu jonglieren, ganz zum Erstaunen von Gared. Dieser hatte sich in die erste Reihe gekämpft und bewunderte den Schabernack, welchen Chris und der Gaukler dort trieben.
Die Ablenkung zeigte Wirkung. Schon bald verloren die Menschen das Interesse an den Künsten des Spielmanns und seinem neuen Gehilfen. Kopfschüttelnd wandten sie sich von der Bühne ab, als Chris absichtlich eine der Orangen fallen ließ.
„Schade…“
„Und ich dachte schon, er wäre es tatsächlich.“ sagte die adlige Dame und streckte stolz ihre Nase in die Höhe.
„Los, ihr beide, folgt mir.“ sagte der Gaukler plötzlich und deutete Chris und Gared an, ihm zu folgen.

Nahe einem Wachturm der Stadtmauer betraten Chris und Gared ein Gebäude, welches wohl einst ein Kornlager gewesen sein musste und nun der Unterschlupf des Gauklers war. Chris sah sich skeptisch um verschränkte seine Arme, während Gared schon aufgeregt losplapperte: „Ihr… wie habt Ihr das gemacht? Die Farben auf seiner Haut…“
„Sind noch nach wie vor da.“ antwortete der Gaukler mit ernster Stimme und trat an Chris heran, „Aber anscheinend fällt nicht nur der gemeine Pöbel auf meine Tricks herein.“
Dann wandte er sich von Chris ab und setzte sich lässig auf ein altes Holzfass.
„Du… du bist es wirklich. Du bist der Lord von Hijelu, der vor wenigen Tagen aus der Arena geflüchtet ist.“ sagte er feststellend, „Hier in der Stadt bist du nicht sicher. Weißt du denn nicht, dass König Lasin eine sehr gute Beziehung zu König Rinacec führt? Wenn dich die Wachen hier ergreifen, dann bringen sie dich geradewegs in den Folterkeller von Hijelu.“
„Die Wachen werden mich nicht erwischen.“
„Wenn du dir da so sicher bist…“ entgegnete der Gaukler unbeeindruckt und sprang von dem Holzfass wieder auf die Beine, „Entschuldigt bitte, ich habe mich überhaupt nicht vorgestellt. Mein Name lautet Nik und ich bin der Gaukler dieser Stadt.“
„Ich halte nicht viel von Spielmännern und Scharlatanen.“ knurrte Chris ernst und beäugte den fremden Mann von Kopf bis Fuß. Mit dem langen Haaren und dem ebenso langen Bart wirkte dieser eher wie ein Alchemist oder sogar Magier und nicht wie ein lustiger Spielmann.
„Glaub mir, ein Scharlatan bin ich ganz sicher nicht.“ erwiderte Nik, ehe sich dieser an Gared wandte, „Sagt mir, was sucht ihr hier?“
„Ähm… das was er sucht.“ antwortete Gared unsicher und deutete auf Chris, der den Gaukler noch immer misstrauisch musterte. Noch bevor er aber antworten konnte, hörten sie draußen vor dem Gebäude laute Rufe.
„Öffne die Türen, Gaukler oder wir schlagen sie dir ein!“
Alarmiert wandten sich die drei um.
„Du hast wohl mehr Aufmerksamkeit auf dich gezogen, als ich dachte.“ meinte Nik und eilte in eine Ecke. Dort schob er ein großes Holzfass beiseite, welches so einen kleinen Durchgang in der Wand freigab. Chris hatte währenddessen sein Schwert gezückt und bereitete sich auf einen Kampf vor.
„Vergiss es.“ sagte Nik und legte beschwichtigend die Hand auf seine Schulter, „Gegen die hast du keine Chance. Komm mit mir, ich zeige euch den Weg aus der Stadt.“
Chris verzog sein Gesicht und knurrte: „Vergiss es.“
Nik zuckte bloß mit den Schultern, während er Gared zu dem Loch schob.
„Aber…“ stammelte der Jüngling nervös.
„Hab keine Angst um ihn. Ich bin sicher, er kommt alleine zurecht. Und jetzt geh da durch, wenn dir dein Leben lieb ist.“

Nik war mit Gared verschwunden. Chris war alleine. Scharf sog er die Luft ein. Noch vor wenigen Tagen hätte er die Einsamkeit begrüßt, doch nun fühlte sie sich nicht gut an.
„Gaukler!“ rief eine der Stadtwachen von draußen, „Wir kommen jetzt rein!“
Ein dumpfer Schlag gegen die klapprige Holztüre riss Chris wieder aus seinen Gedanken. Vielmehr Schläge würde diese nicht mehr standhalten. Hier in dem Gebäude ließ es sich nicht gut kämpfen, es war schlichtweg zu eng. Ihm blieb nichts anderes übrig als zu fliehen.
Chris nahm die Beine in die Hand. Anstatt den beiden anderen zu folgen lief er auf die andere Seite und kletterte dort aus einem kleinen Fensterverschlag. Gekonnt rannte er mit dem Schwert in der Hand über ein paar flache Dächer hinweg, ehe er unachtsam in einen kleinen Innenhof sprang. Er war kaum auf den Füßen gelandet, da vernahm er schon das typische Geräusch wie Schwerter gezückt wurden.
„Sieh mal einer an, wen wir da haben.“ säuselte einer der Soldaten, „Wenn das nicht mal der Lord ist, welchen die ganze Stadt gerade sucht. Wie schön, dass Ihr gerade vor unseren Quartieren landet.“
Chris biss die Zähne hart zusammen und hielt sein Schwert mit der Hand fest umklammert, bereit um sich zu verteidigen.
„Männer, ergreift ihn!“

Und damit begann der Kampf. Kalter Stahl schlug gegen kalten Stahl. Chris wehrte sofort den ersten Schlag einer der Wachen ab. Doch damit war es nicht getan. Er war von vier Soldaten der Stadt Jerive eingekreist und noch bot sich ihm keine Chance zur Flucht.
Mit einem lautlosen Schrei stieß Chris einige Herzschläge später sein Schwert in die Brust des ersten Soldaten. Den Augenblick danach nutzte er, um die Waffe des nächstens Angreifers zu begutachten. Dieser hatte kein normales Schwert, sondern einen gebogenen Säbel. Doch auch diesen Gegner bezwang Chris mit Leichtigkeit.
Der dritte Soldat jedoch war geschickter als die beiden zuvor. Er wusste gut mit dem Säbel umzugehen und fügte Chris damit zwei neue tiefe Schnittwunden zu. Chris selbst kam inzwischen deutlich außer Atem. Die Schmerzen in seinem Körper kehrten zurück und schwächten ihn. Doch auch diesen dritten Angreifer besiegte er.
Die vierte Wache brachte Chris einmal gefährlich zu Fall. Beinahe hätte er es nicht geschafft, dem schnell Schwertangriff auszuweichen. Nur in letzter Sekunde hatte er sich zur Seite rollen und sein Schwert in den Bauch des Soldaten werfen können.

Chris atmete einen Moment lang erleichtert durch und dachte, der Kampf sei vorbei, als sich plötzlich das stramme Lederseil einer Peitsche um seinen Hals legte. Noch bevor er reagieren konnte, fühlte er schmerzhaft wie er hart zurückgezogen wurde. Dabei stolperte er über die eigenen Füße und stürzte rücklings zu Boden. Gleichzeitig versuchte er seinen Hals von dem Seil zu befreien. Die fünfte Wache hatte er völlig übersehen. Ein fataler Fehler.
„Das gerade war ein schöner Kampf, aber weißt du, was mir noch besser gefällt?“ säuselte der Soldat leise in Chris Ohr, „König Rinacec hat ein erstaunliches Kopfgeld auf dich ausgesetzt.“
Die Wache zog die Peitsche noch enger, sodass Chris verzweifelt nach Luft schnappen musste.
„Ich bringe dich eigenhändig zurück nach Hijelu und werde zusehen, wir dir der König persönlich den Arsch aufreißt.“
Wieder zog der Soldat die Peitsche enger an. Chris tanzten bereits Sterne vor den Augen. Nur mit letzter Kraft bekam er irgendwie einen auf dem Boden liegenden Stein zu fassen und schlug mit diesem so fest er noch konnte gegen das Knie der Wache. Die schrie vor Schmerzen auf und ließ, wie Chris es erwartet hatte, die Schlagwaffe los.
Chris nutzte seine Chance. Noch mit der enggezogenen Peitsche um den Hals flüchtete er einige Schritte und befreite sich von der tödlichen Waffe.
„Du elendiger…“
Weiter kam die Stadtwache nicht mehr. Geschmeidig wie ein Bumerang warf Chris den Säbel einer toten Wachen und enthauptete damit schließlich den letzten Soldaten, der ihm so zugesetzt hatte.

Durch ein Loch in der Stadtmauer flohen Gared und Nik unbemerkt aus der Stadt Jerive. Doch anstatt kurz stehenzubleiben drängte der Gaukler den Jüngling weiter voran, hinein in den naheliegenden dichten Wald.
„Das ist nicht gut…“ murmelte Gared und schüttelte immer wieder seinen Kopf, „Das ist… wirklich nicht gut… wir hätten ihn nicht alleine…“
„Ich bin mir sicher, er kommt zurecht.“ meinte Nik beschwichtigend. Doch empört blieb Gared stehen und drehte sich zu ihm um: „Ihr… Ihr habt keine Ahnung, wie es ihm überhaupt geht! Der Kampf in der Arena hätte ihm beinahe das Leben gekostet! Er ist sehr geschwächt und…“
„Beruhige dich. Er hat lange Zeit in der Arena überlebt, also weiß er sich gegen die Stadtwachen zu verteidigen.“
Mit einem genervten Stöhnen wandte sich Gared wieder von Nik an und lief weiter. Wohin wusste er überhaupt nicht. Irgendwann deutete ihm Nik an, ihm zu folgen. Das tat er nur widerwillig. Am liebsten wäre er zurück nach Jerive gerannt. Er musste wissen, was mit Chris geschehen war. Womöglich hatten die Soldaten ihn gefasst und verschleppten ihn geradewegs zurück nach Hijelu in den Folterkeller. Und wenn sie ihn, den Gossenkönig gefasst hatten, dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Wachen auch Nik und ihn erwischen würden. Vielleicht wären die Soldaten wenigstens gnädig und würden ihn einfach schnell umbringen, anstatt in den finsterern Kerker der Folterkeller zu sperren.
„Halt!“ zischte Nik plötzlich leise und lauschte. Gared runzelte die Stirn und horchte ebenfalls.
„Ein Pferd?“ fragte der Jüngling erstaunt.
„Ein Reiter.“ antwortete der Gaukler, „Rasch, hier in den Busch!“
Schnell versteckten sich die beiden in einem sehr hochgewachsenen Haselstrauch und hielten gespannt die Luft an. Das Traben des Pferdes wurde immer deutlicher.
„Vielleicht hat die Stadtwache Späher ausgesandt…“ flüsterte Nik, „Sie dürfen uns keinesfalls entdecken.“
Das Tier war nun ganz in der Nähe. Schon bald würden die beiden es sehen können. Gared duckte sich instinktiv und hoffte, dass es sich nicht um einen Soldaten der Stadtwache handelte. Und dann war es da. Geradewegs in dem Blickfeld der beiden befanden sich die vier Beine eines herkömmlichen braunen Pferdes.
„Ihr könnt aus eurem Versteck herauskommen. Ich weiß, dass ihr da drin seid.“
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