Der König der Verlorenen

GeschichteFantasy, Freundschaft / P16
Chris "The Lord" Harms Class Grenayde Gared Dirge Niklas 'Nik' Kahl Pi Stoffers
04.06.2020
30.08.2020
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01.08.2020 3.563
 
Kapitel 6
Der kleine Dieb



Es war Abend geworden. Die Sonne versank hinter den Hügeln des Tals. Längst galoppierten sie nicht mehr, sondern trabten gemächlich im Fluss entlang. Gared hielt sicher die Zügel in der Hand und sah sich unsicher um. Chris hingegen hatte seinen Kopf zur Seite geneigt und bewunderte bestimmt schon seit Stunden das silberne Horn des Tieres. Seine Schmerzen waren dabei längst in Vergessenheit geraten.
„Du kannst also Einhörner herbeizaubern.“ sagte er plötzlich.
„Nicht ganz…“ antwortete Gared, „Ich kann eines rufen, ich zaubere es nicht herbei. Meistens ist immer eines irgendwo in der Nähe.“
„Wieso… wieso hast du das nicht in der Arena getan?“
„Es hätte nicht funktioniert.“
„Das verstehe ich nicht.“
Gared lachte leise auf und warf einen kurzen Blick über seine Schulter: „Einhörner sind sehr scheue und sensible Tiere und ebenso schlau. Hätte ich es in die Arena gerufen, dann wäre es in Gefahr gewesen.“
„War es… war es das nicht auch, als wir geflohen sind?“
„Da waren wir in Gefahr.“
Chris sog scharf die Luft ein und runzelte nachdenklich die Stirn.
„Ihr habt es angesehen mit den Augen eines kleinen Jungen.“ meinte Gared in lieblicher Stimme.
„Was?“
„Na, das Einhorn. Ihr habt es angesehen als wärt Ihr ein kleiner Junge, der etwas, was er nicht kennt erstaunt betrachtet.“
Chris knurrte nur leise, ehe er wieder staunend das Horn des Tieres betrachtete.
„Wieso kann nicht jeder das Horn sehen?“ fragte er plötzlich völlig verwundert.
„Hmm… mein Vater sagte mir einst, dass nur reine Herzen wahre Einhörner erkennen können.“
Chris lachte leise höhnisch auf: „Reine Herzen… so viel Blut klebt an meinen Händen. Ich glaube kaum, dass ich noch ein reines Herz besitze.“
Betrübt senkte er seinen Blick und schloss die Augen, als er an all die vielen Kämpfe zurückdachte.
„Man hat Euch zum Kämpfen gezwungen, Ihr…“
„Ich habe nicht nur gekämpft, ich habe getötet.“
„Auch das habt Ihr Euch nicht ausgesucht, Ihr…“
„Wir sollten hier rasten.“ sagte Chris und sprang ohne ein Wort zu sagen von dem Rücken des Einhorns ins seichte Wasser. Doch diesen Sprung bereute er bereits bevor er im Wasser landete. Seine Verletzungen waren eben immer noch da und keineswegs besser als vorher.

Bis die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, machten die beiden Männer am Ufer des Flusses Rast. Anfangs hatte Chris angestrengt gelauscht und erst als er keinen auffälligen Laut gehört hatte, war er etwas in den Wald gewankt um Beeren und Kräuter zum Essen zu sammeln.
Gared saß derweil neben seinem grasenden Einhorn und streichelte lächelnd durch dessen weiche Mähne. Er konnte es noch gar nicht richtig fassen, dass er noch immer lebte. Gestern noch um diese Zeit war er sich sicher gewesen, dass er nicht mehr lebend aus der Arena herauskam. Doch Dank Chris Hilfe saß er nun hier in Freiheit.
Das Knacken eines Astes verriet, dass Chris aus dem Wald zurückgekehrt war. Vorsichtig reichte er Gared eine Hand voll Beeren. Seine Portion hatte er unterwegs verputzt.
„Wenn es dir nicht reicht, dann musst du selbst los und noch ein paar Beeren suchen.“ sagte er mit monotoner Stimme und ließ sich dann am Flussufer nieder. Angestrengt sah er dort die Pflanzen durch, ehe er brummend mit der Hand ins seichte Wasser schlug.
„Was habt Ihr?“ fragte Gared verwundert.
„Ich… ich suche eine Pflanze… gelber Flussmohn…“
„Gelber Flussmohn…“ wiederholte Gared, während er aufstand und sich umsah. Er wusste, wozu Chris diesen benötigte. Er wusste aber auch, dass er den gelben Flussmohn hier umsonst suchte und welche Pflanze er stattdessen verwenden konnte.
„Probiert es mit dieser hier.“ sagte er und riss von einem nahegelegenen Baum eine violette Ranke ab, „Die hier hat dieselbe Wirkung.“
Ungläubig starrte Chris die ihm angebotene Pflanze an, die ihm Gared grinsend vor die Nase hielt.
„Habt Ihr denn die anderen Zutaten beisammen?“ fragte ihn dieser keck. Chris gab sich geschlagen. Er nickte zustimmend und deutete auf die gepflückten Pflanzen neben sich.
„Alles bis auf diesen gelben Flussmohn…“
Ohne lange zu fragen, schnappte sich Gared die Pflanzen und machte sich an die Arbeit. Er suchte sich zuerst zwei relativ große breite Steine, welcher er als Mörser benutzte und fing an, die Kräuter damit zu verreiben. Immer wieder hörte er dabei, wie Chris leise keuchte.
„Ihr habt große Schmerzen.“ stellte Gared fest.
„Nein… so schlimm ist es nicht…“
„Wozu dann die lindernde Paste?“ fragte Gared keck, „Ihr müsst bedenken, ich stamme aus einer magischen Familie. Ich kenne mich also auch ein wenig mit Alchemie aus.“
Chris verdrehte genervt die Augen, obwohl er innerlich doch sehr dankbar über die Hilfe des Jünglings war.
„Wenn ich Euch einen Rat geben darf, dann esst die Paste. Zugegeben, sie schmeckt etwas… scheußlich, aber es heilt all Eure Verletzungen, nicht nur die äußeren.“
„Innere Verletzungen habe ich…“
„Sicherlich habt Ihr die, so wie der Koloss Euch durch die Gegend geschleudert hat. Wieso sonst schmerzt Euch jeder tiefere Atemzug?“ meinte Gared leicht besserwisserisch und doch voller Sorge. Irgendwann entschloss er sich dazu, mehr von dieser Paste zu machen, damit Chris sich die äußeren Wunden ebenfalls einreiben konnte.
„Vielleicht solltet Ihr Euch davor das Blut und den Dreck abwaschen.“ schlug Gared schließlich vor, als er die heilende Paste fertiggestellt hatte. Chris seufze leise, tat aber was ihm der Jüngling vorgeschlagen hatte. Außerdem sprach nichts gegen ein erfrischendes Bad in Freiheit mitten im Fluss.

„Du meinst, dass ist wirklich genießbar?“ fragte Chris, nachdem er sich von getrocknetem Blut und Schmutz befreit hatte und wieder am Ufer saß. Gared nickte und reichte ihm einen kleinen Stein, auf welchem er ein bisschen von der Paste getan hatte.
„Wie gesagt, nicht sehr köstlich, aber dafür umso heilender.“
Chris verzog sein Gesicht, als er mit den Fingern die zerstampften Pflanzen aß. Währenddessen beäugte Gared die äußeren Verletzungen an seiner Brust, dem Bauch, dem Rücken und den Beinen.
„Hey… wir sind hier nicht auf dem Sklavenmarkt. Hör auf, mich so anzustarren!“ knurrte Chris genervt, „Oder soll ich vielleicht noch meine Bruche ausziehen?!“
„Nein, das braucht Ihr nicht. Und jetzt haltet gefälligst still, ich versorge Eure W…“
„Lass das! Das mach ich selbst!“ fuhr Chris um und bereute es sofort wieder, als der Schmerz seinen Körper durchfuhr.
„Und Ihr kommt ja so gut an Euren Rücken heran.“ meinte Gared nur und begann die Paste vorsichtig auf den Kratzern auf Chris Schultern zu verteilen, „Jetzt weiß ich auch, warum man Euch Lord nennt. Die großen Lettern auf Eurer Brust…“
„Wie ich Dir bereits gesagt habe, ist es das Werk von Magiern.“ gab Chris zurück, „Und es war wahrlich nicht angenehm.“
„Nicht angenehm?“
„Es ist eine langsame Zauberkunst… es… schmerzt, an manchen Stellen mehr, an manchen weniger.“ erzählte Chris schließlich, „Die Lettern gaben sie mir, um mich in der Stadt besser zur Schau stellen zu können.“
„Das ist barbarisch.“
„So geht es nun mal in der Gosse zu. Au!“
„Entschuldigt bitte.“ stammelte Gared beschämt, „Der Rücken wäre nun fertig.“
„Danke. Ich… den Rest mache ich selbst.“
Der Jüngling nickte und reichte Chris den Stein mit der restlichen Paste. Vorsichtig verteilte er die grüne Pampe auf den unzähligen Kratzern und Fleischwunden, welche er im Kampf davongetragen hatte.

Seitdem Chris seine Wunden versorgt hatte, saß er gemeinsam mit Gared am Flussufer. Der Halbmond war längst aufgegangen und spiegelte sich im Wasser und brachte die Oberfläche leicht zum Glitzern. Der Anblick hatte etwas beruhigendes an sich.
Irgendwann griff Chris nach einem dünnen Ästchen und stocherte damit verbissen im Schlamm herum. Nur kurz sah er zu Gared, ehe er schließlich zu sprechen begann: „Hör zu, ich… ich danke dir für deine Hilfe. Ich glaube, ab jetzt kommst du alleine zurecht.“
„W… w… was soll das bedeuten?“
Erstaunt und gleichermaßen erschrocken sah Gared zu ihm.
„Das bedeutet, dass sich von nun an unsere Wege trennen.“ gab Chris entschlossen zurück als er aufstand. Schmerz durchfuhr ihn, als er nach seiner schäbigen Tunika auf dem Boden neben sich griff, doch dieser war längst nicht mehr so intensiv wie zuvor.
„Das… das ist nicht gut…“ stammelte der Jüngling hastig. Er stand ebenfalls auf und trat empört zu Chris, der seinem Blick nur auswich.
„Ihr seid wahrlich sehr schwach auf den Beinen und die Soldaten…“
„Die Soldaten haben längst die Suche nach uns abgebrochen. Halte dich einfach von den nahegelegenen Städten fern, dann geschieht dir schon nichts. Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen, ich komme schon klar. Du könntest nach… Fehel reisen und dort…“
„Ich weiche Euch nicht von der Seite.“ sprach Gared entschlossen, „Ihr habt mir aus Hijelu rausgeholfen.“
„Deshalb, genieße deine Freiheit und setze sie nicht mit irgendwelchen Dummheiten auf das Spiel. Ich komme schon zurecht.“ noch während Chris sprach drehte er sich um und stampfte den nahegelegenen Hang hinauf, „Gehab dich wohl.“

So gut er nur konnte versuchte Gared mit Chris Schritt zu halten, der eilig durch den nächtlichen Wald ging und dabei immer wieder bedrohlich wankte. Trotzdem hatten dessen Schritte schon wieder ein beachtliches Tempo angenommen.
„Warum gehst du mir nach?!“ brüllte Chris über seine Schulter.
„Weil… so wartete doch auf mich!“
„Unsere Wege haben sich getrennt!“
„Vielleicht führt mein Weg in dieselbe Richtung wie der Eure!“
Chris stöhnte nur genervt, während er vom Tal endlich auf eine Ebene trat. Kurz blieb er stehen und versuchte sich in der Dunkelheit umzusehen. Er hörte, wie Gared näherkam. Dieser schaffte es einfach nicht, leise voranzugehen.
„Was muss ich tun, damit ich dich endlich los bin?“ stöhnte er genervt, als Gared auch schon wieder neben ihm stand.
„Ihr werdet mich nicht los. Ich folge Euch, egal wohin Euch Euer Weg auch führen mag.“
Abermals verdrehte Chris die Augen und wandte sich entnervt an ihn: „Du… du könntest überall hingehen. Du könntest das gesamte Großkönigreich bereisen. Du… du könntest zurück zu deiner Familie!“
„Meine Familie ist tot.“
Überrascht horchte Chris auf. Gared ging einige Schritte weiter und senkte schließlich traurig seinen Kopf.
„Seit mehr als zwei Mondphasen schon schlage ich mich alleine durch, irgendwie.“ sprach er leise, „Unsere Burg wurde angegriffen, als ich mit meiner Schwester in der Stadt Jerive befand. Was genau passiert ist, weiß ich nicht. Von einem Tag auf den anderen waren alle tot. Gemeinsam mit meiner Schwester zog ich durch das Land, bis… die Banditen überraschten uns im Schlaf. Sie stießen mich einen Abhang hinab und…“
Gareds Stimme erstarb, während er zusammensackte und zu Boden fiel.
„Ich konnte nichts tun… konnte sie nicht retten…“ sagte er verbissen, „Alles was ich noch für sie tun konnte, was sie zu begraben…“
Chris schuckte und sah mitfühlend zu ihm. Doch so schrecklich Gareds Geschichte auch war, ihre Wege würden sich fortan trennen.
„Wie gesagt, du kannst überall hin.“ sagte Chris mit aufmunternder Stimme, bevor er entschlossen an Gared vorbeieilte, „Ich gehe trotzdem alleine weiter.“

Chris humpelte schnellen Schrittes über die dunkle Wiese. Seine Schmerzen verdrängte er dabei so gut er nur konnte. Aus irgendeinem Grund behagte ihm diese Gegend auf der Ebene ganz und gar nicht, weswegen er sie schnell hinter sich lassen wollte. Natürlich folgte ihm Gared immer noch. Der Jüngling war ein wahrlicher Sturkopf.
„Autsch…“
Chris hörte, wie Gared unsanft stolperte und im Gras landete. Mit genervtem Stöhnen drehte er sich zu ihm um und reichte ihm jedoch zuvorkommend die Hand.
„Was… ist das?“ fragte Gared und schob mit den Händen das hohe Gras auseinander, „Eine Grenze?“
„Keine Grenze.“ antwortete Chris, während er den Jünglig auf die Beine zog, „Alte Mauern. Wahrscheinlich befand sich an dieser Stelle einmal ein Dorf.“
Unbeeindruckt von dem Fund musterte Chris Gared, der sich verwundert umsah. Plötzlich horchte er auf. Hörte er da etwa Schritte? Noch bevor er sich darüber überhaupt sicher war fühlte er, wie ihm jemand das Schwert aus der Scheide zog und schnell wieder davonrannte.
„Bleibt stehen!“

Chris nahm die Verfolgung auf. In der Dunkelheit erkannte er den Dieb zwar nicht, jedoch schien die Statur der Person recht klein, das Tempo jedoch beachtlich zu sein.
„Du sollst stehen bleiben!“ brüllte Chris so laut es seine schmerzenden Lungen zuließen. Er achtete nicht darauf, wohin ihn sein Weg führte. Er rannte einfach mitten durch die Dunkelheit der Nacht, immer dem kleinen Gauner hinterher, dessen Schritte ebenso laut waren wie die von Gared. Plötzlich rang er nach Luft. Die Schmerzen in seinem gesamten Körper kehrten zurück. Bald schon würde er wieder zusammenbrechen, darüber war er sich im Klaren. Und der kleine Dieb hatte so einen immensen Vorsprung.
Irgendwann als er längst nach Luft hechelte, erblickte Chris in der Ferne einen schwachen Lichtschein. Dieser ähnelte dem eines kleinen Lagerfeuers. Er fixierte es mit seinem Blick, rannte genau darauf zu, bevor er im nächsten Moment erschöpft zusammenbrach und zu Boden stürzte.
„Mama! Mama!“
Schwer atmend stützte sich Chris auf die Arme und sah auf. Pures Entsetzen lag in seinem Blick. Die Stimme die er gehört hatte, klang wie die eines kleinen Kindes. Verfolgte er gerade etwa tatsächlich ein Kind?

„Josepi! Was hast du wieder angestellt?!“
Vollkommen fassungslos lauschte Chris dem Gespräch. Dieses Mal sprach eine Frau, die panische Angst um ihr Kind haben musste. In dem schwachen Licht erkannte er tatsächlich die Silhouetten zweier Personen, einer größeren und einer kleineren. Mutter und Kind.
„Seht doch nur, Mama!“ hallte die erfreute, stolze Stimme des Kindes über die weite Ebene, „Das ist ein Eisenschwert. Ich habe es einem Krieger gestohlen!“
Die Stimme musste zu einem Knaben gehören, dachte sich Chris, als er sich langsam versuchte aufzurichten. Mut und Tapferkeit lagen in ihr, ebenso wie der Stolz über die erbeutete Waffe.
„Wir könnten es gehen Holz und Stroh für die Hütte eintauschen!“
Unter Schmerzen wankte Chris los, weiter hin zu dem schwachen Lichtschein. Sein hinkender Gang musste ihn wohl verraten haben, denn plötzlich zog die Frau ihren Sohn hinter sich und richtete sich schützend vor ihm auf.
„Oh, Josepi… was hast du nur angestellt…“ murmelte sie leise, während sie Chris ängstlich ansah, „Bitte… bitte habt Erbarmen! Er ist doch noch ein Kind!“
Chris blieb stehen und blickte sich um. Das Lagerfeuer war im Schutze von alten Steinmauern entfacht worden. Diese waren wohl der Unterschlupf für Mutter und Sohn.
„Wartet Mama, ich besiege ihn mit diesem Schwert und…“ vorwitzig schwang der junge Knabe das Schwert, welches er kaum halten konnte, einmal herum.
„Nein, das wirst du nicht tun!“ entwich er der Mutter erschrocken, die sich rasch ihrem Sohn zuwandte und ihn eindringlich ansah, „Josepi, mein Sohn, hör mich an. Gib… gib ihm das Schwert zurück.“
„Aber Mama…“
„Du sagtest, dass du eines Tages ein stolzer Ritter der Stadtgarde werden möchtest. Ein stolzer Ritter stiehlt nicht, hörst du. Jetzt gib es ihm zurück.“
Der kleine Junge linste an seiner Mutter vorbei und beäugte Chris sehr kritisch.
„Wenn ich ihm das Schwert wiedergebe, dann tötet er uns.“
„Nein…“ hauchte Chris sofort und ging höflich in die Knie, „Ich tue euch gewiss nichts. Ich… ich möchte nur gerne wieder mein Schwert.“
Ängstlich schob die Mutter ihren Sohn einige Schritte in Richtung Chris. Ohne ihn aus den Augen zu lassen legte der Knabe das Schwert vor seinen Füßen ab. Dann flüchtete er rasch zurück hinter seine Mutter.
„Danke.“ sagte Chris, als er das Schwert wieder an sich nahm und in die Scheide zurücksteckte.

„Hier steckt Ihr!“ rief Gared erleichtert, „Ich dachte schon, ich hätte Euch in der Dunkelheit verloren… oh… seid gegrüßt. Ist das der Schwertdieb?“
Gared war wie aus dem Nichts aufgetaucht und stellte sich erleichtert neben Chris. Beinahe fröhlich beäugte die Frau und den Jungen.
„Ja, das ist er.“ hauchte Chris, „Er tat es jedoch nicht aus böser Absicht.“
„Werdet Ihr uns verschonen?“ fragte die Mutter. Furcht lag in ihrer Stimme, das hörte selbst Gared. Überrascht blickte der Jüngling zuerst die Frau und danach Chris an.
„Meine Dame, wenn jemand Euch verschont, dann ja wohl er.“ antwortete er an Chris Stelle. Dieser verdrehte darüber nur entnervt die Augen.
„Ich sagte ja bereits, dass ich euch nichts tue.“ fügte Chris noch einmal zur Bestätigung hinzu, als er seinen Blick durch die nächtliche Gegend schweifen ließ, „Was ist das für ein Ort?“
„Ähm…“ stotterte die Frau, „B… b… bevor mein Mann verstarb meinte er, dass das hier die alten Reste des Dorfes Jaha sind.“
„Das Dorf wurde von Räubern niedergemetzelt, so wie das unsere.“ sprach der kleine Junge mit fester Stimme und richtete sich dann stolz auf, „Genau aus diesem Grund werde ich Ritter und bringe jeden Räuber um, der es wagt Dörfer zu überfallen!“
Gared begann herzhaft zu lachen und schüttelte den Kopf: „Ihr, mein junger Freund, solltest zunächst einmal wachsen und wenn Ihr alt genug seid, beginnt das Ritterleben immer als Knappe. Und… nehmt das… nun entschuldigt mich…“
Gared warf dem Knaben etwas aus seinem Beutel zu. Dieser fing es sicher auf und drehte sich staunend zu seiner Mutter um.
„Sieh nur… Gold! Dafür bekommen wir sicherlich reichlich Holz und Stroh!“

Gared hatte gar nicht bemerkt, dass Chris längst weitergelaufen war, mitten hinein die Finsternis. Langsam setzte er Fuß vor Fuß und sah sich fassungslos um. Das unbehagliche Gefühl in seiner Brust wurde immer schlimmer. So schlimm, dass es fast seine Schmerzen übertönte.
„So wartete doch auf mich!“ rief Gared und eilte zu ihm, „Nicht, dass ich Euch doch noch verliere.“
Chris stolperte und stürzte zu Boden. Noch bevor Gared reagieren konnte, hob er zumindest wieder den Kopf an und sah sich um.
„Ihr solltest Euch schonen.“ sagte Gared streng und reichte ihm zuvorkommend eine Hand. Chris jedoch beachtete ihn nicht weiter. Zu sehr war er von der Umgebung abgelenkt.
„Wo…“ stammelte Chris und wandte sich dann doch rasch an Gared, „Wo ist das… das…“
„Einhorn?“ vollendete der Jüngling die Frage, „Es geht davon, wenn ich mich von ihm entferne und ich es nicht brauche. Es versteckt sich. Ich kann es aber jederzeit rufen.“
Chris nickte verständnisvoll: „Dann… dann tu es…“
Gared grinste zufrieden und meinte spitzbübisch: „Das bedeutet wohl, dass ich Euch doch begleiten darf.“
„Zunächst einmal… ja…“
Während Gared das Einhorn rief, sah sich Chris weiterhin um. In der Dunkelheit erblickte er einen zerstörten Brunnen und schluckte.

„Na sieh mal einer an was wir hier haben? Ein kleiner Knabe, so zart und zierlich.“

Erinnerung blitzen irgendwo tief in Chris Innerem auf. Schreckliche Erinnerung. Ohne ein Wort zu sagen, sprang er wieder auf die Beine und rannte er los. Wohin wusste er nicht genau und doch fühlte er sich, als kannte er diesen Weg nur zu gut.

„Verdammter Bursche! Ich finde dich schon noch!“

Wieder blieb Chris stehen. Er sackte zusammen wie ein halbvoller Sack, stürzte auf die Knie. Diese Bilder in seinem Kopf, diese Erinnerungen, sie waren so schrecklich und taten ihm mehr weh als die Schmerzen, die noch immer durch jede Faser seines Körpers zuckten.
„Geht es Euch nicht gut?! Vielleicht war es zu wenig heilende Paste…“
Gared kniete sich besorgt zu ihm, starrte ihn an.
„Mir… mir fehlt nichts…“ log Chris mit brüchiger Stimme, „Wir… wir sollten hier verschwinden.“
Wie als ob nie etwas gewesen wäre stand Chris auf und trat hinüber zu dem Einhorn, welches Gared gerufen hatte. Er blickte es verbissen an und doch tröstete seine Anwesenheit ihn ein wenig.
„Wir können auch noch rasten, wenn es Euch…“
„Es geht mir gut.“ antwortete Chris beharrlich.
„Dann lasst uns weitergehen.“ meinte Gared, „Aber… vielleicht könntet Ihr die Zügel in die Hand nehmen. Ich fühle mich sehr schläfrig.“
„Ich…“
„Oder könnt Ihr etwa kein Pferd führen?“
„Doch…“ antwortete Chris und schwang sich mit etwas Mühe auf den Rücken des Einhorns, „Natürlich kann ich das.“
Er half Gared auf den Rücken und spürte, wie sich dieser an ihm festhielt.
„Ähm… ein Einhorn habe ich noch nie geritten…“
„Es ist nicht anders als das Reiten eines Pferdes.“ antwortete Gared amüsiert, „Ich dachte, das wüsstet Ihr inzwischen.“
Chris räusperte sich verlegen und trieb das Einhorn vorsichtig an.
„Was bereitete Euch hier so Unbehagen?“
„Unbehagen?“
„Ich sah es selbst in dieser Dunkelheit in Euren Augen.“
Chris sog scharf die Luft ein.
„Erinnerungen, nichts weiter.“

Gared stellte keine weiteren Fragen mehr. Gemächlich ritten sie über die nächtliche Weide. Irgendwann runzelte Chris die Stirn. Was machte der Jüngling denn da? Wieso berührte er ihn überall am Bauch.
„Was soll das denn?“ zischte er über seine Schulter hinweg, „Reicht es nicht, dass du mich in der Bruche gesehen hast?“
„Ich sah ja, dass Ihr sehr… durchtrainiert seid, aber solche Muskeln hatte ich nicht erwartet.“
„Die hättest du auch, wenn du Tag für Tag in der Arena kämpfen müsstest.“
Gared schüttelte sich angewidert und meinte: „Das Kämpfen ist nichts für mich.“
Endlich hatte das Antatschen ein Ende. Chris hörte, wie Gared gähnte. Er musste demnach wirklich sehr müde sein.
„Ruh dich aus, ja?“ sagte er über seine Schulter hinweg.
„Das mache ich…“ antwortete der Jüngling, „Aber sagt… wohin reiten wir?“
„Hmm… wieder runter zum Fluss, das erscheint mir sicherer. Wenn wir dem folgen, dann dürften wir irgendwann in das Königreich Cogah kommen. Die Wüste dort soll ganz interessant sein.“
„Die Wüste?“
„Soldaten haben von Oasen mit wunderschönen Pflanzen gesprochen. Ich könnte mich dort zur Ruhe setzen.“
„Wenn sie Euch nicht erkennen. Seid Ihr nicht bekannt im ganzen Land?“
„Du meinst im gesamten Großkönigreich?“ fragte Chris überrascht, „Ich glaube kaum.“
„Ihr wart der Held von Hijelu.“
„Ts… ich war nur dreckiger ein Slave.“
„Sie nannten Euch König.“
„König der Gosse. Kein sehr bedeutender Adelstitel, Prinz Dirge.“
„Wenn überhaupt, dann nur Prinz Gared. Dirge ist nur der zweite Vorname, welchen ich von meinem Vater erhielt.“ entgegnete Gared stolz, „Entschuldigt mich, wenn mir bald vor Erschöpfung die Augen zu fallen.“
Chris grinste und trieb das Einhorn sachte voran, während Gared seinen Kopf auf seiner Schulter ablegte und zu schlafen versuchte.
„Gared.“
„Hmm?“
„Hör mit diesem vornehmen Gerede auf.“
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