Der König der Verlorenen

GeschichteFantasy, Freundschaft / P16
Chris "The Lord" Harms Class Grenayde Gared Dirge Niklas 'Nik' Kahl Pi Stoffers
04.06.2020
30.08.2020
9
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27.06.2020 2.287
 
Kapitel 4
Mit letzter Kraft



Jubel brach in den Rängen der Zuschauer aus. Doch es war klein fröhlicher Beifall. Es klang bedrohlich, als feierte der gemeine Pöbel bereits die Niederlage ihres langjährigen Helden. Vielleicht hatten sie damit recht. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, einfach die Augen zu schließen und im ewigen Schlaf den Frieden zu finden, dachte sich der junge Mann. Währenddessen hörte er genau, dass sich ihm der schwarze Moorbär wieder näherte.
„Hey Ihr!“
Ein Ruf drang an seine Ohren. Ohne seine Augen zu öffnen und sich umzusehen wusste der junge Mann, dass ihm die Stimme dazu inzwischen bekannt war. Sie gehörte zu Gared, aber was wollte er? Hatte er dem Jüngling nicht eindringlich gesagt, dass er sich verstecken sollte?
„Hier, nehmt das!“
Im nächsten Moment vernahm der junge Mann das verräterische Klirren von einem schmalen Stück Stahl, welches auf dem harten sandigen Boden landete. Ein Grund die Augen wieder zu öffnen. Unweit von ihm entfernt lag eines der Eisenschwerter. Gared hatte es ihm zugeworfen. Der Jüngling selbst stand in Erwartungshaltung direkt vor den leblosen Stachelschildkröten und sah zu ihm.
Dem Bären blieb das nicht unbemerkt. Wieder richtete sich die pechschwarze Kreatur knurrend auf. Doch anstatt ihn, den am bodenliegenden jungen Mann anzugreifen, wankte er auf seinen beiden Hinterpfoten an ihm vorbei. Sein nächstes Opfer sollte wohl Gared sein.

Für einen Wimpernschlag beobachtete der junge Mann, wie der Moorbär knurrend an ihm vorbeiwankte. Er wusste, wenn es jetzt nicht bald zur Tat schritt, dann war Gared verloren. Der Jüngling hätte noch nicht einmal eine Chance vor dem blutrünstigen Bären zu fliehen.
Noch einmal schloss der junge Mann seine Augen, nur für einen winzigen Moment. Einige Male sog er die Luft tief in seine Lungen. Dann, als der Bär sich brüllend zum Angriff bereit machte und wieder auf die Vordertatzen fallen ließ, rollte er sich geschickt zur Seite ab. Noch in der Rollbewegung griff er nach dem Schwert. Kurz verharrte er in der Hocke und schrie dem Tier entgegen: „Er ist es nicht, den du willst, sondern ich, du Monster!“
Der Moorbär hielt sofort inne. Gared nutzte die ihm gegebene Zeit um sich wieder in Sicherheit zu bringen, während der junge Mann die Bestie mit ernstem Blick anfunkelte.
„Ja genau, hier bin ich!“ schrie der junge Mann, als er sich aufrichtete und klopfte sich dabei kurz auf die Brust. Der Bär schnaubte und schritt trügerisch langsam zu ihm hinüber. Derweil umklammerte er den Griff des Schwertes. Dieses Mal durfte er sich keinen Fehler mehr erlauben, denn das hätte fatale Folgen.
Plötzlich, ganz unvermittelt brüllte der Moorbär und stellte sich wieder auf die Hinterbeine, ehe er wieder auf allen vier Pfoten auf den jungen Mann zu rannte. Dieser ließ die Bestie an sich herankommen. Näher. Nahe. Zu nahe. Und dann sprang er im richtigen Augenblick hoch in die Luft. Sicher landete er auf dem Rücken des Bären. Er zog sich an dem dichten Fell vor bis an dessen Hals, während das Monster versuchte ihn abzuschütteln. Plötzlich stellte sich der Moorbär wieder auf die Hinterbeine. Der junge Mann hatte Mühe sich mit nur einer Hand festzuhalten, da er in der anderen ja das Schwert hatte. Doch irgendwie schaffte er es. Als sich der Moorbär wieder auf alle Viere fallen ließ, stieß der junge Mann die Waffe mit einem Kampfschrei mitten in das Genick. Der Bär trudelte, bevor er leblos zusammenbrach.

Anstatt Jubelschreie hallten abwertende Laute durch die Ränge der Zuschauer. Der gemeine Pöbel hatte den Tod ihres Helden sehen wollen und nicht den Sieg. Beinahe ungläubig ließ der junge Mann seinen Blick durch die Arena schweifen, als auch schon der Gong zum letzten Mal ertönte.
Noch bevor der Gong verhallt war, stürmte der einäugige Koloss durch das geschlossene Gitter, welches ihn nicht einmal annährend aufhalten konnte. An beiden Armen baumelten dicke Seile, mit welchen ihn die Soldaten zu bändigen versucht hatten. Ohne Erfolg, wie der junge Mann feststellen musste, als er die flehenden Wachen erblickte, die noch daran baumelten. Irgendwann bemerkte der Zyklop, dass er ungeahnt einige Soldaten mit sich gezogen hatte. Wie ein boshafter Knabe, der die Puppen seiner Schwester zerstörte, riss ihnen der Koloss die Köpfe ab und warf diese lachend in die Luft. Einige der Köpfe landeten in den Rängen der Zuschauer, wo sofort wieder Panik ausbrach. Gleichzeitig fiel der einäugige Blick des Kolosses auf den jungen Mann, der in etwa in der Mitte der Arena stand und ihn ernst anfunkelte. Der Zyklop war keineswegs dumm. Suchend sah er sich um. Als er gefunden hatte, wonach er suchte, schritt er gemächlich auf das zerstörte Vordach zu. Ein Teil des zerbrochenen Stützbalkens war eine Waffe ganz nach des Riesens Geschmack. Brutal. Schwer. Zerstörerisch.
„Auch das noch…“ stöhnte der junge Mann genervt als er beobachtete, wie der Zyklop den Holzbalken zunächst bewunderte und dann brüllend wie ein Schwert einige Male umherschwang. Ihm war damit klar, dass er mit einem Schwert zunächst nichts ausrichten konnte, zumindest nicht vom Boden aus.

Zunächst wankte der mächtige Riese gemächlich ein paar Schritte am Rande der Arena entlang. Neugierig verfolgte er die panisch flüchtenden Menschen in den vordersten Zuschauerrängen. Mit einem tiefen Lachen griff er sich eine Wache, die nicht schnell genug hatte fliehen können und zerquetschte sie mit Leichtigkeit.
Dann plötzlich, wie aus heiterem Himmel, rannte der Koloss los, direkt in die Richtung des jungen Mannes, gegen welchen er bereits zwei Niederlagen hatte einstecken müssen. Dieser wartete einen Moment zu lange ab, bis er schließlich zur Seite ausweichen wollte. Erst da bemerkte der junge Mann, dass die Verletzung, welche er von dem Moorbären davongetragen hatte, ihn mehr einschränkte als gedacht. Vor Schmerzen sackte er unwillkürlich zusammen, als ihn schon die Holzkeule des Zyklopen traf und einige Fuß weit durch die Arena schleuderte. Schnell versuchte er sich wieder aufzurichten. Jede Sekunde die er am Boden lag, war er das perfekte Opfer für den Riesen. Doch wegen der Verletzung war er nicht schnell genug. Erneut traf ihn der harte Hieb der Keule. Wieder flog er quer durch die Arena und prallte zum Schluss hart gegen die Steinmauer, wovor er benommen liegen blieb.

„Hey Ihr, Ihr… Ihr einäugiger Fettbauch!“
Die entschlossene Stimme von Gared drang an die Ohren des jungen Mannes. Er wusste, dass dieser aus seinem Versteck gekrochen war, um ihm zu helfen. Er wollte sich aufrichtigen, doch die Schmerzen in seinem gesamten Körper betäubten ihn.
Die Aufmerksamkeit des Kolosses war inzwischen direkt auf Gared gefallen, der sich übermütigen in Kampfposition begab und die geballten Fäuste nach oben streckte. Damit fuchtelte er umher, wie es die Kämpfer in einem Ring gerne zum Spaß taten.
„Genau, ich meine Euch!“ rief Gared dem Riesen entgegen, „Mit Eurer Wampe könnte Ihr doch niemals diesen Kampf gewinnen!“
„Gared… nicht…“ hauchte der junge Mann verzweifelt. Es war niemals klug, einen wilden Riesen, noch dazu einen Zyklopen mit dummen Sprüchen zu reizen. Alles was man damit erreichte war, dass sich dieser umso mehr aufregte und noch aggressiver wurde.
Schnaubend wankte der Koloss auf Gared zu, der noch immer voller Tatendrang da stand und in die Luft boxte. In den Gedanken schlug der junge Mann seine Hände über dem Kopf zusammen. Anstatt sich dem Zyklopen zu stellen, sollte Gared lieber das Weite suchen und sich irgendwo verstecken.
„Gared…“ der junge Mann versuchte sich aufzurichten, sackte jedoch sofort wieder zusammen. Er fühlte es genau. Zum ersten Mal nach so vielen Sommern, war er am Ende seiner Kräfte angelangt.
„Na los, sucht Euch jemanden, der Euch gewachsen ist!“

Dann geschah es. Der Koloss stürmte brüllend los in Richtung Gared und schwang dabei die Keule wild umher. Einige Zuschauer der ersten Ränge wurden davon getroffen und sowohl durch die Menge als auch hinab in die Arena geschleudert. Von panischer Angst gepackt machte Gared kehrt und floh.
„Scheiße…“ entwich es dem jungen Mann, als er sich doch noch einmal versuchte aufzurichten. Obwohl jede Faser seines Körpers gegen jegliche Bewegung rebellierte, schaffte er es vom Boden in die Hocke und danach in den Stand, auch wenn seine Haltung mehr als nur wackelig war. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen, drohte dabei jedes Mal erneut zusammenzubrechen. Er musst sich schleunigst etwas einfallen lassen, um den Zyklopen von Gared abzulenken. Und dazu eignete sich bestens einer der toten Wurzellinge. Mühsam hob er einen davon auf, stemmte ihn unter Schmerzen über seinen Kopf und warf dann den leblosen Körper soweit er nur konnte in die Richtung des Riesen. Zu seiner Überraschung gelang ihm der Wurf besser als gedacht. Der tote Wurzelling traf genau den Rücken des Kolosses.
„Hey, du Riesending!“ schrie der junge Mann sichtlich außer Atem, „Ich… ich bin, den du willst!“
Noch im selben Moment machte der Zyklop brüllend kehrt und raste mit beachtlichem Tempo auf den jungen Mann zu. Um dem Schlag der Keule ausweichen fehlte ihm jedoch die Kraft.

„Nein!“ schrie Gared verzweifelt und sah mit vor Schreck geweiteten Augen an, wie der Körper des jungen Mannes abermals quer durch die Arena geschleudert wurde. Wieder prallte dieser an der harten Steinmauer ab und fiel zu Boden, wo er benommen liegen blieb.

Der junge Mann röchelte nach Luft. Die blutende Nase erschwerte ihm jeden Atemzug, gleichzeitig fühlte es sich so an, als zersprang sein Brustkorb in winzig kleine Stücke. Ein weiteres Mal würde er es definitiv nicht mehr auf die Beine schaffen. Mit dieser Gewissheit verdrehte er die Augen, während sein Gesicht erschöpft auf den sandigen Boden fiel. Mit seinen rauschenden Ohren nahm er weit entfernt noch den Jubel der Zuschauer wahr, die schon seinen Tod feierten. Ja, er musste es sich eingestehen, seine Zeit war nun vorüber. Einzig allein den ewigen Schlaf würde er noch begrüßen, dann wäre es zu Ende mit ihm. Wozu noch weiter Kämpfe austragen, die sich sowieso niemals lohnten?

„Steh auf, mein kleiner Freund.“

Binnen von Sekunden keimte eine Erinnerung in ihm auf. Eine Erinnerung, die er sehr lange Zeit schon verdrängt hatte. In seinen Gedanken fragte er sich, ob jemand zu ihm gesprochen hatte. War es Gared gewesen? Nein, der dämliche Jüngling konnte es nicht gewesen sein. Dieser rannte sicherlich gerade schreiend vor dem Zyklopen weg. Doch was war es dann? Die Stimme seiner Erinnerung hatte sich so real angefühlt, als ob sich jemand direkt zu ihm kniete. Kurz öffnete er die Augen. Es stand niemand da.

„Steh auf, mein kleiner Freund.“

Da. Da war die Stimme schon wieder. Sie klang fein, ganz wie die einer jungen Frau. Doch wieso wollte sie unbedingt, dass er aufstand? Ihm tat alles weh, jeder Atemzug und jeder einzelne Knochen. Außerdem besaß er keine Kraft mehr. Selbst wenn er es auf die Beine schaffte, würde er schon beim Ansetzen eines Schrittes wieder zusammenbrechen. Und für was sollte er überhaupt aufstehen?
„Das lohnt sich doch nicht mehr…“ flüsterte unverständlich und versuchte langsam hinüberzugleiten in das Reich des ewigen Schlafes. Doch was war das jetzt schon wieder? Eine sanfte Berührung? Streichelte ihm jemand über den Rücken? Am liebsten wäre er aufgeschreckt und hätte nachgesehen, doch er war zu schwach.

„Doch es lohnt sich immer aufzustehen, gerade für die Verlorenen, hörst du?“

Schlagartig öffnete der junge Mann seine Augen. Angewidert spuckte er den Sand aus dem Mund, während er verwirrt den Kopf hob. Diesen Spruch, er hatte ihn schon einmal gehört oder täuschte er sich etwa? Nein, er war sich sicher, diesen schon einmal in einer ähnlichen Situation in seinem Leben gehört zu haben. Plötzlich drangen die verzweifelten Hilferufe von Gared an sein Ohr.
„Gared…“
Ächzend und mit allerletzter Kraft stützte sich der junge Mann mit den Armen auf und sah sich um. Der Zyklop hatte die Verfolgung von Gared aufgenommen und verfolgte diesen schnellen Schrittes mit wild umherschwingender Keule. Gehetzt sah sich der junge Mann um. Plötzlich fixierte er mit seinem Blick den toten Säbelzahntiger, der unweit von ihm entfernt lag. Dann biss er entschlossen die Zähne zusammen. Mühevoll zog er die Beine an, sodass er einen Moment später in der Hocke kniete. Dann richtete er sich langsam auf. Die Schmerzen waren nicht viel weniger geworden, jedoch war es, als durchströmte ihn eine neue Kraft. Die Kraft die er dazu brauchte, um diesen Kampf gegen den Zyklopen ein für alle Mal zu beenden. Er wankte los, drohte wieder bei jedem Schritt erneut zusammenzubrechen. Doch er schaffte was er wollte. Mit einem erschöpften Seufzen ließ er sich auf das fellige Tier fallen und atmete einige Mal so tief durch, wie es seine schmerzende Brust eben zuließ.
„Katze… du bist die Rettung…“
Am liebsten hätte der junge Mann inzwischen vor Schmerzen aufgeschrien, als er an den Kopf des Tigers kroch. Dann, mit bloßen Händen, riss er der Wildkatze die säbelartigen Zähne aus dem Maul und richtete sich entschlossen ein letztes Mal auf.

Auf der anderen Seite der Arena flüchtete Gared vor dem Zyklopen. Der junge Mann sog einige Male scharf die Luft ein so gut es ging, dann wankte er los. Zuerst langsam, doch dann wurden seine Schritte immer sicherer und schneller. Mit einem kräftigen Schrei sprang er in die Luft und klammerte sich um den Hals des Kolosses.
„Ihr lebt!“
Gareds Ruf klang erfreut, doch zum Reden war keine Zeit.
„Hör zu!“ brüllte der junge Mann ihm entgegen, während er irgendwie versuchte auf den Nacken des Zyklopen zu klettern, „Wenn ich… wenn ich diesem Kerl das Auge aussteche, dann… dann rennst du los, rüber zu dem kaputten Tor, verstanden?“
Die Stimme des jungen Mannes war brüchig und jeder, selbst ein Tauber hätte dessen Erschöpfung darin wahrgenommen.
„A… aber wieso… Ihr…“
„Tu es einfach, hörst du?! Und lass diese höflichen Reden, ja?! Mein nennt mich Chris, verstanden?! Einfach nur Chris!“
„Verstanden!“
„Okay… dann… los!“





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In der Arena von Hijelu herrscht große Aufruhr. Das Ende des Kampfes scheint zum Greifen nahe. Der Lord selbst ist schwer verletzt und doch verrät er endlich Gared gegenüber seinen Namen. Was hat Chris nun bloß vor?
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