Wächter der Klingen 3 - Das Blut der Nacht

von Arno
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
04.06.2020
04.07.2020
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30.06.2020 3.112
 
13

Müde schlug ich die Augen auf und blinzelte gegen das einfallende Licht einer Flamme an. Schwarze Flecken tanzten in meinem Blickfeld. Nach wenigen Sekunden jedoch begriff ich, dass es sich dabei um Schatten handelten, die das Feuer des Kamines auf die Wände warf. Mit einem Schlag war ich hellwach, setzte mich senkrecht auf und starrte auf das Schattenspiel, doch dann erkannte ich, dass keine Gefahr drohte. Es war keiner der Untergebenen Sorus und schon gar nicht der Schattenherrscher selbst. Erschöpft ließ ich mich wieder zurück in das Bett sinken.
Nur Schatten, sagte ich mir, um meinen rasenden Herzschlag zu beruhigen. Ganz normale Schatten.
Die Macht des Gefallenen reichte bis hierher, in die entlegensten Winkel Gomas. Selbst hier musste ich mit dem Angriff eines Schattens rechnen. Doch so wie es aussah, hatten sie sich alle unter Sorus Kommando und der Flagge des Gefallenen versammelt, um den Norden einzunehmen.
»Dieses kleine Mädchen, Lissa…Sie hat eine interessante Gabe«, meinte eine mir wohl bekannte Stimme. Allein ihr Klang verdrängte alle trüben Gedanken und wärmte meinen Körper. Ich neigte den Kopf etwas zur Seite und erblickte Mira. Sie saß in einem Stuhl neben meinem Bett und wirkte ziemlich erschöpft.
»Hast du die ganze Zeit an meiner Seite gesessen?«, wollte ich von ihr wissen. Sie nickte. »Wie lange habe ich geschlafen?«
»Den ganzen Tag. Es ist bereits Abend. Die anderen sitzen draußen an einem Feuer und unterhalten sich.«
»Warum bist du nicht bei ihnen?«, fragte ich, doch als ich sah, wie Mira sich auf die Lippe biss, wusste ich die Antwort. »Das war nicht deine Schuld«, sagte ich. »Das war der Gefallene.«
»Aber ich habe sie angegriffen, nicht der Gefallene«, entgegnete sie.
»Das ist schon so lange her, das haben sie sicherlich vergessen«, meinte ich. Tatsächlich erschienen mir die zurückliegenden Ereignisse am Schlangensee wie aus einem anderen Leben, einer anderen Zeit. »Ich weiß nicht einmal, ob sie dich überhaupt erkannt haben.«
»Aber…«, begann sie, doch wurde sie von mir unterbrochen.
»Lass uns zusammen rausgehen und diese Sache klären, wenn sie dir so sehr auf der Seele lastet. Wir sind Verbündete im Kampf gegen den Gefallenen und Verbündete sollten sich vertrauen. Wir müssen reinen Tisch machen, bevor wir in den Kampf ziehen.«
Sie zögerte kurz, dann nickte sie.
Ich stand auf, zog mich an und warf mir Ravel über die Schulter. Dann nahm ich Mira an der Hand und gemeinsam gingen wir durch die Tür nach draußen.
Die Sonne war schon hinter dem Horizont verschwunden, doch überall brannten Fackeln, die den Hauptplatz Avanheims erleuchteten. Den Häusern sah man die Zerstörung der letzten Nacht noch deutlich an. Die Leichen – sowohl die der Dorfbewohner, als auch die der Wölfe – waren verschwunden. Nur noch der blutrote Schnee kündete von dem Kampf, der hier stattgefunden hatte, doch ein leichter Schneefall hatte eingesetzt, der die Spuren des Kampfes bald verwischt haben würde. Geschäftig eilten die Menschen zwischen den Häusern hin und her, vielleicht, um die Verwundeten zu versorgen oder die Zerstörung ihrer Heimat so gut es ging zu bereinigen. Vor uns brannte ein Lagerfeuer, um das herum mehrere hölzerne Bänke standen. Auf der einen Seite saßen Gladio, Kira und Lissa, ihnen gegenüber Letus und Zelf. Sie unterhielten sich – und als ich sah, wie gut sie sich trotz ihrer erst kurzen Bekanntschaft verstanden, huschte ein Lächeln über meine Züge.
Mira wirkte nervös, während wir auf das Feuer zuhielten. Ich drückte ihre Hand etwas fester, um ihr zu zeigen, dass ich bei ihr war. Wir ließen uns auf der freien Bank nieder. Das Gespräch verstummte.
»Ich bin froh, dass es dir gut geht, Daren«, brach Gladio die Stille, kaum dass wir uns gesetzt hatten. Die anderen nickten zustimmend und waren sichtlich erleichtert. Sie hatten sich anscheinend große Sorgen um mich gemacht. Das rührte mich zugegebenermaßen.
»Das habe ich wohl nur dir zu verdanken, Lissa«, wandte ich mich an die Jüngste unter uns.
Sie wurde etwas rot und blickte verlegen zu Boden. »Das habe ich doch gerne getan, wirklich. Ich möchte nicht nutzlos sein.«
»Das bist du nicht, ganz und gar nicht«, widersprach ich und bei diesen Worten erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Auch Kira lächelte – es war das erste Mal seit so langer Zeit, dass ich sie so sah. Seit Gladio verschwunden war, schien sie nicht mehr glücklich gewesen zu sein, doch nun, da er sich wieder unter uns befand, war alles in bester Ordnung – soweit man unter den gegebenen Umständen von »in bester Ordnung« sprechen konnte, schließlich war der Gefallene immer noch am Leben und schließlich zog seine Armee immer noch mordend und plündernd durch den Norden.
»Ich habe dir mein Leben zu verdanken, Daren«, sagte Gladio und sein Blick wurde ernst. »Diese Schuld werde ich nie wieder begleichen können.«
»Du schuldest mir gar nichts, Gladio«, entgegnete ich. »Wir sind Freunde, hast du das schon vergessen? Und Freunde tun so etwas nun mal. Ich würde jederzeit wieder mein Leben riskieren, um deines zu retten.«
Gladio nickte langsam. »Dennoch kann ich dir nicht genug dafür danken. Gibt es irgendetwas, das ich für dich tun kann, um mich erkenntlich zu zeigen? Letus und Zelf haben uns schon von dem Gefallenen und deinem Kampf gegen ihn erzählt.«
Mein Blick huschte zu den beiden hinüber. Sie warteten auf eine Reaktion, vielleicht, dass ich wütend werden und sie anschreien würde, doch im Grunde hatten sie mir nur Arbeit abgenommen.
Auch ich wurde jetzt sehr ernst. »Ich würde ja sagen: Kämpfe mit mir!, doch ich vermag nicht über das Leben von jemand anderem zu entscheiden. Dieser Kampf wird vielleicht der gefährlichste, den du jemals bestritten hast. Es ist gut möglich – auch wenn ich es nicht hoffen möchte –, dass jemand von uns das Ende dieser Auseinandersetzung nicht miterleben wird…« Es wurde unangenehm still, doch ich fuhr unbeirrt fort – es war einfach eine Wahrheit, die wir alle akzeptieren mussten. »…doch ist dieser Kampf vonnöten. Ich werde kämpfen. Doch werde ich nicht als Gegenleistung für deine Rettung erwarten, dass du an meiner Seite stehst. Wenn du mit mir in die Schlacht ziehen willst, dann solltest du es freiwillig tun, mein Freund.«
Für einen Moment war nur das Knistern des Feuers zu hören, dann sagte er: »Ich werde mit dir gehen, mit dir kämpfen und – wenn es sein muss – für dich sterben. Denn das ist, was Freunde nun mal tun. Ich habe schon Gerald versprochen, dir zur Seite zu stehen, erinnerst du dich?«
Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was er meinte. Damals, als wir uns am Schlangensee getrennt hatten, hatte Gerald mit ihm gesprochen. »Mach ich«, war seine Antwort gewesen. Jetzt wusste ich, über was die beiden geredet hatten.
»Doch vermag ich nicht für meine Gefährten zu sprechen«, fuhr er fort. »Dies ist eine Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss.«
»Wir kämpfen mit euch«, sagten Kira und Lissa wie aus einem Munde.
»Seid ihr euch da sicher?«, fragte ich. »Euer Leben steht auf dem Spiel, seid euch dessen bewusst. Niemand ist euch böse, wenn ihr nicht mitgehen wollt.«
»Wir sind uns dessen bewusst«, antwortete Kira ernst.
»Wenn wir euch nicht helfen, wird der Gefallene uns sowieso töten«, meinte Lissa leichthin, doch unter dieser Maske aus Sorglosigkeit erkannte ich auch Angst. Jedoch sah ich neben dieser auch noch etwas anderes – Entschlossenheit. »Wir kämpfen mit euch«, wiederholte sie.
Ich nickte. »Danke. Wir werden das bis zum Ende durchstehen. Gemeinsam.«
Kurz wurde es still, dann meinte Gladio: »Du weißt zwar, was uns in der Zeit unserer Trennung passiert ist, aber wir wissen nicht, was dir widerfahren ist. Letus und Zelf haben uns nur von deinem Feind berichtet. Erzähl uns doch bitte mehr davon. Mir behagt es nicht, in die Schlacht gegen einen Feind zu ziehen, über den ich nur so wenig weiß.«
Und so begann ich ganz von vorne und erzählte meine Geschichte – von dem Moment an, als ich Gladr an mich genommen hatte, bis zu jenem Moment, als ich Avanheim erreicht hatte. Ich erzählte jedes Detail und so zog sich der Bericht in die Länge. Als ich endlich fertig war, stand der Mond schon hoch am Nachthimmel und die Sterne funkelten wie tausend Diamanten.
Gladio nickte nachdenklich. »Ein gefährlicher Gegner. Das ist vermutlich der wichtigste Kampf, den wir jemals bestreiten werden. Und du warst einst seine Dienerin?«
Mira zuckte zusammen. Gladio blickte sie fest an, seine Miene war unergründlich. Sie zögerte kurz, dann nickte sie.
»Sie stand unter seinem Einfluss«, erinnerte ich meinen Freund. »Das war nicht ihr freier Wille! Sie…«
»Das war bestimmt schwer für dich, was?«, meinte Gladio. Für einen Moment war ich zu überrascht, um etwas zu sagen. In seiner Stimme lag kein Vorwurf, keine Wut oder dergleichen, sondern Mitgefühl. Ich hatte erwartet, dass er misstrauisch sein würde, hatte mich auf einen Streit vorbereitet, um Miras Unschuld zu beweisen. Doch Gladio war weder misstrauisch noch wütend, dass Mira sie damals am Schlangensee angegriffen hatte. Er klang nur unendlich traurig über ihr Schicksal.
»Wir werden das in Ordnung bringen.« Er nickte entschlossen. »Schließlich bist du unsere Gefährtin. Und für unseren lieben Daren eine…«, er zögerte kurz. »…wichtige Person.«
Gladio unterdrückte ein Grinsen und damit brach die Spannung, die sich über das Feuer gelegt hatte.
»Dann werde ich mich mal förmlich vorstellen.« Er stand auf und verbeugte sich, als würden wir uns am Hof befinden und nicht mitten in einem verschneiten Dorf in den Bergen, bevor er sich wieder niederließ. »Ich bin Gladio Grauschwinge, Leibwächter des Kronprinzen Zelf von Dere, oberster Heerführer der Armee seiner Majestät und engster Vertrauter des Königs Griamor.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Oder jedenfalls war ich das.«
Alle Blicke wechselten zwischen Gladio und Zelf hin und her. Wir waren zu überrascht und verwirrt, um darauf etwas zu antworten. Der ehemalige Prinz war aufgesprungen, hatte den Mund leicht geöffnet, als würde er etwas sagen wollen, doch kein Wort kam über seine Lippen. In seinen Augen stand Unglaube.  
»Das kann nicht sein«, murmelte er. Sein Blick ruhte ganz alleine auf Gladio, der diesen ruhig erwiderte.
»Es ist lange her, mein Prinz«, meinte er.
»Das kann nicht sein«, wiederholte Zelf. »Wieso erinnere ich mich nicht an dich?«
Gladio zuckte mit den Schultern. »Du warst jung, gerade ein Kind, und ich bevorzugte es, im Schatten zu bleiben. Doch ich habe dich nie aus den Augen gelassen, denn mein oberster Befehl, meine wichtigste Aufgabe, der Sinn meiner Existenz, war, dich zu beschützen.«
»Und wieso bist du nicht geblieben?« Zelfs Unglaube verwandelte sich in Wut. Seine Stimme klang vorwurfsvoll. »Ich habe dich gestern kämpfen gesehen! Du hättest den Herausforderer schlagen können! Du hättest anstelle meines Vaters kämpfen können, dann wäre er jetzt nicht tot und unser Land nicht auf dem Weg in den Abgrund! Gladio Grauschwinge – jetzt erinnere ich mich an den Namen. Du bist ein Verräter! Du hast uns alle verlassen!«
Zelfs Stimme war zu einem Brüllen angeschwollen, das die Nacht durchdrang, doch bei seinen letzten Worten brach seine Stimme und er sank zurück auf die Bank.
»Ich weiß, wie du dich fühlst«, sagte Gladio. »Ich erinnere mich jeden Tag selbst an diese Schuld, die auf meiner Seele lastet. Jeder, der durch mein Verschwinden hat Leiden müssen, ist meine Bürde. Es war nicht einfach für mich, glaub mir, doch ich hatte meine Gründe, Dere zu verlassen und nach Goma zu kommen.« Er zögerte kurz. »Es war auch eine Überraschung für mich, dich wiederzusehen, doch dass du es warst, das habe ich gleich erkannt, mein Prinz. Wir werden das Land wieder auf den richtigen Weg führen, das verspreche ich dir, doch erst müssen wir diese Sache hier regeln. Der Gefallene wird wohl nicht auf Goma Halt machen. Wenn er besiegt ist, kehre ich mit dir nach Dere zurück. Wir werden den falschen König herausfordern, ihn vom Thron stürzen und das Land retten. Du musst dich nur noch etwas gedulden.«
»Mein Vater ist tot«, wiederholte Zelf. »Meine Mutter ist verschwunden, als ich noch ein Kind war. Ich bin ganz alleine auf dieser Welt…«
»Mein Prinz, das…«
»Ich bin kein Prinz, nicht mehr!«, schrie Zelf, doch Gladio ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen.
»Für mich wirst du immer mein Prinz sein. Der Prinz, der heimlich Kuchen aus der Küche geklaut hat. Der Prinz, der im Garten Fangen gespielt hat. Der Prinz, der sich in der Kuppel des Westturmes versteckt hat, wenn er wieder mal etwas angestellt hat. Der Prinz, der vor jeder Verantwortung flüchten wollte.« Bei Gladios Worten traten Tränen in Zelfs Gesicht. »Doch ihr hört mir nicht zu. Ihr seid nicht alleine.«
Zelf hob den Kopf und schaute Gladio misstrauisch an. »Wie meint ihr das? Lebt meine Mutter noch?«
»Nein das nicht«, gab Grauschwinge zu. »Doch ich war in ihren letzten Stunden bei ihr. Sie war der Grund, warum ich Dere verlassen habe. Euer Vater, der König, hat mich als ihren Leibwächter nach Goma geschickt. In Dere war es nicht mehr sicher für sie.«
»Wieso denn?« Zelfs Blick hing gebannt auf Gladio.
»Nun, Attentäter trachteten nach ihrem Leben, denn sie war erneut schwanger.«
»Was?!« Zelf schien nicht glauben zu können, was er da hörte.
Gladio nickte. »Ein zweites Kind, das wäre zu gefährlich für die Gegner eures Vaters gewesen – ein zweiter Kandidat für die Thronfolge, der die Stärke eures Vaters erben könnte. Das wollten sie verhindern. Also verließen wir – deine Mutter und ich – auf Befehl eures Vaters hin Dere und reisten nach Goma. Eure Mutter verstarb leider bei der Geburt, doch das Kind überlebte. Ich habe mich um es gekümmert, seit dem Tag ihrer Geburt.«
Zelf schwieg, doch man sah ihm an, dass er tausend Fragen hatte.
Gladio atmete tief durch, dann legte er einen Arm um Lissas Schultern, die neben ihm saß und ihn ebenso ungläubig wie Zelf anstarrte.
»Mein Prinz, darf ich euch eure Schwester vorstellen? Kronprinzessin und potentielle Königin – Lissa von Dere.«

»Das kann ich nicht glauben«, murmelte Zelf seltsam tonlos. »Meine…Schwester?«
Er schien nicht begreifen zu können, dass er doch nicht alleine war. Zugegebenermaßen – wir konnten es alle nicht so reicht begreifen. Lissa und er schauten sich lange und stumm an. Auf beiden Gesichtern las ich Unglaube.  
»Es ist so«, bestätigte Gladio. »Lissa ist eure Schwester.«
»Aber…wieso hat mein Vater nie etwas davon erwähnt? Wieso schwieg er über den Grund, aus dem Mutter verschwand? Und wieso nannte man euch einen Verräter?«
»Um jegliche Verbindungen zu Dere zu kappen«, erklärte der Leibwächter. »Ein Verräter, der vor seiner Strafe flüchtet, erweckt kein großes Misstrauen, und so konnte ich mich ganz meiner Aufgabe – nämlich dem Schutz eurer Mutter und ihrem ungeborenen Kind – widmen, ohne Verfolger fürchten zu müssen. Euer Vater schwieg wohl, um Mutter und Kind zu schützen – schließlich kann man in dieser Welt nur sehr, sehr wenigen Menschen wirklich vertrauen und der Palast hat viele Ohren. Die Attentäter dachten gar nicht daran, uns über das Meer zu folgen. Sie hatten ihr Ziel erreicht, der zweite potentielle Thronerbe war verschwunden. Was wollten sie auch mehr?«
»Trotzdem, das ist…« Zelf schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ich weiß, dass das sicherlich nicht leicht zu verstehen ist. Aber bitte, versucht es mit der Zeit zu akzeptieren. Auch für Lissa ist das sicherlich nicht einfach.«
Sie wandte den Kopf um und starrte Gladio an.
»Das heißt, meine Eltern sind gar nicht bei einem Raubüberfall gestorben? Du hast mich nicht aus den Trümmern meiner Heimat gerettet, als ich noch ein kleines Kind war?«
»Bitte, meine Prinzessin. Ihr müsst verstehen, dass es sicherer war, euch fürs Erste in Unwissenheit zu lassen. Versucht es mir mit der Zeit zu vergeben.«
Nun schaute Lissa Kira an. Ich konnte ihren Blick nicht so recht deuten. »Wusstest du es?«
Die Schützin schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin genauso überrascht wie du.«
Eine unbehagliche Stille trat ein.
Ich weiß, das ist sicherlich viel neues, für uns alle, erklang mit einem Mal Geralds Stimme, sodass alle ihn hören konnten. Doch wir müssen uns auf den Gefallenen konzentrieren.
Das schien alle wieder zur Besinnung zu bringen, obwohl Lissa und Zelf sich immer noch verwunderte und vielleicht auch etwas verlorene Blicke zuwarfen. Diese Eröffnungen schienen ihr ganzes Weltbild ins Wanken gebracht zu haben.  
Ich nickte und versuchte Geralds Faden aufzunehmen. »Ich habe einen Plan für unser weiteres Vorgehen.«
Für den Moment wandten sich alle mir zu.
»Wir werden uns für einige Zeit wieder trennen müssen. Ihr«, ich blickte meine Gefährten der Reihe nach an, »werdet in den Norden reiten, zu Gorans Festung. Dort werdet ihr auf einen jungen Magier treffen, Sarius. Er ist ein Freund von mir. Sagt ihm, ich werde bald nachkommen. Kämpft an ihrer Seite – sie sind das letzte Bollwerk gegen die Armee des Gefallenen im Norden.«
»Und was ist mit dir?«, wollte Kira wissen. »Was wirst du tun?«
Zelfs und Letus Blicke verfinsterten sich. Ich wusste, sie hießen mein Vorhaben nicht gut, doch es musste sein.
»Ich habe mit Mira noch etwas zu erledigen. Wir werden die Wächterdämonen aufsuchen.«
Stille senkte sich über uns. Die Worte hingen wie ein düsteres Omen in der Luft.  
Gladio, der den Schrecken eines Wächterdämons gesehen hatte und der mitansehen musste, wie sein Gefährte Rabo durch eines dieser Wesen gestorben ist, sagte nur ein Wort: »Wieso?«
»Wir brauchen ihre Kraft im Kampf gegen den Gefallenen. Er hat im Gegensatz zu uns eine Armee aus Schatten und Untoten. Wenn sie für uns kämpfen, haben wir eine Chance.«
»Wenn sie für uns kämpfen. Doch dich noch einmal in ihre Nähe zu wagen – das ist Wahnsinn! Lass das bleiben, Daren, wir finden einen anderen Weg.«
Gladio und ich schauten uns einen Moment lang an.
»Es gibt keinen anderen Weg. Es muss sein.«
»Aber…«
»Du solltest mehr Vertrauen in mich haben, mein Freund. Ich bin nicht mehr der, den du einst kanntest.«
Der Blick, den Gladio mir zuwarf, war nicht wirklich zu deuten. »Nein, der bist du nicht mehr.« Er seufzte. »Wenn du dir wirklich sicher bist, dann solltest du es tun. Doch bedenke, ohne dich können wir den Gefallenen nicht besiegen. Wir können gegen seine Diener kämpfen, sie besiegen – aber der, der mit ihm letztendlich die Klinge kreuzen muss, bist du.«
Ich nickte. »Das weiß ich. Und das werde ich.«
»Dann sollten wir aufbrechen«, meinte Letus und stand auf. »Lasst uns alles für die Abreise vorbereiten. Die Morgendämmerung ist eine gute Zeit, um Dinge zu beginnen, also lasst uns unseren finalen Kampf gegen den Gefallenen beginnen, wenn die Sonne den Horizont erleuchtet. Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt?«
Meine Gefährten standen auf, um sich fertig zu machen. Für den Moment waren sie abgelenkt und achteten nicht weiter auf mich. Ich zog den Stoff meiner Kleidung zurück. Das schwarze Mal, das Zeichen für mein Versprechen und Haras Fluch, prangte im Licht der Flammen auf meiner Hand. Die anderen hatten es noch nicht gesehen und so sollte es auch bleiben.
»Wir sollten wirklich bald aufbrechen«, stimmte ich Letus zu.
Ich schaute in den Sternenhimmel empor.
Meine Zeit ist begrenzt.
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