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Blütenschimmer

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P6 / Gen
02.06.2020
02.06.2020
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885
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02.06.2020 885
 
Mein Beitrag zum Projekt Inspiration durch Bilder Nr. 4 von Farringdon.
Das Bild, welches mir als Ausgangspunkt für diesen kleinen Oneshot diente, findet ihr hier.
Im ersten Moment erinnerte mich das Bild an die Blume von Rapunzel, aber ich wollte ja etwas Eigenes schreiben.
Was daraus geworden ist, könnt ihr nun hier lesen.

~~~

Sie war zurück.
Wie lange sie nicht mehr hier gewesen war? Sie wusste es nicht.
Viel Zeit war seitdem vergangen.
Sicher, sie könnte sich die alten Bilder anschauen, um herauszufinden, wann sie ihre Eltern das letzte Mal besucht hatte. Aber das würde nichts nützen.
Denn unabhängig davon, wie viel Zeit wirklich vergangen war, es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.

Zunächst wirkte das altehrwürdige Haus mit dem großen Grundstück fremd, doch langsam spürte sie, wie die Erinnerungen wieder an die Oberfläche drangen. Die Erinnerungen an ihre Kindheit tauchten als erstes auf. Sie sah sich als kleines, aufgedrehtes Mädchen zwischen den Blumenbeeten auf - und abhüpfen und ihrer Mutter beim Unkraut jäten zusehen.
Sie erinnerte sich an die schöne Holzschaukel, und daran, wie sie beim Schaukeln die Augen geschlossen und sich vorgestellt hatte, sie würde fliegen.
Und sie hatte wieder den Geschmack der ersten reifen Erdbeeren im Mund.

Eigentlich verband sie die meisten der schönen Erinnerungen mit dem Garten, wie ihr nun wieder bewusst wurde. In dem großen Haus mit den wertvollen alten Möbeln hatte sie sich als Kind stets eingesperrt gefühlt, immer begleitet von der Angst, etwas Kostbares zerstören zu können.
Im Garten dagegen hatte sie sich frei gefühlt.
Darum ließ sie nun auch das Eingangsportal links liegen und kletterte über den Zaun, so wie ihre Freunde es früher manchmal getan hatten, wenn sie niemand beobachtete. Sie selbst hatte es sich nie getraut. Deshalb besaß sie auch nur wenig Übung darin und außerdem war ihre Kleidung für solche Aktivitäten gänzlich ungeeignet, aber nun war das egal.

Doch als sie um die Ecke des Hauses bog und den Garten erblickte, erstarrte sie.
Alles war völlig verwildert.
Die Tür des kleinen Gartenhäuschens, in dem sie sich so gern versteckt hatte, hing schief in den Angeln und quietschte leise im Wind.
Das Brett der Schaukel war morsch und ihr Gestell völlig verrostet.
Die Beete waren kaum noch zu erkennen und gänzlich von Unkraut überdeckt.
Das Gefühl der Vertrautheit, das sich für einen Moment bei ihr eingestellt hatte, war mit einem Mal wie weggeblasen. Es erschreckte sie, wie sehr sich alles verändert hatte.
Und plötzlich wollte sie nur noch weg.
Obwohl sie dieses Haus von ihren Eltern vererbt bekommen hatte.
Es war zweifellos ein wunderschönes Haus, doch es war nicht ihr Zuhause.
Und der Ort, der einem Zuhause immer am nächsten gekommen war, existierte nicht mehr.
Wozu war sie dann noch hier? Weshalb war sie überhaupt zurückgekehrt?

Dann fiel ihr noch etwas ein.
Schnell setzte sie sich in Bewegung, um den hintersten Winkel des großen Gartens aufzusuchen. Dort stand ein uralter Kastanienbaum, dessen Äste sich weit hinauf in den Himmel reckten. Als sie an seinem Stamm emporschaute, konnte sie oben in der Krone einen Teil ihres alten Baumhauses erkennen. Doch sie kam nicht hinauf, denn die Strickleiter war morsch und rissig. Enttäuscht senkte sie ihren Blick wieder. Auch diesen Ort hatte sich die Zeit also zurückgeholt.
Diese Erkenntnis ließ sie endgültig die Fassung verlieren.

Eine einzelne Träne rann aus ihrem Augenwinkel, lief hinunter bis zum Kinn und tropfte auf den Boden. Dort wurde sie vom Kelch einer großen, violetten Blume aufgefangen.
Eine Blume, die in all der Vergessenheit und Verlorenheit des alten Grundstückes regelrecht zu strahlen schien. Nach und nach nahm sie ihr gesamtes Blickfeld ein.
Denn es war nicht nur irgendeine Blume.
Sondern ihre Lieblingsblume.
Ergriffen fiel sie vor der kleinen Pflanze auf die Knie und begann, heftig zu schluchzen.
Sie beweinte verlorene Erinnerungen, zerbrochene Beziehungen und all die verflossene Zeit.
Sie betrauerte die Verlassenheit und Vergessenheit dieses Ortes.
Sie ließ ihrem Kummer um ihre Eltern freien Lauf.
Doch schließlich versiegten die Tränen.
Und sie begann zu lächeln.

Als sie ein kleines Mädchen war, hatte sie diese Blume im Garten entdeckt, sie gepflückt und begeistert ihrer Mutter gebracht. Die schönste Blume für die beste Mama der Welt, hatte sie gesagt. Und sie konnte sich daran erinnern, wie ihre Mutter mild gelächelt hatte.
„Wenn du die Blume pflückst, wird ihre Schönheit bald vergehen. Aber wenn du sie einpflanzt, wird sie tiefe Wurzeln schlagen und du kannst dich lange an ihr erfreuen. So ist es auch mit den Menschen. Wenn sie kein Zuhause haben, werden sie ruhelos und verkümmern.
Deshalb ist es wichtig, Wurzeln zu haben.“

Nach diesen Worten hatten sie gemeinsam ein großes Beet mit diesen Blumen bepflanzt.
Damals hatte sie die Worte ihrer Mutter nicht wirklich begriffen. Menschen waren doch keine Pflanzen, wozu sollten sie Wurzeln haben?
Doch nun verstand sie.

Sie erhob sich wieder und schaute sich um. Es war, als hätte sich ihre ganze Sichtweite verändert. Nun wirkte der Garten nicht mehr länger abschreckend auf sie, sondern einladend. Sie konnte in der Wildheit die Schönheit der Natur erkennen. Sie atmete den Duft ein, den die Blüte verströmte, und spürte, wie ihr leichter ums Herz wurde. Wenn sie es nur wollte, konnte der Garten wieder so schön werden, wie er es früher gewesen war. Auch dem alten Haus könnte sie neues Leben einhauchen.

Es war Zeit für einen Neuanfang, denn ...
Sie war zurück.
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