Im Netz von Lügen und Intrigen

GeschichteDrama, Romanze / P18
Fili Kili Sigrid Tauriel
02.06.2020
16.09.2020
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02.06.2020 4.045
 
Hallo zusammen, ich habe da mal neues, was modernes angefangen. Ich hoffe der Anfang ist gut gelungen, würde mich echt über eure Meinung freuen wie ihr das so findet ob sie weitergehen soll oder auch nicht
Gruß Schnutche



1. Sigrids Schwarm

Sie löste den Gürtel ihres Bademantels und ließ ihn über ihre Schultern nach hinten zu Boden gleiten. Darunter war sie nackt. Einen kurzen Moment hielt sie inne ehe sie zu ihrem Spiegel lief. Andächtig betrachtete sie sich darin und fand, dass sie sehr weiblich wirkte. Sie war ja schon siebzehn – dabei unterschlug sie, denn es waren noch rund zwei Monate Zeit bis zu ihrem siebzehnten Geburtstag.
Noch keine zwei Jahre war es her, wo sie sich kaum getraut hatte, in den Spiegel zu schauen. Sie hatte noch einen Teil ihres Babyspecks um den Bauch gehabt, ihr Busen kaum größer als eine Erbse und die Zahnspange hatte dann ihr Übriges dazu beigetragen, dass sie sich scheußlich gefunden hatte. Aber diese Zeiten waren glücklicherweise vorbei. Durch regelmäßigen Sport und Bewegung hatte sie es zu einer gelungenen Bikiniform geschafft und ihre Brüste wiesen Körbchengröße B auf, sprich nicht zu üppig und auch nicht zu klein. Ihre feste Zahnspange war sie vor einem Jahr losgeworden und ließen schöne, gerade Zähne sichtbar werden. Dann griff sie in ihre Haare und löste die Krebsspange und so fielen auch lange blonde Locken herab und umrahmten ihr schmales Gesicht. Sie drehte sich lächelnd vor dem Spiegel. Wäre Bain, ihr jüngerer Bruder, im Raum, würde er behaupten, sie wäre in sich selber verliebt. Aber das war totaler Blödsinn und konnte nur von ihm kommen. Was war dabei, wenn man einen hübschen Körper hatte und sich dessen bewusst war? Sie konnte gut und gern als Achtzehn durchgehen, dies hatte sie unter anderem schon erfolgreich an der Kinokasse getestet.
Das Summen ihres Smartphones riss sie aus den Gedanken. Per Whatsapp war eine Nachricht eingegangen.
„Bin auf den Weg zu dir – bis gleich!“, war zu lesen.
„Ok, mache mich grade fertig“, schrieb sie zurück und lief an ihren Kleiderschrank.
Es versprach ein warmer Sommerabend zu werden, daher beschloss sie, etwas Kurzes zu tragen. Sie entschied sich für einen goldfarbenen Minirock, den sie sich in einem
Second – Hand – Laden gekauft hatte. Dazu wählte sie ein schwarzes, bauchfreies Top aus. Sie fand das Oberteil mit glitzernden Stinkefinger – Smiley einfach zum Schießen. Zu guter Letzt zog sie sich ein blütenweißes Herrenhemd über und krempelte dabei locker die Ärmel hoch. In ihrer Kommode suchte sie nach Seidenstrümpfen, sie hätte am liebsten gar keine angezogen, wenn ihre Beine braun gebrannt wären. Sie entschied sich für anthrazitfarbene, die man bis zu den Oberschenkel hochziehen konnte. Danach schlüpfte sie in goldene Sneakers und verließ ihr Zimmer, als es an der Tür klingelte.
„Das ist für mich, Papa“, rief sie ihrem Vater zu, der sich gerade im Wohnzimmer aufhielt, „es ist Tauriel!“
Bard, ihr Vater, erschien im Türrahmen. „Du hast ja noch gar nichts gegessen.“
„Hab eh keinen Hunger“, ließ Sigrid ihr Smartphone in ihre Tasche gleiten.
„Kein Wunder bei dem ganzen Imbisszeugs“, meinte Bard nur.
„Papa, ich steh auf Pizza, nicht auf Currywurst oder so.“
Bard taxierte seine Älteste von Kopf bis Fuß und sein Blick wurde sofort missbilligend.
„Wie du nur wieder rumläufst“, sagte er, „als wolltest du in einem einschlägigen Club einlaufen.“
„Mensch, Papa, das ist modern, das trägt man heutzutage so“, verrollte seine Tochter die Augen.
„Das ist mir gleich, ob es modern ist oder so trägt, aber ich will nicht, dass meine älteste Tochter so billig rumläuft. Also tu mir den Gefallen und knöpf wenigstens dein Hemd zu.“
„Papa, bitte, Tauriel wartet unten auf mich“, sagte sie.
„Das interessiert mich nicht, du machst dein Hemd zu oder du bleibst hier“, machte Bard ihr deutlich und fügte hinzu, als sie sich nicht rührte, „also, willst du weg oder in dein Zimmer, Sigrid?“
Wenn ihr Vater sie beim Namen nannte, dann war Gefahr im Verzug und so gab sie lieber klein bei.
„Ja, ich mache schon“, kam Sigrid schließlich seiner Aufforderung nach.
„Na also, geht doch“, sprach Bard, „du bist um elf zuhause!“
„Was!?“, riss Sigrid entsetzt die Augen auf. „Bitte Papa, darf ich nicht bis zwölf bleiben? Tauriel darf auch so lange ausgehen …“
„Halb zwölf“, lenkte Bard schließlich ein, „und sei ja pünktlich, du kannst froh sein, dass deine Mutter nicht da ist. Sie hätte dich sicherlich nicht so fortgehen lassen.“
„Ja“, verließ Sigrid schließlich die Wohnung, sauer und erleichtert zugleich. Sauer, weil ihr Vater sie nicht eine halbe Stunde länger fortließ und erleichtert, dass ihre Mutter nicht da war. Sie hätte von ihr verlangt, sich ganz umzuziehen oder ihr Stubenarrest verhängt.
„Hi, da bist du endlich“, wurde sie unten an der Haustür von ihrer Freundin begrüßt, „hast mich wieder lange warten lassen. Warst du noch unter der Dusche oder hat deine kleine Schwester dich geärgert?“
„Tilda schläft bei einer Klassenkameradin“, umarmte Sigrid Tauriel, „nein, unter der Dusche war ich nicht. Ich war pünktlich fertig, als mein Vater mich noch aufgehalten hatte.“
Sie waren ein paar Meter gelaufen, als Sigrid in der nächsten Straßenkurve ihr Hemd aufknöpfte und ihr Stinkefinger – Smiley wieder zum Vorschein kam. Dabei erzählte sie ihrer Freundin, was ihr Vater zu beanstanden hatte.
„Kein Schwein regt sich auf, wenn man im knappen Bikini am Strand rumläuft. Meine Eltern gehen sogar in eine gemischte Sauna. Aber wenn ich in einem kurzen Rock daherkomme, kippt die Moral. Kannst du mir das erklären, Tau?“
Diese zuckte nur mit den Schultern. Tauriel war vom Typ her das Gegenteil von ihrer langjährigen Freundin. Während Sigrid sich gerne etwas freizügiger kleidete, war der Stil von Tauriel eher unauffällig. Auch an diesem Abend trug sie eine pastellfarbene Bluse und eine schwarze Jeans, die ihre schlanke Gestalt betonte. Die roten Haare, die ihr fast bis zum Po reichten, trug sie offen. Sigrid fand diesen Stil passend für ihre Freundin, den Tauriel war der eher introvertierte, verträumte Typ.
„Du siehst echt klasse aus“, sagte sie, „wie aus einem romantischen Film mit Ashton Kutscher.“
Tauriel lächelte. „Jetzt übertreib nicht, aber mal was anderes. Gehen wir ins Dreamless oder erstmal zum Jugendclub?“
„Jugendclub!“, antwortete Sigrid kurz und bündig.
„Hoffst du auf Haldir zu treffen?“, zwinkerte Tauriel.
Damit meinte Tauriel jenen, mit dem sich Sigrid kürzlich ein paar Minuten unterhalten hatte, doch nur ganz kurz, sie war schon über der Zeit und hatte nicht riskieren wollen, das Wochenende zuhause zu verbringen.
„Vielleicht“, meinte Sigrid, als sie endlich den Jugendclub erreichten.
Schon von draußen her konnte man ausgelassene Stimmung wahrnehmen.
„Scheint ziemlich voll zu sein“, meinte Tauriel, als sie eintraten und sie behielt Recht.
Der Jugendclub, welches einfachshalber nur Club genannt wurde, war ein beliebter Treffpunkt für junge Leute in Münster.
Tagsüber traf man sich auch mal zum Lernen oder zum Billardspielen oder einfach nur um abzuhängen. Auch abends war der Club gut besucht, zumal die Getränke recht bezahlbar waren im Vergleich zu anderen Lokalen. Hier wurden auch attraktive Freizeitangebote für die jungen Leute gemacht und Disco-Abende veranstaltet. Und hier im Club kannte auch jeder jeden. Sigrid und Tauriel wurden mal hier, mal da begrüßt. Die zwei holten sich an der Theke was zu Trinken, ehe sie zu den Billard – Tischen liefen. Alle fünf waren besetzt, doch weder Sigrid noch Tauriel störten sich daran. Sigrid entdeckte Haldir am zweiten Tisch, der mit seinen Kumpels eine Runde spielte. Sie fand Haldir, für den sie schon eine Weile schwärmte, recht anziehend mit seinen langen blonden Haaren, die sehr gepflegt waren. Er trug eine dunkle Lederjacke und dieselbe Hosen, welche an den Beinseiten geschnürt waren.
„Gewonnen“, jubelte er, als er seine Kugel versenkt hatte.
„Alter, wie machst du das nur“, schüttelte einer von ihnen, Elros, den Kopf.
„Tja, ich bin halt der Größte“, lachte Haldir und klopfte ihm auf die Schulter.
„Hey, du hast Besuch“, sagte ein anderer zu ihm und wies in Sigrids Richtung.
Nun sah Haldir auf und blickte der Blondine in die Augen und lächelte. „Hallo Sigrid!“
„Hi“, grüßte sie scheu zurück.
„Siehst du, hättest gar nicht nach ihr fragen müssen“, zog ihn einer seiner Freunde auf, „die ist von ganz alleine gekommen …“
„Halt die Klappe!“ Haldir drückte ihm seinen Billardstock in die Hand und wandte sich Sigrid zu. „Ich freu mich, dass du da bist. Wollen wir was trinken? Ich lade dich ein.“
„Klingt gut!“ Sigrid freute sich, dass Haldir scheinbar auch für sie Interesse zeigte.
Er war der reinste Schwarm vieler Frauen. Viele hätten einiges dafür gegeben, um an ein Date mit Haldir zu gelangen. Eine seiner bekanntesten Leidenschaften war das Motorradfahren.
„Bist du alleine hier?“, fragte er, als sie mit ihren Getränken, Cola mit Eiswürfel und Zitronenspalten, an einem kleinen runden Tisch saßen.
„Tauriel ist mit mir gekommen“, antwortete Sigrid, als sie kurz zu ihrer Freundin blickte. Tauriel unterhielt sich gerade mit Kili, einem eher leicht untersetzten aber muskulösen Mann mit langen dunklen Haaren und einem Dreitagebart, für den sie schon seit längerem eine Schwäche hatte. Und an diesem Abend hatte Tauriel sich vorgenommen, was Kili anging, alles auf eine Karte zu setzen. Sigrid kannte ihn eher flüchtig. Fili, seinen älteren Bruder, kannte sie schon näher. Sie unterhielt sich immer mit ihm, wenn er in den Getränkeladen ihres Onkels, wo sie aushilfsweise arbeite, kam. Doch sie verschwendete keinen weiteren Gedanken daran.
Dass Haldir nun mit ihr zusammen an einem Tisch saß hätte sie sich niemals erträumen lassen; sie wusste, dass so manche Mädchen es ihr übelnehmen würden, dass ausgerechnet sie mit dem Frauenschwarm an einem Tisch saß und dieser anfing, mit ihr zu flirten. Einmal war ihr zu Ohren gekommen, er würde die Mädchen nur solange becircen bis er sie im Bett hätte und dann wie glühend heiße Kartoffeln fallen lassen, doch sie wollte nicht daran glauben. Sie glaubte eher, dieses Gerücht um ihn war nur aus purem Neid entstanden. Und dann interessierte es sie schlichtweg ergreifend nicht, sie war dabei, sich in den klaren, grauen Augen gutaussehenden Biker zu verlieren.
„Was hältst du davon, wenn wir woanders hingehen?“, schlug Haldir nach einer Weile vor, „hier wird es ein wenig öde.“
Sigrid war begeistert. „Ja, warum eigentlich nicht?“
Haldir grinste. „Fein, du entscheidest. Wohin gehen wir?“
„Dreamless!“, meinte Sigrid nur.
„Ist aber extrem laut dort.“
„Na und“, zuckte Sigrid mit den Schultern, „ich habe Bock so richtig abzutanzen.“
„Wusste gar nicht, dass du eine Wilde bist“, meinte Haldir und stand auf. „Ich geh nochmal schnell für kleine Jungs, dann können wir.“
Während Haldir die Toilette aufsuchte, ging Sigrid zu Tauriel, die einen Moment alleine da stand.
„Du, ich gehe mit Haldir ins Dreamless“, teilte sie ihrer Freundin mit. „Ist das okay für dich?“
„Na, das ging ja schnell mit deinem Haldir“, grinste diese.
„Er ist nicht mein Haldir“, widersprach Sigrid, „noch jedenfalls nicht.“
„Dann wünsche ich euch noch viel Spaß“, sagte Tauriel.
„Ich hoffe, du bist mir nicht böse, wenn ich dich alleine zurücklasse.“
Tauriel winkte ab. „Schon okay, ich habe ja ganz gute Gesellschaft. Ich werde mit Kili noch ins Nachtcafe gehen. Ich glaube, das mit ihm wird endlich was …“
Sigrid wollte noch was erwidern, als Haldir sie zu sich winkte. „Ich muss!“
„Kein Problem, ruf mich an, wenn du daheim bist!“
„Mach ich“, versprach Sigrid ihr, ehe sie mit Haldir nach draußen verschwand.
Dieser führte sie in den Hinterhof, wo sein Motorrad, eine schwarze Yamaha, neben unzähligen anderen Motorrädern stand. Sigrid staunte über die auf Hochglanz polierte Maschine.
„Warte kurz“, holte er aus seinem Koffer einen zweiten Helm hervor und reichte ihn Sigrid, „ohne Helm darf ich dich nicht auf meinem Bike mitnehmen, sonst wird’s teuer, wenn wir in eine Polizeikontrolle geraten. Daher habe ich immer einen zweiten Helm dabei, wenn ich mal einen Kumpel mitnehme oder so. Probiere ihn mal an ob er passt.“
„Passt!“, meinte Sigrid, als sie ihn aufgesetzt hatte und Anstalten machte, zu Haldir hinten auf die Maschine zu steigen.
„Boah, wenn ich gewusst hätte, dass ich auf einem heißen Ofen fahre, hätte ich mir lieber Jeans angezogen“, fluchte Sigrid, als beim Aufsitzen ihr Mini nach oben rutschte. Ein paar Jungs, die im Eingangsbereich des Clubs standen und rauchten, pfiffen anerkennend.
„Idioten!“, zischte Sigrid in ihre Richtung.„Kurze Röcke eignen sich wahrlich nicht. So sieht jeder Depp, was ich darunter trage.“
„Mach dir nichts draus, mich stört es nicht“, witzelte Haldir, der das offensichtlich lustig fand, als Sigrid hinter ihm schnaubte und lenkte ein, „aber wenn du willst, fahren wir schnell bei dir vorbei, dann kannst du dir was anderes anziehen.“
„Nee, lass mal“, wehrte Sigrid ab, „sonst macht meine Mutter mir eine Szene wegen meinem kurzen Rock und ich habe keinen Bock auf den Stress mit ihr.“
„Ganz wie du willst, aber jetzt halte dich fest, wir wollen fahren.“
Zaghaft legte sie ihre Hände an seine Seiten. Sofort nahm Haldir sie und umschlang damit seine Mitte.
„So ist es besser“, meinte er, „aus reiner Sicherheit, damit du nicht während der Fahrt runterfällst.“
„Werde ich schon nicht, wenn du nicht so schnell fährst“, ulkte Sigrid, die ihm das in ihrer Naivität glaubte.
„Keine Sorge, ich fahre wie in der Fahrschule“, meinte Haldir und startete seine Maschine.
Er fuhr aus dem Hinterhof und fädelte sich in den abendlichen Verkehr ein. Haldir fuhr wirklich sehr gesittet und Sigrid hatte den Eindruck, er fuhr absichtlich so langsam, um so ihre Nähe zu spüren. Aber das war ihr nur Recht, es fühlte sich wirklich schön an, ihn so nahe zu spüren. Und wenn es nach ihr gegangen wäre, so hätte er ewig so weiterfahren können

Das „Dreamless“ war die beliebteste Diskothek von Münster und Umgebung. Sie war hochmodern eingerichtet und die allerneueste Musik wurde gespielt. Und an diesem Freitagabend war sie auch gut besucht.
Haldir und Sigrid hatten Glück gehabt und einen guten Platz mit Blick auf die Tanzfläche gefunden.
„Was ich dich mal fragen wollte, Haldir“, begann Sigrid, „ich habe gehört, du hättest dich nach mir erkundigt. Warum?“
„Hast du schon mal in den Spiegel gesehen?“, setzte er zur Gegenfrage an. „Du bist nicht gerade ein Mauerblümchen. Du hast Klasse und siehst super aus. Deswegen habe ich mich auch neulich nach dir erkundigt.“
„Oh!“ Sigrid errötete leicht.
Du hast Klasse und siehst gut aus!
Diese Worte hallten in Sigrids Kopf. Dann mochte er sie wirklich. Dieser Abend lief ja für Sigrid wirklich gut.
„Aber erzähl mal was von dir“, forderte Haldir sie auf, „im Club warst du nicht sehr gesprächig.“ Und grinste dabei.
„Tschuldige“, lächelte Sigrid verlegen, „also ich gehe noch zur Schule. Ich mache nächstes Jahr mein Fachabi und will eine medizinische Ausbildung machen, hab da auch schon was in Aussicht. Nebenher arbeite ich im Getränkeladen meines Onkels, um mir Geld zum Führerschein dazu zu verdienen. Ich gehe bereits schon in die Fahrschule und wenn es gut läuft, dann habe ich mit siebzehn den Schein und kann zumindest in Begleitung meiner Eltern Auto fahren. Und natürlich spare ich dann für ein eigenes Auto. Das werde ich brauchen, wenn ich in der Ausbildung bin wegen den ganzen Schichten und so …“ Sigrid redete ohne Punkt und Komma, während Haldir ihr nur zuhörte. „Aber was ist mit dir? Was machst du so?“
„Ehrlich gesagt bin ich noch auf der Suche nach einer geeigneten Arbeitsstelle. Ich habe eine Lehre als Industriemechaniker abgeschlossen, habe bislang noch nichts in näherer Umgebung gefunden.“
„Und auswärts“, erkundigte sich Sigrid, „da hättest du bestimmt mehr Chancen.“
„Ich soll aus Münster weg?“, meinte der blonde mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wo ich mein ganzes Leben zugebracht habe? Hier habe ich meine ganzen Freunde, und dann habe ich jetzt dich kennengelernt …“
Sigrid freute sich. Sie glaubte wirklich, ihr Schwarm würde wohl ihretwegen in der Stadt bleiben wollen.
„Du wirst bestimmt noch etwas finden“, meinte sie zuversichtlich.
„Das will ich doch meinen“, stimmte Haldir zu und stand auf, „ich gehe mal eine Zigarette rauchen, kommst du mit?“
Sigrid schüttelte den Kopf. „Nein, ich rauche nicht!“
„Also gut, aber wenn ich zurückkomme, dann tanzen wir, ja?“
Während Haldir nach draußen ging eine rauchen – in der Disco galt absolutes Rauchverbot – ging Sigrid sich in der Damentoilette ein wenig frisch frischmachen.
„Hey, Sigrid, du bist ja auch hier“, sprach sie jemand an, als sie aus der Toilette herauskam, „das ist aber ein netter Zufall.“
Sigrid drehte sich um und sah sich Lindir gegenüber stehen, der zu Haldirs Freunde zählte. Er hatte lange, brünette Haare, die im Gegensatz zu Haldirs Haare lockig waren, und war ein begnadeter Tischtennisspieler im Club. Manchmal schrieben sie sich über ein soziales Netzwerk, wo sie ihn auf ihrer Freundesliste hatte. Wenn Lindir sie im Club angesprochen hätte, wäre Sigrid vielleicht sogar mit ihm ausgegangen. Aber sie war mit  Haldir hier und darüber war sie sehr happy.
„Ja, die Welt ist klein, nicht wahr?“, fragte sie stattdessen.
Nach einem kurzen Wortgeplänkel fragte Lindir schließlich: „Gehen wir mal tanzen?“
Sigrid grinste. „Klingt verlockend, aber ich bin mit Haldir hier und möchte mit ihm gerne tanzen.“
„Du hast ja eine charmante Weise, mir einen Korb zu geben“, meinte er schief grinsend, „aber ich wünsche euch noch viel Spaß.“
Wenig später tanzte sie mit Haldir ausgelassen auf der Tanz-Fläche und war begeistert, wie gut er das konnte. Und einige Mädchen gerieten total aus dem Häuschen, als er zu Tom Jones‘ „Sexbomb“ die Hüften wie Elvis Presley kreisen ließ. Und Sigrid glaubte, aus deren Augen die regelrechte Gier und Wohllust heraus zu erkennen.
Pech gehabt, ihr dummen Schnepfen, dachte sie, der gehört nämlich mir.
Bei einem langsamen Song tanzten viele Pärchen eng umschlungen, auch Haldir zog Sigrid ganz nah an sich. Sie legte ihre Arme um seinen Hals, während sie sich zum langsamen Rhythmus der Musik bewegten. Irgendwann glitten seine Hände über ihren Rücken und verharrten dabei auf ihrem Po, wobei Sigrid ihm in die Augen sah, die sie wunderschön fand.
Er hob nun ihr Kinn an und zog sie näher zu seinen Lippen heran, bis es schließlich zu einem ersten Kuss kam.
„Du bist so richtig zum Anbeißen“, flüsterte Haldir ihr ins Ohr, „dich will ich so schnell nicht hergeben.“
Sigrid freute sich über diese Worte und fühlte sich wie im siebten Himmel, während sie weiter über die Tanzfläche flanierten.

Und dementsprechend fühlte Sigrid sich immer noch, als Haldir sie schließlich kurz nach halb zwölf nach Hause brachte. Der Abend in der Diskothek war lange gewesen, sie hatten ausgiebig getanzt und zwischendurch auch etwas heftig auf ihrem Platz geschmust.
Kaum hatte Sigrid die Haustür aufgeschlossen, schob Haldir sie in den Hausflur und drückte sie an die Wand.
„Weißt du eigentlich, wie schwer es mir fällt, mich von dir zu trennen“, keuchte er leise, ehe er sie küsste.
„Mir fällt es ja auch schwer“, flüsterte Sigrid leise, „ich liebe dich ja auch, aber ich muss hoch, sonst gibt es Trouble mit meinen Eltern …“
„Aber du bist doch zuhause“, erklärte Haldir ihr und ließ eine Hand abwärts gleiten bis an ihren Rocksaum, „wenn auch nur im Hausflur.“
„Ich muss wirklich hoch“, meinte Sigrid, „wir werden uns morgen wiedersehen …“
„Das dauert mir aber viel zu lange“, sagte Haldir nun in einer fordernden Tonlage, die Sigrid doch leicht schlucken ließ, „du machst mich tierisch an, weißt du das?“
Dabei rutschte seine Hand schon unter ihren Rock und wanderte zu ihrem Slip hoch.
„Hör auf“, versuchte Sigrid abzuwehren, der das doch zu schnell ging.
„Wow, Satin und Spitze“, flüsterte Haldir nun heißer, als er das Material ihres Höschens ertastete, „das ist schön, das mag ich …“
„Haldir … bitte, nicht hier … da wohnen Leute im Haus …“, sagte Sigrid, die es ein wenig mit der Angst zu tun bekam. Im Club und im Dreamless war er noch so anders und nun war er wie ausgewechselt.
„Schau mal hier, was ich habe“, hielt er ihr plötzlich eine Packung Kondome hin, die er noch aus einem Automaten gezogen hatte, als er im Club noch auf der Toilette gewesen war, „du musst keine Angst vor einem Braten in der Röhre haben …“
„Sag mal, spinnst du oder was soll das“, schubste Sigrid ihn nun von sich. Das glaubte sie gerade nicht. Dann stimmte es doch, was dieses eine Gerücht anging, dass er nur auf ein schnelles Abenteuer aus war – aber nicht mir ihr! „Du sexbessenes Schwein!“
„Geht’s noch oder was ist auf einmal los mit dir?“, blaffte Haldir sie ungehalten an. „Beim Tanzen hast du mich scharf gemacht und jetzt ziehst du die Beine zusammen wie eine kleine verklemmte Klosterschülerin. Das passt ja mal gar nicht zusammen.“
„Könntest du mal leiser sein“, zischte Sigrid ihn aufgebracht an, „ich habe vorhin gesagt, hier wohnen noch Leute.“
„Das geht mir ehrlich gesagt am Arsch vorbei“, konterte Haldir gefährlich langsam, „ich dachte, du willst auch mit mir …“
„Doch nicht so, verdammt nochmal“, wollte Sigrid ihm erklären, „in einer Beziehung geht man anfangs nicht gleich miteinander in die Kiste.“
Haldir ignorierte ihren Einwand und wollte sie erneut küssen uns diesmal legte er eine Hand an ihre Brust, aber Sigrid wehrte ihn wieder ab.
„Das reicht, zum Vögeln kannst du dir eine andere suchen, die so bescheuert ist und das mit sich machen lässt“, hielt sie ihm nun vor, „aber bei mir bist du an der falschen Adresse.“
„Denkst du, ich bin auf dich angewiesen, du Flittchen, da bist du aber auf dem Holzweg. Es laufen genug  Mädchen rum, die sich mir schmachtend an den Hals werfen würden“, war Haldir nun zornig, weil er nicht zum Zuge kam, und ehe er weiter reden konnte, holte Sigrid aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige.
„Du widerliches Schwein“, rief sie wütend und verletzt, „dabei dachte ich, ich bedeute dir was.“
Sie stieß sich von der Wand ab und rannte hoch in den dritten Stock, während Haldir sich die brennende Wange hielt.
„Das wirst du noch bereuen, du blöde Gans, du wirst schon sehen.“
Über ihm fiel eine Tür ins Schloss.

Sigrid hatte sich ein langes Schlafshirt angezogen und ihre Haare mit einer Spange hochgesteckt, als sie mit ihrem Handy in der Hand auf ihrem Bett saß. Was vorhin im Treppenhaus geschehen war, setzte ihr noch gewaltig zu und sie schmeckte immer noch das Salz ihrer Tränen. Als ob dies nicht genug wäre, so hatte ihre Mutter ihr vorhin noch eine gewaltige Szene gemacht. Zum einen weil sie gute zwanzig Minuten zu spät war und wegen ihrem billigen Aufzug, wie sie ihre Kleidung genannt hatte. Am liebsten würde sie sich ins Bett legen und die Decke über den Kopf ziehen. Doch sie hatte Tauriel versprochen, dass sie sie anrufen würde, sobald sie zuhause wäre. Also scrollte sie durch ihre Kontakte bis sie die Nummer ihrer Freundin fand und drückte auf das Symbol mit dem Telefonhörer. Das Handy an ihr Ohr haltend, wartete sie auf die Verbindung und Tauriel hob bereits beim zweiten Klingeln ab.
„Ja?“, fragte diese erwartungsvoll.
„Ich bin’s, Tau“, kam es von Sigrid.
„Endlich, Sigrid, ich bin extra früher nach Hause gegangen, weil ich ja wusste, dass du nur bis halb zwölf raus durftest“, meinte Tauriel, „du, ich war den ganzen Abend mit Kili unterwegs gewesen, es war so schön mit ihm und morgen treffen wir uns wieder. Ach, Sig, ich bin total in ihn verliebt, er ist einfach so süß …“
„Das ist schön, das freut mich für dich!“ Und dies meinte Sigrid ehrlich.
„Oh, entschuldige, ich laber dich voll wegen Kili und dabei will ich doch wissen, was nun mit dir und Haldir ist“, entschuldigte sich Tauriel.
„Nichts!“, kam es von Sigrid.
„Wie nichts!?“, wurde Tauriel nicht schlau. „Was ist denn los mit dir, du klingst total niedergeschmettert. War es nicht so optimal verlaufen?"
„Doch anfangs schon, bis er mich nach Hause gebracht hatte“, begann Sigrid und schilderte ihrer Freundin am Ende der Leitung haargenau, wie sich alles zugetragen hatte.
„Das ist ja total ekelhaft“, fand Tauriel, „gut, dass du da die Notbremse gezogen hast.“
„Du hast ja Recht, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, stimmte Sigrid ihr zu, „trotzdem bin ich enttäuscht, dass er mich nur hatte ins Bett kriegen wollen oder in diesem Fall so ein Quickie im Hausflur.“
„Vergiss ihn“, riet Tauriel ihr, „das ist so ein Riesenarschloch, der hat dich überhaupt nicht verdient.“
„Haldir kann mich mal“, meinte Sigrid, „hör mal Tau, ich leg jetzt auf, ich bin total müde und dann arbeite ich morgen wieder im Laden von meinem Onkel.“
„Ok, kein Thema, gute Nacht, Süße, und lass den Kopf nicht hängen.“
„Werde ich auch nicht“, versicherte Sigrid ihr, ehe sie auflegte, „der Arsch ist Geschichte!“
Bei dieser Aussage ahnte Sigrid nicht, wie sehr sie sich da irren sollte …
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