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Whiskey In The Jar

von GH0ST
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P18 / Mix
Diego Brando Hot Pants Johnny Joestar Julius Caesar "Gyro" Zeppeli OC (Own Character)
02.06.2020
27.03.2021
6
37.165
3
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Dieses Kapitel
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03.07.2020 4.655
 
Hot Gossip




Tisch vier hatte noch eine Bestellung offen. An ihm saßen aufgereiht einige Männer in warmer Montur. Anscheinend kamen zwei von ihnen nicht aus der Stadt und waren sicher auch nicht wegen des atemberaubenden Strands zugegen, denn anderenfalls hätten sie sich nicht so warm gekleidet. Sie hatten ihre Pferde draußen im angrenzenden Stall untergebracht, dort, wo auch King Nothing einen Stellplatz gefunden hatte. Die Achtzehnjährige mit dem cyanblauen Haar, den dunklen Augen und der hellen Haut brachte vier Tassen stark riechenden Kaffees an den Tisch der Männer, bevor sie hinter der Theke in die Küche verschwand und dort einen Hinterausgang benutzte, welcher zu den Ställen führte, immerhin war es auch ein Teil ihrer Aufgabe, die Tiere zu versorgen, sollten die Gäste darum bitten und zu viele der anderen Bedienungen waren beschäftigt. Sie alle – Whiskey, zwei weibliche Kolleginnen und ein weiterer, männlicher Angestellter teilten sich die Aufgaben grundsätzlich auf. Zumeist reichte es aus, wenn zwei der Angestellten gleichzeitig im Dinerbereich des Motels arbeiteten, dann konnten die anderen beiden sich um die Zimmer kümmern. An jenem Tag war Whiskey für die Bedienung eingeteilt und musste sich somit auch um die Pferde der Gäste kümmern. Als Tochter eines Züchters war zumindest dies kein Problem, denn mit den wichtigsten Diensten, für welche die Gäste bezahlen konnten, kannte sie sich durch ihr eigenes Pferd immerhin nur allzu gut aus.

Verlangten die Gäste es, konnten sie sich auch der im Stall verfügbaren Materialien selbst bedienen, um ihre Tiere zu striegeln oder zu säubern, doch die meisten von ihnen waren entweder zu erschöpft, weil sie sich auf der Durchreise befanden; oder aber, sie waren schlichtweg zu faul. Die vier Männer an jenem Abend zählten zweifellos zur zweiten Gattung, denn allein die Art und Weise, wie sie ihre Tiere laut der lauten Kommentare behandelten, sprach nicht zwingend dafür, dass sie eine gute Bindung zu ihren Tieren voraussetzen. Wahrscheinlich war es hauptsächlich der Nutzen, welcher die Anschaffung eines Pferds bemächtigt hatte, doch selbst wenn sich der Achtzehnjährigen bei jenem Gedanken der Magen umdrehte, konnte sie nichts daran ändern. Sie war keine der Personen, auf deren Meinung man auch nur Acht gab. Zudem machte es keinen Sinn, Menschen etwas zu erklären, welche ihre eigenen Ansichten, über die der Mehrheit stellten. Allein der unausweichliche Fakt, dass sie eine Frau war, nahm ihr in jenem Moment die Stimmkräftigkeit und das war ihr nur allzu gut bewusst. Auch ihre Kolleginnen wurden in den meisten Fällen immerhin von oben herab behandelt – auch ihr Chef bildete hierbei keine Ausnahme. Doch wahrscheinlich war es auch dies, was ihr den Schlafplatz ermöglicht hatte. Sie wollte sich dementsprechend nicht darüber beschweren, bis es gegen die Würde verstieß, welche ihr Vater ihr anerzogen hatte. Unmenschlich behandeln lassen würde sie sich nicht und das Pflegen der fremden Pferde machte ihr zudem wenigstens auch noch Spaß.

Als sie die Ställe betrat, fielen ihr gleich zwei neue Pferde auf, welche neben den bereits bekannten und King Nothing im Stall standen. Somit musste dies bedeuten, dass nur zwei der Männer per Pferd im Motel eingetroffen waren. Somit mussten die anderen beiden direkt aus San Diego stammen. Zwar war Whiskey sich sicher, dass sie dies auch nichts anging, doch darüber nachzudenken, beruhigte sie in gewissem Sinne. Sie konnte sich somit wenigstens versuchen, ein Bild über die Menschen zu machen, welche planen könnten, länger zu bleiben, auch wenn jener Weg vielleicht selbst nicht der Beste war. Immerhin musste sie wiederum auch nicht kundtun, was sie dachte und somit noch mehr Gerüchte in die Welt setzen als jene, welche in San Diego bereits kursierten. Wahrscheinlich jedoch hätte Whiskey lügen müssen, um zu behaupten, dass gerade jene Gerüchte den Aufenthalt in der großen Stadt und das Warten ein wenig angenehmer machten.

*


Whiskey betrat nach dem Erfüllen ihrer Aufgaben den Dinerbereich des Motels durch den Vordereingang, da sich der Weg in jenem Moment wesentlich mehr anbot, als noch einmal durch den Hintereingang zurückzukehren. Immerhin ging es auch bei der Arbeit in einem Motel hauptsächlich um Zeit – je weniger Zeit die Kunden mit Warten verbrachten, umso mehr Ansehen bekam das Motel. Die Prinzipien waren eigentlich viel zu einfach, das hatte auch die junge Erwachsene mit den cyanblauen Haaren inzwischen verstanden und je mehr Kunden angelockt wurden, umso besser konnte sie sich umhören, auch wenn sie nach eineinhalb Wochen anscheinend bereits mehr als genug Geduld bewiesen hatte. Ihre Quellen hatten immer von einem eventuellen Start des größten Pferderennens der USA im Jahre 1890 gesprochen und es war Sommer; der Sommer 1889. Somit blieb noch fast ein halbes Jahr für die Recherche – zumal auch niemand wusste, wann genau der Start festgelegt wurde. Sollte jenes Rennen jedoch wirklich derart groß und umfangreich sein, war sich Whiskey beinahe sicher, dass man es noch einmal groß anpreisen und ausschreiben würde. Es würde in ihren Augen einfach keinen Sinn machen, ein Rennen zu veranstalten, von welchem nur die Wenigsten wussten. Natürlich; in der Welt des Reitsports bestanden viele Kontakte, weshalb sich die Gerüchte wahrscheinlich auch bis nach Kanada getragen hatten. Doch derart schnell, dass sich die potenziellen Veranstalter bis zum Beginn des neuen Jahres zeitlassen konnten, verbreitete sich nicht einmal Mundpropaganda, denn anscheinend waren die Gerüchte auch schon seit 1888 im Umlauf.

„Whiskey!“
„Schon auf dem Weg.“, folgte im Anschluss schnell die feminine, aber durchdringende Stimme der Achtzehnjährigen, welche sich nach dem Schließen der Tür somit auch gleich wieder hinter die Theke begab.
Sie holte dort eine Flasche des teuren Getränkes hervor, um es in vier Gläser zu füllen. Denn der Mann, welcher sie angesprochen hatte, zeigte vier Finger. Dass sie in diesem Diner eigentlich nicht auf ihren Namen reagieren brauchte, machte einiges um ein wesentliches leichter. Zum einen konnte niemand sie direkt ansprechen, da niemand ihren Namen kannte, doch jenes Getränk schien sich in den USA höchster Beliebtheit zu erfreuen und somit hörte sie nahezu automatisch auf die Bestellungen des Getränkes. Schnell war der Alkohol in die Gläser gefüllt und somit auch bereit, zum Tisch gebracht zu werden, als die Kellnerin einige interessante Worte vernehmen konnte und sich somit entschied, die leeren Kaffeetassen, gleich auf demselben Weg noch mitzunehmen. Abholen musste sie diese immerhin auch ohne ihr Interesse an dem Gespräch, nur auf diese Weise ließen sich deutlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
„Aber es ist, wie ich es sage. Er soll jetzt wohl in der Stadt sein; der Weg von Tucson soll aber einige Zeit gedauert haben. Du weißt ja, was man sich erzählt.“, begann einer der Männer, welchen Whiskey mitunter als erstes das Glas hingestellt hatte.

Er war ein bärtiger Mann mit sonnengebräunter Haut. Entweder führte er eine Arbeit im Freien aus oder reiste viel mit dem Pferd. Immerhin wirkte er wie keine Person, welche einfach in einen Zug steigen und damit eine Strecke überbrücken würde. Zumal selbst in Kanada erst seit knappen 53 Jahren Züge fuhren und weder Whiskey noch ihr Vater jenen Fortbewegungsmitteln trauten. Daran konnte nicht einmal die Tatsache etwas ändern, das jene Fortbewegungsmittel in den USA sogar schon zehn Jahre länger existierten.
„Sein Ruf eilt ihm voraus, aber keiner weiß genau, ob er es wirklich gemacht hat. Fakt ist einfach nur, dass er die ganze Kohle geerbt haben muss.“, meldete sich sein gegenüber zu Wort, ein kleinerer, etwas dicklicher Mann.
Mit seinen Worten schien er jedoch noch nicht fertig zu sein.
„Vielleicht ist er ja auf der Flucht?“
„Das wäre doch viel zu offensichtlich. Er ist bekannt wie ein bunter Hund. Aber viele erzählen sich, dass er wohl wegen dem Pferderennen hierhergekommen ist.“, antwortete der dritte im Bunde, ein schlaksiger möglicherweise Möchtegern-Sheriff, welchem die Prahlerei beinahe ins Gesicht geschrieben stand.
Dennoch war dies allein bereits Grund genug, mit allen Worten vorsichtig zu sein. Denn selbst wenn er mit seinem Posten prahlte, hatte er wenigstens in dem Punkt recht, dass jegliches Gesetz deutlich auf seiner Seite stand. Wenngleich dies jedoch auch nicht bedeutete, dass Whiskey ihre Worte zurückhalten konnte. Dafür war sie selbst zu interessiert an dem Rennen.
„Ein Pferderennen?“

Die Blicke wendeten sich augenblicklich der jungen Frau zu, blieben für einen Moment an ihren cyanblauen Haaren hängen und wanderten dann über ihre dunklen Augen zu den recht vollen Lippen. In jenem Moment begann sie sich beinahe zu fragen, ob die Männer sie bisher noch nie angesehen hatten, doch dies spielte in jenem Moment wohl die geringste Rolle.
„Ja, vom Staat veranstaltet, wie es scheint – oder zumindest erzählen sich die Leute das. Dieses Gerücht lockt schon seit einigen Monaten die komischsten Gestalten an. Jetzt ist es anscheinend auch noch bis zu diesen zwielichtigen Gestalten durchgedrungen und du bist anscheinend auch deswegen hier.“, entgegnete der Sheriff.
Das diese Männer es sich denken konnten, hätte Whiskey vielleicht ahnen müssen. Einer von ihnen war der Sheriff, welcher trotz seiner gehobenen und herabwürdigenden Art mit Sicherheit einen gewissen Grips besitzen musste. Seinen Posten hatte er sich immerhin mit größter Wahrscheinlichkeit nicht erkauft. Wahrscheinlich – so wie diese Männer redeten – trafen sie sich auch öfter dort auf einen Absacker nach der Arbeit, denn nur zwei von ihnen waren zu Pferd erschienen. Dementsprechend musste ihnen das fremde Pferd aufgefallen sein. Auch wenn dies allein bei Weitem kein Indiz war. Nein, jenes hatte sie selbst erst geliefert als sie nach dem Rennen gefragt hatte. Wahrscheinlich hatte ihr Akzent sie gleichzeitig ebenfalls verraten. Zumal sie auch deutlich schließen konnte, dass diese Männer ihr Gesicht zuvor wahrscheinlich noch nie in diesem Motel gesehen hatten. Sie hatte erst vor eineinhalb Wochen dort zu arbeiten begonnen und jene Leute schienen unter den anderen Mitarbeitern bereits bekannt zu sein. Zumal Whiskey deutlich wusste, dass diese Männer bei ihrer Ankunft nicht für eine Unterkunft mitbezahlt hatten.

Für einen Augenblick richtete sich die junge Erwachsene auf, drückte den Rücken durch und stellte die leeren Tassen zusammen mit dem Tablett ab und wendete sich dann auch schon wieder den Männern zu. Sie nickte und verschränkte die Arme unter der Brust.
„Ich bin deswegen aus Kanada angereist.“, bestätigte sie die Worte somit auch schon und zog sich das Haarband aus den Haaren.
„Dann hast du wahrscheinlich den Canadian Pacific Railway benutzt, richtig?“
Whiskey schüttelte den Kopf.
„Nein, mit meinem Pferd, ich bin kanadische Parcoursreiterin.“
Stille.
Sekunden später brach Gelächter aus. Anscheinend nahmen sie die Worte nicht ernst, doch dies war etwas, mit dem die Achtzehnjährige bereits gerechnet hatte. Sie bestand auch nicht darauf, dass diese Männer ihr Glauben schenkten – mussten sie immerhin auch nicht. Whiskey wollte sich nicht rechtfertigen. Es hatte wahrscheinlich auch gar keinen Sinn, eine Diskussion vom Zaun zu brechen; es lohnte sich nicht. Zudem waren dies Dinge, mit welchen sie einfach umzugehen hatte. Es gab keine Wahl, auch ihre männlichen Konkurrenten hatten sie in den meisten Fällen immerhin auch falsch eingeschätzt oder sie belächelt.

Etwas dergleichen war normal. Auch in ihrer Familie herrschten die typischen Geschlechterrollen; bis ihr Vater sich in der Erziehung deutlich durchgesetzt hatte und sie an den Reitsport heranführte und sie war dankbar dafür. Da ihre Mutter ebenfalls auf der Ranch arbeitete, wurde Whiskey selbst schon sehr früh an die Tiere herangeführt, konnte sich schon sehr früh mit ihrem eigenen Pferd anfreunden. King Nothing wurde auf der Ranch geboren als sie selbst zwölf Jahre alt war. Sie erinnerte sich sogar noch daran, dass sie bei der Geburt des Fohlens dabei, jedoch auch ungefähr genauso schnell wieder geflohen war. Es war das erste Mal, dass sie etwas dergleichen miterlebt hatte, doch inzwischen, nach drei Jahren intensiver Pferdezucht, welcher sie selbst beigewohnt hatte, war der Horror der damaligen Bilder auch endlich verschwunden und ließ sie wieder ruhig schlafen. Selbst wenn sie durchaus gestehen musste, dass die Angst sie fast ein ganzes Jahr daran gehindert hatte, den Stall überhaupt zu betreten. Das erste Mal gewagt hatte sie sich, nachdem ihr Vater mit viel Überredungskunst dafür gesorgt hatte, dass sie sich das neue Fohlen doch einmal ansehen sollte. Er meinte, dass er es noch nicht benannt hatte, wusste, dass es anscheinend zu früh für das zwölfjährige Mädchen sein musste, welches unter der Aufsicht ihrer Mutter und dementsprechend sehr behütet aufgewachsen war. Durch diese Worte ließ sie sich locken, wollte sich das Pferd unbedingt ansehen, war einfach zu neugierig.

Im Generellen war dieses junge Mädchen in den meisten Fällen viel zu neugierig, was sich erst dadurch gelegt hatte, dass sie ihre Nase deutlich in Angelegenheiten gesteckt hatte, welche sie nichts angingen. Anderenfalls hätte sie vielleicht sogar drei Meisterschaften gewinnen können. Dafür jedoch hatte sie sich ein wenig zu sehr an die Regeln gehalten, wusste noch nicht, dass Menschen legitim mit unfairen Mittel spielten. Anscheinend hatte ihre Mutter sie doch ein wenig zu gut erzogen, doch selbst das Parcoursreiten bestand nicht nur aus Fairness und freundlichen Mitstreitern. Es war ein Sport wie jeder andere auch, in welchem dennoch die Gier nach dem Gewinn vorherrschte und solang die Gier die Menschen noch regieren konnte, würde sich dies auch niemals ändern. Vor allem nicht, wenn sie bedachte, dass diese beiden Männer damals die Regeln nicht beachtet und die Sporen nach der Inspektion ausgetauscht hatten. Diese Rädchen waren scharf und viel zu spitz. Sie hätten das Tier verletzt und das konnte sie nicht einfach auf sich sitzen lassen. Als fünfzehnjähriges Mädchen konnte sie nicht verstehen, wie man etwas dergleichen nicht beachten konnte. Doch die Disqualifikation, welche für den Ausführer jener geplanten Tat somit bevorstand, sollte auch auf ihren Schultern lasten.

Ein gewachsener Mann wie dieser konnte nicht auf sich sitzen lassen, von einem Gör – wie er sie damals nannte – verraten zu werden und das diesem Gör dann auch noch Glauben geschenkt wurde, hatte für ihn den Boden des Fasses ausgeschlagen. In seinen Augen konnte Gleiches nur mit Gleichem vergolten werden, also hatte er den Riemen ihres Steigbügels angeschnitten und jener war während des Parcours gerissen. Natürlich war sie gefallen, wurde ebenfalls disqualifiziert – nur mit dem Unterschied, dass sie sich zugehend auch noch den Unterarm gebrochen hatte. Jener schmerzte selbst aktuell noch immer manchmal an der gebrochenen Stelle, doch damit konnte sie noch umgehen. Zwar waren die Phantomschmerzen auch nicht das, womit sie sich gern auseinandersetzte, doch inzwischen waren sie ein Teil ihres Lebens. Sie akzeptierte es.
„Was starrst du? Du kannst unsere Stammgäste auch noch hinter der Theke anstarren.“
Eine ihrer Kolleginnen riss sie aus ihren Erinnerungen, ließ sie nach hinten sehen, wo sie eine brünette Frau mit in die Hüfte gestemmten Armen ansah. Anscheinend hatte sie schon einige Male gerufen, doch sie hatte nicht reagiert. Selbst das Gelächter war immerhin bereits verstummt. Somit gab es auch keinen Grund mehr, eine Mine zu ziehen, welche mit jedem Gewitter konkurrieren konnte. Zwar war es bei Weitem nicht so als hätte man jenen Gesichtsausdruck überhaupt erstgenommen, doch änderte dies in jenem Moment auch noch nichts an der Situation.

Somit antworte sie lieber erst einmal, wollte die Freundlichkeit ihrer Kollegin auch nicht zwingend überreizen.
„Schon unterwegs.“, brachte sie der deutlich älteren Frau, welche wahrscheinlich bereits zu den Mittdreißigern gehörte, entgegen.
Ihre Schritte wanderten schnell hinter den Tresen, an das Spülbecken, denn sie wusste genau, warum man wahrscheinlich nach ihr verlangt hatte. Sie musste die Tassen ausspülen, sie für die nächste Kundschaft bereitmachen, welche an jenem Abend vielleicht nicht ausbleiben sollte. Wahrscheinlich war es in jenem Moment ein Segen, das sie schon bald schließen würden. Wenn Whiskey ehrlich sein sollte, wartete sie nur auf diesen Moment. Ihre Füße schmerzten trotz der absatzlosen Schuhe. Es war nicht normal für eine Frau, in jenem Zeitalter auf das kleine bisschen Weiblichkeit in Form von Absatzschuhen zu verzichten, doch beim Reiten störten sie nur. Natürlich, man hätte den Absatz in den Steigbügel einhängen können, doch von Sicherheit war dabei nicht die Rede und eben jene ging vor. Vor allem nach der Erfahrung des ersten Knochenbruchs. Ein Zweiter musste dementsprechend nicht folgen, geschweige denn ein schlimmerer Unfall, sollte sie noch einmal stürzen.

*


Gäste schlugen nicht mehr auf. Whiskey hatte es sich eigentlich bereits denken können, doch gesagt hatte sie nichts, war einfach nur froh, nachdem ihre ältere Kollegin endlich die Holztür verschlossen hatte und sie dementsprechend durchatmen konnte. Die Männer – inklusive des Sheriffs – hatten sich bis zum Ende der Öffnungszeiten mit dem Alkohol beschäftigt und die junge Frau mit dem cyanblauen Haaren war sich dennoch nicht sicher, ob sich Kaffee und Alkohol auf leerem Magen wirklich derart gut vertrugen, doch derart schwankend wie sie den Dineranbau verlassen hatten, konnte es sich nicht zwingend auszahlen. Vielleicht jedoch, war auch gerade dies der Sinn und Zweck der Sache. Den Grund des Betrinkens hatte Whiskey noch nie verstanden, auch wenn dies bei ihrem Namen wohl oder übel nach Ironie klang.

In jener Nacht schmerzte sogar der letzte Gang zu King Nothing, um diesem noch eine gute Nacht zu wünschen. Es war einfach eine Gewohnheit. Sie konnte sich immerhin nicht einmal mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal ins Bett gegangen war, ohne dieses Pferd noch einmal zu besuchen. Hin und wieder hatte sie sogar im Stall übernachtet und am nächsten Tag eine Decke auf sich gefunden. Jedoch hatte sie nie herausgefunden ob es ihr Vater, ihr großer Bruder oder doch ihre Mutter war, welche sie immer wieder zudeckten. Sie wusste einfach nur, dass sie immer wieder da war, egal wie früh sie auch erwachte. Diese Gedanken konnten ihr wenigstens immer wieder ein leichtes Lächeln bescheren; auch wenn sie so müde und geschafft war wie in jener Nacht. In ihren Augen lohnte es sich aber dennoch. Sie hatte es einfach im Gefühl, das King Nothing ihr diese wenige Menschlichkeit, welche sie ihm entgegenbrachte, dankte. Ihr Gefühl sagte ihr deutlich, dass er sich auch freute, sie vor dem Schlafen, vor der Nachtruhe noch einmal zu sehen und sie beruhigte es deutlich. Somit konnte sie wenigstens mit reinem Gewissen die Holztreppen zur zweiten Etage des Motels heraufsteigen, welche sich an der Außenseite des Gebäudes befanden und sich auf ihr Zimmer begeben, welches nur unweit von der Eingangstür des Motelbereichs gelegen war.

In diesem Moment war sie wirklich dankbar für die Wegersparnis und dafür, dass sie sich einfach nur noch ins Bett begeben konnte. In dem kleinen, gedrungenen Zimmer war es beinahe zu einfach, sich bis zu dem schmalen Bett zu begeben, welches direkt in die Ecke gedrängt am hinteren Ende des Zimmers stand. Die Laken und die Decke waren mit weißen Leinen bezogen und auch in der Dunkelheit gut auszumachen. Das Mobiliar in dem Zimmer war ohnehin sehr spartanisch verteilt, doch waren die Zimmer wahrscheinlich auch gar nicht für längere Bleiben gemacht. Ein Motel war eigentlich nur für Durchreisende, Pendler, Fliehende – für die, die ein anderes Dach über dem Kopf brauchten, neue vier Wände, um dann zu verschwinden, einfach durchzubrennen und verschwinden – frei von den Fesseln des Gesetzes. Auf eine gewisse Weise klang das fast schon ein wenig verlockend, doch Whiskey hatte keinen Grund, einfach wegzulaufen. Ihr Zuhause war schön, auch wenn die Landschaften von Nevada und Las Vegas schon beinahe zum Weglaufen einluden. Man konnte sich in ihnen verlieren und Vegas war ohnehin eine Klasse für sich. In Kanada hatte sie nicht eine einzige Stadt besucht, die derart schön war. Nicht einmal Québec oder Vancouver waren ein Vergleich für die Schönheit von Las Vegas. So viele Kneipen und Bars hatte sie noch nie auf einer einzigen Straße gesehen. Zudem es auch das erste Mal war, das sie ein Pokerspiel aus der Nähe gesehen und sogar selbst gespielt hatte. Doch wirklich um Geld spielen wollte sie nicht. In ihren Augen war dies zweifellos der erste Schritt in die falsche Richtung. Zudem waren auch bei einem Kartenspiel die Regeln für die meisten Spieler biegsam und somit endete wahrscheinlich jedes dritte oder vierte Spiel wegen des Betruges. In etwas dergleichen wollte sie sich nicht verstricken, hatte immerhin ihrer Mutter versprochen, sich wenigstens hin und wieder daran zu erinnern, dass sie unter einem christlichen Glauben aufgewachsen war und auch dementsprechend erzogen wurde.

Demzufolge fiel sowohl Betrug als auch Lügen schon einmal vollkommen aus jeglichen Situationen heraus. Doch in diesem Moment musste sie auch gar nicht mehr darüber nachdenken. Alles, was noch von Bedeutung war, schien der Gedanke zu sein, dass sich das Gerücht um dieses Rennen auch in San Diego bereits herumgesprochen hatte. Dass sie die Information auch noch von einem Sheriff bekommen hatte, stellte eine besondere Sicherheit dar, auch wenn sie dennoch damit rechnen musste, dass man ihr vielleicht trotz allem nicht die Wahrheit gesagt hatte. Die Möglichkeit bestand, dass sie ihr einfach nur das gesagt hatten, was sie hören wollte, auch wenn Whiskey durchaus gestehen musste, dass die ganze Angelegenheit, dass dieses Rennen vielleicht sogar von den höchsten Tieren der USA veranstaltet und geplant wurde, gar nicht einmal so abwegig klang. Das größte Pferderennen Amerikas konnte nicht von Amateuren geplant werden. Wahrscheinlich konnte es somit nur Sinn machen, dass es von Menschen geplant oder wenigstens unterstützt werden musste, welche sehr viel Einfluss hatten.

Langsam hob sie ihre Unterarme über die Augen, nachdem sie sich aus der Mitarbeiteruniform geschält und endlich auf das Bett hatte fallenlassen. So geschafft und müde sie auch war, einschlafen konnte sie dennoch nicht. Selbst wenn sie die Augen schloss, konnte sie nicht abdriften. Die Schläfrigkeit war nach wie vor vorhanden, doch sie wollte einfach nicht nach ihr greifen und sie in die Tiefe ziehen. Wahrscheinlich hatte dieser Abend sie zu sehr beschäftigt – das angeschnittene Thema hatte einiges in ihr losgetreten, das wusste sie. Vielleicht war es jedoch auch die Vorfreude, welche sie nicht schlafen ließ, da sie endlich etwas Nennenswertes gefunden hatte, was sie in den Brief schreiben konnte, welcher bereits überfällig war. Immerhin war die Post nicht sonderlich schnell – vor allem nicht, wenn es sich um Post in ein anderes Land handelte. Doch sie wollte auch nicht einfach nur einen Brief mit dem Inhalt versenden, dass sie inzwischen in einem Motel angekommen war und dort arbeiten konnte. Sie wollte wenigstens etwas vorweisen können, etwas, das mit dem Grund zu tun hatte, aus welchem sie die Ranch verlassen hatte, um auch ihr eigenes Gewissen damit ein wenig zu beruhigen. Tief in ihr herrschten Zweifel vor, ob – vor allem ihre Mutter – vielleicht glauben könnte, dass sie einfach nur dem gleichen Freigeist gefolgt war, welcher ihren Vater damals nach Regina getrieben hatte. Aber es war nicht das Gleiche. Ihn hatte der Freigeist beflügelt, ein vollkommen neues Leben in einer anderen Stadt unter anderen Bedingungen und vor allem in einem vollkommen anderen Berufszweig zu beginnen – Whiskey hingegen wurde nur von dem Freigeist beflügelt, etwas neues zu entdecken, ein anderes Land hautnah kennenzulernen, eine andere Natur zu sehen und dann wieder zurückzukehren, um die Eindrücke teilen zu können.

Allein auf dem Weg in die USA hatte sie immerhin so viel gesehen, was sie kaum schriftlich in einem Brief verpacken konnte. Natürlich hatte sie aus jeder größeren Stadt bereits einen Brief gesendet, doch all das noch einmal hautnah zu sehen, zu erleben, die Gerüche der Natur zu erleben, war etwas vollkommen anderes. Selbst King Nothing war immerhin wahnsinnig aufgeregt. Begonnen hatte diese gesunde Nervosität bereits, als sie die gewohnten Ausrittstrecken und das Gelände verlassen hatten, welches der Hengst jeden Tag sehen konnte. Doch inzwischen schien er sich wenigstens langsam an San Diego zu gewöhnen. Er war ruhiger als in den ersten Wochen, in welchen sie noch keine feste Bleibe gefunden hatten. Wahrscheinlich war auch er froh, dass erst einmal wieder ein wenig Ruhe einkehrte. Auch für ihn musste es immerhin anstrengend sein, all diese Eindrücke überhaupt zu verarbeiten – zumal er all das auch noch viel intensiver erlebte als sie selbst – und auch für sie war es manchmal beinahe zu viel. Es gab Nächte, in welchen sie so aufgeregt war, dass sie nicht einmal schlafen konnte, wenn sie müde und erschöpft war – Nächte wie jene. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass sie bei diesem Mal wirklich nicht wusste, aus welchem Grund sie derart aufgeregt war. Vielleicht lag es tatsächlich an den Informationen über das Rennen, denn die Auskunft, welche sie von den Männern erhalten hatte, war bisher tatsächlich die Detaillierteste, welche sie bis zu jenem Augenblick gehört hatte.

Mit diesen vielen Details…
Konnte es dann sein, dass dieses Rennen vielleicht wirklich stattfand?


*


Durchdringendes Klopfen weckte sie am nächsten Morgen wie an all den anderen vergangenen Tagesanbrüchen auch schon. Es war der triste Beginn eines neuen Arbeitstages und durch die frühe Schicht vielleicht gleichzeitig auch die lang ersehnte Möglichkeit, noch ein wenig über das Rennen in Erfahrung zu bringen. Zwar würde auch dies wieder nichts als Stress bedeuten, doch somit konnte sie nach Ende der Schicht wenigstens noch einmal ausreiten. Sicher freute sich auch King Nothing, nach zwei Tagen, in welchen sie ihn einfach nicht ausreiten konnte – schlicht und ergreifend hatte ihr die Zeit gefehlt – sich einmal wieder die Hufe zu vertreten und vielleicht; aber auch nur vielleicht, schaffte sie es an jenem Tag auch endlich einmal, sich den Strand anzusehen. Dann hatte sie wenigstens auch noch etwas Weiteres, was sie in den Brief an ihre Eltern schreiben konnte. Immerhin sollten sich die Worte lohnen. Sicher freuten sich ihre Eltern auf der Ranch auch, mehr Meldung von ihrer Tochter zu bekommen als ein Einfaches ‚Mir geht es gut, ich habe eine Unterkunft gefunden und San Diego ist schön‘. Ausführlichere Worte waren weitaus mehr angebracht als eine lieblose Zusammenfassung – selbst, wenn sie vielleicht kein Talent für lyrische Worte hatte. Dafür lagen ihre Qualitäten als Ausgleich dazu im Reitsport und im Umgang mit den Pferden. Zudem musste Whiskey auch deutlich gestehen, dass sie sich wahrscheinlich auch nicht ausgiebig genug mit der Lyrik beschäftigt hatte, hatte ihre meiste Zeit immerhin auch – wie der Rest ihrer Familie – mit den Pferden auf der Ranch und später hauptsächlich mit King Nothing verbracht.

Alles, was sie bis zu jenem Zeitpunkt gelernt hatte, wurde ihr entweder von ihrem Vater oder ihrer Mutter beigebracht. Letztere hatte angestrengt versucht, sie so damenhaft wie möglich zu erziehen. Doch durch ihre Leidenschaft zum Parcoursreiten wurde dies sehr schnell hinfällig. Es war für Whiskey nicht möglich, sich damenhaft auf das Pferd zu setzen, wenn sie sich eigentlich mehr auf den Halt und einen sicheren Stand fokussieren musste und somit wurden aus Röcken sehr schnell Hosen. Freiwillig verzichtete sie auf hohe Schuhe, konnte ohnehin nicht richtig in eben jenen gehen und trug zudem lieber Westen und Hemden statt Blusen. Sie mochte es nicht, wie unbequem Blusen geschnitten waren. Es war ihr durchaus lieber, wenn ein Hemd etwas weiter geschnitten war und es beim Reiten im Wind wehte. Das dies in einem Wettbewerb nicht funktionierte, war ihr durchaus bewusst, doch bei einem solchen hielt sie sich auch freiwillig an die Kleiderordnung. Wenn sie sich nicht an Kleidervorschriften halten musste, trug sie lieber die ausrangierten Kleidungsstücke ihres großen Bruders in Verbindung mit dem alten, ledernen Kavalierhut ihres Vaters, welcher simpel und einfach als Sonnenschutz diente. Whiskey erinnerte sich noch genau, dass sie damals diejenige war, welche sich dafür eingesetzt hatte, die Kleidung ihres Bruders nicht einfach wegzuwerfen oder auf den Dachboden zu bringen und dort zu vergessen, nachdem er verstorben war. Wäre er noch am Leben, wäre er knappe drei Jahre älter als sie – vor allem aus jenem Grund konnte sie nachvollziehen, dass es ihre Eltern schmerzte, all die Habseligkeiten ihres Bruders zu behalten, doch Whiskey konnte sich einfach nicht von ihnen trennen.

Zwar hatten sie sich als Kinder fast nur gestritten, doch nach ihrem Unfall beim Parcours war hauptsächlich er es, der sich darum bemüht hatte, ihr bei den Dingen zu helfen, welche ihr durch den Bruch zu schwerfielen. Immerhin war es ganz sicher nicht einfach, sich den Arm zu brechen, welchem man eigentlich am Meisten benutzte. Doch inzwischen war er fort, konnte ihr nicht mehr helfen, wenn ihr der Arm schmerzte und ihre Eltern sich noch um die Arbeit in den Ställen kümmern mussten. Vielleicht hatte sie sich auch zu sehr an seine Hilfe gewöhnt, in diesem einen Jahr, in welchem er noch da war. Er war der Grund, aus welchem sie es noch immer als unangenehm empfand, in einem See zu baden, sich auch nur einem See zu weit anzunähern. Es war der Grund, aus welchem ihr Wasser Angst machte, in welchem sie nicht mehr stehen konnte. Ihre Füße mussten zu jedem Zeitpunkt den Boden berühren können.


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A/N: Der Titel des Kapitels ist eine Anlehnung an den gleichnamigen Roger Moore Song "Hot Gossip" aus dem Jahr 1980.
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