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Sober

von Ghuleh
Kurzbeschreibung
SongficRomance, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Ann Takamaki Goro Akechi Morgana Protagonist Ryuji Sakamoto Yusuke Kitagawa
02.06.2020
02.06.2020
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3.099
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02.06.2020 3.099
 
A/N: Ich möchte hier nur schnell anmerken, das ich für den Protagonisten den Namen "Ren Amamiya" verwende, weil P5Dancing. Den Song, welchen ich für diese Songfic verwendet habe, könnt ihr euch hier (Sober - Cheat Codes) anhören. Länger möchte ich euch aber auch nicht aufhalten.
Spoiler sind zum P5R True Ending vorhanden, wollte die Warnung nur schnell noch einmal anbringen und jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim lesen!

Happy Birthday, Pancake.




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Sober




It's been a while since I thought about you
It's been a while, have you thought about me too?


Ein Jahr war vergangen. Die Zeit wirkte zerronnen, verloren, zwischen seinen Fingern hindurchgeglitten und auf eine gewisse Weise sinnlos. Dieses eine Jahr, welches er inzwischen wieder bei seinen Eltern verbrachte, außerhalb von Shibuya, außerhalb von Tokyo, war viel schneller vergangen als Ren es gedacht oder gehofft hatte. Inzwischen war er sogar der Meinung, dass ein Jahr zu früh war, um nach Shibuya zurückzukehren, doch der Zug, in welchem er zu jenem Zeitpunkt saß, war bereits abgefahren. Die Bahn hatte sich bereits vor wenigen Minuten in Bewegung versetzt und abbrechen wollte er sein Vorhaben auch nicht. Sein Versprechen, welches er seinen Freunden gegeben hatte, das er nach seinem Abschluss für einige Tage nach Shibuya zurückkehren würde, wollte er immerhin auch nicht brechen, dafür war er einfach nicht der Typ. Schon einmal hatte er immerhin ein Versprechen unter allen Opfern gehalten, selbst wenn der Ausgang der Situation… Die schwierigere und rationalere Option war. Egoistisch zu sein, hätte nicht zu dem gepasst, was sie eigentlich als die Phantom Thieves of Hearts verkörpern wollten, auch wenn der Preis verlockend war. Sie hatten nicht in einer Scheinwelt leben können. Der Amamiya sah aus den Fenstern des Zuges, hatte, da er aus einer ländlichen Region ein wenig außerhalb von Tokyo stammte, sogar einen Sitzplatz ergattern können und hörte das dumpfe Geräusch der Räder auf den Schienen. Im Vergleich zu Tokyos Innenstadt war der Zug sogar recht leer und dementsprechend still, was ihn das Geräusch nur deutlicher wahrnehmen ließ. Gewissermaßen wirkte es beruhigend, auch wenn jenes Gefühl nicht sonderlich lang anhielt. Seine Gedanken kreisten noch immer um das altbekannte Thema, das trotz des guten Ausgangs irgendetwas fehlte. Der Zugang zum Metaverse existierte nicht mehr, es gab keine Mental Breakdowns mehr. Doch das alles dadurch automatisch optimal war, konnte wahrscheinlich niemand verlangen.

Nur ein egoistischer Wunsch hätte optimaler sein können.

Eigentlich hatte er geglaubt, sich gut genug abgelenkt zu haben, um es wenigstens zu verdrängen, doch der Zug mit dem Ziel Shibuya schien die Erinnerungen wieder aufkeimen zu lassen. Inzwischen war fast ein ganzes Jahr vergangen, seit er das letzte Mal an ihn gedacht hatte. Akechi Goro. Es war fast ein ganzes Jahr vergangen, seit er das letzte Mal seinen Namen im Internet gesucht hatte; mit den gleichen Ergebnissen – keinen. Noch immer schien niemand zu wissen, wo er ist.
Untergetaucht.
Ren wollte es glauben, doch er wusste nicht, ob die Realität wirklich so wohlklingend war. Immerhin war inzwischen ein Jahr vergangen. Möglicherweise wollte er es auch gar nicht erst in Erfahrung bringen. Vielleicht hatte er es deswegen versucht es zu verdrängen, weil die Wahrheit zu viel Macht über seine Gedanken hätte haben können. Wenn er es nicht wusste… Dann war es vielleicht auch nicht besser, aber einfacher. Der Amamiya seufzte. Er lehnte sich in seinem Sitz zurück, rückte sich die Brille zurecht und schloss die Augen. Wenn er die Fahrt verschlief, konnte er auch nicht darüber nachdenken. Er wollte den Kopf wenigstens zum Teil freibekommen, bevor er seine Freunde traf, sein ehemaliges Team, welche wahrscheinlich schon auf seine Ankunft warteten. Zehn Tage hatte er verplant.
Warum eigentlich Zehn?
Sie waren nur noch neun. Vielleicht hatten die Phantom Thieves auch die ganze Zeit nur neun Mitglieder. Erst im Nachhinein bemerkte er, wie absurd dieser Gedanke war, welcher ihn zu einem weiteren Tag überredet hatte.

*


„Nächste Station: Shibuya Hauptbahnhof.“
Die Durchsage wirkte für einen Augenblick erschütternd laut, nachdem er erst vor einigen Minuten erwacht war, aus einem kurzen, garantiert nicht erholsamen Schlaf. Wenn Ren ehrlich sein sollte, wusste er während der ersten Sekunden nicht einmal, wo er sich eigentlich befand, bis die Durchsage es ihm förmlich in die Gedanken drängte. Für wenige Sekunden hatte der Schwarzhaarige tatsächlich das Gefühl, er würde sein eigenes Herz in seiner Kehle schlagen spüren. Doch auch dieses Gefühl war in jenem Augenblick wesentlich schneller wieder verschwunden als es Ren lieb war. Während er geschlafen hatte, hatte sich der Zug gefüllt. Wenn er ehrlich sein sollte, brachte auch dies Erinnerungen zurück; an die morgendlichen Fahrten zur Shujin, eingequetscht zwischen hunderten Menschen – zusammen mit Morgana.

Die vorbeirauschenden Bilder außerhalb des Fensters des Zugs wurden allmählich langsamer, bis sie verschwanden, der Wand der Unterführung wichen, und der Zug schließlich gänzlich zum Stehen kam. Geordnet stieg der inzwischen achtzehnjährige Schulabgänger – denn das dritte Schuljahr hatte er tatsächlich auf seiner alten Schule beenden können – zusammen mit einigen anderen Leuten aus und sah sich für einen Moment um. Der Bahnsteig war zu belebt, um das seine Freunde dort warten würden. So viel stand fest, doch schließlich konnte er sie gleich entdecken, nachdem er den Bahnsteig verlassen und die große Halle des Bahnhofs erreicht hatte. In jenem Augenblick musste er nur noch die Treppe heruntersteigen. Schwer zu erkennen waren seine Freunde schließlich jedoch auch nicht. Ryuji konnte man schon von Weitem hören. Yusuke unterhielt sich anscheinend mit Ann und Futaba; Makoto, Haru und Sumire schienen sich ebenfalls über irgendetwas zu beratschlagen und somit blieb nur noch Morgana, welcher auch in jenem Moment; ein Jahr später seine Liebe zu Ann nicht aufgegeben zu haben schien. Denn er himmelte die Blondine noch immer an, hörte ihr anscheinend angestrengt zu und nickte hin und wieder. Viel schien sich in diesem einen Jahr nicht verändert zu haben, weder an ihm noch an seinen Freunden, weder optisch noch charakteristisch, nur…

Ren schulterte seine Tasche. Yusuke war der erste, welcher ihn schließlich entdeckte und gleich auf ihn deutete. Alle Blicke wendeten sich im Bruchteil von Sekunden auf Ren allein, bevor die ganze Gruppe einen Arm zum Winken hob und der Schwarzhaarige leicht lächelte. Natürlich freute er sich, sie zu sehen, doch irgendetwas daran fühlte sich dennoch nicht vollkommen richtig an. Anmerken lassen, wollte er sich das jedoch auch nicht. Kurzerhand überwand er die letzten Stufen, welche ihn noch von der viel zu unterschiedlichen, bunten Truppe trennte und wurde auch sogleich von Ryuji überfallen, welcher einen Arm um die Schultern des Schwarzhaarigen legte und dieser sich in jenem Moment nicht einmal dagegen wehrte.
„Schön, dich wiederzuhaben. Auch wenn es nur ein paar Tage sind. Wir haben sogar schon abgemacht, wie wir die Zeit aufteilen, da wir dachten, dass du wahrscheinlich mit jedem einen Tag verbringen möchtest. Dann würde die Zeit fast perfekt aufgehen und du kannst noch einen Tag bei Sojiro im Leblanc verbringen oder bei irgendwelchen anderen Bekannten. Willst du die Pläne hören?“, fiel Ryuji gleich mit der Tür ins Haus.
Hatte er da überhaupt ein Mitspracherecht, wenn sich sowieso schon alle geeinigt hatten?
Wahrscheinlich nicht.

Aus diesem Grund nickte Ren im Anschluss nur und wank ab, nachdem Yusuke den Einwurf angebracht hatte – zurecht – dass sie alle ihn doch erst einmal richtig ankommen lassen sollten. Aber das schien vor allem Ryuji in jenem Augenblick auch schon wieder überhört zu haben.
„Bevor du fragst, das ist alles schon mit Sojiro abgesprochen. Also…“
Der Blondschopf genehmigte sich eine künstlerische Pause.
„Wir haben abgesprochen, dass du heute den Tag mit mir verbringst, morgen ist dann Makoto dran, danach verbringst du einen Tag mit Futaba. Mittwoch kannst du dann etwas mit Yusuke unternehmen, danach hatte sich Haru gemeldet. Den Freitag haben wir dann Sumire überlassen und Ann meinte, sie hätte nur am Samstag länger Zeit, weil sie dann erst einmal kein Shooting hat. Demnach bleibt der ganze nächste Sonntag für Morgana übrig und du kannst dich am Montag in Ruhe sammeln oder noch andere Leute treffen, bevor du am Dienstag wieder nach Hause fährst. Wir haben Sojiro der alten Zeiten wegen sogar überredet, dass wir alle auf dem Dachboden übernachten dürfen. Zwar mussten wir ihm versprechen, keinen Unsinn anzustellen, aber er kennt uns ja.“, grinste der ehemalige Leichtathlet zufrieden.
Holte Ryuji eigentlich auch irgendwann einmal Luft?

Trotz allem nickte Ren auch dieses Mal wieder. Alle Einwürfe Yusukes, dass man ihn anscheinend vollkommen überfuhr, wurden in jenem Augenblick mit größter Eleganz ignoriert und Ren war es in diesem Moment ohnehin egal. Wenn alle an diesen Tagen Zeit hatten, sollte es ihm recht sein, immerhin hatte er etwas dergleichen ohnehin geplant und dann sparte dies wiederum Zeit. Vielleicht war es sogar besser so, also wollte er nicht dagegenhalten.
„Gut, dann sehen wir alle uns heute Abend im Leblanc?“, stellte Ann noch einmal die Frage, welche auch gleich benickt wurde.
„Kann dann wenigstens jemand meine Tasche mitnehmen?“
„Klar.“, bot sich Morgana augenblicklich an.
Selbst wenn er sich inzwischen eigentlich bereits daran hätte gewöhnt haben müssen, dass Morgana seine menschliche Erscheinung zurückerlangt hatte, war es dennoch ein wenig komisch, ihm ohne weiteres die Tasche zu übergeben. Nicht, nachdem sie alle hin und wieder einen Witz darüber hatten fallenlassen, als er noch im Körper einer Katze gefangen war. Immerhin hatte er über das ganze, vergangene Jahr hinweg auch mit seinen Freunden Nachrichten ausgetauscht – und dazu zählte natürlich auch Morgana.
„Viel Spaß!“, waren sich Sumire, Ann und Haru beinahe wie im Chor einig, bevor sie den beiden auch schon deuteten, dass sie sich bereits auf den Weg machen würden.

Eventuell war es auch für Ren besser, in jenem Moment mit Ryuji aufzubrechen – was auch immer er geplant hatte – bevor er sich daran erinnerte, dass er Goros Nummer noch immer nicht gelöscht hatte, dass er noch immer darauf wartete, dass er ihm einfach ohne Vorwarnung schrieb. Denn ihn selbst anzuschreiben stand außer Frage. Keine Antwort zu bekommen, wäre in dieser Situation… Keine Option, selbst wenn er einfach nur sehen wollte, dass er die Nachricht gelesen hatte. Wenn er ihm allerdings die Nachricht schrieb und selbst nach Monaten noch nicht angezeigt wurde, dass er sie gelesen hatte… Nach diesem Gedanken bestätigte sich erneut, warum er es einfach auf sich beruhen ließ. Ryuji hetzte ihn derweilen beinahe durch die ganze Innenstadt, wollte ihm zeigen, was sich augenscheinlich verändert hatte, während Ren weg war, auch wenn sich in dessen Augen kaum etwas getan hatte. Selbst der kleine Laden, in welchem sie sich schließlich – bereits gegen Abend – entschieden, etwas zu essen, war noch immer der Gleiche. Zumindest bis Ryuji ihn dazu überredete, noch einmal mit ihm nach Kichijoji zu fahren. Sicher, ein Abstecher ins Penguin Sniper gehörte dazu, doch nicht so schnell. Eigentlich ging das alles viel zu schnell.

I'm meeting him at that place that we used to
It's been a while since I thought about you


Doch Ryuji steuerte das Penguin Sniper nicht einmal an. Ren wusste genau, wie man gehen musste, um vom Bahnhof aus zu dem Ort zu kommen, wo man sowohl Darts als auch Billiard spielen konnte und das war sicher nicht der Weg. Nein, Ryuji hielt vor der Jazzbar an. Die leichte Schweißschicht auf Rens Handinnenflächen wischte er in jenem Moment einfach schnell an seiner Jeans ab. Er schluckte schwer. Seine Gedanken wollten sich querstellen; er konnte Ryuji doch nicht am gleichen Ort treffen, an welchem Goro ihn immer getroffen hatte. Vielleicht hatte er inzwischen zu lang nicht mehr über diese außergewöhnliche, besondere Persönlichkeit nachgedacht. In jenem Moment wirkte es beinahe erschütternd, wie lang er eigentlich nicht mehr über ihn nachgedacht hatte. Der Kloß im Hals des Schwarzhaarigen begann zu schmerzen.
„Hey Ren, erinnerst du dich noch an die Jazzbar, die ich dir mal gezeigt habe?“
Und wie er sich erinnerte.
Wieder nickte er. Wenigstens wusste Ryuji schon, dass er nicht zwingend der gesprächige Typ war. In jenem Augenblick kam ihm dies nur recht und wenn er ehrlich sein sollte, hätte er das Innere der Bar gern noch einmal gesehen – allein der Erinnerungen wegen. Auch wenn er sich schon in der gleichen Sekunde nicht mehr sicher war, ob er diese Erinnerungen zu jener Zeit wirklich wiederaufleben lassen wollte.

Für Überlegungen war es in jenem Moment jedoch bereits zu spät. Ryuji war bereits reingegangen, stieg die Treppe herunter und somit musste Ren folgen. Alles wirkte noch immer wie damals, an der Holzoptik hatte sich nicht viel geändert. Die Bar war noch immer in einem dunklen, aber angenehmen Ambiente gehalten und es roch auch noch genau wie damals. Selbst die Bühne sah noch immer gleich aus. Das Mikro stand für den Live-Act bereit, was bedeutete, dass an jenem Tag wahrscheinlich auch noch ein Musiker auftauchte und dann hob der Barmann die Hand, grüßte Ren und entlockte dem Blondschopf somit einen fragenden Blick. Er war kurz davor sich zu setzen.
„Kennt ihr euch schon?“, folgte die – durchaus berechtigte – Frage von dem ehemaligen Leichtathleten.
Doch eben jene Worte sollten Ren von dem Barkeeper abgenommen werden.
„Schön, dich mal wiederzusehen, wie geht es Akechi-kun?“
Wie sollte Ren darauf antworten?
Er wusste es doch selbst nicht und er konnte nicht einfach sagen, dass er schlichtweg keine Ahnung hatte; dass er diese Frage am liebsten selbst gestellt hätte, doch die Worte des Barkeepers bereits aufschlussreich genug waren. Denn wenn er nach ihm fragte, hatte er sich nicht blicken lassen und Ren wusste nicht, was er von dieser Information halten sollte.
„Ich…“

God, he almost looks like you in the dark
Sitting in the same corner at the bar


Ryuji schwieg auf diese Worte hin, während Ren die Ellbogen auf den kleinen, runden Tisch stemmte und sich für einen Augenblick die Stirn hielt. Natürlich würde sich Ryuji über diese Information aufregen. Es war absehbar. Doch die Worte kamen in jenem Moment ohnehin nicht richtig in seinem Kopf an. Er hatte nicht die Nerven dafür, die Situation war zu viel. Entfernt vernahm er noch, das Ryuji von diesen ganzen Infos eine Pause brauchte und dass er sich langsam Sorgen um Ren machte, doch… Auch er brauchte eine Pause, von den Gedanken an Goro, von dieser Bar, von allem. Seine Aufnahmefähigkeit war in diesem Moment aufgebraucht. Es fühlt sich an als würde seine ganze Existenz für einen Moment abschalten. Er bekam nicht einmal mit, das sein bester Freund in jenem Augenblick schneller bestellt hatte als es ihm eigentlich lieb war, es nur gut meinte, ihn eigentlich auf andere Gedanken bringen wollte. Das dies jedoch nicht funktionierte, war absehbar. Er wollte nicht, dass der erste Tag gleich in einem Desaster änderte. Doch Ren hatte schlichtweg nicht zugehört und bemerkte es erst als sich das Schweigen schon wieder ausgebreitet hatte und der Barkeeper die Getränke an den Tisch brachte. Diese helle, grüne Farbe hätte er überall wiedererkannt. Es war der gleiche Drink, welchen er Goro irgendwann einmal ausgegeben hatte und allein dafür, dass er inzwischen so darüber nachdachte, fühlte er sich lächerlich. Derart wenige Stunden konnten ihn doch nicht derart ruinieren.

Beinahe schon motorisch griff er nach dem Drink, wusste genau, dass er alkoholfrei war, aber trank ihn dennoch als würde er Alkohol darin vermuten. Wenigstens in diesem einen Augenblick. Es war das erste Mal, das er sich wünschte, das Alkohol enthalten wäre – je mehr umso besser. Doch das war auch nicht die Lösung und das wusste er leider auch noch viel zu gut.
Fuck.
Dieses Getränk schmeckte noch immer wie damals, es schmeckte wie diese Nacht Anfang November und seine Lippen in der Seitengasse hinter der Bar als er ihm nach der Verabschiedung doch noch nachgestürmt war. Er bereute es nicht. Das einzige, was er bereute war, das es inzwischen so unvergleichlich lang her war, das er darüber nachgedacht hatte.

Being here without you doesn't feel right
His lips are moving and I'm tryna be too nice
He's looking at me but he doesn't have your eyes
Being here without you doesn't feel right


Je mehr er sich den Gedanken hingab, je mehr ihn die Stille aufzufressen begann, umso mehr bemerkte er, dass es sich nicht richtig anfühlte. Es hatte sich bereits falsch angefühlt, als er seine Füße ohne Goro in die Bar gesetzt hatte. Bis zu diesem Tag war er nie mit einer anderen Person dorthin gegangen, es war ihr persönlicher Treffpunkt, von welchem niemand wusste. Bis zu diesem Augenblick. Immerhin hatte er Ryuji alles gesagt und dieser würde jene Informationen sicher nicht lang für sich behalten können. Dann würde alles wie eine Welle zurückkommen und ihn umreißen. Ren ahnte es bereits und auch dann würde es sich nicht mehr richtig anfühlen. Ohne Goro irgendwo zu sein, fühlte sich falsch an, ganz egal ob er ein Mitglied der Phantom Thieves war oder nicht. Es machte keinen Unterschied solang er da war, doch das war er nicht.

Für einen Moment sah er zu Ryuji, konnte sehen, dass dieser mit ihm redete. Er konnte sehen, dass sich seine Lippen bewegten, doch in dem Kopf des Amamiya kam einfach keines der Worte an. Es war beinahe als würden sie an seinen Schädelinnenwänden abprallen und sich dann auch schon wieder von ihm entfernen. Das alles war nicht richtig. Sie wollten schöne Stunden verbringen, doch alles an was der Amamiya denken konnte, während Ryuji ihn ansah, war, dass er nicht Goros Augen hatte; dass er nur noch daran denken konnte, wie es sich angefühlt hatte, als dieses Rotbraun ihm das erste Mal direkt hinter die Fassade geblickt hatte.
Eigentlich.
Das erste Mal, das Ren noch einmal etwas spürte, war in jenem Moment, in welchem Ryuji hinter ihn deutete, zu der kleinen Bühne, auf welcher das Mikrofon und ein Piano stand.

Your song just came on and now it feels hopeless
I didn't miss you until now, until now


Die Livemusik hatte begonnen. Es war hoffnungslos. Im Kopf des Schwarzhaarigen errichtete sich eine Blockade. Nicht einmal die Songs hatten sich innerhalb dieses einen Jahres geändert. Es war alles das gleiche wie eine Zeitschleife mit falschen Informationen. Sicher wäre er nicht mitgekommen, hätte er gewusst, wohin das Ziel ihn bringen würde, doch vielleicht hätte er auch diese Jazzbar nie betreten sollen. Ren konnte es nicht wissen und wollte es gleichzeitig auch gar nicht mehr wissen. Goros Verschwinden zu verdrängen hatte ihn in jenem Moment den Preis zahlen lassen. Bis zu diesem Augenblick hatte er ihn nicht vermisst, doch inzwischen war er sich beinahe sicher, dass er diese ganze Stadt nicht noch einmal verlassen würde, bis er nicht nach ihm gesucht hatte – wenn es sonst schon niemand tat. Selbst wenn Futaba damals sagte, dass sie sein Signal verloren habe und er sich dann mit einer Projektion getroffen hatte… Goro würde niemals verschwinden, ohne ein finales Duell einzufordern. Er würde niemals vergessen, dass sie eigentlich Rivalen waren.
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