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Was Schmerz bedeutet

von JoKey
OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
02.06.2020
02.06.2020
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Hallöchen ! :)

1. Bei diesem OneShot ist mir wohl die Dose mit rotem Fluff etwas aus der Hand gerutscht...ups
2. In dieser Geschichte sind Hank und Connor ausnahmsweise mal kein Vater/Sohn-Gespann, stehen sich näher als nur Freunde. Wer das nicht mag, sollte diese Geschichte also lieber außen vor lassen

Viel Spaß beim Lesen und liebe Grüße,
JoKey




Was Schmerz bedeutet




„Es wird nicht lange dauern.“

Connor wusste nicht, wie oft er diesen Satz jetzt schon in den letzten fünfzehn Minuten gesagt hatte. Irgendwann hatte selbst sein Programm aufgehört zu zählen.

Hank musterte ihn mit einem kritischen Blick, während er am Küchentisch saß und sich über den Berg aus unordentlichen Fallakten beugte. Normalerweise würde Connor ihm ja bei der Arbeit helfen, doch nicht heute.
Mit einem leisen Seufzen lehnte sich Hank auf seinem Stuhl zurück, stützte sich links und rechts mit den Händen auf der Tischplatte ab und runzelte die Stirn.

Das tat er immer, wenn er Connor wieder einmal eine Predigt halten wollte. Aber heute würde der Android das nicht einfach so über sich ergehen lassen und stumm nicken. Denn auf diesen Tag fieberte er bereits seit mehreren Wochen hin.

„Erklär mir noch mal, was diese Leute mit dir vorhaben“, brummte Hank und riss Connor somit aus den Gedanken.

Auch diesen Satz hörte Connor heute nicht zum ersten Mal.

„CyberLifes Abteilung für Softwareentwicklung hat ein neues Update entwickelt und sucht jetzt nach Testpersonen, um die Programmierung gegebenenfalls weiterzuentwickeln, bzw. auszubessern“, erklärte er geduldig.

Hanks Augen verengten sich zu misstrauischen Schlitzen und er gab ein unzufriedenes Grummeln von sich.

„Du weißt, was ich von diesem Laden halte. Geschweige denn von diesen Typen, die da arbeiten“, murmelte er.

„CyberLife hat sich verändert, Hank. Sie arbeiten mittlerweile für und mit den Androiden, nicht mehr gegen sie. Das ist Vergangenheit“, meinte Connor zuversichtlich.

„Es gefällt mir trotzdem nicht. Wer weiß, was dieses Update mit dir anstellt, huh?“, erwiderte Hank.

„Du bist sehr misstrauisch, Hank“, stellte Connor nüchtern fest.

„Ach ja? Es ist mein fucking Job, misstrauisch zu sein.“

„Als Lieutenant?“, fragte Connor.

„Als dein Partner. Verdammt, Connor, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich freudestrahlend durch die Wohnung springe, weil du dahin gehst. Als du das letzte Mal da warst, wären wir fast draufgegangen“, sagte Hank gereizt.

Connor schwieg. Er konnte sich nur allzu gut daran erinnern, als Hank ihn beinahe erschossen hätte, weil er ihn mit seinem Doppelgänger verwechselt hatte. Diese Nacht würde er wahrscheinlich nie vergessen. Ebenso wenig wie Hank. Es war die Nacht gewesen, in der sie mehr als nur Kollegen wurden. Sie wurden Freunde.

Und jetzt, fast vier Jahre später, waren sie so etwas wie eine richtige Familie. Eine schräge, einzigartige Familie, aber die beste Familie, die sich Connor je hätte wünschen können.

„Ich werde vorsichtig sein“, versprach Connor nun.

Hank schürzte die Lippen und verschränkte die Arme vor der Brust. Connor kannte ihn zu gut, um zu wissen, dass er nicht ein Stück besänftigt war. Aber sein Entschluss stand fest. Er würde gehen und sich wenigstens anhören, was die Wissenschaftler entwickelt hatten.





Ein seltsames Gefühl überkam den Androiden, als sich die riesigen Glastüren hinter ihm schlossen und er in der großen Eingangshalle des Unternehmens stand. Hank hatte recht. Es schien, als wäre es erst gestern gewesen, dass er mit Hank hier gewesen war. Connor schluckte und richtete seinen dunkelblauen Hoodie, bevor er entschlossen Richtung Aufzug lief.

Im Fahrstuhl wurde sein dumpfes Gefühl nicht besser. Vor fast genau vier Jahren hatte er auch hier gestanden und zwei Wachen erschossen, um nicht aufzufliegen. Instinktiv wanderten seine Finger zu seinem Hals, um die Krawatte fester zu ziehen, bevor ihm bewusst wurde, dass er gar keine trug.

Es war ihm zuerst schwer gefallen, sich von seiner alten Kleidung zu trennen, bis Hank ihn schließlich dazu überredet hatte. Nur seine LED hatte er, im Gegensatz zu vielen anderen Abweichlern, behalten.

Als Hank ihn darauf angesprochen hatte, hatte er nur gemeint, es würde sich falsch anfühlen, sie zu entfernen. Ein Mensch behielt seine Muttermale, also behielt er seine LED.

Das leise Pling des Aufzugs holte ihn zurück in die Gegenwart und hastig verließ er den Fahrstuhl. Es dauerte nicht lange und die Tür zum Labor, in dem die Androiden erwartet wurden, kam in Sicht. Noch einmal kamen Connor Hanks Worte in den Sinn.

Hatte er vielleicht doch recht? Hatte sich CyberLife nicht geändert?

Doch so schnell dieser Gedanke gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder und im nächsten Moment fand sich Connor im Laborsaal wieder. Ein paar andere Androiden waren schon da. Ein weibliches Modell mit kurzen, orangefarbenen Haaren nickte ihm kurz zu, als er den Raum betrat und ging dann wieder dazu über, an ihren Fingern herumzukauen.

Connor stellte sich etwas abseits zu den anderen, während er seinen Blick unauffällig über den Rest der anwesenden Modelle schweifen ließ.
Es waren insgesamt fünf Androiden, mit ihm sechs. Sie trugen alle eine andere Modellnummer und wirkten recht nervös.

Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Connor darüber nach, Hank eine Nachricht zu schicken, einfach um ihm mitzuteilen, dass es ihm gut ging, doch schon öffnete sich die Tür und ein hochgewachsener Mann mit dunklem Haar betrat den Raum, dicht gefolgt von einer jungen Frau, die Connor gerade einmal bis zu den Schultern reichte.

Der Man ließ seinen Blick über die Gesichter der Androiden gleiten, bevor er sich räusperte und zufrieden nickte.

„Wie schön, dass Sie es alle einrichten konnten, heute hier zu erscheinen“, rief er mit erhobener Stimme und streckte feierlich die Arme aus.

„Mein Name ist Danny Morbus und das ist meine Assistentin Verona Veix. Wir arbeiten nun schon seit fast zwei Jahren an einem Update, das es den Androiden ermöglicht, das Unvorstellbare zu erleben. Es dient nicht nur der sozialen Integration, die selbst nach all der Zeit eher schleppend voran geht, als auch dem Nachempfinden des menschlichen Nervensystems“, erklärte der Mann.

Ein Raunen, ein leises Tuscheln huschte durch den Raum, während Connor den Mann, der sich als Danny vorgestellt hatte, schweigend musterte. Mit einem schnellen Scan stellte er fest, dass er auch schon für CyberLife gearbeitet hatte, bevor der erste Abweichler gemeldet worden war.
Im Stillen fragte sich Connor, ob Kamski ihn vielleicht sogar persönlich eingestellt hatte.

„Wir nennen das Update PASE.1. Pain Sensation. Also das Nachempfinden von Schmerzen“, sagte Danny nun.

Connor horchte auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Unbewusst fing sein Pumpenregulierer an, schneller zu schlagen. Das Nachempfinden von Schmerzen?

„Viele Menschen haben noch immer Schwierigkeiten, sich mit der neuen, noch immer recht ungewohnten Situation abzufinden, dass eine fremde Spezies auf diesem Planeten wohnt. Eine Spezies, die dem Menschen in vielerlei Dingen überlegen ist. Gerade dadurch, dass sie keinen Schmerz empfinden können. Man könnte ihnen in den Arm schießen und sie würden nicht einmal mit der Wimper zucken. Viele Menschen tun sich schwer mit diesem Gedanken“, sagte nun Verona.

„Und dass wir Schmerzen empfinden, soll uns bei der Anpassung helfen?“, warf der rothaarige Android misstrauisch ein.

„Das Update soll euch dabei helfen, den Menschen in Ausnahmesituationen besser nachzuvollziehen. Wie reagiert er, wenn er sich in den Finger schneidet? Wie reagiert er, wenn er sich den Fuß verstaucht? Wie reagiert er dementsprechend auch, wenn er Gefahr wittert oder einen anderen Menschen sieht, der sich in Gefahr befindet? Das Update soll euch helfen, menschlicher zu werden“, erklärte Danny.

„Was ist, wenn das gar nicht unser Wille ist?“, sagte die rothaarige Androidin. „Was ist, wenn ich es mag, ein Android zu sein und kein Mensch? Ich finde die Vorzüge gegenüber eines Menschen nicht gerade unpraktisch.“

„Nun, natürlich werden wir niemanden dazu zwingen, an unserem kleinen...nun ja, Test, teilzunehmen. Es steht Ihnen allen jederzeit frei zu gehen“, meinte Danny beschwichtigend. „Sollten Sie sich allerdings dazu entscheiden, daran teilzuhaben, unterstellen Sie sich selbst einer Schweigepflicht, solange das Update noch nicht veröffentlicht wird.“

Für einen Moment schwiegen sie. Dann trat Connor einen Schritt vor, mit gerunzelter Stirn und gelb blinkender LED.

„Schweigepflicht? Wir dürfen niemandem von den Auswirkungen des Updates erzählen?“, sagte er langsam.

„Das ist korrekt, ja.“

„Niemanden? Nicht einmal den nahestehenden Personen?“, fragte er.

„Tut mir leid. Niemand außer den hier anwesenden Personen erfahren von der genauen Wirkung des Updates“, sagte Danny.

Connor dachte an Hank und wieder kehrte das mulmig dumpfe Gefühl zurück.

„Also. Sie haben jetzt die Gelegenheit zu gehen. Ansonsten starten wir mit der Aktivierung des Updates beim ersten Modell“, sagte Danny.

Für einen kurzen Augenblick hatte Connor das Gefühl, die rothaarige Androidin würde tatsächlich das Labor verlassen, doch sie blieb, wo sie war, während sie dem Wissenschaftler einen skeptischen Blick zuwarf.

Um das Update in der jeweiligen Programmierung der Androiden zu verankern, mussten sie sich nacheinander an einem kleinen Gerät anschließen und still sitzen, bis die Installierung abgeschlossen war. Es dauerte nicht lange, höchstens fünf Minuten und als Connor sich von der Maschine löste, konnte er keinen Unterschied spüren.

Er betrachtete seine Reflexion in der Fensterscheibe, doch nichts an seinem Äußeren hatte sich verändert. Seine LED leuchtete in einem gleichmäßigen Blauton.

Als das letzte Modell die Installierung des Updates abgeschlossen hatte, trat Verona vor und fischte ein schmales Skalpell aus ihrer Hemdtasche.

„Um zu testen, ob das Update funktioniert, bitten wir Sie nun, ihre Ärmel einmal hochzukrempeln. Falls es funktioniert hat, werden Sie jetzt einen kurzen Stich spüren. Das ist das, was wir Menschen unter Schmerz verstehen“, erklärte sie.

Connor runzelte die Stirn, während er zögernd seinen Pulloverärmel hochrollte. Das dumpfe Gefühl wollte einfach nicht verschwinden. Verona kam zu ihm herüber, setzte die Klinge an seinem Unterarm an und sah ihm mit einem kurzen Nicken in die Augen.

„Sind Sie bereit?“, fragte sie leise.

Connor zögerte. Dann nickte er.

Es war nur ein kurzer Moment, ein schneller Schnitt, doch sofort schoss ein scharfer Schmerz durch Connors ganzen Körper und erschrocken zuckte er zusammen.

„Keine Sorge, das Gefühl wird gleich vorüber sein“, sagte Verona beruhigend.

Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu beobachtete der Android, wie blaues Blut aus dem schmalen Schnitt an seinem Unterarm quoll. Vorsichtig streckte er einen Finger aus und berührte die Wunde. Erneut zog ein brennender Stich durch seinen Körper und hastig nahm er die Hand wieder zurück.

Das war es also. Das war also Schmerz. Connor wusste nicht, was er sich darunter vorgestellt hatte, doch es war definitiv nicht angenehm.

Als er seinen Blick über die anderen Androiden gleiten ließ, stellte er fest, dass es ihnen nicht anders erging. Mit nervösem, verzerrtem Gesicht betrachteten sie ihre kleinen Wunden, während Verona von einem zum nächsten ging und saubere Tücher und Pflaster verteilte.

Connor wischte sich das Thirium vom Arm und musterte den offenen Schnitt nun deutlich interessierter. Die künstliche Haut darum herum hatte sich zurückgebildet und auch wenn er wusste, dass der Schnitt binnen weniger Stunden verheilt war, klebte er dennoch das Pflaster darauf.

„In einer Woche treffen wir uns um dieselbe Uhrzeit wieder hier in diesem Labor, um über die Ergebnisse und Erfahrungen zu sprechen. Wir werden dann auch darüber beraten, wie es mit dem neuen Update weitergehen wird und inwiefern daran noch gearbeitet werden muss“, sagte Danny.

Connor strich sorgfältig über sein Pflaster und krempelte dann seinen Ärmel zurück.

Als er jetzt das Gebäude verließ, kehrte das mulmige Gefühl auf einen Schlag zurück. Es bereitete ihm eine Gänsehaut, wenn er daran dachte, Hank nichts von diesem Update zu erzählen. Er war Polizist, er verletzte sich fast jeden Tag, es war also eigentlich unumgänglich, dass sein Partner nichts davon erfuhr.

Er schluckte, während er in das nächste Taxi stieg und die Adresse von Hanks Haus nannte. CyberLife wurde hinter ihm immer kleiner.




Connor runzelte die Stirn, als er den Schlüssel ins Schlüsselloch steckte und ihm nicht der vertraute Klang von Sumos freudigem Gebell entgegen wehte. Er öffnete die Tür und sein Blick fiel sogleich auf den leeren Garderobenhaken an der Wand.
Sumos Leine fehlte.

„Hank?“, rief Connor dennoch in den stillen Raum hinein, doch wie zu erwarten, bekam er keine Antwort.

Rasch lief der Android ins Schlafzimmer, zog sich den Hoodie über den Kopf und tauschte ihn gegen ein einfachen, weißes T-Shirt aus. Dann drehte er sich wieder um, verließ die Wohnung und eilte mit entschlossenen Schritten den Weg hinunter.

Zum Glück kannte er die Strecke, die sie mit Sumo, dem trägen, liebenswürdigen Bernhardiner gingen, mittlerweile auswendig. Sie war außerdem fest abgespeichert in seinem Gedächtnispalast unter einem Ordner, den Connor nur für Sumo angelegt hatte.

Seine Lieblingsleckerli-Marke war dort gespeichert, wann der Hund Geburtstag hatte und wann er wieder baden musste.

Irgendwann war Hank dahinter gekommen und hatte mit den Augen gerollt und Connor ausgelacht, aber der Android war nicht dumm. Er hatte das liebevolle Lächeln auf den Lippen seines Partners gesehen, als er sich sicher war, dass Connor ihn nicht sah.

Connor bog jetzt um die nächste Straßenecke, überquerte die Straße und betrat den großen Park Detroits. Die Sonne strahlte vom Himmel und es war für einen Mai-Tag erstaunlich heiß. Connor lief an einem Paar vorbei, das eng umschlungen auf der Wiese lag.

Dann sah er ihn.

Hank saß auf der Bank unter der großen Eiche, an der sie immer hielten, um Sumo von der Leine und ihn ein wenig über das Gras toben zu lassen.
Beim Anblick seines Partners, der sein Gesicht der Sonne entgegen reckte und tiefenentspannt wirkte, machte Connors künstliches Herz einen Hüpfer und automatisch beschleunigten sich seine Schritte.

Sumo tollte nicht weit von der Bank entfernt über die Wiese und als Connor näher trat, fing er sofort an zu bellen und sprang ihm mit solch einer Energie entgegen, dass es den Androiden von den Füßen riss.

„Sumo, verdammt, lass sofort den -!“

Hank brach ab, als er Connor erkannte. Er war von der Bank aufgesprungen und hatte schon einen Schritt in ihre Richtung gemacht. Jetzt blieb er verwundert stehen und starrte Connor perplex an.

Connor streichelte Sumo lachend über den wuchtigen Kopf, bevor er den Hund sanft, aber bestimmt von sich drückte und sich langsam aufrappelte.

„Hallo, Hank“, lächelte er ihn an.

„Connor? Was machst du denn hier?“, stieß Hank verwirrt aus, aber Connor sah das glückliche Funkeln in den Augen des Älteren.

Mit zwei großen Schritten war er an seiner Seite und legte Connor eine Hand an den Hinterkopf, um ihn dann in eine zärtliche Umarmung zu ziehen. Sofort erwiderte Connor die Umarmung. Er konnte nicht leugnen, dass er nichts mehr genoss, als in Hanks Armen zu liegen.

Die Zeit schien dann auf magische Art und Weise still zu stehen und er konnte all das Leid vergessen, dass er vor einigen Jahren während der Abweichler-Revolution erfahren hatte.

Langsam löste sich Hank von Connor, strich diesem noch einmal kurz durchs Haar, bevor er ein paar Schritte zurücktrat. Connor wusste, dass Hank kein Problem damit hatte, seine Beziehung mit Connor zu zeigen, doch in der Öffentlichkeit hielten sich die beiden dennoch stets mit viel Körperkontakt zurück.

Nun musterte der Ältere Connor mit einem prüfenden Blick.

„Also? Was wollten diese Penner von dir?“, sagte er sofort mit seiner altbekannten, groben Art.

Connors Lächeln verrutschte und für den Bruchteil einer Sekunde flackerte seine LED gelb auf. Hank wäre nicht umsonst Lieutenant Anderson, wäre ihm dies nicht aufgefallen. Er zog fragend eine Augenbraue hoch, ließ es jedoch unkommentiert.

„Ach, es ging bloß um eine Erweiterung der Flexibilität der Androiden“, log Connor rasch.

Er hasste es. Er hasste es zu lügen und er hasste es noch mehr, wenn es Hank war, den er belog. Um ihn dabei nicht ansehen zu müssen, kniete er sich rasch ins Gras und vergrub seine Hände in Sumos weichem Fell.

„Flexibilität?“, wiederholte Hank stirnrunzelnd.

„Ja. Unsere Bewegungen sollen fließender werden, um denen eines Menschen möglichst nahe zu kommen“, log Connor weiter, schnappte sich einen Zweig und warf ihn dann ein paar Meter weit.

Sofort hechtete Sumo ihm hinterher.

„Du warst vielleicht mal etwas steif und sahst manchmal so aus, als hättest du einen verfluchten Stock verschluckt, aber mittlerweile kann man das ja längst nicht mehr von dir behaupten“, meinte Hank.

Connor warf ihm einen überraschten Blick zu und stand wieder auf.

„Wie kommst du darauf?“, fragte er.

„Naja, wenn ich an gestern Nacht denke, waren deine Bewegung mehr als fließend“, erwiderte Hank mit gesenkter Stimme und einem anzüglichen Grinsen auf den Lippen.

Sofort färbten sich Connors Wangen bläulich und rasch wandte er den Kopf, um so zu tun, als würde er nach Sumo sehen. Da ließ Hank ein brummendes Lachen hören und knuffte Connor in den Arm. Ein leises Zwicken breitete sich an dieser Stelle auf, worauf Connor erschrocken zusammenfuhr und leise aufkeuchte.

Hanks Augen weiteten sich und abwehrend hob er die Hände.

„Woha, ganz ruhig, Connor. Seit wann bist du denn so schreckhaft?“, sagte er.

„Ich...ich war gerade mit meinen Gedanken wo anders, tut mir leid“, sagte Connor rasch.

Langsam verebbte der Schmerz an seinem Arm. Hank musterte ihn noch immer mit einem skeptischen Blick, aber Connor schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln und nahm dann den Zweig entgegen, den Sumo ihm jetzt brachte.





An diesem Abend bestellten sich Connor und Hank Pizza. Natürlich hatte der Android seinen Partner erst dazu überreden wollen, doch noch etwas gesünderes zu kochen, doch schließlich hatte er nachgegeben.

Jetzt saßen sie mit jeweils einem Pizzakarton auf der Couch, während sie irgendeine Serie im Fernseher sahen. Vor gut einem Jahr wäre dieses Szenario noch gar nicht möglich gewesen. Vor ungefähr einem Jahr kam ein Update auf dem Markt, das es den Androiden ermöglichte, tatsächlich Nahrung und Speisen zu sich zu nehmen.

Diese wurde dann in einem entsprechenden Behälter in ihrem Körper abgefangen, zersetzt und schließlich in zusätzliche Energie umgewandelt. Es war nicht viel Energie und noch immer musste Connor sich hin und wieder in seinen Ruhemodus begeben, um sich wieder aufzuladen, aber es war ein angenehmes Gefühl, jetzt endlich auch diesen menschlichen Aspekt zu teilen.

Connor nahm einen weiteren Bissen von seiner Pizza und lehnte sich dann noch etwas mehr gegen Hank, der neben ihm auf der Couch saß. Sofort zuckten die Mundwinkel des Älteren und liebevoll legte er Connor seinen Arm um die Schulter. Connors Kopf landete an Hanks Seite und mit einem zufriedenen Brummen kuschelte sich der Android näher an Hank.

Der nahm es mit einem sanften Lächeln zur Kenntnis, legte den Karton beiseite und hob dann Connors Kinn mit zwei Finger an. Connor erwiderte sein Lächeln und als er das Funkeln in den Augen des Lieutenants sah, fing sein Herz an, schneller zu schlagen.

Er legte nun auch seinen Karton auf den Tisch und schlang dann seine Arme um Hanks Nacken, der Connor sofort dichter an sich zog und ihm zärtlich über die Wangen strich. Er schloss die Augen und legte seine Lippen auf Connors, der den Kuss erwiderte und schließlich sogar vertiefte.

Hanks Hände wanderten unter Connor Shirt und Connor konnte ein leises Seufzen nicht mehr unterdrücken. Unter seinen Fingern spürte er Hanks schnellen Herzschlag. Außer Atem lösten sie sich voneinander und sofort lehnte Hank seine Stirn gegen Connors.

„Wir sollten...sollten das ins Schlafzimmer verlegen, was meinst du?“, stieß er zwischen tiefen Atemzügen hervor.

Connor nickte nur, erhob sich vom Sofa, während er seine Finger mit denen Hanks verschränkte und sie zusammen Richtung Schlafzimmer stolperten. Als sie an Sumos Schlafplatz vorbeikamen, hob der Bernhardiner kurz den Kopf, schmatzte träge und legte sich dann wieder hin.

Noch während sie auf das Bett zu taumelten, zog Hank Connor sanft, aber ungeduldig das Shirt über den Kopf und schmiss es irgendwo hinter sich zu Boden. Es dauerte nicht lange, da folgte sein eigenes und als sie in die weichen Laken fielen, trugen sie nicht einmal mehr ihre Unterwäsche.

Hank beugte sich über Connor, verschloss seine Lippen mit denen des Jüngeren und küsste sich dann über seinen Hals, hinunter über seinen Oberkörper, bis zu seinen Knien. Connor warf den Kopf in den Nacken, seine Finger krallten sich haltsuchend in die Kissen und immer wieder entfuhr ihm ein leises Stöhnen.

Dann war Hank wieder direkt über ihm, Strähnen seines mittlerweile wieder kürzerem Haar fielen ihm in die Stirn und unendlich sanft fuhr er Connor mit der Hand über die Wange. Dabei trat ein Ausdruck in seine Augen, der er nur hier hatte. Hier zwischen den Decken und Kissen, umgeben von friedlicher Stille, während Connor unter ihm lag und ihn aus dunklen Augen ansah.

Dann bekam Hank den Ausdruck von vollkommenem Glück. Ein zärtliches Lächeln lag auf seinen Lippen, als er nun mit einer Hand zwischen Connors Oberschenkel glitt und sie langsam auseinander drückte.

Wie oft hatten sie schon in dieser Position gelegen? Connor wusste es nicht mehr. Und doch war jeder dieser Momente unbezahlbar für ihn gewesen. Diese Momente, in denen er Hank so nah sein konnte.

Er wusste, was als nächstes geschehen würde. Sie taten das hier nicht zum ersten Mal.

Und doch war er nicht auf den beißenden Schmerz vorbereitet, der so unerwartet durch seine Lenden und seinen ganzen Körper schoss. Er keuchte angestrengt, bäumte sich kurz auf und Hank stoppte in seiner Bewegung.

Mit einem besorgten Blick sah er Connor an, der ihm rasch ein beschwichtigend Lächeln zuwarf und seinen Kopf dann wieder auf dem Kissen bettete.

Natürlich. Dieses Update. Es ließ ihn Schmerz fühlen, selbst in Situationen, in denen er eigentlich nichts außer Glück spüren sollte.

Wenn sie miteinander schliefen, war Hank zwar stets umsichtig mit ihm, doch er wusste, dass Connor ein Android war, der – normalerweise – keine Schmerzen empfinden konnte. Connor musste nicht erst vorbereitet werden. Hank musste nicht so vorsichtig mit ihm umspringen, wie mit einem Menschen.

Doch als Hank seine Bewegungen jetzt wieder aufnahm, schossen Connor die Tränen in die Augen und während er immer schneller wurde, biss er sich so fest auf die Fingerknöchel, dass sie bald durch sein Thirium bläulich gefärbt waren.

Es war mehr als frustrierend. Der Schmerz und seine Lust lieferten sich einen unerbittlichen Kampf und als Hank mit einem heiseren Seufzen über ihm zusammenbrach, drehte er hastig seinen Kopf weg, damit er seine Tränen nicht sehen konnte.

Für ein paar Minuten war nur ihr Atem zu hören, der sich langsam wieder beruhigte. Hank rollte sich auf die Seite, stützte sich mit seinem Ellbogen ab und strich Connor mit der anderen Hand sanft durchs Haar.
Noch immer sah Connor ihn nicht an. Er versuchte, die Tränenspuren auf seinem Gesicht wegzuwischen, als er plötzlich Hanks Finger in seinem Nacken spürte, die seinen Kopf vorsichtig drehten.

Hastig und aus einer Kurschlusstaktion heraus, schloss Connor die Augen. Er hörte Hanks erschrockenes Keuchen und im nächsten Moment ertönte das hektische Rascheln der Kissen neben ihm. Dann nahm Hank Connors Gesicht in seine Hände.

„Connor, du weinst ja!“, stieß er entsetzt aus.

Connor schluckte und er konnte spüren, wie Hank anfing, mit seinen Daumen beruhigende Kreise über Connors Wangen zu ziehen.

„Sieh mich an, Connor. Bitte!“

Diesmal schwang ein solche Verzweiflung in der Stimme des Lieutenants mit, dass Connor keine andere Wahl blieb. Vorsichtig öffnete er die Augen und begegnete sogleich den überaus besorgten seines Partners.
Die LED seiner Reflexion in Hanks Augen leuchtete rot.

„Connor, was ist mit dir?“, hauchte Hank.

Da versuchte sich der Android an einem Lächeln und legte nun seine eigene Hand über Hanks, die noch immer an seiner Wange lag.

„Es ist nichts, Hank. Ich bin nur glücklich. Glücklich, dich zu haben“, sagte Connor mit fester Stimme.

Und das war nicht einmal gelogen. Doch Hank sah nicht gerade überzeugt aus. Mit den Daumen wischte er Connor die letzten Tränen aus dem Gesicht und dankbar ließ sich der Android gegen Hanks Brust fallen. Überrascht keuchte dieser auf, bevor er seine Arme schützend um Connor schlang und sein Kinn auf seinem Haar ablegte.

Und so saßen sie da. Connor wusste nicht mehr, für wie lange. Draußen brannten bereits die Straßenlaternen, als sie sich in die Kissen fallen ließen und fest umschlungen einschliefen.




Am nächsten Morgen erwachte Connor ausnahmsweise mal nach Hank aus seinem Ruhemodus. Während seine Systeme langsam wieder hochfuhren, rieb er sich mit dem Handrücken über die Augen und strich sich dann die Haare aus dem Gesicht.

Sonnenstrahlen durchfluteten das Schlafzimmer und die Kissen auf Hanks Seite lagen noch völlig durcheinander im Bett. Langsam schälte sich der Android aus den Kissen, schnappte sich dann eine frische Unterhose aus dem Schrank und schlüpfte in schwarze Jeans und ein kurzärmeliges Hemd.

Dann lief er in die Küche, wo er auf Hank traf. Der Ältere stand mit dem Rücken zu ihm am Herd und nach dem leckeren Geruch nach zu urteilen, briet er gerade ein paar Spiegeleier in der Pfanne. Sumo lag im Wohnzimmer vor der Couch und döste vor sich hin.

Connor lief auf leisen Sohlen zu Hank hinüber und legte dann vorsichtig seine Arme um dessen Mitte. Erschrocken fuhr Hank zusammen und ließ beinahe die Pfanne fallen.

„Meine Güte, Connor! Was schleichst du dich verdammt noch mal so an?!“, rief er.

„Entschuldigung, Hank“, nuschelte Connor und wollte gerade sein Gesicht an Hanks Rücken vergraben, als sich der Lieutenant abrupt umdrehte und die Pfanne beiseite stellte.

Er packte Connor bei den Schultern und hielt ihn mit einem musternden Blick von sich weg. Verwirrt legte Connor den Kopf schief.

„Hank, was -?“

„Wie fühlst du dich, Connor?“, unterbrach Hank ihn.

„Gut...?“, erwiderte Connor perplex.

Langsam nickte Hank, auch wenn er seinen Blick nicht von ihm abwendete. Ein schwerer Stein sackte in Connors Magen. Er wusste, wieso Hank diese Frage stellte. Wieso er ihn jetzt so ansah. Und doch konnte er nicht mit ihm darüber sprechen. Er hatte eine Schweigepflicht abgegeben, er durfte Hank nicht erzählen, was das Update wirklich mit ihm anstellte.

Und noch weniger durfte Hank erfahren, dass er in der letzten Nacht Schmerzen gehabt hatte. Er kannte Hank nun mittlerweile gut genug, um zu ahnen, dass dieser sich danach nie wieder selber im Spiegel in die Augen sehen konnte.

Also lächelte er jetzt nur, schob Hank dann mit einer Hand zur Seite und griff nach der Pfanne, um die Spiegeleier wieder über die Herdplatte zu halten.

Er spürte Hanks misstrauischen Blick in seinem Rücken und es fiel ihm so schwer, sich nicht umzudrehen und ihm einfach alles zu erzählen. Verdammt, ihm war noch nie etwas so schwer gefallen. Und doch schluckte er alles hinunter und straffte seine Schultern.



In den nächsten Tagen bemerkte Connor kaum etwas von dem neuen Update. Am dritten Tag knickte er zwar beim Toben mit Sumo im Park um, doch das kurze Ziehen in seinem künstlichen Gelenk ließ schon nach wenigen Sekunden nach und Hank bekam von alldem nichts mit.

Am Abend desselben Tages schnitt er sich an einem Messer, als er den Abwasch machte. Nur mit größter Mühe konnte er ein verräterisches Zischen unterdrücken, denn Hank saß nur wenige Meter daneben auf dem Sofa.

Am fünften Tag nach der Installation des Updates landeten sie wieder zusammen im Bett. Und diesmal war Connor auf dem Schmerz vorbereitet. Zuerst erschrak er wieder etwas und versteifte sich, doch er gewöhnte sich schnell daran und begann, ihre Nähe wieder voll und ganz zu genießen.

Dann kam der Freitag. Der letzte Tag, bevor Connor sich mit den anderen Androiden im CyberLife-Zentrum einfinden würde, um darüber zu entscheiden, wie es weitergehen würde.

Er und Hank waren gerade auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Hank saß am Steuer und Connor schaltete am Radio herum, um den Sender zu wechseln. In der Abenddämmerung funkelten die Fenster der vielen Häuser Detroits.

„Was würde ich nicht dafür geben, in der Zeit zurückreisen zu können“, sagte Hank plötzlich.

Verwundert sah Connor auf.

„Gibt es einen bestimmten Grund für diesen Wunsch?“, fragte er.

„Naja, früher war alles besser. Die Filme, die Musik. Damals, Connor, damals gab es noch Musik, zu der man wirklich tanzen konnte. Und es gab diesen Donut-Laden gleich um die Ecke, der hat die besten Donuts gemacht. Früher war alles einfach. Einfacher und besser“, schloss Hank schließlich.

Für einen Moment leuchtete Connors LED gelb und er starrte angestrengt aus dem Seitenfenster.

„Es gab damals auch keine Androiden“, sagte er leise.

Er konnte Hanks Blick auf sich spüren und als dieser nichts darauf antwortete, sah Connor ihn doch wieder an. Verwirrt zog er die Stirn kraus, als er Hanks amüsierten, fast tadelnden Blick sah.

„Denkst du, ich würde ohne dich in der Zeit zurückreisen? Kommt gar nicht in die Tüte. Mich wirst du nicht mehr los, das müsstet du langsam wissen“, sagte er schmunzelnd.

Erleichterung durchflutete den Androiden und sofort leuchtete seine LED wieder blau. Er ließ seinen Blick wieder aus dem Fenster gleiten und -

„Halt an!“

„Was?“, stieß Hank irritiert aus.

„HALT AN!“, schrie Connor.

Sofort trat Hank auf die Bremse und ihr Wagen kam schlitternd und unter schrillem Gequietsche zum Stehen. Hank fluchte, während Connor bereits seine Tür geöffnet und seine Dienstwaffe gezogen hatte. Erst als Hank ihm rufend hinterher lief, erkannte auch er den Grund für Connors Ausbruch.

„Fuck!“, stieß er aus, als er den maskierten Mann vor dem Tresen im Burgerladen entdeckte, der mit einer Pistole auf die junge Bedienung zielte.

Er zog nun ebenfalls seine Waffe und folgte Connor, der jetzt vor ihm in den Laden stürmte.

„Detroit Police, lassen Sie sofort die Waffe fallen!“, schrie Hank.

Die junge Bedienung schlug sich unter Tränen die Hand vor den Mund und Connor meinte, ein ersticktes Schluchzen von ihr zu hören. Auch er richtete seine Waffe jetzt auf den Rücken des Maskierten. Langsam drehte dieser sich um, ließ seine Pistole allerdings nicht sinken.

„Waffe runter“, wiederholte Hank knurrend.

Für einen Moment sah es wirklich so aus, als würde der Fremde die Waffe weglegen wollen. Zu spät erkannte Connor, was er tatsächlich vorhatte. Mit einem Satz hechtete er auf die nächste Scheibe zu und sprang hindurch, sodass Scherben klirrend zu Boden fielen.

Die Frau hinter dem Tresen kreischte und warf sich auf den Boden.

„Verdammte...Connor, warte! CONNOR!“, donnerte Hank, doch Connor hörte ihm nicht zu.

Er sprang hinter dem Maskierten aus dem Fenster und nahm sofort seine Verfolgung auf. Dass er sich dabei an ein paar Scherben schnitt, fiel ihm gar nicht auf. Ein Gefühl, das sich wie wildes Adrenalin anfühlte, strömte durch seine Kabel.

„Sofort stehen bleiben!“, schrie er, als er um die nächste Häuserecke bog und dem Mann in einen kleinen Hinterhof folgte.

Der Mann blieb stehen, sah sich hektisch nach allen Seiten um, bevor er auf eine Mauer zu sprintete und bereits zum Sprung ansetzte. Da warf sich Connor nach vorne, bekam seine Beine zu fassen und riss ihn mit sich zu Boden.

Unsanft kamen sie auf dem Asphalt auf und der Sturz presste dem Mann kurzzeitig die Luft aus den Lungen. Connor streckte seine Hand nach dessen Pistole aus und hatte sie fast erreicht, als...

Der Schuss kam unerwartet und im Nachhinein glaubte Connor, dass der Mann gar nicht beabsichtigt hatte, abzudrücken.

Doch er hatte abgedrückt.

Und Connor spürte ein Gefühl, das er noch nie zuvor gespürt hatte. Jeder Schnitt, jeder Prellung schien auf einmal so unbedeutend, so harmlos. Sein Körper stand in Flammen, Punkte tanzten vor seinen Augen und nur noch am Rande bekam der Android mit, wie sich der Mann aufrappelte und weiter über die Mauer flüchtete.

Connor wollte aufstehen, so wie er es immer getan hatte. Doch diesmal wollten sein Beine ihm einfach nicht gehorchen. Als er sich bewegte, schossen tausend Stiche durch seinen Körper und stöhnend sackte er in sich zusammen.

Eine Stimme rief seinen Namen und nur wenige Atemzüge später kniete Hank neben ihm. Connor starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an und zum ersten Mal wusste er, wie es sich anfühlte, wirklich Angst zu haben.

Es war nicht das erste Mal, dass er angeschossen worden war. Doch es war das erste Mal, dass er diesen Schmerz empfand. Diesen Schmerz, der es ihm unmöglich machte, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

„H-Hank...“, brachte er keuchend hervor und seine Hand schnellt vor und krallte sich verzweifelt in die Jacke seines Partners.

Hanks Gesicht war aschfahl, als er auf das viele blaue Blut an Connors Bauch starrte. Seine Lippen bebten, als er Connor so vorsichtig wie möglich auf seinem Schoß bettete.

„Scheiße, Connor...ganz ruhig, wir kriegen dich wieder hin...“, stammelte Hank atemlos.

Er legte Connor eine Hand an den Kopf und zog ihn an seine Brust. Hinter ihm konnte Connor Stimmen hören und plötzlich drehte Hank seinen Kopf und schrie die Fremden an.

„RUFT ENDLICH EINEN BESCHISSENEN KRANKENWAGEN!“

Connor fühlte dieselbe Panik, die in Hanks Stimme mitschwang. Als sich seine Finger fester um dessen Jacke krallten, sah Hank ihn sofort wieder an und legte seine eigene Hand über Connors. Er beugte sich vor und gab ihm einen fahrigen Kuss auf die Haare.

„Wir kriegen dich wieder hin, du musst nur wach bleiben, hörst du? Schön wach bleiben, Connor...“, murmelte er.

„Es...es tut weh“, wisperte Connor unter Tränen.

Da erstarrte Hank und seine Augen weiteten sich. Perplex sah er seinen Partner an, dem nun eine Träne über die Wange floss. Das schien Hank aus seiner Starre zu reißen, denn er schüttelte hastig den Kopf und strich Connor beruhigend durch die Haare.

„Alles wird gut, ich bin bei dir, Connor, wir kriegen dich wieder hin“, sagte er immer wieder.

Und Connor verstand, dass er nicht nur ihn, sonder auch sich selber damit beruhigen wollte. Als die Sirenen in der Ferne ertönten, glitt Connor in die Dunkelheit und sein System schaltete automatisch auf Energiesparmodus.

Hanks panische Stimme drang zu ihm durch, doch im nächsten Augenblick hörte Connor nichts mehr.





„Wie geht es ihm?“

„Er ist stabil. Die Kugel hat keine wichtigen Biokomponenten getroffen und meine Kollegen waren frühzeitig am Tatort, um die Blutung zu stoppen. Wenn alles glatt verläuft, wird er in der nächsten halben Stunde wieder aufwachen.“

Stille. Connor hörte ein Rascheln einer Jacke und dann spürte er eine zaghafte Berührung an seiner Schulter.

„Wie ist das möglich? Wieso hatte er...Schmerzen?“

„Wir haben in seiner Programmierung ein Update gefunden, das es ihm anscheinend ermöglicht, dieselben Schmerzen nachzuempfinden, die ein Mensch empfindet. Eine Art Nachahmung des empfindlichen Nervensystems eines Menschen, nehme ich an.“

„Ein...Ein Update?“, wiederholte Hank leise.

Wieder Stille. Obwohl Connor die Augen geschlossen hielt, wusste er, dass die Ärztin, mit der Hank sprach, nun nickte. Eine kalte Faust schloss sich um sein Inneres. Er hatte nicht gewollt, dass Hank es so herausfand.

„Können Sie mir sagen, wann dieses Update installiert wurde?“, fragte Hank nun.

Er klang erschöpft.

„Natürlich. Am letzten Samstag um 10:27 Uhr.“

„Ich...danke.“

„Möchten Sie bei ihm bleiben, bis er aufwacht?“

„Ja.“

„Gut. Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie einfach, ja? Ach, und Kaffee gibt es gleich um die Ecke auf dem nächsten Flur.“

„Danke.“

Schritte entfernten sich, eine Tür ging auf und schloss sich wieder. Dann legte sich eine Stille über Connors Audioprozessoren, dass er am liebsten schreien wollte, um sie zu durchbrechen. Vorsichtig öffnete er die Augen.

Hank saß neben seinem Krankenhausbett auf einem gelben Plastikstuhl, während er gedankenverloren auf die geschlossene Zimmertür starrte. Seine Finger strichen abwesend über Connors Oberarm.

„Ich hätte es dir eher sagen sollen“, sagte Connor leise.

Hank zuckte zusammen und sein Kopf fuhr herum. Erschrocken starrte er Connor an. Dann entkam ihm eine Mischung aus Schluchzen und Lachen und im nächsten Moment beugte er sich über Connor und presste ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Verdammte Scheiße, was hast du dir dabei gedacht, du Spatzenhirn?“, donnerte er.

„Es tut mir leid, Hank“, murmelte Connor.

„Du hättest draufgehen können, ist dir das klar?!“

„Es tut mir leid, Hank.“

„Du denkst auch immer nur zur Hälfte, was? Was hätte ich denn dann gemacht, hätte dich dieses Schwein über den Haufen geballter, huh? Ich hätte es nicht...ich könnte es nicht...Fuck, Connor“, stieß Hank aus und für einen Moment krallten sich seine Finger so fest um Connors Arm, dass es wehtat.

Connor antwortete nicht. Seine LED leuchtete rot und voller Reue sah er seinen Partner an. Hank hob den Blick und seufzte. Connor erschrak, als ihm bewusst wurde, wie müde er wirklich aussah.

„Wieso hast du mich angelogen, Connor?“, sagte Hank leise.

Connor schluckte und sein Pumpenregulierer machte einen nervösen Satz.

„Ich weiß, ich hätte dich nicht anlügen sollen, aber -“

„Nein, hättest du nicht.“

„Aber ich war zum Schweigen verpflichtet. Wir dürfen mit niemandem über die Auswirkungen des Updates sprechen“, versuchte sich Connor zu erklären.

„Ich hab dir gleich gesagt, geh da nicht hin. Du siehst ja, wo uns das hingeführt hat, verdammt“, fluchte Hank.

Seine Wut verwandelte sich abrupt in Sorge, als sich Connor unter schmerzerfülltem Stöhnen im Bett hochstemmte. Sofort war Hank an seiner Seite, ließ sich auf der Bettkante nieder und half dem Androiden, sich in eine aufrechte Position zu bringen.

Schuldbewusst sah Connor ihn an. Da seufzte Hank tief und legte ihm mit einem schiefen Lächeln eine Hand an die Wange.

„Was machst du immer für Sachen, hm?“, nuschelte er liebevoll.

Connors Mundwinkel zuckten und dankbar lehnte er sich Hanks Hand entgegen.

„Das heißt, du hast die ganze Woche über Schmerzen empfunden?“, sagte Hank leise.

„Nicht die ganze Zeit. Nur in bestimmten Situationen“, erwiderte Connor rasch.

Nachdenklich nickte Hank und sein Blick glitt in die Ferne. Er schien die letzten Tage noch einmal Revue passieren zu lassen.
Plötzlich weiteten sich seine Augen und er wurde noch blasser als vorhin im Hinterhof. Voller Entsetzen starrte er Connor an.

„Oh Gott, nein...“, stieß er aus.

Connor zog die Stirn kraus. Da verzog Hank gequält das Gesicht und biss sich auf die Lippe.

„Du hast geweint und ich...ich habe gedacht...ich...FUCK!“

Mit einem Satz war Hank auf den Beinen und tigerte unruhig durchs Zimmer. Erschrocken sah Connor ihn an. Hank ballte seine Hände zu Fäusten und schüttelte immer wieder den Kopf.

„Hank?“, sagte Connor vorsichtig.

Da blieb der Ältere stehen und sah Connor mit einem undefinierbaren Ausdruck an.

„Ich bin so ein verdammtes Arschloch. Ich bin so ein...Connor, in der ersten Nacht nach diesem beschissenen Update...da hattest du...du hattest Schmerzen, oder?“

Connor schluckte. Er schwieg eine Sekunde zu lang. Hank schloss resigniert die Augen, dann schlug er mit der Hand so unerwartet fest auf das untere Bettgestell, dass Connor sich sicher war, seine Hand wäre gebrochen.

„FUCK! Das hätte niemals passieren dürfen. Ich hätte niemals...ich hätte es niemals so weit kommen lassen dürfen“, murmelte Hank.

„Hank, bitte hör auf damit“, sagte Connor flehend, schwang seine Beine aus dem Bett und wollte bereits auf seinen Partner zugehen, da schoss ein erneuter flammender Schmerz durch seinen Bauch und stöhnend krümmte er sich.

Mit zwei großen Schritten war Hank an seiner Seite und hielt ihn fest. Besorgt musterte er den Androiden.

„He, he, Connor, mach keinen Scheiß. Komm, leg dich wieder hin“, sagte er und dirigierte Connor sanft, aber bestimmt zurück zum Bett.

Connor hielt Hank am Handgelenk fest und so setzte sich der Ältere neben Connor. Aus traurigen Augen sah Hank ihn an.

„Es tut mir so wahnsinnig leid, Connor. Du musst mir glauben, ich habe dir nie, NIEMALS, wehtun wollen“, sagte Hank eindringlich.

„Das weiß ich doch. Es ist nicht deine Schuld, ich hätte mit dir sprechen sollen. Diese beschissene Schweigepflicht hin oder her“, sagte Connor.

Hank sah ihn immer noch ernst an, doch kurz zuckten seine Mundwinkel.

„Hast du gerade geflucht?“, murmelte er.

„Sie scheinen einen schlechten Einfluss auf mich zu haben, Lieutenant“, schmunzelte Connor.

Hank lachte leise und sein brummendes Lachen ließ Connors Lächeln breiter werden. Vorsichtig lehnte er sich gegen Hanks Schulter, der sofort seinen Arm um ihn schlang und leise seufzte. Eine Weile schwiegen sie, bis Connor die angenehme Stille durchbrach.

„Ich denke, ich werde es behalten. Das Update.“

„Was?!“, rief Hank überrascht.

„Auch wenn es wehtut, es gehört doch dazu, oder nicht? Zum Leben. Du meintest mal, die größten Schmerzen hinterlassen die Narben, die einen am meisten stärken. Und ich...ich möchte an allem teilhaben, was das Leben zu bieten hat“, sagte Connor leise.

Hank schwieg. Er musterte Connor nachdenklich, dann bildetet sich ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen, bevor er Connor dicht an sich zog und seinen Kopf auf seinen Haaren ablegte.  

„Wenn du denkst, ich würde dir ab jetzt bei jedem kleinsten Schnitt ein Pflaster hinterher tragen, hast du dich getäuscht, mein Freund“, murmelte er.

Connor lachte und schlang seine Arme um Hank.

Er wusste genau, dass Hank ihm nicht nur ein Pflaster, sondern einen ganzen Erste-Hilfe-Koffer hinterher tragen würde, wenn es drauf ankäme.
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