Lilienkrone

von Daelis
KurzgeschichteHumor, Freundschaft / P12
Gilgamesh OC (Own Character)
01.06.2020
01.06.2020
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Ich ächzte. Wie gerne hätte ich mich einfach verkrümelt, doch das würde meiner kleinen Elisabeth das Herz brechen, immerhin war das hier ihr Ehrentag, ihr Geburtstag.


Vor ein paar Tagen erst hatte ich erfahren, dass dieser besondere Tag nahte und direkt entschieden, etwas Besonderes für Eli auf die Beine zu stellen. Sie war ein liebes Mädchen und mit viel zu vielen Sorgen und Gefahren konfrontiert. Sie hatte es verdient, mal abzuschalten. Also hatte ich sie ganz direkt gefragt, ob sie ihren Geburtstag mit ihrem Onkel Marlin feiern würde. Ihre erste Reaktion war absolut ernüchternd gewesen. Eli hatte geweint. Ob ich denn nicht kommen würde, wenn sie mich einlud. Ich war so überrascht gewesen, dass ich erst gar nicht antworten konnte. Dann aber hatte ich sie eilig beruhigend in die Arme geschlossen. Natürlich würde ich kommen. Das war doch völlig selbstverständlich. Es hatte einige Minuten gedauert, bis Eli sich beruhigt hatte und das Gefühl des nassen Stoffes an meiner Schulter würde ich so schnell nicht vergessen. Ihr war das wirklich sehr wichtig.

Vorsichtig hatte ich also nachgefragt, ob sie denn sonst ihren Geburtstag nicht feiere. Normalerweise, hatte sie mir erzählt, würde ihr Onkel Marlin leckeren Kuchen besorgen. Darauf freue sie sich schon und diesmal wäre ja auch ich da. Es würde ein ganz wichtiger und schöner Geburtstag. Dabei hatte mein kleiner Master über das ganze Gesicht gestrahlt. Mir jedoch war aufgefallen, dass sie kein Wort über Freunde verlor. Sie lud sonst niemanden ein? Keine Familie, keine Freunde in ihrem Alter, nur Merlin und sie. Himmel, ging es noch trauriger? So durfte dieser Geburtstag auf gar keinen Fall werden!

“Wie würdest du denn gerne feiern?”, hatte ich geradeheraus gefragt, doch die Antwort hatte meine Erwartungen gesprengt. Mit großen, strahlenden Augen hatte Eli erst etwas unsicher und schließlich voller Hingabe und Eifer geschwärmt. Sie erträumte sich das volle Märchenprinzessin-Programm und was für ein Caster-Servant wäre ich gewesen, wenn ich nicht wenigstens versucht hätte, ihr diesen kleinen Traum zu erfüllen? Wären Elisabeths Eltern noch am Leben, hätten sie das sicher auch versucht. So jedoch war es an Merlin und mir.


Den Magier der Blumen hatte ich direkt mit eingespannt, um mir bei den Vorbereitungen zu helfen. Auch wenn er und ich sonst nicht immer gut miteinander auskamen, zogen wir doch zumindest im Hinblick auf Elisabeths Wohl an einem Strang. Unterstützt von Diogenes, der zwar wenig mit Enthusiasmus, dafür jedoch zuverlässig mithalf, hatten wir den Garten der Jugendbegegnungsstätte, die wegen des Gralskrieges geschlossen war, bunt hergerichtet. Marlin, wie sich Merlin nun nannte, hatte einen großen Aufsteller in Form eines Schlosses aufgestellt, der der Party die passende Szenerie geben sollte.

Mir war die Aufgabe zugefallen, mich um die Deko zu kümmern und passende Leckereien aufzutreiben. Dafür hatte ich sogar versucht, dem Zauberbuch zu erklären, was los war und es um Hilfe gebeten. Wirklich erwartet hatte ich diese jedoch nicht. Umso überraschter war ich, als es mir zwei Zauber gewährte, um für kleine Effekte auf der Feier zu sorgen. Bis über beide Ohren grinsend hatte ich mir die Sprüche notiert und mich bei dem Buch bedankt. Um die Deko jedoch kümmerte ich mich lieber auf die altmodische Weise, was hieß, dass ich das meiste basteln würde. Zum Glück hingen Eli und ich so oft bei Merlin herum, dass es kein Problem war, dort unter einem Vorwand abzutauchen und in einem ruhigen Zimmer Tischdeko und Einladungskarten zu basteln. Um die Kostüme für alle, versprach Merlin, würde er sich kümmern.


“Eine Einladung?” Ich nickte und hielt Caster Cú den Umschlag energisch unter die Nase. “Du lädst mich zum Geburtstag deines Ma-” “Ja!”, betonte ich etwas genervt. “Bitte komm. Sie würde sich bestimmt über zahlreiche Gäste freuen.” Der Blauhaarige blickte noch einen Moment lang überrascht drein, grinste dann jedoch und nahm den Umschlag an sich. “Dein Vertrauen ehrt mich, Caster. Ich komme gerne und freue mich schon darauf.” Erleichterung durchflutete mich. “Danke!”

Damit hatte ich schonmal vier Gäste im Sack. Als Erstes hatte ich die beiden Ruler Charlemagne und Sherlock Holmes aufgesucht und die beiden zu Elis Party eingeladen. Auch das Thema der Feier hatte ich ihnen dabei nicht vorenthalten und beide hatten versprochen, dass sie gerne kämen, wenn ihre Pflichten es zuließen. Arthur Pendragon hatte direkt zugesagt.

“Ah, und Caster?”, lenkte ich Cú Chulainns Aufmerksamkeit noch einmal auf mich. “Es ist eine Mottoparty. Bitte mach dich nicht darüber lustig, ja? Es ist meinem Master sehr wichtig”, betonte ich ernst. Der Ire schmunzelte nur. “Süß, wie du dich um sie sorgst. Ich werds nicht ruinieren, versprochen. Vielleicht bedankst du dich danach ja bei mir?” Ich hob eine Braue. Nach meinem Ermessen hatte ich das bereits. Sein Blick fiel auf den verbliebenen Umschlag in meinen Händen. “Noch ein Gast?”, hakte Cú nach. Ich nickte. “Ja. Ich muss los. Bis morgen.” Eine Erwiderung wartete ich nicht mehr ab. Stattdessen kehrte ich zurück in Elisabeths Wohnung. Der letzte Gast ließ sich bestimmt nicht lang bitten.


Ich musste keine zwei Stunden warten. Pünktlich zum Abendessen verriet ein goldener Schimmer die Ankunft des Königs der Helden. Traurig, aber wahr, ich hatte mich schon daran gewöhnt, für Gilgamesh mitzukochen, weil er praktisch jeden Tag hier auflief. Käme er eines Tages nicht mehr, würde ich mir vielleicht noch Sorgen machen.

“Eli, passt du kurz auf die Soße auf?”, bat ich meinen Master. Sie ahnte ja nicht, was Merlin und ich planten, und es sollte auf jeden Fall ein Geheimnis bleiben. Also musste ich Gilgamesh allein die Einladung überreichen. “Mach ich!”, begeisterte sich Eli sofort. Sie wollte immer gerne beim Kochen helfen und dass ich sie nun damit allein ließ, machte sie merklich stolz. Schmunzelnd huschte ich ins Wohnzimmer, wo der König der Helden mich bereits erwartete.


Demonstrativ hatte er es sich auf dem Sofa bequem gemacht und streckte nun eine Hand in meine Richtung aus. Verwirrt hob ich eine Braue, trat aber näher. “Worauf wartest du noch?”, forderte mich Gilgamesh auf, ohne mich auch nur begrüßt zu haben. Nun hob ich auch die andere Braue. Ungeduldig klickte der goldene Archer mit der Zunge. “Die Einladung. Gib sie mir. Ich werde euch die Gunst gewähren, euch mit meiner Anwesenheit zu beehren.” Grimmig zog ich die Nase kraus, zögerte dann aber nicht und überreichte Gilgamesh den Umschlag. “Mein Master wünscht sich eine Feier zum Thema Prinzen und Prinzessinnen. Ich bin sicher, Eure Hoheit, dass Ihr keine Unterstützung brauchen werdet, Eure Garderobe entsprechend zu wählen”, flötete ich überbetont freundlich. Dass Gilgamesh der Sarkasmus hinter meinen Worten nicht entgangen war, verriet sein Blick mir sofort, doch er kommentierte es nicht. “Ich nehme an, es wird eine Überraschung? Nun gut. Als meiner Dienerin Master wird sie eines Geschenkes würdig sein.” Gelassen winkte Gilgamesh ab und bewies dabei perfektes Timing, denn just in diesem Moment schob sich hinter mir die Wohnzimmertür auf. “Caster? Ich glaube, die Soße kocht über.”


Zu sagen, dass ich mir ein klein wenig dämlich vorkam, war noch untertrieben, doch was tat man nicht alles, um seinen Master glücklich zu machen. In meinem Falle bedeutete es, dass ich ein dermaßen kitschiges Prinzessinkostüm trug, dass selbst hartgesottenen Disney-Fans das Grauen erfasste. Elisabeth jedoch strahlte über das ganze Gesicht, also sah ich auch darüber hinweg, dass die Krone, die ich ihr aus einem Spielzeugdiadem und einer Menge Perlen, Draht und Acrylsteinen hingebungsvoll gebastelt hatte, ein klein wenig schief saß. “Das ist der beste Geburtstag meines Lebens”, posaunte Eli laut heraus und dabei waren die Gäste noch gar nicht eingetrudelt.

Merlin, der sich nicht einmal bemüht hatte, sich zu kostümieren, sondern tatsächlich sein Servant-Outfit trug, grinste zufrieden und hielt Eli seine Hand hin. “Prinzessin, wenn Ihr erlaubt, werde ich Euch nun an Eure Tafel geleiten”, wandte er sich an Elisabeth, die seine Hand sofort ergriff. Sie hatte noch nicht Platz genommen, als Arthur eintraf. Ich fing ihn direkt ab und verwies ihn auf die kleine Umkleide, die Diogenes mit Laken im Flur der Begegnungsstätte improvisiert hatte. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, Arthur schon vorab in das Motto der Feier einzuweihen, doch wie erwartet, nahm der König der Ritter es mit einem wohlwollenden Lächeln auf. “Dann sollte ich Prinzessin Elisabeth nicht warten lassen. Wenn Ihr mich entschuldigt, Milady”, verbeugte sich Arthur in meine Richtung, ehe er in der Umkleide verschwand. Für den armen König hoffte ich, dass sein Kostüm ein wenig praktischer war als meines. Ich könnte schwören, Merlin genoss es heimlich, mich ungeschickt in dem langen Kleid herumstaksen zu sehen, wobei ich bei jedem Schritt aufpassen musste, nicht über den Saum zu stolpern oder irgendwo hängen zu bleiben und das Kleid damit zu beschädigen. Sähe der fliederfarbene Stoff nicht so sündhaft teuer aus, wäre mir das vielleicht auch egal gewesen.


Resigniert eilte ich zur Tür, als es schellte. Da inzwischen auch die beiden Ruler kostümiert am Tisch bei meinem Master saßen, blieben nur noch die zwei Personen, die mir am meisten Kopfzerbrechen bereiteten. Noch ehe ich die Hand nach dem Türgriff ausstrecken konnte, manifestierte sich ohne jede Vorwarnung der König der Helden neben mir. „Gerade an einem solchen Tag solltest du nicht trödeln, Caster“, wies er mich gelassen zurecht, während ich ihn einer erstaunten Musterung unterzog. Den Gang in die Umkleide konnte er sich auf jeden Fall sparen. Ob er in diesem Aufzug früher in Babylon herumgestiefelt war? Es fiel mir nicht schwer, mir das vorzustellen. Die helle, leichte Hose und der blutrote Mantel, verziert mit goldenen Stickereien und Perlen, zeugten auf jeden Fall von einem besseren Modegeschmack, als ich es von Gilgamesh in den Fate-Serien gewöhnt war. Wenn ich nur an diese Schlangenmusterhose dachte, rollten sich mir förmlich die Nägel hoch. Vielleicht sollte ich ihm stecken, dass ihm das hier besser stand? Nachdenklich blieb mein Blick an den goldenen Ketten um seinen Hals hängen, an denen verschiedenfarbige Juwelen funkelten. Eine Krone brauchte es wirklich nicht mehr, damit man ihn eindeutig als König erkannte. Gilgameshs abschätziger Blick sorgte im Nu dafür, dass ich mir neben ihm, der wirklich herrschaftlich aussah, erst recht etwas albern vorkam in meinem Kleid.

„Willst du mich nicht zur Gastgeberin geleiten?“, riss der König der Helden mich aus meinen Gedanken. Eilig nickte ich. „Natürlich. Hier entlang.“ Ich vollführte eine einladende Geste durch den Flur des Gebäudes in Richtung Hinterausgang, der in den Garten führte. Gerade als ich Gilgamesh folgen wollte, klingelte es erneut. Das war dann wohl Cú Chulainn. Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich der Tür zu, konnte aber noch aus den Augenwinkeln beobachten, dass sich der König der Helden nicht weiter daran störte, sondern in den Garten trat. Wenn ich jetzt darüber nachdachte, war es vielleicht nicht die allerklügste Idee gewesen, mehrere Servants einzuladen. Arthur bereitete mir zwar keine Sorgen, aber Cú war schon ein bisschen streitsüchtig und Gilgameshs Ego ließ nicht den kleinsten Kratzer ungesühnt. Eilig vertrieb ich diese Überlegungen aus meinen Gedanken.


Genervt tippelte ich mit einem Fuß auf den Boden, den Iren vor mir ungeduldig anstarrend. „Das ist mein voller Ernst“, betonte ich noch einmal, was Cú Chulainn ein leises Glucksen entlockte. „Wie wäre es dann, wenn du einfach mit in die Umkleide kommst und mir aussuchen hilfst?“, flötete er mir entgegen, wobei er sich nicht einmal die Mühe machte, so zu tun, als wäre seine Bemerkung harmlos gemeint. Sein wölfisches Grinsen verriet den blauhaarigen Caster sofort. Missmutig zog ich die Nase kraus. „Wenn du dich den Regeln dieser Party nicht fügst, muss ich dich bitten, zu gehen“, entgegnete ich kühl, spürte aber, dass meine Wangen vor Verlegenheit brannten. Dieser Kerl! Aber er hatte schon mitbekommen, dass wir hier auf einem Kindergeburtstag waren, ja? Glaubte er wirklich, wir würden in der Umkleide... Nein. Nein, das wollte ich mir nicht einmal vorstellen. Angestrengt rieb ich mir die Stirn.

„Okay, komm“, meinte ich schließlich, griff Cú einfach am Ärmel und zog ihn in die Umkleidekabine, die im Grunde nur aus zwei Laken bestand, die so in einer Ecke des Flurs aufgehängt worden waren, dass sie einen kleinen Raum vor Blicken abschirmten. „Was bist du denn auf einmal so ungeduldig, Caster?“, raunte mir Cú ins Ohr, da spürte ich auch schon seinen Arm um meine Körpermitte. „Finger weg“, zischte ich ihn an, ohne aufzusehen. Stattdessen galt meine Aufmerksamkeit der bunten Auswahl an Kleidungsstücken, die Merlin oder vermutlich vielmehr Diogenes, hier platziert hatte. „Wir suchen dir etwas Passendes und dann wirst du meinem Master gratulieren gehen“, entschied ich streng und schlug dabei auf seine Finger, die drohten, gefährlich weit aufwärts zu wandern.


Skeptisch musterte ich eine Art Militäruniform. Was hatte denn die hier zu suchen? „Darauf stehst du also“, sinnierte Cú Chulainn unerwartet in mein Ohr. Erschrocken zuckte ich zusammen. Konnte dieser Spinner nicht einmal ein kleines bisschen Abstand halten? Zugegeben, das war in der improvisierten Umkleide gar nicht so einfach, aber dass er immer so an mir kleben musste. Ich konnte seine Wärme an meinem Rücken spüren. „Worauf ich stehe, geht dich nen feuchten Dreck an“, brummelte ich zurück, einerseits, weil ich nicht fand, dass Militär mein Ding war, anderseits, weil ich sonst zugeben müsste, dass er darin schon verdammt gut aussähe. „Suchen wir etwas Passenderes“, meinte ich eilig und zog an einem Zipfel dunkelblauen Stoffs. Triumphierend musterte ich die Tunika, die ich aus dem Kostümberg geborgen hatte. „Die schaut doch gut aus! Fehlen noch dunkle Hosen, Stiefel, vielleicht ein Umhang und natürlich die Krone.“ Ohne Federlesens drückte ich Cú die Tunika in die Hand und wühlte mich weiter durch bunten Haufen Kostüme.

Gerade hatte ich eine Strumpfhose entdeckt, von der ich nicht sagen konnte, ob sie nun eine sehr gute oder eine sehr schlechte Idee war, als Cús Lachen meine Aufmerksamkeit erregte. Verwirrt blinzelte ich zu ihm. „Süße, die Tunika würde vielleicht dir passen“, amüsierte er sich und wedelte dabei mit dem Kleidungsstück, ehe er dieses entfaltete und grinsend vor sich hielt. Verdammt, da hatte ich wirklich gepennt. Er war zwar ein Caster, aber alles andere als schmächtig gebaut. Ich seufzte und lenkte den Blick wieder zu den Kostümen, die ausgebreitet auf zwei Tischen lagen. „Okay, wir finden etwas anderes“, murmelte ich und nahm Cú die Tunika aus der Hand.


Zwei weitere Male schlug ich dem Grabbel-Caster auf die Finger, ehe wir ein passendes Outfit für ihn zusammen hatten. Seine Versuche, mich davon zu überzeugen, doch in der Kabine zu warten und ihm beim Ausziehen zu helfen, quittierte ich mit dem finstersten Blick, den ich zustande brachte. An dem selbstgefälligen Grinsen, mit dem er mir nachsah, als ich die Kabine verließ, hatte das allerdings nichts geändert. Wusste der Teufel, welche komischen Gedanken ihm schon wieder durch den Kopf gingen. Eines jedoch konnte ich nicht leugnen, als Cú Chulainn die Umkleide schließlich verließ und sich mir mit einem strahlenden Lächeln präsentierte: Er konnte sich sehen lassen. „Ist es so genehm, meine Dame?“, scherzte er und beugte sich etwas zu mir hinab. Instinktiv trat ich einen Schritt zurück, musterte ihn dann aber eindringlich. Das recht schlichte Kostüm, bestehend aus einem einfachen Leinenhemd, dunkler Hose und Stiefeln sowie einem langen, leuchtend roten Umhang mit Pelzbesatz mochte nicht so auffallend sein wie Gilgameshs Aufzug, aber Cús Präsenz tat das keinen Abbruch. Wenn ich es auch nicht einmal in meinen Gedanken gerne zugab, blieb mein Blick vielleicht doch einen Moment zu lange an ihm hängen. „Na?“, hakte der Ire noch einmal nach. Ich räusperte mich. „Du siehst wirklich gut aus. Fehlt nur noch eine Kleinigkeit, Eure Majestät in Spe“, gab ich zurück. Verwunderung zeichnete Cú Chulainns Miene, die sich aufhellte, als ich ihm kurzerhand meine Plastikkrone auf den Kopf setzte. „Perfekt“, musterte ich mein Werk. „Geh du schon vor, ich komme gleich nach“, wies ich Cú an. Dabei schob ich ihn bereits mit einer Hand in Richtung Gartentür.


Aaaah! Viel besser! Das unpraktische Kleid, das sowieso nicht richtig gesessen hatte, gegen die Tunika auszutauschen, war eine Superidee gewesen! Zwar konnte ich nicht behaupten, dass ich mich in der Strumpfhose, die ich mir ebenfalls geschnappt hatte, besonders wohl fühlte, aber es war dennoch auf jeden Fall eine Verbesserung. Zufrieden kehrte ich nun auch in den Garten zurück, wo die Feier bereits in vollem Gange war. Elisabeth saß vor Kopf an dem langen Tisch, auf dem neben zahlreichen bunten Frühlingsblumen auch kleine Glitzerflocken verteilt lagen. Einladend patschte mein Master auf den Stuhl zu ihrer linken, den Blick auf mich gerichtet. Das war dann wohl mein Platz. Als ich mich zu ihr setzte, lächelte Elisabeth selig. „Danke, Caster! Das ist die beste Geburtstagsparty, die ich je hatte!“, wisperte sie mir verschwörerisch zu. Ich grinste nur zur Antwort. Dass es ihr gefiel, war alles, was für mich zählte.

„Dann hole ich mal die Torte!“, ereiferte Merlin sich unvermittelt. Noch bevor irgendjemand hätte Einwand erheben können, war der Magier der Blumen auch schon davongerauscht. Kopfschüttelnd sah ich ihm nach. „Master, hast du denn schon deine Geschenke geöffnet?“, wandte ich mich dann Elisabeth zu, die das gar nicht mitzubekommen schien. Zumindest ihr Blick ging nämlich an mir vorbei. Neugierig drehte ich mich um, nur um zu sehen, wie der König der Helden neben mir Platz nahm. Dabei sah er jedoch nicht zu Elisabeth, wie ich es erwartet hätte, sondern vielmehr zu Cú Chulainn, der sich ihm gegenüber setzte. Cú Chulainns Grinsen war so herausfordernd, dass ich nicht mehr zu Gilgamesh hätte schauen müssen, um den finsteren Ausdruck in dessen Augen zu sehen. Was immer zwischen den beiden vorging, war jedenfalls nicht der Beginn einer wunderschönen Freundschaft.


„Nicht gerade ein angemessenes Gewand ob dieses Anlasses“, drang Gilgameshs Stimme an mein Ohr. „Eine Schande. Meine Dienerin sollte sich edler kleiden als dieser Abschaum hier.“ Am liebsten hätte ich geseufzt. Wen er damit meinte, war nicht schwer zu erraten. Welcher Kleinkrieg hier auch begann, er würde ein Bündnis mit Cú Chulainn und Gilgamesh nicht einfacher machen. Damit ruhten meine größten Hoffnungen auf ein harmonisches Bündnis wohl eindeutig auf Arthur. Der unterhielt sich gerade angeregt mit Charlemagne, während Sherlock nur stumm, aber mit einem amüsierten Lächeln auf den Zügen, daneben saß. Wenigstens um die musste ich mir keine Sorgen machen. „Es ist praktischer. Außerdem geht es heute um allein um Elisabeth“, wich ich der Kritik aus und nickte gen Elisabeth, die in genau diesem Moment begeistert in die Hände klatschte. Merlin balancierte die mit rosa Fondant überzogene Torte herein.

„Inakzeptabel. Jeder deiner Schritte repräsentiert auch deinen König.“ Ich stellte die Ohren auf Durchzug. Gilgamesh mal wieder. Seit er mir eröffnet hatte, dass das Zauberbuch, auf dem meine Existenz hier beruhte, eigentlich ihm gehörte und ich deshalb nun seine Dienerin – oder wie ich es nannte: Seine Bitch – war, ließ er dauernd solche Sprüche hören. Zum Glück gab er sich in der Regel damit zufrieden, literweise Wein in sich reinzukippen und dabei vor sich hinzublubbern. Er hörte sich halt selbst gerne reden, der Edel-Alkoholiker. Dann holte ich wohl besser mal die Cupcakes. Tee und Kaffee standen bereits in Thermoskannen auf dem Tisch. Als ich mich erhob, raschelte es auch neben mir verräterisch. „Wenigstens hast du ein Einsehen“, bemerkte der König der Helden. Verständnislos sah ich ihn an. Was hatte ich bitte verpasst? Entweder er bemerkte die ungestellte Frage in meinem Blick nicht oder er ignorierte sie gekonnt.


Dennoch folgte mir Gilgamesh ins Innere des Begegnungszentrums, um mich noch im Flur am Arm zu packen und mit sich zu ziehen, direkt auf die Umkleide zu. „Was für eine erbärmliche Konstruktion, doch sie wird für den Moment genügen müssen.“ Gilgamesh rümpfte die Nase, dann versetzte er mir einen Stoß, der mich durch die Laken in die improvisierte Kabine taumeln ließ. „He!“, beschwerte ich mich. „Was soll das werden?“ Anstatt zu antworten, musterte mich der König der Helden nur eindringlich, dass mir ganz mulmig wurde. „Zieh dich aus“, meinte er schließlich kurz angebunden und hob dann eine Hand, über der sich ein Tor von Babylon öffnete. Fassungslos sah ich Gilgamesh an. „Bitte?“, wollte ich verdattert wissen. „Zieh dich aus“, wiederholte der König der Helden ungeduldig. War das sein Ernst? Was ging heute nur mit den Leuten hier? Erst wollte Cú, dass ich ihn ausziehe und jetzt will Gil, dass ich mich ausziehe. „Nein?“, protestierte ich etwas halbherzig. Den König der Helden schien das absolut nicht zu interessieren. Seine Aufmerksamkeit galt allein einem Stück Stoff, das er aus seinem Portal gezogen hatte. Schließlich sah Gilgamesh zu mir. Ich erwartete, dass er jeden Moment irgendetwas abfälliges sagen, irgendeine blöde Bemerkung von sich geben oder einfach nur herummaulen würde. Na los, gib alles, König der Helden! Ich war bereit. Wenn er wirklich glaubte, ich würde hier blank ziehen, irrte er sich gewaltig! Entschlossen, mich allem zu stellen, was da kommen könnte, verschränkte ich die Arme. Unter dem Blick des Königs der Helden schwand meine Zuversicht allerdings schneller, als mir lieb war und binnen weniger Augenblicke tippelte ich unruhig auf der Stelle.

„Also was jetzt?“, durchbrach ich schließlich die Stille. Gilgameshs rote Augen verengten sich. „Ich wiederhole mich ungern, Caster“, antwortete er verärgert. „Ich verlange, dass du diese Lumpen ablegst. Hier, zieh das an.“ Er warf mir den Stoff aus seiner Schatzkammer zu. Dass es sich dabei um ein Kleid handelte, dämmerte mir erst, als der seidige Stoff mir beinahe aus den Händen glitt. „Betrachte es als wohlwollende Gabe deines Königs. Und nun vergeude nicht weiter Zeit“, befahl Gilgamesh mit einer Geste, die verriet, dass er keinen Wert auf meine Antwort legte. Dann rauschte er aus der improvisierten Umkleidekabine.

So richtig wohl fühlte ich mich in dem Kleid von Gilgamesh auch nicht – und das lag nicht einmal daran, dass es aussah, als würden wir hier einen Partnerlook anstreben. Missbilligend zog ich den Ausschnitt etwas zurecht. Zugeben musste ich allerdings, dass das Kleid erstaunlich gut passte. Entweder erfreute sich der König der Helden eines überaus guten Augenmaßes oder er hatte einen Glückstreffer gelandet. Dennoch fand ich dieses Getue unnötig. In der Tunika hätte ich einen prima Knappen abgegeben. Seufzend ließ ich den Gedanken fallen, während meine Schritte mich in die enge Küche der Begegnungsstätte führten. Vermutlich hatten die Anderen inzwischen schon die Torte angeschnitten. Um sie nicht noch länger warten zu lassen, schnappte ich mir das Tablett mit den Cupcakes und kehrte damit in den Garten zurück.


Wider Erwarten stand die Torte noch unberührt vor meinem kleinen Master. Elisabeths ganze Aufmerksamkeit galt einem Päckchen, welches sie gerade öffnete. So unauffällig wie möglich huschte ich zurück zu meinem Platz an ihrer Seite, den zufriedenen Blick Gilgameshs ignorierend. „Ooooh!“, machte Eli begeistert. „Ist die schön!“ Mein Master strahlte über das ganze Gesicht. „Komm, lass sie mich dir umlegen, ja?“, bot ich an und erhob mich bereits, um meinen Worten Taten folgen zu lassen. Die funkelnde, goldene Kette zierte ein kleiner Anhänger in Form eines Herzens mit einem hellrosa Stein in der Mitte. Schlicht, aber hübsch und er passte gut zu Eli. Deren Blick wanderte nun zu Gilgamesh. „Dankeschön!“ Der König der Helden nickte nur knapp, als bedeute ihr Dank ihm nichts, aber sein Grinsen sprach für sich. Unabhängig davon freute es mich doch, dass er sich Gedanken darüber gemacht hatte, was er Eli schenken konnte – und vor allem: dass er es überhaupt tat. Dessen war ich mir nämlich nicht ganz sicher gewesen. Vielleicht sah er ja seine Anwesenheit schon als exorbitantes Geschenk.


„Nun, dann schneiden wir mal die Torte an, nicht wahr?“, ereiferte sich Merlin gut gelaunt. Als der Magier nach dem Messer griff, lehnte sich Elisabeth zu mir rüber. „Das Kleid von König Gilgamesh ist auch wirklich hübsch“, wisperte sie verschwörerisch schmunzelnd. „Aber wo ist denn deine Krone?“ „Oh, die habe ich Caster überlassen“, nickte ich in Cú Chulainns Richtung, der meinen Blick erwiderte, als hätte er wie magisch gewusst, dass ich in diesem Moment zu ihm rüberschauen würde. Eli zog eine Schnute. „Aber dann hast du doch jetzt gar keine mehr, Caster“, beschwerte sie sich leise, aber doch laut genug, dass es sicher jeder gehört hatte. „Ah, dann bin ich deine Zofe, Master“, versuchte ich Elisabeth zu beschwichtigen, die eine Schnute gezogen hatte. „Mh, in dieser Geschichte möchte ich gerne mitspielen“, schaltete sich Cú unvermittelt ein. „Der König aus fernen Landen wird dir deine Zofe vielleicht entführen, Prinzessin Elisabeth.“ Verschmitzt zwinkerte der Ire in unsere Richtung. Ich rollte mit den Augen. „Oh, darf ich dann die Rolle des Vaters der Prinzessin einnehmen?“, mischte sich zu meiner Überraschung nun auch Arthur ein. Alle Hoffnungen, diese Spinnereien im Keim zu ersticken, ließ ich jedoch sofort fahren, als nun sogar Sherlock amüsiert hören ließ: „Dann macht uns das wohl zu reisenden Richtern.“


Dankbar nahm ich von Merlin einen Teller mit Torte entgegen. Die konnte ich nun wirklich gebrauchen. Wenn das hier weiter eskalierte, erwuchs daraus noch ein komplettes Rollenspiel, an dem ich vielleicht lieber nicht teilhaben wollte. Zumindest nicht, wenn es beinhaltete, von Cú Chulainn entführt zu werden. Was der darunter verstand, war für Elisabeth vielleicht nicht klar, für mich jedoch schon. Da zog ich eindeutig die Torte vor. In froher Erwartung betrachtete ich der Köstlichkeit vor meiner Nase. Wenn sei nur halb so gut schmeckte, wie sie aussah, könnte sie mich vielleicht sogar vergessen lassen, dass ich heute schon mit zwei Männern in einer Umkleide gestanden hatte.

„Ich wette“, drängte sich Cús Stimme wieder in mein Bewusstsein, „ein Kuss von dir wäre noch süßer als die Torte.“ Oh man, so spät schon. Mir gingen tausend Dinge durch den Kopf, die ich Cú an den Kopf werfen könnte, doch die Hälfte davon war nicht jugendfrei. Besser, ich behielt es für mich und beließ es bei einem eisigen Blick über mein Stück Torte in seine Richtung. Jemand anderes hingegen beließ es nicht dabei. „Solltest du tatsächlich etwas so Dummes versuchen, wie etwas von mir stehlen zu wollen, wirst du es bereuen, Caster.“ Gilgameshs Stimme war schneidend und kalt. „Ich dulde solche Frevel nicht.“ Schwer zu sagen, wer von uns beiden dümmer aus der Wäsche schaute: Cú Chulainn oder ich. Mit so einer Einmischung hatten wir wohl beide nicht gerechnet. „Ist das eine Herausforderung?“ Ich schob mir ein Stück Torte in den Mund, um mich nicht einzumischen. Cú Chulainn wusste offensichtlich nicht, wann es gut war. Zum Glück rettete Arthur die Situation. „Es wäre wahrlich schandhaft, eine junge Lady gegen ihren Willen zu bedrängen“, versuchte er zu schlichten und zumindest bei Cú schien das zu funktionieren, doch so finster wie der König der Helden dreinsah, hatte ich nicht das Gefühl, dass hier das letzte Wort schon gesprochen war.

Dass Gilgamesh mich für sein Eigentum hielt, wusste ich ja schon ein ganzes Weilchen. Ich wünschte dennoch, er würde von diesem Gedanken langsam etwas Abstand nehmen. Ja, ich stand in seiner Schuld, quasi, und er hatte mich in der Hand, weil er mir das Buch wegnehmen könnte und damit meine Existenz beenden, aber das hieß noch lange nicht, dass er mich behandeln konnte, als wäre ich eine Trophäe, die er sich ins Regal stellen konnte, um damit anzugeben. Wie bei dem Gral auch, ging es dem König der Helden doch wieder nur ums Prinzip. Was, wenn ich aber Lust hatte, mit Cú Chulainn zu flirten? Hätte Gil wohl auch nicht gejuckt. Am besten ignorierte ich die beiden Idioten einfach.


Oh verdammt! Die Torte war einfach nur geil! Keine Ahnung, woher die kam oder wer sie gebacken hatte, doch diese Himbeercreme da drin war so gut! Neben mir machte Elisabeth genüsslich „Mhhh“, als hätte sie meine Gedanken gelesen. In dem Punkt konnte ich ihr auf jeden Fall nur zustimmen. „Wirklich köstlich“, fasste Charlemagne gewandter in Worte, was wohl jeder hier am Tisch dachte. Allein Gilgamesh schien sich lieber mit der Deko zu beschäftigen. Aus den Augenwinkeln konnte ich beobachten, wie er mehrere Blumen aus den Gestecken rupfte. Wollte ich wissen, warum er das tat? Lange musste ich darüber nicht nachdenken. Nein, wollte ich nicht. Zum einen, weil ich mir fast sicher war, dass jede Frage ohnehin nur eine abfällige Antwort nach sich zöge, und zum anderen, weil ich nicht Teil irgendeines Machtspielchens zwischen Cú und Gil werden wollte.

Leises Rascheln und etwas, das mein Ohr streifte, ließen mich dann aber doch in Richtung des Königs der Helden blicken. Ich konnte gerade so noch sehen, was mit Gilgamesh da einer Krone gleich auf den Kopf setzte, nämlich einen Blumenkranz aus weißen und orangeroten Lilien. Die hatte er nämlich eben aus der Deko gerupft. Überrascht sah ich ihn an. Wie kam ich denn zu der Ehre? „Angemessen“, war jedoch alles, was Gil dazu sagte, als wäre dieses eine Wort Erklärung genug. Mir jedoch warf es nur noch mehr Fragen auf. Wieso machte er sich die Mühe, mir einen Blumenkranz zu flechten? Wenn es nur um eine Krone ging, wie sie Eli gefordert hatte, hätte er auch ebenso gut die von Cú zurückfordern können oder eine aus seinem unendlichen Vorrat kamen können. Nun gut, das vielleicht nicht. Einer echten Krone war ich in seinen Augen vermutlich nicht würdig.

Vor lauter Verwirrung vergaß ich sogar die Torte und starrte den König der Helden einfach nur an wie ein Ölgötze, bis er schließlich meinte: „Selbst ein König muss sich der Schönheit der Vergänglichkeit beugen, sonst ist er dazu verdammt, die Ewigkeit zu suchen, ohne sie je erreichen zu können.“ Sprach er von sich selbst? Immerhin hatte er sich zu Lebzeiten auf die Suche nach dem ewigen Leben begeben und es in gewisser Weise ja auch in Form der Blume des Lebens gefunden. Waren die Lilien, die nun mein Haupt krönten, für ihn vielleicht ein Sinnbild davon? Dann sollte ich wohl hoffen, dass mich keine Schlange in Form von Cú Chulainn stahl. Nachdenklich tastete ich nach den Blütenblättern, die sich glatt und weich unter meinen Fingerspitzen anfühlten. Die Schönheit des Vergänglichen. Widersprach das nicht eigentlich seinem Sammelwahn? All die Schätze, die er in seiner Schatzkammer hortete, waren eben nicht länger vergänglich, sondern verborgen und aufgehoben für die Ewigkeit. War es womöglich etwas Vergängliches, das er wirklich anstrebte? Vielleicht interpretierte ich hier auch einfach nur zu viel hinein. Wäre es anders, würde ihn der mit dem Gral verbundene Wunsch vielleicht interessieren, doch den hatte er ja versprochen an Elisabeth abzutreten.


„Möchte noch jemand Kaffee?“ Merlins fröhliche Stimme ließ mich aus meinen Grübeleien hochschrecken, dann schüttelte ich den Kopf. Kaffee, bah. An dieses bittere Zeug hatte ich mich nie gewöhnen können. „Sehr gerne“, ertönte es jedoch von der anderen Seite der Tafel, wo Sherlock Holmes dem Magier der Blumen seine Tasse entgegenhielt. Damit hatte unsere kleine Gesellschaft zurück zu ihrer Harmonie gefunden, zumindest bis mein kleiner Master einen Vorschlag machte, der dafür sorgte, dass ich mich an einem Cupcake verschluckte. „Lasst und Ich-hab-noch-niemals spielen!“ Hustend versuchte ich, möglichst nicht an dem kleinen Kuchen zu ersticken. Ein Trinkspiel? Was zur Hölle? Dafür war sie eindeutig zu jung! „Und wer es schonmal gemacht hat, muss den Fragensteller umarmen gehen!“ Oh Gott, endlich war der Krümel aus meiner Luftröhre verschwunden. Röchelnd atmete ich tief durch. Elis Version dieses Spiels war unerwartet harmlos.


Eine Stunde später zweifelte ich ernsthaft daran, ob diese Version des Spiels besser war. Nicht zuletzt, weil Cú Chulainn und Gilgamesh eigentlich permanent unterwegs hätten sein müssen, doch während Ersterer dieser Pflicht gelassen nachkam, verließ Gilgamesh seinen Stuhl nicht ein einziges Mal. Gefühlt hatte ich nicht nur jeden am Tisch mehrmals umarmt, es war auch in fast jedem Fall absolut schräg gewesen. Elisabeth umarmten wir wohl alle gleichermaßen arglos und gerne. Sie war ein absolutes Goldstück, doch spätestens bei Merlin verspürte ich den Drang, den Magier doch lieber mal kräftig durchzuschütteln. Diogenes hingegen wirkte, als schlafe er jeden Moment in meinen Armen ein. Charlemagne zu umarmen war hingegen einfach nur nett gewesen. Eine warme, herzliche Umarmung. Ein bisschen wie bei Eli. Sein Kollege Sherlock war ein wenig steif, doch er hatte es wie ein Gentleman ertragen. Auch untereinander stellten sich die Herren zum Glück nicht weiter an, auch wenn es ein wenig seltsam anmutete, wenn Sherlock und Diogenes voreinander standen, die dabei beide derart desinteressiert guckten, dass ich am liebsten ein Foto gemacht hätte.

Und dann war da Cú Chulainn. Er störte sich offensichtlich überhaupt nicht an körperlicher Nähe und genoss es merklich, wann immer ich die Arme um ihn legte. Einmal hatte ich ihn dabei ertappt, wie er versuchte, mir an den Hintern zu fassen, was mich dazu veranlasst hatte, ihm kräftig gegen die Schulter zu boxen. Im Nachhinein gesehen hatte er das vermutlich kaum gespürt. Arthur zu umarmen war hingegen schon fast lustig gewesen, denn der hatte so nervös gelächelt wie ein Schuljunge vor der ersten Schulaufführung, vor der er verdammt dringend aufs Klo musste. Doch keiner von ihnen wagte es, den König der Helden in die Arme zu schließen, der die wundersame Kunst beherrschte, jede unerwünschte Umarmung mit nur einem einzigen, eisigen Blick zu verhindern. In gewisser Weise eine beeindruckende Fähigkeit, wie ich zugeben musste.


„Ich habe noch nie jemanden geküsst!“, ließ Elisabeth enthusiastisch verlauten, wohl in der berechtigten Erwartung, dass alle anderen am Tisch jetzt wohl eine Runde drehen würden. Tatsächlich blieb nur einer sitzen, nämlich Sherlock. Selbst Diogenes erhob sich mit missmutiger Miene. Die Umarmungen, die folgten, fielen eher halbherzig aus, weil alle Blick verwundert auf dem cleveren Detektiv ruhten, der zuerst Charlemagnes Umarmung über sich ergehen lassen musste, ehe Cú ihn kurz, aber fest drückte und die Frage stellte, die uns allen auf der Zunge lag. „Du hast noch nie jemanden geküsst, Ruler? Noch... gar nicht? Nie? Überhaupt nicht? Das solltest du unbedingt mal nachholen“, lachte der Ire herzlich, frei von jedem Spott. Was er jedoch dann hinzufügte, hätte er sich wirklich kneifen sollen. „Ich machs dir gern mit Caster vor.“ Schelmisch zwinkerte Cú Chulainn bei diesen Worten zu Sherlock Holmes, der unbeeindruckt eine Augenbraue hob. „Nicht nötig. Ich ziehe die Logik derlei irrationalen, emotionalen Bindungen vor.“


Mit einem Seufzer legte ich die Arme ohne nachzudenken um Gilgamesh, der wie immer auf seinem Platz sitzen geblieben war, obwohl er ganz bestimmt mehr Leute geküsst hatte, als der Rest der Anwesenden zusammen. „Du wirst ihn nicht küssen“, flüsterte er unerwartet. Verdutzt blinzelte ich ihn an. „Nein, werd ich nicht“, gab ich leise zurück. „Und wenn doch, geht es dich nichts an. Wenn mir danach ist, knutsche ich den attraktiven Spasti da hinten ins Nirvana.“ Friss das, König der Helden. Wenn Gil wirklich glaubte, er könnte auch in diesem Punkt Macht über mich ausüben, hatte er sich gehörig geschnitten. Ich und ich allein bestimmte, wen ich wann und wo küsste. Ein Teil von mir wollte den armen Cú jetzt schon nur aus Trotz in eine Ecke zerren, um Gilgameshs dummes Gesicht zu sehen, wenn sein Eigentum sich eigenständig machte.

Jetzt allerdings wirkte der König der Helden vor allem verärgert. „Ich verbiete es.“ Er zischte die Worte so leise, dass sie niemand außer mir hören konnte und mir jagten sie einen eisigen Schauer über den Rücken. Hatte ich da irgendwie einen wunden Punkt getroffen? Nervös schluckte ich den Kloß herunter, der sich in meinem Hals zu bilden drohte. Eigentlich hatte ich Gil loslassen und so tun wollen, als hätte ich seine Worte nicht gehört, doch in diesem Moment schob sich eine warme Hand über meinen Rücken. „Habe ich mich deutlich ausgedrückt, Caster?“ Gilgameshs rote Augen verengten sich und erinnerten jetzt mehr denn je an eine Schlange, wie sie unter den goldblonden Strähnen blitzten. Ich nickte. Es vergingen ein paar quälend langsame Sekunden, ehe Gil mich losließ. Am liebsten hätte ich erleichtert aufgeatmet, als ich einen Schritt zurücktrat und dabei beinahe über Arthurs Füße stolperte, weil der König der Ritter hinter mir gestanden hatte.

Fragend blickte er mich an, die Arme einladend ausgebreitet. Er hatte keine Idee, welche unangenehme Unterhaltung er gerade verpasst hatte. Dennoch nahm ich die angebotene Umarmung dankbar an und drückte den König der Ritter kurz, aber fest an mich. Für einen kleinen Moment guckte er fast besorgt, doch dann hellte sich seine Miene so schnell auf, dass ich es als nichts abtat. Vielleicht nur Einbildung. Lächelnd entließ ich den jungen König aus meiner Umarmung und setzte meine Runde fort. Cú Chulainn schien nur darauf gewartet zu haben. Der Kerl hatte aber auch ein mieses Timing. Oder ihm war einfach wirklich völlig egal, wie grimmig in Gil in Grund und Boden starrte. Vermutlich ein bisschen von beidem, so wie ich Cú einschätzte. Ergeben breitete ich die Arme aus, um den Iren zu umarmen, der dabei grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Ich glaube, an dieses Spiel könnte ich mich gewöhnen“, hörte ich ihn noch flüstern.


Mein kleiner Master wurde es nicht müde, sich bei allen für ihr Kommen und die tollen Geschenke zu bedanken. Erst als alle außer Merlin und Diogenes gegangen waren, wandte sie sich uns, ihrer Quasi-Familie, zu. „Vielen, vielen, vielen Dank! Das war der beste Geburtstag, den ich je hatte!“, strahlte Eli über das ganze Gesicht. „Du bist der Beste, Onkel Marlin.“ Herzlich drückte sie den Magier der Blumen an sich, der die Geste mit einem Lächeln erwiderte. „Das ist vor allem Casters Idee gewesen, aber wir haben alle gerne geholfen“, gab er die Lorbeeren jedoch an mich weiter. Eli zögerte nicht, nun in meine Arme zu fliegen. „Danke, Caster! Das war ein supertoller Tag und ich werde ihn nie vergessen“, versprach sie mir, die Arme so eng um meinen Hals gelegt, dass ich etwas um Atem rang. „Ich hatte auch viel Spaß“, antwortete ich ihr leise.

Dann mischte sich Merlin wieder ein. „Wie wäre es, wenn ihr schonmal nach Hause geht und wir hier aufräumen?“, bot er mit Blick auf Diogenes an, der über zwei Stühle gestreckt lag und zu dösen schien. „Ich denke, ich helfe besser noch mit. Aber du solltest wirklich langsam ins Bett, Master“, meinte ich gen Elisabeth. Die nickte, sogar ohne zu widersprechen. „Ich bin auch müde“, gab sie zu. „Aber ich helfe euch beim Aufräumen!“ Tatsächlich war sie die Erste, die aufsprang und die Teller zusammenstellte. Es war wirklich süß, wie sie sich engagierte, aber noch ehe wir soweit waren, die Bänke in den Keller des Zentrums zu tragen, war Elisabeth im Aufenthaltsraum auf dem Sofa eingeschlafen.


„Huff.“ Endlich Feierabend. Zwar war die Party letzten Endes doch ganz witzig gewesen, doch ich war für den Moment einfach froh, dass sie vorüber und Elisabeth im Bett angekommen war. Die erste Hälfte des Heimwegs war Eli noch neben mir hergegangen, doch die letzten Meter hatte ich sie huckepack genommen, damit sie mir nicht im Stehen einschlief. Auf eine Gutenachtgeschichte hatten wir heute verzichtet. Eli hätte sie vermutlich ohnehin nicht mehr mitbekommen. Lächelnd hatte ich die kleine Plastikkrone auf ihrem Nachttisch abgelegt, doch da war mein kleiner Master längst im Land der Träume angekommen. Es war wirklich ein langer, aufregender Tag gewesen. Leise hatte ich mich aus dem Zimmer geschlichen, nur um zu entdecken, dass einer der Gäste seinen Weg ins Wohnzimmer gefunden hatte.

„Gilgamesh?“, entfuhr es mir verwundert. Nachdem er heute schon den ganzen Tag mit uns herumgehangen hatte, hatte ich irgendwie nicht erwartet, ihn hier wiederzusehen. War er schon hier gewesen, als Eli und ich heimgekommen waren? Ich hatte nicht darauf geachtet. Wenn er doch eh hierher gewollt hatte, hätte der König der Helden auch wirklich noch beim Aufräumen helfen können. Nicht, dass ich ihn mir dabei überhaupt vorstellen könnte. Gil beim Putzen? Haha! Niemals, nein. Dennoch ließ der Gedanke ein verschmitztes Grinsen über meine Züge huschen, als ich neben ihm Platz nahm.

Der König der Helden sprach kein Wort, sondern sah mich nur kurz eindringlich an, ehe er den Blick gen Fenster wandte. Draußen stand die Sonne tief am Himmel und tauchte alles in ein rotgoldenes, warmes Licht. Was für eine friedliche Szenerie. Entspannt rutschte ich tiefer in das weiche Sofapolster. Auch wenn ich nicht wusste, was mich in diesem merkwürdigen Gralskrieg noch erwarten würde, konnte ich zumindest auf heute mit einem guten Gefühl zurückblicken. Ich hoffte, wenn Elisabeth als Erwachsene auf all das hier zurückblickte, mit einem Lächeln an diesen Tag denken würde und mich in guter Erinnerung behielt.


Stoff raschelte und plötzlich drückte etwas erst gegen meinen Arm, dann gegen meinen Oberschenkel. Verdattert blickte ich an mir herab und damit direkt in die roten Augen des Königs der Helden. Gilgamesh hatte, einfach so, seinen Kopf auf meinem Schoß abgelegt. Verdattert blinzelte ich ihn an. In meinem Kopf kreisten ne Menge Fragen, doch noch ehe ich sicher war, welche ich stellen sollte, hatte Gil die Augen geschlossen und schlief. Zumindest hatte es den Anschein. Sein Atem ging gleichmäßig und ruhig. Einen Moment lang erwog ich, ihn einfach runterzuschubsen, doch dann fiel mir die Blumenkrone ein, die noch immer auf meinem Haupt ruhte. So im Nachhinein betrachtet, war das schon irgendwie süß von Gil gewesen, mir aus Blumen eine Krone zu flechten. Aus seinen Worten dazu war ich vielleicht nicht wirklich schlau geworden, doch die Geste war mir in Erinnerung geblieben.

Nachdenklich tastete ich nach den weißen und orangeroten Blüten, deren Kelche sich samtig unter meinen Fingern anfühlten. Weiße Lilien standen, das wusste ich, für Reinheit und Unschuld. Sie waren ein Symbol, das auch auf kirchlichen Bildern oft verwendet worden war, besonders in Verbindung mit dem Engel der Verkündung, Gabriel. Was mit den anderen war, wusste ich nicht, aber müsste ich raten, galt das Gleiche auch für Gilgamesh. Reinheit und Unschuld waren eher Dinge, die ich mit Eli als mir in Verbindung brachte. Was immer sich Gilgamesh auch dabei gedacht haben mochte, mir diese Blumenkrone aufzusetzen, es berührte mich irgendwie. Es fühlte sich an, als erkenne er mich auf diese Weise wortlos an. Eine Krone, gefertigt von einem König, und sie gehörte allein mir. Dieser Gedanke erfüllte mich mit Stolz. Vielleicht kämen der König der Helden und ich ja doch noch auf einen grünen Zweig, immerhin hatte er meine Umarmungen auch kommentarlos über sich ergehen lassen. Zählte das schon als Wertschätzung? Ich wertete es einfach so.

Schmunzelnd schloss ich die Augen und sah auf Gilgamesh hinab. Der gab keinen Mucks von sich, doch ich könnte schwören, dass er wach war. Heldengeister brauchten immerhin keinen Schlaf, wie ich am eigenen Leib erfahren hatte. Warum er dauernd hier herumging, war mir immer noch schleierhaft. Fühlte er sich so wohl hier? Zumindest jetzt wirkte er entspannt und friedlich. Ein bisschen, fand ich, sah er dabei aus wie eine zufriedene Katze. Fast niedlich. Mit einer fast zärtlichen Geste strich ich Gil durch die seidigen Haarsträhnen. Der König der Helden war mir wirklich ein Rätsel.


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Die Mary Sue-Projekt-Gruppe hat zum Thema "Blumensprache" ein Aufgaben-Shuffle (Aufgaben zufällig zugelost) veranstaltet.

Dabei habe ich folgende Aufgabe erhalten:
Dein Begleiter macht dir eine Blumenkrone. Trage sie mit Stolz!
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