Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Familie / Angelina

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Angelina

von Donoma
GeschichteDrama, Familie / P16
01.06.2020
24.08.2020
12
15.283
4
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13 Reviews
Dieses Kapitel
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01.06.2020 1.307
 
Herzlich willkommen liebe Leser!
Hier wage ich mich also zum ersten Mal daran, eine ganz eigene Geschichte auf dieser Seite zu veröffentlichen, die sich nicht als FF fremder Charaktere und Universen bedient... habt Gnade mit meinen ersten, wackeligen Schritten^^
____

Auf dem grau in grau betonierten Schulhof herrschte fast gespenstische Ruhe. Heute war so gut wie niemand hier, denn an dem Tag, an dem die Abiturienten ihre mündliche Prüfung ablegten, war traditionell für alle anderen Schüler frei.
Als Katarina nach dem Ende ihrer Englischprüfung nach draußen schlenderte um etwas frische Luft zu schnappen, wirkte sie nicht halb so beschwingt, wie es wohl eigentlich hätte sein sollen. Das lag nicht einmal wirklich an der eben überstandenen Prüfungssituation, damit oder mit dem anschließenden Warten auf das Ergebnis, hatte sie eigentlich noch nie Probleme gehabt und außerdem hatte sie das Gefühl, dass es eben ziemlich gut gelaufen war, aber… generell lagen ihre Nerven blank.
Das hing vor allem damit zusammen, was zurzeit zuhause los war.

Ihr Handy meldete sich. Nachricht.
Katarina lehnte sich mit der Hüfte gegen eine der alten Tischtennisplatten auf dem Schulhof und zog ihr Smartphone hervor. Ein alberner, kleiner Anhänger baumelte daran, der schon ihr allererstes Handy geschmückt hatte, das sie mit acht bekommen hatte. Seitdem hatte Rina ihn immer übernommen. Immerhin hatte sie ihn damals geschenkt bekommen, von ihrer… nein, nicht von ihrer Mutter. Agatha war nicht ihre Mutter, verdammt nochmal!
In einer Kurzschlussreaktion riss Rina den Anhänger ab und warf ihn zu Boden.
So!
Auch wenn es kindisch war.

Zu gut erinnerte sie sich an den Moment vor wenigen Tagen. Rina hatte etwas aus ihren Unterlagen heraussuchen wollen, was sie für die Unibewerbung brauchte und hatte dann schlagartig verstanden, warum ihre Eltern den Dokumentenorder üblicherweise streng unter Verschluss hielten. Schlagartig, weil ihr… Wolfgang die Angewohnheit hatte, hinzukommende Zettel immer hinter die bereits vorhandenen zu heften, sodass das älteste Dokument obenauf war. In diesem Falle eine Kopie aus dem Familienbuch, Rinas Geburtsurkunde. In derselben Klarsichthülle war noch ein Babybild von ihr gewesen – und eine Visitenkarte des städtischen Jugendamtes. Frau Krauskopf. Während Rina allerdings der Name noch eher amüsiert hatte, war ihr beinahe das Herz stehengeblieben, als sie gesehen hatte, was noch auf dem kleinen Pappkärtchen stand: Sachgebiet Adoptionsvermittlung / Netzwerkpflege.
Adoption.
Sie war adoptiert!?

Es war ihr gewesen, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen – und seitdem befand sie sich im freien Fall. Fast erschien es ihr verwunderlich, dass sie sich vorhin in der Prüfung hatte konzentrieren können. Jetzt jedenfalls holte sie ihr Gedankenkarussell unnachgiebig wieder ein.
Sie war beinahe 19 Jahre alt!
Warum war ihr 19 Jahre lang verschwiegen worden, dass ihre Eltern nicht ihre Eltern waren? Warum hatten Mama und Papa… Agatha und Wolfgang, nicht ein Wort darüber verloren, in all der Zeit? Warum dieser Verrat?

Wütend steckte Katarina ihr Handy wieder ein, ohne draufgeschaut zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach war das sowieso nur Agatha, die sich erkundigte, wie die Prüfung gelaufen war. Der wollte Rina sowieso nicht antworten.
Blöd nur, dass die Funkstille Agatha kaum auffallen würde, schließlich wusste diese, dass auf dem Schulgelände seit letztem Jahr stricktes Verbot von (angeschalteten) Handys herrschte. Rina hätte ihr den Affront gegönnt.

Um sich abzulenken, beschloss sie, sich zu den Leuten zu gesellen, die sich in der Raucherecke versammelt hatten. Sie selbst rauchte zwar nicht, aber dafür einige ihrer besten Freunde hier an der Schule, deswegen hielt sich Rina doch häufig an dieser Stelle am Übergang zwischen Schulhof und Parkplatz auf.

„Katarina?“, wurde sie allerdings aufgehalten.
Etwas erstaunt wandte sie sich um. „Was ist?“

Hinter ihr stand Patrick, den sie aus ihren Mathe- und Physikkursen kannte und mit dem sie auch vor der Oberstufe schon in eine Klasse gegangen war. Optisch ein unscheinbarer Typ, mausbraune Haare, aber ganz klar einer der Obercoolen, insbesondere wenn er mit seiner Clique herumzog.
Gerade war aber keiner der anderen zu sehen, Patrick lehnte allein lässig an der Tischtennisplatte und hielt ihr etwas auf der ausgestreckten Hand hin. Rina erkannte ihren Handyschmuck, den er wohl vom Boden aufgeklaubt haben musste. „Du hast da was verloren.“
Sie bedachte den kleinen, angelaufen-silbernen Schutzengel mit einem angewiderten Blick, nahm ihn dann aber doch entgegen und steckte ihn rasch in die Tasche ihrer weißen Jeans um ihn nicht länger sehen zu müssen. „Danke“, murmelte sie neutral.
Patrick musste ja nicht wissen, dass sie etwas gegen das kleine Erinnerungsstück hatte. Ihre privaten Probleme hatte sie noch nie hinausposaunt. Weder, dass sie in der neunten Klasse nur knapp die Versetzung geschafft hatte, noch dass vor zwei Jahren ihr Hund überfahren worden war, um den sie immer noch trauerte. Bienchen war ihr Ein und Alles gewesen.

„Gern geschehen“, kam es von Patrick zurück, ein fast zufrieden wirkendes Lächeln lag auf seinen Lippen. Rina wollte sich schon abwenden, um ihrer Wege zu gehen, als er noch fortfuhr: „Du, Katarina? Gehst du eigentlich allein auf den Abiball?“
Rina zuckte beinahe zusammen. Da hatte er schon wieder einen verdammt wunden Punkt berührt. Ja, der Abiball. Obwohl sie aktuell keinen Freund hatte und das immer zu Sticheleien führte, wenn man ohne hinging, hatte Rina sich bisher auf diesen Abend gefreut. Ihre… Wolfgang und Agatha hatten stattdessen mitkommen wollen, da hatte sie nichts gegen gehabt – bis vor wenigen Tagen. Jetzt hätte sie lieber einen feuerspeienden Drachen mit Schluckauf mitgenommen, als diese beiden Verräter!
Wirklich zugeben, dass sie noch alles tun würde, um die beiden loszuwerden und dann eben doch trostlos allein aufzutauchen, wollte sie aber auch nicht. „Ich geh’ mit den Mädels“, erwiderte sie deswegen und nickte hinüber zur Raucherecke, wo die drei, die sie üblicherweise als ihre Clique bezeichnete, standen.
Gefragt hatte sie die drei noch nicht, aber sie war sich sicher, dass die unter sich bleiben würden.
Jessika und Britta waren ein Paar und machten daraus auch kein Geheimnis, die würden sich bestimmt nicht für den Ball nach einem männlichen Plus-Eins umschauen, nur weil das besser ins Bild passte.
Und Yasemin hatte erst vor kurzem ihren Freund in den Wind geschossen, weil der sich zu sehr als Macho aufgespielt hatte. Yasemin entsprach allem, aber nicht dem Klischee von dem unterwürfigen türkischen Mädchen. Sie trug zwar Kopftuch, trotzdem rauchte sie und ging zwei Mal die Woche zum Kickboxen. Wer aus dieser Mischung schlau werden wollte, musste Yasemin schon kennen – Katarina tat es seit der Grundschule. Das tat jetzt aber nichts zur Sache… hatte Patrick noch etwas gesagt? Rina musste zugeben, dass sie nicht hingehört hatte. „Was?“, erkundigte sie sich.

Seine Augenbraue wanderte gen Haaransatz, gleichzeitig wirkte er ein wenig aus dem Konzept gebracht. War er wohl nicht gewohnt, dass man ihm nicht zuhörte, dem Herrn Obercool.
Bei ihr sollte er das eigentlich gewohnt sein, jedenfalls hatten sie bisher selten mehr als ein paar Sätze miteinander gewechselt, obwohl er mit oder ohne seine Clique immer mal wieder in ihrer Nähe anzutreffen war. Besonders in den letzten Schulwochen war er förmlich um sie herumgeschlichen wie ein lauerndes Raubtier. – Da glaubte Rina zu kapieren. „Wolltest du mich fragen, ob ich mit dir zum Ball gehe?“ Eher… hatte er es getan?

Er schürzte die Lippen. „Würdest du denn?“ Jetzt war sein souveräner Auftritt wieder komplett.
Katarina überlegte nur kurz. Das war doch eigentlich die Lösung! „Klar, warum nicht?“
Damit war sie ihre sogenannten Eltern ganz bestimmt los und… würde auf dem Ball tun und lassen können, was sie wollte. Allein der Gedanke bereitete ihr diebische Freude!

„Dann… meine Nummer hast du noch, oder?“
Ja, von einer Projektarbeit letzten Winter. Katarina nickte. „Wenn’s noch dieselbe ist…“
„Ist es“, bestätigte er und lächelte sie doch tatsächlich ganz offen an: „Freut mich, Katarina!“ Das meinte kaum die Nummer, als vielmehr ihre Zusage.
„Mich auch“, erwiderte Rina leichthin, lächelte zurück und schmiedete im Hinterkopf schon Pläne, was sie an dem Abend alles anstellen würde. Auf jeden Fall würde sie einmal richtig über die Stränge schlagen und wenn Agatha und Wolfgang entsetzt sein würden… umso besser!
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