Mitternachtssonne

OneshotSchmerz/Trost, Sci-Fi / P16
31.05.2020
31.05.2020
1
3.504
3
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
31.05.2020 3.504
 
[Hallo & herzlich willkommen zu meinem Beitrag zur 2. Runde des Wettbewerbs Der Thron der Schreibkunst von Spinatwachteln. Die Wortvorgabe lautete Nordwind, was mich ziemlich begeistert hat, weil ich mich Setting-mäßig gerne mal in arktischen Gebieten rumtreibe. Aus Gründen weil ich mal wieder zu spät angefangen habe ist die Geschichte nicht ganz das geworden, was mir vorschwebte, aber hey, it's something. Grüße gehen raus an Herrn Prof. K. und sein wundervolles Zitat: "Die Insolvenzgläubiger sitzen alle im selben Boot. Ist aber kein sonderlich luxuriöses Boot. Ist ein Scheißboot, hat überall Löcher."]


*

M i t t e r n a c h t s s o n n e


»Ich habe geträumt«, sagt Swetlana.
An den Wänden der leer geräumten Cafeteria stapeln sich Tische und Plastikstühle. Swetlana sitzt auf zerkratztem Linoleum und blickt durch bodentiefe Fenster in die vernebelte Eiswüste hinaus, auf eine tief stehende, kalte Sonne.
Nina gießt Teewasser in eine angeschlagene blaue Tasse.
»Was hast du geträumt?«, fragt sie.
Swetlana antwortet nicht.

*

Swetlanas offizieller Name lautet: Soldat 1. Baujahr 1966. Es gibt keinen Soldat 2. Wie viele Menschen Soldat 1 während des Kalten Krieges getötet hat, kann niemand sagen. Darf niemand sagen, wird niemand sagen. Nicht einmal Soldat 1 selbst. Bemerkenswerte Neuroplastizität.

Soldat 1 ist im Grunde ungefährlich. Seit dem Zerfall der Sowjetunion in die völlige Nutzlosigkeit gedrängt. Ein Experiment, das nicht existieren sollte und besser gestern als übermorgen in den Sperrmüll gehört. Aber. Es gibt immer ein Aber.

*

Nina putzt die Rohre, die in den riesigen Wassertank führen. Außer dem Tank und den Rohren ist der Raum leer. Jeder ihrer Schritte hallt von den unverputzten Wänden wider und legt sich zwischen das Summen der Kühlaggregate. Knapp über dem Boden des Tanks schwebt Swetlana im Wasser. Sie hat die Augen geschlossen, aber wenn Nina sich wegdreht, hat sie das Gefühl, Swetlanas kalten Blick im Rücken zu spüren. Beklemmung ist das einzige passende Wort für das Gefühl, das sie packt, wenn sie in diesem Raum allein mit ihr ist, nur durch eine Glaswand und etwas Wasser voneinander getrennt.

Marinescu hat ihr einmal erklärt, wozu der Wassertank gut ist. Nina hat nicht alles verstanden, denn Marinescu hat die Angewohnheit, für Außenstehende in Rätseln zu sprechen. Nina weiß nur, dass das Wasser die Strahlung abschirmen soll, die von Swetlana ausgeht. Swetlana ist der Brennstab in einem Abklingbecken. Wie hoch die Strahlung wirklich ist, weiß nur Marinescu. Marinescu ist auch der letzte Mensch in der Basis gewesen, der das Tragen des Schutzanzuges in Swetlanas Gegenwart aufgegeben hat. Seitdem sind sie alle näher zusammengerückt, denn ihnen ist klar geworden, dass sie jetzt alle im selben Boot sitzen, vielleicht für immer.

Swetlana selbst ist recht umgänglich – Nina joggt neben ihr auf dem Laufband, macht mit ihr Dosensuppe warm oder sieht sich mit ihr eine Fernsehserie an. Aber der Anblick im Wassertank flößt ihr noch immer denselben Respekt ein wie damals, als sie diesen Raum zum ersten Mal betreten hat. Es ist eine unterschwellige Angst vor dem Wesen, das wie ein abgenutztes Brennelement isoliert werden muss – und eine stetig lauernde Ahnung, wozu Swetlana fähig ist.

*

Nina ist nicht der Name, der in Ninas Pass steht, aber das ist nicht wichtig. In der Basis ist nichts mehr wichtig, was in der Außenwelt scheinbar bedeutend ist. Die Basis hat ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten – und wenn etwas jeglichen Halt verloren hat, dann ist es egal, welcher Name jemandem von Menschen gegeben wurde, mit denen man seit Jahren oder gar Jahrzehnten nicht mehr gesprochen hat.

Andrzej ist nicht der Name auf Andrzejs Pass, Sascha ist nicht der Name auf Saschas Pass, Blumenfeldt ist nicht der Name auf Blumenfeldts Pass. Nur Marinescu heißt auch offiziell Marinescu. Marinescus Vornamen kennt niemand.

Was auf Pässen steht, ist unbedeutend geworden, denn niemand von ihnen wird jemals wieder einen Pass vorzeigen müssen, da machen sie sich keine Illusionen. Sie sind nur noch da, um ein ausgeträumtes Projekt zu Ende zu leben, inmitten der Eiswüste der Taimyrhalbinsel.

*

Der Goldfisch starrt Nina aus großen runden Augen an.
Der Goldfisch ist nicht wirklich ein Goldfisch – seine Schuppen sind türkis gemustert, und aus seinem Maul ragen scharfe Zähne. Den Goldfisch hat Marinescu ihr vor ein paar Monaten geschenkt. Er ernährt sich nur von Wasser, deshalb muss sie das kleine Aquarium regelmäßig auffüllen.

Nina legt ihre Hände auf die Tasten des alten Klaviers. Der Goldfisch kommentiert das damit, dass er eine Luftblase aus seinem Maul nach oben treiben lässt.
Das Klavier hat Nina im Keller gefunden, als sie auf der Suche nach Dichtungsmaterial für eine geplatzte Leitung gewesen ist. Niemand kann sich erklären, was ein Klavier in dieser Einrichtung zu suchen hat. Vielleicht ist die Basis von Anfang an für einen so langen Aufenthalt gebaut worden, dass man auch an die Freizeitgestaltung gedacht hat. Nichts anderes erklärt die Bibliothek mit alten Unterhaltungsromanen und Videokassetten, die schon existiert hat, als Nina hier angekommen ist.
Warum auch immer das Klavier hier ist – Nina hat es nach oben gebracht und es in einem leeren ehemaligen Konferenzraum aufgestellt, in dessen Boden noch die Abdrücke von Tischen und Stühlen zu sehen sind.

Früher einmal, in einem anderen Leben, hat sie gern und oft Klavier gespielt, und es fällt ihr schwer, die Noten und Fingersätze allein aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Aber sie macht Fortschritte, und so hat sie zumindest etwas zu tun. Marinescu züchtet Fische, Blumenfeldt trainiert, Andrzej zeichnet, Sascha strickt, Nina spielt Klavier – so haben sie alle ihren Zeitvertreib gefunden.

Eine kalte Mitternachtssonne scheint auf ihre Finger, die sich immer sicherer über die Tasten bewegen. Sie schließt die Augen lässt sich von der Melodie tragen, und als sie den Schlussakkord setzt und die Augen wieder aufschlägt, sieht sie Swetlana im Türrahmen stehen.
»Ein schönes Lied«, sagt sie.
Nina lächelt.
»Clair de Lune von Debussy.«
Sie rutscht ein Stück auf dem Klavierhocker zur Seite. Wortlos nimmt Swetlana neben ihr Platz und schlägt ungeschickt ein paar Akkorde an. Nina betrachtet Swetlanas blasse Hände; sie verschmelzen beinahe mit den weißen Tasten. Sie muss daran denken, wie präzise diese Hände Waffen betätigen können, wie effektiv sie ein Motorrad oder ein Flugzeug steuern können. Aber über den Tasten eines Klaviers werden diese Hände vorsichtiger, suchender. Blumenfeldt hat ihr einmal erklärt, je älter man wird, desto schwieriger ist es, eine neue Fähigkeit zu erlenen. Und auch wenn man es ihr nicht ansieht und sie noch immer so aussieht wie am ersten Tag – Swetlana ist nun schon seit fast 50 Jahren auf der Welt.

Frustriert nimmt Swetlana die Hände vom Klavier und sieht Nina an.
»Wie ist es eigentlich, ein Mensch zu sein?«

*

Das Problem mit Soldat 1 ist, dass Soldat 1 nicht stirbt.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion hat man immer wieder versucht, sie zu töten. Zunächst mit konventionellen Methoden, später wurde man kreativ, zuletzt gab man es auf. Man sperrte sie ein, sie brach aus, man sperrte sie wieder ein, sie brach wieder aus. Das Gelände der Basis verlässt sie jedoch kaum, und wenn doch, dann nicht lange. Die Basis ist das Zuhause, zu dem sie immer wieder zurückkehrt.

Manchmal klettert sie freiwillig in den Wassertank hinein, manchmal klettert sie freiwillig wieder heraus. Alle haben sich damit abgefunden, dass sie im Grunde tun kann, was immer sie will. Sie ist eine ständige Präsenz im Leben der wenigen verbliebenden Mitarbeitenden.

Eine Weile ist das gut gegangen, aber irgendwann wurde das Ministerium ungeduldig und verstand nicht mehr, warum es weiterhin ein Projekt finanzieren sollte, das einen längst nutzlos gewordenen Prototypen am Leben erhält. Also holten sie Marinescu ins Boot. Marinescu arbeitete sich schnell ein und schrieb an das Ministerium, da sei nichts zu machen, man hätte eben zu Beginn einen AN-AUS-Schalter an Soldat 1 anbringen sollen.

Der Zynismus schien dem Ministerium nicht gefallen zu haben, jedenfalls ließen sie Marinescu danach nicht mehr gehen. Genau wie alle anderen.

*

Swetlana sitzt auf dem Boden der alten Cafeteria. Die Mitternachtssonne wirft ihren Schatten bis zu Ninas Füßen. Nina nimmt die Teetasse und setzt sich neben sie.
»Was hast du geträumt?«, fragt sie.
Swetlana zögert.

»Ich habe geträumt, ich … bin in der Welt im Fernseher. Ich sitze in einem Café vor einer Straße voller Menschen. Ich trinke Kaffee und esse einen dieser kleinen Schokoladenkuchen mit Sahne.«
Nina mustert sie. Sie hat die weißen, glatten Haare zu einem lockeren Flechtzopf gebunden und trägt ihre ausgewaschene türkisfarbene Lieblingsjacke. Sie könnte Nina auf der Stelle umbringen. Sie könnte einfach aufstehen und gehen – nach Sankt Petersburg, nach Wladiwostok, nach Moskau. Aber nichts davon tut sie.

»Wärst du gern in dieser anderen Welt?«, fragt Nina.
Swetlana schweigt.
»Ich weiß nicht«, sagt sie nach einer Weile. »Ich glaube nicht, dass ich mich dort zurechtfinden würde.«
»Ich glaube, ich mich auch nicht mehr«, sagt Nina.

Schweigend blicken sie nach draußen. Dort sind nur Eis und Schnee, über hunderte von Kilometern, Eis und Schnee und schneidender Nordwind und eine kalte Sonne.

»Ich habe drüber nachgedacht«, sagt Nina. »Was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Ich habe keine Antwort gefunden.«
Verblüfft sieht Swetlana sie an.
»Was ist daran so schwer zu beantworten?«, fragt sie.
»Was glaubst du denn, was Menschsein ausmacht?«
»Menschen werden geboren, nicht gemacht.«
»Es gibt Menschen, die werden im Reagenzglas hergestellt und aufgezogen. Und auch Menschen, die geboren werden, entstehen nicht einfach so. Auch sie werden im Grunde gemacht
Swetlana überlegt.
»Menschen empfinden … Liebe«, sagt sie dann.
»Dann bin ich kein Mensch.«
»Wie meinst du das?«
»Manche Menschen empfinden keine Liebe. Das macht sie nicht weniger menschlich. Ich habe … lange gebraucht, um das zu verstehen. Denn viele Menschen sagen Dinge wie: Liebe ist das, was uns menschlich macht. Und das stimmt nicht.«

Swetlana schweigt.
Nina denkt an die Zeit zurück, in der sie noch ein Teil der Welt war, die Swetlana Die Welt im Fernseher nennt. Lange Zeit hat sie sich gefragt, warum sie sich in niemanden verliebt, warum sie niemanden begehrt, was mit ihr nicht stimmt, ob sie deshalb für immer allein bleiben wird. Aber in der arktischen Abgeschiedenheit der Basis haben diese Fragen nach und nach an Relevanz verloren. Die wenigen Mitarbeitenden der Basis sind nicht so herzlich, wie man es von Menschen erwarten würde, die man Familie nennt – aber sie ist nicht allein, und das genügt ihr. Sie ist niemandem Rechenschaft schuldig.

»Menschen haben eine Art … Geheimcode, sodass sie immer wissen, was sie meinen«, sagt Swetlana. »Auch, wenn sie nichts sagen. Menschen … verstehen einander.«
»Hast du jemals mit Marinescu gesprochen?«
Swetlana lächelt, und auch Nina muss lächeln.

»Siehst du«, sagt Nina, »das ist gar nicht so einfach. Wenn du mich fragst, machst du dich ziemlich gut als Mensch.«

*

Das Gehirn von Soldat 1 ist vollständig ausgebildet. Es arbeitet annähernd genauso wie das menschliche Gehirn. Entgegen früherer Prognosen ist Soldat 1 in der Lage, eigenständig zu denken und zu lernen, Gefühle und Erinnerungen zu speichern und abzurufen, und zu träumen.

In der Bibliothek der Basis steht das Buch Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, das sie nie gelesen hat, weil ihr Gehirn nicht darauf ausgelegt ist, lange Texte zu lesen und zu verstehen. Aber über den Titel hat sie nachgedacht.

Soldat 1 hat noch nie von elektrischen Schafen geträumt.

*

Die Jalousien in Marinescus Zimmer sind halb heruntergelassen. Auf allen Schränken und Regalen und auf dem Schreibtisch stehen Aquarien mit seltsamen Fischen, deren Augen sich allesamt auf Nina richten. Bei jedem Versuch, das Zimmer zu durchqueren, würde Nina über Bücherstapel stolpern.

Marinescu sitzt auf dem Bett, einen Laptop auf den Knien, und sieht nicht auf, knurrt nur: »Was gibt’s?«
»Sie ist verschwunden.«
»Und? Wäre nicht das erste Mal. Ist ein freies Land.«
»Aber noch nie so lange.«
Marinescu tippt weiter auf dem Laptop herum. Nina weiß, dass Marinescu nicht mit ihr redet, wenn sie keine konkrete Frage stellt.

»Was passiert, wenn sie nicht zurückkommt?«, spricht sie die Frage aus, die ihr schon seit einer Weile unter den Nägeln brennt.
»Dann ist sie weg«, sagt Marinescu gleichgültig.
»Aber was ist dann mit uns?«
»Wir sind immer noch hier. Nur in verkleinerter Besetzung. Es sei denn, es taucht aus heiterem Himmel ein Flugzeug oder so auf, das uns hier wegbringt.«
Nina holt Luft, um noch eine Frage zu stellen, aber Marinescu klappt den Laptop so ruckartig zu, dass Nina zusammenzuckt, und sieht sie über den Rand der schmalen Brille scharf an.
»Jetzt sperren Sie mal Ihre russischen Lauscher auf. Wir alle werden keine Zivilisation mehr sehen. Das ist kein Pessimismus, das ist Fakt. Sie haben uns hier oben gelassen, damit sich das Problem Menschen, die zu viel wissen von allein erledigt. Sie werden hier nicht rauskommen, ich werde hier nicht rauskommen, die anderen werden hier nicht rauskommen. Ein Westwind hat mich hergeweht, ein Nordwind hat mich festgefroren. Mit Ihnen allen zusammen. Wir sitzen alle im selben Boot. Ist aber ein Scheißboot, hat überall Löcher.«

Marinescu fixiert Nina so lange, bis es ihr unangenehm wird, sie nichts mehr zu sagen weiß und geht. Die Lichter im Gang kommen ihr mit einem Mal zu grell vor, das Geräusch ihrer Schritte auf ausgetretenem Linoleum zu laut.

Natürlich hat sie das gewusst. Sie hat es gewusst, als sie für diesen Job unterschrieben hat. Sie hat unterschrieben, dass sie ihr Leben aufgibt, weil sie jetzt viel zu viel weiß, um jemals wieder unter Menschen zu leben, die von all dem nichts ahnen. Aber der Tod selbst hat immer in weiter Ferne gelegen.

Jetzt schwirren Marinescus Worte in ihren Kopf herum. Sie hat den Gedanken immer verdrängt. Aber jetzt fühlt es sich an, als spüre sie den kalten Atem des Todes schon im Nacken.

*

Manchmal verlässt Soldat 1 die Basis. Sie kann nicht erklären, warum sie das tut. Es fragt auch niemand. Sie findet Frieden zwischen glitzerndem Eis und Schnee, zwischen immer währendem Tag und immer währender Nacht.

Soldat 1 ist so konstruiert, dass sie extreme Kälte erträgt. Es fehlt ihr an jeglichem Empfinden für Temperatur. Sie benötigt nicht einmal einen Mantel. Manchmal legt sie sich auf das Eis, blickt in den Himmel oder schließt die Augen, und spürt den Nordwind im Gesicht.

Normalerweise ist sie in solchen Momenten allein. Mit normalerweise sind die letzten 20 Jahre gemeint; das ist das letzte Mal gewesen, dass jemand aus der Basis ihr auf ihren Streifzügen gefolgt ist. Heute hat niemand mehr Lust auf Erfrierungen. Außer den Menschen, die Soldat 1 an diesem Tag in weiter Ferne ausmachen kann.
Sie kauert hinter einem Eisblock auf einer Anhöhe und kneift die Augen zusammen. Soldat 1 hat eine Sehstärke von 200% und die Luft ist klar. Deutlich sieht sie eine Gruppe von Menschen in
gelben Schutzanzügen auf schwerem Gefährt; in der Ferne kann sie die Umrisse eines Helikopters ausmachen.

Soldat 1 zögert. Dann tut Soldat 1 das, was man von einem Prototypen mit der Bezeichnung Soldat 1 erwarten würde.

*

Marinescu betritt den Raum in einem gelben Strahlenschutzanzug.

Nina wechselt einen Blick mit Andrzej, Sascha und Blumenfeldt. Als Marinescu vor Jahren den Schutzanzug abgelegt hat, hat das bedeutete: Swetlanas Strahlung ist egal, wir sterben hier sowieso. Marinescu in einem Schutzanzug bedeutet: Es gibt Hoffnung. Vielleicht sterben wir nicht hier. Vielleicht gibt es ein Leben danach.

»Swetlanas kleiner Spaziergang hat uns den Allerwertesten gerettet«, sagt Marinescu. »Da draußen liefen ein paar Leute rum, keine Ahnung, was die wollten, auf jeden Fall nicht auf eine Partie Karten vorbeikommen. Swetlana hat sie abgeknallt. Und offensichtlich ist auch ein Fluggerät aus heiterem Himmel aufgetaucht: Sie haben eine Helikopter dabei, steht zwei Kilometer von hier. Andrzej, Sie haben einen Flugschein.«
»Ich bin ewig nicht mehr gefl-«, setzt Andrzej verwirrt an, aber Marinescu winkt ab.
»Gut, wäre das geklärt. Alle Sachen zusammenpacken, oder auch nicht, lasst liegen, friert zu. In 15 Minuten verschwinden wir von hier. Wo auch immer die tote Truppe da draußen herkommt, irgendwann wird die irgendwer vermissen.«

Erwartungsvoll sieht Marinescu in die Runde.
»Was Sitzen Sie noch rum?«

*

Soldat 1 kann nicht abgeschaltet werden. Soldat 1 kann nur zurückgesetzt werden. Dabei verliert sie alle bisherigen Erinnerungen und selbstständig erlernten Fähigkeiten, die über ihre ursprüngliche Programmierung hinausgehen. Im Grunde ein Zurücksetzen auf Werkseinstellungen.
Bei der Prozedur wird die Schädeldecke von Soldat 1 geöffnet und eine leichte Spannung an bestimmte Gehirnareale angelegt. Soldat 1 spürt dabei keine Schmerzen.

Marinescu hat die Prozedur schon mehrfach durchgeführt, was zu einiger Verwirrung unter den Mitarbeitenden der Basis führte, die von Soldat 1 danach nicht mehr erkannt wurden. Da sich jedoch ansonsten nichts änderte und sie alle sowieso nichts zu tun hatten, lernten sie Soldat 1 eben ein zweites Mal kennen. Und ein drittes Mal. Und ein viertes Mal.
Marinescu hat auch eine Methode entwickelt, die die Amnesie erst einige Stunden nach der Prozedur einsetzen lässt. Auch das hat zu leichter Verwirrung geführt.

Das alles ist nur ein Zeitvertreib gewesen, jetzt dürfen keine Fehler mehr passieren. Konzentriert arbeitet Marinescu. Jeder Handgriff muss sitzen. Das ist der Unterschied zwischen Nina und Marinescu: Nina sieht Swetlana – einen Menschen, der zufällig künstlich hergestellt wurde, zufällig einige Dinge sehr viel besser kann als andere Menschen, und zufällig nicht stirbt. Marinescu sieht Soldat 1. Marinescu sieht Soldat 1 mit geöffneter Schädeldecke und geöffnetem Bauchraum, Marinescu kennt ihre Baupläne in- und auswendig, Marinescu weiß genau, wie sie sich verhalten wird, weil Muster in ihrem Gehirn implementiert sich und Marinescu jeden ihrer Lernprozesse begleitet.

Am Ende schließt Marinescu die Schädeldecke von Soldat 1 und sieht ihr in die Augen.
Leere. Kalte Leere.

*

Nina steht in dem alten Konferenzraum und betrachtet das Klavier und das kleine Aquarium, in dem träge der scharfzahnige Goldfisch schwimmt. Sie wird das Wasser nicht mehr auffüllen können, und irgendwann wird der Goldfisch auf dem Trockenen sitzen und elendig ersticken. Marinescus Fischen wird es genauso gehen. Die Fische sind jetzt die einzigen, die zum Sterben zurückgelassen werden. Und die Basis selbst wird nur noch eine tote Hülle um verlassene Räume herum sein.

»Danke«, sagt Swetlana.
Nina zuckt zusammen. Swetlana ist so lautlos neben sie getreten, dass sie sie nicht gehört hat.
»Wofür?«, fragt Nina.
»Für … alles. Fürs Klavierspielen.«
Nina lacht.
»Danke fürs Zuhören.«

Schweigend blicken sie zum Fenster hinaus, in die gleißende Eiswüste. Nina fragt sich, wie ihr Leben jetzt aussehen wird. Nina fragt sich, wie Swetlanas Leben jetzt aussehen wird. Sie würde gern sagen, dass sie sie nicht vergessen wird, aber sie weiß, dass Swetlana das nicht erwidern kann. Also sagt sie nichts und steigt wenige Minuten später unter Marinescus wachsamen Blick in einen der Thermo-Anzüge, die nur die schlimmste Kälte abhalten werden.
Marinescu selbst macht keine Anstalten, den Strahlenschutzanzug ebenfalls gegen einen Thermo-Anzug auszutauschen.
»Sie kommen nicht mit«, stellt Sascha fest.
»Zu viel gesehen zu haben, ist eine Sache«, sagt Marinescu. »Zu viel zu wissen und zu können ist eine andere.«
Es klingt beinahe traurig. Nina weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Es ist ein Abschied, der nicht vorgesehen war, und der Beginn eines Kapitels, das nie geschrieben werden sollte. Den anderen scheint es genauso zu gehen. Also hebt Nina nur vorsichtig die Hand in Swetlanas Richtung, die die Geste erwidert.

Und dann stehen sie draußen. Die Kälte raubt Nina fast den Atem, trotz des Anzugs. Aber der Nordwind liegt ihr im Rücken, und Schritt für Schritt bahnen sie sich ihren Weg durch Schnee und Eis, auf den Helikopter zu, dessen Silhouette in der Ferne verheißungsvoll flimmert.

Sascha geht als Erster zu Boden. Dann Andrzej. Dann Blumenfeldt. Nina bekommt noch die Gelegenheit, sich umzudrehen. Sie bekommt noch die Gelegenheit, Swetlana mit einem Scharfschützengewehr auf dem Dach des Südflügels der Basis liegen zu sehen. Sie bekommt noch die Gelegenheit, eins und eins zusammenzuzählen, bevor auch sie tot in den Schnee sinkt.

*

Soldat 1 ist nicht dazu programmiert worden, Dinge zu hinterfragen. Aber Soldat 1 hat hunderte von Lernprozessen hinter sich, und die Amnesie hat noch nicht eingesetzt. Deshalb fragt Soldat 1: Warum.

»Sie haben es verdient«, sagt Marinescu und tauscht den Strahlenschutzanzug gegen den letzten Thermo-Anzug. »Ein Stück Hoffnung nach der ganzen Sache. Alles andere wäre doch viel zu deprimierend.«

Die Frage, warum Marinescu sie nicht hat gehen lassen, stellt Soldat 1 nicht. Sie kennt die Antwort gut: Wer zu viel weiß, darf nicht gehen. Und Marinescu weiß am Meisten von allen.

Soldat 1 führt Marinescu auf eine kleine Anhöhe. Von dort ist die Karasee sichtbar, und die Mitternachtssonne, die das Wasser orangerot färbt. Ein eisiger Nordwind weht ihnen entgegen und eine Schar von Meeresvögeln lässt sich am Ufer nieder. Wenn Marinescu sich einen Ort zum Sterben hätte aussuchen können, wäre es dieser gewesen.

Marinescu atmet tief ein.
»Halt mich fest.«

Soldat 1 legt von hinten beide Arme um Marinescu. Marinescu atmet aus.
»Ich bin so weit.«

Soldat 1 entsichert die Waffe.
»Es wird schnell gehen«, sagt sie. »Nur eine Frage noch. Was macht einen Menschen aus?«

Marinescu lacht bitter. Die Kälte lässt jedes Denken schwerfallen.
»Ich mag es nicht, wenn jemand unmenschlich sagt, um grausam zu meinen. Es gibt nichts Menschlicheres als Grausamkeit.«

Der Knall hallt durch die Stille. Soldat 1 lässt Marinescu in den Schnee sinken, richtet sich auf und sieht der Sonne dabei zu, wie sie das Untergehen vergisst. Dann macht sie sich auf den Weg, geradeaus, durch eine gleißende Wüste, Nordwind im Gesicht, und wartet auf die Amnesie.

Zum ersten Mal seit ihrer Herstellung ist Soldat 1 auf sich allein gestellt.
Review schreiben